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Neusprech für NeubürgerInnen

Von Eva Quistorp:

Liebe MitbürgerInnen,
ich weiß ja nicht, ob Sie sich als Deutsche, Europäer, Weltbürgerinnen oder Berliner, Kölner oder Neuköllner fühlen, was sie sagen, wenn sie in Europa oder der Welt unterwegs sind mit dem Flugzeug oder Auto und dann gefragt werden, wo sie her sind.Jedenfalls kommen wir alle am besten jetzt aus Merkelland, das wird in einigen Ländern jetzt sogar besser und schneller verstanden werden als Deutschland, denn wo liegt das denn?
Merkelland ist über die sogenannten sozialen Netzwerke, die man ja auch Brüll-, Quassel-, Katzen- oder Hass- oder Gerüchte- und Lügennetzwerke nennen könnte, bekannter – mit den schönen Selfies von Mama Merkel mit dunkeläugigem, jungem, gutaussehenden Flüchtling.
Da wir in Merkelland mit der Groko-Regierung – ja, wenn man sich die Politik der sogenannten Euro-Rettung, der sogenannten Griechenlandrettung anguckt, schon länger in einem schwarzgelbrotgrün regierten Merkelland -leben, kommt es ,um die übergroße Mitte zu halten und dazu zu gehören, Wählerstimmen zu gewinnen und bei keinem Gender- oder Migrationsprofessor anzuecken oder bei Frau Roth ,Frau Göring-Eckhart, Frau Kipping, Frau Fahimi oder gar bei der Europakaiserin Merkel selbst, auf die korrekte Sprache an.
Denn im Land der Dichter und Henker ist Sprache eben, ich gebe zu, auch oft bei mir, identisch mit Denken und Handeln. Daher auch die berechtige Furcht, dass Pegida und die Hassnetzwerke jeder Art in den a-sozialen Netzwerken mit ihrer Unsprache immer mehr öffentliches Handeln oder gar Brandstiftungen bestimmen könnten.
Doch ist das beste Gegengift dagegen die immer dünnere, immer kontrolliertere Neusprechsprache, die sich sauber und als einzig mögliche gegenüber Migranten, Frauen, Schwulen, Queer, Behinderten, Ausländern, Asylbewerbern und dem Massenansturm von Flüchtlingen gibt?
Oh, darf ich Massenansturm schreiben? Darf ich Flüchtlingsstrom schreiben? Schürt das nicht die Angst vor zu vielen Flüchtlingen?
Besser scheint es da,in Talkshows und im Radio und bei Pressekonferenzen, wie jetzt bei dem wiedergewählten Frank Bsirske von Verdi, da nicht genauer auf den Unterschied von 500, 5000 oder 50.000 oder, was soll’s, eineinhalb Millionen Flüchtlingen in Deutschland einzugehen, also sowohl die Menge wie die Herkunft einfach für egal zu erklären, wie das ja auch die angeblich so strategisch kluge Physikerin Merkel tut.
Denn mit ein paar Sprachtricks sind es einfach Flüchtlinge und – noch besser gesagt – einfach Menschen.
Alle Menschen sollen eben in unserem guten Merkelland, vor allem, wo wir jetzt endlich mal als
freundlich von der Welt angesehen werden und alle von der Merkelimagekampagne profitieren – eigentlich  profitiert sie ja von der Freundlichkeitswelle der Hunderttausende ehrenamtlicher und amtlicher HelferInnen – alle Menschen sollen eben gleich sein, und zwar am besten sofort.
Da kam heute der Verdi-chef Bsirske die gute Neudeutsch-Idee, ein wenig geklaut bei Kathrin Göring Eckhart und bei Renate Künast: Es darf kein Lohndumping geben „für die, die länger hier leben und für die Neuen“. Genial, klar bin ich gegen Lohndumping, gegen die Senkung des Mindestlohnes oder anderer Sozialstandards durch die plötzlich im Land auftauchenden Flüchtlinge, die Massen an jungen Männern, an Muslimen aus dem Nahen Osten, genauer gesagt. Doch muss ich dazu, um die Konflikte, die der Massenansturm von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten und Afrika mit sich bringt, nun so tun, als käme ich irgendwoher und bin zufällig schon 70 Jahre da,
obwohl ich ja nun einige Jahre in anderen Ländern Europas gearbeitet habe?
Die angeblich so fromme grüne Spitzenfrau Kathrin Göring Eckhart sprach demonstrativ und propagandistisch ständig in den letzten Wochen von Neubürgern, als ob dieses Neusprechmantra, irgendeinen von Pegida oder der AfD überzeugen würde oder gar noch welche von der NPD. Ich dachte immer, dass Bürger sein Pflichten enthält und Kenntnisse über das Land und den Willen, sich sozial, demokratisch und politisch ins Land zu
integrieren, dass also der der Begriff Bürger, der Begriff citoyen, wie ihn sogar Jakob Augstein aktuell als Leitkultur fordert, etwas anderes sind als Flüchtling und Mensch, die ja alle ihren Sinn haben und alle zu gutem Zusammenleben beitragen können.
Doch einfach Unterschiede wegwischen – soll das ein Leben mit großen sozialen und kulturellen Konflikten und das Verstehen dieser Konflikte ersetzen?
Mag ja sein, dass Frau Künast erst 60 Jahre da ist und ich mir auf die zehn Jahre mehr nichts einbilden darf,
die mir keinerlei Privilegien verschaffen, auch nicht, dass meine väterliche Familie eine Familienbibel von 1340 ihr Eigen nennt. Denn was soll schon Kulturgeschichte, was soll Religionsgeschichte, was
soll die Geschichte der Arbeiter- und Frauenbewegung,
was die der deutschen demokratischen Institutionen, wenn es darum geht, dass wir eigentlich alle Menschen sind und irgendwie alle Migranten? Wenn die einen eben nicht mal Einheimische, oder Alteingesessene oder – die letzte neusprech-korrekte Worterfindung – Biodeutsche sind, sondern nun sind wir alle in Merkelland, nur entweder ein wenig länger oder neu da?
Wieso gibt es da keinen Aufschrei der Feuilletons, wieso dulden sie solche Verachtung gegenüber genauer
und traditionsreicher und demokratischer Sprache und Kulturgeschichte und schreiben lieber über Filmfestivals und die neuesten Romane, obwohl der Rest Europas schon mit der sogenannten Flüchtlingskrise beschäftigt ist.
Ja, ich finde Sprache sehr wichtig für die Demokratie und die Menschenrechte und Frauenrechte. Doch gegen diesen Neusprech, den ja auch die Dauerkanzlerin Merkel bestens beherrscht, verwehre ich mich. Ich bin keine Genderbeckmesserin oder pingelig, doch empfindlich, wenn gute Traditionen und Begriffe einfach weggeschmissen werden, vergessen und verdrängt werden,
nicht mal zum Recycling verwandt, sondern einfach weggewischt, als ginge das wie auf dem Tablet mit Kultur und Sprachgeschichte so. Als würde so etwas rechtes und rechtsextremes Denken und Sprechen oder gar
Handeln verhindern, als würden so  die Flüchtlingsmassen besser und leichter integriert .
Das ist stattdessen Verhindern von öffentlichem Nachdenken. Das ist Verschleierung auch der sozialen und kulturellen Konflikte, in denen wir stecken. Dieser seichte Plastikneusprech hat politische Verschleierungsabsichten oder ist – genauso schlimm –
Sprach und Denkfaulheit, die von den Medien kritiklos übertragen wird.
Meine Syrer im Deutschkurs würden sich beleidigt fühlen, wenn sie einfach als Neue oder Neubürger
angesprochen würden. Sie wollen Syrer sein oder Iraker oder Kurden oder junge Männer aus Kriegsgebieten, Muslime oder Studenten, Vorsitzende von Großfamilien. Einige wollen gern Deutsche werden, ein Wort was Künast, Bsirske und die ehemalige Kirchentagspräsidentin wie der Teufel das Weihwasser zu fürchten scheinen.
Was es bei uns heißt, Bürger zu sein, jedenfalls wie die demokratische Politik sich das wünscht und die
Medien, die die Bürgerdemokratie stärken sollten, erklären wir ihnen nicht, indem wir sie einfach als Neubürger oder als Neue, als die, die noch
nicht so lang hier sind, bezeichnen. Das finde ich sogar würdelos, würdelos für beide Seiten!

Eva Quistorp ist Germanistin, evangelische Theologin, Politologin, 68erin und Lehrerin, Buchautorin. Mitgründerin der Grünen 1979, der Frauen für Frieden, der Böllstiftung und von attac; Geschäftsführerin des Koordinierungsausschusses der Friedensbewegung, Mitglied des Bundesvorstandes der Grünen 1986-88, Europaabgeordnete 1989-94.
Beraterin von european womens college und UNWOMAN, der globalen Klimaallianz, Bürgerrechtlerin und freie Publizistin.

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4 Gedanken zu “Neusprech für NeubürgerInnen;”

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