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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (5): All Along The Watchtower

Diesen Song lieben alle angehenden Gitarreros, weil er nur drei – auch noch leicht zu spielende – Akkorde enthält, und auch, weil die Coverversion des größten aller Gitarreros vielleicht noch besser ist als die des Meisters. Was sehr, sehr selten vorkommt.

OK, wo waren wir, wo sind wir? Es ist oft angemerkt worden, dass „along the watchtower“ semantisch keinen Sinn macht. Poetisch schon: man stellt sich eine Stadt- oder Burgmauer mit Zinnen und Türmen vor. Und da stehen die „Prinzen“ und halten Ausschau? Wonach? Frauen kommen und gehen. Warum? Die Diener sind barfuß. Das scheint diese Stadt – es ist denn doch eher eine Stadt als eine Burg, mit Prinzen im Plural, und Frauen, und Dienern – irgendwo in der mediterranen Antike zu verorten; oder im Azteken- oder Inka-Reich, und dann wären die sich nähernden Reiter spanische Conquistadoren, denn die Azteken und Inkas besaßen keine Pferde. Und sonst? Boten? Welche Nachricht könnten sie bringen?

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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (4): Like A Rolling Stone

Als dieser Song herauskam, waren wir alle schwer beeindruckt, schon allein, weil er so lang war. Bis dahin waren zweieinhalb Minuten für einen Rocksong die Norm. Und das hier war ein Rocksong, mit elektrischer Gitarre, Orgel, Schlagzeug. Die Folk-Puristen waren entsetzt. Aber obwohl er zu den bekanntesten Songs von Bob Dylan gehört und von vielen Kritikern zu seinen besten gezählt wird, besteht er nicht nur harmonisch und melodisch, sondern auch inhaltlich nur aus der steten Wiederholung des Gedankens, der im ersten Vers formuliert wird: Früher warst du oben, jetzt bist du unten, früher warst du stolz, jetzt musst du betteln. Ätsch.

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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (3): It Ain’t Me, Babe

Das hier ist zunächst eines dieser frauenfeindlichen Lieder, die Anfang bis Mitte der 1960er Jahre Mode waren: „Girl“ von den Beatles, „Stupid Girl“ von den Stones, „Semi-Detached Suburban Mr James“ von Manfred Mann, und natürlich „Don’t Think Twice, It’s Alright“ vom Meister selbst. In allen diesen Songs wird mehr oder weniger deutlich eine männliche Aggressivität gegen das angebliche Ansinnen der Frau sichtbar, den Mann festzuhalten, zu zähmen, ja auszubeuten:

„Did she understand it when they said / That a man must break his back to earn his day of leisure / Will she still believe it when he’s dead?“ („Girl“); „I’m not talking about the way she digs for gold / Look at that stupid girl / Well, I’m talking about the way she grabs and holds / Look at that stupid girl“ („Stupid Girl“); „I can see you in the morning time / Washing day, the weather’s fine / Hanging things upon the line / As your life slips away …“ („Mr James“); und natürlich, ganz übel: „I gave her my heart, but she wanted my soul“ (Don’t Think Twice“).

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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (2): Señor

In den 1960er und 1970er Jahren haben italienische Regisseure, beeinflusst durch „Die glorreichen Sieben“ von John Sturges – wiederum ein Remake von Akira Kurosawas „Sieben Samurai“ – den tot geglaubten Western wiederbelebt. Die Italo-Western – in den USA sagte man abfällig „Spaghetti-Western“ – von Sergio Corbucci, Sergio Leone und anderen wurden, da man sich hauptsächlich mit italienischen Schauspielern begnügen musste, in die Grenzregion zwischen den USA und Mexiko verlegt, wo Viehbarone aus dem Norden und Outlaw-Gangs aus dem Süden um die Vorherrschaft ringen. Wie bei den „Glorreichen Sieben“ glänzt die Staatsmacht durch Abwesenheit, gilt das Recht des Stärkeren.

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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (1): A Simple Twist Of Fate

Bei diesem Song werden die Zuhörenden meistens sehr ruhig. Jede denkt für sich an eine Begegnung, eine Affäre, eine Was-wäre-wenn-Geschichte.

They sat together in the park
As the evening sky grew dark
She looked at him and he felt a spark
Tingle to his bones
‚Twas then he felt alone
And wished that he’d gone straight
And watched out for a simple twist of fate

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Rezension zu: Shulamit Volkov, Deutschland aus jüdischer Sicht.

Die Historikerin Shulamit Volkov, eine Expertin für die Geschichte der Juden und des Antisemitismus in den verschiedenen deutschen Gesellschaften des 18., 19. und 20. Jahrhunderts, legt eine in Zukunft sicher weit diskutierte neue Arbeit vor. Sie blickt auf die deutschen Gesellschaften seit den Tagen des deutsch-jüdischen Philosophen Moses Mendelsohn bis in die Zeit nach der Shoah. Das Buch („Deutschland aus jüdischer Sicht“) legt das lange Zeit für die Geschichtswissenschaften der Bundesrepublik gültige Paradigma eines „Deutschen Sonderwegs“ beiseite, ohne die gegen die Moderne gerichteten Entwicklungen und Tendenzen der deutschen Gesellschaften seit dem 18. Jahrhundert aus dem Blick zu verlieren. Im Gegenteil, sie arbeitet sie stärker heraus. Ihre Kritik des Sonderweg-Paradigmas besteht vor allem darin, dass seine Vertreter in der deutschen Sozialgeschichte, zwar die Entwicklung der demokratischen Institutionen und Ideen verfolgen, aber nicht die Geschichte der deutschen Juden und der deutschen antisemitischen Obsessionen. Weiterlesen

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Auf der Jagd nach den acht fehlenden Leben

Der gestiefelte Kater war einmal ein furchtloser Held, ein feliner Zorro, Rächer der Enterbten, nur lustiger. Doch nun ist er selbst ein Gejagter: Hinter ihm ist der Tod her, Mönchskutte, rote Augen, Wolfsgrinsen, Sichel, und der Kater hat schon acht seiner neun Leben aufgebraucht. Zunächst versteckt er sich in Mama Lunas Katzenpension, wo er seinem Ende entgegendämmert. Doch auch für den Entstiefelten gibt es keine Ruhe.

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„Du fehlst“ – Eva Quistorp schreibt an ihre verstorbene Freundin Petra Kelly

Eva Quistorp gehörte gemeinsam mit Petra Kelly zu den Gründern und Gründerinnen der Grünen. In einem Brief an ihre verstorbene Mitstreiterin und gute Freundin bringt sie zum Ausdruck, wie sehr ihr diese aktuell fehlt.

Liebe Petra,

Du fehlst nicht nur mir sehr, du fehlst vielen in diesem Lande und weltweit, gerade jetzt wo Putins Mafia und Machtapparat einen brutalen Krieg gegen die Ukraine und auch gegen Europas Demokratien führt und seine zynische Staatspropaganda auch in Afrika und Nicaragua verbreitet. Gerade jetzt, wo Putin es wagt, trotz aller Uno und OSZE Verträge und des Budapester Abkommens, mit Atomwaffeneinsatz zu drohen und Europa zu erpressen. Weiterlesen

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Schnipp schnapp, Territorium ab – Warum Appeasement gegenüber Putin der falsche Weg ist

In diesen Tagen, besser Zeiten, in denen viele deutsche Rechte wie Linke sich Putin am Liebsten ergeben möchten, sei es aus Ideologie, Feigheit oder Egozentrik, und in denen all jene, die ihm die Stirn bieten, um die tapferen Ukrainer zu unterstützen, als „Kriegstreiber“ diffamiert werden, sollte man zurück in die Geschichte blicken. Vor allem auf die Auseinandersetzung zwischen den Appeasern Chamberlain/Halifax einer- und dem tapferen, furchtlosen Winston Churchill andererseits. Das gilt besonders nach den manifesten russischen Angriffen auf Zivilisten heute in der Ukraine.

Gewiss, direkte historische Vergleiche hinken, aber doch gibt es zuweilen Parallelen. Und zwar dann, wenn es darum geht, die Freiheit des Westens gegen einen Aggressor zu verteidigen. Stets stellt sich die Frage, ob man feige ist oder im Bewusstsein des vollen Risikos Gegenwehr zeigt.
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Karpaten – Ein ukrainisches Reisetagebuch in Zeiten des Krieges (Teil 2)

Liane Bednarz war im Mai/Juni mit dem Mediennetzwerk „Freedom Today“ und dessen CEO Andreas Jürgens in der Ukraine unterwegs. Dort haben sie sich mit Christian Gruber getroffen, der dort als Volunteer und zudem als Kriegsreporter tätig ist. Gemeinsam reisten sie durch das Land und führten mit Ukrainern Gespräche vor Ort. Hier schildert Liane Bednarz ihre persönlichen Eindrücke während des zweiten Teils der Reise. Es geht in die Karpaten Die englischsprachige Fassung wird auf der Homepage von „Freedom Today“ erscheinen.

Lwiw, Freitag, 27. Mai 2022, mittags

Wir machen uns auf den Weg in die Karpaten. Ich bin aufgeregt. Karpaten, das klingt nach Dracula, auch wenn dessen Sage im rumänischen Teil der Karpaten rund um den Borgo-Pass angesiedelt ist. Dracula aber passt metaphorisch, so sehr wie Wladimir Putin seine Fangzähne in die Ukraine gehauen hat und seine Schergen das Land schon jetzt blutrünstig aussaugen und alles klauen, was sie greifen können, bis hin zu Bratpfannen, wie im ersten Teil meines Tagebuchs beschrieben. „Pосійські бандити“ aka rosiysʹki bandyty sagen die Ukrainer. Weiterlesen

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Besteht der „globale Süden“ nur aus Judenhassern?

Dieser Tage bekam ich eine Mail vom Goethe-Institut Hamburg, in der ein Kongress angekündigt wurde. Es geht um den 30. Jahrestag des Brandanschlags in Mölln und des „größten und fast vergessenen rassistischen Pogroms der deutschen Nachkriegsgeschichte in Rostock-Lichtenhagen“.

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