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SPD-Chef Sigmar Gabriel hat eine starke Vorlage geliefert – nun muss er sie in der täglichen Praxis einlösen

Auf den SPD-Parteitag haben die Regierungsparteien mit den üblichen Floskeln reagiert. Vermutlich haben sie sich nicht die Mühe gemacht, den Parteitag und schon gar nicht Gabriels Rede zu studieren. Sonst hätte CDU-Generalsekretär Gröhe nicht gesagt, dass die SPD nach links gerückt sei.

Dabei hätten sie an Gabriels Rede lernen können, wie ein politischer Führer Menschen mit einfachen und klaren Worten mitreißen kann und damit vorgibt, dass künftig die üblichen Diskussionsbahnen nicht mehr zur Verfügung stehen.

Nur da, wo es anstrengend ist, da ist das Leben. Das ist längst nicht so missmutig, wie es – allein gestellt – klingt. Sondern das war einer der Höhepunkte von Gabriels Rede, in dem er die niedergeschlagenen Sozialdemokraten dazu aufforderte, sich wieder neu ins schwierige Leben einzumischen und dort, nicht nur innerhalb der Partei, zu diskutieren. Mit dieser Rede machte er ihnen Mut, sie haben das gewürdigt mit einem bemerkenswert guten Ergebnis.

Hätte man gar nicht erwartet, nachdem so viel aufgestauter Unmut über die vergangen elf Jahre formuliert worden war, in denen Gabriel ja auch zur Führung zählte.

Gabriel hat in guter, verständlicher und mitreißender Sprache über die Probleme gesprochen, die einer Lösung harren in unserem gut situierten Land – über die notwendige Klärung des Verhältnisses von sozialer Sicherung und neuen Arbeitsbiografien, darüber, dass Menschen dann etwas aus ihrem Leben machen wollen, wenn sie herausgefordert sind, und über „sozialen Patriotismus“, der von Menschen, die in diesem Land wohlhabend werden konnten, verlangt, dass sie andere unterstützen, und über „Solidarität in Eigenverantwortung“.

So über Demokratie und Sozialstaat zu reden macht – berechtigt? – Hoffnung auf ein neues Nachdenken der Sozialdemokratie über eine soziale Politik unter modernen Bedingungen. Allen Reizthemen der Sozialdemokratie hat er sich in seiner langen Rede zugewandt, aber eben ohne die üblichen technischen Ausdrücke und ohne die Floskeln, die dafür immer wieder verwandt werden – da war die Erwähnung von den „starken Schultern“ fast ein Ausrutscher.

Damit hat Gabriel allein in seiner Sprechweise deutlich gemacht, wie weit die von ihm von seiner Partei eingeforderte Bereitschaft gehen muss, neu nachzudenken. Sie hat es ihm gedankt, indem sie darauf verzichtete, einfach die Rücknahme der Rente mit 67 zu fordern.

Gabriel hat mit seiner Rede eine starke Vorlage geliefert, die er in der alltäglichen Praxis erst einlösen muss. Glänzend hat Gabriel mit seiner Passage zur Mitte deutlich gemacht, dass es nicht um eine Verschiebung der Position der Partei gehe, sondern um eine Anstrengung, mit überzeugenden Positionen und Projekten die Menschen wieder so zu erreichen, dass damit die Mitte der Gesellschaft definiert wird. Dass er es am Beispiel der Brandtschen Politik verdeutlicht hat, wird hoffentlich auch auf lange Sicht eine Wirkung in der SPD zeigen.

Eine besonders dumme Kritik am Parteitag kam von Rüttgers, der meinte, noch nie habe ein Parteichef in einer programmatischen Rede so wenig zu den Konzepten gesagt. Aber auch von politischen Konkurrenten darf man verlangen, dass sie darüber nachdenken, in welcher Situation eine Rede gehalten wird.

Gabriel hat es vermocht – und das kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden – seiner Partei wieder Zuversicht zu geben und ihr klar zu machen, dass sie nur dann die Menschen wieder für sich einnehmen kann, wenn sie sich der Mühe unterzieht, neu nachzudenken – und dabei nicht einfach zu den lange geübten Konzepten zu greifen – über die richtigen Antworten auf eine gründlich veränderte wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation.

Das ist eine beträchtliche Leistung in einer Lage, in der die Partei an sich selber verzweifelt. Spannend wird es sein, ob Gabriel es vermag, auch in der alltäglichen Arbeit die Partei in der Offenheit und in dem Langmut zu stärken, den sie auf diesem mühsamen Weg brauchen wird. Aber, wie gesagt, das Leben ist anstrengend.

2 thoughts on “SPD-Chef Sigmar Gabriel hat eine starke Vorlage geliefert – nun muss er sie in der täglichen Praxis einlösen

  1. avatar

    “wie ein politischer Führer Menschen mit einfachen und klaren Worten mitreißen kann und damit vorgibt,” diese Erkenntnis haben alle Autokraten und Diktatoren jeglicher Kulör in der Geschichte berücksichtigt.

    Warum hat die SPD im demokratischen Sinne nicht mehr intelligente Gegenkandidaten aufstellen können?

  2. avatar

    Ja Frau Fischer,
    es war eine große, rhetorische Leistung, diese Rede von Sigmar Gabriel.
    Doch da wo die, die ihn wählten hin wollen, da sitzt ja schon der Gisi mit Frau Wagenknecht.
    Was wird er also, mit Frau Nahles im Rücken, in drei-vier Jahren tun müssen?
    Er wird feiern, ob er nun will oder nicht. Was wird er wohl feiern müssen?
    Natürlich, den großen Fusionsparteitag mit Der Linken.
    Konsequent wärs eh, und nützlich obendrein.

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