(Dies ist ein Auszug aus meinem Buch »Terrohr – Jargon der Utopie – Neue Musik & alte Lüge« – kostenlos erhältlich unter www.oea-verlag.de)
Wer oder was ist eigentlich ein Intellektueller? In erhaben-elitärer Vornehmtuerei besamt und bepflanzt sich der Intellektuelle mit all den anderen in deren wohl temper- und finanziertem Gewäsch-, Pardon, Gewächshaus, in dem dann distinktionsgesättigt »das Phantasma aufblühen darf, daß es doch die Hermeneutiker wären und nicht die Ingenieure, die in letzter Instanz Geschichte machen«, verstehe ich Sloterdijk in »Die Sonne und der Tod« richtig. Wie etwa Jean Améry einen Intellektuellen verstanden wissen möchte, beweist, dass ich evident keiner bin – fürderhin auch keiner sein will oder es einen schönen Tages werde(n wollte): »Der physikalische Vorgang, der zu einem Kurzschluß führt, interessiert ihn nicht; über den Dichter derhöfischen Dorfpoesie Neidhart von Reuenthal aber weiß er Bescheid.«
Für Physik interessiere ich mich lässlich. Begreifen tu‘ ich die noch lässlicher bzw. unterwerfe mich, was auch sonst, den Naturgesetzen. Deren Funktionsweisen, die für alle gelten (auch für Intellektuelle), zur Sprache zu bringen, um sie uns gröbst zu erläutern (u. a. für unsereins ohne Physikstudium), ist bisher nur wenigen klugen Köpfen beschieden. Aber Lyrik des 13. Jahrhunderts? Respekt (oder auch nicht), wem sie gefällt, die aufscheint mir allerdings als waschechte Nische und kann, soll und darf gern Lackmustest sein, den ausschließlich der Intellektuelle zu bestehen in der Lage sich wähnt. Die selbstbestimmte Beherrschung der Natur, sei es die der Natur selbst wie der des Menschen, ist mir dann aber doch häufig ein größeres Anliegen, als das Lesen von Gedichten aus dem 13. Jahrhundert (oder hülfen die mir beim Beherrschen?), um zu wissen, wie dringend notwendig es ist, dass eine westliche Infrastruktur installiert bleibt, die – von Menschen, die die Installation physisch bewerkstelligen, jetzt und hier im 21. Jahrhundert – dafür sorgt, dass zumindest Restbestände an Befähigung von reflektierter Beherrschtheit sowohl beherbergt, als auch gepflegt werden kann und, als Surplus, des Neidharts Wort weiter für den Intellektuellen (gebührenfrei) in der Bibliothek zur Verfügung steht.
Aber Améry? Ist das nicht extrem dünnes Eis, das hier betreten wird, genau diese Prominenz heran zu ziehen? Nein. Der höchstverehrte Améry muss es sein, las er dessen einstigen Genossen mit Sanftmut die Leviten, wie es, in die Jetztzeit transferiert, den aktuellen philosemitschen Deutschkommunisten kaum weniger zusagen könnte, weil er glaubt, »erfahren zu haben, daß die äußersten Zumutungen und Anforderungen, die an uns gestellt werden, physischer und sozialer Natur sind. Daß mich solche Erfahrung untauglich gemacht hat zu tiefsinniger und hochfliegender Spekulation, weiß ich. Daß sie mich besser ausgerüstet haben möge zur Erkenntnis der Wirklichkeit, ist meine Hoffnung«, die alle abstraktionssüchtigen kritischen Theoretiker und Etonalisten, zuvörderst die tätervolkdeutschnachfahrenden, konkret fahren lassen müssen, ist »ihr Reich nicht das Hier und Heute, sondern das Morgen und das Irgendwo: das chiliastisch überstrahlte, sehr ferne Morgen des Christen oder das utopisch-irdische des Marxisten« (Améry). Und um das irdisch zu erreichen, hetzen die hegeltungsbedürftigen Utopisten mit eiskalt abstoßend teutonischer Herrenmenschattitüde gegen alle/s Nichtintellektuelle/n, polemisieren pauschal und propagieren dabei ihre emanzipatorische Versöhnungsneurose heraus aus einem »aseptischen Universum akademischer Abstraktionen« (Mohr). Just für diesen marxistisch-totalitären Endsiegzweckdreck wird, wie grässlich, stetsfort der linke Jean Améry herbeizitiert, wobei das juste milieu sehr sorgfältigsegregiert, wird Jeans herbe Kritik am DiaMat ausgespart, denn »[…] bei den Dialektikern um Adorno, als auch im Strukturalismus erkannte Améry eine Theorie, die nicht auf dem Fundament der gelebten Wirklichkeit operiert und in gefährlichen Sprachspielen über das Subjekt und die erlittene Vergangenheit hinwegsieht« (Brandl), womit jene paar dialektikaddicted Montparnasen das singulär bestialische Leid Amérys samt dessen humanistischem Werk perfide pervertieren.
Hier entlädt sich also mein bauernschlau-ressentimentgeladener Anti-Intellektualismus – polpotztausend, schon wieder alle Nickelbrillenträger ins Arbeitslager: Brotfront! – mit alternativlos blindem irrationalen Aktionismus? Selbstverfreilich nicht. Nur zu, Intellektuelle, tut, wovon ihr nicht ablassen könnt, ich halte niemanden auf, ist ein freies Land, trotzdem ihr es als postnazistisch desavouiert. Arroganterweise besteht euer abenteuerliches Anliegen darin, oder es ist das einer absoluten Mehrheit der Intellektuellen, ein starres System der jeweils einen, wenn nicht der einzig wahren Logik national/sozialistisch-, kommunistisch-, platonisch-, aristotelisch-, aquinisch-, negativistisch-, positivistischer usw. Prägung auszumachen und ausgemacht zu haben. Ich halte dagegen, »[…] daß die menschliche Natur nicht logisch ist und daß durch den weisen Verzicht darauf, Dinge bis an ihr logisches Ende zu treiben […]« (A. Chamberlain), allen mehr geholfen ist, als dass es diese eine Logik gibt. Mich nervt, ach was, langweilt auch dieser elend selbstgerechte und hypertondeutsche kantisch-hegelianische Weltgeistfriedensquatsch, den es immanuelbekantlich nur auf dem Kirchhofe gibt. Ich wäre schon zufrieden, gölte weltweit überwiegend – hier bin ich spröder bourgeoiser Demokrat, die einfache Mehrheit genügte – das hier: »Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst« (Hall), wovon, meines Wissens, linke wie rechte Utopisten gar nichts halten, weil zu bourgeois.
Ohnedies: Das Leben aufs Spiel setzen: Mein Kenntnisstand vom Verhältnis Intellektuelle und konkrete Gewaltanwendung ist der, dass jene nach jahrelanger intellektueller Erwäg- inclusive der daraus resultierenden physischen Erschlaffung, doch einmal selbst zur Waffe zu und Feinde anzugreifen, niemals nie werden vollziehen können – dies haben bitte andere zu tun –, sondern meinen, allein die gesamte Welt geistig durchdrungen zu haben, damit alle anderen Weltenbürger von der Geistesmacht des Intellektuellen ergriffen und bereit sind, diesem zu folgen, dieser vorgeblich das Weltwissen gepachteten, weltphoben und radikal rappeldeutsch-autoritär- unnachgiebigen Flitzpiepe. »Good intentions can turn into the insane arrogance of thinking your revolution is so fucking awesome and your generation is so mind-bendingly improved that you have bequeathed the world with a new kind of human – you’re welcome« (Maher).
Spahn ist überreif für den Rücktritt

Dass der Unionsfraktionschef eine Leihmutter für seinen Kinderwunsch nutzte, steht im klaren Widerspruch zu den Werten und dem Programm der CDU. Er ist schon lange eine Belastung für Kanzler Merz. Mehrere Skandale hat er ausgesessen, dieser ist einer zuviel.
Das „C“ der Unionsparteien entfaltet in Programmen und Reden ihrer Gründer, besonders Konrad Adenauers, vier Dimensionen. Neben der ökumenischen eine nach der Nazi-Barbarei und im Angesicht kommunistischer Bedrohung anti-totalitäre und eine Milieugrenzen überschreitende sozial-integrative; vor allem aber sticht der Anspruch hervor, Politik nicht mehr nur aus Interessen heraus zu entwickeln und zu begründen, sondern wertorientiert auf christlichem Fundament zu betreiben. Weiterlesen
Warum die Rolling Stones an Amy Winehouse scheitern
Illustration: Gemini nach Prompts von Amy Winehouse
Ich liebe Cover-Versionen. Daran erkennt man erst, wie gut ein Sänger, eine Sängerin oder eine Band ist. Manche Cover-Versionen sind besser als das Original: man denke etwa an Ray Charles‘ Version von Eddy Arnolds Song „You Don’t Know Me“, die einfach Maßstäbe gesetzt hat. Maßstäbe, an denen man so herzzerbrechend schön (und gewollt) scheitern kann wie Meryl Streep in „Postcards from the Edge“, dass man den Film immer wieder sehen will, nur um ihre Version zu hören.
Gedenken an Sebrenica: Fragen an das Nie wieder

Wie Islamisten versuchen, das Erinnern an den Völkermord für ihre Zwecke zu nutzen
Zum 11. Juli hat es wieder viele Gedenkveranstaltungen gegeben zu dem Massaker an 8000 muslimischen Jungen und Männer vor 31 Jahren in Sebrenica, das seit 1992 von der UNO als Schutzzone eingerichtet war, die aber wegen der Blockade Russlands und Chinas den niederländischen Blauhelmsoldaten kein robustes Mandat gegeben hatte. Meist wird beim Erinnern diese Tatsache unterschlagen und nur allgemein von Hass geredet, den es nicht mehr geben dürfe.
Ich verstehe die Gefühle der Überlebenden, der Witwen von Sebrenica und deren Kindern, Freunden und Nachbarn. Im vergangenen Jahr war ich bei einer Gedenkfeier von Bosnierinnen in Berlin und bei einem Hearing im Bundestag mit den zwei Abgeordneten, die als Kinder aus Bosnien nach Deutschland geflohen sind, Adis Ahmetovic und Boris Mijatovic. Die anschließende Zeremonie vor dem Brandenburger Tor war sehr bewegend. Doch dann sah ich, dass sich an das Gedenken junge Männer anhefteten, die das Gedenken ideologisch für den radikalen Islam ausnutzen wollten. Einige fragten mich, ob denn nicht dasselbe jetzt in Gaza passiere. Weiterlesen
Ein arabisch-muslimischer Israeli – ermordet am 7. Oktober 2023

Das ist Awad Darawshe. Bis vor wenigen Tagen wusste ich nicht, wer er war. Ich setze mich seit Jahren mit Israel, Antisemitismus und dem 7. Oktober auseinander. Ich habe unzählige Berichte dazu gelesen. Trotzdem war mir dieser junge Mann völlig unbekannt. Warum eigentlich? – Ein Gastbeitrag von Stefan Hensel
Awad war 23 Jahre alt. Er kam aus Iksal bei Nazareth. Er war israelischer Araber, Muslim und arbeitete als Sanitäter. Eigentlich wollte er Arzt werden. Seine Mutter erzählte später, dass sie ihn immer ihren „Sohn der Umarmungen“ nannte, weil er sie ständig in den Arm nahm. Ich weiß nicht warum, aber genau dieser Satz ist bei mir hängen geblieben. Vielleicht weil aus einem Namen plötzlich ein Mensch wird. Weiterlesen
Keine Demo mit falschen Freunden. Bekenntnisse eines Demo-Muffels
Eine Demonstration. Konstantin Wecker sitzt auf der Bühne mit violettem Kopf. Schweiß in Fontänen verspritzend verkündet er „Man muss den Flüssen trauen“. So prügelt er „seine unerhörte poetische und musikalische Sensibilität für das Leben“ hinein in die Tasten des Flügels und hinaus in den Abendhimmel. Vor Tausenden Menschen, die seinen schweißgetränkten Flüssen trauen.
Wecker singt ein Plakat nach dem anderen, seine Band spielt dazu mit der tückischen Harmlosigkeit eines Kaffeehausorchesters. Als nächstes kommen die Bots: „Das weiche Wasser bricht den Stein“. Ich erwache schweißgebadet und muss brechen. Ein Blick ins dunkle Zimmer: Es war nur ein Alptraum. Gottseidank. Schnitt. Weiterlesen
Schwul, queer, trans – egal

Dass es kaum noch jemand stört, dass der neue Berliner CDU-Spitzenkandidat homosexuell ist, zeigt, wie weit die Anerkennung und Gleichberechtigung sexueller Minderheiten gediehen ist. Gefahren drohen ihnen vor allem aus migrantischen Milieus. Und durch Übertreibungen.
Als Klaus Wowereit sich 2001 bei seiner Nominierung zum Regierenden Bürgermeister von Berlin outete, schlug das hohe Wellen. Ole von Beust, der damals Hamburger Bürgermeister wurde, traute sich nicht, es ihm nach zu tun, weil er Ressentiments in seiner CDU und der Stadtgesellschaft fürchtete. Dass Stefan Evers, der nun anstelle von Kai Wegner für die CDU in der Hauptstadt antritt, schwul ist, führt selbst bei Konservativen in seiner Partei nicht einmal mehr zu Schuterzucken. Es spielt keine Rolle. Und das ist, um Wowereit zu zitieren, gut so. Weiterlesen
Beugt das Knie und huldigt dem (verrückten) König der Welt

Ich stelle mir fast täglich die Frage, was einigermaßen vernünftige PoltikerInnen dazu bringt, auf das komplette rationale Denken zu verzichten und stattdessen das Wort „notwendige Diplomatie“ zu betonen, wenn sie von und mit Donald Trump sprechen und dessen Handlungen und verbale Entgleisungen kommentieren.
Trumps Macht beruht auf seiner kompromisslosen Bereitschaft, sämtliche Normen, Regeln und Gesetze darüber zu verletzen, wie sich ein Präsident als oberster Repräsentant seines Staates verhalten soll. Anstelle dessen tut er alles, was ihm ganz persönlich hilft, mehr Reichtum, Macht und Ruhm anzuhäufen. Dabei übt er Vergeltung an jedem und jeder, der oder die versucht, ihm in die Quere zu kommen. Weiterlesen
Waren es wirklich die Migranten?

In Baden-Württemberg soll die Polizei in Zukunft die Staatsangehörigkeit von Tatverdächtigen grundsätzlich nennen. Ein weiteres Beispiel dafür, wie sich das politische Klima in Deutschland unter dem Druck von Rechtsaußen negativ verändert.
Ein Schaffner wird zusammengeschlagen, eine Frau wird vergewaltigt, ein Pkw rast in eine Menschenmenge – die erste Reaktion in Social Media ist meist nicht Sorge um die Opfer, sondern die Frage: Welche Nationalität hat der Tatverdächtige? Wenn es ein Deutscher war, erlischt in der AfD-Bubble das Interesse an dem Verbrechen sofort. Weiterlesen
Faschismus ist keine Erklärung. Gegen falschen Alarmismus

Thomas Zimmer hat in diesem Blog eine hymnische Besprechung des neuen Buchs „Faschismus ist keine Haltung“ des Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk geschrieben. Aber ist dieser Begriff wirklich geeignet zu beschreiben und zu bekämpfen, was sich in Deutschland und Europa vollzieht? Ich habe da starke Zweifel. Eine Replik.
Historische Parallelen zu ziehen ist verführerisch und bequem. Gegen eine Wiederkehr des Faschismus zu sein erlaubt nicht nur, sich auf der richtigen Seite der Geschichte und des politischen Spektrums zu fühlen, bei den „Guten“ wider die „Bösen“. Es legitimiert in den Augen derer, die sicher zu sein glauben, ein neues 1933 stehe vor der Tür, auch so gut wie jedes Mittel: zu versuchen den Parteitag einer nicht verbotenen Partei zu verhindern und dabei Gewalt auszuüben wie am vergangenen Wochenende in Erfurt; Journalisten und die Pressefreiheit anzugreifen; die Freiheitsrechte anderer einzuschränken, also seinerseits undemokratische Methoden anzuwenden.
Ilko-Sascha Kowalczuks neuer Weckruf
„Faschismus und faschistische Haltungen sind keine Meinungen, sondern müssen strikt strafrechtlich verfolgt werden. Jede Gesellschaft braucht Grenzen des Sagbaren, des Machbaren. Faschismus steht außerhalb der Grenzen, wie sie das Grundgesetz zieht.“ So steht es in den „Zehn Grundsätzen“, die der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk seinem neuen Buch „Faschismus ist keine Meinung – Stabil bleiben in autoritären Zeiten“ voranstellt.
Damit ist der Ton gesetzt für einen Rundumschlag über den neuen Hang zum Autoritären. Es ist eine erhellende und zugleich erschreckende Abrechnung mit den Akteuren und Verharmlosern des neuen erstarkenden Faschismus und zudem eine Argumentationshilfe für die Verteidiger von Freiheit und Demokratie. Dazu einige persönliche und sicher unvollständige Anmerkungen. Weiterlesen