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Ein schlechtes Ei? (Teil 1)

Eine berühmte Karikatur in der satirischen Zeitschrift „Punch“ aus dem Jahr 1895 trägt den Titel „Wahre Bescheidenheit“. Sie zeigt einen Bischof, der das Frühstücksei eines jungen Pfarrers mustert und sagt: „Ich fürchte, Sie haben da ein schlechtes Ei bekommen!“ Der eingeschüchterte Gast antwortet: „Nein, Mylord, ich versichere Sie: Teile davon sind hervorragend!“ So ähnlich geht es mir mit dem „Plädoyer“ der „Initiative GG 5.3 Weltoffenheit“. Teile davon sind hervorragend. Oder zumindest nicht völlig ungenießbar.

Im Folgenden will ich das Plädoyer in einer Form wiedergeben, die meines Erachtens dem Anliegen der Unterzeichner*innen gerecht geworden wäre, ohne Gefahr zu laufen, als Angriff auf die deutsche Erinnerungskultur verstanden zu werden. Es handelt sich um etwa 75 Prozent des Originaltexts, den ich einfach durch Copy & Paste hier zusammenfüge:

Als Repräsentantinnen und Repräsentanten öffentlicher Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen verbindet uns der staatliche Auftrag, Kunst und Kultur, historische Forschung und demokratische Bildung zu fördern und der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Dafür sind wir auf eine Öffentlichkeit angewiesen, die auf der normativen Basis der grundgesetzlichen Ordnung streitbare und kontroverse Debatten ermöglicht. Unsere besondere Aufmerksamkeit gilt dabei auch marginalisierten und ausgeblendeten Stimmen, die für kulturelle Vielfalt und kritische Perspektiven stehen. Der gemeinsame Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus, Rechtsextremismus und jede Form von gewaltbereitem religiösem Fundamentalismus steht im Zentrum unserer Initiative.

Eine spezifische Herausforderung besteht für uns heute darin, die Besonderheiten der deutschen Vergangenheit unseren Kooperationspartner:innen in der ganzen Welt verantwortungsvoll zu vermitteln, um eine gemeinsame Gegenwart und Zukunft zu entwerfen. Eine Vergangenheit, die einerseits geprägt ist durch den beispiellosen Völkermord an den europäischen Juden und Jüdinnen und andererseits durch eine späte und relativ zögerliche Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte. Dazu bedarf es eines aktiven Engagements für die Vielfalt jüdischer Positionen und der Öffnung für andere, aus der nichteuropäischen Welt vorgetragene gesellschaftliche Visionen.

Es folgt ein Abschnitt, den ich für so ungenießbar halte wie das Ei des Pfarrers:

Es ist unproduktiv und für eine demokratische Öffentlichkeit abträglich, wenn wichtige lokale und internationale Stimmen aus dem kritischen Dialog ausgegrenzt werden sollen, wie im Falle der Debatte um Achille Mbembe zu beobachten war. Die historische Verantwortung Deutschlands darf nicht dazu führen, andere historische Erfahrungen von Gewalt und Unterdrückung moralisch oder politisch pauschal zu delegitimieren. Konfrontation und Auseinandersetzung damit müssen gerade in öffentlich geförderten Kultur- und Diskursräumen möglich sein.

Dazu habe ich hier (und zu Mbembes Positionen ausführlich anderswo) einiges geschrieben, ich muss das nicht wiederholen. Der Vorwurf, Mbembe solle „aus dem kritischen Dialog ausgegrenzt werden“, trifft schlicht und einfach nicht zu.

Doch weiter im Text:

Da wir den kulturellen und wissenschaftlichen Austausch für grundlegend halten, lehnen wir den Boykott Israels durch den BDS ab. Gleichzeitig halten wir auch die Logik des Boykotts, die die BDS-Resolution des Bundestages ausgelöst hat, für gefährlich.

Wie gesagt, man muss den Unterzeichner*innen in dieser Einschätzung nicht zustimmen. Aber man kann darüber diskutieren. Für unangebracht halte ich den nächsten Abschnitt:

Unter Berufung auf diese Resolution werden durch missbräuchliche Verwendungen des Antisemitismusvorwurfs wichtige Stimmen beiseitegedrängt und kritische Positionen verzerrt dargestellt.

Das ist eine Unterstellung, für die auch in der öffentlichen Diskussion über das „Plädoyer“ kein einziges Beispiel genannt worden ist. Man sollte bei Passivkonstruktionen immer die Ohren spitzen: Statt Subjekt und Objekt zu nennen – wer drängt wen beiseite, wer stellt wessen Positionen verzerrt dar? – wird durch eine Passivkonstruktion der Eindruck erweckt, das passiere häufig. Sonst eher eine Technik der Rechten: „Kritiker der Merkel’schen Einwanderungspolitik werden gesellschaftlich kaltgestellt.“ Wie gesagt, es gibt für das Beiseitedrängen und die Verzerrung kein einziges Beispiel. Jedenfalls ist mir kein Beispiel bekannt geworden.

Doch weiter im Text:

Aus diesem Grund haben wir uns zu der „Initiative GG 5.3 Weltoffenheit“ zusammengefunden, in der wir unsere Kompetenzen und Kräfte bündeln, um uns für die Verteidigung eines Klimas der Vielstimmigkeit, der kritischen Reflexion und der Anerkennung von Differenz einzusetzen. Mit dem Namen verweisen wir auf Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes, in dem die Freiheit von Kunst und Wissenschaft garantiert wird. Weltoffenheit, wie wir sie verstehen, setzt eine politische Ästhetik der Differenz voraus, die Anderssein als demokratische Qualität versteht und Kunst und Bildung als Räume, in denen es darum geht, Ambivalenzen zu ertragen und abweichende Positionen zuzulassen. Dazu gehört es auch, einer Vielstimmigkeit Freiräume zu garantieren, die die eigene privilegierte Position als implizite Norm kritisch zur Disposition stellt.

Wir verteidigen die weltoffene Gesellschaft, die für die Gleichwertigkeit aller Menschen mit den Mitteln des Rechtsstaats und öffentlichen Diskurses streitet sowie Dissens und vielschichtige Solidaritäten zulässt. Dies ist die Grundlage, welche es den Künsten und Wissenschaften erlaubt, ihre ureigene Funktion weiterhin auszuüben: die der kritischen Reflexion der gesellschaftlichen Ordnungen und der Öffnung für alternative Weltentwürfe.

Ende des Resolutionstextes.

Wie gesagt, hätten die Unterzeichner*innen den Text in der kürzeren – hier gefetteten – Form veröffentlicht, wäre ich zwar immer noch der Meinung, dass hier „Wolf!“ gerufen wird. Ich sehe nicht, dass der BDS-Beschluss des Bundestags eine „Logik des Boykotts ausgelöst hat“, und es werden – ich wiederhole es – dafür auch keine Beispiele angeführt. Aber ich würde akzeptieren, dass es unter den staatlich geförderten Kulturinstitutionen diesbezügliche Sorgen gibt; und ich persönlich wäre der Letzte, der etwa die Förderung eines jungen Künstlers im Rahmen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) anprangern würde nur deshalb, weil er sich für BDS eingesetzt oder dummes Zeug über Israel gesagt hat. Es ist leider so, dass eine oft ungerechte und weder moralisch noch intellektuell haltbare „Israelkritik“ in vielen Teilen der Welt sozusagen zum guten Ton gehört. Solche Leute muss man nicht mit Ehren überhäufen und als Eröffnungsredner der Ruhrtriennale einladen, aber es wäre in der Tat unproduktiv, gar nicht mit ihnen zu reden.

Die klare Haltung der Unterzeichner*innen – „Wir lehnen den Boykott Israels ab“ – ist zu begrüßen, und man wäre froh, wenn diese Haltung – und die ebenfalls beschworene „Verantwortungsvolle Vermittlung der Besonderheiten der deutschen Vergangenheit“ mitsamt ihrer Folgen, zu denen die Verteidigung des Existenzrechts Israels gehört – tatsächlich im Zentrum der Arbeit all jener Institutionen gehörte, deren Leiter*innen das „Plädoyer“ unterzeichnet haben. Was ich bezweifle, aber das nur nebenbei. Wäre dem aber so, was wäre dagegen einzuwenden, wenn auch – ja gerade – der Dialog mit solchen Leuten gesucht würde, die jene Vergangenheit relativieren oder meinen, daraus müsse man andere Folgen ziehen, als es die deutsche Staatsräson tut? Nichts.

Die Frage aber, warum die von mir inkriminierten Passagen aufgenommen wurden; warum man es nicht bei einer klarstellenden Eingabe an den Bundestag beließ – „wir sind gegen BDS, möchten aber darauf beharren, dass wir auch künftig trotz öffentlicher Förderung mit Israelkritikern zusammenarbeiten dürfen“ – : Diese Frage bleibt. Warum musste die Mbembe-Diskussion zu der Unterstellung überhöht werden, „andere historische Erfahrungen von Gewalt und Unterdrückung“ würden unter Verweis auf den Holocaust „moralisch oder politisch pauschal delegitimiert“?

Bisher hat keine von den Unterzeichner*innen dazu Stellung genommen. Das muss sich ändern, wenn man glauben soll, es handele sich beim „Plädoyer“ nicht schlicht und einfach um ein faules Ei, das durchweg und nicht nur in Teilen ungenießbar ist, selbst unter Aufbietung größter christlicher Bescheidenheit.

In einem zweiten Teil will ich mich mit einigen anderen Aspekten der Resolution auseinandersetzen, die ich verstörend finde

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3 Gedanken zu “Ein schlechtes Ei? (Teil 1);”

  1. avatar

    „Der gemeinsame Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus, Rechtsextremismus und jede Form von gewaltbereitem religiösem Fundamentalismus steht im Zentrum unserer Initiative.“

    Hmm, was fehlt denn da?
    Die Jungs und JungInnen dieser Initiative mögen offensichtlich Linksextremismus und Islamismus. Damit ist doch eigentlich alles gesagt.

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