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Boris Johnson und Nicolaus Fest

Bevor Boris Johnson in den Orkus der Geschichte verschwindet, wohin er gehört, möchte ich aus gegebenem Anlass an sein Urteil über die Europäische Union erinnern. Die EU, meinte Johnson im Interview mit der „Daily Telegraph“, wolle „wie Hitler einen Superstaat“ errichten. Zwar würden die „Bürokraten in Brüssel andere Methoden“ als Hitler verwenden, ihnen gehe es aber um das gleiche Ziel, die Vereinigung Europas unter einer „Autorität“. Dies habe dazu geführt, dass Deutschland mächtiger geworden sei, „die italienische Wirtschaft übernommen“ und „Griechenland zerstört“ habe. Laut Johnson seien die letzten 2000 Jahre von dem wiederholten Versuch geprägt worden. Europa unter einer Regierung zu vereinen, um das “goldene Zeitalter” Roms wiederherzustellen. “Napoleon, Hitler, verschiedene Leute haben das versucht, und es endet immer tragisch.”

Es amüsiert mich zuweilen, die Freude hiesiger Reaktionäre über den Brexit zu betrachten; sie begreifen offenbar nicht, wie stark das Votum geprägt war von antideutschen Ressentiments. Boris Johnson, der diese Ressentiments besonders geschickt geschürt hat, ist zwar jetzt niemand, aber er war bis vor einigen Tagen nicht irgendjemand.
Natürlich haben seine Äußerungen mich besonders angesprochen. Schließlich habe ich 2007 ein Buch geschrieben, in dem Europa – zustimmend – als „Imperium“ bezeichnet wird. Ein Buch, das übrigens damals schon nicht nur von Linken, sondern von Neo-Rechten kritisiert wurde, und zwar – warum das wichtig ist, wird weiter unten klar – mit antisemitischem Zungenschlag.

Boris Johnson meint, das Römische Imperium sei ein „goldenes Zeitalter“ gewesen. Ich teile diese Einschätzung. Ich stimme auch seiner Analyse zu, Rom habe vielen imperialistischen Projekten, nicht nur den europäischen, als Vorbild gedient. (Das festzustellen, muss man allerdings kein Historiker sein.) Und schließlich teile ich Johnsons Ablehnung (um es milde auszudrücken) der napoleonischen und hitlerischen Varianten imperialer Macht. Mein Buch unterschied ja zwischen „liberalen“ Imperien – zu denen ich das Britische Weltreich, aber auch das Heilige Römische Reich deutscher Nation und die Habsburger Doppelmonarchie zählte – und illiberalen wie eben jenen Napoleons, Hitlers und Stalins.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Churchill-Bewunderer Johnson meine Begeisterung für das Empire teilt. Er hat beispielsweise US-Präsident Barack Obama vorgeworfen, wegen seiner kenianischen Abkunft eine „Erbabneigung“ gegen das Empire und dessen Verteidiger Winston Churchill zu hegen. Ziemlich mieser Rassismus, aber das gehört nicht hierher.
Die Frage, die ich mir damals stellte, war: Kann Europa an die liberalen Traditionen des europäischen Imperialismus anknüpfen – an das Erbe Roms und des Reichs, Österreich-Ungarns und des Empire? Muss es das sogar, um in einer multipolaren Welt dem russischen, chinesischen und dem islamischen Imperialismus entgegentreten zu können? Man kann die Frage und den Gedanken aus einer grundlegenden Abneigung gegen Imperien heraus für abwegig halten, aber darum geht es hier nicht, denn Johnson ist eben genau wenig wie ich grundsätzlich antiimperialistisch eingestellt. Diese Frage stellte er sich aber offensichtlich nicht. Ihm ging es um Demagogie, um den Vergleich der EU mit dem Dritten Reich. Über den sich merkwürdigerweise niemand aus dem deutschen Neu-Rechten Lager empörte, obwohl sie sonst überall Holocaustkeulen und Nazineurosen wittern. Johnson ist Rechter, er darf das.

Ich musste an Johnsons Kritik der EU als Nachfolgerin der Kontinentalreiche Napoleons und Hitlers denken, als ich am Morgen nach der Volksabstimmung in Großbritannien hörte, wie Nicola Sturgeon von den Schottischen Nationalisten ankündigte, erneut den Austritt aus dem Vereinigten Königreich anzustreben, um in der EU bleiben zu können, und als die Sinn Fein (a.k.a. IRA) in Irland ein Referendum über den Anschluss Nordirlands an die Republik Irland forderte. Schottland und Nordirland hatten ja für den Verbleib in der EU gestimmt. Der Brexit, so sah (und sieht) es aus, könnte zur Auflösung des Vereinten Königreichs führen.
Darum twitterte ich: „So Cameron / Farage / Johnson / Corbyn managed to do what Napoleon, the Kaiser and Hitler failed to do: destroy Great Britain. Well done, lads, have fun in Little England.“

Dies hat den Zorn von Nicolaus Fest erregt. Der Möchtegern-Großpuzblizist, der mich schon zuzeiten, als er in der Redaktion der „Bild-Zeitung“ saß, wegen meiner antirassistischen Haltung nicht leiden konnte, wurde wegen seiner – sagen wir – unklaren Haltung zum Rassismus geschasst und sucht seitdem nach einer Gelegenheit, es mir heimzuzahlen. Die meinte er mit diesem Tweet gefunden zu haben. In einer Generalabrechnung mit deutschen Brexit-Kritikern schrieb Fest:

Alan Posener, Chefkommentator der WELT, twittert zum BREXIT, zustimmend geteilt von Springer-Kollegen: „So Cameron / Farage / Johnson / Corbyn managed to do what Napoleon, the Kaiser and Hitler failed to do: destroy Great Britain. Well done, lads, have fun in Little England.“ Die ‚Leave’-Wähler als Hitlers willige Vollstrecker, der Brexit als zweites Coventry? So etwas nennt man wohl Relativierung. Für jemanden, der sich nicht zu knapp seiner jüdischen Herkunft berühmt, ist das zumindest eine originelle Position.

Nun bin ich nicht und war nie „Chefkommentator“ der WELT, aber das nur nebenbei. Es ist aber auch Fakt, dass ich die Leave-Wähler nicht als Hitlers willige Vollstrecker bezeichnet habe. Mein Tweet richtete sich überhaupt nicht gegen die Wähler, über die ich am gleichen Tag einfühlend in der WELT geschrieben habe, das Referendum sei „die Rache der Leute, die Margaret Thatcher um ihren Stolz gebracht“ habe.

Mein Tweet richtete sich gegen vier namentlich genannte politische Führer, deren verantwortungslose Haltung von Tag zu Tag deutlicher wird; vor allem natürlich gegen Boris Johnson, den Führer der Leave-Kampagne. Aber auch ihn habe ich nicht als „willigen Vollstrecker“ Hitlers hingestellt. Fest weiß genau, dass damit – im gleichnamigen Buch von Daniel Goldhagen – die Beteiligten am Judenmord gemeint waren. Vom Holocaust ist aber in meinem Tweet nicht die Rede. Auch nicht vom Bombenangriff auf Coventry. Ich habe nur den Spieß umgedreht: Nicht die EU zerstöre Großbritannien, wie Johnson behauptet, sondern die britischen Politiker, die für das Brexit-Votum durch Handeln und Unterlassen die Hauptverantwortung tragen. Natürlich kann man das ganz anders sehen. Nur kann man nicht behaupten, ich hätte die Brexit-Wähler als „Hitlers willige Vollstrecker“ hingestellt.

Darum ging es Fest aber nicht. Diese Verdrehung diente ihm nur als Vorlage für das, was er eigentlich seit langem loswerden wollte:
So etwas nennt man wohl Relativierung. Für jemanden, der sich nicht zu knapp seiner jüdischen Herkunft berühmt, ist das zumindest eine originelle Position.
Nicolaus Fest möchte einfach mal gesagt haben, und zwar öffentlich, dass sich Posener „seiner jüdischen Herkunft nicht zu knapp berühmt“, statt sich dafür zu schämen, wie es sich gehört.

Nun, es stimmt zwar nicht, dass ich mich meiner jüdischen Herkunft „berühme“. Sie wird mir freilich immer wieder um die Ohren gehauen. So meinte ein Idiot namens Jörg Sutter, der mich interessanterweise wie Fest für den „Chefkommentator“ der Welt hielt, ich sei „ein wirklich radikaler Jude“.
Man schaue sich auch mal die Kommentare zu diesem netten Blogbeitrag an. Dort heißt es über mich zum Beispiel: „Ich ärgere mich immer wieder, dass es geschehen konnte, dass jüdische Nationalisten wie Posener den Springer-Verlag okkupiert haben.“ Oder: „Posener ist ein Schwein… so einfach ist das.“ „Itzig.“ „Er ist eben nach orthodoxer Sicht kein Jude, weil keine Judenmutter, deshalb weint er nachts leise vor sich hin. Dass er jüdisch sozialisiert ist und vielleicht sogar ne Rente als Holocaustüberlebender bekommt, steht auf einem anderen Blatt. DEN Makel kriegt er nicht weg.“ „Sicher, offiziell ist er aus den genannten Gründen gar keiner. Aber an Kramer sieht man, daß jemand nicht einmal Halbjude sein muß, um sich entsprechend aufzuspielen.“
Allerdings: bis Nicolaus Fest – der vermutlich seine Informationen aus der Lektüre solcher Anmerkungen bezieht – es für nötig befand, mir vorzuwerfen, ich würde mich „nicht zu knapp meiner jüdischen Herkunft berühmen“, blieben solche rassistischen Anwürfe halt das Zeug, aus dem die Kommentare in angeblich gar nicht antisemitischen Organen der Neuen Rechten nun einmal sind.

Genug. Wenn man auf die Scheiße schaut, schaut einen auch die Scheiße an. Man fühlt sich dreckig,
Über Boris Johnson sagte Lord Heseltine, Vize-Premier unter Maggie Thatcher, er sei „verachtenswert“. Stimmt. Ich weiß freilich nicht, ob Heseltines Ansichten irgendetwas mit irgendeiner jüdischen Herkunft haben, weil ich anders als Nicolaus Fest nicht in den Ahnenpass schaue, bevor ich mir eine politische Meinung bilde. Ich weiß aber, dass dieses Adjektiv auch Nicolaus Fest gut charakterisiert.

73 thoughts on “Boris Johnson und Nicolaus Fest

  1. avatar

    Ach, jeder weiß doch, daß die Lizenzpresse nur dazu da ist, die Deutschen unten zu halten. Dafür wurde sie installiert, und sie schreibt immer nur aus der Perspektive der Ausländer, nie der Deutschen, welche das großartigste Volk der Weltgeschichte sein dürften.

    So war es, so ist es, und so wird es immer sein. Die Angelsachsen fürchten uns, weil wir besser sind als sie – außer im Töten und Kriegführen. Ach ja, im Hassen auch. Der Deutschenhaß der Briten, also auf ein Volk, das sie mit ihren Verbündeten fast ausgerottet haben, kennt kein Maß. Es dürfte historisch auch einmalig sein. Welcher Deutsche trauert nicht um die Toten der Shoa?
    Und was die Hetzlügen der Angelsachsen über uns Deutsche betrifft, die sie in ihrer Gossenpresse und ihren dubiosen Unterhaltungen serviert bekommen-von wegen Aggression, Kriegsbesessenheit, Grausamkeit, Kollektivismus, Primitivität und Schmutzigkeit: die beweisen nur, daß der alte Freud wußte, wovon er redete, als er den Begriff der Projektion in die Psychoanalyse einführte.
    Aber die Angelsachsen werden ihr Urteil sicherlich nie revidieren, weil sie ihren Propagandabüchern und -medien nie wirklich zu mißtrauen gewagt haben. Genausowenig, wie Integristen jeglicher Religion jemals ihre jeweiligen heiligen Schriften in Zweifel ziehen würden (das gilt im übrigen auch für Marxisten, da man den Marxismus guten Gewissens als Afterreligion bezeichnen kann).
    Ich für mein Teil würde deshalb nie einem Briten auch nur die Hand geben.

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