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Warum greifen sie ausgerechnet uns an?

Seitdem die Israeliten die Verantwortung des Einzelnen vor Gott erfanden, leben die Religionen des Buchs in einem Spannungsverhältnis zum Staat. Die Götter der Ägypter, Griechen, Römer und Germanen stützten die Herrscher; die Propheten Israels kritisierten sie. Dieser epochemachende Schritt macht die Religionen des Buchs zu einem Ärgernis für jeden übergriffigen Staat.

Das gilt auch dort, ja vielleicht gerade dort, wo sich der Staat anmaßt, im Namen des Christentums oder des Islam zu handeln, oder wo die Religion – wie im europäischen Klerikalfaschismus oder im Islamismus – unmittelbar politisch wird und sich dadurch verrät. Denn Staatsräson und Gottesfurcht schließen sich schlichtweg aus. Staat und Kirche, Staat und Moschee, ja auch Staat und Synagoge arrangieren sich; aber sie gehen nicht ineinander auf. Wenn Papst Benedikt XVI vor dem Bundestag das Wort des Kirchenvaters Augustinus zitierte, ohne das Recht sei der Staat nichts weiter als eine Räuberbande, so müsste man allenfalls hinzufügen, dass sich auch der Rechtsstaat wie eine Räuberbande benehmen kann. Die Rede jedenfalls ist lesenswert, nicht weil man jeder Schlussfolgerung zustimmen muss, sondern weil sie eben von der Spannung zwischen Religion – zwischen einer Moral, die sich als gottgegeben und überzeitlich begreift – und Staat zeugt. Ich bin in diesem Streit als Atheist nicht auf der Seite der Religion, aber ich bin auf der Seite der Religionsfreiheit: der Gewissensfreiheit und des Muts vor Fürstenthronen und Parlamenten.

Die Freiheit der Religion ist das Gradmesser der Freiheit überhaupt

Darum auch ist die Freiheit der Religion ein Gradmesser der Freiheit überhaupt.  Wenn das renommierte amerikanische Pew Research Center feststellt, dass die staatliche Einschränkung religiöser Freiheiten 2018 (aus dem Jahr stammen die letzten Daten) weltweit den höchsten Stand seit Beginn der Erhebungen 2007 erreicht hat, so ist das ein Zeichen dafür, dass es weltweit um die liberale Demokratie schlecht bestellt ist.

In 80 der 198 untersuchten Länder herrscht eine hohe oder sehr hohe Einschränkung der Religionsfreiheit. Am schlimmsten ist die Situation im Mittleren und Nahen Osten; doch auch in Afrika südlich der Sahara hat die Religionsfreiheit Schaden genommen; der größte Zuwachs beim Abbau der Religionsfreiheit wurde aber in Asien verzeichnet.

Welche Religion weltweit am stärksten unterdrückt wird, ist eine Frage, die vermutlich nicht zu entscheiden ist, und die im Übrigen uninteressant ist. Da es wenige Juden gibt und die meisten entweder in Israel – ihrem eigenen Staat – oder den USA leben, wird man wenige Beispiele für die Unterdrückung von Juden finden. Andererseits gibt es wohl keine Religion weltweit, die einen solchen Hass auf sich zieht. Christen werden in all den genannten Gebieten staatlich verfolgt, insbesondere von Muslimen. Hier will ich aber aus Gründen, die weiter unten deutlich werden sollen, anhand der genannten Fakten nur auf die Unterdrückung der Muslime eingehen.

Weltweite Unterdrückung der Muslime

China hält mindestens 800.000, vielleicht bis zu zwei Millionen Muslime in Umerziehungslagern und will ihnen ihren Glauben mit Gewalt austreiben. Das Militärregime in Myanmar, gedeckt von der Friedensnobelpreisträgerin Aung Sang Suu Kyi, betreibt eine brutale ethnische Säuberung gegen Muslime. Muslime werden auch in Indien von Hindu-Nationalisten verfolgt; im Nahen und Mittleren Osten bekämpfen sich Schiiten und Sunniten und radikale und gemäßigte Sunniten untereinander. Die weltweite Litanei der Intoleranz ist deprimierend, außer in den USA – trotz Trump – und vor allem Europa. Nirgends genießen die Religionen – alle Religionen – mehr Freiheit als bei uns, wo das religiöse Gefühl am schwächsten ausgeprägt ist.

Dies gilt es im Auge zu behalten, wenn zur Erklärung oder gar Entschuldigung islamistischer Terrorakte auf die Missachtung der religiösen Gefühle von Muslimen, auf die mangelnde Anerkennung des Islam, auf den anwachsenden antimuslimischen Rassismus verwiesen wird. Ja, das gibt es alles. Aber selbst Islamisten müssten zugeben, dass es eine solche ungehinderte Vielfalt muslimischer Religionspraxis wie bei uns kaum irgendwo in der muslimischen Welt gibt. Dagegen fallen Ärgernisse wie das Schweizer Minarettverbot kaum ins Gewicht. Die französische „Laicité“ geht zurück auf den Kampf gegen die Katholische Kirche, die damals – Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts – durchaus nach weltlicher Macht strebte, und diskriminiert nicht gegen den Islam.

Warum greifen die Islamisten uns an?

Warum also greifen die Islamisten ausgerechnet Europa an? Ausgerechnet jene Staaten, in denen die Muslime besser vor Willkür geschützt sind als selbst in ihren Heimatländern – oder gerade in ihren Heimatländern? Eben weil es ihnen nicht darum geht, die Muslime zu beschützen, sondern darum, sie zu beherrschen. Weil die größte Gefahr für die Intoleranten der Staat ist, der die Religionen toleriert. Der es aushält, dass er im Namen der Religion kritisiert wird. Man würde gern von mehr Vertretern der Muslime, von mehr linken, postkolonialen und „intersektionalen“ Ideologen hören, dass wir nicht deshalb angegriffen werden, weil wir Muslime missachten oder gar unterdrücken, auch wenn es bei uns Moslemhasser gibt – man denke nur an die Mordserie des NSU. Sondern weil unsere westliche Demokratie ihre Schuld gegenüber den Religionen des Buchs begleicht, indem sie gegenüber kommunistischen, islamistischen, links- und rechtsautoritären Regimen, den kleinen und großen Putins dieser Welt und den alten und neuen Werterelativierern die Stimme des Gewissens darstellt.  Sie soll zum Schweigen gebracht werden, wie Herodes Antipas Johannes den Täufer zum Schweigen brachte. Das darf nicht gelingen.

 

 

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63 Gedanken zu “Warum greifen sie ausgerechnet uns an?;”

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    „Die Götter der Ägypter, Griechen, Römer und Germanen stützten die Herrscher“

    Wie erklären Sie sich dann die Aussage des Dramas „Antigone“ – göttliches Recht schlägt weltliches Recht?

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      Sehr guter Einwand. Aber wenn Sie das Drama von Sophokles meinen, nicht jenes von Jean Anouilh, so handelt es weniger vom göttlichen Recht auf Widerstand als vom Fluch der Götter über das Herrschergeschlecht von Theben. Das gab es also auch, dass die Götter ihre Gnade abwandten. Aber noch einmal: Anouilh (und Rolf Hochhuth) haben unseren Blick auf das Stück von Sophokles eher getrübt.

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    >>In China und Myamar haben sie zumindest begriffen, welche Gefahr der Islam grundsätzlich darstellt.<<

    Das liest sich jetzt für aber so wie: Die Nationalsozialisten hatten doch zumindest begriffen, welche Gefahr der Bolschewismus grundsätzlich darstellte…

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    Der Souverän gibt sich in einer Demokratie eine Verfassung. Das ist in Deutschland, lt. GG, das ‚Deutsche Volk‘. Logo. Die Demokratie in der ‚BRD‘ ist widersprüchlich zu dem in der Präambel des GG geforderten ‚Bewußtsein einer Verantwortung vor Gott‘. Für Christen ist das Evangelium die ‚Verfassung‘ und steht somit nicht zur Disposition … der Souverän in der ‚Kirche Christie‘ ist Jesus. Also wie nun?

    Wenn Demokratie Volksherrschaft, also die gleichberechtigte Mitbestimmung aller, sein soll, bitte ich um einen Hinweis wo überhaupt in dieser Welt Demokratie praktiziert wird.

    … allein das Geschwurbel im GG, die ‚BRD‘ sei ‚ein demokratischer und sozialer Bundesstaat‘, ist Firlefanz. Das hatten wir hier! ff im thread. … das GG ist nach wie vor ein Provisorium, mit einem – wie vom Bundesverfassungsgericht 2012 festgestellt – verfassungswidrigen Wahlrecht.

    … und warum Glaubensanhänger der mohammedanischen Ideologie Deutschland und Europa angreifen? … nicht weil sie es können, sondern weil sie es sollen und dürfen!

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      Das mit dem korrekten Zitieren ist offenbar nicht so Ihre Sache, hans. Der Passus in der Präambel des GG lautet (meine Hervorhebung): „Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen,[…]“. Laut Präambel des Grundgesetzes sind die Menschen also gleichberechtigt gegenüber Gott – zumindest, was diejenige Instanz betrifft, gegenüber der man verantwortlich ist.
      Zweitens ist das Evangelium nur für eine Minderheit der Chisten Anhänger der nazarenischen Ideologie die ‚Verfassung‘. Nämlich für die Gegenstücke der Islamisten. Die meisten Gläubigen in diesem Land akzeptieren die Rangfolge, daß, was Gesetze mit Wirkung gegenüber anderen Menschen angeht, der Staat das Sagen hat und nicht die heiligen Schriften; das ist übrigens bei dem weitaus überwiegenden Teil der Anhänger anderer Religionen und Weltanschauungen nicht anders.
      Und warum sie uns angreifen? – Weil Islamismus nur eine Spielart des Rechtsextremismus ist, und dieser der erklärte Feind einer freiheitlichen Gesellschaft wie in den Staaten des freien Westens.

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        Sie irren, lieber Opa Krempel. Im Streit zwischen dem Gewissen und dem Gesetz sollte sich der Christ immer für sein Gewissen entscheiden. Dafür legen die Märtyrer beredtes Zeugnis ab. Dass sich die kath. Kirche bis heute weigert, die praktische Legalisierung der Abtreibung durch Mitmachen bei der Beratung anzuerkennen, ist ein gutes Beispiel dafür. Übrigens gibt es keine „nazarenische Ideologie“. Jesus war kein Ideologe, sondern ein Prophet in der jüdischen Tradition. Die Christen, die Paulus folgend aus ihm einen Gott machten, sind eben keine „Nazarener“.

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        @Opa

        … ja, Opa, ‚gleichberechtigt gegenüber Gott‘, sogar über Gott – das dünken sich einige. So ganz sicher sind die sich aaaber sich nicht. Oder?

        … und wenn Sie das Buch Genesis lesen, wissen Sie auch was das ‚Bewußtsein einer Verantwortung vor Gott‘ beinhaltet. Da ist mir ‚Fridays for Future‘ fast sympathisch. Allein über den Weg würde ich streiten.

        … Ihre behauptete ’nazarenische Ideologie‘ kenn‘ ich nicht. Tipp; beim Spiegelschach verliert ’schwarz‘ immer. 😉

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        Nur ein Hinweis: Der Streit um die Vorherrschaft von Staat oder Religion bei Gewissensfragen ist ja nicht gerade neu. Spontan fällt mit der Investiturstreit im Mittelalter und der Ultramontanismus im 19 Jh. ein. Ein Staat, der sich als ‚liberal‘ versteht, sollte seine diesbezüglichen Grenzen kennen, sonst muss er sich der Vorwurf machen lassen, totalitär zu sein. Auch wenn es eine Demokratie ist. Dieses Thema scheint mir aktueller zu sein, als es auf den ersten Blick scheinen mag.

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        Mit Verlaub, Herr Posener, wir reden hier über die Bundesrepublik. Also nicht über eine Willkürherrschaft, sondern über einen freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat, der seinen Einwohnern das einklagbare Recht garantiert, nach der eigenen Weltanschauung selig werden zu können, ohne vom Staat behelligt zu werden, solange die Weltanschauung nicht die Beseitigung der Freiheit oder die Unterdrückung Einzelner zum Ziel hat – egal, ob diese Weltanschauung im Glauben an die Auferstehung und das ewige Leben besteht, im Glauben an die unsichtbare Hand des Marktes oder im Glauben, daß die Menschheit untergehe, wenn sie sich weiter von Tieren ernähre. Für den Staat bedeutet diese Freiheit seiner Einwohner die Pflicht, sich aus weltanschaulichen Dingen herauszuhalten. Umgekehrt bedeutet es aber auch für jeden Einwohner des Staates, die Weltanschauung des Anderen zu respektieren und sich an die Gesetze zu halten, ob sie einem in den Kram passen oder nicht; wer meint, die Gesetze des Staates kollidierten mit der eigenen Weltanschauung, dem steht der Rechtsweg offen – auch das garantiert unsere Verfassung. Und in der Vergangenheit ist dieses Recht auch ausgiebig genutzt worden, teils erfolgreich (siehe die Klagen gegen die Liberalisierung der Abtreibung), teils nicht (etwa die Klagen der Homeschooler gegen die Schulpflicht).

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        Lieber Opa Krempel, ich bin der Letzte, der die politische Ordnung der Bundesrepublik infrage stellen würde, und das wissen Sie. Es bleibt aber dabei, dass für einen wirklich religiösen Menschen Gottes Gebote wichtiger sind als die der Menschen, und da ist es völlig gleichgültig, ob diese demokratisch beschlossen (die Demokratie galt nach dem Syllabus Errorum von Pius XI. an sich schon als Irrtum) oder von einem Alleinherrscher verfügt wurden. Würde der Bundestag ein Verbot der Beschneidung beschließen, dürften sich die Juden und Muslime nicht daran halten. Und ich wäre hier, obwohl ich selbst gegen die Beschneidung bin, bei ihnen.

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        „Es bleibt aber dabei, dass für einen wirklich religiösen Menschen Gottes Gebote wichtiger sind als die der Menschen …“

        Perfekte Antwort für meine Skepsis bezüglich der Möglickeit, den Islam kompatibel mit einer freiheitichen Ordnung zu machen. Ja, genau deswegen.

        Gruss,
        Thorsten Haupts

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        Lieber Thorsten Haupts, keine Religion ist kompatibel mit einer bloß menschlichen Ordnung der Dinge. Auch nicht das Christentum. Wäre dem nicht so, die Religion wäre bloß eine Abteilung der Psychiatrie. Sie ist aber der Entwurf einer anderen Art zu denken und zu leben.

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        Opa: ‚… wir reden hier über die Bundesrepublik. Also nicht über eine Willkürherrschaft, sondern über einen freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat, … ‚

        … es fällt auf, dass Sie ‚Deutschland‘ meiden.

        … und bei ‚freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat, … ‚ entschlüpfte meinem Hamster mal wieder ein Bäuerchen. Keine Ahnung wer Ihnen das (noch) abnimmt. …… immer weniger, wa‘? Das haben übrigens die Genossen in der ‚DDR‘ auch von sich behauptet und in ihre Verfassungen‘ – die hatten sogar eine – geschrieben. … so ähnlich jedenfalls.

        Opa, ich fasse Ihre ‚Bundesrepublik‘ zusammen; Merkel-CDU/CSU/FDP/SPD/Bündnis90/GRÜNE/SED/LINKE, ‚Lockdown‘, ‚Wahrheitsmedien‘, Gender, Islam, Ehrenmord, Terror … (AfD), Nazis, Nazischlampe(n),Verschwörungstheoretiker, Aluhutträger, Faschisten, Rassisten, Klimaleugner, Covididioten, Covidleugner, Reichsbürger, Pack, Mischpoke, Köterrasse, Kartoffel … usw., usf..

        … Opa, ich mag Ihre Bundesrepublik nicht.

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        Ich weiß, daß Sie Deutschland und dessen verfassungsmäßige Ordnung nicht mögen, blonderhans; das haben Sie oft genug klargemacht. Ich frage mich nur, warum Sie damals von der DDR ausgerechnet dorthin ausgewandert sind.

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        Lieber Alan Posener,

        das mag ja sein. Aber es gibt auch nur genau eine Weltreligion, die offene Tötungsauffordeungen in ihrem „heiligen“ Buch verankert hat. Womit das „nicht kompatibel“ noch a weng heikler wird.

        Gruss,
        Thorsten Haupts

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        @Opa

        … Sie irren, Opa, ich bin nicht ausgewandert, ich wurde von den Pankower Genossen für etwa 100’000 DM, in andere Straßen derselben Stadt, verkauft. Wirklich bin ich, über einen ‚Umweg‘, als ‚deutscher Staatsangehöriger‘ [sic!] von Pankow nach Mariendorf gezogen. Dass das den Genossen, damals wie heute, nicht gefällt, ist Legion in der deutschen Historie. … merken Sie den Unterschied?

        Was Deutschland betrifft, guckst du;

        ‚Vaterlandsliebe ist gleich Elternliebe ein natürliches Gefühl. Papst Leo XIII spricht von der ’natürlichen Liebe zum Vaterland‘. (Sapientiae christianae vom 10.1.1890). Der Christ erhebt sie zum Rang einer religiösen Tugend. Thomas von Aquin verknüpft die Vaterlandsliebe mit dem vierten Gottesgebot: ‚Gott nimmt die erste Stelle ein. An zweiter Stelle sind Grundlage unseres Seins und Geführtwerdens die Eltern und das Vaterland. Darum ist der Mensch nach Gott am meisten der Eltern und des Vaterlandes Schuldner. Wie es daher zur Religion gehört, Gott zu verehren, so gehört es zur Pietät, Eltern und Vaterland zu verehren“ (S.Th II/II qu. 101, art. 1). Diese Pietät beschreibt Thomas als ‚protestatio caritatis‘ (ebd. art 3 ad 1), das heißt als in Wort und Tat sich offenbarende Liebe.‘

        … und frei nach Jak. 4,4 … ‚Wer also ein Freund dieser ‚BRD‘ sein will, der wird zum Feind Gottes.‘ DAHER!

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        „… und frei nach Jak. 4,4 … ‚Wer also ein Freund dieser ‚BRD‘ sein will, der wird zum Feind Gottes.‘ DAHER!“
        Jakobus 4,4 lautet: „Ihr Ehebrecherinnen, wisst ihr nicht, dass die Freundschaft der Welt Feindschaft gegen Gott ist? Wer nun ein Freund der Welt sein will, erweist sich als Feind Gottes.“
        Das hat mit der „BRD“ nichts zu tun.
        Lesen Sie Römer 13, 1-7:

        „1 Jeder soll sich den bestehenden staatlichen Gewalten unterordnen. Denn es gibt keine Autorität, die nicht von Gott kommt. Jede staatliche Autorität ist von Gott eingesetzt. 2 Wer sich also den Behörden widersetzt, handelt gegen die von Gott eingesetzte Ordnung und wird dafür von ihm bestraft werden. 3 Wer gut und richtig handelt, braucht die Autorität des Staates ohnehin nicht zu fürchten; das muss nur, wer gegen das Recht verstösst. Wollt ihr also ohne Angst vor Bestrafung leben, dann haltet euch an die Gesetze. Euer gutes Verhalten wird Anerkennung finden. 4 Die öffentliche Gewalt steht im Dienst Gottes zum Nutzen jedes einzelnen. Wer aber Unrecht tut, muss sie fürchten, denn Gott hat ihr nicht ohne Grund die Macht übertragen, Strafen zu verhängen. Sie handelt im Auftrag Gottes, wenn sie Gesetzesbrecher verfolgt und bestraft. 5 Es sind also zwei Gründe, weshalb sich Christen den staatlichen Organen unterordnen müssen: zum einen ist es der drohende Zorn Gottes, zum anderen aber auch unser Gewissen, das uns sonst vor Gott anklagen würde. 6 Und weil die Beamten als Beauftragte des Staates ihren Dienst im Auftrag Gottes ausüben, zahlt ihr ja auch Steuern. 7 Gebt also jedem, was ihr ihm schuldig seid. Zahlt die Steuern, die man von euch verlangt, ebenso den Zoll. Unterstellt euch der Autorität des Staates, und erweist denen, die Anspruch darauf haben, den notwendigen Respekt.“

        Sie lassen es am notwendigen Respekt fehlen. Ihr eigener Apostel verurteilt Sie.

      13. avatar

        Lieber Alan Posener,

        als intellektuelles Argument historischer Einordnung mag das ja richtig sein. Ändert aber nichts daran, dass sich in den Kerntexten des Christentums (Altes und neues Testament) keine direkten Tötungsaufrufe finden. Und wirklichen Göäubigen dürfte die Einordnung des Koran als „spätantiker Kommentar“ völlig wurscht sein.

        Mir wären nun in einer funktionierenden freien Gesellschaft religiöse Texte vollkommen gleichgültig, weil Freiheit subversiv wirkt und auf Dauer – immer (!) dazu, dass für immer weniger Menschen der religiöse Text überhaupt eine Rolle spielt bzw. handlungsleitend wirkt. Nur muss eine freie Gesellschaft diese Freiheit energisch verteidigen – was ich für den heutigen Westen bereits heftig bezweifle. Und muss notfalls bereit sein, einige Jahrzehnte stochastischen Terrors achselzuckend wegzustecken. Ich könnte das, wüsste nur nicht, warum ich das wollen sollte.

        Gruss,
        Thorsten Haupts

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        Matthäus 10,34ff:
        „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.
        Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.
        Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“

        Man nennt das auch: Dschihad.

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        @Thorsten Haupts: Alle großen Religionen haben die Eigenschaft, daß man nur lange genug in den heiligen Schriften suchen muß, um das eine oder Zitat zu finden, das, aus dem Kontext gerissen, taugt, einen Mord zu rechtfertigen. Yigal Amir beispielsweise studierte intensiv den Talmud und hielt Rücksprache mit seinem Rabbiner, ehe er Yitzhak Rabin ermordete. Der Mörder des Abtreibungsarztes George Tiller wurde von seiner Frau als gläubiger Christ beschrieben, wenn auch mehr auf alttestamentarischer „Auge-um-Auge“-Weise (https://www.christianpost.com/news/hundreds-pay-last-respects-to-george-tiller-39026/). Es kann sein, daß der Koran es den potentiellen Attentätern ein wenig einfacher macht, aber wirklich frei von Mißbrauch ist keine der Religionen.

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        Es liegt also nicht an der Schrift, sondern an der Kultur. Ist das jetzt ‚Kulturrassismus‘?

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        @APO

        … zunächst, ich habe frei nach Jak. 4,4 geschrieben. 😉 … und Sie haben, was ich zur Vaterlandsliebe geschrieben habe, nicht verstanden.

        Mangelnder Respekt und Unterordnung trifft mich nicht, es trifft die, die ihre politische Macht über das Grundgesetz stellen; im Bewußtsein einer Verantwortung vor Gott – ist nicht weniger als das Evangelium im GG, mit dem heil. Augustinus; ‚… das Neue Testament liegt im Alten verborgen, das Alte wird im Neuen aufgedeckt/offenbar … ‚. Das steht ja nicht als blah, blah darin, das hat historische Gründe.

        Hinzu noch was T.H. geschrieben hat. Ihre Antwort an T.H; den unterstellten ‚Dschihad‘, den Sie aus dem Evangelium begründen, das hatten wir anno 2014.

        Im Übrigen entspricht, was ich 2014 geschrieben habe, dem Selbstbestimmungsrecht Israels. (… dazu Jesus in Matthäus 5,17 ‚Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.‘) Und das ist auch gut so!

      18. avatar

        Das Selbstbestimmungsrecht Israels leitet sich aus dem Völkerrecht, den Beschlüssen des Völkerbunds und der Vereinten Nationen ab, nicht aus den Worten des Jesus von Nazareth.

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        Wie schön, der Konter mit der einzig halbwegs brauchbaren Textstelle aus dem NT :-).

        Ich überlasse es den Lesern selbst, ob diese (die gewalttätigste Stelle des gesamten Neuen Testaments) wirklich auch nur annähernd vergleichbar ist mit:

        “ … wünschen, daß ihr ungläubig werdet, wie sie ungläubig sind, und daß ihr (ihnen) gleich seid. Nehmet aber keinen von ihnen zum Freund … Und so sie den Rücken kehren, so ergreifet sie und schlagt sie tot, wo immer ihr sie findet; und nehmen keinen von ihnen als Freund oder Helfer …“
        Sure 4

        „Sind aber die heiligen Monate verflossen, so erschlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet, packet sie und belagert sie, und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf.“
        Sure 9

        „Wahrlich, wenn die Heuchler und diejenigen, in deren Herzen Krankheit ist, … nicht aufhören, so werden Wir dich gegen sie anspornen. Als dann sollen sie nicht darinnen als deine Nachbarn wohnen, es sei denn nur für kurze Zeit. Verflucht, wo immer sie gefunden werden, sollen sie ergriffen und niedergemetzelt werden.“
        Sure 33

        Kann noch über einige Dutzend weitere Stellen fortgesetzt werden, lieber Herr Posener. Ich brauche hier nicht mal zu argumentieren – lesen kann jede/r selbst.

        Gruss,
        Thorsten Haupts

      20. avatar

        Ja, lieber Thorsten Haupts, Mohammed war Prophet und Heerführer. Und bei den israelitischen Propheten, Kriegern und Königen findet man weiß Gott genug Blutrünstiges. Auch, was Gott selbst etwa beim Coitus Interruptus und ähnlichen schrecklichen Sünden wie Reisig sammeln am Schabbat fordert, ist nicht ohne. Ganz zu schweigen von den diversen christlichen Eroberern, von Karl dem Großen über die diversen Kreuzzügler und ihre Päpste, die Reconquistadoren, Cortez und Pizzaro bis hin zu den Deutschen in Afrika. Die Liste ist nicht annähernd vollständig.
        Mohammed ist überdies ein Mann des 7. Jahrhunderts. Was er über die Juden sagt, ist zwar nicht schön, aber nicht annähernd so entsetzlich wie das, was der hierzulande gefeierte Martin Luther acht Jahrhunderte später verbrochen hat. Es ist wirklich unsinnig, mit den Heiligen Büchern zu argumentieren. Man muss schon die historische und gegenwärtige Praxis betrachten, und die sieht bei den Muslimen schlimm genug aus. Jedoch hat es bei ihnen nie einen Holocaust, einen mit Stalin, Mao, Pol Pot vergleichbaren Massenmörder, einen mit dem japanischen Eroberungsfeldzug vergleichbaren Krieg gegen den Westen gegeben. Das alles liegt nicht einmal ein Jahrhundert zurück. Und auch die Liste ist unvollständig. Ich wäre an Ihrer Stelle weniger hochmütig.

      21. avatar

        APo: ‚Das Selbstbestimmungsrecht Israels leitet sich aus dem Völkerrecht, den Beschlüssen des Völkerbunds und der Vereinten Nationen ab, nicht aus den Worten des Jesus von Nazareth.‘

        … das habe ich auch nicht bestritten. Allerdings, ‚Völkerbund‘ und ‚Vereinte Nationen‘ sind aus dem 20.Jahrhundert. Das Selbstbestimmungsrecht der Menschen und Völker ist ewig.

      22. avatar

        Nein, blonderhans, das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ ist nicht ewig, sondern wurde vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson erfunden, hauptsächlich, um eine Waffe gegen das Habsburgerreich in Händen zu haben. Lenin und Stalin haben es gegen das Zarenreich und gegen das britische Weltreich in Anschlag gebracht. Es ist ein unbestimmter und fast beliebig auslegbarer Kampfbegriff. Offenkundig gibt es kein Selbstbestimmungsrecht etwa für die Uiguren, Tibeter, Hongkonger, Taiwanesen, Kurden, Katalanen, Basken, Korsen, Flamen u.a.m., weil sich niemand für sie einsetzt. Und das hat Gründe, manchmal bessere, manchmal schlechtere. Jedenfalls gibt es auch das Recht der Staaten auf Integrität, und der Minderheiten auf Schutz, das zuweilen gegen das Selbstbestimmungsrecht der „Völker“ spricht.

      23. avatar

        APo ./. T.H.: ‚Ja, lieber Thorsten Haupts, Mohammed war Prophet und Heerführer. …

        … Mohammed als Prophet hat es, als historische Gestalt, nie gegeben. Christoph Luxenberg hat nachgewiesen, dass der Koran in einem aramäisch-arabischen Sprachumfeld geschrieben wurde. Diese Meinung haben Sie, werter APo, selber in einem ‚Streitgespräch‘ mit Alexander Görlach im Dez. 2009 im ‚The European‘, vertreten.

        ‚Wir‘ hatten das, u.a., ähnlich 2017.

      24. avatar

        Lieber blonderhans, ich bleibe agnostisch, was die Existenz Mohammeds angeht. Sie ist, denke ich, so wahrscheinlich wie die Existenz des Jesus von Nazareth, die Rudolf Augstein bekanntlich auch geleugnet hat.
        Wer Mohammed jedoch immer war: Der Koran wird zusammengestellt im Kontext einer gewalttätigen Expansion der muslimisch-arabischen Gebiete, hauptsächlich auf Kosten zunächst anderer arabischer und jüdischer Stämme und dann des Römischen Reichs. Und er spiegelt diese Situation wider. Das „Neue Testament“ entsteht 600 Jahre zuvor im Kontext der Auseinandersetzung über die richtige Form des jüdischen Widerstands gegen eben jenes Reich und ist nicht zuletzt Produkt der vernichtenden Niederlage des bewaffneten Aufstands und der Vernichtung des Tempels. Es ist absurd, beide Texte ohne Kontext zu lesen.

      25. avatar

        Lieber Alan Posener,

        die Debatte ging darum, ob der Islam mit westlichen gesellschaften kompatibel gemacht werden kann. Und warujm das aus meiner Sicht schwierig ist – nämlich aufgrund der offenen Gewaltaufforderungen des religiösen Kerntextes.

        Ich verstehe, dass Sie genau diese Debatte eigentlich nicht führen wollen, damit sind Sie ja nicht alleine :-). Nur habe ich widerum kein Interesse daran, über geschichtliche Schandtaten christlicher Fürsten oder Heerführer zu führen. Die sind mir gut bekannt, waren und sind eben nur nicht Bestandteil des diskutierten Problems.

        Gruss,
        Thorsten Haupts

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        Lieber Thorsten Haupts, dass ich, der ich seit vor 9/11 über den radikalen Islam schreibe und mich wiederholt auch hier auf SM zur Frage der, wie Sie es nennen, „Kompatibilität“ von Islam und Moderne geschrieben habe, „diese Debatte eigentlich nicht führen will“, ist eine Unterstellung, die nur auf völliger Unkenntnis beruhen kann, da ich Ihnen nicht böser Wille unterstellen mag.
        Meine Haltung ist die: Heilige Bücher sind das Eine, religiöse Praxis das Andere. Millionen Muslime demonstrieren Tag für Tag, dass sie wertvolle Bürger*innen unserer Gesellschaft sind. Jeder Versuch, mit Verweis auf Stellen aus einem im 7. Jahrhundert geschriebenen Buch einen Generalverdacht gegen Muslime zu erregen, ist für mich Rassismus übelster Sorte, weil er nicht davon ausgeht, was einer tut, sondern was einer ist. Daher auch mein Hinweis auf die Christen. Jesus predigte die Feindesliebe, aber die Christen haben es in der Kunst des Abschlachtens ihrer Freunde weiter gebracht als die Angehörigen jeder anderen Religion, von den Kreuzzügen bis Srebrenica. „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.“
        Dennoch bleibt es eine Tatsache, dass in unserer heutigen deutschen Gesellschaft (schon in den USA ist es anders) die Gefahr durch den Islamismus erheblich größer ist als durch irgendwelche durchgeknallte Christen (wie etwa Anders Breivik oder Pegida). Dieser Gefahr gilt es konkret entgegenzutreten, der Ideologie des Islamismus entgegenzutreten, und dazu gehört, dass Muslime die Worte des Propheten, ohne sie in Frage zu stellen, im historischen Kontext sehen, wie wir die Worte von Moses und Jesus, der Kreuzfahrer oder Martin Luthers. Wenn jemand wie Sie mit einer minimalen Kenntnis islamischer Lebenspraxis anhand einiger Koranstellen zu wissen meint, der ganze Islam müsste auf das Massakrieren der Götzendiener (zu denen Christen und Juden übrigens nicht gehören) ausgerichtet werden, so besorgt er das Geschäft eben jener Islamisten, die ebenfalls furchtbare Vereinfacher sind.

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    Einmal ganz selbstkritisch die eingangs gestellte Frage beantwortet.

    Wir haben den Krieg in den Nahen Osten getrieben, Afghanistan, Irak, afrikanischer „Frühling“, … , 30 Jahre Tod und Verwüstung und tausende von Waffen geliefert. Die jungen Leute aus diesen Ländern kennen gar nichts anderes und jetzt kommt der Krieg halt zu uns zurück.

    Und noch selbstkritischer. Die Amis haben es doch mit ihrem „Tontaubenschießen“ auf Zivilisten vorgemacht. Die Terroristen haben eben gelernt, dass Zivilisten ein viel leichteres Ziel sind.

    Die Religion hat diese Unzufriedenheit nur gesammelt. Es wäre aber auch ohne den Islam zu den Terroranschlägen gekommen.
    Beispiele für asymmetrische Kriege existieren genug. Das ist ganz „normales“ Kriegshandwerk.

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    „Warum greifen sie ausgerechnet uns an?“

    Lieber Alan Posener,
    ich schätze – selbst dort wo ich anderer Meinung bin – Ihre klugen Wortmeldungen sehr.
    Diese Überschrift aber ist, gelinde gesagt, naiv.
    Natürlich sind nicht alle Moslems Terroristen, glücklicherweise gibt es genügend unter ihnen, die ihren Islam nicht viel ernster nehmen als viele Christen, die bestenfalls mal an Weihnachten in die Kirche gehen.
    Aber fast alle religiös motivierten Terroristen, die es auf der Welt gibt, sind nun mal Moslems.
    Jedem christlich motivierten Terroristen könnte man anhand der Bibel, insbesondere des Evangeliums, nachweisen, daß seine Taten seiner Religion widersprechen. Das alte Testament ist etwas härterer Stoff, trotzdem sind jüdische Terroristen auch eher selten.
    Bei den Moslems ist das etwas anders.
    Jeder islamische Terrorist kann in seinem heiligen Buch genau die Stellen angeben, die seine Taten nicht nur rechtfertigen, sondern sogar fordern.
    Um auf Ihre Überschrift zurückzukommen:
    Sie greifen uns an, weil sie es können und sie in unseren liberalen Gesellschaften nur geringe Konsequenzen zu befürchten haben. Stattdessen finden sie sogar immer wieder Verständnis, daß überhaupt darüber diskutiert wird, daß manche Karikaturen eine Kränkung seine könnten zeigt dies doch offensichtlich.
    In China und Myamar haben sie zumindest begriffen, welche Gefahr der Islam grundsätzlich darstellt.

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        So einfach ist es nicht.
        Der türkische Ministerpräsident betrachtet unsere Integrationsbemühungen ähnlich den chinesischen Lagern, nur halt in nett. Damit liegt er ja gar nicht mal so falsch. Die türkischen Migranten sollen sich laut türkischer Regierung als nationale Minderheit verstehen und auch so agieren. Sollten türkische Fahnen ein Gradmesser sein, macht er das mit einem gewissen Erfolg. Wer kann es denn den anderen Mitbürgern verübeln, wenn sie sich vor dem Tag fürchten, an dem sie zum Ehrlichmachen aufgefordert werden?

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    …inzwischen ist mir klar geworden, was Sie vermutlich mit Schuld meinen: Jede Religion beansprucht absolute Wahrheit, d.h. die Schuld der Demokatie besteht aus religiöser Sicht darin, dass sie die Religion keinen Gottesstaat errichten lässt. D.h. eine relativistisches Nebeneinander vieler Religionen durchzusetzen statt die absolute Herrschaft der (jeweiligen ) einziwahren Religion zu installieren – das ist die vermeintliche „Schuld“.

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      Hm, inzwischen beschleichen mich wieder Zweifel, nachdem ich die verlinkte Rezension überflogen habe, ob ich jene seltsame Schuld wirklich richtig verstanden habe. Mit dem Monotheismus „kommt das Wissen von gut und böse in die menschliche Seele“, steht da beispielsweise. Als hätte es vorher keine Menschen gegeben. Als hätte z.B. Aristoteles nie gelebt oder von gut und böse nichts gewusst.

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        Die Rezension ist aus mehreren Gründen problematisch. Aber da sie von einem prominenten Autor stammt, wollte ich sie Ihnen nicht vorenthalten.

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        Allerdings. Ich stolpere überall, z.b. auch bei der Einschätzung des Protestantismus, der wie keine andere Religion das individuelle Gewissen ins Zentrum gerückt hat. Angeblich habe er das Ritual abgeschafft, heißt es dort platt. Aber was ist mit den Bachkantaten, wo in der monotheistischen Welt gibt es etwas, das dem auch nur annähernd gleichkommt? (In den bildlichen Darstellungen schon, aber nicht in der konkreter Aufführungspraxis.) Das katholische Ritual bietet im Vergleich zu diesen Werken – mit der ausdrücklichen Intention, „regulirte Kirchenmusik“ zu schaffen – doch nur Firlefanz: lateinisch murmelnde Priester in absurden Gewändern, umgeben von Weihrauch. Martin Luther hat die Musik und das Textverständnis in die Gottesdienste gebracht und den Leuten ermöglicht, am Ritual teilzunehmen, statt nur zu beobachten. Ohne ihn wäre Bach womöglich Opernkomponist geworden. Dadurch wurde das Ritual auf eine ganz andere Qualitätsebene gehoben. Wer daran zweifelt, höre sich z.B. die Matthäuspassion an.

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    Das ist ja nun wirklich durch nichts zu halten.

    Der Bruch von Religion und Staat wurde während der Aufklärung durch die Bürger mühsam erstritten.
    Anstelle von göttlichen Wahrheiten wurde die Erkenntnis der Wissenschaft gesetzt.

    Diese Freiheiten gilt es ständig zu verteidigen, gerade auch im 21. Jahrhundert gegen den Sozialismus, der die moderne Religion für die Massen bildet.

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      Stammen Sie aus der DDR, lieber Steffen Ehrlich? Ihre Geschichtsauffassung jedenfalls erinnert mich an die Ignoranz, die in der DDR Staatsdoktrin war: „Anstelle von göttlichen Wahrheiten wurde die Erkenntnis der Wissenschaft gesetzt.“ Durch wen? Wann? Ist die Demokratie ein Ergebnis „wissenschaftlicher Erkenntnis“? Fragen eines lesenden Geistesarbeiters.

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      A weng oberflächlich?

      Ich halte es historisch für durchaus vertretbar, dass wesentliche Teile des modernen Menschenrechtsverständnisses sich wegen des – und nicht gegen das – Christentum durchgesetzt haben, genauer, wegen des Menschenwürdeverständnisses aller (!) Menschen als „Gottes Geschöpfe“.

      Dem steht überhaupt nicht entgegen, dass Teile dieser Menschenrechte gegen eine autoritäre, manchmal offen gewalttätige, Bürokratie namens „katholische Kirche“ durchgesetzt werden mussten. Beides gehört zum vollen historischen Bild und ist keine Widerspruch.

      Gruss,
      Thorsten Haupts,
      bekennender Agnostiker

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        Ich denke, dass beides zwar zum vollen historischen Bild gehört, aber durchaus ein Widerspruch darstellt. Das volle historische Bild ist sowieso voller Widersprüche. Es wäre sehr seltsam, wenn man die katholische Kirche subtrahieren müsste, um zum Christentum zu kommen. Mit der „Menschenwürde für alle“ hat man es in der katholischen Kirche jedenfalls nicht sehr genau genommen. Da musste man z.B. die ungeborenen Kinder bereits im Mutterleib per Spritze taufen, um sicherzustellen, dass sie rechtzeitig zu „richtigen Menschen“ werden. Was man die „falschen Menschen“ von diesen theologischen Menschenrechtlern zu erwarten hatte, könnten z.B. die Südamerikaner besser erläutern als ich. Und ein Priester oder König sollte nicht dieselben Rechte bekommen wie ein einfacher Bauer. Das war nicht der Gedanke. Sondern die Hierarchie auch unter den „richtigen Menschen“ galt als von Gott eingesetzt und gerechtfertigt. Das wird man kaum nachträglich als unbedeutenden theologischen Irrtum erklären können.

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        Und so ist es teilweise auch heute noch. Im Zuge der amerikanischen Präsidentenwahl habe ich mir Videos von „Evangelikalen“ angesehen. Die glauben, Trump wäre ein Gesandter Gottes. Seine Lügen und Sünden sprächen nicht gegen, sondern für ihn. Seine Auserwähltheit würde man an seinem Reichtum und seiner Macht erkennen. Man kann die nicht als eine unbedeutende Sekte von Spinnern abtun, dazu sind es zu viele.

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    Es gibt aber auch eine einfachere Antwort auf die Frage: „Warum in Europa?“: weil die Terroristen hier geboren wurden und hier leben. Der letzte Attentäter hatte ja nach Syrien auswandern wollen, um sich dem IS anzuschließen, aber man hat ihn vorher abgefangen und verhaftet. D.h. er wollte ursprünglich gar nicht Europa angreifen, sondern für das Kalifat kämpfen und dabei den Heldentod sterben. Er ist zwangsweise in Europa geblieben und hat dann eben dort zugeschlagen. Hauptsache war für ihn, überhaupt zuzuschlagen und sich als toller Kämpfer im Internet zu verewigen. Europa war als Terrorziel nur zweite Wahl, aber (aus von Ihnen erläuterten Gründen) immerhin ideologisch geeignet. Wie aber 99% aller anderen Staaten auch, denn ein IS-Terrorist findet Putins Russland oder das muslimische (schiitische) Iran auch nicht besser und hätte nichts dagegen, statt in Europa dort zu sterben. Man kämpft also gegen die gesamte Welt, nicht vorzüglich gegen Europa, aber der Einfachheit halber hier.

    Ich stimme Ihnen aber ansonsten zu und verstehe lediglich den vorletzen Satz nicht: „Sondern weil unsere westliche Demokratie ihre Schuld gegenüber den Religionen des Buchs begleicht“ – wenn ich nicht etwas übersehen habe, fällt hier der Begriff Schuld sehr unvermittelt. Da fragt man sich als Leser und Freund der Demokratie, worin denn die Schuld besteht gegenüber den „Religionen des Buchs“? (Und man könnte auch erwähnen, dass es auch eine Schuld der „Religionen des Buchs“ gegenüber dem freiheitlichen Staat gibt, die darin besteht, sich mit seinem „Buch“ begründungslos – rein glaubend – über andere Bücher hinwegzusetzen und die Moral und das Gewissen allein für sich selbst zu beanspruchen.)

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      ,,,auch die Aufmerksamkeitsökonomie spricht für Europa. Wenn man hier einen Terroranschlag verübt, ist das wesentlich wirkungsvoller als z.B. in Afrika oder im Nahen Osten. Dort gehört das zum Alltag, Ich fürchte, dieser Umstand ist für die Terroristen viel entscheidender als die Frage, wie die liberale Demokratie im Prinzip zu bewerten ist. Es gibt also ausreichend pragmatische Gründe, um als Terrorist in Europa zuzuschlagen. Und das systematische, folgerichtige Denken ist sowieso nicht die Sache dieser Leute.

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        Ihrer ersten Behauptung stimme ich unbedingt und dankbar für den Hinweis zu. Ihrem letzten Satz nicht.

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      Die Demokratie schuldet den Religionen des Buches die Erfindung des Individuums, die Kritik an der weltlichen Herrschaft und damit der Demokratie.

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        Wie gesagt: Eine solche Schuld sehe ich nicht. Das individuum wurde nicht von den Religionen erfunden. Das ist einfach eine Anmaßung (wie in der Ricola-Werbung). Bereits Sokrates wusste alles über das Individuum. Es gab höchstwahrscheinlich auch in der Steinzeit schon Individuen, nur wissen wir nichts über sie. Das hat weniger mit den „Religionen des Buches“ als mit den Büchern selbst zu tun (fehlende Überlieferungen und Zeugnisse).
        Und die Kritik an der weltlichen Herrschaft ist zumindest in Europa nicht mit freundlicher Unterstützung, sondern gegen den heftigen Widerstand der Religion entstanden. Und so sieht es auch in den zeitgenössischen muslimischen Staaten aus. Das scheint also generisch zu sein. Allenfalls stammt, wie Nietzsche meinte, das wissenschaftliche Streben nach Wahrhaftigkeit aus dem Christentum und hat sich dann gegen das Christentum gewendet. Ein Eigentor. Für dieses Wahrheitskonzept könnte man sich also bei den Scholastikern bedanken. Trotzdem gab es das Streben nach Wahrheit auch ganz ohne Monotheismus (alte Griechen).

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        Also jedenfalls mussten die Aufklärer (Kepler, Galilei) gegen das festgezurrte theologiscge Weltbild listenreich und mit langem Atem ankämpfen. Kants aufklärerisches Ideal ist etwas, das sich gegen weltliche und geistliche Bevormundung gleichzeitig richtet. Die monotheistische Theologie wollte die Menschen nicht befreien, sondern bevormunden. Jedenfalls im Iran will sie das auch heute noch. Es gab und gibt Bestrebungen, diese Bevormundung als eine Befreiung darzustellen. Klar, das ist ja auch nicht anders zu erwarten. Aber man muss nicht jeden Winkelzug der Theologen mitmachen.

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        Zum Streben nach Wahrheit: Eigentlich war es ja so, dass die monotheistische Religion jegliches Streben nach Wahrheit zunächst erstickt hatte. Jahrhundertelang! Und danach reklamierte sie es für sich. Es war vorher lange schon da und hatte es sogar zu bedeutender Blüte gebracht. Die Scholastikern haben es lediglich wiederentdeckt. Man hatte den Wahrheitssinn erst betäubt und dann wiederbelebt. Und dabei, ganz nebenbei und raffiniert, ihn sich einverleibt (in Gestalt des Aristoteles in scholastischer Lesart). Und es so aussehen lassen, als habe man gut und böse, wahr und falsch erfunden und in die Seele der Menschen gelegt. Ganz schön raffiniert. Aber gut, böse, wahr und falsch gibt es auch ganz ohne Monotheismus und schon solange es Menschen gibt.

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        Eine seltsame Erkenntnis für einen Atheisten, oder sind Sie im Alter fromm geworden.
        Da waren sie in Athen und der Römischen Republik auch ohne diese drei seltsamen Bücher weiter als in jeder von den Buchreligionen inspirierten Theokratie. Demokratie entstand erst wieder durch die Überwindung der Buchreligionen. Deshalb tut sich die Demokratie auch so schwer in allen islamisch geprägten Ländern dort ist der Islam keineswegs überwunden.
        Und wie die Türkei zeigt, kann es auch dort, wo man auf einem guten Weg war, wieder rückwärts gehen.

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        Achso, die Erfindung der Demokratie. Die wurde nach unserer Schulmeinung in Athen erfunden, mitten im Polytheismus. Natürlich in anderer Form als heute: Es gab Bürger auf der einen und Sklaven und Frauen auf der anderen Seite. Heute gibt es Staatsbürge und Nichtstaatsbürger, das Frauenrecht wurde im Kanton Appenzell erst in den 70er Jahren eingeführt und nicht von Theologen. Kinder können nach wie vor (zurecht) nicht wählen. Der Absolutismus in Frankreich hat sich selbst als christliche Staatsform interpretiert und hatte mit Demokratie absoilut nichts am Hut. Im Vatikanstaat kann ich auch keine demokratische Gleichberechtigung erkennen. Über den Iran muss man keine Worte verlieren. Demokratie hat es sogar bei den ollen Germanen geben, zumindest das Mehrheitsprizip unter Gleichberechtigten (Thing). Also: wer hats erfunden? Der Mensch. Nicht der exklusiv monotheistische Mensch.

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        Immerhin ist mir doch noch ein Beispiel eingefallen, wo die Kirche an einer Demokratiebewegung maßgeblich beteilgt war: bei der „friedlichen Revolution“ in der DDR. Das muss man unbedingt anerkennen. Ich fürchte allerdings, dass man dieses Verhalten der Kirche als das Ergebnis eines langwierigen, von außen angestoßenen Prozesses bewerten muss, der auch die Kirche verändert hat – und nicht umgekehrt.

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        P.S. Die „Achsenzeit“ ist tatsächlich ein interessanter Versuch, die globale Menschheitsentwicklung zusammenhängend zu betrachten. Das sind enorm komplexe Dinge. Man muss bedenken, dass das über Jahrtausende hintereinander und nebeneinander angeordnete und verbundene Entscheidungen und Handlungen von Menschen sind, und jede einzelne Entscheidung und Handlung ist von einem „freien Geist“ eines Menschen verursacht worden (ich halte vom Determinismus bzw. dem Konzept des unfreien Willens überhaupt nichts). Ich muss mich damit mal beizeiten näher beschäftigen. Es sieht aber keineswegs danach aus, als müsste man sich bei den monotheistischen Religionen für seinen Individualismus bedanken.

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