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Die Rechte ist kein Echo linker Fehler

Wer hat das lauteste Megaphon? Foto: Pixabay

„Warum sind die Linken jetzt auch noch an den Rechten schuld?“ Diese Frage wurde mir bei einer Diskussion gestellt, zu der ich vom Berliner Theatertreffen eingeladen war. Hintergrund der Frage war die bis in Feuilletons von Zeit, Süddeutscher Zeitung und Spiegel vorgedrungene These, ohne linke Identitätspolitik, Gendern, political correctness und „Wokismus“ gäbe es das Erstarken der Rechten nicht. Mit anderen Worten: Hätte sich die Linke vernünftig verhalten, wäre alles in Butter.

So wird Kritik an der Rechten elegant gegen die Linke umgeleitet. Ja, die Linke hat Fehler gemacht und verdient Kritik. Aber ist sie deshalb an den Rechten schuld? Oder sind die Rechten eine autoritäre Bewegung mit eigenen Begründungen und eigenem Machtanspruch?

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Olaf Merz: alles gleich Scheiße?

Unter Druck: CDU-Chef und Kanzler Friedrich Merz. Foto: Wikipedia, CC BY 2.0

Ein Jahr Schwarz-Rot – wenn es nach den Medien, der Internet-Meute und den Umfragen geht eine Katastrophe, noch schlimmer als die Ampel. Also Schluss damit!? Und dann? Über die unstillbare deutsche Sehnsucht nach dem starken Mann. Und dem Untergang.

Wenn man seit mehr als 50 Jahren die Politik verfolgt und sie seit über 40 Jahren als Journalist beschreibt und kommentiert, beschleicht einen bisweilen große Müdigkeit. Alles schon gehabt, denkt man da: Kanzler und Regierungen, die mit großen Vorhaben starten und alsbald auf die Wirklichkeit prallen; Krisen und Konflikte, die nicht weichen wollen. Und man ertappt sich dabei, sich wie viele dem Glauben hinzugeben, früher sei vieles besser gewesen. Was natürlich Unsinn ist. Es war nur anders. So wie es Olaf Scholz und Friedrich Merz sind. Weiterlesen

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Abgang der Gegner der Meinungsfreiheit

X? Pfui Teufel. Man macht es sich lieber auf Bluesky gemütlich. Das ist das X für Links-Kuscheleien. Hier die Charts. Ganz vorne: „Der Volksverpetzer“ und Jan Böhmermann.
Foto: Screenshot /Bluesky


SPD, Grüne und Linke verabschieden sich von X (früher Twitter). Zu viel Chaos, zu viel Hass und Hetze, heißt es als Begründung. Zum ersten mal hat Links die Diskurshoheit in einer wichtigen öffentlichen Sphäre eingebüßt. Die Schlacht auf X wurde verloren. Das schmerzt, also zieht man sich lieber zurück. X-Nutzer sagen einfach, was sie wollen, unterwerfen sich keinem Meinungsdiktat. Das ist immens wichtig für die Demokratie. Wer sich abmeldet, hat das nicht verstanden. 

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Reality Check: Wie wohnt und überlebt man in Odesa?

Ich lese mit einer gewissen masochistischen Regelmäßigkeit in sozialen Medien, Interviews und wohltemperierten westlichen Kommentarspalten von arrivierten Journalisten, Influencern und sonstigen Meinungsbildnern, der Krieg in der Ukraine sei ja regional begrenzt.

Gemeint ist damit meistens: Irgendwo im Osten schießt man aufeinander, dort ist Front, dort ist Krieg – und der Rest des Landes sei im Grunde eine etwas unordentlichere Variante Mitteleuropas, in der man sich mit einem Hauch Abenteuerlust weiterhin halbwegs unbehelligt bewegen könne.

Diese These wird bevorzugt von Menschen vertreten, deren intensivster Ukrainekontakt in einer Zugfahrt von Kyjiw zum Hotel, zwei Podiumsdiskussionen, einem Selfie vor Sandsäcken und einem moralisch aufgeladenen Rückfahrt bestand.

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Das Jagger-Richards-Songbuch (21): Dear Doctor

Bild von Perplexity nach Angaben von A.P. generiert.

Herbst 1968. Während die Beatles am „Weißen Album“ arbeiteten, arbeiteten die Rolling Stones an „Beggars Banquet“. Das Doppelalbum der Beatles erschien im November, das Album der Stones – verspätet wegen Auseinandersetzungen über das Cover – im Dezember. Das Weiße Album dokumentierte das musikalische und, wenn man so will, künstlerisch-weltanschauliche Auseinanderdriften der Fab Four. „Beggars Banquet“ dokumentierte die Entschlossenheit von Mick Jagger und Keith Richards, nach dem missglückten Versuch, den Beatles in psychedelische Pop-Gefilde zu folgen, zu ihren R&B-Wurzeln zurückzukehren.

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Der Mief des Anti-Imperialismus: Ein Buch über linken Antisemitismus. Eine Lese-Empfehlung

Als ich noch ein jungdummer Vulgär-Antiimperialist war, führte ich ein Interview mit dem damaligen ARD-Nahost-Korrespondenten Friedrich Schreiber. Ich fragte ihn doch tatsächlich, ob denn Israel nicht irgendwie ein repressiver Polizeistaat sei. Das war damals common sense meiner Redaktion. Daraufhin stauchte mich Schreiber dermassen wirkungsvoll zusammen, dass ich schlagartig vor Scham im Boden versinken wollte, in mich ging und anfing, mich zu bilden. Was manche meiner „antiimperialistischen“ Freunde bis heute nicht geschafft haben. Ganz zu schweigen von den heutigen Free Palestine—Aktivisten. Deren kollektiver Wahn in Teilen dessen, was sich selbst für links hält, seine Wiedergeburt in nur schlecht als Israelkritik camoufliertem Judenhass feiert. Der zeigt sich seit dem 7. Oktober 2023 immer unverhüllter, schamloser und aggressiver in der Öffentlichkeit.

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Macher gesucht

Ausguck nach einem starken Kanzler. KI-Bild von Gemini

„Der Herr badet gern lau.“ Mit diesen Worten zielte Herbert Wehner 1973 auf den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt – und leitete damit das Ende von dessen Kanzlerschaft ein. Beschleunigt wurde das Ende durch einen Tarifabschluss im öffentlichen Dienst von rund zwölf Prozent sowie durch einen Spionagefall im Kanzleramt. Entgegen seinem späteren Nachruhm war Brandt tatsächlich eher ein schwacher Regierungschef.

Sein Nachfolger Helmut Schmidt dagegen hatte früh den Ruf eines Machers. Hochgebildet, musikalisch, schneidig und nicht frei von Arroganz, legte er sich mit dem US-Präsidenten Carter ebenso an wie mit der Sowjetunion – und mit Teilen seiner eigenen Partei, als er den Nachrüstungsbeschluss durchsetzte. Journalisten nannte Schmidt Wegelagerer und die sogenannte Friedensbewegung naiv. Seine Sprache war präzise und allgemeinverständlich. Wenn nicht alles täuscht, braucht Deutschland bald wieder einen Regierungschef von diesem Format.

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Ein historischer Besuch des iranischen Hoffnungsträgers

Raza Pahlavi bei der Kundgebung in Berlin. Foto: Arash Marandi

Drei Monate nach dem Massaker an mindestens 40.000 Iranern, mehrere Wochen nach Beginn der Militärintervention gegen die Diktatur und inmitten der Blockade der Straße von Hormuz passierte etwas Historisches in Berlin: Reza Pahlavi, Oppositionspolitiker und Hoffnungsträger für so viele Iraner, war zu politischen Gesprächen in der Hauptstadt.

Was ist so historisch daran? Zum ersten Mal war er im Bundestag und wurde er von Abgeordneten einer Regierungspartei, der CDU. empfangen: Armin Laschet, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, Norbert Röttgen und Johannes Volkmann, um nur die wichtigsten zu nennen. Die Bundesregierung hatte zwar leider nicht den Mut des ukrainischen Präsidenten Selenskyi und des israelischen Premier Netanyahu, sich mit dem wichtigsten iranischen Oppositionspolitiker zu treffen. Aber für die eher trostlosen deutschen Verhältnisse war dieser Austausch schon sehr erfolgreich. Weiterlesen

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Werbung für Tote

Irans geistlicher und politischer Führer Khamenei, abberufen durch israelische Raketen. Foto: Wikimedia. CC BY 4.0

In Deutschland ist man Wahlkampfplakate mit Gesichtern von Politiker gewohnt. Vor ein paar Tagen war ich im Süden Brandenburgs und sah dort Bilder eines lächelnden Schimpansen. Ich brauchte einen Moment um zu verstehen, dass es Werbung für einen Zoo, nicht für Stimmen war. Und was erscheint jetzt auf den Straßen von Teheran? Riesengroße Bildnisse lächelnder, winkender Generäle und Geistlicher, die alle vor kurzem befördert wurden zum höheren Dienst im Jenseits.

Kaum ist der Staub wieder zu Ruhe gekommen (ich meine der Staub der Betonbunker, nicht derer, die darin waren), laufen Fußgänger und fahren Autos an Bannern vorbei, die ganze Häuserwände bedecken. Wie schafft man das? So schnell? Ich bin einfach neugierig. Ich sehe aus meiner Perspektive mehrere Herausforderungen. Weiterlesen

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Der seltsame Herr Lindenberg. Eine halbe Hommage zum 80.

Udo Lindenberg wird 80 Jahre alt. Die Presse überschlägt sich sich geradezu panisch vor Lobeshymnen. Der Rolling Stone, die Prawda des Musikjournalismus, macht ihn zur Titelgeschichte. Die ZEIT druckt eine ganzseitiges Interview mit Benjamin Stuckrad-Barre, dem Lindenberg-Verehrer, -verklärer und -erklärer der Nation.

Wir erfahren darin Sensationelles: Der kleine Benjamin, der sich schon im Alter von sieben Jahren als Udos Freund betrachtete, hat kürzlich mit Udo telefoniert, und der habe ihn mitten im Gespräch gefragt, wo denn wohl der Lichtschalter in seinem, Udos Hotelzimmer, sein könne. Weiter berichtet Stuckrad-Barre noch, Udo habe auch nicht gewusst, wo die Küche in seiner Berliner Wohnung ist. Na, wozu hat man gute Freunde. Aber sonst ist heute wieder alles klar? Keine Panik auf der Andrea Doria? Oder so?

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Es l?be der Sozialismus

So, ihr Lappen, jetzt gibt’s vom alten Papa aber so richtig eins auf die zwölf: Die Farbe ist kaum lesbar, eure Schmiererei ist handwerklich ein Totalausfall (das B bei „es lebe“ ist eine Zumutung), und ihr habt ein denkmalgeschütztes Gebäude verhunzt – errichtet aus dem Schutt des Zweiten Weltkriegs. Geht in den Volkspark Friedrichshain: Monte Klamotte – kein Hügel, sondern Kriegsschutt. Diese Prachtallee ist Europas längstes zusammenhängendes Baudenkmal, als am weitesten westlich gebaute Paradestraße im „stalinistischen Zuckerbäckerstil“. Hier haben am 17. Juni 1953 die Werktätigen gegen den Sozialismus der DDR protestiert. Genau die Leute, die das hier gebaut haben, während ihr „Es lebe der Sozialismus“ an die Wand schreibt.

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