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Die Unmöglichkeit, objektiv über Stimmen zu urteilen

The Beatles im Cavern Club, 1962. Public Domain

Etwas verstört war ich, als ein befreundeter Musikkritiker mir neulich gestand, er begreife zwar, dass die Songs der Beatles etwas Besonderes seien, möge aber nun einmal ihre Stimmen nicht. Wie? Paul nicht mögen, ob engelsgleich einschmeichelnd wie bei „I Will“ oder rockig-ausrastend bei „Helter Skelter“? John nicht mögen, ob schneidend scharf wie bei „Happiness Is a Warm Gun“ oder romantisch-träumerisch wie bei „Julia“? George nicht mögen, warm und melodisch bei „While My Guitar Gently Weeps“, oder ironisch-nordenglisch wie bei „Piggies“? Ringo, der „Good Night“ vorm Kitsch rettet, indem er den Song leicht neben der Tonart singt? Und das sind nur ein paar Songs vom „Weißen Album“, verdammt noch mal …

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Wozu Lyrik gut sein kann: Axel Reitels Gedichte

Wozu Lyrik? Es gibt zum Glück darauf viele Antworten. Zum Beispiel Eingängigkeit:

Kuno sprach zu Kunigunde: Paech-Brot ist in aller Munde / Doch ist’s nicht fein, das gilt für jeden, mit Brot von Paech im Mund zu reden.

Die Werbegedichte für Paech-Brot hingen früher in der Berliner U-Bahn, und da ich auf der Fahrt von Zoo bis Tegel – Leopoldplatz umsteigen – sonst nichts zu tun hatte in jener Zeit, als es keine Smartphones gab, habe ich sie memorisiert. (Unser Deutschlehrer hingegen meinte, zwischen Zoo und Hansaplatz würde er unsere Arbeiten korrigieren. Mehr Zeit auf unsere Ergüsse zu verwenden, wäre Verschwendung.)

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Kann Bob Dylan singen?

Foto: Rowland Scherman National Archives / Public Domain

Kann Bob Dylan singen? Die Frage mag so altmodisch und irrelevant erscheinen wie die Frage, wer besser sei, die Beatles oder die die Stones, aber sie ist eben erst wieder, und zwar hier auf „Starke Meinungen“ aufgeworfen worden. In einem Stück, das eigentlich Ray Davies gewidmet ist, aber lauter Seitenhiebe gegen Bob Dylan enthält, schreibt Wolfgang Schäfer: „Kommen wir zu den Unterschieden. Ray Davies kann singen – daran besteht kein Zweifel. Dagegen an Bob Dylans Sangeskünsten nicht zu zweifeln, würde ein gewisses Maß an Großzügigkeit verlangen. Seine Stimme ist nasal, oft krächzend, und sein Tonumfang bleibt überschaubar. Dem Irrtum mit einem Crooner verwechselt zu werden, setzt Dylan sich zu keiner Zeit aus.“

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Ray Davies und Bob Dylan: Hidden Champion und Kultfigur

KI-Bild von Microsoft Copilot erzeugt

Bob Dylan kennt jeder – zumindest dem Namen nach. Der einzige Mensch auf diesem Planeten, der Bob Dylan tatsächlich kennt, dürfte jedoch Bob Dylan selbst sein. In Anspielung auf sein unergründliches Wesen und den damit verbundenen Kultstatus brachte ihm das im Laufe der Zeit den ironischen Spitznamen „His Bobness“ ein.

Nichts davon trifft auf Sir Raymond Douglas Davies zu. Der Londoner Ray Davies, wie er sich selbst nennt, ist der Kopf der Pop- und Rockband The Kinks und seit dem Ende der Band auf Solopfaden unterwegs. Er ist der Hidden Champion der Popwelt – ein Künstler der Spitzenklasse mit einem gewaltigen Œuvre bei vergleichsweise geringer Bekanntheit. Und das ist schreiend ungerecht. Weiterlesen

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There are places I’ll remember: Ort und Zeit in der Popmusik (2)

Die Rede war im letzten Beitrag von englischen Popsongs, die bestimmte Orte evozieren, und die These war, dass Lieder wie „Penny Lane“ vorauseilende Nostalgie evozieren: die Sehnsucht nach etwas, das gerade noch da, aber im Schwinden begriffen ist.

In den USA ist das auf bezeichnende Weise anders. Dort wird die gute alte Zeit auf den Raum projiziert: das Land, die Ranch, die Kleinstadt verkörpern das gefährdete Gute; die Stadt die Gefahr und das Böse. Es gibt darum nur wenige Songs, die das hohe Lied der Großstadt singen. Jeder kennt zwar „New York, New York“ von Fred Ebb und John Kander aus dem Jahr 1977, aber dort wird weniger die Stadt selbst thematisiert als die Ambition der Sängerin (der Song wurde für Liza Minelli geschrieben):

These little-town blues / Are melting away
I′ll make a brand new start of it / In old New York

If I can make it there / I′ll make it anywhere
It’s up to you, New York, New York

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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (51): Julius and Ethel

Ist es möglich, dass ein unschuldiger Mensch nach einem fairen Verfahren verurteilt und sogar hingerichtet wird? Ja. Ist es möglich, dass ein schuldiger Mensch nach einem fairen Verfahren freigesprochen wird und nie für sein Verbrechen büßt? Ja. Ein faires Gerichtsverfahren ist keine Garantie für einen richtigen Urteilsspruch. Gerechtigkeit heißt nicht, dass Schuld immer gesühnt und Unschuld immer anerkannt wird.

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Songs von Leonard Cohen (12): The Law

So, mit dieser Besprechung arbeite ich den Auftrag von Axel Reitel ab, der mich bat, „My Country“ von Randy Newman, „Ventilator Blues“ von den Rolling Stones und eben diesen Song zu interpretieren.

Ich muss zugeben, dass mir das schwer fiel, weil mir beim Anhören wieder meine Vorbehalte gegen Cohens routinierte Art, Lieder zu machen, hochkamen: Die bedeutungsschwangere, dunkle Stimme, ergänzt durch die hellen Stimmen der Sängerinnen im Refrain, das Formelhafte der Melodieführung, die, wie Bob Dylan anmerkte, eigentlich mit zwei Akkorden auskommt, auch wenn Dylan weiter anmerkt, dass Cohen auch hier jene  „kontrapunktischen Linien“ setze, die jedem Cohen-Song einen „himmlischen Charakter“ und „melodischen Auftrieb“ geben.

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Randy Newmans Lieder (11): My Country

Noch ein Leser-Wunsch. Wieder von Axel Reitel. Und wieder danke ich dafür, denn „My Country“ ist ein wunderbarer Song, einer der besten von Randy Newman, der viele tolle Songs geschrieben hat. Der Titel suggeriert Patriotisches. Oder, da wir es hier mit Randy Newman zu tun haben, eine Patriotismus-Parodie. Schließlich war „My Country, Tis of Thee“ – gesungen zur Melodie von „God Save the King“- lange Zeit so etwas wie die Nationalhymne der Vereinigten Staaten von Amerika: „My country, ’tis of thee / Sweet land of liberty / Of thee I sing …“

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Das Jagger-Richards-Songbuch (20): Moonlight Mile

Christian Böß bat mich, etwas zu „Moonlight Mile“ zu schreiben, „weil ich das Stück liebe, obwohl es in meinen Ohren so Stones-untypisch ist“, wie er mir auf Facebook schrieb. Nun gut, mit den Ohren und dem Typischen ist das so eine Sache. Wie ist es etwa mit dem Album „Their Satanic Majesties Request“ von 1967? Oder mit dem Vorgänger-Album „Between the Buttons“ aus dem gleichen Jahr, mit Songs wie „Something Happened to Me Yesterday“: Stones-typisch? Wie Stones-typisch sind Songs wie „Lady Jane“ vom Album „Aftermath“ (1966), „No Expectations“ und „Prodigal Son“ von „Beggar’s Banquet“ (1968), oder auch „Girl With Far Away Eyes“ von „Some Girls“ (1978)? Was ist mit dem Disco-beeinflussten Titeltrack von „Emotional Rescue“ (1980) oder die punkigen Songs „Neighbours“ vom gleichen Album und „Hang Fire“ von „Tattoo You“? Na, und so weiter und so fort bis zur neuesten Single im Zydeco-Sound.

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Das Jagger-Richards Songbuch (19): Gimme Shelter

Karsten Schroeder bat mich, etwas über „Gimme Shelter“ zu schreiben. Das ist schwer. Einmal, weil Greil Marcus in seiner damaligen Besprechung des Albums „Let It Bleed“ und da besonders dieses Songs – Dezember1969 – das meiste schon gesagt hat (aber wenn man danach geht, worüber soll man noch schreiben?), dann aber, weil der Song vor allem musikalisch wirkt, nicht textlich, und ich mir vorgenommen habe, generell nicht über die Musik zu schreiben, weil man sich ja doch nicht einigen kann. Wer Mick  Jagger nicht mag, wird nicht anfangen, ihn zu mögen, weil ich sage, er spiele hier wunderbar Harp; so wie ich immer noch nicht Punk mag, auch wenn ich intellektuell nachvollziehen kann, was die Bewegung damals wollte.

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Das Jagger-Richards-Songbuch (17): Honky Tonk Women

Songs über junge und alte Mädchen in Bars, die aus beruflichen oder sonstigen Gründen Männer abschleppen, sind in der Rockmusik nicht selten; wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil Rockmusiker auf Tour oft mit ihnen zu tun haben. Wie ich in „Backstage Blues“ einer meiner – ähem! – gelungeneren Kompositionen, nach einer Tournee mit der „Berlin Blues Band“ schrieb:

„Show is over and the lights are out / Sitting here all by myself / Drank a lot of wine, sang a lot of songs / Women all went off – with someone else …“

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