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ARD und ZDF – Fossilien unter dem Patronat des Verfassungsgerichts

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat sich über die Jahre zu einem Medienkonglomerat entwickelt. Dabei hat er leider mit den Entwicklungen der Zeit in vielfacher Hinsicht nicht Schritt gehalten. Statt notwendige fundamentale Korrekturen im Programm vorzunehmen, verlässt er sich auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts. Verweigert die Politik die geüwnschte finanzielle Ausstattung, werden die Sender grantig – wie Ende 2024, als ARD und ZDF beim Bundesverfassungsgericht dagegen klagten.

Am Anfang stehen 1945 die britischen und amerikanischen Alliierten. Nach dem Krieg richten sie in ihren Besatzungszonen einen neuen Rundfunk ein. Anders als der staatsgelenkte Propagandarundfunk der Nationalsozialisten soll er dezentral und staatsfern organisiert sein. Aus diesen Anfängen entstehen regionale Rundfunkanstalten – ein Modell, das bis heute fortlebt.

So weit, so gut. Doch inzwischen sind knapp 80 Jahre vergangen. Was ist aus diesem Neuanfang geworden?

Das Medienkonglomerat ÖRR

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) ist heute eine einzigartige Zusammenballung von Medienbetrieben. Weiterlesen

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Warum wir den Juden den Holocaust nicht verzeihen

Fotocredit: iStock/marexx

Die Reaktionen auf den Krieg in Gaza zeigen: Noch immer müssen sich die Deutschen an ihrer Vergangenheit abarbeiten. Ein Fall für den Psychoanalytiker.

Es ist ziemlich einfach, zum Antisemiten zu werden. In der Grundschule war einer meiner Klassenkameraden Jude. Als ich ihn zuhause besuchte, biss mich der Hund der Familie in die Wade. Seitdem hege ich eine tiefe Abneigung gegen … Cockerspaniels.

Nein, so funktioniert das nicht! Ein derart ernstes Thema lässt sich nicht flapsig angehen. Eher so: Wenige Jahre später, Ende der 70er, zogen wir in die Niederlande. Im Fernsehen lief eine neue vierteilige Serie namens „Holocaust“, über die jeder redete. Im Fußballtraining wurde ich mit „Heil Hitler!“ begrüßt. So lernte ich als Zwölfjähriger auf die harte Tour, dass Deutsche nicht überall wohlgelitten waren und dass es dafür gute Gründe gab.

Die Sportreporter der 70er und 80er hatten diese Lektion verinnerlicht. Kommentatoren wie Ernst Huberty, Rudi Michels, Rolf Cramer oder Eberhard Figgemeier (der Letzte der alten Schule, danach kamen die Beckmanns und Kerners) bewahrten selbst dann die Contenance, wenn die Bundesrepublik bei einer Fußball-WM gerade ein glorreiches Match gewonnen hatte. Als Deutscher ziemte es sich nicht, Hurrapatriotismus zu zeigen.

Die falsche „Lea“ Weiterlesen

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There are places I’ll remember … (3). Bruce Springsteen, der Rostgürtel und die Straßen von Minneapolis

Bruce Springsteen erhält von Präsident Barack Obama die Freiheitsmedaille. Foto: Pete Souza, Public Domain

Zu den vielen Vorwürfen, die gegen die so genannte Elite – gemeint ist die akademisch gebildete Mittelschicht, die seit der Bildungsexplosion der 1960er Jahre in den Medien und Erziehungsinstitutionen, den Parlamenten und dem Staatsapparat tonangebend ist – vorgebracht werden, gehört die Behauptung, sie habe nie die Sorgen und Wünsche derjenigen ernst genommen, die sie sozial zurückgelassen haben. Das räche sich nun im Aufstieg der Populisten.

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Das Phänomen Beatles – Vier Gründe

Das Phänomen Beatles ist ungebrochen. Dafür ging es im Wesentlichen vier Gründe.

Fragen wir ChatGPT: Wie viele Ergebnisse liefern soziale Plattformen zum Hashtag #Beatles?  Antwort: Trotz Auswertung unterschiedlicher Datenquellen sind nur Schätzungen möglich. TikTok zeigt rund 430.000 Beiträge mit etwa 3,6 Milliarden Views; Instagram bietet ca. 4,35 Millionen Posts; der offizielle YouTube-Kanal der Beatles zählt aktuell ca. 9,28 Mio. Abonnenten. Auch Googles AI-Assistent Gemini nennt ähnliche (geschätzte) Werte.

Was lässt sich daraus ablesen? Obwohl die Beatles seit mehr als fünf Jahrzehnten als Band nicht mehr existieren, sind sie weltweit weiterhin präsent und generationenübergreifend gefragt – je nach Sichtweise sprechen wir inzwischen von drei oder vier Generationen. Warum ist das so? Dafür sprechen im Wesentlichen vier Gründe. Weiterlesen

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Für eine robuste europäische Verteidigungsallianz

Frieden braucht Sicherheit. Foto: Alexandra_Koch, pixabay

Europas Sprung in die strategische Verantwortung: Warum ein demokratisches europäisches Sicherheitsbündnis mit atomarer Abschreckung die sicherheitspolitische Logik des 21. Jahrhunderts neu ordnen würde. Ein Vorschlag.

Europa steht an einem Kipppunkt. Die Gewissheiten der Nachkriegsordnung – allen voran die verlässliche Sicherheitsgarantie der USA – sind politisch nicht mehr sakrosankt. Gleichzeitig haben autoritäre Mächte gelernt, Macht nicht nur militärisch, sondern systemisch einzusetzen: hybrid, technologisch, nuklear flankiert. Wer in dieser Lage Sicherheit weiterhin delegiert, riskiert strategische Bedeutungslosigkeit. Wer sie übernimmt, braucht mehr als Geld: Er braucht Ordnung, Führung und Abschreckung. Weiterlesen

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Wie der Faschismus entsteht

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler.

Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

– Martin Niemöller

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Deutschland, der Aufarbeitungsweltmeister

„Aufarbeitung“, so erklärt die deutschamerikanische Juristin Inga Markovits ihrem englischsprachigen Publikum, „ist ein äußerst deutsches Wort.“

Aufarbeitung ist nicht Geschichtsschreibung, schon gar nicht Geschichtswissenschaft. Um wieder Inga Markovits zu zitieren:

„Aufarbeitung meint, über die Vergangenheit zu Begriffen zu kommen. Aber zu wessen Begriffen?“

Und sie weist darauf hin, dass „Aufarbeitung“ im Deutschen auch eine Doppelbedeutung habe („Freudian connotation“): Es bedeute auch, ein altes Kleidungsstück so umzunähen, dass es aussieht, als wäre es neu („Ein Kleidungsstück aufarbeiten“).

Nicht ganz wortgetreu übersetze ich das manchmal mit:

„Aufarbeitung ist auch die Wiederverwertung von Lumpen.“ Weiterlesen

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Kherson – die neue Dimension entmenschlichter Kriegsführung

Kherson – nur durch den Fluß von russischen Stellungen getrennt. Im Keller vom Theater sieht man in den Monitoren der Überwachungskameras wie Kamikaze Drohnen unweit einschlagen. Das Gebäude zittert. In der Stadt Drohnenjagd auf Menschen. Die Ausfallstraße eine Falle – Drohen jagen Autos. 78.000 Menschen bleiben. Denn: Aufgeben heißt – die Russen haben gewonnen.

 

NACH DROHENANGRIFF IM WOHNGEBIET

Die Tankstelle liegt vielleicht fünfzig Kilometer vor Kherson. Wir halten an. Acht Personen, zwei Minivans, randvoll mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln, ein paar Säcken Hundefutter. Überlebenshilfe für die Bevölkerung, die in der Stadt quasi eingekesselt wird. Jetzt geht es  nicht mehr um die Logistik der Auslieferung, sondern ums eigene Überleben. Wir ziehen schusssichere Westen an, setzen Helme auf. Seit drei Jahren fahre ich regelmäßig in nach Kherson. Jedes Mal dachte ich: Schlimmer kann’s nicht werden. Doch so eine Vorbereitung gab es noch nie. Sichtbarer Gradmesser für die Ausweitung der Kampfzone. 

Kurz hinter der Tankstelle beginnt ein Tunnel. Über Kilometer spannen sich Netze über die Zufahrtsstraße. Es sind ausgemusterte Fischernetze, improvisiert, notdürftig befestigt. Sie sollen Drohnen abfangen – ferngesteuerte Todesroboter aus der Luft. Die Netzte rechts und links der Fahrbahn und teilweise auch als „Dach“ sind anachronistischer Schutz gegen eine hybriden Terrorkrieg. Kein wirklicher Schutz, nur der verzweifelte Versuch, den High-Tech Waffen, die alles angreifen was sich bewegt, etwas entgegenzusetzen. Wir fahren in die rote Zone. Ab jetzt gibt keinen sicheren Raum mehr.  Weiterlesen

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Von Schutz und Schutzgebieten

Entgegen dem Rat meiner Frau, auf deren Arbeit Schulausfall angeordnet war, war ich am Freitag an der Uni.  Im Historischen Seminar der Universität Leipzig. Zum Seminar. Es waren ja 20 cm Neuschnee gefallen und erst mal waren wir beide unserer Räumpflicht nachgekommen. Und hatten Schnee geschoben.

 

Im Gegensatz zur Stadt Leipzig. Aber da will ich nicht rumnörgeln. Dass es in Deutschland immer mehr Rentner gibt, welche eine geräumte Straße befahren wollen und immer weniger Arbeiter, welche auf den Straßen den Schnee wegschieben, das ist ja Deutschlands Grundproblem. Weiterlesen

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Paul McCartneys gut gebaute Songs (1): Honey Pie

McCartney arbeitet an "Honey Pie". Foto von Linda McCartney

McCartney bei der Arbeit an „Honey Pie“. Foto: Linda McCartney

Innerhalb der Beatles galt John Lennon den Fans als der Intellektuelle und zugleich als der Revolutionär und Rocker. Paul McCartney hingegen als der gefällige, kommerziell ausgerichtete, melodieselige, reizende und musikalisch begabte, aber vielleicht etwas spießige Gegenpol. In gewisser Weise wurde so der Gegensatz Rolling Stones – Beatles innerhalb der Fab Four wiederholt. Und wie der Gegensatz zwischen den beiden Gruppen, so ist der Gegensatz zwischen Lennon und McCartney weitestgehend ein mediales Konstrukt; ein Konstrukt, zu dem ich mit meinem Buch über Lennon (erschienen 1987) meinen kleinen Teil beigetragen habe. Leider.

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