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Kann das Christentum tolerant sein?

Beim – ziemlich schlecht besuchten – Festgottesdienst am 2. Weihnachtsfeiertag im Berliner Dom hielt Domprediger Thomas C. Müller eine interessante Predigt, die meines Erachtens die Möglichkeit des Relativismus im Glauben begründete und zugleich erklärte, warum der Begriff der „christlichen Leitkultur“ für einen wahren Christen problematisch ist.

Es war angenehm, im protzigen Dom, einem Sinnbild für das Bündnis zwischen Thron und Altar, in dem schon der christlich-soziale Hofprediger Adolf Stöcker seine antisemitischen Tiraden im Namen des Glaubens hielt, nun eine ganz andere Stimme zu vernehmen. Weiterlesen

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Frohe Weihnacht allerseits

„Und sie gebar ihren ersten Sohn und legte ihn in eine Futterkrippe, denn der Wirt hatte gesagt. Trollt euch in den Stall! Das hier ist eine Herberge und keine Transferunion!“

Von den kostbaren Geschenken der Weisen aus dem Morgenland – darunter immerhin Gold, schon damals eine wertbeständige Anleihe – scheint später nichts übrig geblieben zu sein; und wenn, dann hätte der missratene Sohn alles den Armen geschenkt, wie er es dem reichen Mann vorschrieb, der gehofft hatte, sein Jünger zu werden. Weiterlesen

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Die Islamophobie und ihr Kritiker

Der französische Publizist Pascal Bruckner möchte ein Wort verbieten lassen. Eigentlich eher eine deutsche Obsession. Für Bruckner aber gehört das Wort „Islamophobie“ zu „jenen Begriffen, die wir dringend aus unserem Vokabular streichen sollten.“ Man fragt sich etwas bang, was die anderen Dinge sind, die wir nach Bruckner „dringend“ entworten sollten: Rechtspopulismus? Rassismus? Werterelativismus? Weiterlesen

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Hamburg oder die neue Übersichtlichkeit

Als die Hamburger Grünen letzte Woche die Koalition mit der CDU verließen, zogen sie nur die örtliche Konsequenz aus einer bundespolitischen Wetterwende. Man führt wieder Lagerwahlkampf, Rot-Grün gegen Schwarz-Gelb. Jedenfalls im Westen der Republik; im Osten ist die Sache wegen der Stärke der Linkspartei anders gelagert. Aber auch da sind Bündnisse über die Lager-Gräben hinweg eher unwahrscheinlich.

Schwarz-Grün erscheint nicht mehr als jene auch bundespolitisch mögliche Machtoption, mit der Angela Merkel nach Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb alle denkbaren Koalitionspartner durchprobiert und die deutschen Verhältnisse zum Tanzen gebracht hätte. Die bereits ausgerufene „neue Unübersichtlichkeit“ sieht schon wieder alt aus, die Optionen erscheinen durchaus überschaubar.

Grundsätzlich ist das zu begrüßen. Weiterlesen

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Geschlecht als Wissenskategorie

Warum sind National-Körper weiblich – Britannia, Deutschland, die Fußballmannschaft? Das Individum aber männlich, wie der „deutsche Michel“ oder „John Bull“? Alan Posener hat dazu ein Interview mit Christina von Braun geführt. Und weil er darin „starke Meinungen“ verspricht, hier nun ausnahmsweise kein Kommentar, sondern ein Interview. Weiterlesen

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Hans Mommsen liest „Das Amt und die Vergangenheit“

Wenn Historiker die Werke ihrer Kollegen rezensieren, ist selten mit ungeteiltem Lob zu rechnen. Insofern überrascht es nicht, wenn der Historiker Hans Mommsen dem Bericht der unabhängigen Historikerkommission über das Auswärtige Amt im Dritten Reich und in der Bundesrepublik bescheinigt, es biete „keine neuen Einsichten“. Weiterlesen

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Warum man den Plenarsaal des niedersächsischen Landtags ruhig abreißen kann

Der Landtag von Niedersachsen sitzt im ehemaligen Schloss der Hannoveranischen Könige. Man erreicht ihn vom Hauptbahnhof nach einem zehnminütigen Spaziergang durch die obligate Fußgängerzone und ein Stück wieder aufgebaute Fachwerkaltstadt. Er liegt direkt an der Leine. Jenseits des Flusses haben die Stadtplaner der 1950er Jahre unter Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht im Interesse der „autogerechten Stadt“ eine jener Asphaltschneisen durch frühere Sichtachsen und Stadtquartiere geschlagen, die bis heute so viel zur Unwirtlichkeit westdeutscher Städte beitragen. Weiterlesen

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Brauchen wir ein politisches Streikrecht?

Der Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, Frank Bsirske, hat sich dafür ausgesprochen, den Generalstreik als Mittel der politischen Auseinandersetzung zuzulassen. Auch in Deutschland werde ein politisches Streikrecht gebraucht, sagte Bsirske dem „Hamburger Abendblatt“. Das geltende Verbot stamme aus dem Jahr 1955. Heute habe man aber eine vollkommen andere Situation. Bsirske verwies auf den Widerstand der Franzosen gegen die Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Von der Protestkultur in Frankreich könnten sich die Deutschen eine Scheibe abschneiden, meinte er.

Es liegt nahe, sich an den Kopf zu fassen. Wer den Widerstand der Franzosen gegen eine maßvolle Anhebung des Renteneintrittsalters von 60 auf 62 Jahre als Vorbild hinstellt, scheint nicht ganz bei Trost zu sein. Weiterlesen

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Vom Versagen der Eliten: Was uns „Das Amt“ zu sagen hat

Wieso gibt es eine solche Aufregung um den Bericht der Unabhängigen Historikerkommission zur Geschichte des Auswärtigen Amts (AA) in der Nazi-Zeit? Die Antwort lautet zunächst: Einmal mehr entlarvt dieser Bericht jenen Mythos der Bundesrepublik als Lebenslüge, demzufolge die alten Eliten und Institutionen des Reichs trotz der Usurpierung der Macht durch Hitler im Kern „anständig“ blieben – weshalb es ja auch unnötig war, nach dem Krieg jene Institutionen zu zerschlagen und die Eliten auszutauschen, wie es die amerikanischen Besatzer mit der „Re-Education“ zunächst wollten. Weiterlesen

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Warum Juden nicht das Geschäft der Rassisten besorgen sollten

Zu den guten Traditionen des Diaspora-Judentums gehört es, sich mit anderen Minderheiten solidarisch zu erklären und ihnen beizustehen, wenn der Mehrheit, was immer wieder geschieht, die Sicherungen durchknallen. (Diese Sicherungen nennt man heutzutage „politische Korrektheit“.) Die Juden tun dies nicht, weil sie – etwa infolge eines besonderen Gens – von Natur aus Gut- oder Bessermenschen wären, sondern aus wohlverstandenem Eigeninteresse.

Sie wissen, dass die Fremdenphobie eine frei flottierende Angst vor dem angeblich Andersartigen ist, die sich heute gegen Muslime, morgen gegen Zigeuner, übermorgen gegen Schwule und immer wieder – zumal in unserem angeblich „jüdisch-christlich geprägten“ Kulturkreis – gegen die Juden, das Urbild des Anderen, das „Volk der Gottesmörder“, wenden kann, ja wenden muss. Weiterlesen

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Zehlendorf 21?

Der Berliner an sich ist neugierig im besten Sinne des Wortes – gierig auf das Neue. Das unterscheidet ihn, den Bewohner einer Stadt, die immer im Werden begriffen war und ist, womöglich vom Stuttgarter, der anscheinend eher altgierig oder, wie Nietzsche sagen würde, „antiquarisch“ veranlagt ist.

Als Berliner und Sohn eines Architekturkritikers bin ich besonders neugierig, was das Bauen in der Stadt betrifft; und da bin ich ein bekennender Anhänger des Dynamits als Prinzip. Was bleibet, sagte der Schwabe Hölderlin, stiften die Dichter – nicht, füge ich als Preuße hinzu, die Architekten.

Umso härter trifft es mich, dass ich nun eine Lanze fürs Bewahren brechen muss. Weiterlesen

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