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Ein schlechtes Ei? (Ja: Teil 2 und Schluss)

Ich hatte angekündigt, eine Kritik auch jener Teile des „Plädoyers“ der „Initiative GG 5.3“ vorzulegen, die ich im Kern für einen akzeptablen Beitrag zur Diskussion um die Bedeutung der Bundestagsresolution zu BDS halte. Leider bin ich im Verlauf der Auseinandersetzung mit dem Plädoyer zum Ergebnis gekommen, dass es auch ohne die Angriffe auf die Erinnerungskultur ein hochgradig problematisches und in manchen Formulierungen verfassungswidriges Dokument ist.

Ich zitiere hier nummeriert die Formulierungen aus dem „Plädoyer“ hintereinander, die ich für fragwürdig halte:

  1. (1) „Dafür sind wir auf eine Öffentlichkeit angewiesen, die auf der normativen Basis der grundgesetzlichen Ordnung streitbare und kontroverse Debatten ermöglicht.“
  2. (2) „Unsere besondere Aufmerksamkeit gilt dabei auch marginalisierten und ausgeblendeten Stimmen …“
  3. (3) „Der gemeinsame Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus, Rechtsextremismus und jede Form von gewaltbereitem religiösem Fundamentalismus steht im Zentrum unserer Initiative.“
  4. (4) „Eine Vergangenheit, die einerseits geprägt ist durch den beispiellosen Völkermord an den europäischen Juden und Jüdinnen und andererseits durch eine späte und relativ zögerliche Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte.“
  5. (5) „Dazu bedarf es eines aktiven Engagements für die Vielfalt jüdischer Positionen und der Öffnung für andere, aus der nichteuropäischen Welt vorgetragene gesellschaftliche Visionen.“
  6. (6) „Weltoffenheit, wie wir sie verstehen, setzt eine politische Ästhetik der Differenz voraus, die Anderssein als demokratische Qualität versteht …“
  7. (7) „… den Künsten und Wissenschaften erlaubt, ihre ureigene Funktion weiterhin auszuüben: die der kritischen Reflexion der gesellschaftlichen Ordnungen und der Öffnung für alternative Weltentwürfe.“

Nun zu meinen Einwänden:

  1. (1) Streitbare und kontroverse Debatten sollten keineswegs nur „auf der normativen Basis der grundgesetzlichen Ordnung“ geführt werden. Eine liberale Ordnung hält es aus, auch die eigenen Grundsätze infrage gestellt zu sehen. Jedenfalls war das in den späten 1960er und in den 1970er Jahren der Fall, und ich sehe nicht ein, weshalb es heute nicht der Fall sein sollte. Öko- und andere Kommunisten, Identitäre und andere Nationalisten, Islamisten und christliche Fundamentalisten gehören selbstverständlich zu jener Öffentlichkeit, mit der sich auch die künstlerischen und wissenschaftlichen Institutionen der Bundesrepublik Deutschland auseinandersetzen sollten.
  2. (2) Die Politsprech-Formulierung „besonders auch“ hebt sich auf. Entweder besondere Aufmerksamkeit oder auch Aufmerksamkeit. Hier drücken sich die Unterzeichner*innen vor einer klaren Haltung. Meine Meinung nach reicht die Formulierung: „Unsere Aufmerksamkeit gilt dabei auch marginalisierten und ausgeblendeten Stimmen …“ Das wäre schon viel. Siehe (1.).
  3. (3) Es fällt auf, dass die Unterzeichner*innen es nicht für nötig halten, sich vom Linksextremismus abzugrenzen. Das ist, zumal angesichts der deutschen Geschichte, vom Spartakusaufstand über die DDR bis zu den 68ern und der RAF, erstaunlich, aber bezeichnend. Noch bezeichnender ist die Formulierung, man bekämpfe „jede Form von gewaltbereitem religiösem Fundamentalismus“. Als hätten wir es hier in Deutschland oder Europa mit gewaltbereiten Juden oder mörderischen Christen, amoklaufenden Buddhisten oder Hindus zu tun. Jeder weiß, dass der Islamismus gemeint ist. Nur trauen sich die Chefs einiger unserer wichtigsten Kulturinstitutionen nicht, die Terroristen beim Namen zu nennen. Diese Feigheit vor dem Freund ist beschämend.
  4. (4) „Eine Vergangenheit, die einerseits geprägt ist durch den beispiellosen Völkermord an den europäischen Juden und Jüdinnen und andererseits durch eine späte und relativ zögerliche Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte.“ Ich nehme zur Kenntnis, dass hier von einem „beispiellosen“ Verbrechen die Rede ist. Und frage mich, weshalb gerade von den Unterzeichner*innen im Rahmen der Mbembe-Debatte so unendlich viel Tinte vergossen wurde, um gerade jene Beispiellosigkeit zu leugnen. Wenn diese Verbrechen beispiellos sind, dann geht es eben nicht weder zu sagen, Israel tue den Palästinensern das Gleiche an, wie es Vertreter der BDS-Bewegung tun, noch mit Hinweis auf den Kolonialismus zu behaupten, das Besondere am Holocaust lediglich, dass es Weiße getroffen habe, wie es Mbembes Lehrer Aimé Cèsaire sagte. Ob allerdings zu den „Besonderheiten der deutschen Vergangenheit“, um deren Vermittlung es hier geht, wirklich an zweiter Stelle nach dem Holocaust „die späte und relativ zögerliche Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte“ gehört, darf man bezweifeln. Wenn man das jedenfalls sieht blendet man zumindest die Vertreibung von 10 bis 20 Millionen Deutschen nach dem 2.Weltkrieg, die Abtrennung von einem Viertel seines Staatsgebietes, die Teilung des Landes und die brutale kommunistische Unterdrückung von einem Viertel seiner Bevölkerung ebenso aus wie den Verzicht der Vertriebenen zunächst auf die Gewalt und dann auf die Heimat, den Kalten Krieg, die Rolle der USA beim Schutz der Freiheit und der friedlichen Revolution in der DDR beim Wiedererlangen von Einheit in Freiheit. Mir scheint das nicht nur eine Vergangenheit, die absolut „besonders“ und vermittelnswert ist, sondern die auch noch Lehren bereit halten kann für andere Völker, etwa für die Palästinenser. Vielleicht ist das gerade der Grund, warum diese Geschichte hier nicht erwähnt wird. Ich will aber nichts unterstellen. Es bleibt aber erstaunlich und ebenso erklärungsbedürftig wie die Nichtabgrenzung vom Linksextremismus (siehe 3.).
  5. (5) Was das bedeuten soll, bleibt unklar. Wenn mit der „Vielfalt jüdischer Positionen“ gemeint ist, dass man sich nicht nur für den Zionismus engagieren soll, den etwa 90 Prozent der heute lebenden Juden für eine notwendige Lehre aus der Geschichte halten, so fragt man sich, ob diese Ermahnung wirklich nötig ist. Tatsache ist, dass selbst in Einrichtungen wie dem nationalen Jüdischem Museum Berlin der Zionismus kaum behandelt wird, geschweige denn, dass man sich dafür dort oder in anderen kulturellen Einrichtungen „engagiert“. Vielmehr ist es so, dass der Ruf als „jüdischer Israelkritiker“ geradezu die Garantie einer Karriere in deutschen Medien und auf deutschen Podien beinhaltet, selbst wenn man in Israel oder in der weltweiten jüdischen Diaspora so gut wie unbekannt ist und keinerlei Repräsentanz beanspruchen kann. Das sind dann Wohl die „marginalisierten und ausgeblendeten Stimmen“, denen die „besondere Aufmerksamkeit“ der Unterzeichner*innen gelten, auch wenn die damit die in ganz Europa dank der besonderen Aufmerksamkeit der Nazis marginalisierten Juden sich dadurch ausgeblendet fühlen. Ebenso unklar bleibt die Frage, was mit „aus der nichteuropäischen Welt vorgetragene gesellschaftliche Visionen“ gemeint ist. Weder der bereits zitierte Aimé Césaire noch Franz Fanon oder ihr Adept Achille Mbembe, weder Mao Zedong noch Kim Jong-Un, weder Che Guevara noch Ho Tschi-Minh, weder Kemal Atatürk noch die panarabischen Baathisten, weder Hassan al-Banna noch Farid Hafez, ja nicht einmal der große Mahatma Gandhi und sein großer Schüler Nelson Mandela haben „gesellschaftliche Visionen“ vorgetragen, die unabhängig von der europäischen Tradition überhaupt verständlich wären. Selbst der Postkolonialismus und die subalternen Studien sind das Produkt einer westlich geprägten akademischen Tradition. Insgesamt scheint dieser Punkt lediglich die bisherige Praxis allzu vieler deutscher Kulturinstitutionen Praxis rechtfertigen zu wollen, den Zionismus nicht oder allenfalls kritisch zu beachten, dafür aber einen Mbembe als „bedeutenden afrikanischen Denker“ zu feiern, der einen halbausgegorenen Mischmach aus Hegel und Nietzsche, Carl Schmitt und Michel Foucault, Fanon und al-Banna in einem Gestus der Atemlosigkeit und maximalen Erregung vorträgt. Wirklich originelle Denker*innen, dessen kann man sicher sein, findet man so nicht.
  6. (6) Das ist Quatsch. Anderssein ist nicht an sich eine demokratische Qualität. Eine demokratische Qualität besteht darin, das Anderssein als gleichberechtigt zu akzeptieren. Eine Haltung, die ein Produkt der europäischen Aufklärung ist und bis heute im „globalen Süden“ leider eher die Ausnahme ist.
  7. (7) Besteht wirklich die „ureigene Funktion“ der Wissenschaften in der „kritischen Reflexion der gesellschaftlichen Ordnungen und der Öffnung für alternative Weltentwürfe“? Nein. Die ureigene Funktion der Wissenschaften besteht in der wahrhaften und unerschrockenen Beschreibung dessen, was ist. In der Erforschung der Wirklichkeit, nicht in deren kritischer Reflexion und schon gar nicht in der „Öffnung für alternative Weltentwürfe“. Die Festlegung der Wissenschaften auf politische Agenda ist im Ansatz totalitär, da macht es keinen Unterscheid, ob diese Agenda progressiv oder reaktionär ist. Die Wissenschaft ist wertfrei. Jedenfalls in einem demokratischen Staat.

Von all den problematischen Formulierungen in dem „Plädoyer“ ist diese Formulierung die problematischste. „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ So heißt es in jenem Grundgesetzartikel 5, den zu verteidigen die Unterzeichner*innen vorgeben – oder ehrlich glauben. Und dann gipfelt die ganze Erklärung in die Aufhebung dieser Freiheit und die Festlegung der Wissenschaft (und der Kunst, was genauso absurd ist) auf die „kritische Reflexion der gesellschaftlichen Ordnungen und die Öffnung für alternative Weltentwürfe“ als „ureigene Funktion“.

Die sich hier offenbarende Gegnerschaft zur Freiheit der Wissenschaft und Kunst seitens einiger der wichtigsten Funktionsträger*innen der Wissenschafts- und Kultureinrichtungen der Bundesrepublik Deutschland ist für mich noch viel erschreckender als ihre Angriffe auf unsere Erinnerungskultur.

Aber beides geht natürlich zusammen. Immer. Immer.

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25 Gedanken zu “Ein schlechtes Ei? (Ja: Teil 2 und Schluss);”

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    Die Diskussion von Herrn Posener und Herrn Aubenbacher hier im Kommentarbereich lässt sich verkürzt folgendermaßen darstellen, wenn man „Wissenschaftler“ durch „Richter“ ersetzt:

    Herr Posener: Ich finde, die grundlegendste Aufgabe eines Richters ist es, objektiv und unparteiisch zu sein.
    Herr Aubenbacher: Ist es nicht. Der Richter kann das gar nicht, weil kein Mensch völlig objektiv sein kann. Es fängt ja schon damit, welche Worte vom Richter gewählt werden, um mit dem Angeklagten zu kommunizieren, und welche nicht. Wer denkt, Richter hätten die Aufgabe, objektiv zu sein, hängt einer veralteten Vorstellung vom Beruf des Richters an. (ein paar herablassende Bermerkungen angehängt).

    Tja, da bin ich dann wohl eindeutig im „Team Posener“. Die Tatsache, dass kein Mensch völlig unparteiisch sein kann, entbindet einen Richter, Schiedsrichter, notgebenden Lehrer etc. nicht von der Pflicht, das menschenmögliche Maximum an Objektivität zumindest anzustreben. Von wem würden Sie sich lieber vor Gericht verurteilen lassen, Herr Aubenbacher – von einem Richter, der den Anspruch, objektiv zu sein, schon völlig aufgegeben hat, oder von einem, der es zumindest versucht? Gleiches gilt für die Wissenschaft. Wenn sie gar nicht erst versucht, herauszufinden, was ist, hat sie keine Bedeutung mehr. Die Tatsache, dass der Wissenschaftsbetrieb dabei unvollkommen ist (weil er aus Menschen besteht), spricht nicht gegen die wissenschaftliche Methode an sich.

    Bei jeder anderen Konzeption von Wissenschaftlichkeit landen Sie am Ende in der Ideologie.

    Dass an Universitäten oft das Gegenteil gelehrt wird – postmoderner Unfug akademisch verschwurbelt -, ist mir auch klar.

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    Ein sehr guter Artikel Herr Posener.

    Es wäre noch zu klären ob es Verbindungen von der Initiative GG 5.3 zu der Open Society Foundation gäbe.
    Waren die verschiedenen Spieler Empfänger von Geldern der OSP ?

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    Je länger die Texte, desto weniger verstehe ich. Ob das Methode ist?

    Ich konzentriere mich deshalb auf das Wesentliche der Initiative: „missbräuchliche Verwendungen des Antisemitismusvorwurfs“.

    Hört sich ein irgendwie nach Ausschwitzkeule an.
    In diesem Zusammenhang würde mich nur interessieren, ob die Initiative Vorsatz oder Fahrlässigkeit unterstellt.

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    Off topic:
    Sehe gerade die Rede von D.Trump vor dem Kapitol, weil ich dachte, jetzt gibt es endlich Belege für den Wahlbetrug, der bisher ja in sämtlichen Instanzen jurististisch nicht bestätigt wurde. Aber nein. Immer nur derselbe durchgeknallte Sermon. Eine Schande.
    Was ich sehe, ist der Putschversuch eines abgewählten Präsidenten und Faschisten. Wie konnte sowas Präsident der USA werden? Wie zerrüttet muss ein Land sein?
    Und wenns damit nicht klappt, dann wenigstens eine „Dolchstoßlegende reloaded“. Wohin sowas führen kann, zeigt die deutsche Geschichte.

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        Wahlbetrug in den USA? Gab es nicht. Oder hätten die zuständigen Ermittlungsbehörden dortselbst mal bei Ihnen angerufen und sich von Ihnen die Früchte Ihrer „Recherche“ vorlegen lassen. Aber sicher durften de das nicht, denn Merkels Arm reicht weit, nicht wahr?
        Völkerrechtswidrige Bundeswehreinsatz in Jugoslawien? Gab es. Was hat das mit Trump zu tun?
        Dass korrigiert wurde, das der Vertreter einer Splitterpartei sich mit Stimmen von Faschisten wie Höcke zum Ministerpräsidenten wählen ließ, war richtig und zeugt davon, dass unsere Demokratie (noch) widerstandsfähig ist. Dass Gestalten wie Sie, der Antisemiten wie Orban goutieren und antisemitische Verschwörungstheorien verbreiten, das nicht gut finden, ist allein Ihr Problem.

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        … nun, werter S.T., ihr sinnfreier Kommentar war erwartbar. Ob ‚die zuständigen Ermittlungsbehörden‘ mal bei mir angerufen haben, unterläge der Geheimhaltung. Ich dürfte dann wohl kaum darüber berichten.

        … ‚wie weit Merkels Arm reicht‘? Ich vermute, sie kann allein kaum ihre Schnürsenkel binden. … aaaber, ihr Arm reicht, nachweisbar, bis ins Gesicht. Sie wird ’s irgendwann selber erklären. O-Ton herself; ‚Wenn ich mal auspacke, was hier in dieser Runde für Fehler gelaufen sind, wenn ich das mal öffentlich machen würde …‘ (Unter uns, ich schreib‘ jetzt nicht, was dieser Jargon über sie aussagt. Das könnte Fr. Prof. Staatsanwältin, hier im Blog, besser.)

        … und werter ST., solange Ihre Genossen und Entourage, diesseits und jenseits vom Atlantik, nicht rechtskräftig verurteilt sind, gab es keinen ‚völkerrechtswidrige Bundeswehreinsatz in Jugoslawien‘. Oder?

        … von Orban habe ich gar nicht geschrieben. … aaaber, vielleicht könnten Sie ‚Orbans Antisemitismus‘ nachprüfbar belegen. Und wo hat meine ‚Gestalt‘ antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet? Auch wenn Sie von ‚Ihrer Demokratie‘ schreiben, würde ich gern wissen, wen Sie damit meinen. Sie allein können das ja wohl kaum ausfüllen. Oder?

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    „(5).. Das sind dann Wohl die „marginalisierten und ausgeblendeten Stimmen“, denen die „besondere Aufmerksamkeit“ der Unterzeichner*innen gelten, auch wenn die damit die in ganz Europa dank der besonderen Aufmerksamkeit der Nazis marginalisierten Juden sich dadurch ausgeblendet fühlen.“
    Kann es sein, dass die offiziellen Vertreter der deutschen Juden im Lande (der Zentralrat), sich wie jede andere ordentliche deutsche staatsfinanziert-opportunistische NGO, wie die Kirchen, bei ‚diffizilen‘ Positionen etwas bedeckt hält? Wer will die denn noch ernst nehmen?
    „Die Festlegung der Wissenschaften auf politische Agenda ist im Ansatz totalitär, da macht es keinen Unterscheid, ob diese Agenda progressiv oder reaktionär ist.“
    So isses. Hoffentlich merkt Greta das irgendwann und ist dann nicht bitter enttäuscht von „progressiv[er] oder reaktionär[er]“ Überprägung durch irgendwelche ‚Scientists 4 future‘.

  6. avatar

    Der Satz „Weltoffenheit, wie wir sie verstehen, setzt eine politische Ästhetik der Differenz voraus, die Anderssein als demokratische Qualität versteht …“ ist für mich neben der inhaltlichen Probkematik auch reinster Politikkitsch.

  7. avatar

    Werter Herr Posener,
    so klar und nachvollziehbar Ihre Kritik an der GG 5.3 Initiative ist, so widersinnig sind Ihre Aussagen zur Rolle und Funktion von Wissenschaft. Ihre apodiktische Aussage „Die ureigene Funktion der Wissenschaften besteht in der wahrhaften und unerschrockenen Beschreibung dessen, was ist.“ fällt hinter den Stand der Diskussion der letzten fünfzig Jahre zurück. Wissenschaft ist nie wertfrei, kann sie gar nicht sein, weil schon alleine der gewählte Forschungsfokus letztlich inhärent normativ begründet, wozu geforscht wird und wozu nicht. Weiterhin ist insbesondere in den Sozial- und Geisteswissenschaften eine kritische Bewertung dessen, was ist, eine unumgängliche Funktion dieses Wissenschaftsbereichs, sonst wäre Wissenschaft nur Herrschaftsapologie.
    Mich erstaunt es schon sehr, dass Sie die ganze Tradition der Vernunftentwicklung mit Ihrem Diktum ebenso entsorgen, wie die Kritik am Positivismus. Mir erscheint Ihr Wissenschaftsverständnis sehr eingeschränkt und nicht auf der Höhe der Zeit. Um nur ein Beispiel zu nennen: gerade die wissenschaftliche Kritik an der weltweiten klimatischen Entwicklung hat doch gezeigt, dass Wissenschaft eine wichtige Rolle in der Bewertung ihrer eigenen Ergebnisse spielt! Oder wollen Sie den faktenfreien Klimawandelleugnern die gleiche Kompetenz zugestehen wie der Wissenschaft? Dann sind wir schnell wieder bei frühmittelalterlichen Wahrheitsdiskussionen.

    1. avatar

      Lieber Dr. Aubenbacher, vielen Dank für Ihren Beitrag. Mir wird immer wieder bescheinigt, nicht auf dem neuesten Stand der Wissenschaftsdiskussion zu sein, was mich vermuten lässt, die Wissenschaft habe keine gute Entwicklung genommen, seit ich vor 45 Jahren die KPD verlassen habe, die bekanntlich der Meinung war, die Wissenschaft habe „dem Volke (sic) zu dienen“.
      Um aber auf Ihre Argumente einzugehen:
      „Um nur ein Beispiel zu nennen: gerade die wissenschaftliche Kritik an der weltweiten klimatischen Entwicklung hat doch gezeigt, dass Wissenschaft eine wichtige Rolle in der Bewertung ihrer eigenen Ergebnisse spielt! Oder wollen Sie den faktenfreien Klimawandelleugnern die gleiche Kompetenz zugestehen wie der Wissenschaft?“
      Hätten Sie auch nur einen Beitrag von mir zum Thema Klimawandel gelesen, bevor Sie Ihren Kommentar verfassten, hätten Sie sich mit Ihrer Frage nicht so lächerlich gemacht. Freilich ist diese Frage so verschwurbelt formuliert, dass sie selbst Widerspruch provoziert: Die Wissenschaft „kritisiert“ doch nicht die „weltweite klimatische Entwicklung“. Sie stellt sie fest und versucht sie zu erklären. Sie schreiben dann, dass „Wissenschaft eine wichtige Rolle in der Bewertung ihrer eigenen Ergebnisse spielt“. Mit Ausrufezeichen. Der Satz ist entweder sinnfrei oder trivial. Jedenfalls hat Greta Thunbergs Aufforderung, „follow the science!“ gerade deshalb und nur deshalb eine solche Durchschlagskraft, weil sie davon ausgeht, dass Wissenschaftler*innen wertfrei forschen und keiner „progressiven“ oder sonstigen politisch-gesellschaftlichen Agenda folgen, wie ihnen von „faktenfreien Klimawandelleugnern“ unterstellt wird.
      Sie schreiben außerdem: „Wissenschaft ist nie wertfrei, kann sie gar nicht sein, weil schon alleine der gewählte Forschungsfokus letztlich inhärent normativ begründet, wozu geforscht wird und wozu nicht.“
      Gewiss: Wenn ich etwa über den britischen Adel im 18. Jhdt. forsche, forsche ich allenfalls peripher über den Sklavenhandel. Wenn ich aber nicht peripher über den Sklavenhandel forsche, der in einigen Fällen den Reichtum dieser Leute begründete, habe ich wohl nicht objektiv geforscht, und dann kann und muss man das Ausblenden dieses Sachverhalts kritisieren.
      Und schließlich: „Weiterhin ist insbesondere in den Sozial- und Geisteswissenschaften eine kritische Bewertung dessen, was ist, eine unumgängliche Funktion dieses Wissenschaftsbereichs, sonst wäre Wissenschaft nur Herrschaftsapologie.“
      Das ist Unsinn. Wenn die Untersuchung der Kapitalströme ergibt, dass Afrika ausgeblutet wird, dann ist das Fakt; und wenn diese Untersuchung ergibt, dass dem nicht so ist, so ist das auch Fakt. Die Frage, wie ich etwa zu afrikanischen Forderungen nach einem Schuldennachlass stehe, kann und darf die Fakten nicht beeinflussen. Sondern die Fakten sollten meine Haltung beeinflussen.
      Lieber Dr. Aubenbacher, ich kann nur hoffen, dass Sie keine Student*innen mit Ihrem modernen, oder doch modischen, aber absurden Wissenschaftsverständnis indoktrinieren. Da ist mir der Positivismus dann doch lieber, der übrigens nicht zufällig ideologischer Hauptgegner einer von mir an der Universität Frankfurt anno 75 oder 76 organisierten Veranstaltung des Kommunistischen Studentenverbands war. Ich hielt damals eine vielbeachtete Keynote-Rede gegen Popper. Ihr Beitrag erinnert mich daran.

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        Sehr geehrter Herr Posener,
        Ihre Antwort zeigt, dass Sie wirklich wissenschaftstheoretisch nicht auf der Höhe der Zeit sind, ja anscheinend noch nicht mal die Auseinandersetzungen im Positivismusstreit verstanden haben. Ihr Affekt gegen kritische Wissenschaft mag aus einer versagten Wissenschaftskarriere stammen, die mangelnden Kenntnisse könnten aber behoben werden. Ich empfehle zur Orientierung den Horkheimer Text „ Traditionelle und kritische Theorie“ oder das Habermas Werk „Erkenntnis und Interesse“ zu lesen – viel Spass und Erkenntnisfortschritte dabei.

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        Ähm, ich habe nie eine Wissenschaftskarriere angestrebt. Und wer Horkheimer im Jahre 2021 empfiehlt, hat wirklich jedes Recht verloren, anderen vorzuwerfen, sie seien „wissenschaftstheoretisch nicht auf der Höhe der Zeit“. Lassen Sie also die Billig-Psychologie, lesen Sie das Grundgesetz.

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    Vielen Dank für Ihren Text, Herr Posener. Nur eine Anmerkung: Ihre Behauptung „… in manchen Formulierungen verfassungswidriges Dokument …“ erscheint mir unglücklich, insbesondere da Sie im folgenden Abschnitt richtigerweise formulieren: „Eine liberale Ordnung hält es aus, auch die eigenen Grundsätze infrage gestellt zu sehen.“. Insofern halte ich grundsätzlich die Berufung auf eine Verfassungswidrigkeit in der politischen Diskussion für einengend.

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      Moment. Ich kritisiere – zu Recht, wie Sie meinen – eine Einschränkung der Diskussion auf verfassungskonforme Positionen, wie sie im „Plädoyer“ vorausgesetzt wird. Ich kritisiere aber auch – gerade WEIL die Unterzeichner*innen sich auf Artikel 5GG berufen – die Einengung des Wissenschafts- und Kunstbegriffs auf „kritische Reflexion“ und „Offenheit für neue Gesellschaftsentwürfe“ als verfassungswidrig, weil das verfassungswidrig wäre. Zuletzt wurde in der DDR ein derart politisierter Wissenschaftsbegriff gefordert, und dass er hier von einigen der führenden Kulturfunktionäre des Landes postuliert wird, muss jeden echten Wissenschaftler erschrecken.

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    Prima, Herr Posener. Besonders Ihre klare Ablehnung des Relativismus im Bereich der Wissenschaft gefällt mir gut. Ja: Die Wissenschaften sollen beschreiben, was ist. Egal wer sie betreibt und in welcher Gesellschaft sie betrieben werden. Und auch die Künste, sollte man ergänzen, müssen keine „kritische Reflexion der gesellschaftlichen Ordnungen“ leisten. Schon gar nicht ureigentlich. Das wäre eine Bevormundung der autonomen Kunst: Unfreiheit statt Freiheit. Was ist mit Kunstwerken, die sich ureigentlich mit der Gesellschaftsordnung überhaupt nicht beschäftigen? Z.B. Franz Schuberts Klaviersonanten, die er kurz vor seinem dramatisch frühen Tod komponiert hat. Sind die zweite Wahl, weil sie sich für die Gesellschaftsordnung und ihre kritische Reflexion nicht die Bohne interessieren? Nein, die gehören zu der größten Kunst, die je gemacht wurde und sich denken lässt.

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      Die gesamten Naturwissenschaften und die Mathematik haben i.d.R. überhaupt keinen Bezug zur gesellschaftlichen Ordnung, geschweige denn dass sie da irgendwas reflektieren würden. Wie auch die meisten Kunstwerke der Musik und der Malerei. Die Autoren jenes Plädoyes meinen vermutlich mit „Kunst und Wissenschaft“ bestimmte literarische und geisteswissenschaftliche Texte, also einen winzigen Ausschnitt aus allen Erzeugnissen der Kunst und Wissenschaft. Texte aus dem Bereich der Soziologie oder Politologie reflektieren sehr oft die gesellschaftliche Wirklichkeit. Das ist dann ihre „ureigenste Funktion“, aber nur, weil sie sich diese Funktion als „ureigenst“ selber gegeben haben. Und nicht jeder Text aus dieser engen Themengruppe reflektiert gleich viel und gleich stark.

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        Ja, und es wäre zumindest theoretisch denkbar, dass eine streng wissenschaftliche Ökonomie und Soziologie zum Ergebnis kämen, dass Eigentum, Leistung, Konkurrenz und so weiter ganz wichtig sind und dass die Familie die denkbar günstigste Form mikrogesellschaftlicher Ordnung ist. Kurzum, sie könnten sehr konservative Ergebnisse liefern, statt das Bestehende „kritisch zu reflektieren“ und für Neues offen zu sein. Nun halte ich weder Ökonomie noch Soziologie für wissenschaftlich im strengen Sinne, weil sich Menschen ändern können, aber es wäre jedenfalls vermessen und gefährlich, den Humanwissenschaften eine bestimmte Funktion jenseits der Beschreibung dessen, was ist, zuzuweisen.

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        @APo

        … mhm? … verstehe ich das jetzt richtig, Sie sprechen sich gegen eine ‚Diktatur des Relativismus‘, ein Begriff, mit dem Joseph Ratzinger 2005 die Zeitsignatur der Gegenwart kennzeichnete? Willkommen bei den Guten! 😉

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        Ich bestreite, dass es eine solche Diktatur gebe. Lesen Sie das entsprechende Kapitel meines Buchs über Joseph Ratzinger.

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