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Weihnachten macht Kinder glücklich. Alle Kinder?

Türkische Kinder zu Besuch beim damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (Foto: imago images / photothek)

Ein Gastbeitrag von Ertuğrul Uzun

Jedes Jahr zur Weihnachtszeit gibt es neben lauter fröhlichen Kindergesichtern viele geknickte Kinderseelen in Deutschland. Türkische Kinder, deren Familien Weihnachten nicht begehen, sind betrübt, dass sie an der weihnachtlichen Vorfreude nicht teil und keine Bescherung am Heiligabend haben. Ihre Eltern stellt das vor ein Dilemma. Eine alte türkische Tradition könnte helfen, eine Brücke zum deutschen Weihnachten zu schlagen, schreibt unser Gastautor, der Familienvater und Politikwissenschaftler Ertuğrul Uzun.

„Warum habe ich keinen Adventskalender“ beklagte sich unsere Tochter vor vier Wochen mit Tränen in den Augen. „Wir haben das mit dir besprochen. Wir feiern kein Weihnachten, dafür das Zucker- und das Opferfest“ entgegnete ich. „Geschenke bekommen du und dein Bruder zu Silvester. Warum bist du so aus dem Häuschen?“, fragte meine Frau.

„Heute hat Frau Richter in die Klasse gefragt, wer von uns am Sonntag ein Fenster in seinem Adventskalender geöffnet hat. Alle hatten die Hand oben, ich nicht. Die schauten mich an, als ob ich ein Alien wäre!“ schluchzte sie sodann. „Jeden Tag hält einer von uns Schülern einen Vortrag über Weihnachten. In drei Tagen bin ich dran. Was kann ich erzählen? Nicht einmal einen Weihnachtsbaum haben wir.“

Weihnachten als Dilemma für türkische Eltern

Weihnachten stellt uns türkische Eltern vor ein Dilemma. Die wenigsten von uns sind mit diesem christlichen Fest vertraut. Ich selbst lebe seit meinem neunten Lebensjahr in Berlin und habe seit Kindertagen deutsche Freunde. In über vierzig Jahren wurde ich jedoch kein einziges Mal zu einer Weihnachtsfeier in einer deutschen Familie eingeladen. Wie hätte ich da einen Bezug zu dieser Tradition entwickeln können?! Meine Eltern tischten jedes Jahr im Dezember ein festliches Mahl mit Gans, Rotkohl und Klößen auf. Das machen wir heute mit unseren Kindern genauso. Mehr Christmas ist bei uns aber nicht.

Was spräche dagegen, mir und meiner Familie eine Tanne ins Wohnzimmer zu stellen, wo ich doch so lange in Deutschland lebe und deutscher Staatsbürger bin, Berlin zu meiner Heimat geworden ist, ich mich mit dem freiheitlichen System der Bundesrepublik identifiziere, deutsche Literatur schätze und selten die „Tagesschau“ verpasse? Wären Adventskalender und Weihnachtsbaum nicht die Krönung einer gelungenen Integration? Mangels meines biographischen wie spirituellen Bezugs zu diesem Fest der Christenheit wäre das indes aufgesetzt. Ich käme mir albern vor, im Familienkreis „Stille Nacht, Heilige Nacht“ zu singen. Einen Weihnachtsbaum aufzustellen, ohne das Drumherum mit Christmesse und Weihnachtsliedern, erschiene mir sinnentleert.

Unser Alternativangebot „Wir feiern ja Zuckerfest“ hilft nicht viel

Gleichzeitig verstehe ich meine Tochter. Wir leben in einem Land, das Weihnachten vier Wochen lang zelebriert. Ich erinnere mich gut daran, dass es mich als Kind deprimierte, nicht Teil davon zu sein. Mit den Jahren wich mein Frust der Erleichterung darüber, dass ich nicht gestresst nach Präsenten hetzen musste. Weihnachten wurde für mich zu einer besinnlichen Zeit des Innehaltens, eben weil ich außen vor war. Eine Achtjährige ist nicht so weit, orientiert sich an ihren Altersgenossen. Und dass unser Alternativangebot „Wir feiern ja Zuckerfest“ letztlich eine Mogelpackung ist, spürt sie sehr wohl. Da eine Mehrheit der Menschen hierzulande die islamischen Feste nicht begeht, kommt namentlich beim „Zuckerfest“ keine Bayram-Stimmung wie in der Türkei auf. „Bayram“ ist die türkische Bezeichnung für Feiertage. Wir Eltern sind an solchen Festtagen bis 18 Uhr auf der Arbeit, eilen dann geschwind nach Hause oder in ein Restaurant, wo wir uns mit unseren Nächsten zum Bayram beglückwünschen. Mehr als ein Essen, das üppiger ausfällt als sonst, ist nicht drin. Für die Kinder ist das unmöglich eine Kompensation für das Nichtfeiern von Ostern und Weihnachten.

Türkische Kinder haben es schwer, wenn es hier für sie kein Pendant zu Weihnachten gibt

Ich hatte meine erste und zweite Sozialisation in der Türkei, erlebte wunderschöne Feste in der Großfamilie und erwarb eine robuste kulturelle Grundierung. Für Kinder, die hier geboren sind und aufwachsen, gilt das nicht. Wenn wir sie aus den Gepflogenheiten des deutschen Umfelds ausnehmen und ihnen im Gegenzug kein gleichwertiges Erlebnis bieten können, verstärkt das ihre selbst- und fremdwahrgenommene Andersartigkeit und mündet schlimmstenfalls in dem Gefühl, minderwertig zu sein.

Als unsere Tochter erzählte, dass alle 28 Schüler ihrer Klasse angehalten sind, über Weihnachten zu referieren, waren meine Frau und ich perplex. 28 Tage lang Weihnachten, nicht im Ethik-, sondern im Deutschunterricht? Wie sollen sich da ein moslemisches oder ein jüdisches Kind fühlen? Der Staat, die öffentlichen Schulen und deren Lehrkörper, sind zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet. Das impliziert Äquidistanz zu allen Bekenntnissen als auch zu Agnostikern und Atheisten. Idealerweise sind Religionen und ihre Feste kein Thema im Regelunterricht. Oder aber, es gibt didaktischen Pluralismus; die Bräuche aller Religionen und Konfessionen, die in Deutschland vertreten sind, werden vorgestellt.

Seit Jahren engagiere ich mich oppositionell gegen die AKP-Regierung in der Türkei, auch weil diese die weltanschauliche Neutralität des Staates aushöhlt. Nunmehr bin ich in Berlin damit konfrontiert, was für eine Ironie. Ich war drauf und daran, einen Brief an den Schulrektor und die Klassenlehrerin zu verfassen. Doch wäre es realistisch, in einem Land, in dem 88% der Bürger einen mehr oder weniger ausgeprägten Bezug zum christlichen Glauben haben, die Forderung aufzustellen, dass Weihnachten kein Thema des Schulunterrichts sein sollte, zumal es ja nicht bloß ein religiöses Fest ist, sondern gleichsam zur nationalen Kultur gehört?!

Aus der Not eine Tugend machen und zur Wintersonnenwende das „Nardugan-Fest“ feiern?

Meine Frau, die aus Russland stammt und zur dortigen Minorität der türkischen Tataren gehört, schlug vor, aus der Not eine Tugend zu machen: „Die Türkvölker der ehemaligen Sowjetunion feiern zur Wintersonnenwende Ende Dezember das Nardugan Fest. Wie zu Weihnachten wird eine Tanne geschmückt und einander beschenkt. Sie fragte unsere Tochter: „Was hältst du davon, deiner Klasse von dieser Tradition zu erzählen?“

Sie war fasziniert, ich nicht weniger. Wir machten uns dran, mehr über dieses Fest zu erfahren. Unsere Recherchen waren ergiebig.

Die Ursprünge des Nardugan Bayramı, das von den türkischen Völkerschaften Sibiriens und Zentralasiens noch heute begangen wird, reichen in die vorislamische Zeit. Im alten Glauben der Türken kämpfen der Tag und die Nacht miteinander. In der Nacht vom 21. zum 22. Dezember besiegt der Tag die Nacht. Die Kräfte des Guten obsiegen über die der Dunkelheit. Die Wintersonnenwende steht für den kosmischen Neubeginn. Nar ist Sonne bzw. Licht, dugan bedeutet Geburt, Nardugan Bayramı lässt sich als Sonnengeburtsfest übersetzen.

Gefeiert wird Nardugan unter einer Weißtanne in Dorfnähe. Sie wird geschmückt und nicht gefällt. Zu ihren Füßen werden Geschenke ausgelegt. Die Dorfgemeinschaft versammelt sich dort und die festlich gekleideten Bewohner essen, singen und tanzen zusammen. Warum dreht sich bei Nardugan alles um eine Tanne? Weil den vorislamischen Türken Bäume heilig waren. Sie glaubten, dass im Zentrum des Universums ein mächtiger Baum steht, der tief in der Erde wurzelt und bis zum siebten Himmel ragt. Dieser sogenannte Lebensbaum (hayat ağacı) erlaubte es den Menschen, mit Gott oder den Göttern (je nach Ort und Zeit gab es sowohl Monotheismus als auch Vielgötterei unter den Türken) zu kommunizieren. Die Nardugan-Tanne steht symbolisch für den Lebensbaum. Die Dorfbewohner bringen Streifen aus Stoff oder Papier an ihre Zweige an, mit denen sie der göttlichen Macht ihre Wünsche für das neue Jahr übermitteln.

Das Nardugan Fest ist viele tausend Jahre alt. Die krimtatarische Historikerin Muazzez İlmiye Çığ vertritt die These, dass der Brauch des Baumschmückens mit den Hunnen aus Asien nach Europa kam und germanische Stämme, die unter hunnischer Hegemonie lebten, ihn von den Hunnen übernommen haben.

Sogar eine mit Santa Claus vergleichbare Figur kennt die türkische Welt. Was dem Westen der Weihnachtsmann, ist den zentralasiatischen Türken Ayaz Ata. Ayaz heißt Frost, Ata ist Vater. Analog zum Weihnachtsmann, erfüllt Väterchen Frost den Kindern ihre Wünsche. Ayaz Ata wird von seiner Enkelin Kar Kızı (Schneeprinzessin) begleitet.

Geschmückte Bäume und eine „Schneeprinzessin“ beim „Nardugan“-Fest

Nardugan und Ayaz Ata sind den tatarischen, aserbaidschanischen, tschuwaschischen, kasachischen, baschkordischen, yakutischen Türken wohl vertraut. In Anatolien sieht es anders aus. Von Chronisten ist überliefert, dass noch im 17. Jahrhundert bei Festivitäten am osmanischen Hof geschmückte Bäume aufgestellt wurden. Mit der Zeit geriet dieser Brauch in Vergessenheit, so wie auch das Frühjahrsfest Nevruz, das überall in der türkischen Welt begangen wird, nicht aber von den anatolischen Türken. Gleichwohl ist in Anatolien der Lebensbaum ein beliebtes Motiv auf Teppichen und Keramiken. Das Befestigen von Stoffstreifen an Bäumen und Gräbern verehrter Persönlichkeiten ist bis heute verbreitet. Hunderte solcher Wunschzettel finden sich am Grab von Mutter Maria in Selçuk, einem Marienheiligentum, angebracht von christlichen und moslemischen Türken.

Unsere Tochter hat ihrer Klasse ein Referat über Nardugan und Ayaz Ata gehalten. Es tat ihr sichtlich gut, dass sie über türkische Traditionen mit Parallelen zu Weihnachten berichten konnte. Im Anschluss erklärte ihre Klassenlehrerin den Kindern, dass in Deutschland Menschen leben, die andere aber nicht weniger kostbare Traditionen haben.

„Nardugan“ als eine Möglichkeit der Einbeziehung türkischer Kinder zu Weihnachten

Wir werden auch künftig bei uns Zuhause keinen Adventskalender einführen und am Heiligabend nicht „Stille Nacht, Heilige Nacht“ singen. Wir erwägen aber, im nächsten Jahr als Familie an das Erbe des Nardugan Fests anzuknüpfen. Die Rückbesinnung auf diese Tradition bietet einen charmanten Weg, eine Brücke zum deutschen Weihnachten zu schlagen, ohne fremde Bräuche nachzuahmen, was für viele Türken einer kulturellen Selbstaufgabe gleichkäme. Es wäre sinnvoll, den Kindergärten und Schulen die Behandlung dieses Themas nahezulegen. Das böte den Pädagogen eine Handhabe zur Einbeziehung der türkischen Kinder in der Weihnachtszeit. Unabhängig davon, sollten im Sinne eines didaktischen Pluralismus auch die islamischen, jüdischen und buddhistischen Feste vermehrt im Schulunterricht thematisiert werden. Schließlich kommt es darauf an, dass Miteinander und das Wir in unserem Land zu stärken. Same but different.

Der Berliner Ertuğrul Uzun hat Volkswirtschaft und Politikwissenschaften an der FU Berlin und Internationale Beziehungen an The American University in Washington, D.C. studiert und hiernach Führungspositionen in türkischen Verbänden und deutschen Unternehmen  bekleidet.

Der Vater zweier Kinder arbeitet als Berater für strategische Kommunikation und engagiert sich oppositionell in der türkischen Politik. Er wurde 1967 in der Türkei geboren, lebt seit 1976 in Deutschland und ist Doppelstaatsbürger.

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10 Gedanken zu “Weihnachten macht Kinder glücklich. Alle Kinder?;”

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    Antwort an „Derblondehans“

    Bitte lesen Sie folgende Urteilsbegründung des Bundesverfassungsgerichts durch. Selbstverständlich ist der Staat zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet (im Rahmen der Werte, die dem Grundgesetz zugrunde liegen):

    Aus der Webseite des höchsten Gerichts:

    „Kopftuchverbot für Rechtsreferendarinnen verfassungsgemäß
    Pressemitteilung Nr. 13/2020 vom 27. Februar 2020

    Beschluss vom 14. Januar 2020
    2 BvR 1333/17

    Mit heute veröffentlichtem Beschluss hat der Zweite Senat die Verfassungsbeschwerde einer hessischen Rechtsreferendarin gegen das Verbot, bei bestimmten dienstlichen Tätigkeiten ein Kopftuch zu tragen, zurückgewiesen. Danach ist die Entscheidung des Gesetzgebers für eine Pflicht, sich im Rechtsreferendariat in weltanschaulich-religiöser Hinsicht neutral zu verhalten, aus verfassungsrechtlicher Sicht zu respektieren. Zwar stellt diese Pflicht einen Eingriff in die Glaubensfreiheit und weitere Grundrechte der Beschwerdeführerin dar. Dieser ist aber gerechtfertigt. Als rechtfertigende Verfassungsgüter kommen die Grundsätze der weltanschaulich-religiösen Neutralität des Staates und der Funktionsfähigkeit der Rechtspflege sowie die negative Religionsfreiheit Dritter in Betracht. Hier kommt keiner der kollidierenden Rechtspositionen ein derart überwiegendes Gewicht zu, das dazu zwänge, der Beschwerdeführerin das Tragen religiöser Symbole im Gerichtssaal zu verbieten oder zu erlauben.“

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    Ein toller Beitrag. Die Debatte um den Weihnachtsbaum in diesem Jahr, brachte unter den Türken das Nardugan Fest ins Blickfeld und ich denke, es ist gut so. Endlich haben die Tausenden Türken in der Türkei jetzt eine Erklärung, wenn sie gefragt werden, warum sie als Muslime einen Weihnachtsbaum aufstellen. Es ist ein Narduganbaum. Dieses soll das Aufstellen der Bäume in der Öffentlichkeit in der Türkei verboten gewesen sein. Frohes Neues!

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    … Prosit Neujahr, werter Ertuğrul Uzun. Im alten Jahr ist ein Beitrag/Kommentar oder eine ‚Starke Meinung‘, wie auch immer, von mir ins Nirwana verschwunden. DAHER! – noch einmal; Sie hätten gar nicht so lange suchen müssen, schließlich stammt der heil. Nikolaus aus Ihrer 1.n Heimat; er wurde zwischen 280 und 286 in Patara in der heutigen Türkei geboren. Ein Landsmann von Ihnen also. Das wollen Sie Ihren Kindern doch bestimmt noch erzählen. Oder?

    … aaaber, Sie haben sich halt für das heidnische Julfest, so ähnlich jedenfalls, entschieden. Nun ja, das kommt bei den Sozialisten, lechts wie rinks, gut an.

    … und ahem, dass Staat und öffentliche Schulen zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet sind, kann ich, wenn es nach dem GG geht, nicht erkennen.

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    Lieber Herr Uzun, vielen Dank für den Beitrag, Es ist nicht nur Schwierig mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft darüber zu sprechen, auch unter Migranten artet eine Unterhaltung über diese Themen regelmäßig in Schlammschlachten aus, die einen konstruktiven Austausch recht schwer machen. Ich glaube nicht, dass es eine Lösung gibt, die Standpunkte sind sehr von persönlichen Erfahrungen geprägt. Tatsächlich muss da jeder seinen eigenen Weg finden. Ich bin Jahrgang 72, seit 81 fest in Deutschland, zwei Töchter, aus Jugoslawien, heute Serbien.
    Ich gehe einen anderen Weg. Jugoslawe/ Serbe bin ich, meine Kinder sind Deutsche. Sie sprechen nur Deutsch und ich habe nur die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie sind mit deutschem Fernsehen aufgewachsen, wir feiern nur die Deutschen Feiertage (an den Zeitversetzten serbisch orthodoxen Feiertagen trinke ich einen Schnaps und gratuliere meiner Familie). Sollte ich Enkel haben, werden die serbische Wurzel die komischen Geschichten von Opa sein. Eine Generation später wird es vielleicht ganz vergessen sein. Ich gehe den Weg der Assimilation. Ich bin da nicht der Einzige. Ich habe türkische Freunde, die den gleichen Weg gehen. Aus unseren migrantischen Gemeinschaften sind wir ausgestiegen und werden als Onkel Toms verspottet. Wenn meine Kinder Weinachten am 24. Feiern wollen, am liebsten McDonalds essen, deutsche Kinderlider singen und exakt den gleichen Alltag wie andere Kinder leben, habe ich keine Lust, ihnen meine Identitätsprobleme zu vererben und ihnen einzureden, sie seien different, wenn sie eigentlich gar nicht sind. Wenn das Serben und Türkentum so toll wäre, wären wir nicht hier. Ich bin nicht der Kulturbotschafter einer Nation, weder der deutschen noch der serbischen. Die Dinge entwickeln sich bei jedem anders und ich glaube nicht, dass Konstruktionen von migrantischen Identitäten (same, but different) bei mir authentisch wären. Ich bin different, auch gegenüber meinen Kindern. Das ist manchmal, gerade an Feiertagen (wenn ich weiß, dass meine Familie weit weg nun zusammen ist und ich hier alleine bin) schwer auszuhalten, ist aber so. Und das muss ich aushalten, nicht sie. Ich habe mich entschieden, hier zu leben, nicht sie, sie tun es einfach. Es ist mein Feiertag, nicht ihrer.
    Ich möchte nochmal betonen, dass ist der Weg, den ich gehe. Es gibt kein richtig oder falsch und per Dekret funktioniert so etwas gar nicht. Leider gibt es wenige Gelegenheiten, unter Migranten eine offene Diskussion zu führen, man arbeitet sich zu gerne an Teilen der Biodeutschen/der eigenen Peergroup ab und spricht eigentlich viel zu wenig über das eigene Empfinden. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie, dass Ihr Weg sie zu einem guten Leben führt. Denn darum geht es doch eigentlich.

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    Was ich noch immer nicht verstanden habe: Ihre Kinder wünschen sich doch einen Adventskalender. Warum kaufen Sie ihnen keinen (oder basteln selber)? Ich verstehe, dass Sie die Traditionen Ihrer eigenen Kindheit irgendwie bewahren wollen. Aber erstens geht es hier nicht um Ihre Kindheit, sondern um die Ihrer Kinder, und zweitens nehmen Ihre Traditionen durch einen Adventskalender keinen Schaden. (Wenn Sie möchten, können Sie ja hinter dem einen oder anderen Türchen einen unvermuteten traditionell-islamischen Inhalt hineinmogeln). Jedenfalls freuen sich Ihre Kinder über einen Adventskalender und deshalb sollten Sie ihnen einen hinstellen. Die Traditionen sind gegenüber dieser Freude, die Sie Ihren Kindern bereiten, sekundär.
    Was mich betrifft: Ich bin aus der christlichen Kirche ausgetreten, aber biete den Kindern das volle Programm: Adventskalender, Weihnachtsbaum, darunter liegen viele Geschenke, ein ordentlicher Festschmaus, viele Süßigkeiten und Kekse. Nur in die Kirche geht es normalerweise nicht, aber nicht, weil ich dazu zu zimperlich bin, sondern weil es die Kinder auch nicht mögen und wir lieber das Fest feiern. Wobei ich das in normalen Zeiten eigentlich ändern will, der Musik zuliebe.

  6. avatar

    Eine wunderbare Idee die beiden Feste und somit die Kinder auch in dieser Zeit zusammen zu bringen und eine emotionale, Horizonterweiternde Geschichte mit einem Happy end.

    Übrigens, ich weiss nicht, ob ich mit acht Jahren so ein Thema hätte referiert können, was für ein tolles Mädchen. <3

  7. avatar

    Exzellent geschrieben. Gemeinsamkeiten finden und herausarbeiten, Eigenarten bewahren und in der neuen Heimat neu definieren. Ergibt Sinn für mich.

  8. avatar

    Ich finde, dass Herr Uzun, hier einen Beitrag leistet, der ohne die üblichen Scheuklappen und Aufgeregtheiten im innerdeutschen deutsch-türkischen Verhältnis wie auch im inneren Verhältnis der deutsch-türkischen Community diskutiert werden sollte.

    Als in Deutschland geborener eingebürgerter Deutsch-Türke habe ich Weihnachten in Kindheit und im Erwachsenenalter genauso erlebt wie Herr Uzun. Ich habe auch Kinder großgezogen. Als inzwischen etablierter Einheimischer habe ich mit ihnen die gleichen Situationen erlebt, wie Herr Uzun mit seiner Tochter.

    Daher finde ich, dass man den Artikel in Ruhe lesen und sich dabei vor folgenden Reflexen hüten sollte:

    1) Ihn von deutscher Seite als typisch migrantische Weinerlichkeit abzutun.
    2) Ihn von deutscher Seite als typisch deutsch-türkische Unentschiedenheit einzuordnen.
    3) Ihn von deutscher Seite als weitere deutsch-türkische Zumutung und Angriff auf deutsche Beschaulichkeit zu begreifen.
    4) Ihn von türkischer Seite als Forderung, also mehr als einen persönlichen Vorschlag, für die deutsch-türkische Community zu begreifen.
    5) Ihn von türkischer Seite gar als einen neuen, raffinierten, böswilligen assimilatorischen Versuch eines abtrünnigen Deutsch-Türken im Auftrage der Mehrheitsgesellschaft hinzustellen.

    Der Artikel wendet sich m. E. besonders an zwei Gruppen:

    Erster Adressat sind die türkischstämmigen Eltern. Die Botschaft lautet hier: Inzwischen sind wir in dritter Generation mit unserem Latein am Ende. Egal ob wir eher laizistisch oder konservativ-muslimisch geprägt sind, die üblichen Tricks wie deutsch-türkische Kinder zu Weihnachten beschwichtigt wurden, ziehen nicht mehr. Wir können Ostern und Weihnachten für unsere Familien nicht einfach ausblenden. Wir müssen akzeptieren, dass in Deutschland zu Ostern und Weihnachten christliche Traditionen das Erleben unserer Kinder und ihres Umfelds dominieren. Wir müssen unseren Kindern bessere Lösungen präsentieren, solche die ihr Zugehörigkeits- und Selbstwertgefühl stärken.

    Zweiter Adressat ist die deutsche Öffentlichkeit, vor allem die Lehrerschaft: Hier lautet die Botschaft. Als laizistische Türken haben wir uns jahrzehntelang dagegen gestemmt, dass die christliche Religion auch im öffentlich-gemeinschaftlichen Leben Deutschlands einen zu breiten Platz, breiter jedenfalls als in Frankreich, einnimmt. Als konservativ-muslimische Türken hingegen haben wir uns jahrzehntelang vornehmlich dagegen verwahrt, dass unsere Kinder christliche Denkweisen und Bräuche verinnerlichen.
    Dabei haben wir uns zugegebenermaßen eingeigelt, was dem Austausch mit der Mehrheitsgesellschaft entgegenstand. Wir akzeptieren endlich, dass das Christliche und Weihnachtliche zu Weihnachten allumfassend wird, auch wenn wir in einem säkularen Land leben. Doch dann schärft Eure Sinne und akzeptiert unsere Differenzen in Religion und Brauchtum, während (!) wir mitmachen. Gewährt und ermöglicht uns die Nischen dafür.

    Alles in allem, endlich wieder mal ein konstruktiver und differenzierter Beitrag, der ebenso differenziert und konstruktiv aufgenommen werden sollte.

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      Mir gefällt der Artikel auch. Als deutscher Konservativer sehe ich die religiös begründeten Bräuche und Kulturen positiv. Folgerichtig kann ich von niemandem erwarten, dass er sie aufgibt. Als deutscher Liberaler oder Libertärer sehe ich die religiös begründeten Bräuche und Kulturen als Privatsache. Auch hier kann ich folgerichtig von niemandem erwarten, dass er sie aufgibt. Ich halte ‚konservativ‘ und ‚liberal‘ für bürgerliche Einstellungen. Die Forderung nach einer deutschen Leitkultur wären demnach antibürgerlich. Natürlich ist Weihnachten allein schon wegen Adventskalender und Geschenken für Kinder weltweit attraktiv. Warum auch nicht..?

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    Ein lesenswerter Artikel, der nachdenklich stimmen sollte, auch im Hinblick darauf, aus welchen Gründen ein jeder von uns überhaupt Weihnachten feiert.

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