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Glaubensstark gegen die Moderne

Blättert man in Zeitschriften aus den 1950er und 1960er Jahren  und betrachtet die Schwarz-Weiß-Fotos, reibt man sich verdutzt die Augen. Scharen junger Frauen flanieren untergehakt  durch die Straßen, die Röcke sind kurz, die Haare flattern im Wind. Im Mundwinkel glimmt kokett die Zigarette. Die Szenen spielten in  Kairo, Damaskus und Teheran. Von Straßenszenen in Berlin, Paris und London waren solche Demonstrationen selbstbewusster Weiblichkeit nicht zu unterscheiden. Heute fahren in Teheran Sittenwächter der Religionspolizei durch die Straßen und verhaften Frauen und Mädchen, die das Kopftuch zu sehr gelockert  oder die Schminke  „unislamisch“ aufgetragen haben. Ich kenne kein islamisches Land, in dem die Frauen heute gleichberechtigt wären. Sie sind es weder in der rechtlichen Stellung gegenüber dem Mann noch im wirklichen Leben in  Familie und  Gesellschaft. Die Fotos beweisen, dass es einmal Zeiten gegeben haben muss, in denen sich Frauen auch in muslimischen Gesellschaften  frei entfalten konnten. Warum sind diese Zeiten sang- und klanglos untergegangen? Ein Blick in die Geschichte gibt  Auskunft.

Beharrung oder Reform

Seit dem 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der europäischen Aufklärung,  ringen in der muslimischen Welt Kräfte der Beharrung und der Neuerung heftig miteinander um gesellschaftliche Dominanz. Hellsichtigen Herrschern war nicht verborgen geblieben, dass ihre Reiche gegenüber den aufstrebenden Mächten Europas, die sich industrialisierten und  geistig-wissenschaftlich modernisierten, ins Hintertreffen geraten waren. Im Osmanischen Reich versuchten deshalb in der 2. Hälfte des  19. Jahrhunderts  einige Großwesire, durch Modernisierung von Regierung, Verwaltung, Militär, Justiz und Wirtschaft den schleichenden Niedergang ihres Reiches aufzuhalten. Die Reformen trugen den Namen „Tanzimat“, was man mit „Heilsame Neuordnung“  übersetzen kann. Mustafa Kemal Pascha, später Atatürk genannt, blieb es vorbehalten, diese Reformen weiterzuführen und die Türkei, den Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs, nach dem Vorbild eines modernen republikanischen Staatswesens nach westlichem Muster zu  formen.  Die Reformen, die Kemal Pascha durchführte, waren  nachgerade revolutionär. Sie sind es auch noch aus heutiger  Sicht. Die Geistlichkeit wurde durch die Abschaffung des Kalifats  entmachtet, religiöse Bruderschaften und Orden wurden verboten, den Geistlichen wurde das Tragen ihres Gewands nur in der Moschee  und auf dem Friedhof gestattet. Die Frau wurde  dem Mann rechtlich gleichgestellt, was sich auch  in der Neuordnung des Familien- und Scheidungsrechts niederschlug. Mädchen wurde gleicher Zugang zur höheren Schulbildung und zum Universitätsstudium  garantiert. Als äußeres Zeichen der Säkularisierung wurde der Hut als männliche Kopfbedeckung propagiert. Er sollte Fes und Turban als nationale Tracht ablösen. Auf das Tragen der alten Tracht standen  Geld- und Gefängnisstrafen. In Schulen und Universitäten galt für Frauen ein strenges Kopftuchverbot. Widerstand gegen die Modernisierung wurde von  Kemal Pascha rigoros niedergeschlagen. In Ostanatolien, der Region mit dem heftigsten Widerstand, wurden gegen Aufständische zahlreiche Todesurteile verhängt.

Viele arabische Staaten folgten diesem Reformkurs, wenn auch unter dem Banner einer Ideologie, die Nationalismus (Panarabismus) mit Säkularismus und Sozialismus verschmolz (Baath-Bewegung). Im Schoße dieser Regime wuchs  eine Bewegung, die sich aus ganz anderen Quellen speiste als denen der Moderne. Es waren Strömungen eines  orthodoxen Islam, der sich an den Lehren  von Muhammad ibn Abd al-Wahhab orientierte. Dieser Religionsgelehrte hatte im 18. Jahrhundert aus derselben Diagnose – der Rückständigkeit der arabischen Welt gegenüber dem erfolgreichen Westen – eine gänzlich andere Therapie  abgeleitet als die Modernisierer im Osmanischen Reich. Er hielt den Wettlauf mit dem Westen für verloren, zog  daraus aber den Schluss, die materielle  Niederlage  in einen geistigen Sieg  verwandeln zu können, wenn  der Islam durch die „Reinheit“ des Gottesbegriffes zu einer neuen Kraftquelle wird. Aus  Glaubensstärke sollte  Kampfstärke erwachsen. Al-Wahhab forderte die Gläubigen dazu auf, sich wortgetreu  am Koran und der Sunna, den Überlieferungen des Islam, zu orientieren und alle theologischen Modernisierungsversuche, wie z.B. historisch-kritische Koranauslegungen, zu verwerfen. In dieser Auffassung sind  so gut wie alle anderen Muslime, auch die Schiiten, Ungläubige, die bekämpft werden dürfen und müssen. Der Steinzeit-Islam des IS geht letztlich auf solch dogmatische Verengungen der Lehre zurück.

1774 schloss al-Wahhab einen Vertrag mit dem saudischen Königshaus, der die Vormachtstellung seiner Glaubensauffassung festschrieb. In der Folge wurde die strenge Auslegung des Islam, der Wahhabismus, über die „Islamische Weltliga“ in der ganzen Welt verbreitet. In Europa gibt es bis heute zahlreiche Moscheen, die von dieser  Liga bezahlt und mit „passenden“ Imamen versorgt werden.

Eine zweite Schule eines rückwärtsgewandten Islam wird 1928 in Ägypten von  der Muslimbrüderschaft begründet. Auch die Muslimbrüder haben sich der  Rückkehr zum ursprünglichen Islam und der Errichtung einer islamischen Ordnung, der Scharia, verschworen. Sie wollen den Islam vor schädlichen westlichen Einflüssen schützen und erkennen deshalb  nur diejenigen Regime  als legitime Herrscher an, die in Übereinstimmung mit der Scharia herrschen. Wie der Wahlsieg der Muslimbrüder in Ägypten im Jahre  2013  zeigte, ist diese Strömung wegen ihrer karitativen Tätigkeiten im einfachen Volk stark verwurzelt. Einmal an die Macht gekommen, gestalten sie Staat und Gesellschaft radikal nach den Vorgaben der Scharia um. Nur das Verbot der Bruderschaft durch einen Armeeputsch  konnte einen ägyptischen Scharia-Staat verhindern.

Politisch und ökonomisch abgehängt

Der „arabische Frühling“ hatte für kurze Zeit im Westen die Hoffnung aufkeimen lassen, es werde den arabischen Staaten im Norden Afrikas  und im Nahen Osten  gelingen, mittels demokratischer Reformen und einer Liberalisierung der Wirtschaft den Anschluss an  westliche Standards zu  schaffen. Diese Hoffnung ist vollständig verflogen, sieht doch die Bilanz der kurzen demokratischen Aufwallung verheerend aus. Einige Staaten sind in sich zerfallen (Libyen, Irak, Syrien, Jemen), andere wieder in die Despotie zurückgefallen (Ägypten). Nur Tunesien, das Ursprungsland der Rebellion, hält ein fragiles Gleichgewicht zwischen Beharrung und Reform aufrecht. Ökonomisch ist nirgendwo ein Aufbruch zu erkennen. Die Universitäten, die Motor der Erneuerung sein könnten, verharren in rückständigen Denkansätzen. Die Wissenschaft ist zunehmend unter das Kuratel des Glaubensdiktats geraten. Aus dieser  düsteren Bilanz kann man die Prognose ableiten, dass der glaubensstarke Retro-Islam auf Jahre hinaus ein dankbares Reservoire an Gläubigen finden wird. Verwunderlich ist nur, dass der rückständige Islam auch in Ländern mit florierender Wirtschaft und funktionierendem Wohlfahrtstaat, wie z.B. Deutschland, viele Anhänger findet. Dies straft eine verbreitete Auffassung Lügen, der Islam werde sich mit Sicherheit modernisieren, wenn die Gläubigen erst einmal  am Wohlstand teilhaben könnten.

Der türkische Sultan

Was sich in der Türkei in der letzten Dekade ereignet und seit dem gescheiterten Militärputsch von 2016 einen Höhepunkt erreicht hat, kann man in den Kontext einer rückwärtsgewandten Islamisierung einordnen. In den westlichen Demokratien und in den Führungsetagen der EU wird in erster Linie der Abbau der Demokratie beklagt, die Aufhebung der Gewaltenteilung, die Abschaffung der ehemals freien Presse und das undemokratische Präsidialsystem. Weniger beachtet wird die schleichende Islamisierung, die für die AKP, eine gemäßigt islamistische Partei,  schon immer  auf der Agenda stand. Der Westen hat sich nur deshalb über die wahren Absichten  Erdogans täuschen lassen, weil die AKP lange eine liberale Wirtschaftspolitik verfocht, die das Land modernisierte und eine breite Mittelschicht entstehen ließ. Das eigentliche Ziel, den Kemalismus mit seinem strikten Säkularismus wieder  rückgängig zu machen, hatte die AKP nie aufgegeben. Nach dem Putsch sah Erdogan die Stunde gekommen, seine  Agenda zu forcieren, weil er von der geschwächten und eingeschüchterten Opposition keine Gegenwehr mehr zu befürchten hatte. Säkulare Türken  sprechen davon, dass Erdogan systematisch die Tanzimat-Reformen der spätosmanischen Zeit wieder rückgängig macht. Überall werden Moscheen gebaut. Die Imame werden über die regierungsnahe Religionsbehörde gesteuert – auch in der europäischen Diaspora. Das Bekleidungsreglement aus der Atatürk-Zeit ist längst gefallen. Die Hauptleidtragenden sind die Frauen, die wieder dem Manne untergeordnet werden. Auf dem Sektor der Bildung sind wichtige  Errungenschaften der Aufklärung auf dem Rückzug. Die Evolutionslehre wurde aus den Lehrbüchern verbannt, weil Schüler angeblich mit dieser Lehre überfordert seien. Stattdessen wird den Kindern und Schülern der Dschihad eingebläut, nicht der kriegerische des IS, sondern der milde, der einen Dienst an der Gemeinschaft der Gläubigen vorsieht. Ein Heer gläubiger und regierungstreuer Muslime soll entstehen.  Ahmet Hamdi, der von Erdogans Chauffeur zum „Bildungsexperten“ aufgestiegen ist, erklärte, es mache „keinen Sinn, einem Kind, das den Dschihad nicht kennt, Mathematik beizubringen.“ – Die größte (noch freie) Lehrergewerkschaft Eğitim-Sen sagt  zu den ideologischen Umgestaltungen des Bildungssystems: „Diese Reform zerstört das Prinzip des Säkularismus und das wissenschaftliche Prinzip der Bildung.“

Das Bündnis der Türkei mit dem in der arabischen Gemeinschaft unter Druck geratenen Katar hat seine Ursache in der gemeinsamen Unterstützung der  Muslimbrüderschaft, deren Führer  nach dem Verbot in Ägypten  in Katar eine neue Heimat gefunden haben. Auch die in Gaza herrschende Hamas wird von Katar massiv unterstützt. Anscheinend wächst hier  zusammen, was ideologisch  zusammen gehört.

 Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn sich  SPD-Politiker  im Wahlkampf gegenseitig mit dem Vorschlag für Strafmaßnahmen gegen die Türkei überbieten. Vor Jahren haben sie noch  Kanzlerin Angela Merkel dafür gescholten, dass sie der Türkei nur eine „privilegierte Partnerschaft“ mit der EU, aber keine Vollmitgliedschaft zugestehen wollte. Vielleicht hat sie damals schon gesehen, dass die türkische Gesellschaft als Ganze nicht reif war für die Mitgliedschaft in der demokratischen europäischen Familie. Man darf ja nicht vergessen, dass Erdogan in den letzten zehn Jahren Wahlergebnisse von bis zu 60% eingefahren hat. Auch heute ist  seine Machtbasis im Volk beileibe noch nicht geschwunden.  Auch die in den EU-Staaten lebenden Türken wählten in den letzten Jahren  mehrheitlich AKP.

Islamisierung im Schutz demokratischer Grundrechte

Ein Bekannter erzählte mir neulich  von einem verstörenden Erlebnis, das er  auf der Berliner Bismarckstraße hatte. Ein Taxifahrer sei aus seinem wartenden Taxi ausgestiegen, habe einen Gebetsteppich auf dem Bürgersteig ausgerollt und angefangen zu beten. Von den vorbeiflanierenden Berlinern und Touristen habe er sich nicht stören lassen. An den langen Warteschlangen der Taxis an den beiden Berliner Flughäfen soll dieses Verhalten gang und gäbe sein. In Frankreich haben Imame die Gläubigen dazu aufgerufen, massenhaft auf den Straßen zu beten, um ein Zeichen zu setzen: Wir sind hier! In Paris und Brüssel waren Frauen mit Burka  im Straßenbild keine Seltenheit, bis die Parlamente ein Verbot dieses Kleidungsstücks im öffentlichen Raum beschlossen haben. In deutschen Schulen wird ein ständiger Kleinkrieg ausgefochten, weil Eltern unter Berufung auf ihre Religion dies und das ihren Kindern – meistens den  Mädchen – nicht gestatten wollen (Schwimmen,  Sport, Teilnahme an Schulfesten und Klassenfahrten, Singen in der Öffentlichkeit). Die Forderung  muslimischer  Eltern,  an einer Berliner Gesamtschule für ihren Sohn  einen Gebetsraum einzurichten, wurde erst vom Bundesverwaltungsgericht gestoppt. Im  Wuppertaler Johannes-Rau-Gymnasium fühlte sich die  Schulleitung bemüßigt, an die Schulgemeinde zu schreiben, in der Schule sei es  nicht gestattet, deutlich sichtbar zu beten, etwa mit rituellen Waschungen und dem Ausrollen von Gebetsteppichen“. Der Landtag von Niedersachsen wird in Kürze ein Gesetz beschließen, das vorschreibt, dass Schülerinnen nicht im Niqab in den Unterricht kommen dürfen. Anlass war eine Schülerin, die sich beharrlich weigerte, im Unterricht ihr Gesicht zu zeigen. Das neue Gesetz schreibt vor, dass Schüler und Schülerinnen „durch ihr Verhalten und ihre Kleidung die Kommunikation mit den Beteiligten des Schullebens nicht in besonderer Weise erschweren dürfen.“ Als Lehrer hätte ich mir nie träumen lassen, dass  es einmal nötig sein könnte, dass  sich die Schule als weltanschaulich und religiös neutraler Ort   gegen die  Zumutungen einer demonstrativ zur Schau gestellten muslimischen Religiosität   schützt.

Die Mädchen leiden am meisten

Ein kleines Beispiel aus der Schule kann veranschaulichen, wie ein strenger Islam Schülerinnen die Rechte verwehrt, die ihnen nach unserem Grundgesetz zustehen.  Ich habe Fatima, ein Mädchen aus einer libanesischen Familie, erlebt, das unter dem religiösen  Rollenkonflikt extrem litt. Oft kam sie morgens zur  ersten Stunde  zu spät. Die Fachlehrer wandten sich deshalb  mit der Bitte an mich, als Klassenlehrer auf Fatima einzuwirken. Im Gespräch erfuhr ich  den Grund für ihre Verspätung. Sie brachte vor der ersten Stunde immer 15 Minuten auf der Toilette zu, wo sie sich ihres Kopftuches und Umhanges entledigte und in enge Jeans und ein gewagtes Top schlüpfte. Ihre Haare ließ sie frei  flattern, die Lippen schminkte sie im typischen Teeny-Style.  Sie wollte in der Klasse so aussehen wie ihre Freundinnen  Anna, Kathrin und Elsa. Nach der Schule kam die Rückwärts-Verwandlung. Nur im  strengen Habitus der Verhüllung konnte sie ihrem Bruder, der die Schule geschmissen hatte und sich jetzt als moralischer  Aufpasser  über seine intelligente Schwester betätigte, unter die Augen treten. Moral („Ehre“) kompensiert Bildungsdefizit.  Der Bruder  geleitete die Schwester „sicher“ ins elterliche Heim, weil sie nur so den Gefährdungen der  „unmoralischen“  Großstadt widerstehen könne. Man stelle sich die Gefühle solcher  Mädchen  vor, die  an der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit gehindert  werden und   dem  Dauerverdacht unterliegen, sie könnten  zu einer „deutschen Schlampe“  werden, wenn sie  sich nicht unter die  schützende Obhut männlicher Familienmitglieder begeben. Ich konnte Fatima in diesem Konflikt nicht helfen. Ich ermunterte sie nur, die Schule weiterhin  erfolgreich zu meistern, weil sie nur so – langfristig – den Banden ihrer patriarchalischen Familie würde entfliehen können. Wann hat das  Bonmot von Karl  Kraus, „Das Wort ´Familienbande` hat einen Beigeschmack  von Wahrheit“,  je  mehr Berechtigung gehabt als hier?

Nach Angaben der Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ leben in Deutschland mindestens 24 000 Frauen, die eine Genitalverstümmelung erlitten haben und 6000 Mädchen, die akut davon bedroht sind. Mit diesem Eingriff in die körperliche Unversehrtheit soll die sexuelle Treue der Mädchen und Frauen erzwungen werden. Diese grausame Verstümmelung von Frauen ist aus muslimischen Gesellschaften in Afrika, dem  Süden der arabischen Halbinsel und aus muslimischen Gesellschaften Asiens  nach Europa, auch nach Deutschland, „eingewandert“. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sterben gut ein Viertel der betroffenen Frauen im Laufe ihres Lebens an den Folgen einer Beschneidung. Diese Praktiken wird  wohl kein vernünftiger Mensch als „kulturelle Bereicherung“ betrachten wollen. Wir sollten alles  tun, um  die Mädchen,  die von diesem schlimmen Eingriff bedroht sind,  zu beschützen. Die rechtliche Güterabwägung sollte dabei klar  sein: „Das im Grundgesetz verankerte Recht auf ungestörte Religionsausübung und das Erziehungsrecht der Eltern haben keinen Vorrang gegenüber dem vom Grundgesetz verbrieften Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung“, sagt Irmingard Schewe-Gerigk, die Vorsitzende von „Terre des Femmes“.

Den Säkularismus verteidigen

In Deutschland streiten sich  Parteien und  Zivilgesellschaft schon seit Jahren über den richtigen Umgang mit einer Re-Konfessionalisierung, die nicht von Katholiken oder Protestanten, sondern von Muslimen in die Öffentlichkeit getragen wird. Liberale Parteien und duldsame Geister wollen diesen Tendenzen mit Toleranz begegnen, weil sie sich nicht dem Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit aussetzen wollen. Sie verniedlichen sogar die religiöse Substanz der Islamisierung, indem sie nur von „kulturellen“ Erscheinungen oder gar von einer „kulturellen Bereicherung“ sprechen. Andere, zu denen ich mich zähle, sehen in der Islamisierung eine Bedrohung aufklärerischer Errungenschaften, zu denen die strikte Trennung von Staat und Religion und die Maßgabe, dass Religion Privatsache zu sein hat, gehören.

Wenn man bedenkt, dass es in den islamischen Ländern  schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts Freiheitsbestrebungen gab, die sich am  aufklärerischen Ideenfundus des Westens orientiert haben, ist es für mich schlechterdings nicht vorstellbar, dass wir im 21. Jahrhundert im  eigenen Land hinter den Freiheitsgrad zurückfallen, den aufgeklärte Herrscher wie Kemal Pascha  Atatürk   schon 1924  ihren  muslimischen Gesellschaften  verordnet  haben.

Es kann in Deutschland nur einen Islam geben, der sich dem säkularen Gesetz unterwirft.

 

 

7 thoughts on “Glaubensstark gegen die Moderne

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    Der Glaube an die Moderne ist genauso ein Aberglaube, wie der Glaube im Christentum und Islam.
    Auch im 21. Jahrhundert lässt die „westliche Welt“ immer noch den arroganten Kolonialherrscher raushängen. Ist unsere Welt wirklich soviel besser?

    Die Trennung von Kirche und Staat ist immer noch nicht vollzogen. Nicht nur Kirchensteuern werden regelmässig eingetrieben, auch kirchliche, soziale Einrichtungen, Kirchen, Pfarrhäuser usw. werden vom Staat, also vom Bürger bezahlt und subventioniert. Der ev. Kirchentag kostete 23 Mio. Euro, wovon 7,5 Mio. durch Eintrittsgelder reinkamen, der Rest wurde subventioniert!

    Es ist keine 50 Jahre her, da trugen deutsche Frauen Kopftuch in der Kirche und Mann Hut. Bis Mitte der 70er Jahre durfte die Ehefrau nur arbeiten und ein eigenes Konto haben, wenn der Ehemann schriftlich einwilligte.
    Die Frauenhäuser in Deutschland sind überfüllt, nicht mit Muslimas. Kindesmissbrauch findet nicht nur in deutschen Familien statt, sondern auch katholische Priester vergreifen sich weltweit an unseren Kindern. Und das jahrelang! Scientologie wäre sofort geschlossen worden, wenn sie Missbrauch begangen hätten.

    Militante Horrorgeschichten finden sich nicht nur im Koran, auch die Bibel kann da durchaus mithalten. Als George W. Bush und Obama erneut die fundamentalistisch, christlichen Kreuzzüge gegen Afghanistan, Irak, Libyen, Somalia, Mali, Yemen, Pakistan, Syrien und gegen den Rest der islamischen Welt ausriefen, weil sie dort die Achse des Bösen vermuteten, hatte sich der „Arabische Frühling“, der auch nur einer westliche Erfindung war, endgültig erledigt.
    Die Muslimbruderschaft in Ägypten wurde demokratisch gewählt, als der Westen Mubarak überdrüssig wurde. Damit hatten wir nicht gerechnet, dass ein muslimisches Land, eine muslimische Organisation wählt und keine vom Westen installierte Marionetten.

    Länder wie Jordanien, Israel, Irak, Kuwait, Syrien… wurden erst durch die Siegermächte nach den WK erschaffen und somit waren die Spannungen vorprogrammiert nicht zuletzt durch die Balfour Deklaration.

    Jeden Tag sterben hunderte Menschen in der arabischen Welt durch die ignoranten und arroganten Bomben, Drohnen und sonstigen Waffen der so genannten fortschrittlichen, freien, westlichen und CHRISTLICHEN Welt. Alle Länder die WIR überfallen haben liegen in Schutt und Asche. Aber nicht, weil uns irgendwelche Menschenrechte kümmern würden, sondern, weil wir deren Ressourcen brauchen. Schon mal überlegt, warum Benzin seit Jahren so billig ist ? Oder glauben sie, dass sie sich jedes Jahr das neueste Handy kaufen könnten, wenn afrikanische Kinder nicht täglich in den Minen verrecken würden ?

    Eigentlich sollten wir uns eher darüber wundern, dass wir nicht jeden Tag eine Bombe unter den A…. gelegt bekommen… Wir sollten endlich damit anfangen die Kriege, die unsere Regierungen führen zu hinterfragen, anstatt überhebliche Ressentiments gegenüber einer Kultur zu hegen, die wir nicht ansatzweise verstehen.

    Solange immer noch Geld fürs Töten übrig ist, anstatt für Schulen, Kindergärten und Freizeiteinrichtungen, solange stehen wir immer noch auf einer Stufe mit den allerersten Primaten dieser Welt.

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    R.W.: ‚Es kann in Deutschland nur einen Islam geben, der sich dem säkularen Gesetz unterwirft.‘

    … aber das tun die doch. ‚Islam‘ wird übersetzt mit Unterwerfung, ’säkular‘ bedeutet weltlich.

    1. Johannes 5:19; ‚Wir wissen: Wir sind aus Gott, aber die ganze Welt steht unter der Macht des Bösen.‘ Oder lesen Sie die Offenbarung 12:9. Beispielsweise.

    Einem wahren Gesetz ordnet man sich nicht unter, man ordnet sich ein. Das ist Naturgesetz, das ist Gottes Wille. Oder lesen Sie die Präambel im GG: ‚Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, …‘

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    Sie haben den Islam nicht verstanden.
    Ein Islam, der sich säkularen Gesetzen unterwirft, ist kein Islam mehr.

    Was Sie wollen sind Moslems, denen der Islam so egal ist wie den meisten Katholiken die Anweisungen aus Rom.

    Es wäre schon viel geholfen, wenn der Islam genau so behandelt werden würde wie alle anderen Religionen oder Weltanschauungen. Der kulturelle Rabat und die Bevorzugung vor Gericht und in den Verwaltungen muß endlich aufhören:
    – warum gibt es überhaupt eine deutsche Islam-Konferenz ?
    – Und warum brauchen Hindus, Buddhisten etc. keine Konferenz ?
    – Was haben Kopftücher, Burkas und Co. im öffentlichen Raum verloren ?
    – Wie kann jemand, der einer Frau noch nicht mal die Hand gibt, Polizist werden ?
    – Wieso werden die wahabitischen Geldzuflüsse aus Saudi-Arabien nicht unterbunden ?
    – Wieso läßt man eine ausländische Behörde (DITIB) schalten und walten wie sie will ?
    – Warum werden an Schulen und Universitäten plötzlich überall Gebetsräume eingerichtet ? Neben den eingeborenen Christen, Juden und Atheisten kamen auch eingewanderte Hindus, Sikhs, Buddhisten etc. jahrzehntelang ohne aus.
    – Warum werden eigentlich die Scientologen vom Verfassungsschutz beobachtet ?
    Gab es von denen jemals Gewalttaten gegen Apostaten, welche Gefahr geht von denen aus ?
    – Warum werden nur vereinzelte Gemeinden und nicht der Islam als ganzes vom Verfassungsschutz beobachtet ? Vielleicht Personalmangel, weil sich zuviele Mitarbeiter mit den Scientologen befassen ?

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    Das Christentum hat sich nie säkularen Gesetzen unterworfen oder wurde ihnen unterworfen. Es liegt hier ein Mißverständnis vor: Das Christentum ist nicht durch die Aufklärung gegangen, sondern das Christentum ist Aufklärung; die historische Etappe der Aufklärung ist eine historische Etappe des Christentums.

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      Christentum ist Aufklärung? Das ist aber eine steile These…
      Wenn Christentum Aufklärung wäre, dann müssten unter den großen Aufklärern der Geschichte reichlich Päpste und Bischöfe zu finden sein.
      Es mag möglicherweise gegenwärtig im Ergebnis so erscheinen, weil die meisten historisch christlich geprägten Gesellschaften heute aufgeklärter daherkommen als die islamischen. Tatsache ist jedoch, dass die christlichen Kirchen die wesentlichen Errungenschaften der Aufklärung nur zentimeterweise und zähneknirschend geschluckt haben. Und auch erst, wenn sie gesellschaftlich nicht mehr zu verhindern waren. Man hat irgendwann erkannt, dass man den Individuen die Möglichkeit einräumen musste, sich zugleich als aufgeklärter Mensch UND als Christ zu sehen und sich nicht für eines von beiden entscheiden zu müssen.

      Das Christentum ist nicht Aufklärung.
      Es hat die Aufklärung erst notwendig gemacht und anschließend über sich ergehen lassen müssen.
      Wenn man den islamischen Gesellschaften in die Moderne helfen will, muss man nicht das dortige Christentum fördern, sondern die dortigen Aufklärer.

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