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Besteht der „globale Süden“ nur aus Judenhassern?

Dieser Tage bekam ich eine Mail vom Goethe-Institut Hamburg, in der ein Kongress angekündigt wurde. Es geht um den 30. Jahrestag des Brandanschlags in Mölln und des „größten und fast vergessenen rassistischen Pogroms der deutschen Nachkriegsgeschichte in Rostock-Lichtenhagen“.

Ich lasse beiseite, ob es angebracht ist, den Begriff „Pogrom“, der – etwa in der Wendung „Reichspogromnacht“ – die staatlich initiierte und gebilligte Gewalt gegen Juden beschreiben soll, auf das widerliche Verhalten des Mobs in Rostock anzuwenden. Mein Kollege Henryk Broder hat den Begriff auch auf das ebenso widerliche Verhalten eines Mobs in der Kölner Silvesternacht 2015 angewendet, also mag es angehen.

Was hat Sihame Assbaque auf einer Veranstaltung des Goethe-Instituts zu suchen?

Was aber nicht angeht, das ist die Einladung von Sihame Assbague zu einer Diskussion im Rahmen eines Kongresses, bei dem es darum geht, gruppenspezifische Unmenschlichkeit zu bekämpfen. Denn die französische „militante“ schrickt selbst vor Unmenschlichkeit nicht zurück, wenn es um eine Gruppe geht: Juden. Dass sie auf Twitter den jüdischen Staat des Kolonialismus, der Massaker und der Apartheid zeiht und auch West-Jerusalem, das gemäß UN-Teilungsbeschluss zu Israel gehört, für „besetzt“ erklärt, mag man mit Unkenntnis erklären.

Dass sie aber – ebenfalls auf Twitter – neben einem GIF, das eine Gestalt aus „Game of Thrones“ zeigt, die über die Ermordung ihrer Feinde nachsinnt, eine Liste mit den Namen von acht prominenten Juden oder Freunden Israels veröffentlicht hat: Das geht zu weit. Keinem Rechten – der Kongress in Hamburg richtet sich gegen „Dynamiken der globalen Rechten“ – hätte man ihre Behauptung abgenommen, sie habe das als „Witz“ gemeint.

Gelten für Linke im Hinblick auf Hate Speech andere Maßstäbe als für Rechte? Oder gelten für Assbague andere Maßstäbe, weil sie marokkanische Wurzeln hat? Dass ein Teil der linken Szene – ich sage: ein Teil, weil ich viele Linke kenne, die nicht so ticken, etwa die bewundernswerte Petra Pau – bereit ist, in Bezug auf den israelbezogenen Antisemitismus mehr als ein Auge zuzudrücken, hat mit dankenswerter Klarheit Saba-Nur Cheema auf Zeitonline klargestellt.

Saba-Nur Cheema über die antiisraelische „Obsession“ vieler Muslime

Cheema, selbst Muslima, sprach von „der verfestigten Feindschaft gegen Israel, die in diversen Gesellschaften des globalen Südens – darunter auch vielen muslimischen – besteht“. In der Heimat ihrer Eltern, Pakistan, aber nicht nur da, sei es „common sense“, dass Israel keine Existenzberechtigung habe. Cheema kritisierte eine „Obsession mit Israel“ und eine „Überidentifikation mit Palästina“ und meinte, „andere unterdrückte muslimische Minderheiten wie die Uiguren in China oder die Rohingya in Burma können von so viel Unterstützung und Sympathie ihrer Glaubensgenossen wohl nur träumen.“

Warum aber ist man in Deutschland gegenüber dieser „Obsession“, die zu einer Dämonisierung und Delegitimierung Israels – nach der Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Association IHRA zwei Merkmale des modernen Antisemitismus – so nachsichtig?

wo bleibt die deutsche Staatsräson? Wo das Schamgefühl?

Wenn Menschen aus dem „globalen Süden“ wie der Philosoph Achille Mbembe – oder, wie Assbague, mit entsprechenden „Wurzeln“ – antisemitischen Unsinn von sich geben oder sich für eine Organisation wie BDS einsetzen, die alles „besetzte arabische Land“ von den Zionisten befreien will, also auch Tel Aviv und Haifa, Beersheba und Safed, dann gelten weder die deutsche Staatsräson noch die geschichtliche Scham. Dann fragt auch niemand danach, wie es deutschen Juden gehen muss, wenn eine Jasmin Puar zum Vortrag in die Städelschule eingeladen wird, die nicht nur für einen akademischen und künstlerischen Boykott von Juden aus Israel eintritt, sondern – in Wiederbelebung des alten christlich-antijüdischen Mythos von den blutdürstigen Juden – behauptet, die Israelis würden Palästinenser gezielt verstümmeln und verletzen, um sie kolonial zu unterwerfen.

Die Postkolonialen und das Ressentiment

Auf Zeitonline gab Cheema eine partielle Antwort auf die Frage der Nachsicht gegenüber dem aggressiven Antizionismus: „Anschlussfähig für dieses Ressentiment ist schließlich der Mainstream in der postkolonialen Schule, in denen der israelische Staat vor allem als koloniales Projekt begriffen – und die Bedeutung des Staates Israel für die Sicherheit der Juden weltweit vor dem Erfahrungshintergrund der Shoah weitestgehend ausgeblendet wird.“

Richtig. Aber viele Intellektuelle und Kunstschaffende, die jeden Vorwurf des Antisemitismus empört von sich weisen und sich nicht zur „postkolonialen Schule“ zählen würden, sind dennoch bereit, die antiisraelische „Obsession“ von Aktivisten aus dem „globalen Süden“ zu dulden. So haben sich die Leiter von zwanzig öffentlichen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland zur „Initiative GG 5.3 Weltoffenheit” zusammengeschlossen, um den Beschluss des Bundestags zu bekämpfen, in dem die BDS als antisemitisch bezeichnet und eine öffentliche Förderung solcher Positionen abgelehnt wird. Die Kulturfunktionärinnen schreiben: „Weltoffenheit, wie wir sie verstehen, setzt eine politische Ästhetik der Differenz voraus, die Anderssein als demokratische Qualität versteht und Kunst und Bildung als Räume, in denen es darum geht, Ambivalenzen zu ertragen und abweichende Positionen zuzulassen. Dazu gehört es auch, einer Vielstimmigkeit Freiräume zu garantieren, die die eigene privilegierte Position als implizite Norm kritisch zur Disposition stellt.“

Selbstkasteiung und Kniefall statt Einstehen für westliche Werte

Dass „Anderssein“ an sich schon eine „demokratische Qualität“ wäre, würde ich bezweifeln. Sicher ist, dass nicht jede, die eine andere Meinung hat als die Mehrheit hierzulande, auch demokratische Qualitäten besitzt, Björn Höcke etwa oder Wladimir Putin. Gewiss muss man nicht nur in Kunst und Bildung „Ambivalenzen ertragen“. Aber die Vertreterinnen des Antizionismus sind in Ihrem Israelhass nicht ambivalent. Allenfalls lassen sie in demagogischer Absicht zuweilen unklar, ob sie mit der „Besatzung“ die Besatzung des Westjordanlands meinen oder, wie BDS-Gründer Omar Bargouti, die Besatzung ganz Palästina. Gegen die Besatzung der Westbank sind viele Israelis und Juden. Für die Beendigung Israels fast kein Jude. Solche Ambivalenz muss man gerade nicht ertragen, sondern muss Klarheit verlangen.

Und was die „eigene privilegierte Position“ angeht, die nicht zur „Norm“ erklärt werden dürfe: Die Ablehnung einer Position, die den Juden einen Nationalstaat verwehrt, was, sollte sie je diplomatisch oder kriegerisch verwirklicht werden, zu einem Pogrom – und hier wäre das Wort angebracht – gegen Millionen Juden in Palästina führen würde, hat mit Privilegierung nichts zu tun. Sondern mit Einsicht und Anstand, Moral und Vernunft. Wenn im Namen der „Vielstimmigkeit“ die historische Wahrheit „kritisch zur Disposition“ gestellt werden soll, dann kann man auch Faschisten und Rassisten „Freiräume“ bieten. Mit welchem Recht lehnt man Wladimir Putins Nichtanerkennung der Ukraine ab, hält aber die Nichtanerkennung Israels durch die BDS-Aktivisten und andere Akteure aus dem „globalen Süden“ für akzeptabel?

Weil Israel ein jüdischer Staat ist?

Wer ist eigentlich der „globale Süden“?

Nein, natürlich nicht, kommt die empörte Antwort, sondern weil wir mit dem „globalen Süden“ solidarisch sein wollen. Doch merkwürdigerweise wird mit dem „globalen Süden“ nie jener Teil der Welt gemeint, der gute Beziehungen zu Israel unterhält: Ganz Lateinamerika etwa, außer Venezuela und Kuba; ein Großteil der Länder Afrikas inklusive der islamischen Staaten Marokko, Sudan und Ägypten; die volkreichsten Staaten der Erde Indien und China; die Staaten Indochinas, Süd-Korea, Japan und viele andere.

Der „globale Süden“ ist ein ideologischer Begriff, der selbsternannte Vertreter jener Länder und Völker meint, die von linkem Kongress zu linkem Kongress oder wie die indonesische Gruppe ruangrupa, die zurzeit die Documenta – selbstverständlich ohne israelische Künstlerinnen – kuratiert, von Kunstschau zu Kunstschau jetten und aus dem schlechten Gewissen der Privilegierten ein Geschäft machen.

Mit der realen Welt hat der imaginierte „globale Süden“ so viel zu tun wie Israel mit einem kolonialen Apartheidstaat, nämlich nichts. Gewiss, es gibt die „untere Milliarde“, wie der britische Ökonom Paul Collier die von der gewaltigen Aufwärtsentwicklung der früheren „Dritten Welt“ in den letzten 50 Jahren abgehängten Menschen in Staaten wie der Demokratischen Republik Kongo nennt. Doch diejenigen, die sich als Vertreter des „globalen Südens“ ausgeben und denen zuliebe wir unsere Werte, Erfahrungen und Normen „kritisch zur Disposition stellen“ sollen, haben keine Vorschläge anzubieten, wie diesen Menschen zu helfen wäre.

Keine.

Denn das Problem ist nicht etwa, dass unser Reichtum von der Armut dieser Menschen bedingt wäre. Das Problem ist, dass unser Reichtum völlig unabhängig von ihnen im Handel etwa mit Ländern wie China, Korea, Vietnam, Indien oder Bangladesch generiert wird, die nicht zuletzt durch den Welthandel einen Weg aus der Armut gefunden haben. Schon gar nicht aber ist das Problem der „unteren Milliarde“ der jüdische Staat mit seinen 6 Millionen Juden; schon gar nicht werden von den Juden in Israel, wie etwa Mbembe behauptet, die Techniken entwickelt, die bald überall im imaginierten globalen Süden zur Unterdrückung des Widerstands angewendet werden.

Wenn es eine Ideologie gibt, die der Emanzipation der unteren Milliarde im Wege steht, dann ist es die Ideologie des Antizionismus, so wie der Antisemitismus in den 1920er und 1930er Jahren der Emanzipation der Arbeiterklasse im Weg stand. Auch deshalb muss sie zusammen mit dem Postkolonialismus endlich kritisiert statt hofiert werden.

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