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Ein jüdisches Leben in Deutschland – „Irgendwann muss es auch mal gut sein“

Die Großmutter des Autors, Sarah Löwentraut – in Auschwitz ermordet. Foto: privat

Gerade sind in den US Archives Unterlagen von NS-Mitgliedern geöffnet worden. Und in Deutschland folgt in den sozialen Medien sofort der Reflex: Irgendwann muss es ja mal gut sein. Was haben wir damit zu tun?

Was wir damit zu tun haben: Hier stellvertretend ein jüdisches Leben in Deutschland. Ich bin Jahrgang 1960. Meine Mutter, Jahrgang 1925. Ihre Mutter, meine Großmutter Sarah Löwentraut wurde in Auschwitz ermordet. Ein Teil der Familie konnte nach Argentinien fliehen, der Kontakt brach in den vierziger Jahren ab.

Meine Mutter musste nach den Nürnberger Rassengesetzen als sogenannte Halbjüdin den Judenstern tragen, durfte nicht mehr zur höheren Schule gehen und war aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Sie hat irgendwann als Kind mal versucht, sich die Augen auszuwaschen. Braune Augen waren schlecht blaue Augen waren gut. Die Folgen der Verfolgung begleiteten sie ein Leben lang: schweres psychosomatisches Asthma, Therapien ohne Erfolg. Nach dem Krieg blieb sie allein. Sie heiratete meinen späteren Vater – eine große deutsche christliche Familie. Die Zustimmung bekam sie nur, weil der Patriarch sich schuldig fühlte: Er hatte Juden den Nazis ausgeliefert. Weiterlesen

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Der Fall Fernandes-Ulmen: Die Maßstäbe verrutschen

KI-Bild einer Jugendlichen. aiduck via Pixabay

Ist digitale sexualisierte Bloßstellung und Erniedrigung von Frauen dasselbe wie eine reale Vergewaltigung, gar schlimmer? Die erregte Debatte führt in die Irre und lenkt ab von der alltäglichen sexuellen Gewalt an Frauen und Kindern.

Paare tun sich vor, bei und nach Trennungen oft schreckliche Dinge an. Die Öffentlichkeit bekommt davon selten etwas mit, es sei denn, es kommt bei solche Ehedramen zu Gewalt- oder Tötungsdelikten. Die Schauspielerin Collien Fernandes wirft ihrem Ex-Partner Christian Ulmen nun „digitale Vergewaltigung“ vor. Über Jahre habe er gefälschte Sex-Bilder und -Videos von ihr verbreitet, die sie entwürdigen sollten. Der „Spiegel“ und andere Medien berichteten, seit Tagen wird darüber in den sozialen Medien heftig diskutiert. Es gab Demonstrationen, ein Gesetz soll umgehend geändert werden. Aber ist die Aufregung angemessen? Weiterlesen

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Rabbinergeschichten: Der moderne Hethiter

Liberaler Rabbi, Schriftsteller, Liedermacher, Jazz-Musiker und promovierter Experte für palästinensische Eisenbahnen Walter Rothschild. Foto: privat

Es war nur eine Zeile im Gemeindebrief, die all die Erinnerungen wieder hochkommen ließ. In der Liste der Verstorbenen sprang mir sein Name sofort ins Auge. Nennen wir ihn André. Dort standen sein Geburtsdatum und sein Sterbedatum, mehr nicht. Ich versuchte mehr herauszufinden, doch durfte mir aus Gründen des „Datenschutzes“ niemand etwas sagen, nicht einmal, ob er nahe Verwandte hinterlassen habe, die ich kontaktieren könnte. Jetzt, da er tot war, wollten ihn alle beschützen. Aber ich wusste, dass ihn niemand beschützt hatte, als er noch lebte.

Viele betrachten König David als Helden. Er mag zwar ein bedeutender politischer und militärischer Führer gewesen sein – aber er war kein netter Mensch. Selbst die Bibel macht dies deutlich. Er mag einige gute Gedichte verfasst haben oder auch nicht, aber er liebte Intrigen und Gewalt, war ein Kontrollfreak und völlig amoralisch. Er lebte, sowohl als Milizführer als auch später als König, nach dem Prinzip, dass ein Mann viele Ehefrauen haben darf, von denen nur eine seine eigene sein muss. Weiterlesen

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Meron Mendel schenkt den Deutschen eine neue Erinnerungskultur

Tor zum KZ Buchenwald. Foto Andreas Trepte. Creative Commons Lizenz: Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.5 generisch

Meron Mendel ist der Roberto Blanco der Erinnerungskultur. Man spürt, dass er auch anders könnte, dass er aber niemandem wehtun will. Mendel ist in Israel geboren, aber israelkritisch. Jude, aber mit einer Muslima verheiratet. Leiter einer nach Anne Frank benannten Bildungsstätte, aber nicht volkspädagogisch unterwegs. Man kann sich auf ihn verlassen: Wenn er in eine Talkshow kommt, wird niemand beleidigt herausrennen. Wenn Blanco ein „wunderbarer Neger“ ist, so ist Mendel ein ganz famoser Jude.

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Nicht mein Bundespräsident

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Foto: Steffen Prößdorf, CC BY-SA 4.0

Steinmeier verletzt seine Befugnisse, indem er den Krieg gegen das iranische Terrorregime als „völkerrechtswidrig“ einstuft, was nur der Bundesregierung zusteht. Passt: 2019 hatte er den Mullahs zum 40. Jahrestag ihrer Machtergreifung gratuliert und als Außenminister Appeasement ihnen und Putin gegenüber betrieben. Höchste Zeit, dass er verschwindet.

„Nicht unser Krieg!“ Hinter dieser Parole versammeln sie wieder einmal nicht nur unverbesserliche Pazifisten, sondern die meisten Deutschen – im vom Kanzler, Außenminister und nun auch Präsidenten geschürten falschen Glauben, der von den Teheraner Theokraten seit 1979 geführte Krieg  gegen Israel und den Westen ginge „uns“ nichts an. Ebenso die Gegenschläge Israels und der USA und das Feuer, das die Revolutionsgarden darauf im ganzen Nahen Osten entzündet haben inclusive Sperrung der für die Weltwirtschaft überlebenswichtigen Straße von Hormus. Weiterlesen

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Die Perversion des Normalen. Wie Extremisten die bürgerliche Mitte zerstören

„Normal is not something to aspire to, it’s something to get away from.” Normal ist nicht etwas, was man anstreben sollte, sondern etwas, von dem man möglichst Abstand nehmen sollte. Soll Jodie Foster gesagt haben. Man könnte fast annehmen, sie hätte die Wahlplakate jener Partei gekannt, auf denen vor Jahr und Tag stand: „Deutschland – aber normal“.

Die „normalen“ Freunde dieser Partei sagen gerne: „Wenn der Faschismus wieder kommt, wird er nicht sagen: ich bin der Faschismus, sondern er wird sagen: ich bin der Antifaschismus.“ Was ist das? Eine absurde Verkehrung der Tatsachen, die Demokraten als Faschisten brandmarkt. Denn die Grundlage jeder Demokratie, insbesondere der deutschen, kann nur der konsequente Antifaschismus sein. Sonst hat sie keinerlei Legitimation. Das wussten die Väter des Grundgesetzes.

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Fastenbrechen im Bundestag – Replik auf die Kritik

Gastautor und Jurist Waqar Tariq. Foto: privat

Am 16. März lud die Grünen-Fraktion, auf Initiative und unter Federführung ihrer religionspolitischen Sprecherin Lamya Kaddor, zu einem Iftar-Empfang ein, dem ersten in der Geschichte des deutschen Parlaments. Auf die Kritik daran auch unserer Autorin Canan Topcu antwortet als Gastautor Waqar Tariq als Vertreter des Liberal-Islamischen Bundes.

Als Vorstandsmitglied unserer Organisation habe ich an dem Iftar-Empfang teilgenommen, zu dem Muslime und Menschen anderer Religionen sowie Nicht-Religiöse eingeladen waren. Veranstaltungsort war das Foyer im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. Weiterlesen

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Könnte Pistorius die SPD retten?

Könnte er die SPD retten? Verteidigungsminister Boris Pistorus. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Über Jahrzehnte haben sich viele an den Sozialdemokraten abgearbeitet. Aber die wollten nicht hören, wechselten ständig erfolglos ihre Führung und machten ihr Programm immer linksgrüner, fern ihrer einstigen Wählerschaft. Die Dauer- wurde zur Existenzkrise. Ist jetzt, nach den Wahldebakeln in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, ihr Ende nahe?

1972 habe ich für Willy Brandt Wahlkampf gemacht: „Willy wählen!“ Aus vollstem Herzen, wie viele. Als Nicht-Juso. Da war die SPD auf der Höhe der Zeit, die an Mitgliedern (eine Millon!) und Wählerstimmen stärkste Partei. Die geistig führende, fortschrittliche Kraft in der (linken) Mitte der Gesellschaft. Sie wusste, was sie wollte. Die Mehrheit der Bürger wusste es auch und fand es gut. Weiterlesen

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90 Prozent für die Anti-Israel-Koalition

Kann sich über den Wahlerfolg nicht wirklich freuen: CDU-Chef und Kanzler Friedrich Merz. Foto: Wikipedia CC BY 2.0

Bei der Wahl in Rheinland-Pfalz gibt es nur eine echte Gewinnerin: die AfD. Die CDU erobert das Land nur deshalb nach 35 Jahren zurück, weil die SPD eine weiteres Debakel erlebt. In einem sind aber fast alle Parteien einig: in der Weigerung, die Militäroperation gegen das iranische Terrorregime zu unterstützen.

Wieder ein Wahlabend mit vielen langen Gesichtern und hilflosen Versuchen der Parteimatadore, sich ihre Niederlagen und im Fall der CDU ihren Erfolg schön zu reden. Die SPD erleidet eine Woche nach ihrem Fast-Rauswurf in Baden-Württemberg das nächste historische Desaster. Die CDU erzielt ihr zweischlechtestes Ergebnis. Die Grünen fliegen aus der Regierung, die FDP aus dem Landtag, die Linke kommt nicht hinein. Jubeln kann nur die AfD, die ihren Stimmenanteil mehr als verdoppelt und ihr bestes Ergebnis in einem westdeutschen Bundesland erreicht. Weiterlesen

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Die Würste des Menschen sind unantastbar

 

Würste: Bild von jarmoluk auf Pixabay
Zu zwei Ausstellungen in Oldenburg und Aschaffenburg und zum Manierismus des Berliner Malers Johannes Grützke

„Kunst ist nicht modern, sondern immer!“, lautete das trotzige Motto des Johannes Grützke. Das Pathos der Moderne war stets noch der Opposition gegen das Jüngstvergangene abgerungen – so reagierte die Neue Sachlichkeit auf den Pomp des späten Kaiserreichs, der Futurismus gegen die inventarisierende Apotheose der Kunst in den Museen schlechthin. Grützke dagegen beharrte auf der überzeitlichen Gültigkeit künstlerischer Formgebung.

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Lola versus Viktor von Schmuddelwitz

Bild von Chat-GTP KI- generiert nach Anweisungen von A.P. und Perplexity

Eine einfache Geschichte. Ein junger Mann, sexuell unerfahren, will endlich seine Unschuld verlieren („Unschuld“ ist ein relativer Begriff, schon klar) und gerät in eine schäbige Bar, wo man zu exorbitanten Preisen warmen Sekt verkauft und die Mädchen darauf warten, abgeschleppt zu werden. Und er wird abgeschleppt. Von Lola. Doch wie es sich herausstellt, ist Lola ein Mann.

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