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Putin, Syrien und die Islamisten

Wenn man den Demagogen der äußersten Rechten glauben soll, dann ist die gegenwärtige Flüchtlingskrise Produkt eines geradezu teuflischen Plans, Europa zu islamisieren. Hunderttausende junge islamische Männer strömen nach Europa hinein, unter ihnen Extremisten und Terroristen, um als fünfte Kolonne den Kontinent für die Umma, die Gemeinschaft aller Muslime, zu erobern.


Unterstützt würden diese Truppen des Islam, so die Mär, von Gutmenschen bis hin zur Kanzlerin, die Europas Grenzen dieser Flut öffnen – und zwar deshalb, wie der frühere tschechische Präsident Vaclav Klaus behauptet hat, weil das von Deutschland beherrschte neue Europa ohne Vaterländer und ohne Völker nur durch die Zerstörung der alten Nationalstaaten und Staatsvölker, durch Zersetzung der historisch gewachsenen europäischen Identität zu erreichen ist. Hinzu komme, so jedenfalls eine nicht unwichtige Stimme im neurechten Chor, die Zersetzung der Familie durch Sexualisierung der Gesellschaft, Förderung der Frauenemanzipation und der Berufstätigkeit von Frauen sowie einen „irren Kult“ um Schwule und andere Perverse, die sich der Reproduktion und der Verantwortung für den Erhalt des Volkes verweigern und die Jugend zu Hedonismus verführen.
Europa schafft sich ab, so der Befund, unterstützt von dem multirassischen, ohnehin verdorbenen, materialistischen und naiven Amerika; der neue Papst ist nun auch zu den Feinden übergegangen. Im Osten jedoch, in Ungarn etwa, und vor allem in Russland, regt sich Widerstand gegen die Islamisierung, gegen die Entwertung der Familie und der Tradition, gegen die Relativierung des Christentums und die Perversion der Sexualität, gegen Amerika und den Kapitalismus. Und nun hat Wladimir Putin mit der Stationierung von Truppen in Syrien endlich einen Schritt hin zur Überwindung der Krise in Syrien, zum Sieg über den Islamischen Staat (IS) und zur Dämmung der Flüchtlingsflut gemacht: Zeit, sich mit ihm zusammenzutun, um die aus den fugen geratene Welt zu heilen.
Dieser wahnhafte Gedankenkomplex wäre der Dekonstruktion nicht wert, wären ihm nicht einige europäische Politiker ganz oder teilweise verfallen. Vaclav Klaus habe ich erwähnt; Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán denkt ähnlich, wie auch viele Politiker in den anderen ehemals kommunistischen Staaten der Europäischen Union. Horst Seehofer hat seine Sympathien für Orbán offen bekundet und Verhandlungen mit Putin und dem syrischen Diktator Baschar al-Assad gefordert. Diese Woche ist die mittlerweile völlig orientierungslose Kanzlerin auf seine Linie eingeschwenkt.
Dabei ist Putin Teil des Problems, nicht der Lösung. Weit davon entfernt, Teil einer muslimischen Offensive zu sein, fliehen die meisten Leute aus Syrien vor den mörderischen Attacken eines säkularen Diktators, dessen Armee und Luftwaffe sechsmal so viele Menschen getötet haben wie der Islamische Staat. Armee und Luftwaffe Assads gäbe es aber nicht mehr ohne russische Waffen, Munition und Ausbilder. Assad hat mit aktiver Hilfe Russlands in der Vergangenheit ein Chemiewaffenarsenal aufgebaut; er hat mit Russlands stillschweigender Billigung eine Atomwaffenfabrik gebaut, die 2007 von Israel zerstört wurde. Er ist die wichtigste Verbindungslinie zwischen den Theokraten in Teheran und ihrem bewaffneten Arm im Libanon, der Hisbollah. Und, ich wiederhole es: Assad wäre schon zu Beginn des „arabischen Frühlings“ gestürzt worden, hätte ihm Russland nicht den Rücken gestärkt. Auch jetzt sind die russischen Truppen nicht etwa im Land, um den IS zu bekämpfen, schon gar nicht, wie manche Zweckoptimisten in Berlin und Washington glauben, zusammen mit den USA. Sie sind dort, um den wankenden Assad zu stärken – um den Mann an der Macht zu halten, der durch seine Brutalität nicht nur die Flüchtlingswelle ausgelöst hat, sondern unmittelbar – auch durch die Öffnung der Gefängnisse und die Freilassung inhaftierter Terroristen – zum Aufstieg des IS beigetragen hat.
Auch darin zeigt sich Assad übrigens als gelehriger Schüler Putins, der in Russland selbst die Angst vor dem islamischen Terror benutzt hat, um seine eigene Macht zu festigen, was ihn nicht daran hindert, sich des terroristischen Arms etwa der tschetschenischen Führung gegen die innerrussische Opposition zu bedienen, wenn es ihm passt. Um es noch einmal zu sagen: Gewiss hat die Flüchtlingskrise viele Ursachen und viele Väter. Aber zu den wichtigsten Ursachen zählt die brutale Herrschaft Assads, und zu den entscheidenden Vätern zählt Wladimir Putin. Dass diejenigen Politiker in Europa, die auf Putin hören, die Flüchtlingswelle so kanalisieren, dass die Flüchtlinge nach Deutschland kommen, also den Staat in Bedrängnis bringen, der bislang dafür gesorgt hat, das Sanktionsregime gegen Russland wegen der Aggression in der Ukraine aufrechtzuerhalten, mag nicht in erster Linie beabsichtigt gewesen sein, wird aber gewiss in Moskau als Kollateralnutzen begrüßt.
Um es klar zu machen: Es gibt nur einen Plan zur Zerstörung Europas. Der wurde weder in Mekka noch in Teheran ausgeheckt, sondern in Moskau. Putin hat offen davon gesprochen, dass Russland jenes Einflussgebiet zurückerhalten müsse, das die Sowjetunion verloren hat. Das schließt bekanntlich nicht wenige Staaten der Europäischen Union ein. Weiterhin träumt Putin von jener „Achse Moskau – Berlin – Paris“, die sich kurzzeitig in der Gegnerschaft zu George W. Bush unter dem Jubel der hiesigen Linken und der Patenschaft seines Männerfreunds und heutigen Pudels Gerhard Schröder zu realisieren schien. Alles, was Deutschland, die Europäische Union und den Westen schwächt, ist Putin recht. Alles, was den Westen stärkt, wird er hintertreiben.
Über die Probleme – ja, sagen wir es nur: Gefahren – einer unbeschränkten muslimischen Zuwanderung soll und muss man reden. Redet man aber dabei nicht von Russland und der vom Putinismus ausgehenden Gefahr, ist man viel blauäugiger als die angeblich blauäugigen „Gutmenschen“. Immerhin verteidigen die derart Beschimpften jene westlichen Werte der Offenheit und des Pluralismus, die in Russland noch nie gegolten haben und, so lange Putin und seinesgleichen in Russland herrschen, nie gelten werden.
Offensichtlich ist man in Teilen der Union bereit, in Putin einen Partner zu erblicken und damit die Position der AfD zu übernehmen; in der SPD gilt ohnehin seit langem die Steinmeier-Doktrin, der zufolge man auf jede Aggression mit einem Dialogangebot reagieren soll. Aus Washington kommen widersprüchliche Signale; bis zur Präsidentenwahl Ende nächsten Jahres dürfte sich die westliche Führungsmacht darin gefallen, nicht zu führen, was wiederum Großbritannien und Frankreich lähmen dürfte. Israel hat sich angesichts dieser Lage bereits mit Putin arrangiert, um Konflikte etwa im syrischen Luftraum zu vermeiden. Kurzum, Putin ergreift – das muss man ihm lassen – seine Chance und spielt sich als Große Weiße Hoffnung auf. Man sollte nicht auf seine Show hereinfallen.
http://www.dw.com/de/quadriga-krieg-in-syrien-kein-frieden-ohne-putin-2015-09-24/e-18686070-9800

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69 Gedanken zu “Putin, Syrien und die Islamisten;”

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    Selbstdarstellunng?
    Wenn gelungen, dann doch wohl erlaubt, oder?
    Armgard Karasek weckte dann aufgrund der Beschreibung mein Interesse: Gar nicht weit weg von Magda und Romy Schneider, finde ich.

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    „Wer sagt denn, Parisien, dass Assad gegenüber dem IS das “kleinere Übel” sei?“

    In der Tat ist Assad ein größeres Übel als der IS. Assad muss man in der Achse Hizbollah – Assad – Teheran sehen. Die größte Bedrohung Israels ist der Iran und seine Bombe. Hier geht es um Leben oder Tod. Dagegen ist der IS ein volatiles Gebilde, das diese Achse effektiv bekämpft. Er wird unterstützt von den Verbündeten Saudi-Arabien, den Golfstaaten und der Türkei. Der Westen würde einen großen Fehler machen, dieses Gegengewicht anzugreifen, bevor nicht die schiitische Achse zerstört ist. Wenn man letzteres nicht will, ist es besser, wenn sich die gegnerischen Parteien gegenseitig neutralisieren bzw. schwächen.

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    „Wer sagt denn, Parisien, dass Assad gegenüber dem IS das “kleinere Übel” sei?“

    Naja, Assad versuchte Atomwaffen zu bauen, hat ein riesiges Chemie-Arsenal aufgebaut (und eingesetzt) und hat hundertausende vertrieben und getötet. Dafür trägt seine Frau kein Kopftuch. Ein Kriegsverbrecher, aber scheinbar berechenbarer als der IS.

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    Leider den link vergessen, Welt, Matussek über das Ableben von Hellmuth Karasek.

    Emotionaler und wohl nicht vorher, sondern frisch geschriebener Nachruf, wie ein Brief an den Freund.

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    @ Alan Posener
    Wen halten Sie denn dafür? Sind doch alle weg. Alles Mannen, die anfangen zu flennen und plötzlich eine Eisenstange haben (woher?), wenn ein Pakistani wagt, die Dusche zu benutzen.

    Aber am besten gefällt mir heute das hier:

    „Er beschrieb diesen Irrsinnsapparat mit den Kaffeedamen und dem Gemetzel in der großen Konferenz mit bestialisch genauem Blick, und es waren gestandene Kerle, mit denen er zu tun hatte, die gestählte Kriegsgeneration, Zwölfender, die neidisch waren, weil er für die Kultur – damals eine Revolution – Autorennamen durchgesetzt hatte.

    Wir zerkloppten Eier!

    Unsere Konferenzen? Er fragte: „Was machen wir denn diese Woche?“, und Urs Jenny, der andere geniale Kritiker im Ressort, sagte lächelnd und schweizerisch bedächtig „och, am besten gar nichts“, und das war auch völlig in Ordnung, denn nun erzählte Hellmuth die neusten Witze, die ihm Billy Wilder, ein anderer enger Freund, erzählt hatte bei seinem letzten Besuch in Hollywood. Dazu, eine fast religiös befolgte Sitte, stand freitagsnachmittags die Magnumflasche Veuve Clicquot auf dem Tisch, die er bezahlte. Die Hauptsache, die man von ihm lernen konnte, war das: sich selber nicht so ernst nehmen.“

    Da ist Ihnen anscheinend was entgangen. Da muss es heiter zugegangen sein. Die hatten ja dann noch den Alibi-Achtender aus Katovicz, den sie nicht gepäppelt und konsequent verloren haben, zusammen mit Matussek. Heute sind sie nur noch die Hausmacht von Wasser predigen und Wein trinken mit einem Alibikonservativen (Sechsender) und einem linken Gastautor mit dem Vornamen von dem Düsentrieb.

    Abgesehen davon, wer würde heute noch damit auftreten, dass freitags die Magnumflasche aufgemacht wurde? Wer würde denn jemals auf den Gedanken verfallen, auszudrücken, dass wir Champagneflaschen mit dem Säbel köpfen könnten, aber nicht Menschen, und dass wir darum die bessere Welt darstellen? Wer würde sich trauen, aus der pc auszubrechen, die Merkels Regierungen wie Mehltau über uns gelegt haben, um dann
    a) deftige Kritik zu üben
    b) auch mal ein wenig aufzuschneiden und
    c) offen zu genießen und damit
    d) das Leben wieder anzufachen und unsere eigene kulturelle Vielfalt, für die wir keinen Zuwachs brauchten, siehe Lit. Quartett, wo sie gut gefochten haben?

    Hier stirbt ein Lebendiger, ein Wichtiger, der Zweite nach Marcel R.-R. Und sein Freund erzählt offen aus einer viel offeneren Zeit, in der der Chef ja bekanntlich den Strauß Franz-Josef provozierte. Wer provoziert denn Frau Merkel? Ist diese sakrosankt? Oder scheut man vor dem Geschlecht zurück? Das wäre doch wahrhaft „rassistisch“.
    Alles ist ja heute rassistisch, wahrscheinlich auch, wenn man auf einer grünen Tischdecke Wodka anbietet.
    Wenn ich das lese, weiß ich, was kaputt gegangen ist. Alles. Alles, was wir hatten. Kein Starbucks mit diesen Latte macchiato-schlürfenden verweiblichten Jungmännerx und -weiberlix kann das ersetzen.
    Lieber die Zwölfender und die aufmuckende Kulturredaktion als Toiletten für Unentschiedene.

    Da kommen einem die Tränen. Wirklich.
    Da geht ein Mensch.
    Das ist ein Buchtitel von Granach, erschienen beim Ölbaum-Verlag. Um Plagiatsvorwürfe (Gottchen, wie kreativ, sich zum Jäger zu machen – Mutation vom Juden- über den Dissidenten- zum Akademiker(Innen!)-Lehrer) nicht einzuladen.

    Aber das ist jetzt von mir:
    Wenn alle Menschen gegangen sind, werden die Toiletten übrig bleiben. Und für jeden Hengst seine blöde Dusche.
    Vollkommen verkorkst. Die Bornierte Republik.

  6. avatar

    @Posener

    Wenn wir A sagen, müssen wir auch B sagen. Russland greift auf der Seite Assads, inklusive Teherans, ein. Die gemäßigten Syrer (mindestens nicht our cup of tea, wenn nicht offen Islamistisch/antisemitisch) haben keine Kraft, auch mit Waffenlieferungen nicht. Bleiben Al Nusra aka Al Quaida (wegen denen der Westen ja in Afghanistan und Irak war) oder der IS (schwer vermittelbar in den Abendnachrichten).
    Wie soll eine westliche Syrien-Politik aussehen? Flugverbotszonen nutzen AlNusra & IS, keine Zone Assad. Wenn es das Ziel ist, zuerst Assad zu stürzen und Putin zu blockieren, dann sollten wir diese Luftschläge gegen den IS einstellen. Wobei…die NATO hat die größte und modernste Luftwaffe der Welt + Satelliten. Trotzdem können sich IS Truppen in großer Zahl auf offenem Gelände mit gut sichtbaren Staubwolken gruppieren und angreifen. Ohne es behaupten zu wollen, aber was mir aufgefallen ist, könnte auch jemandem im Pentagon aufgefallen sein…d.h. der Westen nimmt den IS gerade billigend in Kauf. Genau das, was wir der Türkei unterstellen.

  7. avatar

    Derzeit arbeiten wir jedenfalls nicht mit Putin zusammen. Das Ergebnis dieser Strategie ist nicht sehr ermutigend. Aber vielleicht wird das ja bald besser, vielleicht sollten wir noch ein paar Jahre so weitermachen und abwarten? – Klar, möglich wäre das. Ich denke aber, es ist genug Zeit vergangen. Die Strategie hat sich als falsch erwiesen, sie hat ihr Ziel nicht erreicht und nicht einmal eine Verbesserung erzwungen.

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    @ Alan Posener
    Kopie von comment bei Polenz, der den vielleicht unterschlägt:
    Lieber Alan Posener,
    es hat für mich wenig Humanitäres, wenn man Christen, Jesiden oder Frauen in Flüchtlingsheime steckt, wo sie unter Repressalien von muslimischen Männern zu leiden haben.
    Und es hat für mich noch weniger Humanitäres, wenn man lange genug an den Grenzen wegschaut und die Tür für potentielle Terroristen aufreißt. Das hat was von „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, und zweifellos liegt in den „nächsten fünf Monaten“, siehe link, unser Weihnachtsfest und vorher die Märkte.
    Wenig Humanitäres hätte auch das Motiv, wenn es darin bestünde, einen Deutschen/eine Deutsche zum/zur GeneralsekretärIn der UN, dess(r)en Wahl nächstes Jahr ansteht, auf dem Rücken der dt. Bevölkerung zu promovieren und sich so schon mal die Stimmen der Entwicklungsländer und failed states zu sichern. Das hätte eher etwas gefährlich Egoistisches.
    http://www.krone.at/Oesterreic.....ory-473812

    Gegenüber Frauen, Christen und Minderheiten ist das unkontrollierte Einlassen von Hunderttausenden muslimischen Männern grob fahrlässig und kann bei Aufhebung einer derzeit bestehenden Immunität auch vor Gericht und sogar im Gefängnis enden. Dessen sollten sich einige in der Regierung bewusst werden.

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    @Stefan Truthe & LF

    Leider hat niemand auf mich Sandkastenfeldmarschall gehört: Als Assad die rote Linie Giftgas überschritt…blabla. Damals das Regime entkommen zu lassen, war ein Fehler.
    Die Alternative zu Assad ist nicht der IS oder AlNusra, es ist ein MadMax-Szenario. Putin hat den Preis für einen Assad-Sturz weiter in die Höhe getrieben, der Westen wollte den viel niedrigeren Preis vor zwei Jahren schon nicht zahlen. Dann bleiben nicht mehr viele Alternativen. Es ist wie in der Ukraine: der Westen war unvorbereitet und muss Gelände und Positionen nun räumen. Traurig aber wahr. Wir sind mitten im neuen Kalten Krieg und wir haben die ersten Schlachten verloren.

    Putin ist kein Partner, er ist ein Gegner, mit dem wir zusammenarbeiten müssen, wenn wir ihn nicht schlagen können. Traurig, aber wahr.

    1. avatar

      Bis auf die Behauptung, wir müssten mit Putin zusammenarbeiten, wenn (weil) wir ihn nicht schlagen können, stimme ich Ihnen zu, lieber Stevanovic.

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