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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (26) When The Ship Comes In

Es gibt eine Wendung, die früher jedes Kind in der englischsprachigen Welt kannte: „When my ship comes in.“ Wann kriege ich die elektrische Eisenbahn, das neue Fahrrad, das Geld für wasweißich? „When my ship comes in“, das heißt, wenn ich reich bin, also nie.

Früher war natürlich die Ankunft eines Schiffs für den Händler, dessen Ware an Bord war, eine Frage von Sein oder Nichtsein. In Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ muss Antonio dem Juden Shylock ein Pfund seines Fleisches geben, weil er nach dem Untergang seiner Handelsflotte den bei Shylock aufgenommenen Kredit nicht zurückzahlen kann. (Keine Sorge, sanfte Leserin, der Jude wird geprellt und obendrein gezwungen, zum Christentum zu konvertieren. Aber es steht zwischendurch schlecht um den armen Kaufmann.)

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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (25): Desolation Row

Es gibt verschiedene Arten der Übersetzung, von der wörtlichen Wiedergabe bis zur freien Interpretation. So hat etwa mein Freund Hannes Stein für Wolf Biermann eine Art interlineare Übersetzung der Shakespeare’schen Sonette verfertigt, auf deren Grundlage Biermann seine deutsche Fassung gedichtet hat. Manche Übersetzungen sind Klassiker eigenen Rechts. Die Übertragung der Dramen Shakespeares von August Wilhelm von Schlegel und Ludwig – und Dorothea! – Tieck gehörte sosehr zum Bildungsschatz des deutschen Bürgertums, dass meine Großeltern ganz ungeniert von der „englischen Fassung“ sprachen, wenn sie das Original meinten.

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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (24): Changing Of The Guards

Wir müssen über William Blake reden. Wann immer die Texte von Bob Dylan etwas dunkel werden, verweist man, wenn nicht auf Paul Verlaine oder Arthur Rimbaud – oder Walt Whitman oder Allen Ginsberg – auf Blake. Und zu Recht. Die Gedanken- und Bilderwelt dieses Dichters und Poeten der englischen Frühromantik hat sehr viel mit Dylans Vorstellungswelt zu tun. Blakes Kritik des Industrialismus und Kapitalismus aus einer radikalchristlichen und radikalästhetischen Haltung heraus nimmt Dylans Kritik vorweg; und das ist nicht verwunderlich, denn Blake gehört zu den Heiligen der nicht-marxistischen Linken und des amerikanischen Agrarpopulismus, die wiederum die Folk-Bewegung der 1950er und 1960er Jahre beeinflussten.

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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (23) Forever Young

Segenswünsche sind eine uralte Literaturform. Am Ende der katholischen Messe sagt der Priester: „Es segne und behüte euch der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.“ Nach protestantischen Gottesdiensten heißt es: „Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Und das wiederum ist der jüdischen Bibel entnommen, wo es (4 Moses 6 24ff) heißt: „Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“ Kulturelle Appropriation also, aber ohne die gibt es keine Kultur. Andere Baustelle.

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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (22): The Man In Me

Jan Techau bat mich, etwas zu diesem Song zu schreiben. Dabei wirkt das Lied wie eines, das Bob Dylan geschrieben hat, damit es von einem Mainstream-Pop-Künstler gecovert wird. Nur drei Strophen und ein Bridge. Und ein Text, der wie aus Bausteinen der Fließbandproduzenten des Brill-Building-Pops zusammengesetzt wirkt. Ray Charles hätte daraus eine schöne Country-Nummer machen können; tatsächlich hat Joe Cocker die für mich einzig halbwegs akzeptable Version dieses Songs aufgenommen: als Reggae. (Nachtrag: Singer-Songwriter Stephan Gatti – check out his Facebook page – weist mich darauf hin, dass es wohl die britische Reggae-Band Matumbi war, die zuerst den Song als Reggae aufgenommen hat; deren Version finde ich auch gut, wenn auch nicht so gut wie die von Cocker. Gatti hat auch eine Clash-Version der Matumbi-Vorlage aufgetrieben. Na ja. Aber die Beispiele zeigen, wie potenziell kommerziell die Nummer ist.)

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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (21) Chimes Of Freedom

Die Synästhesie ist ein gut recherchiertes psychisches Phänomen. Es geht, grob gesagt, um eine Verwechslung oder Vertauschung oder Ergänzung der Sinne. Unter dem Einfluss von LSD kommt das relativ häufig vor. Auf meinem ersten Trip, den ich 1967 oder 1968 in einer Wohnung in der Stephanstraße in Berlin einwarf, konnte ich Musik sehen und fühlen: ein Gitarrensolo von Jimmy Page auf Donovans „Sunshine Superman“ hätte mich buchstäblich beinahe umgebracht.

Bei „Chimes Of Freedom“ geht es um das Hören von Licht, genauer: Dylan und seine Freundin, die auf einem offensichtlich drogengeschwängerten Abendspaziergang in New York von einem Gewitter überrascht worden sind, hören die Blitze als Glockengeläut der Freiheit. Die Litanei der zu Befreienden endet bezeichnenderweise mit dem Wunsch,  „every hung-up person in the whole wide universe“ – jeder verklemmte Mensch im weiten Universum – möge befreit werden. „Everybody must get stoned…“ Anderes Lied, but you get the idea.

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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (20): Every Grain Of Sand

Dieser Song ist vollkommen. Fast möchte ich dazu gar nichts sagen, weil man durch Kommentierung, Exegese, Interpretation von der funkelnden Wirkung des Gedichts ablenken könnte. Andererseits hört und sieht man nur, was man weiß; und es kann sein, dass einem säkularisierten und deutschen Publikum zahlreiche Anspielungen dieses Songs nicht sofort etwas sagen, so dass meine Anmerkungen hilfreich sein könnten.

Außerdem hat mich der Theologe und Musiker Uwe Birnstein, der ein lesenswertes Buch über Dylan geschrieben hat, gebeten, mich dieses Songs anzunehmen. Also los

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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (19): Don’t Think Twice, It’s All right

Ich habe diesen Song immer geliebt. So einfach, dabei harmonisch und melodisch so schön. Es tut mir in der Seele weh sagen zu müssen, dass der Sänger ein Arschloch ist, der auch noch stolz darauf ist, ein Arschloch zu sein.

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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (18): Neighborhood Bully

Diesen Song würde ich lieben, egal wie der Text ist, weil „Neighborhood Bully“ eine klassische Rolling Stones-Nummer ist. Drei Akkorde und ab die Luzie. Kein Wunder, denn Mick Taylor spielt hier Gitarre. Hinzu kommt: Der Text ist auch großartig. Ein klares Bekenntnis zum Staat Israel und zum jüdischen Volk, gegen BDS und Konsorten. Es kursiert die Mär, das Lied sei auf YouTube wegen Hassrede gecancelt worden, aber das stimmt nicht.

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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (17): Idiot Wind

OK, also „Idiot Wind“. Kleiner Tipp: ich rede hier zwar selten von der Musik, aus Gründen, aber die Fassung auf „More Blood, More Tracks – The Bootleg Series Vol. 14“ ist viel schöner als die kanonische Aufnahme auf dem Album „Blood On The Tracks“. Vor allem singt Dylan auf dem ursprünglichen Take nicht ständig „yiddiot wind“, als wollte er etwas gegen „yids“ sagen (und nein, daraus werde ich keine Interpretation basteln).

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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (16): Blowin‘ In The Wind

Stephan Gatti hatte mich aufgefordert, etwas zu „Idiot Wind“ zu schreiben, und dem komme ich gern nach. Nur muss ich vorher etwas über die Bedeutung des Winds bei Bob Dylan schreiben. Weltberühmt wurde er schließlich als Songwriter des Mega-Hits „Blowin‘ In The Wind“. Nicht seine Version schaffte es in die Charts, sondern die gefälligere des New Yorker Folk-Trios „Peter, Paul & Mary“, die den gleichen Manager hatten wie Dylan: Albert Grossman. In der Folge wurde der Song von allen möglichen und unmöglichen Leuten gecovert. In Deutschland wurde vor allem die Version von Marlene Dietrich gern im Radio gespielt:

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