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Wer ist Freund, wer Feind?

“Und was ist, wenn hier Arschlöcher gegen Arschlöcher kämpfen?” Eine ungeheuerliche Frage. Unangemessen formuliert, für den Stammtisch geeicht. Ich habe sie noch im Ohr aus einem spontanen Kommentar zum Bürgerkrieg in Syrien. Sie fällt mir wieder ein, als ich auf Facebook die glühenden Verehrungen der Revolte in der Ukraine lese. Eine Volk erwacht zur Freiheit, wirft die Sowjetketten ab, will nach Europa, lerne ich. Mir gefällt die Tonlage trotzdem nicht.

Wenn ich am demokratischen Wesen der ukrainischen Revolte zweifle, bin ich dann ein Russenknecht? Natürlich ist Putin ein russischer Machtpolitiker mit imperialistischen Ambitionen. Das Schröder-Wort vom lupenreinen Demokraten ist  bestenfalls dumm, vielleicht sogar verbrecherisch. Aber mir gefällt auch die andere Seite nicht. Neben den Preisboxern und der Zopftrulla stehen in Kiew Faschisten als Regierungspartei auf dem Podium. Ich kann das nicht übersehen. 

 

 

In der Physik gibt es Lehrsätze. Ganz besonders wichtige Lehrsätze heißen Hauptsätze. Ich erinnere mich an den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, zum Beispiel. Mein Opa Heini war der Meinung, dass es solche Hauptsätze auch in der Geschichte gibt. Er zitierte gerne: “Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.” Damit begründete er seine Nichteinmischung in Konflikte. Das war unpolitisch und nicht differenziert, weil das Pack die roten und die braunen Schläger waren, die er in einen Topf warf. Weimarer Verhältnisse.

 

Das Wesen der Politik, hat ein deutscher Staatsrechtler gesagt, sei eine Freund-Feind-Beziehung. Da ist was dran, vielleicht taugt es sogar zum Zweiten Hauptsatz der Historie. Mein Opa Heini kannte sogar noch Erbfeinde. Für ihn war das der Franzmann. Für andere seiner Zeit waren es die Juden, die zur Feindschaft und dann zur Vernichtung anstanden. Wenn Feindschaft bedeutet, dass das Recht entsteht, dem anderen den Schädel einzuschlagen, vielleicht sogar die Pflicht, würde ich um einen Moment des Zögerns bitten.

 

Gegner sind Feinde, die sich nicht vernichten, sondern nur besiegen wollen. Wenn in der Ukraine zwei Gegner aufeinander treffen, so kann man Partei nehmen und eine Meinung haben, wer denn gewinnen sollte. Oder es lassen. Und nachdenken, was bei einem Unentschieden zu tun ist. Vor allem aber muss man dann mit keinem von beiden Gutfreund sein. Der größte zivilisatorische Fortschritt bestünde darin, dass aus Feinden Gegner werden. Und ich mit niemanden von diesen befreundet sein muss.

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10 Gedanken zu “Wer ist Freund, wer Feind?;”

  1. avatar

    Wenn man in der Geschichte “Hauptsätze” bilden könnte, aus denen sich, wie in den Naturwissenschaften, präzise Voraussagen ableiten ließen — ja, dann hätten wir ein leichtes Leben. Aber es gibt eben keine solchen Sätze, sondern nur Behauptungen, die so allgemein sind, dass sie immer stimmen: “Pack schlägt sich, Pack verträgt sich” oder “Das Wesen der Politik ist … “. Man nennt sie Platitüden.

  2. avatar

    “Gegner sind Feinde, die sich nicht vernichten, sondern nur besiegen wollen.”

    Keine Idee könnte dem Denkapparat im Kreml fremder sein.

    Das bedeutet nicht, dass der Kreml nicht auch manchmal Recht hat – es bedeutet nur uns viel mehr als ihnen.

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    @68er

    Ja, das ist alles richtig.

    Die Grenzen sind Grenzen, die der KPdSU passten. Wäre Korruption ein Grund für eine Absetzung, hätten wir Maidan in der halben EU. Sind Staaten erstmal frei, können selbst entscheiden, ob sie in die NATO wollen oder nicht und irgendwie wollen wohl alle, die NATO Zusagen sind also nichts wert. Die Opposition entspricht nicht unseren Vorstellungen. Auf jede russische Sauerei kommt mindestens eine amerikanische, Janukowitsch wurde geputscht. Recht haben – 10 von 10 Punkten an Russland. Irgendwie sind, von mir aus, alle gleich. Moralin können wir uns sparen.

    Aber was jetzt?

    Russland hat keine Wiener Konferenz einberufen, hat auch keinen konstruktiven Vorschlag gemacht – die Gespräche über Recht und Gerechtigkeit sind reine Selbstgespräche, die wir mit unserem Gewissen führen (mir fällt auf, dass es von der einen und der anderen Seite sehen, ein sehr westliches Phänomen ist). Was bleibt, sind Fakten, die mit tausenden Soldaten geschaffen werden. Und das ist der Punkt, der dann doch etwas stutzig macht: Ist es wirklich das gleiche, Gesprächskreise der Konrad Adenauer Stiftung mit Dissidenten und die Anlandung von Fallschirmjägern?
    Ja, haben die Amerikaner auch gemacht, die Briten, die Franzosen, die Römer, selbst die Karthager. Gibt es irgendwo eine einsehbare Rechnung, wie viele Eimärsche die Russen noch gut haben? Wem das Argument albern vorkommt, sollte sich die Argumentation Putins noch mal genauer ansehen.

    Die Pointe ist klar: Putin kommt nicht, um den Rechtsstaat in der Ukraine zu retten, er kommt, um seine Grenzen zu erweitern. Das Argument: Ihr seid nicht besser.
    Die Antwort kann nur heißen: Nein, wir sind nicht besser, aber wir sind stärker. Denn am Ende des Tages, geht es nur darum.

  4. avatar

    Lieber 68er, es geht nicht um ein “NATO-Machtstreben”. Angesichts der Existenz russischsprachiger Minderheiten in den baltischen Staaten kann man sich vorstellen, was dort los wäre, wenn diese Länder nicht Mitglieder der NATO wären. Man muss nur nach Georgien schauen. Georgien will seit 2005 Mitglied werden (der Antrag wird von über 75 Prozent der Bevölkerung unterstützt). NATO hat Georgien bis jetzt zurückgewiesen, und das Ergebnis sieht man ja: Abchasien und Süd-Ossetien sind von Russland besetzt. Die Ukraine war zeitweilig Kandidat für eine NATO-Mitgliedschaft. Vermutlich tut es vielen Ukrainern inzwischen Leid, dass es dazu nicht gekommen ist.

  5. avatar

    “…ob ein großes Land ein kleineres Nachbarland filetieren darf, bloß weil das Nachbarland unbotmäßig ist?”

    Letztlich sind sowohl Rußland als auch die Ukraine aus der ehemaligen UdSSR filetiert worden. Wenn sich damals Rußland das Filet Krim einverleibt hätte würde das heute keinen interessieren, es hätte schon damals niemanden interessiert. Die innersowietischen Grenzen wurden doch eh von Stalin und Konsorten nach Gutdünken gezogen und verschoben.
    Also, wozu die Aufregung ?

  6. avatar

    @ Alan Posener

    Sicherlich darf ein großes Land ein kleineres Nachbarland nicht einfach so filetieren. Ein großes Land darf aber auch nicht mit gefakten Argumenten einfach so, ein kleineres Land in Grund und Boden bombardieren.

    Aber wenn Sie ehrlich sind, würden Sie, wenn Sie im Kreml als Analyst arbeiten würden, nicht viel anders argumentieren, als Putin, wenn Sie sich diese Animation anschauen:

    http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Map_of_NATO_chronological.gif

    Und das ist ja noch nicht das Ende des NATO-Machtstrebens. Das ehemalige Jugoslawien ist weitgehend beigetreten und auch Serbien steht auf der Liste. Georgien und die Ukraine.

    http://www.dw.de/vier-kandidaten-für-den-nato-beitritt/a-16397176

    Schweden und Finnland suchen die Nato-Nähe…

  7. avatar

    Lieber Klaus Kocks, könnte es sein, dass es gar nicht darum geht, ob Ihnen oder mir ein Ex-Boxer oder eine “Zopftrulla” sympathisch sind? Sondern darum, ob ein großes Land ein kleineres Nachbarland filetieren darf, bloß weil das Nachbarland unbotmäßig ist?

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