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Nicht in meinem Namen

Wieder sind Kinder die Opfer, es zerreißt mir das Herz, und wieder steigt der Ölpreis. Das gefĂ€llt mir nicht, insbesondere die Kombination. In meiner Jugend hatte ich dafĂŒr eine spontane politische ErklĂ€rung, aus der ich nun im Mannesalter aber herausgewachsen bin.

Man kann nicht wissen, ob dieser Krieg berechtigt ist, weil die Wahrheit immer das erste Opfer der Angreifer ist. Denn immer sind Angriffskriege Notwehr; das erklĂ€rt notorisch der sogenannte Kriegsgrund. Er liebt Kinder als Opfer. In der gesamten Menschheitsgeschichte wird immer nur zurĂŒckgeschossen. Weiterlesen

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Der Verfassungsschutz muss aufgelöst werden

 

 

Man könnte die deutsche Empörung ĂŒber die Spionagepraktiken der amerikanischen NSA – selbst wenn man, wie ich, diese Praktiken fĂŒr weitgehend gerechtfertigt hĂ€lt – als Zeichen einer gesunden liberalen, ja geradezu libertĂ€ren Einstellung werten. Manche Deutsche – darunter auch der BundesprĂ€sident – tun das auch, indem sie darauf hinweisen, die Deutschen seien aufgrund ihrer Geschichte besonders empfindlich gegenĂŒber Geheimdiensten aller Art.

Man könnte das also auch so sehen – wenn man auf mindestens einem Auge blind wĂ€re. Denn im Gegensatz zu allen anderen westlichen Demokratien unterhĂ€lt die angeblich so sensible Bundesrepublik Deutschland einen Inlandsgeheimdienst, dessen einzige Aufgabe darin besteht, die Gesinnung der eigenen BĂŒrger auszuschnĂŒffeln. Genauer gesagt sind es 17 Geheimdienste – die VerfassungsschutzĂ€mter der LĂ€nder plus das Verfassungsschutzamt des Bundes. Wir wollen sie aber – trotz der nachgewiesenen UnfĂ€higkeit der Ämter, miteinander zu kooperieren – im Folgenden wie eine Behörde behandeln. Sie gehört abgeschafft.  Weiterlesen

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OK, wen wÀhlen wir nun?

Ich setze voraus, dass Linke und Piraten nicht ernsthaft wĂ€hlbar sind.  Jedenfalls nicht, wenn man mit seiner Stimme die Regierungsbildung beeinflussen will. Ähnliches gilt fĂŒr die „Alternative fĂŒr Deutschland“.
NatĂŒrlich kann man der Ansicht sein, dass sich möglichst viele Leute mit interessanten Meinungen im Parlament tummeln sollen. Aber der Bundestag ist keine Talkshow, sondern ein Ort, wo Politik gemacht und kontrolliert wird.
Es geht also um Rot-GrĂŒn oder Schwarz-Gelb. Weiterlesen
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Die drei Mirakel der unbesiegbaren Merkel

Niemand, der bei Verstand ist, bezweifelt, dass die Ostdeutsche die Wahl gewinnt und Kanzlerin bleibt. Das hat drei GrĂŒnde, die tief, ganz tief in uns, den WĂ€hlern, angelegt sind. Frau Merkel spielt routiniert eine aus der Not zusammengebastelte Rolle und lĂ€sst uns glauben, dass eben dies kein Spiel ist, sondern ein Wink des Schicksals. Angela ist authentisch, weil wir sie so empfinden. Wahlkampfstrategen nennen das den „no-spin spin“: die Komplettverarschung.

Wir wollen Angela, weil wir wollen, dass Aschenputtel den Prinzen kriegt. Weiterlesen

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Mainz ist ĂŒberall: Von der Lust am Lynchen

Journalisten rufen mich in diesen Tagen an und erbitten eine Stellungnahme zur Krisen-PR der Deutschen Bahn im Fall der personellen Unterbesetzung eines Stellwerkes bei Mainz. Das Ereignis muss totalisiert werden. Man erwartet, dass ich draufhaue. Man erwartet, dass ich noch einen drauflege. Ich soll einer Rolle als verbaler Kraftmeier gerecht werden. Leider muss ich absagen.

Ich bin leidenschaftlicher Bahnfahrer, und ein alter Freund arbeitet bei der Bahn. „Conflicted“ nennt man das, Absage wegen Befangenheit. Das finden die Kollegen der Medien schlapp, wo ich doch immer fĂŒr eine starke Meinung gut sein sollte.

Fukushima, Wulff, Mainz: was lÀuft hier eigentlich? So verschieden die VorgÀnge sind, die hinter diesen Stichworten stehen, so sehr sind sie alle durch die gleiche Paradoxie gekennzeichnet. Weiterlesen

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Mr Bezos kauft eine Zeitung – und Herr Döpfner verkauft welche

Ich will keine ausfĂŒhrliche Diskurskritik leisten. Sie haben das ja alles selbst gelesen und gehört. Zusammenfassen kann man die Reaktionen auf die neusten Ereignisse in der Presselandschaft etwa so: In den USA finden die meisten Kommentatoren den Verkauf der „Washington Post“ durch die Verlegerfamilie Graham bitter, sehen den Kauf durch den „Amazon“-GrĂŒnder Jeff Bezos aber als Chance.  In Deutschland meinen die meisten Kommentatoren, so etwa Moritz MĂŒller-Wirth auf Seite eins der „Zeit“, mit dem Verkauf aller Print-Titel bis auf die Marken „Bild“ und „Welt“ durch Axel Springer „wurde nichts Geringeres als das Ende des Journalismus heraufbeschworen“.

Nun ja.

Der Berliner meint: Hamse’s nich ne Nummer kleener? Weiterlesen

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We must have been doing something right

Zwei Dinge fĂŒllen die Medien, die uns erschĂŒtternd scheinen. Da ist die Allmacht der Geheimdienste, die sich als Staat im Staat, wenn nicht als Weltregierung verstehen, und die Entzauberung eines amerikanischen PrĂ€sidenten, der messianische ZĂŒge zu haben schien. Wie haben wir diese Kontraktion von John F. Kennedy, Martin Luther King und Michael Jackson in Deutschland gefeiert, wie sehr haben wir gehofft, dass nun die CIAs dieser Welt sich mit einem YES WE CAN dem Guten widmen
 Und jetzt lugt aus all dem die Fratze des US-Imperialismus.

Ich habe mich darĂŒber mit einem rheinischen Juden unterhalten, der die Welt von Paris aus betrachtet und durch eine attische Brille. Weiterlesen

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Freiheit oder Sozialismus oder wie oder was

FrĂŒher wusste man, wo man stand. Jedenfalls wussten die Gegner, wo man hin zu packen war. In den amerikanischen Sektor der Nachkriegsgeschichte oder in den russischen. Adenauer war fĂŒr den Westen und Wehner ein Kommunist. Kanzler Kiesinger war in der NSDAP und Brandt in Norwegen; feige Sau, VaterlandsverrĂ€ter.

Man hörte das Churchill- Wort  zitiert, nach dem der einzige wirkliche Fehler der Alliierten gewesen sei, nach „dem (fĂŒr Hitler) verlorenen Krieg“ nicht auch noch gegen den Kommunismus ins Feld zu ziehen. Da gefiel,dass der englische Warlord als Antikommunist gedanklich mit dem Weltkrieg spielte, einem dritten, nachdem der zweite keine wirkliche endgĂŒltige Lösung beschert hatte. Weiterlesen

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„Rassismus erkennen & bekĂ€mpfen“

Es gibt Leute, denen das „Netzwerk Schule ohne Rassismus Schule mit Courage“ ein Dorn im Auge ist. Und das sind nicht nur unverbesserliche Rassisten, Moslemhasser und Ă€hnliche Spinner. Durchaus ernst zu nehmende Leute aus der florierenden Sozialarbeits- und Sozialreparaturszene meinen, es handele sich bei dem von Sanem Kleff als Leiterin und Eberhard Seidel als GeschĂ€ftsfĂŒhrer gefĂŒhrten Projekt um ein gut gehendes, mit öffentlichen Geldern alimentiertes „Familienunternehmen“, zumal beide auch privat liiert seien.

Da mag auch Sozialneid eine Rolle spielen. Ich persönlich finde es zwar bedenklich, wenn die Leitung eines Unternehmens derart quasi-familiĂ€r monopolisiert wird, aber am Ende zĂ€hlt die EffektivitĂ€t der Arbeit. Und wenn ĂŒber 1250 Schulen dem Netzwerk angeschlossen sind, wenn Millionen SchĂŒler und SchĂŒlerinnen an den Projekttagen, Workshops, Kursen und Veranstaltungen des Netzwerks teilnehmen, kann man eigentlich nichts dagegen sagen. Oder?

Verschiedentlich hatte ich mit dem Netzwerk zu tun. (Bekanntlich hat mir meine publizistische Arbeit gegen Xenophobie und Islamophobie bei den Rassisten von „Politically Incorrect“ den Ehrentitel „Döner-Posener“und eine „Anklage“ u.a. wegen „Volksverhetzung“ und „Lobbyarbeit fĂŒr eine fremde Macht“ (Israel? Die TĂŒrkei?) bei den Nazis von „NĂŒrnberg 2.0“ eingebracht.) Deshalb wurde mir auch die neueste Publikation, „Rassismus erkennen & bekĂ€mpfen“, mit dem Vermerk zugeschickt: „Über einen redaktionellen Bericht wĂŒrden wir uns freuen.“

Nun weiß ich nicht, was ein „redaktioneller Bericht“ fĂŒr eine Textsorte sein soll. Ich habe jedoch das Heft studiert und darĂŒber in der „Welt“ eine Glosse geschrieben:

 

http://www.welt.de/kultur/article118537332/Rassistischer-Antirassismus-fuer-den-Unterricht.html

 

Ich habe nicht erwartet, dass diese Glosse beim Netzwerk gut ankommt, und sie ist nicht gut angekommen. Einige der wĂŒtenden Reaktionen kann man – etwa – auf der Facebook-Seite des Netzwerks nachlesen. Nachdenklicher war da die Reaktion Eberhard Seidels, der mir in einem langen, mit Zitaten aus dem Heft gespickten Schreiben vorwarf, ich hĂ€tte die darin vertretenen Positionen verkĂŒrzt und verzerrt dargestellt. Nun, dass ich mich in einer kurzen Glosse kurz fassen musste, das versteht sich; und dass ich die Aussagen des Hefts zur Kenntlichkeit verzerrt habe, will ich nicht abstreiten. Es hat ja 71 Seiten.

Ich habe jedenfalls Eberhard Seidel und Sanem Kleff angeboten, mich in einem Forum ihrer Wahl der Gegenkritik zu stellen und meine Kritik etwas nĂ€her zu begrĂŒnden, als es in der Glosse möglich war. Darauf hat es keine Reaktion gegeben, aber vielleicht brauchen die Netzwerker noch etwas Zeit. Da ist es vielleicht nĂŒtzlich, schon mal auf einige Argumente einzugehen.

In seinem Schreiben an mich, das zugleich der Leserbriefredaktion der „Welt“ zur Veröffentlichung zuging (es ist aber leider dafĂŒr viel zu lang), kritisiert Eberhard Seidel: „Sie werfen uns weiterhin vor: ‚Der Massenmord an den europĂ€ischen Juden wird, weil er so gar nicht in dieses simple antiimperialistische Schema passt, ganze zweimal – in je einem Satz – erwĂ€hnt. Überhaupt wird der Antisemitismus verharmlost.’ Herr Posener, sie hĂ€tten es besser wissen können. Alleine in dem Kapitel „Geschichte des Rassismus“ das acht Druckseiten umfasst und die Zeit von der Antike bis 1945 kursorisch behandelt, nimmt das Unterkapitel „Rassismus des Nationalsozialismus“ (Seite 21) zwei Seiten ein.“ Es folgen die zwei Seiten in Kopie, die ich unten kursiv nachdrucke.

Stellen wir zunĂ€chst fest, dass auch nach Seidels Angaben die Nazi-Zeit ganze zwei von 71 Seiten umfasst. Wenn Sie diese Seiten lesen, werden Sie feststellen, dass der Massenmord an den europĂ€ischen Juden in der Tat ganze zwei Mal – nĂ€mlich im ersten und im letzten Satz – erwĂ€hnt wird:

 

„Zwischen 1933 und 1945 schufen die Nationalsozialisten in Deutschland ein umfassendes rassistisches Gesellschaftsmodell. Die systematische und industrielle Ermordung von JĂŒdInnen, Sinti und Roma, sowjetischen Kriegsgefangenen, PolInnen u.a. sowie der brutale Einsatz von mehr als sieben Millionen ZwangsarbeiterInnen als Sklaven fĂŒr die deutsche Gesellschaft wĂ€hrend des Krieges waren monströse, durch Rassismus motivierte Verbrechen.

 

Sie haben durchaus mit dem Kolonialismus zu tun. Viele Deutsche hatten nach dem Verlust der Kolonien im Zuge der Niederlage im Ersten Weltkrieg 1918 und wĂ€hrend der Weimarer Republik und der Nazidiktatur das GefĂŒhl, im Gerangel um die Kolonien in Afrika und andernorts zu kurz gekommen zu sein. TatsĂ€chlich wĂ€hrte die Ära des deutschen Kolonialismus im Vergleich zu anderen europĂ€ischen Nationen relativ kurz, rund 35 Jahre lang – von 1884 bis 1919. Die Nationalsozialisten knĂŒpften mit der Besetzung fast aller LĂ€nder Europas wĂ€hrend des Zweiten Weltkrieges an den Kolonialismus an. Deutschland ĂŒbernahm dabei das Konzept des ĂŒberseeischen Kolonialismus und der Versklavung von Afrikanern und ĂŒbertrug es auf die EuropĂ€er.

 

Namentlich die Slawen, also vor allem Polen und die BĂŒrger der Sowjetunion sowie die europĂ€ischen Juden galten den Nationalsozialisten als Untermenschen und waren fĂŒr die Versklavung und Vernichtung vorgesehen. Die Rechtfertigungen fĂŒr die Unterwerfung, Versklavung und Ermordung von Millionen Menschen in den besetzten Gebieten haben sich nicht erst die Nationalsozialisten ausgedacht. Die rassistischen Grundlagen dieser Politik waren schon Jahrzehnte vorher ausformuliert.

Seit der AufklĂ€rung im 18. Jahrhundert versuchten Generationen von Anthropologen, Medizinern, Biologen, Philosophen, Kriminologen und Historikern, die verwirrende Vielfalt der menschlichen Spezies durch die Einteilung der Menschen in „Rassen“ biologisch zu erklĂ€ren und wissenschaftlich zu messen.

Scharen von Wissenschaftlern vermaßen SchĂ€del, Nasen und KörperlĂ€ngen diverser Bevölkerungsgruppen. Nach dem Ersten Weltkrieg war es nicht ungewöhnlich, ĂŒber den Nutzen bestimmter „Menschenrassen“ zu diskutieren. Psychiater und Juristen erörterten das Recht zur „Vernichtung des Lebens unwerten Lebens“, wie sie es nannten. Gemeint waren damit Schwerkranke und Behinderte.

 

Keine politische Bewegung in Deutschland hat so viel Papier produziert wie die zahlreichen Splittergruppen und Sekten der völkischen Bewegung. Sie radikalisierten die gesellschaftliche Mitte in atemberaubendem Tempo. Galt es fĂŒr die Mehrheit der gebildeten BĂŒrger und BĂŒrgerinnen um 1890 noch als anrĂŒchig, sich antisemitisch zu Ă€ußern, so gehörte der Antisemitismus kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 schon zum guten Ton konservativer Eliten in Deutschland. Vor allem Richter, Juristen und Ärzte bereiteten dem deutschen Antisemitismus die Bahn. Alte antijĂŒdische Vorurteile vom Finanzjudentum und der Verschwörung zur Erreichung der Weltherrschaft wurden wieder aufgegriffen und in ein geschlossenes „Rassenkonzept“ integriert. „Der Jude“ wurde zum Inbegriff des DĂ€monischen und abgrundtief Bösen.

 

Kultur besaß nur der „nordische Herrenmensch“. Jener sei besonders kreativ, habe eine niedrige KriminalitĂ€tsrate, ein BedĂŒrfnis nach Eroberungen und sei zur Weltherrschaft auserkoren, wĂ€hrend z.B. der „ostische Mensch“ als bĂ€uerlicher Typ sich nach einem bescheidenen und mit weniger Rechten versehenen Leben unter „arischer FĂŒhrung“ sehne. Juden und „Zigeuner“ galten in dieser Logik als gefĂ€hrliche „Gegenrassen“, die man bekĂ€mpfen und ausgrenzen musste. Rassentheoretiker lieferten die Deutungen und Definitionen fĂŒr alle Lebensbereiche. Mit ihren Lehrwerken, Schriftenreihen, Reiseberichten, Fachzeitschriften und SammelbĂ€nden zur Rassenkunde fĂŒllten sie zahlreiche Forschungsbibliotheken und Archive. Ob man als Bauer oder Stadtbewohner lebte, sich klassenkĂ€mpferisch oder soldatisch gab oder eine Karriere als Krimineller oder Beamter verfolgte – alles wurde wĂ€hrend des Nationalsozialismus „rassisch“ begrĂŒndet.

 

Die Nationalsozialisten haben im mörderischen Spiel um „Rasse, Blut und Gene“ nichts substanziell Neues erfunden. Ihr politisches Erfolgsrezept bestand darin, wĂ€hrend der Zeit der Weimarer Republik die rassistischen Ideen und Akteure der deutschen Gesellschaft geschickt zusammengefĂŒhrt und radikalisiert zu haben. Rassismus wurde nun zum Maß von Recht und Gesetz.

Nach 1933 hatten insbesondere die Berufsgruppen der Lehrer, Ärzte, Juristen und Journalisten die Aufgabe, das gesammelte rassistische Wissen in Schulen und Hochschulen, GesundheitsĂ€mter, KrankenhĂ€user, Justiz, Medien, Kunst und Kultur zu tragen. Die gesamte Gesellschaft sollte nach rassistischen Prinzipien erfasst und neu geordnet werden.

 

Zentral war ein radikaler Antisemitismus: Die Vorstellung, dass die „arische Rasse“ mit einer vermeintlich „jĂŒdischen Rasse“ in einen Kampf auf Leben und Tod verstrickt sei, fand ihren rechtlichen Ausdruck in den NĂŒrnberger Gesetzen von 1935 (‚Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre‘ und ‚ReichsbĂŒrgergesetz‘), mit denen die Ausgrenzung der Juden aus der deutschen Gesellschaft rechtlich legitimiert und die fast vollstĂ€ndige Vernichtung des europĂ€ischen Judentums erst möglich wurde.“

 

Vieles von dem, was auf diesen zwei Seiten steht, ist ja richtig. Was aber vor allem auffĂ€llt, ist eben das, was ich ein „simples antiimperialistisches Schema“ genannt habe. Weil „viele Deutsche“ das GefĂŒhl hatten, beim Gerangel um die Kolonien zu kurz gekommen zu sein, hĂ€tten sie „das Konzept des ĂŒberseeischen Kolonialismus und der Versklavung von Afrikanern einfach auf Europa ĂŒbertragen.“

Es folgt dann die Aussage, dass besonders die Slawen und Juden zur Versklavung und Vernichtung – analog den „Afrikanern“, nehme ich an – vorgesehen gewesen seien.

Abgesehen davon, dass es selbst in den schlimmsten europĂ€ischen Kolonien – den afrikanischen Besitzungen der Belgier und Franzosen – seit Anfang des 19. Jahrhunderts keine Sklaven gab, und dass eine systematische „Vernichtung“ der „Afrikaner“ nie Politik irgendeiner europĂ€ischen Macht war; abgesehen davon, dass – im Gegenteil – die britische Marine im gesamten indischen Ozean wĂ€hrend des gesamten 19. Jahrhunderts Jagd auf arabische SklavenhĂ€ndler machte, ihre erbĂ€rmliche menschliche Fracht befreite und den UnglĂŒcklichen – etwa – auf den Seychellen eine neue Existenz ermöglichte; abgesehen also von der Geschichtsklitterung, die den Vernichtungs- und Unterwerfungskrieg der Deutschen im 20. Jahrhundert als bloße Variante des Kolonialismus darstellt, womit er im Grunde genommen verniedlicht wird, abgesehen davon, ist es schlicht und einfach unsinnig, den Holocaust abzuleiten aus dem GefĂŒhl „vieler Deutscher“, in Sachen Kolonien zu kurz gekommen zu sein.

Niemals war es Ziel nationalsozialistischer „Judenpolitik“, die Juden sozusagen als Kolonialvolk zu halten und auszubeuten. Ja, es stimmt, die Autoren des Hefts schreiben auch: Alte antijĂŒdische Vorurteile vom Finanzjudentum und der Verschwörung zur Erreichung der Weltherrschaft wurden wieder aufgegriffen und in ein geschlossenes „Rassenkonzept“ integriert. „Der Jude“ wurde zum Inbegriff des DĂ€monischen und abgrundtief Bösen.

Das klingt zunĂ€chst richtig. Aber es handelte sich beim Antisemitismus der Nazis eben nicht darum, dass „alte jĂŒdische Vorurteile wieder aufgegriffen“ wurden; schon gar nicht wurden diese „alten Vorurteile“ in ein „geschlossenes Rassenkonzept integriert“. Vielmehr war es so, dass die Vorstellung, „der Jude“ beute „den Deutschen“ aus, habe es auf sein Leib und Leben abgesehen, stecke als „Wallstreetjude“ und „Kremljude“ hinter den Hauptfeinden der Deutschen und der Menschheit, Kapitalismus und Kommunismus, hinter Sozialismus, Liberalismus, Materialismus, RelativitĂ€tstheorie und so weiter und so fort – vielmehr war es so, dass diese Vorstellung, der Arier sei Opfer des ĂŒberlegenen Juden, ganz und gar nichts zu tun hatte mit dem Kolonialismus und der paternalistischen Vorstellung edler Wilder oder unterlegener Kinder zu tun, die Anfang des Jahrhunderts herangezogen wurde, um die fortgesetzte Herrschaft der EuropĂ€er ĂŒber ihre Kolonien zu rechtfertigen.

Die Vorstellung, dass die „arische Rasse“ mit einer vermeintlich „jĂŒdischen Rasse“ in einen Kampf auf Leben und Tod verstrickt sei, wird ja auch gegen Ende des Textes beschworen. Wie das aber gemeint und begrĂŒndet war; wie sich dieser „eliminatorische Antisemitismus“ vom milden Antisemitismus unterschied, den es durchaus auch in den USA und Großbritannien, in Frankreich und Italien gab – all das wird nicht erklĂ€rt; eben weil es nicht in das „simple antiimperialistische Schema“ passt, dem das Heft verpflichtet ist.

Und das hat eben doch Methode. Denn der starke und wachsende Antisemitismus unter Arabern, TĂŒrken, Russen, Polen und anderen Zuwanderergruppen hat eben auch nichts mit dem Kolonialismus zu tun; er entspringt ja auch oft nationalsozialistischen Quellen („Mein Kampf“ ist in all diesen LĂ€ndern ein Bestseller); und mit der DĂ€monisierung Israels, dem man ja nicht, was durchaus diskutierbar wĂ€re, eine gewisse Sturheit vorwirft, sondern – wie es auch GĂŒnter Grass und Jakob Augstein getan haben – im Grunde die Manipulierung und GefĂ€hrdung der gesamten westlichen Welt, ist der Antisemitismus in neuem Gewand wieder entstanden; wie denn der Antisemitismus seinerseits die Fortsetzung des christlichen Antijudaismus im „wissenschaftlichen“ Gewand war. Freilich ist vom Antizionismus ebenso wenig die Rede wie vom Zionismus; das Wort „Israel“ fĂ€llt an keiner Stelle; und obwohl viele Seiten des Hefts dem heldenhaften antikolonialen Kampf der unterdrĂŒckten Völker gewidmet sind, wird der Kampf der Juden in PalĂ€stina fĂŒr nationale Selbstbestimmung gegen die Briten konsequent beschwiegen.

Das sind keine TrivialitÀten.

Das sind keine FlĂŒchtigkeitsfehler.

Das könnte auch Eberhard Seidel „besser wissen“; und weiß es wohl auch besser; anders kann ich mir sein Schweigen auf meine Aufforderung hin, sich meiner Kritik in einer öffentlichen Diskussion zu stellen, nicht erklĂ€ren.

 


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15.000 Euro pro Kind – Der Irrsinn in der Familienpolitik

Wir machen das jetzt mal wie Adam Riese. 200 Milliarden Euro gibt der Staat jedes Jahr fĂŒr die Familienpolitik aus. 13,3 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren gibt es in Deutschland. Wenn jeder von ihnen von der Familienförderung gleich viel bekommen wĂŒrde, wĂ€ren das fast auf den Euro genau 15.000 Euro pro Kind und Jahr.

15.000 Euro, das ist ein Wort, nicht wahr? Mehr als doppelt so viel wie das steuerfreie staatliche Existenzminimum von Kindern. Jede Menge Klamotten, Fußballstunden und Geigenunterricht.

Wenn der Staat aber Kinder und Jugendliche so großzĂŒgig fördert, wie kann es dann sein, dass das alles trotzdem nicht bei ihnen ankommt? Wie kann es sein, dass Familien den Eindruck haben, sie mĂŒssten um jeden Euro kĂ€mpfen? Weiterlesen

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