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Wie der Faschismus entsteht

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler.

Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

– Martin Niemöller

Wie entsteht der Faschismus? Er entsteht so, wie Niemöller es schildert. Die Machthaber greifen einzelne Gruppen an, spalten ihre Gegner und schalten sie einzeln aus. Dabei bieten die Opfer durchaus Angriffsflächen: zu Niemöllers Zeiten etwa die Kommunisten, die wiederholt versucht hatten, die Republik zugunsten einer Diktatur abzuschaffen und die von Moskau gesteuert wurden, wo eines der brutalsten Regimes der Weltgeschichte wütete.

Es gab also gute Gründe, gegen die Kommunisten vorzugehen, die bei der Reichstagswahl im November 1932 drittstärkste Partei nach der NSDAP und der SPD wurden. Aber eben nur die drittstärkste, mit 16,9 Prozent, halb so viel wie die Nazis. Es war nach wie vor möglich, die KPD mit politischen Mitteln zu bekämpfen. Aber die Reaktionäre, die am 30. Januar 1933 Hitler in die Regierung holten, wollten ihn benutzen, um die KPD mit außerparlamentarischen und außerpolitischen Methoden, mit Verbot und Terror auszuschalten.

Die Einzelheiten der damaligen Machtübernahme durch die Nazis, vom 30. Januar 1933 bis zum „Röhm-Putsch“ ende Juni 1934, ein „aufhaltsamer Aufstieg“, sind hier nicht das Thema. Es geht um den Mechanismus der Spaltung und Aufhetzung der Bevölkerung, des selektiven Terrors gegen bestimmte Gruppen, für die der Schutz der Grundrechte nicht mehr gilt, um eine autoritäre, von der Exekutiven dominierte Ordnung zu errichten, in der die einzelnen Oppositionsgruppen zu schwach sind, um noch politischen und parlamentarischen, geschweige denn außerparlamentarischen Widerstand zu leisten.

Wir sehen das in den USA gerade. Wie bei den Kommunisten in der Weimarer Republik handelt es sich bei illegalen Einwanderern nicht um eine unschuldige Opfergruppe. Sie haben das geltende Recht gebrochen. Aber das Aufhetzen der Bevölkerung, die Anwendung von Terror, der auch – ja vor allem – jene trifft, die auf die Einhaltung der Normen des Rechtsstaats drängen, zeigen, worum es der Administration von Donald Trump geht. Um eine andere Republik. Um eine autoritäre, neofaschistische Ordnung.

Und hier kommt die AfD ins Spiel. Michel Friedman hat bei seiner Rede im Niedersächsischen Landtag zum 27. Januar gesagt, der „Unique Selling Point“ der AfD sei der Hass. „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Jeder ist jemand. Aber die ‚Partei des Hasses‘ erklärt: ‚Einige Menschen sind niemand.‘“

Man sollte sich die Kommentare anschauen, die belegen, wie richtig Friedman mit seiner Analyse liegt. Und das unabhängig davon, wie man zu ihm als Person und zu seiner Biografie steht. Immer wieder wird Friedman – und dem ebenfalls AfD-kritischen Zentralrat der Juden – vorgeworfen, sie würden die Hauptgefahr für Juden verkennen, nämlich den islamischen Antisemitismus.

Das stimmt erstens nicht, denn sowohl Friedman als auch Vertreter des Zentralrats haben sich verschiedentlich sehr deutlich zum Antisemitismus unter Migranten geäußert. Friedman etwa hier.

Zweitens aber erkennt Friedman, was viele AfD-Anhänger nicht erkennen wollen: Der Rechtsstaat kann und muss mit den Problemen, die Zuwanderung aus dem islamischen (und zum Teil auch osteuropäischen) Raum für Juden (und nicht nur für sie) mit sich bringt, mit rechtsstaatlichen Mitteln fertig werden. Dazu gehört auch, dass Individuen nicht kollektiv haftbar gemacht werden für die Meinungen und Taten anderer. Nicht jeder Moslem will ein Kalifat, nicht jeder Moslem ist antisemitisch, und nicht jeder antisemitische Moslem unterstützt Gewalt gegen Juden.

Vor allem aber nutzen die Rechten die Juden für ihre Zwecke aus. Sagt ein Jude etwas gegen Muslime, wird er gefeiert. Fürs Erste. Die AfD empfiehlt den Juden – und nicht nur ihnen –  also, nach der Maxime zu handeln:

Wenn es gegen die Muslime geht, schweige ich. Ich bin kein Moslem.

Wenn es gegen Ukrainer geht, schweige ich. Ich bin kein Ukrainer.

Wenn es gegen Queere geht, schweige ich. Ich bin nicht queer.

Wenn es gegen Umwelt- und Klimaschützer geht …

Juden haben aus der Geschichte gelernt: Wenn es gegen Minderheiten geht, geht es früher oder später auch gegen sie. Der Hass sucht sich seine Objekte.

Dass es auf der Linken spiegelbildlich zugeht, wird nur jene wundern, die den Antisemitismus nur rechts verorten. Wie ich wiederholt angemerkt habe, sind nur solche Juden in linken Kreisen wohlgelitten, die antizionistisch – also antisemitisch – sind. Aber darum geht es nicht hier, auch angesichts der Machtverhältnisse in den USA und in Deutschland.

Trump ist nicht Mussolini, die AfD ist nicht die NSDAP, und niemand hat die Absicht, KZ zu bauen. Aber das sollte keine Beruhigung sein. Wir sehen in den USA, wie der Hass instrumentalisiert wird, um die Gesellschaft zu spalten und staatlichen Terror zu legitimieren. „Wehret den Anfängen!“ heißt auch, sich diesem Mechanismus entgegenzustellen. Auch hier.

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68 Gedanken zu “Wie der Faschismus entsteht;”

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    Bereits vor 12 Jahren schrieb ich hier im Blog über die Möglichkeit einer solchen Entwicklung. Damals beschäftigte ich mich mit dem Aufstieg des Faschismus im 20. Jahrhundert. Es gab ein paar Zeichen: wie die Kämpfe um die Geschichtsschreibung (Geschichtspolitik), die Rückkehr von gruppenbezogenen Feindbildern, die Betonung von Stolz, die Verharmlosung und Rechtfertigung von Gewalt und nicht zuletzt in den USA die Rückkehr von Soldaten und Veteranen aus Kriegen. Sarrazins Buch hatte den gruppenbezogenen Rassismus wieder sagbarer gemacht. Bernd Ulrich schrieb in seinem Buch »9/11 Der Tag, die Angst, die Folgen« über eine Neuauflage der »imperialen Präsidentschaft« unter G. W. Bush. Im Buch »Gefangen unter Hitler« des Historikers Nikolaus Wachsmann beschreibt dieser die Auseinandersetzung zwischen Verfechtern eines liberalen und eines militärischen Strafvollzugs in der Weimarer Republik. Daran und an die Gewalt in der DDR fühlte ich mich erinnert, wenn mehr Härte gefordert wurde. Arlie Russell Hochschild hat in ihrem Buch »Geraubter Stolz – Verlust, Scham und der Aufstieg der Rechten« beschrieben, wie D. Trump dabei vorgeht den Menschen ihren vermeintlich „gestohlenen“ Stolz zurückzugeben. Er sagt etwas Grenzwertiges, die Intellektuellen erheben den moralischen Zeigefinger, Trump wird zum Opfer und nimmt stellvertretend Rache an denen, die den Stolz „raubten“. Arlie Russell Hochschild führte Gespräche vor allem mit Trumpanhängern vor Ort in Kentucky über deren Herkunft, die Selbst- und Fremdbilder und worauf sie stolz waren und sind. Die Menschen dort hatten sich durch Kohlebergbau ein wenig Wohlstand erarbeitet, haben sich kleine Häuschen gebaut, versorgten sich ein wenig mit Produkten aus ihren Gärten, versorgten mit ihrer Arbeit ihre Kinder. Das war die Verwirklichung ihres amerikanischen Traumes. Sie lebten den Stolz der (Berg)Arbeiter. Mit dem Niedergang des Kohlereviers, gingen viele weg in die Vorstädte der großen Städte oder wurden abhängig von Sozialleistungen. Das sie nun nicht mehr für ihre Familien sorgen konnten, beschämte sie, da sie auf Grund ihrer Erziehung vor allem die Verantwortung für ihr Scheitern bei sich suchten. Filme über ihr Leben, die eigentlich helfen sollten, beschämten sie zusätzlich und sie fühlen sich zu Unrecht des Rassismus verdächtigt. Verschärft wurden die Probleme dort noch durch die Opioidkrise. Rechtsradikale organisierten Demonstrationen, da sie einen Resonanzraum für ihre Ideen sahen. Ich kann das Buch nur nochmals empfehlen.
    Ps: Ich habe mir einige Kommentare unter dem Artikel von Michel Friedman angesehen. Es war wie eine Zeitreise, denn ich stellte fest, dass sich die Sätze seit damals kaum geändert haben.

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    Je mehr ich zu dem Thema lese, desto unklarer erscheint mir eine mögliche Antwort auf die Fragestellung. Ist jetzt eigentlich alles ‚Faschismus‘ was nicht dem Weltbild der diesbezüglich ‚besorgten Bürger‘ entspricht? Und daß z.B. die Firmen Campact und Correctiv noch weitere ‚Tatbestände‘ für ihre zahlende Klientel konstruieren und mit Theaterstücken unters Volk bringen ist auch kein unerheblicher Beitrag zur medialen Desinformation. Ob ’sozial‘-medial oder durch das Presserecht verfasst.
    Um eine stets endlose, fruchtlose und ins Absurde driftende Diskussion über das Wesen des Faschismus, ob sich derzeit die Geschichte wiederholt und ob die AfD eine neue NSDAP ist, zu vermeiden, ist für mich die Frage sinnvoller: Wie ist Faschismus (und vergleichbar Unerfreuliches) zu vermeiden? Wie Faschismus entstanden ist, kann jeder in einem älteren Geschichtsbuch und weiterführender Literatur, wie z.B. von Götz Aly (u.v.a. hervorragenden Autoren) nachlesen.
    Geschichte ist aber keine Physik, also kein Experiment, das sich als Folge bekannter Randbedingungen wiederholen ließe.
    Da die AfD in völlig ungerechtfertigter Weise (Bernd Luckes, Frauke Petrys, Jörg Meuthens, Joana Cotars AfD!) von interessierten Kreisen (ich kann sie bei Bedarf benennen) mit dem neuartigen Schmäh-Adjektiv ’nazi‘ diskreditiert wurde, hat sie zu einem Sammelbecken für zu Recht beleidigte Wähler entwickelt. Sozusagen zu der Bad Bank der Altparteien, die den Wohlstand und das sprudelnde Steuergeld dazu nutzten, um sich so weit wie möglich von existenziellen Fragen zu verabschieden und sich statt dessen der eigenen moralischen Veredelung zu widmen (zumindest nach außen hin, letztlich geht es auch da nur um Ausbau und Sicherung der eigenen Machtposition).
    Verachtete werden zurückverachten und so wird eine selbserfüllende Prophezeiung wahr (vgl. auch die Entwicklung in den USA, „Fly over states“ etc.).
    Aufhalten lässt sich diese (jetzige) Eskalation nur dadurch, die Opposition nicht mit einer sog. „Brandmauer“ (was für eine Anmaßung) von „Unserer Demokratie“ (die nächste Anmaßung) auszuschließen, sondern in Ländern und Bund in die Verantwortung zu nehmen. Mit allen ‚Grausamkeiten‘ (Ausweisungen nicht akzeptierter und staffällig gewordener Asylbewerber, Förderstopps für NGOs und Kulturbetriebe, Einschränkungen der Sozialsysteme, des ö.-r.R. und anderer institutionalisierten Kostgänger usw.), die nicht zuletzt aufgrund der ins Unverantwortbare und Unbezahlbare abdriftenden Politik erst nötig wurden. Denn diese Reformen sind im absehbaren Verteilungskampf (kein Wirtschaftswachstum) sowieso unvermeidlich. Je früher dies geschieht, desto besser – wenn es nicht schon zu spät ist.
    Alles andere wird zu Faschismus führen oder Vergleichbarem. Wie oben beschrieben.

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        Das weiß ich und hatte das auch ‚auf dem Schirm‘. Ich sehe aber auch eine große Mitverantwortung der CDU (..auch SPD, FDP, Gewerkschaften und Medien) daran, daß sich viele Wähler nicht mehr repräsentiert sehen. Vielleicht sollten sich manche Politiker und Funktionäre tatsächlich ein anderes Volk suchen, statt ‚ihre‘ Demokratie einzuzäunen.

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        Ist ja super!
        Kriegen wir ja vielleicht bald. Und wenn Grausamkeiten, wie KJN meint, manchmal notwendig sind, schlage ich vor, dass alle Mecklenburger und Sachsen-Anhalltiner, die keinen Bock auf eine AfD-Regierung haben, einen Wohnungstausch mit all den AfD-Versteher- oder Verharmloser-Rentnern verlangen können. Viel Spaß Ihnen beiden z. B. unter einem Innenminister Nikolas Kramer in MV! Das wird wohl nicht so schlimm werden. Und weil wir so gerne ganze Familien nach Afghanistan etc. abschieben, nehmen Sie natürlich noch Ihre Kinder und Enkelkinder mit. Dann ist aber nichts mehr mit Spanisch lernen, dann wird wieder russisch gelernt!

        😉

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        Lieber Achtundsechziger, ich könnte mich da für Sie um eine Wohnung in Duisburg-Marxloh, Gelsenkirchen oder Dortmund-Nord bemühen.. nette Nachbarschaft und gepflegtes Stadtbild.. Im Ernst: Es muss klare Grenzen und Regeln geben die so einfach sind, daß sie verstanden werden. Und von ALLEN Seiten eingehalten werden, auch bei den Zusagen an sog. Ortskräfte bei der Unterstützung gegen die Taliban..
        https://www.welt.de/debatte/article68ada065a73e32741d9c58c7/Anspruchsvolle-Rhetorik-erbaermliche-Umsetzung.html
        Damit macht man sich genau so gefährlich lächerlich, wie mit Merkels „Nun sind sie halt mal da.“
        Und wenn Sie Kinder haben, Lehrer sind oder ein Unternehmen haben oder in einem arbeiten, egal, wissen Sie: Erst wenn es allzu durcheinander geht, weil niemand die Regeln mehr versteht wird Grausamkeit zum einz’gen Weg.. Was sich so unfreiwillig wie spießig und machiavellistisch reimt, bewahrheitet sich immer wieder, sei es an der Landesgrenze oder am Gartenzaun.
        Faschismusprävention mal anders erklärt und ich kann auch nichts dafür, daß es so ist.

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        Lieber KJN,

        waren Sie schonmal in der Dortmunder Nordstadt? Bin ich regelmässig. Ist sehr nett, gibt auch viel Kultur, gutes Essen nette Leute. Sehr vielfältig. Ein Verwandter hat dort mit Kindern mit Migrationshintergrund gearbeitet.

        Ich bin selbst in so einem Stadtviertel im Rheinland groß geworden. Fühle mich da sehr zu Hause.

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        Ich habe zwischen 1971 und 1975 in der Nordstadt gelebt. Zuerst direkt am Schlachthof (und an der Linienstraße), später in der Nähe des Parks. Ich fand es furchtbar, aber vermutlich hat sich in den 50 (!) Jahren seitdem einiges zum Besseren gewendet. Wie vieles in Deutschland.

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        Ich war öfters in Dortmund, der Sohn hat da studiert und am Schluss in Lütgendortmund gewohnt. Unwohl habe ich mich da auch nicht gefühlt, im Gegenteil, ich wäre da wohl auch gut klargekommen. Ich bin aber auch Köln gewohnt.. Und einige Ecken waren schon reichlich heruntergekommen und das ist leider nie ein gutes Zeichen.

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        Hallo Herr Posener,

        ich denke, da hat sich zwar einiges geändert in der Nordstadt, aber aus Sicht von KJN sicherlich nicht zum Besseren. Und wahrscheinlich fänden Sie es da auch heute noch so schlimm, wie in den 70ern.

        Die Nordstadt war in den 70ern wahrscheinlich so ähnlich wie meine Heimat, übrigens auch ein Schlachthofviertel. Da habe ich mich sehr wohl gefühlt.

        Und mit Kultur meine ich wahrscheinlich auch was anderes als Sie. Dönerläden mit prunkvollem Plastikgold-Interieur, syrische oder kurdische Bäcker, aufgespritze Lippen und tiefergelegte Autos, verschleierte Frauen, Kinder, die noch auf der Straße spielen, Gemüsehändler und Kiosk-Kultur, Fankultur und ein paar alternative „linke“ Kultureinrichtungen, Eckkneipen, eine Skateboardbahn, das Hallenbad, Heimatvereine (kurdische, türkische etc. pp.).

        Wahrscheinlich ein bisschen so wie Neukölln aus dem die „Hipster“ ja mitlerweile auch wegziehen, weil sie ihre Kinder in einem „ordentlichen Umfeld“ aufziehen wollen und nicht mit „Prolls“ und „Menschen, welche die deutsche Sprache nicht auf einem angemessenen Niveau beherrschen“ gemeinsam in die Kita oder Schule schicken mögen.

        Da gibt es so einen komischen „jungen“ Journalisten, ich glaube mit britischen Migrationshintergrund, der in irgendeiner linksbürgerlichen Zeitung (taz, sz oder Zeit, könnte ich nachschauen) eine Kolumne zum Thema hat und ziemlich peinlich, weil ehrlich, beschreibt, wie er seine Tochter bei einer mehrsprachigen Kita oder Schule anmelden will und ihr Schweigen bei der „Prüfung“ irgendwie doch als „Scheitern“ einordnet.

        Hab doch nochmal nachgeschaut, das ist die Kolumne von Herrn Fletcher bei der ZEIT:

        https://www.zeit.de/autoren/F/Adam_Fletcher/index

        https://www.zeit.de/familie/2026-01/einschulungstest-wunschschule-sprachtest-scheitern-kinder-eltern

        Beste Grüße

        Ihr 68er

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        in den 70ern war die Nordstadt ein Proletenviertel. Also echte Arbeiterklasse einerseits, die Männer arbeiteten bei Hoesch oder in der Brauerei, und je nachdem, woher der Wind wehte, roch es nach faulen Eiern aus dem Pütt oder nach Malz; einmal die Woche musste man die Fenster putzen (das stand im Mietvertrag und wurde überwacht), weil sie sonst schwarz gewesen wären. Andererseits viele Huren, professionell von der Linienstraße her und auch Gelegenheitsarbeiterinnen. Einmal rettete ich eine, die ein großer schwarzer Mann gerade zusammenschlagen wollte. Ich kam mit dem Auto gerade vorbei, blendete ihn und zog sie herein. Dann bat sie mich, sie nach Hause zu fahren, um ihrem Mann alles zu erklären. Ich ritterlicher Idiot machte das auch noch. Der Mann hat versucht, mich zu erwürgen. die ganze Zeit dachte ich: „Wie erkläre ich das meine Freundin, wenn sie meine Leiche finden?“ Zum Glück konnte ich mich losreißen und sprang über den Balkon – die Wohnung lag im ersten Stock – ins Gebüsch und entkam. Außerdem gab es einige Griechen und Italiener und ein italienisches Restaurant – damals eine Seltenheit in Dortmund – wo es die beste Lasagne gab, die ich je gegessen habe. Im Erdgeschoss saßen Mafia-Typen aus Palermo, oben das halbe ZK der KPD/AO. Es gab in Dortmund kaum Studenten – nur eine kleine PH – und darum auch keine Studentenkneipen. Um die Ecke von unserer Wohnung war eine Arbeiterkneipe, wo man Vicky Leandros und Gunter Gabriel in der Jukebox spielte – ich habe seitdem eine Schwäche für sentimentale deutsche Schlager – und sich mit Bier zuknallte. Die Proleten verabschiedeten sich mit: „Habt einen guten Orgasmus!“ Das Revier war damals Kohle, Stahl, Bier und – nebenan bei Opel Bochum – Autos. Ein hartes Pflaster.

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    Bitte beachten: Das vorangestellte Niemöller-Zitat geht in der autorisierten und historisch belegten Fassung nicht auf Juden ein (so die Niemöller-Biografie von Ziemann 2019). Tatsächlich war Niemöller (auch) nationalkonservativer Antisemit.

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      Ja. Darauf hat Bodo Walther schon hingewiesen. Wobei es keine „autorisierte Fassung“ gibt, erstens, und Niemöller zweitens als einer der Wenigen sich gegen die Deportationen ausgesprochen hat. Drittens aber kommt es bei meiner Argumentation gar nicht darauf an, denn ich vergleiche die Kommunisten mit den „illegalen Einwanderern“, und beide nicht mit den Juden.

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      Spanien ist in dieser Frage ambivalent.
      EL PAÍS (mitte-links) argumentiert normativ: Regularisierung ist humanitär geboten und ökonomisch sinnvoll. https://elpais.com/opinion/2026-01-31/los-valores-de-los-inmigrantes.html
      EL MUNDO (mitte-rechts) verweist auf Umfragen: Eine Mehrheit der Bevölkerung lehnt sie ab, auch Teile der linken Wählerschaft. https://www.elmundo.es/espana/encuestas/2026/01/30/697d165cfc6c8326668b4571.html
      Der Konflikt liegt weniger in den Fakten als in Bewertung und politischer Legitimation.
      In der Praxis kommt es auch auf die Region an. Hier in Andalusien/Málaga leben viele illegale Marokkaner, Afrika ist nicht weit weg. Das „Stadtbild“ ist ohnehin kein Thema in Spanien. Andalusien ist von Haus aus sehr bunt. Auch deshalb lebe ich hier. Keinerlei Gewalt- und Integrationsprobleme, ich kann mich nachts überall frei bewegen und das in einer der ärmsten Regionen Europas (bei aller Gegensätzlichkeit, inkl. hoher Dichte an Golfplätzen). Das hat mehr mit Mentalität zu tun: weniger Ordnungshysterie, weniger Ruhefixierung, mehr Gelassenheit. Man lässt die Leute leben und behandelt Zugewanderte auf der anderen Seite nicht bevormundend wie unmündige Schutzbefohlene, wie es in Deutschland leider oft geschieht.

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    „Wie entsteht der Faschismus? … Die Machthaber greifen einzelne Gruppen an, spalten ihre Gegner und schalten sie einzeln aus. “

    Erstaunlich ist, lieber Alan Posener,

    dass solche Warnungen vor den „Machthabern“, welcher „einzelne Gruppen an(greifen)“ ihre „Gegner spalten“ und sie „einzeln aus(schaltent)“, ….

    Dass diese in der Regel nie „die Machthaber“ meinen. Sondern immer die, welche zu „den Machthabern“ in Opposition stehen.

    Noch erstaunlicher ist, dass die Schreiber solcher Warnungen das nicht mal selbst bemerken.

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      Wie so oft, Herr Walther, ist Ihre Sprache mir zu hoch. Warum sagen Sie nicht einfach, was Sie meinen? Warum verwenden Sie immer noch die DDR-Sklavensprache, die nur andeutet und raunt? Was kann Ihnen passieren? Dass ich Sie anranze? Haben Sie Angst davor?

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        https://www.youtube.com/watch?v=Morzv7flZv8

        Übrigens, Alan Posener:

        Niemöller hat NIE gesagt:

        „Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude.“

        Er hat über Kommunisten und Sozialdemokraten und Gewerkschaftler gesprochen, zu denen er geschwiegen habe.

        Nachgeborene erfinden sich in einer „Aufarbeitung der Geschichte“ in der Regel Bilder darüber, was Verstorbene gesagt haben müssten. Haben Sie aber gar nicht.

        https://martin-niemoeller-stiftung.de/martin-niemoeller/ueber-martin-niemoeller/habe-ich-geschwiegen-zur-frage-eines-antisemitismus-bei-martin-niemoeller

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        Niemand weiß genau, wen Niemöller in dieser Aufzählung erwähnt hat, wie aus dem Artikel hervorgeht, den Sie netterweise beifügen. Dass er das NIE – auch noch in Versalien! – gesagt habe, das wissen Sie ja auch nicht. Aber darauf kommt es nicht an. Auch der eine oder andere Jude mag sich gedacht haben: die Kommunisten haben’s ja verdient, da traf es ausnahmsweise die Richtigen. Wie der Portier eines Hauses, das meiner Familie gehörte, einem Gestapo-Mann über meinen dort lebenden Vater sagte: „Sie, wäre der nich Jude, der wäre’n besserer Nazi wie Sie.“ Worauf der Gestapo-Mann sagte: „Daßu jehört nich viel.“ Das war vor dem Krieg noch möglich. Da wurden Kommunisten in Gestapo-Kellern zusammengeschlagen, und bürgerliche Juden konnten sich noch einbilden, die Nazis meinten es mit dem Antisemitismus nicht so genau. Viele wachten erst in der Kristallnacht auf. Und darum ging es Niemöller, darum geht es mir: divide et impera ist das Motto der Faschisten. Auch der rotlackierten Variante.

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        Lieber Alan Posener,

        als ich 1980 unter dem Vorwurf der versuchten Republikflucht beim Ministerium für Staatssicherheit einsaß, erzählte mir ein Zellengenosse vom Freikauf:

        „Du mußt sagen, dass Du tatsächlich abhauen wolltest. Dass Du Deine Tat nicht bereust, dass Du nach wie vor nach dem Westen willst. Und den Dr. Vogel als Anwalt nehmen. Dann kriegste 20 Monate Haft und nach einem Jahr wirste freigekauft.“

        Also spielte ich diese Heldenrolle. Heute bin ich mir nicht sicher, ob dieser Zellenkamerad mir nicht gezielt auf die Zelle gelegt wurde, um aus mir diese Heldenrolle rauszukitzeln.

        Als Freya Klier 1968 verhaftet wurde, unter dem Vorwurf, sich auf ein schwedisches Schiff geschmuggelt zu haben, um Republikflucht zu begehen, funktionierte der Freikauf noch nicht so zuverlässig wie in den 1970er und 1980er Jahren. Also sagte sie in der Untersuchungshaft, dass sie ihre Tat bereue und deren Verwerflichkeit eingesehen habe. Und in Zukunft treu im sozialistischen Vaterland der Werktätigen verweilen werde. Sie bekam zwar 16 Monate Haft, wurde aber wegen guter Führung und Reue vorzeitig entlassen und studierte anschließend in der DDR Theaterregie.

        Was tat ein Kommunist 1933/34 in der Regel, nachdem er er aus dem Gestapo-Keller wieder raus kam?

        Wenn er dann nicht emigrierte (und das taten die allerwenigsten), bereute er öffentlich, je Kommunist gewesen zu sein. Erkannte den Führer als den nun aber wirklichen Führer der Arbeiterklasse an und bat gar nicht so selten, als Beweis seines Apostatentums um Aufnahme in de NSDAP.

        Hatte ich Ihnen schon mal geschrieben.

        Heldentum ist nämlich immer etwas erst im Nachhinein Erfundenes. Meist erfunden von Gratis-Helden, die nicht wissen, dass das Held sein müssen verdammt weh tut.

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        „Heldentum ist immer etwas im nachhinein Erfundenes“. Das ist nicht wahr. Die Menschen, die in Teheran und anderen iranischen Städten auf die Straße gingen, waren und bleiben Helden. Sie wussten, was sie riskierten, und sie nahmen es in Kauf. Die Menschen, die an der ukrainischen Front gegen die russischen Invasoren kämpfen, sind Helden. Sie hätten nach Deutschland abhauen können, blieben aber und ließen sich einziehen oder meldeten sich freiwillig. Alexander Nawalny war ein Held, wenn auch nicht einer nach meinem Geschmack, weil er bewusst das Martyrium suchte. Und in der DDR? Schwierig. Die Bevölkerung blieb ruhig, als die Helden der Solidarnosc in Polen den Anfang vom ende des Regimes einläuteten. Sie gingen erst auf die Straße, als klar war, dass der Westen den Kalten Krieg gewonnen hatte. Um nachher umso lauter mit ihrer „friedlichen Revolution“ anzugeben. Aber es gab Helden: Fuchs, Pannach, Kunert und andere; immer einsame Gestalten, anders als die tschechischen und polnischen Antikommunisten. Es gibt eine direkte Linie vom Buckeln vor den Nazis und Kommunisten in der langandauernden Diktatur von 1933 bis 1990 zur Sehnsucht nach der Kettensäge, die Weidel und Chrupalla an die deutsche Demokratie legen wollen. Über den Opportunismus ihrer Landsleute haben Sie gelegentlich geschrieben, und da kennen Sie sich aus.

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        Ihre DDR-Helden sind nicht meine DDR-Helden, lieber Alan Posener,

        die Versuche Kunerts, Pannachs und Fuchs‘, für eine nun aber wirklich sozialistische Alternative zur Bonner Republik einzustehen, haben die drei Männer mit einem gewaltigen Lehrgeld bezahlen müssen.

        Dafür haben sie gewiss auch meinen Respekt.

        Sind aber nicht meine Helden.

        Ich hab mit 19 zugesehen, wie ich diesem ganzen Unsinn Valet sage.

        Ja, das sei opportunistisch, sich einfach aus der Kampflinie zu verdrücken. Habe ich oft genug gehört.

        Geht mir nicht nahe. Hat mich ja 3 Jahre Gefängnis gekostet, dieser „Opportunismus“.

        Und auch Sie sollten wissen, dass die z.B. ukrainisch/moldauische Grenze dieselben Sicherungen hat, wie einst die deutsch/deutsche:

        Sie soll den ukrainischen Soldaten-Helden daran hindern, dem Heldentum zu entfliehen, an dem sich westberliner Oberstudienräte a.D. so ergötzen.

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        Um auch in meinen Augen ein Held zu sein, Herr Walther, muss jemand nicht meine Ideale teilen. Aber so ist es mit allzu vielen Ossis: Sie haben das Dogmatische und Unduldsame ihrer Herren – Preußen, Nazis, Kommunisten – übernommen. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Also ihre schlechtesten Eigenschaften. Sie haben hier Ihre eigene Schwester denunziert, die Sie der Denunziation bezichtigen. Ich würde mich dafür schämen; aber Scham ist, wie der Rheinländer Marx sagte, eine revolutionäre Empfindung. Und Revolution kann der Ossi nicht, anders als der Pole.

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        Eine der Sachen, die mich nach der Wende am meisten überraschten, neben der schieren Andersartigkeit unserer Brüder und Schwestern (siehe dazu James Hawes, Die kürzeste Geschichte Deutschlands), war das Ausmaß der Ahnungslosigkeit hinsichtlich des Marxismus-Leninismus und der Geschichte der Arbeiterbewegung. Was sie nicht daran hinderten zu behaupten, allein sie wüssten hinsichtlich der untergegangenen DDR Bescheid. Und natürlich auch hinsichtlich der BRD.

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        P.S.:

        „Sag mal Bodo,“ so fragte mich vor 3 Monaten die Uli zum Klassentreffen, „Diese ganzen Karl-Marx-Zitate, mit denen Du immer unseren Lehrer für Marxismus zugepflastert hattest vor 45 Jahren ….

        Waren die Echt? Also steht das wirklich bei Karl Marx? Und die Fundstellen, die Du immer nanntest (Marx-Engels, Werke, Band drei, Interview mit der Pariser Zeitung LE ECLAIR), hatteste die erfunden?“

        „Alles gut erfunden.“ Mußte ich gestehen.

        Machte aber nix.

        Als Informeller Mitarbeiter der Kreisdienststelle Meißen des Ministeriums für Staatssicherheit berichtete Ehrhart trotzdem (Ist das jetzt auch eine Denunziation von MIR?):

        „Der Schüler Bodo Walther glänzte im Unterricht mit Kenntnissen der Klassiker des Marxismus. Ich vermute aber, dieses Wissen hat er sich nicht vom Standpunkt der Arbeiterklasse angeeignet, sondern aus einer christlichen Sekte.“

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        Ist das jetzt eine Denunziation von Ihnen? Vermutlich. Aber mir ist das egal. „Der größte Lump im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant.“ Und der Prozentsatz der Lumpen in der Lumpenrepublik war selbst für diktatorische Verhältnisse sehr hoch. Darüber reden die Lumpen nicht, dafür aber schimpfen sie über die „Trusted Flagger“.
        https://www.welt.de/debatte/plus696f2aceae787c540829e4e8/kampf-gegen-desinformation-deutschland-macht-nicht-zu-viel-sondern-zu-wenig.html

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        Und der Prozentsatz der Lumpen in der „Lumpenrepublik war selbst für diktatorische Verhältnisse sehr hoch.“
        Mensch, Herr Posener, welcher Hass spricht da aus Ihnen?
        Das Geschwurbel von „Lumpenrepublik“, „negative Auslese‘.
        Woher kommt dieser Tick, dieser Defekt?
        Mangelnde Kenntnis? Die Nazi-Republik, in der Sie aufgewachsen sind? Haben Sie was gutzumachen?

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        Ich wuchs, lieber Herr Trute, in zwei Monarchien auf, Großbritannien und Malaysia. Meine Jugend verbrachte ich in der freiesten Republik, die Deutschland je kannte, in der es keine Länder gab, in denen 40 Prozent der Bevölkerung eine rechtsextreme Partei wählen wollten. Aber klar, den „Tick“, den „Defekt“ sehen Sie bei jenen Menschen, die mit dieser Entwicklung fremdeln. Ich empfehle zur Beurteilung der Situation östlich der Elbe James Hawes „kürzeste Geschichte Deutschlands“.

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        Lieber Alan Posener, in der Alt-BRD, im Ländle steht die AfD bei 20%. Soviele Ossis, auch dort?
        Meine These: Der Westen vollzieht jetzt und in den nächsten Jahren die Transformation, welche Ihre „Jammerossis“ nach 1990 vollzogen haben. Nur mit mehr Geld, die Fallhöhe ist größer. Das Jammern ist schon jetzt laut vernehmbar.
        Die „Lumpendichte“ ist dieselbe wie im Osten, die Wahlergebnisse werden sich angleichen.
        Das AfD-Vorfeld ist ja schon genuin westlich: Kubitschek, Elsässer, Tichy, Broder, Reichelt, Poschhardt. Alles Gewächse der Alt-BRD.
        Sie urteilen hier viel zu pauschal, Herr Posener! Die DDR, die „Andersartigkeit“ ihrer Bürger ist nicht an allem schuld. Das ist doch offensichtlich. Wie können Sie das nicht sehen?

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        Ich sehe einen gewaltigen Unterschied zwischen NRW etwa
        https://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/nrw.htm
        und Thüringen
        https://dawum.de/Thueringen/

        Und das, obwohl NRW nicht, wie Thüringen, seit über 30 Jahren mit Milliarden – allein aus dem Solidarpakt II waren es 25 Milliarden zusätzlich zum Länderfinanzausgleich – unterstützt wurde. Broder und Poschardt sind nicht „AfD-Vorfeld“, aber Sie könnten durchaus darauf hinweisen, dass die AfD von Wessis gegründet wurde und dass die wichtigsten AfD-Leute – Gauland, Höcke, Weidel – Wessis sind. Nicht einmal das bekommen die Ossis alleine hin.

      14. avatar

        „Ich empfehle zur Beurteilung der Situation östlich der Elbe James Hawes „kürzeste Geschichte Deutschlands“ „.

        Hawes‘ Polemik, lieber Stefan Trute,

        führt aus, dass der Osten, also Ostelbien ein Slawenland (Slawen=Sklaven) gewesen sei, dass ab dem 11. Jahrhundert germanisiert wurde. Nicht wirklich von germanischem Freiheitsgeist beseelt.

        Also der Walther z.B. kommt aus Lobitzsch, was schon aus dem Ortsnamen und der Endung „…itsch = polnisch geschrieben …icz“ als undeutsch zu erkennen ist. Leipzig, kommend von elbslawisch „lipa = die Linde“ sowieso. Und von Dresen und Bautzen und Görlitz ganz zu schweigen.

        Görlitz kommt von „sgore les“ = „abgebrannter Wald“ und meint eine Brandrodung. Ganz böse. 49 % AfD. https://www.bundeswahlleiterin.de/bundestagswahlen/2025/ergebnisse/bund-99/land-14/wahlkreis-156.html

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        Das meint der Hawes gerade nicht, lieber Bodo Walther, und ich empfehle hier wie in vergleichbaren Fällen das Ossi-Besserwissertum zu lassen und sich zu informieren, was in diesem Fall leicht zu bewerkstelligen ist, da das Buch kurz und unterhaltsam ist.

      16. avatar

        Hallo Herr Strute,
        was soll man dazu sagen? Es ist eine Projektion!? Ein Zwang? Es ist ja schon bezeichnend, dass Herr Posener seine „Genese“ auf – was eigentlich? – einen „freien berliner Kosmos“? – versucht zu reduzieren. Da stellt man sich dann den friedliebenden Rudi Dutschke, den smarten Gaston Salvatore vor oder die Antihelden aus den Büchern von Sven Regener vor. Das war aber nicht das Milieu, in dem Herr P. sich politisch entwickelt hat und wo er dann gewalttechnisch gelandet ist (Bonner Rathaussturm) und in welchem geistigen Umfeld (Horst Mahler war sein Genosse und in dem von Herrn P. mitverantworteten Parteiblatt wurde kräftig um Solidarität mit den „politischen Gefangenen der RAF“ geworben und gegen Israel gehetzt) er gross geworden ist, hat er ja immer wieder beschrieben, über die Enge und Spießigkeit „seiner Partei“. Die „Lüge“ ist dabei, sich auf das tatsächlich viele Freiräume zulassende Berlin vor 1989 zu berufen und einen grossen Nährboden für die heutigen“Rechten“ auszublenden, d. h. das Forstleben des Nazivirus vor allem in den gehobenen Schichten des WESTENS. Siehe Herrn Mahler, Herrn Gauland, Herrn Höcke etc.

        Ich vermute, Herr Posener hat noch nie länger in den „neuen Bundesländern“ unter den Menschen gelebt. Es hätte ihm vielleicht gut getan, sicherlich verstört, wenn er bei einem Glas Wein festgestellt hätte, dass „der“ AfD-wählende Ossi teilweise genauso interessant und differenziert sein kann, wie seine alten Gesprächskollegen Adam und Gauland. Dass einige sogar viel weniger „braun“ sind als die westlichen „Parteifreunde“ dafür vielleicht „ein bisschen mehr“ „fremdenfeindlich“ und ein bisschen mehr “ systemkritisch“. Das letzte ist ja per se ja nicht schlecht, wenn man das kritisierte System nicht durch ein schlechteres ersetzen will.

        Die Gleichung Ossi=DDR-Sozialisation=AfD-Wähler ist typisch Wessi und Unterkomplex, aber so lenkt man eben davon ab, wie marode und widersprüchlich die eigene Legende ist. sowohl die unserer guten West-BRD aber auch die vieler guter „Westler“.

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        Ihre Fantasien über mein Leben in Ehren, lieber 68er, aber wir Berliner gehören zu den Wenigen, die tatsächlich Jahr für Jahr die „deutsche Einheit“ leben durften, während man anderwärtig im Westen vom „Angleichen der Lebensbedingungen“ faselte und zugleich darüber meckerte, dass Berlin dafür so viel Geld ausgab. Hier ein Artikel über einen weiteren Aspekt dieses erzwungenen Zusammenlebens:
        https://www.welt.de/kultur/article9141971/Bildung-An-Berliner-Schulen-kehrt-die-DDR-Paedagogik-zurueck.html

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        „Das meint der Hawes gerade nicht, lieber Bodo Walther…“

        Natürlich,lieber Alan Posener,

        stellen rassebiologische Gutachten über den Ossi heutzutage nicht mehr auf Gene, sondern auf Sozialisierungen ab.

        Also auf den Unterschied zwischen der Kultur freier Reichsstädte und freier Bauern („m Westen“) und der Kultur von Gutsherrenstrukturen, in denen der Junker nicht nur Artbeitgeber, sondern auch Gerichtsherr ist (im Osten).

        Das ist insofern hinkend, als auch die Agrarstruktur Thüringens, Westsachsens und des südlichen Sachsen-Anhalts über 1000 Jahre von freiem Bauerntum geprägt war. Und manche eben nicht wissen, wo die Elbe lang fließt, wenn sie von „Ostelbien“ sprechen. Einige glauben ja, die fließe westlich des Wohnhauses von Björn Höcke quer durch Thüringen.

        In Thüringen liegt im Gegenteil sogar die einzige einstige Freie Reichsstadt im Osten. Mühlhausen. Da haben 2024 stolze 32 % AfD gewählt.

        Andrerseits liegt Ostelbien zum Teil auch im Westen. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, lieber Alan Posener, warum „Wendland“ eben „Wendland“ heißt? Kommt von Wenden = Slawen. Auch hier: 1000 Jahre Gutsherrschafts-Strukturen. Bis ins 18. Jahrhundert Leibeigenschaft. Und doch stellt der Wahlkreis Lüchow-Dannenberg – Lüneburg einen SPD-Mann ials Direktkandidaten in der Bundestag.
        https://www.bundeswahlleiterin.de/bundestagswahlen/2025/ergebnisse/bund-99/land-3/wahlkreis-37.html

        Man kann das Heute nicht mit vorvorgestern erklären. Also zum Beispiel mit dem „Argument“, dass in der preußischen Provinz Posen 1836 die Quote der Rekruten ohne Schulbildung bei etwa 46 % lag. Dass also jeder zweite Posener nicht lesen und schreiben konnte.

        Im Gegensatz zum Regierungsbezirk Merseburg des Jahres 1836, wo 98 % der 16-Jährigen lesen und schreiben konnten.

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        Zu den Posener Analphabeten, lieber Bodo Walther, und schon wieder stellen Sie sich mit Ihrem Besserossitum ein Bein, gehörten ganz sicher nicht die Juden. Sie kennen ja das Tagebuch meines Urgroßvaters, oder könnten es kennen, denn ich habe es hier abgedruckt.
        Als Bewunderer der Idee Preußens und Fan Theodor Fontanes gehen mir die Thesen von Hawes manchmal zu weit; er spricht aber weder von Rasse noch allein von Sozialstrukturen, sondern von der longue durée bestimmter Prägungen. Man kann natürlich alles abwehren; man kann aber versuchen, etwas zu lernen.

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        Zu den Posener Analphabeten, lieber Bodo Walther, und schon wieder stellen Sie sich mit Ihrem Besserossitum ein Bein, gehörten ganz sicher nicht die Juden. Sie kennen ja das Tagebuch meines Urgroßvaters, oder könnten es kennen, denn ich habe es hier abgedruckt.
        Als Bewunderer der Idee Preußens und Fan Theodor Fontanes gehen mir die Thesen von Hawes manchmal zu weit; er spricht aber weder von Rasse noch allein von Sozialstrukturen, sondern von der longue durée bestimmter Prägungen. Man kann natürlich alles abwehren; man kann aber auch versuchen, etwas zu lernen. Nicht nur, um einen klugen Spruch für jede Gelegenheit zu haben, sondern um selbst zu wachsen und die Welt besser zu verstehen. Ein Jeder, wie er kann.

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        Sie erfüllen alle Klischees, die der gemeine Ossi gegenüber dem Wessi hat.: Besserwiisserisch, unbelehrbar und im wesentlichen ahnungslos, was den Osten angeht.
        Ich sprach von Baden Württemberg, nicht von NRW, Herr Posener. Zwanzig Prozent AfD, Tendenz steigend. Über das Nichtargument der ‚Milliarden, die nach Thüringen (bzw in den Osten) geflossen sind, können wir trefflich streiten.
        Auch so ein Klischee: Der undankbar Ossi.
        ‚Wir-bekommen-die-Krätze-geschenkt“-Broder ist selbstverständlich zum Pausenclown der AfD mutiert. Lässt sich von Weidel knuddeln. Und lesen Sie die Leserbriefe auf seinem Blog.
        Logisch, dass die AfD von Leuten aus der Alt- BRD gegründet wurde. Auch hier waren schließlich Wessis die erfahrenen Fachleute. Das Besserwessitum galt und gilt auch bei den Rechten.

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        Ich will mich nicht gegen Ihr Geschimpfe in Schutz nehmen; wer austeilt, muss auch einstecken können. Aber Henryk Broder kann weder etwas dafür, dass er von Weidel geknuddelt wurde, das war ein Fall politsexueller Übergriffigkeit, noch für die Kommentare auf seinem Blog. Broder hat sehr deutlich die prorussische Haltung der AfD kritisiert. Und Leute, die auf Blogs kommentieren, sind … ups, da hätte ich beinahe etwas gesagt. Nichts für Ungut.

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        „Zu den Posener Analphabeten, lieber Bodo Walther, … gehörten ganz sicher nicht die Juden. “

        Meine Rede, lieber Alan Posener,

        dass aller Antisemitismus den Neid als Quelle hat. Und sei es nur den Neid auf Bildung.

        Um mal wieder meine Schwester zu denunzieren:

        Sie hat mir mal gepostet, dass ich ein zweites juristisches Staatsexamen im Westen bekommen habe und sie bisher noch gar nichts.

        Manche sehen das ja wirklich so.

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        Ich kenne die These meines Freunds Götz Aly über den Neid als Grundlage des Judenhasses. Aly ist ein exzellenter Historiker. Aber hier greift er viel zu kurz. Ich kann jemanden aus Neid enteignen. Das kommt vor. So mussten meine Familie ihre Immobilien unter Zwang verlaufen und die Erlöse für die Reichsfluchtsteuer aufwenden. Nicht nett, aber Ähnliches erlitten ja auch Bauern und Kleinunternehmer in der DDR. Aber die Deutschen haben in Osteuropa millionenfach besitzlose arme Juden umgebracht. Sie haben meinen Großonkel Alfred, der im Altersheim zurückgelassen wurde, abgeholt, deportiert und in Theresienstadt getötet, obwohl er nichts mehr besaß. Aus Neid? Ich bitte Sie.

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        Mit Blick auf die AfD halte ich die Thesen Hawes’ für plausibel, auch wenn natürlich noch anderes hineinspielt. Ostdeutschland ist kein „Nachzügler“, sondern ein anderer historischer Raum, der immer wieder anfällig für illiberale, autoritäre Angebote war. Kein Sonderphänomen. Zb. In Italien sieht man es auch: ein hochproduktiver, republikanisch geprägter Norden und südliche Regionen mit eigener Soziallogik, geprägt von Fremdherrschaft, Patronage und schwachem Staatsvertrauen. Solche Unterschiede verschwinden nicht durch nationale Einheit. Genau deshalb funktionierte der zentralistische Nationalstaat nach französischem Reißbrett-Vorbild dort nie wirklich. Frankreich konnte zentralisieren, weil es früh einen starken Hofstaat und eine dominante Hauptstadt hatte. Italien dagegen war jahrhundertelang ein Geflecht regionaler und konkurrierender Räume. Einheit wurde politisch durchgesetzt, kulturelle Homogenität aber nie erreicht. Wer glaubt, man könne diese Tiefenschichten mit Geld, Infrastruktur und Symbolpolitik „wegmodernisieren“, verkennt das Problem und spielt am Ende Parteien wie der AfD oder der FdI (kurz vor der AfD gegründet) in die Hände. Nicht, weil der Osten „rückständig“ wäre, sondern weil er aus einer anderen historischen Erfahrung heraus politisch reagiert. Die FdI sind dafür ein gutes Beispiel. Sie wurden nicht nur aus kurzfristigen Krisen heraus stark, sondern aus regionalen Erfahrungen mit Staat, Autorität und dem Verhältnis zur Nation. Besonders erfolgreich in weiten Teilen Süditaliens, wo sie an historisch gewachsene Muster von Autoritätsorientierung und klientelistischen Strukturen anknüpfen konnten.

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        Hallo Herr Posener!

        Mit Ihrem Schulartikel rennen Sie bei mir offene Türen ein.

        Das hat mich im Osten auch genervt, welch verzwungenes Verhältnis da viele Leute zur Bildung haben. Klar ist das oft obrigkeitsstaatlich geprägt. Aber diese Tendenzen sind nicht originär ostdeutsch. das ist auch viel durch die Bildungsschicht bedingt. In gewisser Weise gingen aber die letzten 30 Jahre auch im Westen die Tendenzen in eine ähnliche Richtung. Pisa, Zentralabitur, G8, all die Vergleichbarkeitsprüfungen haben ja nicht den Schüler als zu bildenden Menschen im Sinne der Aufklärung in den Mittelpunkt gestellt sondern das System Schule als auf den Grenznutzen getrimmte Produktionsmaschine für den Arbeitsmarkt definiert. Das gleiche mit Bologna an den Unis.

        Das hat fatale Folgen, auch und gerade für unsere Demokratie. Die Theorie des Kommunikativen Handelns, insbesondere der herrschaftsfreie Diskurs, haben derzeit nicht gerade Hochkonjunktur.

        Derzeit wird die Freiheit allzu oft als etwas negatives betrachtet, ja geradezu als Wettbewerbsnachteil im harten Kampf auf dem Weltmarkt (das abstruseste Beispiel ist gerade die Teilzeitdebatte). Ich bin aber weiterhin der festen Überzeugung, dass eine am humboldtscgen Bildungsideal ausgerichteten Bildung auch in Zukunft ein absoluter Standortvorteil sein könnte. Das kostet aber sehr viel Geld und das kann auch zu einem anspruchsvollen kritischen Wahlvolk führen, das dann auch gute Politik einfordert. Wollen unsere Politiker das und will das die Wirtschaft? Wollen das unsere Milliardäre? Ich denke, eher nicht.

      27. avatar

        Sie, Bodo Walther, beschreiben sehr schön Ihre eigene Methode: Bücher lesen, um mittels irgendwelcher Zitate, die als Waffe dienen, das Gegenüber zu entwaffnen und um in einer Diskussion zu dominieren. Dabei gehen für mich die Gesamtaussagen verloren, wie z. B. beim Begriff „Buschzulage“ in D. Oschmanns Buch. Noch ein paar Worte von mir zum Beitrag zu Ihrer Schwester. M. E. ist durchaus diskussionswürdig Fragen nach dem Verhältnis von staatlicher, elterlicher und persönlicher Verantwortung und z. B. den Versorgungsrenten zu stellen. Sie jedoch machen daraus ein Bruder-Schwester-Neid-Ding.

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        Lieber Alan Posener,
        Die Mentalität oder Prägung als „Phänomen der langen Dauer“ kann zur Erklärung historischer Phänomene beitragen. Eine Conditio sine qua non, geschweige denn ein alleiniges Erklärungsmuster ist sie bestimmt nicht. Da gehören schon gleichzeitige sozio-ökonomische Umstände dazu.
        Die zwanzig Prozent AfD – Anteil in BaWü können Sie so nicht erklären; ebenso vllt höhere Wahlergebnisse in NRW (bezeichnenderweise greifen Sie zur Erklärung hier dann doch auf materialistische Erklärungsmuster zuück, i.e. die im Vergleich zu Thüringen fehlenden Milliardensubventionen).
        Ein Blick über die Grenze nach GB, NL, Italien, Frankreich sollte Sie dann umgehend des Besseren belehren.
        Warum wähle ich als Ossi nicht AfD? Vielleicht, weil meine Vorfahren mütterlicherseits vor 4 oder 5 Generationen aus Holland eingewandert sind?
        Ich mache es mir jedenfalls nicht so einfach, indem ich mir Ihren Dünkel und Ihr Ressentiment aus einer wirklichen oder unterstellten „kolonialistischen Prägung“ heraus erkläre. Ihnen ist in Ihrem langen Leben doch zwischenzeitlich allzuviel widerfahren. Dazu ist Ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion doch viel zu hoch. Oder vielleicht doch nicht? Der „negativen Auslese“ in der ehemaligen „Lumpenrepublik“ sprechen Sie zumindest pauschal wohl jegliches Reflexionsniveau ab und verhindern ein „Gespräch“, sodass man eben nur noch schimpfen kann …
        Wie gesagt, der Lackmustest sind die nächsten Wahlen in Ost und West.
        Der Faschismus entsteht im Kleinen, in der Familie, im Freundeskreis, wo ich Sprach- und Denkmuster in mir zulasse und nicht reflektiere oder mich nicht wehre, wenn ich sie wahrnehme.
        „Die Gesellschaft“ ist nicht anonym. Das sind wir alle.
        Das beste Mittel gegen Faschismus ist historische Kenntnis.
        Aber auch sonst sollte man insgesamt ein bisschen was wissen.

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        Lieber Stefan Trute, ich stehe zu meinen Prägungen. auch zur „kolonialistischen Prägung“, also meinem Erleben der Spätphase des Empire. Ich erlebe leider selten, dass ehemalige Bürger der DDR wirklich tief über ihre Prägungen nachdenken. Natürlich gibt es Ausnahmen.
        Was die 20% für die AfD in Ba-Wü angeht, so sind es immer noch weniger als für die Grünen, die wiederum weniger bekommen als die CDU. Es gibt einen Unterschied zwischen 20 und 40 Prozent. Die meisten AfD-Wähler gibt es in den Protestantischen Landesteilen, wo schon die NSDAP stark war. Und deshalb ziehen die „materialistischen“ Argumente nicht. Um ein historisches Beispiel heranzuziehen: 1932 war Amerika genauso hart von der Depression getroffen wie Deutschland. Amerika wählte 1933 Franklin D. Roosevelt, Deutschland Adolf Hitler.

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        „Man kann natürlich alles abwehren; man kann aber auch versuchen, etwas zu lernen. “

        Lieber Alan Posener,

        sie sollten den Ossi nicht für generell lernunwillig halten. Heute habe ich meine erste Klausur geschrieben. Einführung in die Geschichte des Mittelalters. Wie es sich gehört für einen ordentlichen Studenten der Geschichtswissenschaft.
        https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=pfbid08FJCcpBGaDrv5vSW1kBusN2BK5r8AwcG6ojtAjTTuy1Hh6FniR9jCFDhqdqoSeMql&id=100024745218037

        Also gut, ich werde jetzt meinen Dozenten der Geschichtswissenschaft die Fragen stellen:

        1. Kennen sie die Thesen von James Hawes, „Die kürzeste Geschichte Deutschlands“?

        – wenn nein: Sie lauten wie folgt…. Warum kennen Sie das nicht?

        – wenn Ja: Hat es Sie ermuntert das Buch zu lesen? Wenn nicht, warum nicht?

        2. Was halten Sie von den Thesen James Hawes‘, „Die kürzeste Geschichte Deutschlands“?

        ……………………………………..

        Möglicherweise aber, lieber Alan Posener könnte Sie das Ergebnis trotzdem nicht überzeugen, weil meine Dozenten an der Uni Leipzig (der viertältesten Universität Deutschlands) ja Dozenten in Leipzig sind und damit bei Ihnen sowieso unter „Ossi, unerheblich“ laufen könnten.

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        Ich bin auf die Antwort gespannt. Gespannter wäre ich auf Ihre Reaktion auf die Lektüre. Übrigens halte ich „den Ossi“ – den es nicht gibt – nicht für lernunfähig. Viele Ossis, vornehmlich aus der herrschenden Schicht, haben erstaunlich schnell begriffen, wie sie auch unter den neuen Bedingungen Karriere machen konnten. Matthias Warnig ist nur die Spitze eines Eisbergs. Ich nehme ihnen das ja auch nicht übel. Aber gerade in solchen Fällen gilt: Lump bleibt Lump. Andere mussten lernen, in einer Gesellschaft auszukommen, in der sich jeder der nächste ist und das versprochene Wirtschaftswunder ausblieb.
        Wenn ich über „Ossis“ rede, dann ist das einerseits scherzhaft gemeint, um jenen den Spiegel vorzuhalten, die über „Wessis“ und „Ausländer“ schimpfen; andererseits will ich kulturell-politische Prägungen aufzeigen, die nicht einfach verschwinden, weil man 1990 von einem demokratischen Staat übernommen wurde. Dass es im Osten weder eine Reeducation noch 68 gegeben hat, halte ich für ein Unglück, ohne die Fehler der Reeducation nach 45 und der 68er herunterspielen zu wollen. Das hatte auch damit zu tun, dass die aufsässigen und demokratischen Kräfte zu nicht unwesentlichen Teilen über die Jahre abgehauen waren. Die DDR hatte sich im Sarrazin’schen Sinn abgeschafft.

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        „Bruder-Schwester-Neid-Ding“

        Liebe Kerstin,

        es liegt in der Natur der Sache, dass ich über die DDR-Spitzensportlerin Gesine Tetenborn mehr weiss als z.B. über Ines Geipel.

        In armen Ländern wie es die DDR war, gar noch in armen Diktaturen, oder in Armen Bevölkerungsschichten ist hartes Sporttraining eines der wenigen Wege zur Weltspitze aufzustocken.

        Hungrige erkämpfen Spitzenleistungen. Satte nicht.

        Das harte Training, zu dem in der DDR eine gezielte Talentsuche über Schul- Kreis- oder Bezirkssportfeste kam,…

        Das harte Training erfordert Disziplin. Die ist nie Selbstdisziplin, sondern immer eine Unterwerfung unter einen Disziplin einfordernden Dritten.

        Steffi Graf wurde von ihrem Vater „gemacht“.

        Beklager des „DDR-Zwangsdopings“ an der Uni Rostock gehen deshalb heute von „DDR-Sportgeschädigten“ aus
        Dass also gnadenloses Training auch ohne Doping Spuren hinterlässt.

        Zu Ursachen psychischer Beschwerden, also Depressionen, haben wir uns schon oft gestritten. Ich halte den Vortrag, heutige Seelenzustände seien auch nur überwiegend auf Ereignisse vor 40 Jahten zurückzuführen, für Humbug.

        Zu meiner Schwester, die ich seit 63 Jahren kenne, veröffentliche ich gewiss nichts zu all den anderen Aspekten ihres Lebens. Denn das wäre tatsächlich Denunziation.

        https://starke-meinungen.de/blog/2025/10/22/meine-schwester-gesine-so-was-wie-ein-beitrag-zum-ddr-zwangsdoping/

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        Einen Vortrag, Bodo Walther, dieser Art hielt ich nicht. Wir haben uns auch nicht „zu Ursachen psychischer Beschwerden, also Depressionen“ gestritten. Resilienz erwirbt mensch in der Kindheit. Vom Doping hatte ich schon in der DDR gehört, allerdings nur vom Hörensagen. Ich finde es nicht gut, die eigene Schwester vorzuführen, vor allem, wenn man weiß, dass es da noch „andere(n) Aspekte(n) ihres Lebens“ gibt. Mein Stiefvater war Orchestermusiker, dessen Vater Pianist. Als ich als Kind selbst ein Instrument erlernen wollte, da erzählte mir meine Mutter von dessen Kindheit und Jugend. 2011 diskutierte man in Deutschland das Buch »Die Mutter des Erfolgs« von Amy Chua (Tiger Mother). Die Autorin erzählt, wie sie ihren Kindern und ihre Mutter ihrer Schwester mit Down-Syndrom das Siegen beibrachten. Sie sehen, ein wenig habe ich mich mit dem Thema befasst. In der DDR spielten vermutlich noch andere Fragen eine Rolle. Kennen Sie Andreas Petersens Buch »Der Osten und das Unbewusste«?

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        Ich finde die beiden Herren unangenehm gockelhaft. Herrn Friedrich noch schlimmer als Herrn Augstein. Nach 10 Minuten konnte ich das nicht mehr aushalten.

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        Lieber 68er,
        „Gockelhaft“ – mag sein. „Wir alle spielen Theater“´ (Goffman).
        Ich kann aber mit den Argumenten was anfangen. Somit lohnt sich das Ansehen und -hören bestimmt auch länger als zehn Minuten.

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      „Eine der Sachen, die mich nach der Wende am meisten überraschten, … war das Ausmaß der Ahnungslosigkeit hinsichtlich des Marxismus-Leninismus.“

      Um die drei Jahre Haft irgendwie sinnvoll zu nutzen las ich mich mehrmals durch die Bibel. Um zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit einen Bibelspruch drauf zu haben.

      Als mich 2001 der katholische Oberbürgermeister von Weißenfels nach meinem GRÜNEN Bruder befragte, erwiderte ich:

      „Genesis 4, Vers 9: Sollte ich meines Bruders Hüter sein?“

      Und Manfred erwiderte:

      „Daran erkenne ich, dass du eigentlich ein Protestant bist und nur zum Katholizismus konvertiert: Du hast die Bibel gelesen.“

      Ist alles heute im Zeitalter von KI nichts mehr wert. Wer einen Spruch aus Karl Marx oder aus der Heiligen Schrift sucht zum z.B. Scham muß nur das Internet befragen. und kann im Übrigen darauf vertrauen, dass dr gegenüber gar nicht nachfragt, aus welchem Zusammenhang das mit dem „Revolutionären Scham“ oder das mit dem Bruder herausgerissen ist.

      Meist wissen ja beide Gesprächspartner gar nichts darüber. KI-Wissen halt. Wer hat schon Karl Marx‘ Brief an Arnold Ruge gelesen (MEW 1, S. 337) ?
      https://de.wikisource.org/wiki/Ein_Briefwechsel_von_1843

      Ich nicht. Ist unwichtig.

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        Lieber Bodo Walther, Sie lasen die Bibel, „um zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit einen Bibelspruch drauf zu haben“. Ihr Wort, nicht meins. Ich habe die Bibel aus anderen Gründen gelesen.
        Und zu der beschriebenen Gelegenheit passt der von Ihnen gewählte Spruch schon gar nicht. Denn der, der da fragt, hast gerade seinen Bruder erschlagen. Ein Lump halt.

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    Mir macht leider genauso viel Sorge wie der Rechts- der Linksextremismus, der auch offen antisemitisch und putinfreundlich ist. Ich lese oft die Kommentare im Netz – ob Rechts oder Links – und es wird mir sehr frostig zumute. Es sind Legionen von Extremisten, die, wenn es darauf ankommen würde, die Demokratie eher gemeinsam als gegeneinander zerstören würden!

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      Der Linksextremismus ist genauso ekelhaft wie der Rechtsextremismus. Insbesondere in seiner antisemitischen Ausprägung. Aber er macht mir weniger Sorge, da er derzeit meilenweit davon entfernt sit, auch nur das kleinste Fitzelchen der Macht an sich reissen zu können. Ganz im Gegensatz zur AfD, die ja immer offener propagiert, was auf der „Geheimkonferenz“ in Potsdam gemauschelt wurde. Aber die Ratlosigkeit angesichts der „Pro-Palästina“-Demonstrationen (die nichts anderes sind als Manifestationen des Terrors) macht mir natürlich auch Bauchschmerzen.

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    Hallo Herr Posner!

    Meine Frage ist: Haben Sie eigentlich schon einen grönländischen Pass?

    Als alter Trump-Versteher hatten Sie darüber ja mal nachgedacht.

    Noch eine Frage:

    Das mit dem „niemand hat die Absicht“ haben Sie ironisch gemeint, oder liege ich da falsch?

    Wir haben über das Thema hier schon x-mal diskutiert und ich hatte schon vor Jahren auf diverse grundlegende Widersprüche hingewiesen, auf die Lebenslügen des Westens, alles was Carney in seiner Rede in Davos gesagt hat, haben die Linken seit Jahren klar benannt.

    Jetzt wird – wie bei NSA – wahrscheinlich das übliche Manöver kommen, und es wird gesagt, es wäre naiv zu glauben, eine Welt könne „wertebasiert“ funktionieren, es gehe ja letztlich immer um Interessen und die Macht des Stärkeren. Meine Rede!

    Sie haben immer gesagt, das sei alles nicht mit Weimar zu vergleichen, weil wir eine gefestigtere Demokratie hätten oder Trump sei nicht so schlimm, wegen der funktionierenden checks an balances. Pustekuchen! habe ich schon während der Brexittragödie und der ersten Amtszeit Trumps gesagt, wo ganz klar zu Tage trat, dass durch u. a. die modernen Manipulationsmechanismen die „alten Systeme“ überfordert waren.

    Schon vor fast 10 Jahren habe ich prognostiziert, dass die AfD in Mecklenburg-Vorpommern aufgrund der Struktur ihres Personals sich dort etablieren wird:

    https://starke-meinungen.de/blog/2016/09/06/meck-pomm-ist-keine-katastrophe/#comment-57669

    Ich verstehe auch nicht wirklich, wieso Sie in dem Artikel nicht klar benennen, was in den USA – aus meiner Sicht auch bei uns – Anzeichen sind, die dem Faschismus den Weg bahnen können. In meinem Umfeld kenne ich diverse Fälle von Leuten, die hier bei uns absolut integriert sind, gegen keinerlei Gesetze verstoßen haben, in ihrem Beruf arbeiten oder eine Lehrstelle haben und trotz dem abgeschoben werden. Das ist doch ein ganz klares Muster. Auf der einen Seite sollen die „lifestyle-verwöhnten“ Teilzeitler mehr arbeiten, weil wir angeblich zu wenig Fachkräfte hätten und auf der anderen Seite werden Fachkräfte abgeschoben, weil sie die falsche Hautfarbe, die falsche Religion, den falschen Pass oder die falsche politische Einstellung haben?

    https://www.fr.de/wirtschaft/gewerkschafter-danial-bamdadi-wegen-antifa-demos-kein-deutscher-94138838.html

    Hier können Sie Ihrem Artikel Taten folgen lassen und sich für Herrn Bamdadi einsetzen. Mal schau’n, wie ehrlich Ihre Niemöllerei gemeint ist.

    https://danialeinervonuns.de/unterstuetzerliste/

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      Lieber 68er: Mein Name ist Posener. Und unter diesem Namen habe ich in der WELT – wo es weh tut – schon vor zwei Wochen erheblich deutlicher als Sie hier geschrieben, was in USA die Stunde geschlagen hat.
      https://www.welt.de/debatte/plus696124e4fa56382de1f64df6/schuesse-von-minneapolis-wuerde-das-hier-passieren-wuerde-jeder-wissen-was-die-stunde-geschlagen-hat.html

      Und ja, ich war schon mal optimistischer. Nach wie vor aber glaube ich, dass die Demokratie hier und in den USA überleben wird. Aber nicht, wenn jeder seine Partikularinteressen verteidigt.

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        Sorry Herr Posener, das war ein Tippfehler am Handy und iin den letzten 15 Jahren, in denen ich hier schreibe, glaube ich. ist mir das noch nicht so oft passiert.

        Über das Thema Ihres Artikels streiten wir so oder so ähnlich seit einem Jahrzehnt. Ich wäre überglücklich, wenn ich Unrecht gehabt hätte. Und ich glaube nicht, dass wir in der BRD uns anders oder besser verhalten werden als die Leute in den USA. Wenn die Machtverhältnisse zu kippen beginnen, wird es genug Leute in Industrie, Veewaltung und Justiz geben, die die Seiten wechseln werden. Schauen Sie nach. GB auf Frau Braverman, Herrn Zahawi und all die anderen gefallenen Tories. Ich traue den Herren Spahn und Dobrondt keinen Millimeter über den Weg und Herrn Merz halte ich auch nicht wesentlich schlauer als Herrn von Papen.

        Schauen Sie sich die letzten Wochen an. Es wird wieder gegen links mobiliisiert. Auch in den anderren Kommentaren.

        Und das ist ja auch verständlich. Im Ausnahmezustand, egal ob er passiert oder herbeigeführt wird, kann das System kippen, nach links oder nach rechts. Und deshalb wird gerade mit aller Macht versucht, einen linken Popanz aufzubauen. Haben wir alles schon bei Corbyn gehabt. Die Medien werden vom Kapital weitgehend beherrscht und aus Amerika (nachgewiesen siehe Brexit und Cambridge Analytica) und wahrscheinlich auch aus Russland und China manipuliert.

        Wir haben uns über Ihren ehemaligen Arbeitgeber gestritten, der das mit gepusht hat (Stichwort „Ausserparlamentarische Opposition“ 12/2013) und sehen, wie Herr Doepfner die Dollarzeichen schon in den Augen hat. Dem traue ich keinen Mikromillimeter über den Weg.

        Diesmal geht es erst mal nicht direkt gegen die Juden. Es beginnt wieder mit den Linken und gegen die Armen, gegen Muslime, „Ausländer“ und Queere aber irgendwann wird „durchgezogen“ dann wird in den eigenen Reihen „gesäubert“ dann gibt es keine Frau Weidel in der Führungsriege mehr und das mit Israel und den Juden werden sie auch immer wieder überprüfen. Vielleicht nicht in Amerika, aber den schwarz-blau-braunen Eliten bei uns traue ich weiterhin – leider – alles zu.

        Bleiben Sie optimistisch, ich hatte Sie mal gefragt, ob Sie für mich ein gutes Wort einlegen können, falls ich nach GB abhauen will/sollte und Sie haben mich auf die EU-Freizügigkeit hingewiesen. Tempi passati.

        Bleiben Sie gesund und munter!

        Ihr 68er

      2. avatar

        Ich hab mal geschaut, wann ich hier auf dem Blog zum ersten mal gepostet habe. Wenn ich es richtig geschaut habe, war es genau heute vor 15 Jahren.

        https://starke-meinungen.de/blog/2010/01/28/gier-ist-gut-jetzt-erst-recht/

        Damals gab es noch Rita E. Groda, mit der ich auch mal persönlich über das Umfeld des Blogs kommuniziert hatte. War sehr interessant, wovor sie mich warnte.

        Und auch Edmund J. gab es schon, damals noch als EJ.

        Es kann sein, dass ich schon vorher was gepostet hatte, bei anderen Autoren, aber die sind ja in ein schwarzes SM-Loch gefallen.

        Auf dieses Blog bin ich übrigens über Ihr Sarrazin-Bullshit-Video bei der Welt gestoßen, glaube ich. Ist leider nicht mehr im Netz zu finden. Womit der Satz, das Netz vergißt nichts, auch falsifiziert sein dürfte.

        Herzliche Grüße und vielen Dank für die letzen 15 Jahre und die – teilweise auch harten – kontroversen Ausseinandersetzungen!

        Ihr 68er oder Berija, wie Sie mich einmal nannten

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