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Ein Pfarrer fälscht die Geschichte

Stefan Hartmann ist Pfarrer in Bamberg und – obwohl er es anscheinend anders sieht – keine besonders wichtige Persönlichkeit innerhalb der katholischen Kirche.

Wenn ich dennoch auf eine seiner zahlreichen Veröffentlichungen eingehe, so deshalb, weil sie mir typisch scheint für eine Gedankenfigur, mit der insbesondere die theologischen Anhänger Joseph Ratzingers  die katholische Kirche von aller Mitschuld am Holocaust reinwaschen, ja die Kirche selbst zum potenziellen Opfer des Holocaust stilisieren, so wie es Ratzinger selbst bei seiner skandalösen Rede in Auschwitz getan hat:

http://www.welt.de/die-welt/debatte/article4509479/Ein-Versuch-aus-Taetern-Opfer-zu-machen.html

Die von Ratzinger vorgegebene Linie – sucht den Span im Auge der anderen, überseht den Balken im eigenen Auge – führt Hartmann aus in einer Veröffentlichung, die verlogenerweise behauptet, eine „Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung“ zu sein. In Wirklichkeit werden die Opfer des Holocausts von Hartmann als ideologische Manövriermasse missbraucht. Hier ist der Artikel:

 

http://freiburger-rundbrief.de/de/?item=1177

 

Die entscheidende Behauptung lautet: „Nicht bloß antisemitisch als religiös-völkische Minderheit, sondern als ‚Gottes erste Liebe’ (Friedrich Heer) und als Träger des Anspruchs auf Recht und Gerechtigkeit im Erbe des Sinai-Bundes sind Juden durch die Nationalsozialisten und ihre Helfer verfolgt und ermordet worden. Auch Gesetz (nomos) und Gewissen (für Hitler eine „jüdische Erfindung“) mussten gleichsam ‚getötet’ werden.“

Nun besteht ein großer Unterschied zwischen dem Vorhaben, Gesetz und Gewissen „gleichsam“ zu töten, und dem tatsächlichen Töten von Männern, Frauen und Kindern. Fraglos hatten die Nationalsozialisten eine andere Auffassung von Moral als Juden und Christen – jedenfalls als die meisten Juden und die meisten Christen, oder vielleicht sollten wir sagen. als Judentum und Christentum. Jedoch zeigten die Erfolge des Regimes bei der Abrichtung seiner Untertanen zu allerlei Unmenschlichkeit, dass sie die Vorstellung universeller Menschenwürde und universell geltender Menschenrechte bei den christlichen Deutschen durch Zwang, Erziehung, Bestechung, Begeisterung, Abstumpfung und Einschüchterung  „gleichsam töten“ konnten, ohne zur biologischen Ausrottung einer ganzen Rasse zu schreiten.

Umgekehrt nämlich wird ein Schuh daraus: Weil es den Nazis zwischen 1933 und 1939 gelang, den Anspruch der Juden auf Recht und Gerechtigkeit „gleichsam zu töten“, konnten sie die Juden in der zeit zwischen 1939 und 1945 tatsächlich töten.

Für die Behauptung, die Juden hätten als „Träger des Anspruchs auf Recht und Gerechtigkeit“ ausgelöscht werden müssen, gibt es aus dem Munde der Ideologen des Regimes keinen einzigen Beleg, weshalb solche Ideologen von Pfarrer Hartmann ebenso wenig zitiert werden wie von Papst Benedikt. (Im Übrigen ist die Vorstellung, es gäbe für Ideen gleich welcher Art ein „Trägervolk“, Biologismus, also dummes Zeug.)  Hingegen gibt es Tausende und Abertausende Äußerungen von NS-Funktionären aller Ebenen, die den Krieg gegen die Juden mit dem Vorwurf begründen, die Juden seien „Trägervolk“ der Zersetzung des Ariertums durch Kommunismus und Kapitalismus. Schon in seiner ersten überlieferten schriftlichen Einlassung zum Thema Antisemitismus, einem Brief vom 16. September 1919, betont Hitler, dass das Judentum keine Religion, sondern eine Rasse sei, die „systematisch entfernt“ werden müsse.

Warum haben die Nazis denn die Zigeuner auslöschen wollen? Waren sie, wenn nicht „Gottes erste Liebe“ dann seine zweite? Warum sollte die slawische Bevölkerung durch Mord reduziert und anschließend versklavt werden? Vielleicht weil die Polen „Trägervolk“ eines besonders frömmelnden Katholizismus waren? (Übrigens ist das Schweigen des Vatikans zum Völkermord der Deutschen an den Polen beinahe empörender als das Schweigen zum Völkermord an den Juden und wäre allein schon Grund genug, die Seligsprechung Pius XII. abzulehnen.) Der Holocaust war nur ein – allerdings der zentrale – Bestandteil des „welteugenischen“ Rassenprogramms der Nazis. Die Konstruktion des Kriegs gegen die Juden als „Angriff auf den Sinai-Bund“ – „jenen großen Moralkodex,  der in Stein gehauene Bilder und das Begehren von Haustieren verbietet, aber einen Freibrief für Sklaverei, Folter, Verstümmelung und Völkermord ausstellt“, wie Steven Pinker in seinem neuen Buch „Gewalt“ (S.32) schreibt – ist absurd. Schlimmer noch, er unterstellt, der Holocaust sei eigentlich nur ein Vorspiel gewesen. Denn viel wichtiger als die Juden als „Träger des Anspruchs auf Recht und Gerechtigkeit“ und darum viel gefährlicher für das Regime müssten nach diesem Verständnis doch deren Erben als Volk Gottes sein, die Christen. Dass sie es nicht waren, ist der Skandal.

„Wie war eine solche Entwicklung im Abendland und speziell in Deutschland möglich?“ fragt Hartmann. Nun, darauf hat etwa Götz Aly in seinem neuesten Buch einige Antworten gegeben. Auch Raphael Gross hat eine interessante Untersuchung zur Moral der Nazis vorgelegt. Es gibt die Bücher von Christopher Browning und Daniel Goldhagen – von Goldhagen übrigens nicht nur das Buch über die ganz gewöhnlichen „willigen Vollstrecker“ Hitlers, sondern auch ein lesenswertes Buch über die Rolle der katholischen Kirche. Hartmann aber schreibt: „Bei der Suche nach Ursachen fällt der Blick auf den frühchristlichen Häretiker Marcion (ca. 85–160, in Pontus an der Nordküste Kleinasiens), das ‚deutsche’ Ereignis der Reformation – und nicht zuletzt auf den mit der Aufklärung einsetzenden öffentlichen Atheismus, der sich zunächst noch als ‚Deismus’ gab.“ Der Blick „fällt“ also auf alles Mögliche, nur nicht auf die Rolle der eigenen Kirche.

Nehmen wir uns aber Marcion vor, obwohl er als Häretiker ja keinen Einfluss auf die Kirche nehmen konnte und darum kaum für ein Massenphänomen innerhalb der christlichen Gesellschaft wie den Nationalsozialismus verantwortlich gemacht werden kann. Nun pflegte Marcion gewiss einen Antijudaismus, weil er das Alte Testament als barbarisch empfand. Er war der Ansicht, der Gott des Neuen Testaments sei ein anderer als jener des Alten. Marcion hätte vermutlich Pinkers ironische Bemerkung über den „Sinai-Bund“ goutiert. (Freilich argumentieren Christen kaum anders als Marcion, wenn man sie darauf hinweist, dass gemäß dem Willen Gottes, wie er im Alten Testament dargelegt ist, Homosexualität, Ehebruch, Coitus Interruptus, das Sammeln von Reisig am Sabbat und ähnlich schwerwiegende Verbrechen mit dem Tod zu bestrafen sind. Dann heißt es, der „alttestamentarische“ Gott der Rache – und der Juden – sei durch den Gott des Neuen Bunds überwunden.)

Gegen Marcion aber ausgerechnet Irenäus anzuführen, kann nur einer, der glaubt, seine Leser hinters Licht führen zu können, und der das auch will. Denn Irenäus war der Ansicht, die Juden hätten als Volk der Gottesmörder alle Verfolgungen, die sie erlitten, selbst zu verantworten, ja ihr Elend sei bis ans Ende der Zeiten – wo sie nach christlichem Verständnis Jesus von Nazareth als Messias anerkennen werden – von Gott gewollt, als Beweis dafür, was mit einem Volk geschehe, das halsstarrig Gottes Angebot der Erlösung von sich weist, und als abschreckendes Beispiel für die anderen Völker. (Wer das im Einzelnen nachlesen will, sei auf Sebastian Moll, „Die christliche Eroberung des Alten Testaments“ verwiesen.) Hier, und nicht in Marcions verworfener und lange vergessener Lehre, liegt die Ursache des christlichen (und übrigens auch des islamischen) Antisemitismus.

Was nun den deutschen Protestantismus angeht, so bin ich der Letzte, der die verhängnisvolle Rolle des mörderischen Judenfeinds Martin Luther bei der Entwicklung des spezifisch deutschen Antisemitismus leugnen wollte; aber man sollte darauf hinweisen, dass gerade dieser Antisemitismus nicht Gegenstand irgendeines Konflikts war zwischen dem Reformator und Rom. Wie sollte er auch? Hatte doch Luthers Lehrer Augustinus, der auch Benedikt XVI. als Lehrer und, wie er selbst sagt, „Zeitgenossen“ empfindet, eine Schrift gegen die Juden („Tractatus adversus Iudaeos“ verfasst, in der er sie als „Mörder, aufgerührter Schmutz, triefäugige Schar, Wahnsinnige und Wölfe“ beschreibt, und selbstverständlich die Mär vom „Volk der Gottesmörder“ wiederholt. (Zu Augustinus siehe Rolf Bergmeier, „Schatten über Europa. Der Untergang der antiken Kultur“, S. 97ff.).

Es ist diese Kollektivschuldthese, die Umkehrung des „auserwählten“ in das „ausgestoßene“ Volk, Gemeingut aller Christen bis in die jüngste Zeit, die das tief sitzende religiöse und emotionale Fundament legt für spätere rassistische und pseudowissenschaftliche Rationalisierungen des Judenhasses. Und es ist kein Zufall, dass Benedikt und seine Getreuen gerade jetzt davon ablenken wollen. Betreibt doch der deutsche Papst die Annäherung an die Pius-Bruderschaft, die nicht nur die Revidierung der Kollektivschuldthese durch das Zweite Vatikanische Konzil ablehnt, sondern deren führende Vertreter bis heute die Juden als Gottesmörder bezeichnen. So zuletzt vor wenigen Tagen der Holocaustleugner Bischof Richard Williamson, der daran festhält, die Juden seien an die Rolle gebunden, „bis ans Ende der Zeiten Feinde des wahren Messias“ zu sein.

http://eleisonkommentar.blogspot.com/

Statt aber die Rolle der eigenen Kirche in der Geschichte, des eigenen Papstes in der Gegenwart kritisch in den Blick zu nehmen, schießt Hartmann gegen die Aufklärung und gegen die jüdischen Autoren Franz Kafka, Hans Jonas und Elie Wiesel.

Der Missbrauch von Theodor Adornos „Dialektik der Aufklärung“ durch die Feinde der Aufklärung wäre ein eigener Essay wert; hier sei nur angemerkt, dass der Nationalsozialismus gerade nicht in jenen Ländern entstand und an die Macht kam, in denen die Aufklärung tiefe Wurzeln geschlagen hatte – in Großbritannien und den USA, in Frankreich und Skandinavien, sondern in jenem Land, in dem die Aufklärung durch die Romantik weitgehend erstickt wurde: in Deutschland. Der mit dem NS-Regime verbündete Faschismus und Klerikalfaschismus hatte zu jener Zeit fast das ganze katholische Europa erfasst: Italien, Spanien, Portugal, Kroatien, und wurde aktiv durch den Vatikan unterstützt. Wie kann Stefan Hartmann das verschweigen?

Dass dieser angebliche Kritiker des Antinomismus seinen Essay mit einem Zitat des katholischen Antinomisten und  Ideologen der ‚“konservativen Revolution“ Ferdinand Ebner beendet, der 1919 die „abendländische Kultur“ endgültig zugrunde gerichtet sieht entweder „durch die Amerikanisierung des Lebens oder die Bolschewisierung“ (also genau jene beiden Kräfte, die der Katholik Hitler zu der Zeit als „jüdisch“ bekämpfte), zeigt nur, dass es Hartmann nicht um eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem selbst gestellten Thema – „Tödlicher Antinomismus“ – geht, sondern nur darum, durch das Fälschen der Geschichte von der antijüdischen Geschichte und der neuerlichen antijüdischen Wende seiner eigenen Kirche abzulenken.


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113 Gedanken zu “Ein Pfarrer fälscht die Geschichte;”

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    @derblondeHans: Jean-Marie Kardinal Lustiger macht nicht nur Karl Marx und seine Ideologie für die Shoah sondern die gesamte Moderne verantwortlich, die für Ihn „für ganze Generationen Gott in ihrer Vorstellung und ihrem Herzen zu Schweigen bringt“. Damit steht er eindeutig in der Tradition der katholischen Kirche, deren Vertreter er ja ist.
    Irgendwann habe ich mich von dem Sprachmüll der Nürnberger Gesetze verabschiedet. Die Juden gibt es nicht. Was sie denken, wofür sie eintreten, welche Ideologie sie vertreten, ob sie arm oder reich sind, welcher Religion sie angehören, welche Sprache sie sprechen, steht weder in ihrem Blut noch in ihren Genen. Welche politische Rolle sie spielen, ist auch davon abhängig, wie groß der Antisemitismus in der jeweiligen Gesellschaft oder Partei ist.

    Die Geschichte lehrt, dass die politische Einstellung der Juden in den verschiedenen Staaten das Echo der Behandlung ist, die ihnen zuteilwird. Während die jüdische Intelligenz im zaristischen Russland zum überwältigenden Teil revolutionär eingestellt war, blieb sie in England ebenso konservativ oder liberal wie die nicht-jüdische Intelligenz. Quelle: *

    Für jeden, der die Unterdrückung und Verfolgung der Juden im vorrevolutionären Russland kennt, bedarf es keinerlei Erklärung, dass das Gros der russischen Juden erbitterte Feinde des Zarismus war und dass sich ihre intellektuellen Führer der radikalsten Opposition gegen dieses antisemitische Regierungssystem anschlößen. Quelle: *

    Die Forderung nach Gleichberechtigung musste in allen Staaten, in denen sie den Juden theoretisch oder praktisch vorenthalten wurde, die stärkste Anziehungskraft auf sie ausüben. Dies gilt sowohl vom Liberalismus als auch vom Sozialismus und Kommunismus.
    Der italienische Faschismus, der den Antisemitismus ablehnt, weckt die Begeisterung vieler Juden innerhalb und außerhalb Italiens.
    Quelle: *

    Aber für politische Demagogen und für denkfaule Menschen ist die Identifizierung des Judentums nicht nur mit Bolschewismus und Sozialismus, sondern auch mit Liberalismus, Parlamentarismus, Kapitalismus, Materialismus, Aufklärung, Rationalismus, Freimaurertum, Demokratie und Zersetzung zu bequem, um nicht Anwendung zu finden.
    So wird der Antisemitismus zu einem politischen Allheilmittel: er findet stets ein Echo, weil er einem tief wurzelnden Vorurteil der Massen entgegenkommt.
    Quelle: *

    Quelle: * http://www.antisemitismus.net/.....5-1-03.htm

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    @derblondeHans : Ich hätte mal wieder das Höherwertige in Hochkomma setzten müssen. Soll also heißen: sogenannte „Höherwertige“.
    Wer bestimmt, was das sogenannte „Höherwertige“ ist?

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    @derblondeHans : Können Sie mir das auch erläutern? Hier ist meine Meinung dazu.

    Das kommunistische Manifest von Marx erschien 1848. Die Schöpfung und die Entwicklung des europäischen Proletariats kristallisierten eine Zivilisation, die Menschen zu einer Ware machten. Um den Juden ein derartiges Unglück zuzufügen, mußten ganze Generationen Gott in ihrer Vorstellung und in ihrem Herzen zum Schweigen bringen und das göttliche Licht verfinstern, das auf dem Menschen ruht.
    Quelle: Kardinal Lustiger Ich habe keine Antwort

    Die Idee des Menschen als Ware als Begründung zum Mord an Juden? Eine Ware kann man doch verändern, dies ist für mich wieder eine Schuldzuweisung an Marx und die Atheisten. Für mich liegt die Begründung, die solchen barbarischen Mord möglich machte, auch im Sozialdarwinismus, der Kampf des Daseins. Die Zeit war bestimmt von dem Glauben, dass nur das Höherwertige den Kampf in der Natur und in der Gesellschaft gewinnen kann und vor allem muss, da sonst der Untergang folgt.

    Sie wendet Teilaspekte der Evolutionstheorie nach Charles Darwin auf menschliche Gesellschaften an und fasst deren Entwicklung als Folge natürlicher Selektion beim „Kampf ums Dasein“ auf. Die unterschiedlichen Spielarten des Sozialdarwinismus stimmen nach Franz Wuketits in drei Kernaussagen überein:
    – Darwins Theorie der Auslese ist in sozialer, ökonomischer und auch moralischer Hinsicht maßgeblich für die menschliche Entwicklung.
    – Es gibt gutes und schlechtes Erbmaterial.
    – Gute Erbanlagen sollen gefördert, schlechte ausgelöscht werden.
    Quelle. Sozialdarwinismus http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialdarwinismus

    In Hitlers politischer Autobiographie „Mein Kampf“ taucht die zentrale Metapher des Sozialdarwinismus bereits im Buchtitel auf und wird an unterschiedlichen Stellen als „Existenzkampf“, „Lebenskampf“ oder auch direkt als „Kampf ums Dasein“ aufgegriffen. Quelle: ebenda

    Die sozialkulturellen Differenzen gingen sozusagen ins „Blut“ über. … Schließlich können die verschiedenen Rassismen auch danach beurteilt werden, welche Funktion sie haben. So liegt eine zentrale Funktion des Antisemitismus in der Welterklärung, indem „den“ Juden die Verantwortung für nahezu alle gesellschaftlichen Probleme und internationalen Konflikte zugeschrieben wird. Quelle: Was ist Rassismus? http://www.birgit-rommelspache.....sismus.pdf

    Die Verbindung von beiden „Blut“ und „Funktion“ führte zum Vernichtungswillen.

    Allen war mehr oder weniger klar bewußt, daß jeder Mensch im Bild und im Gleichnis Gottes geschaffen ist. Das steht schon auf der ersten Seite des ersten Buches Moses (Genesis). Damit dieses Verbrechen ausgeführt werden konnte, war es gewissermaßen notwendig, daß bedeutende Schichten der Bevölkerung – die Elite, die Intellektuellen, die Politiker – dieses Bewußtsein aus ihrem Geist löschten.

    Brauche ich die Vorstellung, dass jeder Mensch im Bild und im Gleichnis Gottes geschaffen ist? Nein. Mir reicht das Wissen, dass es Menschenrechte gibt, um solche Verbrechen nicht zu akzeptieren:

    „Das Konzept der Menschenrechte geht davon aus, dass alle Menschen allein aufgrund ihres Menschseins mit gleichen Rechten ausgestattet und dass diese egalitär begründeten Rechte universell, unveräußerlich und unteilbar sind. Menschenrechte http://de.wikipedia.org/wiki/Menschenrechte

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    @Alt 68 er: Jetzt platzt mir aber hier der Kragen. Soweit ich weiß halten sich die Vertreter jeder Religion in irgendeinem Sinn für auserwählt, erleuchtet oder sonstwie cleverer als die anderen. Sonst würden sie nicht glauben. Das gilt für Christen, Juden, Muslime wie für Hindus, Buddhisten und afrikanische Geistergläubige. Ihrer Matrix zufolge müssten sich alle gegenseitig permanent die Köpfe einschlagen, was sie ja durchaus auch tun, vielleicht von den Buddhisten abgesehen. Von diesem gewöhnlichen Horror religiösen Glaubens abgesehen gibt es aber im Fall des Holocaust, der ja nicht durch eine Religion, sondern durch die Ersatzreligion deutscher Nazis zustande gekommen ist, noch einen ganz besonderen, in dieser Form und in diesem Ausmaß noch nie dagewesenen Horror: die Nazis kehrten die Auswahl einfach um; sie wählten die Juden aus, nicht um sie zu erleuchten, sondern um sie zu ermorden. Und sie gingen dabei nicht einmal nach dem Glauben, sondern nach der Abstammung vor: Ob sich der zum Tod Auserwählte selber irgendwie auserwählt fühlte oder nicht, war gänzlich belanglos; er wurde einfach vernichtet.
    Entsprechend belanglos ist auch Ihre Matrix, mit der Sie den Ermordeten die Schuld an ihrer Ermordung zurückspielen, ein Taschenspielertrick, der mir in der Tat die Haare zu Berge stehen lässt. Er funktioniert nach dem alten Motto der Wichtigtuer: „Weiß ist, wenn man nur tief genug hineinsieht, eigentlich schwarz!“, mit dem sich die dicksten Bücher verkaufen lassen. Was zum Teufel hat Mensch A sich überhaupt dafür zu interessieren, wenn Mensch B sich für auserwählt hält? Woher nimmt er das Recht, sich darüber zu empören? Um sein Seelenheil von Mensch B zurüchzuerhalten? Wenn er das nicht ohne Mensch B schafft, soll er lieber einen Schnaps trinken.

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    @ Alt 68 er: Was meinen Sie, könnte nicht in dieser Struktur die Matrix des Völkermordes der Nazis liegen?

    Warum schreiben Sie einen so langen und umständlichen Text, wenn Sie nur sagen wollen, dass die Juden ihre Vernichtung selber provoziert haben? Wie („anspruchsvoll“) auch immer eingekleidet, ist das doch nichts als die (altvertraute! geradezu urvertraute! – stimmt’s?) Nazi-Denke: ‚Die Juden sind ja selber schuld. Weil sie so sind, wie sie sind.‘

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    @ derblondehans
    zweiter Versuch: Sie schreiben: “Ich meine, dass der Kardinal in diesem Interview einer Antwort nahe kommt.”
    Könnten Sie das erläutern? Das würde mich sehr interessieren, wie Sie die Antwort sehen.

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    @ Stefan Hartmann

    Lieber Pfarrer Hartmann,

    wir alle sind von dem Schock betroffen, den der Holocaust ausgelöst hat. Ich finde es – bei großen Differenzen zwischen Ihrer Sicht und meiner – ehrenwert, dass Sie versuchen, die „christliche Mitschuld“ an diesem Ereignis auszuloten und Wege zu einer Verständigung zwischen Christen und Juden zu finden. Auch wenn Ihnen bei meinen Ausführungen möglicherweise die Haare zu Berge stehen werden, bitte ich Sie, dies als eine ernsthafte Befragung zu verstehen.

    Sie anerkennen ohne Wenn und Aber den Bund, den Gott mit Israel geschlossen hat; reziprok werden Sie durch die Juden keine Anerkennung des Neuen Bundes erhalten. Hier besteht eine irreduzible Asymmetrie. Sie skizzieren die Geschichte des christlichen Antijudaismus und des Antisemitismus als Geschichte von vermeidbaren und korrigierbaren Verfehlungen. Aber haben wir es nicht einem unvermeidbaren Skandal, einer fundamentalen Antinomie, zu tun, der mit dem zentralen Begriff sowohl des Judentums als auch des Christentums zu tun hat, nämlich der „Erwählung“, einer exclusiven Privilegierung, zusammenhängt? Ich zitiere den Göttinger Bibelwissenschaftler Gert Lüdemann:

    „… daß in der Bibel nicht nur reichlich Verleumdung, Mord und Totschlag vorkommen, sondern daß selbige mit zentralen theologischen Kategorien verwachsen sind. Erwählung, so sagt uns die Logik, ist ein Selektionsvorgang.

    Wo Erwählung ist, ist auch Verwerfung. Aber es ist etwas anderes, ob man dies nur abstrakt weiß – Begriffe ohne Anschauung sind leer – oder ob man von Lüdemann plastisch am Text gezeigt bekommt, daß die alttestamentliche Vorstellung von der Erwählung Israels gar nicht anders konnte, als feindselig nach außen zu sein. Wenn nur dieses Volk von Jahwe erwählt war, wenn nur ihm das Land, wo Milch und Honig fließen sollte, zustand, dann mußten alle andern daraus verschwinden. Die Inbesitznahme dieses Landes ist denn auch von den entsprechenden alttestamentlichen Texten als ein Eroberungszug dargestellt und gefeiert worden, der günstigstenfalls Vertreibung der dort ansässigen Völker bedeutete, gewöhnlich aber ihre Vernichtung: Genozid.“

    Finden wir hier nicht die Ursache von allergischen Reaktionen Marcions, Luthers, Harnacks? Was meinen Sie, könnte nicht in dieser Struktur die Matrix des Völkermordes der Nazis liegen? Hitler soll ja bei einem Tischgespräch geäußert haben, dass es keine zwei auserwählten Völker geben könne.

    Wenn Sie als Aus-Weg aus diesem Dilemma Johannes Paul II zitieren, der die Christen auffordert “sich eher als bezeugende Gestalt oder bezeugender Flügel Israels in und unter den Völkern erfassen können, bleibend auf Israel bezogen, mit Israel in die Welt ziehend, um schließlich mit der Welt nach Israel heimzukehren” – was ist das Christentum dann anderes als Krethi und Plethi oder eine judaisierende Sekte, die den Völkern die Auserwähltheit Israels kündet? Der große sephardische Visionär Albert Caraco hat 1963 geschrieben

    „Der Traum Luthers ist in Zukunft undurchführbar, was die Wünsche von Harnacks betrifft, so werden sie Gestalt annehmen und uns eine Metaphysik ohne Wurzeln eintragen, die so lange währen wird wie sie währt, der von der jüdischen Hypothek befreite christliche Glaube wird sich unweigerlich auflösen und der, der sich weigern wird zu brechen – ob er will oder nicht -, in einen gemäßigten Judaismus münden: Unsere berühmten katholischen Progressisten bereiten diese Rückkehr formal vor. So halten wir uns auf dem Fels, und mit dem Schlüssel in der Hand wird der Judaismus, der während des Exils keine Altäre und keine Priester hatte, mit Priestern – dem wiedererrichteten Tempel – und mit Altären versehen sein, er wird somit wieder Universalität erlangen, das Erbe des Islam und der Kirche einsammelnd, wie es schon Maimonides vorhersah.“

    Warum konvertieren Sie nicht zum Judentum? Verbleiben Sie in der Kirche, weil sie eine Gemeinschaft der Schuldigen ist?

    Mit besten Grüssen

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    @EJ: Der Sprachgebrauch der Nürnberger Gesetze ist wirklich hartnäckig. Ulrich W. Sahm hat einmal geschrieben, man sollte den Begriff „Halbchrist“ in den Sprachgebrauch aufnehmen, um die Absurdität dieser Begriffe hervorzuheben. Man muss sich erst einmal bewusstmachen, was man so übernimmt, natürlich lernt man zuerst aus der Umgebung.

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    … ooops? Aber auch Wiki ‚widerspricht‘ nicht dem ‚STERN‘ und andere.

    Au-haua-ha: a href=“http://de.wikipedia.org/wiki/Erhard_Milch#Auszeichnungen“>Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes am 4. Mai 1940

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    @ derblondehans: Rigg mit dem William E. Colby Award 2003 ausgezeichnet

    Und? Zu Guttenberg, obwohl er seinen eigenen Namen wahrscheinlich nur abschreiben kann, war Minister.

    wen darf ich, Ihrer Meinung nach, fragen?

    Vor allem Ihren eigenen Kopf. Allein schon eine ganz „äußerliche“ Bewertung Ihrer Quelle hätte Sie misstrauisch machen müssen. Wenn Rigg auch nur halbwegs vertrauenswürdig wäre, müsste sein Schrieb ein gefundenes Fressen für all die rechtslastigen Seiten sein, die Sie so gern besuchen. Nichts davon zu sehen!

    Ansonsten hätte, was die „Wehrwürdigkeit“ von „Mischlingen“ (Sprache der Hundezucht!) betrifft, auch eine Wikipedia-Befragung genügt.

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    @EJ: Leider ist mir mit dem sogenannten „wissenschaftlichen“ Rassismus ein Fehler unterlaufen, ich wollte „pseudowissenschaftlich“ schreiben, auch dieses war nicht ganz korrekt.

    Dann fiel mir der Artikel von Birgit Rommelspacher ein und unsere Einträge haben sich wahrscheinlich überschnitten. Es ist gut, dass Sie so aufmerksam sind und es gleich korrigiert haben. Danke.

    Im 19.Jahrhundert haben Philologen viele Sprachen untersucht. Für August Schleicher 1865 war „die Sprache der innerste Wesenskern des Menschen und letztlich an seinen Körper gebunden.“ Quelle: Die Sünden der Sprachforscher http://www.maerkischeallgemein.....logie.html

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    EJ schreibt u.a.: Sie haben offenbar einen unwiderstehlichen Hang zu obskuren Quellen. Weil die Ihnen erzählen, was Sie gern hören möchten?

    … nun – ich habe Sie gefragt. Sind Sie ‚obskurs‘? der ‚STERN‘ ist eher ‚links‘. Oder?

    Anders: wen darf ich, Ihrer Meinung nach, fragen?

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    @ derblondehans

    Anders als der „Stern“ mehrfach schreibt, geht es bei Rigg nicht um „Männer jüdischer Abstammung“ schlechthin, sondern um „Mischlinge“. Der „Stern“ versucht das zu verschleierern. Weil’s so schön Effekt macht. Außerdem geht es um „Mischlinge“ im Sinne der Nazis. Juden kennen keine „Mischlinge“. Das bemerkt der „Stern“, doof wie er ist, nicht. Sie, derblondehans, aber auch nicht.

    Abgesehen davon, dass Rigg sich die nationalsozialistische Rasselehre terminologisch zueigen macht – wenn nicht bewusste Fälschung (Achtung: Dissertation! Mit seiner Magisterarbeit hatte Rigg schon einschlägige Schwierigkeiten!), kann man Rigg ebenfalls Effekthascherei unterstellen, mindestens: Wenn es 1939 nach amtlicher Zählung ca. 110.000 „Mischlinge“ im Sinne der Nürnberger Gesetze im Reich gab – Männer, Frauen und Kinder – können schlecht über 100.000 (Rigg) oder sogar 150.000 (Stern) „Mischlinge“ Soldaten gewesen sein.

    Tatsächlich gab es aber „Mischlinge“ im Sinne der Nürnberger Gesetze als Soldaten, wie das Beispiel Helmut Schmidt beweist. Sein Beispiel illustriert auch, was an „Gründen“ dafür in Frage kommt.

    Wieder, derblondehans: Sie haben offenbar einen unwiderstehlichen Hang zu obskuren Quellen. Weil die Ihnen erzählen, was Sie gern hören möchten?

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    Kerstin zitiert: Mit der Moderne jedoch wurden diese religiösen Differenzen in einen Unterschied zwischen „Rassen“ transformiert

    Genau. Und das funktioniert nur „gut“ bei dem (nicht „wissenschaftlich“ messenden) mythischem Rassismus = Antisemitismus, in den z.B. der (nicht „wissenschaftlich“ messbare) „Gottesmord“ (in säkularisierter Version als nicht „wissenschaftlich“ messbare „jüdische Weltverschwörung“) integriert werden kann.

    Der uralte christliche Antijudaismus wird im mythische Antisemitismus anschlussfähig.

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    Buchbesprechung von:

    John Weiss: Der lange Weg zum Holocaust

    Die Geschichte der Judenfeindschaft in Deutschland und Österreich. Aus dem Amerikanischen von Helmut Dierlamm und Norbert Juraschitz. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1997. 544 Seiten.

    Daniel Goldhagens Bestseller „Hitlers willige Vollstrecker“ (vgl. FrRu 4[1997] 2-6) läßt zahlreiche Fragen offen, gerade weil er alles zu erklären suchte. Der Historiker John Weiss, Sohn eines österreichischen katholischen Einwanderers, beantwortet viele dieser Fragen über den spezifisch deutschen und österreichischen Antisemitismus, der den Weg zum Holocaust geebnet hat.

    Anders als Goldhagen begnügt sich Weiss nicht mit monokausalen Erklärungen und einem Kollektivschuld-Vorwurf, sondern geht äußerst differenziert den Ursprüngen des christlichen Judenhasses (der zunächst keineswegs mörderisch war) nach und erklärt, wie die christlichen Kirchen in Deutschland und Österreich, die idealistische Philosophie (Fichte!, 1762-1814) und der deutsche Nationalismus den Nährboden für die „Ideology of Death“ (so der Titel der amerikanischen Originalausgabe) abgeben konnten. Die Analyse ist schonungslos und überzeugend in ihrer Konsequenz. Während die Bilderwelt des modernen Antisemitismus — der Jude als Gottesmörder und Parasit — im Mittelalter heranreifte, sieht Weiss in Martin Luther den „Urheber jener Mischung aus deutschem Konservatismus, Nationalismus und Antisemitismus, die für die Juden in Mittel- und Osteuropa so tödliche Folgen haben sollte“ (39). Ob der Vorwurf „Luther war schlicht Rassist“ (45) zutrifft, sei dahingestellt, aber es fällt Weiss auf, daß protestantische Widerständler allesamt eher der kalvinistischen Tradition angehörten. Die mörderische Konsequenz liegt nicht erst in der oft überschätzten Biographie Hitlers und seiner „Helfer“, sondern läßt sich in der Kultur- und Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts ablesen. Namen wie Friedrich Carl von Savigny, Ernst Moritz Arndt, Friedrich Ludwig Jahn, Gustav Freytag, Wilhelm Raabe und natürlich Heinrich von Treitschke und seine „Deutsche Geschichte“ in fünf Bänden (1879-1894) stehen für antisemitische Traditionen in höchst gebildeten Kreisen und werden von Weiss ebenso kenntnisreich behandelt wie die Demagogen Adolf Stoecker (der kaiserliche Hofprediger in Berlin!, vgl. FrRu 5[1998]241-245), der „hessische Bauernkönig“ Otto Böckel und Wilhelm Marr, der 1879 die „Antisemitenliga“ gründet und dessen Rassismus bereits „die Möglichkeit zum Völkermord“ (142) enthält. Besonders untersucht wird auch der katholische Antisemitismus in der Habsburger Monarchie, der zu den bekannten Wiener Figuren Karl Lueger und Georg Ritter von Schönerer führt und deren klerikale Ursprünge (P. Heinrich Abel SJ) oft zuwenig bewußt sind. Der Versuch einer Intervention des Prager Kardinals Friedrich Schönborn bei Papst Leo XIII. gegen Luegers Christlichsoziale Partei, die „niedrige Begierden“ entzünde, war erfolglos. Wie sehr auch nach dem Ersten Weltkrieg ein auffällig österreichischer und auch bayrischer Antisemitismus virulent blieb, zeigte sich u. a. am Anteil der aktiven Nazis im Vergleich zum übrigen „Reich“ (238) und der Gewalttätigkeit von Studenten (308). Schließlich schildert Weiss noch den Höhepunkt des Judenmordes im Zweiten Weltkrieg (423), die vielfache Komplizenschaft (445), den Opportunismus auch der Widerständler des 20. Juli 1944 (470 ff.) sowie kirchliche Schattengestalten wie die Bischöfe Wilhelm Berning und Alois Hudal. Aber auch der „Gefangene des Führers“, Martin Niemöller, „tat für die Juden nichts“ (306) und Papst Pius XII. sei „alles in allem ein Unglück für sein Amt und für den Katholizismus“ (463). Zu letzterem gibt es nach Studium der Archive inzwischen differenziertere Urteile.

    Das Werk ist eine wertvolle Ergänzung und kompetente Korrektur von Goldhagens einseitigen Thesen. Der große Holocaust-Forscher Raul Hilberg urteilte richtig, wenn er sagte: „Für viele Leser wird dieses Buch eine ganze Bibliothek ersetzen können.“

    Stefan Hartmann

    (FrRu NF 6/1999, Seite 223)

    auch eine Geschichtsfälschung?

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    @Nachtrag

    … Anfang 1933 lebten in Deutschland etwa 500.000 Juden. Und nun 150.000 [sic!], also fast 1/3, die am ‚Größenwahn‘ des österreichischen Migranten aktiv teilnahmen. Ganz grob. Oder? Wo ist mein ‚Rechenfehler‘.

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    Mist – alles noch einmal:
    @EJ

    Ich stimme dem zu was Sie zum “wissenschaftlichen” Rassescheiß schreiben.

    Aber wie erklären Sie, wenn Sie schreiben, dass Juden kollektiv apriori verurteilt wurden, wenn vom einfachen Soldaten bis zum General oder Admiral mit höchsten Auszeichnungen – nach Forschungen des US-Historikers Bryan Mark Rigg mindestens 150.000 Männer jüdischer Abstammung für Hitler unter Waffen an den Fronten kämpften?

    (Mein Link zum ‚Stern‘ soll keine Bewertung des Artikels selber sein, sondern nur auf die Tatsache hinweisen.)

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    @EJ

    Ich stimme dem zu was Sie zum “wissenschaftlichen” Rassescheiß schreiben zu.

    Aber wie erklären Sie, wenn Sie schreiben, dass Juden kollektiv apriori verurteilt wurden, wenn vom einfachen Soldaten bis zum General oder Admiral mit höchsten Auszeichnungen – nach Forschungen des US-Historikers Bryan Mark Rigg mindestens 150.000 Männer jüdischer Abstammung für Hitler unter Waffen an den Fronten kämpften?

    (Mein Link zum ‚Stern‘ soll keine Bewertung des Artikels selber sein, sondern nur auf die Tatsache hinweisen.)

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    @derblondeHans: Die Umarbeitung des christlichen Antijudaismus in einen rassistischen Antisemitismus:

    Mit der Moderne jedoch wurden diese religiösen Differenzen in einen Unterschied zwischen „Rassen“ transformiert, d.h. in einen biologisch
    begründeten Unterschied umgedeutet. Die Rassenlehre ordnete nun die Juden auf der Basis der semitischen Sprachgemeinschaft der semitischen „Rasse“3 zu und
    zog damit unüberbrückbare, absolute Grenzen. Die sozialkulturellen Differenzen gingen sozusagen ins „Blut“ über. Die Unterschiede galten nun als angeboren und wurden angeblich auch weitervererbt. Und in der „Mischung“ von Christen und Juden sah man seither die Gefahr einer biologischen Verunreinigung.
    Quelle: Birgit Rommelspacher Was ist eigentlich Rassismus? http://www.birgit-rommelspache.....sismus.pdf

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    @ Kerstin

    Nein. Antisemitismus ist qualitativ was anderes als der Rassismus, den vor allem Himmler betrieb.

    Der Himmlersche Rassismus konnte (z.B. mit dem Volkslisteverfahren) „rassisch wertvolle“ Kinder entdecken und „für das deutsche Blut bewahren“. Diese Kinder wurden als „rassisch wertvoll“ einkassiert, obwohl deren Eltern nicht als „rassisch wertvoll“ klassifiziert wurden, etwa das hübsche blond bezopfte Mädchen oder den hoch gewachsenen blonden Jüngling. Und es ging auch umgekehrt. Nach Urkunden, die bis 1640 zurück reichen, konnte mein Vater seine „rein deutsche“ Abstammung belegen. Trotzdem wurde ihm die Deutsche Staatsbürgerschaft verweigert, er kam für einige Zeit in ein Lager und musste dann Zwangsarbeit leisten. Erst 1943, nach einem entsprechenden Erlass Himmlers (man brauchte Kanonenfutter), bekam er die deutsche Staatsbürgerschaft und wurde zur Wehrmacht eingezogen.

    Diesen ganzen „wissenschaftlichen“ Rassescheiß gab es bezogen auf Juden nicht. Juden waren kollektiv apriori verurteilt. Es gab kein Kind jüdischer Abstammung, das als „rassisch wertvoll“ klassifiziert werden konnte. Ob Juden Juden waren, wurde auch nicht irgendwie „wissenschaftlich“, per Vermessung der Körperproportionen z.B., festgestellt.

    Verglichen mit dem – jedenfalls der Absicht nach – naturwissenschaftlich positivistischen Rassismus der Nazis ist ihr (und nicht nur ihr) Antisemitismus nicht anders als mythisch – mit einem Rasse-Mythos – begründet.

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    @derblondehans: Da ist es wieder Ihr Lieblingsthema: der Islam. Haben Sie gelesen?

    Steinigung zum Tode für ehelich Untreue? 16 Prozent der Türken finden das gerecht, 82 Prozent der Ägypter, 70 Prozent der Jordanier, 82 Prozent der Pakistaner. Auspeitschen und Handabhacken bei Diebstahl fordern 13 Prozent der Menschen in der Türkei, 58 Prozent in Jordanien, 77 Prozent in Ägypten. … Quelle: „Steinigung für Untreue finden viele gerecht“ http://www.welt.de/politik/aus.....recht.html

    Hilfe. Bei der Beschäftigung mit dem Koran habe ich diesen Text im Internet gefunden.

    Da ist einmal der Zusammenhang im Text selbst zu beachten, denn wie in jeder anderen Schrift (und das braucht nicht einmal eine heilige Schrift zu sein) kann man aus isolierten Bruchstücken von Versen oder gar Sätzen das Gegenteil dessen herleiten, was intendiert ist (sowohl muslimische Extremisten als auch antiislamische Polemiker benutzen auf diese Weise den Text gern im Steinbruchverfahren). Quelle: Halima Krausen Was der Koran zum Judentum sagt… http://www.talmud.de/cms/Was_s......39.0.html

    Für mich ist auch im Fall des Islam sehr wichtig, Religion, Tradition und Politik zu unterscheiden. Den Islam gibt es nicht. Kritik hätte ich an manchen Aussagen üben müssen, Konfrontation tut not.

    In der Historie gab es auch immer islamischen Regimes, die mehr oder weniger tolerant waren. Moses Maimonides floh vor den Almohaden, die einen intoleranten Islam vertraten und Berber und jüdische Gemeinden verfolgten, so wurde seine Familie vor die Wahl gestellt, zum Islam überzutreten oder auszuwandern. Später wurde er Leibarzt des Sekretärs von Sultan Saladin, al-Fadil, der praktisch ägyptischer Regierungschef war, dann auch Leibarzt des Sultans selbst. Quelle: Maimonides http://de.wikipedia.org/wiki/Maimonides

    Ich denke, da ist eine Differenzierung und vor allem Aufklärung nötig.

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    @derblondehans: Aber das alle ist keine Erklärung für die Shoa. (Ihr Zitat)

    Stimmt. Es ist vielleicht der Versuch einer Erklärung für das Versagen der deutschen christlichen Kirchen in dieser Zeit. Es stellt sich auch die Frage wie hat sich das faschistische Italien und Spanien verhalten?

    Bis zum Fall des Mussolini Regimes im Juli 1943 war die Lage der Juden relativ sicher. Darüber gab es wiederholte deutsche Beschwerden „Die Italiener“, so notierte Goebbels in sein Tagebuch, „sind äußerst lax in der Behandlung der Juden Erst als die nördlichen. Landesteile unter deutsche Besatzung kanien, traten schlagartig Änderungen ein. Quelle: Von Julius H. Schoeps Unser Fleisch und Blut http://www.zeit.de/1979/18/unser-fleisch-und-blut

    Die Erklärung von Jean-Marie Kardinal Lustiger die Ursache in der Umdeutung des Menschen als Ware zu sehen ist für mich nicht schlüssig.

    Die Shoa wurde auch durch einen sogenannten „wissenschaftlichen“ Rassismus und der Betonung der Bedrohung des deutschen Blutes möglich. Der Historiker Henry Friedländer, der ein Kenner des Euthanasie-Mordprogrammes ist, sagt:
    Dennoch sage ich, dass der Antisemitismus nur ein Teil einer breiteren Weltsicht war, nach der die Menschheit in wertvolle und wertlose Bevölkerungsgruppen eingeteilt wurde. Quelle: * Richard Rhodes „Masters of Death“ (engl. Titel)

    Himmler erklärte im Februar 1940 vor Gauleitern: … so war ich an Gott glaube,… das nordische Blut, tatsächlich das beste Blut dieser Erde ist … Bewahrung und dem Schutz des überlegenen nordischen Blutes * ebenda

    Himmler sprach auch 1943 das Problem der Frauen und Kinder in einer Rede an: Er verwies auf die Rolle der Rächer in Gestalt der Kinder, die man nicht groß werden lassen konnte, also umbringen musste für unsere Söhne und Enkel, Quelle: * ebenda

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    @ derblondehans
    Sie schreiben: „Ich meine, dass der Kardinal in diesem Interview einer Antwort nahe kommt.“
    Könnten Sie das erläutern? Das würde mich sehr interessieren, wie Sie die Antwort sehen.

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    @ Stefan Hartmann

    Der (Um-)Weg über die Protestanten scheint mir nicht der einzig mögliche Weg zu sein. Aus meiner Sicht gibt es auch eine gerade („katholische“) Linie.

    (Und abgesehen vom historisch „Sachlichen“: Sicher haben auch die Protestanten erheblich Dreck am Stecken. Trotzdem fühle ich mich unwohl, wenn (wir) Katholiken nicht zuerst und gründlich vor der eigenen Türe kehren.)

    Wie dem auch sei: Anders als Alan Posener sehe ich in Ihrem Aufsatz keinen so großen Skandal. Aus meiner Sicht können wir es bei unseren Differenzen belassen!

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    EJ schreibtu.a.: Ihr Aufsatz ignoriert z.B. die antijüdischen Hassausbrüche und Mordaufrufe diverser Kirchenväter und Kirchenlehrer völlig. Insofern Sie, auch im Sinne Ihres Aufsatzes, nicht mal danach fragen, umgehen Sie (weit) mehr als 1000 Jahre kirchlichen Antijudaismus. Ganz unabhängig von Ihrer Absicht hat das entlastende, (sozusagen apriori, weil mögliche Schuld ignorierende) apologetische Funktion.

    Ich schreib‘ es mal anders.

    Ihre Antwort, EJ, ignoriert z.B. die antichristlichen Hassausbrüche in den Schriften des Judentums völlig. Insofern Sie, auch im Sinne Ihres Satzes, nicht mal danach fragen, umgehen Sie (weit) mehr als 1000 Jahre ‚rabbinischen‘ Antichristentums. Ganz unabhängig von Ihrer Absicht hat das entlastende, (sozusagen apriori, weil mögliche Schuld ignorierende) apologetische Funktion.

    Das dem (rabbinischen) Judentum am Christentum nicht gelegen war und ist – ist auch klar.

    Ihre Erklärung für ‚kirchlichen Antijudaismus‘ steht meiner Meinung nach daher auf wackligen Füßen. Das die Schriften im Talmud auch willkürlich von der ‚Amtskirche‘ missbraucht wurden, schließe ich da mit ein. (o.t.: ich vermisse Ihre Kritik am Islam in dieser/ähnlicher Sache.)

    Aber das alle ist keine Erklärung für die Shoa.

    Ich habe ein Interview mit Jean-Marie Kardinal Lustiger in: Beilage zu Ha-Aretz, 20.04.1995 gelesen:

    ‚Ich habe keine Antwort‘

    Ich meine, dass der Kardinal in diesem Interview einer Antwort nahe kommt.

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    @Michael Hesemann: Was sagt uns das auch? Kann ich auch so lesen: Auch hier gilt, dass er diese erst im Jahre 1944 unterstützte, zu einem Zeitpunkt, da genau erkennbar war, dass Hitler durch die Rote Armee geschlagen werden würde. Haben Sie andere Quellen? Im Frühjahr 1944 hatte sich das Kriegsgeschehen bereits zu Gunsten der Roten Armee gewendet.

    Für mich sind Quellen (Archive, selbst Zeitzeugenberichte) immer zu hinterfragen. Als ich mich mit meinem Großvater beschäftigte, habe ich die Akte zu seinem Prozess Sept. 1944 vor dem Volksgerichtshof gelesen. Wie soll ich das heute einzuschätzen? Hat er das was er sagte, gesagt, um sein Leben zu retten oder war es Überzeugung? Was wissen wir schon von diesem Menschen? Die Strafandrohung war die Todesstrafe, es ging ums nackte Überleben. Heute ist es zu spät, um meine Großmutter nach ihm zu Fragen. Gibt es weitere Aufzeichnungen über seine Rolle in der Zeit? Manches was er gemacht hat, kann für oder gegen ihn ausgelegt werden. Er kehrte 1941 nach Deutschland zurück, schon dies war ein Grund für manche ihn zu verurteilen.

    @KP: Vor etwa 2 Jahren habe ich meine Mutter gefragt: Was habe ich Dir von Auschwitz erzählt? Sie hat gesagt: „Du hast erzählt, dass es dort stinkt.“ Sie haben uns dort erzählt, dass man 30 000 verwesende Leichen ausgegraben hatte, um diese zu verbrennen, weil es gestunken hat. Können Sie sich nicht den Gestank von verbranntem Fleisch vorstellen? Haben Sie den Film gesehen? Soldaten der Roten Armee befreiten diesen Ort, sie pressten sich Tücher ins Gesicht. Wieso soll ich mir dieses Grauen nicht vorstellen können? Und wenn ich nur einen Bruchteil von allem erfasse, ist es schlimm genug, um zu daran verzweifeln.

    Alles kann sich ein Mensch vorstellen, wenn er sich nur darauf einlässt, sonst würde keine Kunst (Literatur, Filme, Musik, Bilder) funktionieren.

    @EJ: Wie viel haben Sie von der Stasi gewusst? Wussten Sie, dass man in der DDR auch Leute abgeschöpft wurde? Wussten Sie, dass jedes unbedachte Wort zur Katastrophe führen konnte? Glauben Sie alle Fehlleistung war Absicht? Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, habe ich viel zu viel erzählt, war viel zu naiv. Ich hatte ja meine Akteneinsicht verlangt, auch um endlich diese Zeit noch einmal zu hinterfragen. Um mir die Frage zu beantworten: Wie schlimm war die DDR wirklich? Wie war meine Rolle und wie wurde ich von Fremden gesehen? Ohne diese Akten braucht man nicht weiterreden, ich habe zum Beispiel nie Tagebuch geschrieben.

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    @ EJ

    habe schon mehrmals gesagt, dass mein aufsatz nicht vollständig ist, nicht der Geschichte des christlichen Antijudaismus nachgeht, sondern der genese des mörderisch-eliminatorischen Antisemitismus. Mord war erst möglich, nachdem das Tötungsverbot der christlich-jüdischen Tradition abgeschafft war. Dabei spielen Marcion, Luther und Harnack im Blick auf den Holocaust eine tragischere Rolle als ungehobelte „Kirchenväter“ mit ihrem Mönchsgezänk. Dass es im Mittelalter zu Pogromen kam, ist schlimm genug und dafür hat sich die Kirche mehrfach öffentlich entschuldigt (Johannes Paul II. im Hl. Jahr 2000 in Jerusalem, zuletzt Papst Benedikt XVI. am 27.10.2011 in Assisi)

    @ AP

    Auch jetzt stimmt nicht alles, was Sie über mich schreiben. Und Ihren Beistand als „Beichtvater“ brauche ich nun ganz gewiss am wenigsten.

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    @ Stefan Hartmann

    Ihr Aufsatz ignoriert z.B. die antijüdischen Hassausbrüche und Mordaufrufe diverser Kirchenväter und Kirchenlehrer völlig. Insofern Sie, auch im Sinne Ihres Aufsatzes, nicht mal danach fragen, umgehen Sie (weit) mehr als 1000 Jahre kirchlichen Antijudaismus. Ganz unabhängig von Ihrer Absicht hat das entlastende, (sozusagen apriori, weil mögliche Schuld ignorierende) apologetische Funktion.

    @ Kerstin

    Was und wie Sie hier, 1. November 2011 um 00:01, und auch sonst immer mal wieder schreiben, hält sich inhaltlich und sprachlich sozusagen in einem Zwischenreich auf. Darauf ist mit der hier, auf dem Blog, üblichen (imprägnierten) Sprache nicht adäquat zu antworten. – Seien Sie mutig, geben Sie sich einen Ruck, machen Sie Ihre Sprache eindeutig vieldeutig und schreiben Sie einen (autobiographischen) Roman, über die deutsche Vieldeutigkeit!

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    @ KP
    Natürlich, mit der Mystik (einer mystischen Schau) einer Hildegard von Bingen hat das nichts zu tun. Ich hätte wohl besser die Charakterisierung „Mystagoge“ in Gänsefüßchen gesetzt oder, noch besser, geschrieben, dass bei Wiesel faction und fiction nicht klar getrennt sind. Zu der Zeit, als er den Nobelpreis bekommen hat, habe ich einige Literatur dieses prominenten „Zeugen“ gelesen. Ich muss gestehen, dass ich wohl Holocaustleugner geworden wäre, wenn ich nur Wiesel gelesen hätte und keine weitere Informationen gehabt hätte.

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    @ Alan Posener: Sie machen es sich aber sehr einfach, wenn Sie einfach alle Aussagen von Zeitgenossen, die Pius XII. für seinen Einsatz für die verfolgten Juden dankten, als tendenziöses Buhlen um die Gunst des Vatikans abtun. Denn schließlich stammen sie zum Teil sogar aus der Zeit vor Kriegsende und oft genug von jüdischer, aber nicht israelischer Seite. Wenn etwa die italienischen Juden Pius XII. für seine Rettungsaktionen danken, wenn der römische Rabbi Israel Zolli sogar unter dem Eindruck dieser Hilfe konvertiert und den Taufnamen „Eugenio“ annimmt, dann ist das wohl mehr als strategisches Bauchpinseln mit politischem Hintergedanken. Ihre Glaubwürdigkeit gewinnen diese Dankesworte aber trotzdem erst dadurch, dass sie mit den Tatsachen übereinstimmen. Denn es sind nun mal ca. 850.000 Juden durch direkte oder indirekte Hilfe des Vatikans vor dem Holocaust gerettet worden, es wurden nun mal Kirchenvertreter als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt, die dann aussagten, sie hätten auf Anweisung des Papstes gehandelt.
    Fragen wir also lieber, woher die Legende vom „gleichgültigen“, „untätigen“ und „schweigenden“ Papst stammt. Die erschien nämlich erstmals im Februar 1944 in der „Izvestija“ und ein Jahr später, im Januar 1945, in der „Prawda“, was die „New York Times“ als „kommunistische Propaganda“ enttarnte und selbst Goebbels in seinem Tagebucheintrag vom 9.1.1945 als „geradezu humoristisch“ kommentierte. 1954 folgte dann in der DDR Michail Markovich Scheinmann mit seinem Buch „Der Vatikan im Zweiten Weltkrieg“, der den gleichen Unsinn einer Sympathie des Papstes für die Nazis und seiner vermeintlichen Untätigkeit angesichts des Völkermordes an den Juden auftischte wie zehn Jahre später Hochhuth!
    Natürlich sind SS-Zeugen mit Vorsicht zu genießen. Allerdings sind die Aussagen von Karl Wolff durch die Protokolle von Hitlers „Tischgesprächen“ sowie die Tagebucheinträge von Goebbels und die italienischen Akten über die „Operation Rabat-Föhn“ gut bezeugt. Übrigens war nicht, wie Sie behaupten, „der Vatikan“ an der Beschaffung von Papieren, die ehemaligen SS-Angehörigen die Flucht ermöglichten, beteiligt, sondern ein einziger Mann: Bischof Alois Hudal, Rektor der Anima, der im Vatikan als „brauner Bischof“ verrufen war und als persona non grata galt (was Pius XII. nicht davon abhielt, auf ihn zurückzugreifen, als es darum ging, die Deportation der römischen Juden zu stoppen). Als seine Fluchthilfe im Vatikan bekannt wurde, handelte Pius XII. sofort. Fortan hatte Hudal im Vatikan Hausverbot (als er eine Pilgergruppe zu einer Papstaudienz begleiten wollte, wurde er buchstäblich rausgeworfen!), 1950 wurde sein Pilgerbüro geschlossen, 1951 wurde er gezwungen, als Direktor der Anima zurückzutreten. Die letzten elf Jahre seines Lebens verbrachte er als verbitterter alter Mann in seiner Villa in Grottaferrata in den Albaner Bergen, wo er seine Memoiren („Römische Tagebücher“) schrieb, die posthum veröffentlicht wurden – und in denen er selbst einräumte: „Über diese letzte geleistete Hilfe, die mir bald an der römischen Kurie den Titel eines nazistischen, faschistischen Bischofs eintrug – troppo tedesco (zu sehr deutsch) – bin ich schließlich als untragbar für die Vatikanpolitik gefallen.“ Übrigens stellte auch Simon Wiesenthal fest, dass Hudal ohne Wissen des Papstes handelte, als er SS-Männern zur Flucht verhalf!
    Dass „ein klares Wort des Papstes“ nichts bewirkt hätte, zeigte sich doch an den Reaktionen auf die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ von 1937, die immerhin noch die Katholiken im Reich erreichen konnte, weil sie damals in die Pfarrhäuser und Kirchen geschmuggelt wurde – Schlupflöcher, die sofort von den Nazis gestopft wurden! Ein Papstwort etwa 1941 oder 1942 hätte im Land der Täter niemanden mehr erreicht! So blieben auch die päpstliche Weihnachtsbotschaft von 1942 oder seine Ansprache vom 2. Juni 1943 im Reich ungehört, obwohl er – ohne Täter und Opfer beim Namen zu nennen – darin in aller Deutlichkeit auf die Kriegsverbrechen anspielte und damit die Berichte der Alliierten vom Völkermord bestätigte. Pius XII. verzichtete auch darauf, die Verbrechen an den katholischen Polen, darunter an Tausenden Priestern und Ordensleuten und Dutzenden Bischöfen – offen anzuprangern, als er erfuhr, wie viele Vergeltungsmaßnahmen auf die Berichterstattung in Radio Vatikan folgten. Er begriff, dass eine Zeit gekommen war, in der Worte wirkungslos bleiben, ja kontraproduktiv sein und Menschenleben kosten konnten, und in der nur Taten allein zählten. In dieser Zeit hatte die vatikanische Politik in Sachen Hitler nur noch zwei Ziele: Die Beseitigung des Wahnsinnigen, die Überwindung des NS-Regimes – und, bis es so weit war, die Rettung so vieler seiner potenziellen Opfer wie möglich. Das geschah unter Einsatz aller möglichen diplomatischen, finanziellen und logistischen Mittel. Schon allein dafür, dass der Papst handelte, statt schöne Reden zu halten, dass er aktiv wurde, während andere wegschauten und dass er so viele Juden vor den Nazis rettete wie kein anderer hat er die Seligsprechung verdient!

    @ KP: Vielleicht hat der Begriff „Kristallnacht“ für Sie einen positiven Beiklang, aber für mich ist er so eindeutig negativ besetzt, dass es eigentlich nicht mehr nötig sein bräuchte, sich eigens davon zu distanzieren.

    @ Kerstin: Was wollen Sie mehr? Pius XII. hätte nicht nur den Tyrannenmord an Hitler gut geheißen, er hat sogar ganz aktiv eine Gruppe unterstützt, deren Ziel der Sturz und schließlich sogar die Ermordung Hitlers war, nämlich die deutsche Militäropposition, die Hintermänner des 20. Juli 1944. Das geht übrigens nicht nur aus den Zeugnissen der Beteiligten, darunter Josef Müllers und Pater Leibers hervor und wurde durch die Forschungen des US-Historikers Harold Deutsch („Verschwörung gegen den Krieg“) bestätigt, es steht auch im Bericht E. Kaltenbrunners an Adolf Hitler über die Hintergründe des 20.Juli-Attentats. Tyrannenmord an Hitler war für Pius XII. also nicht nur eine akzeptable Option, seine Planung wurde von ihm sogar ausdrücklich und tatkräftig unterstützt!

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    Korrektur: Das Broder-Zitat stammt natürlich vom 7.Juni 2010. Bitte korrigieren (wie auch den Slash statt der Klammer in Z.2 des Kommentars.

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    @Alt 68 er:
    Wer den ‚Holocaust‘ nicht erlebt hat – ‚Glück‘ gehabt, einfach nur ‚Glück‘ – richtige Zeit( richtiger Ort (geboren worden zu sein), ‚richtiger‘ Glaube??? Person (nach J. S. Mill) kann sich ihrer ‚arischen‘ Abstammung schämen, kann sich schämen, so viel ‚Glück‘ gehabt zu haben, nach dem sog. ‚Dritten Reich‘ geboren worden zu sein,… Wer aber dort war, in Auschwitz – möglichst als sehr junger Mensch -, der kann sich das ‚Grauen‘ trotz aller nächster Nähe, trotz der Berge ‚an-schaulicher‘ Brillen, Haare, Schuhe, Kleidung, Teddybären (gab es dort Teddybären?) nicht ‚vorstellen‘. ‚Das Grauen‘ – es ist n i c h t zu ‚erklären‘ – egal wie räumlich ’nah‘ person dem ‚Grauen‘ trotz zeitlicher Distanz kommt; egal wie drastisch das Bildmaterial, das auch in Auschwitz gezeigt wurde und wird, ‚Realität‘ abbildet; egal, wie intensiv Medien sich dem ‚Thema‘ (als ob es sich um ein in sich abgrenzbares „Thema“ handelte) widmen; egal auch, wie intensiv und vielfältig Romane (manchmal ‚hilft‘ Literatur) sich damit auseinandersetzen; egal, wie intensiv ‚Aufarbeitung‘ (von ‚Bewältigung‘ spricht heute hoffentlich niemand mehr) im wissenschaftlichen Diskurs vonstatten geht; und egal schließlich (um auf Letzteres unmittelbar Bezug zu nehmen), wie zynisch H.M. Broder ‚die Deutschen‘ und deren Anstrengungen vorführt: „Die „Kollektivscham“, mit der man sich zu Zeiten von Adenauer, Brandt und Kohl geschmückt hat, ist längst einem „Sündenstolz“ gewichen, der fröhlich mit seiner grausamen Geschichte kokettiert, um daraus moralisches Kapital zu schlagen“ (zitiert nach FAZ Nr.128 vom 7. Juni 2011, S. 29)…
    Mit „Mystik“ (einer Hildegard von Bingen beispielsweise), verehrter ‚Alt-68er‘, versus Aufklärung hat all dies m.E. nichts zu tun.

    @alle: Die Diskussion über den Zusammenhang von Christentum und Nationalsozailosmus ist absurd: 95% ‚der Deutschen‘ w a r e n zur Zeit des sogenannten ‚Dritten Reichs‘ Christen – nur ‚Einzelne‘ (im Verhältnis zur Menge der ‚Gefolgschaft‘ Hitlers) beschlich ‚Unbehagen‘, wenn Sie ‚den rechten Arm heben‘ sollten. Die einen waren dafür, haben, nur um ein Beispiel[!] zu nennen, die Wehrmacht ‚versorgt‘ (mit Frauen zum Beispiel [bis zu 40 ‚Freier‘ am Tag] – zum Erbrechen!!!! ‚Nachbarin, Ihren Speikübel bitte!‘), andere waren d a g e g e n, waren möglicher Weise schon wegen des Ersten WKs und der Rolle der Bischöfe während dieses Ersten Wahnsinns aus der Kirche ausgetreten, waren dann später als ‚Streuobst‘ (so nannten es die KZ-Wächter: „Streuobst-Schießen“) in KZs wie ‚Dachau‘ von den Bäumen geschossen worden! (- Nur, um ganz ‚gewöhnliche‘, nicht in Geschichtsbüchern dokumentierte ‚Alltagsbeispiele‘ zu zitieren -): Wer sich in einen Baum flüchten konnte, trotz Hunger noch Kräfte genug besaß, hatte ‚Glück‘, wer dann im Baum nicht getroffen worden war, noch mehr, konnte vielleicht sogar, gebrochen an Herz und Seele?, überleben…

    Die entscheidende Frage ist, w i e das Christentum (nicht das urjesuanische, sondern das von den Amtskirchen geprägte) mit seinem dualistischen Menschen- und Weltbild Menschen prädestiniert und über knapp zwei Jahrtausende ‚geformt‘ hat, eine Ideologie wie die des Nationalsozialiosmus begierig (anders lässt sich das nicht formulieren) übernommen zu haben: Von Robert I. Moore (zitiert nach H. A. Winkler) stammt das Diktum von der >>verfolgende[n] Gesellschaft<< (H.A. Winkler. Geschichte des Westens. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 2010 (2009), S. 51) –
    Von Hitler soll überliefert sein (genaue Quelle leider unbekannt), dass er 'nur' das 'mache', was die Kirche schon immer getan habe, 'nur gründlicher'…

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    @ EJ
    Sie schreiben: „der Einsvierundfufzig-Broder musste für seine Fernsehmacherei (“tiefer gelegte”) Kinderkameras beim MDR ausleihen. Lernen Sie aber mal mich kennen. Dann werden Ihnen Ihre Sack-Träume ziemlich rasch vergehen.“
    Wenn Sie damit sagen wollen, dass ich es mir mit einem Zwergen zu leicht gemacht habe, mögen Sie recht haben. Es hätte es gerne schwerer. Insofern freue ich mich darauf, Sie kennenzulernen.

    @ Kerstin

    Elie Wiesel ist weniger Aufklärer als Mystagoge „Auschwitz kann weder erklärt werden noch kann man es sich vorstellen […] Der Holocaust steht außerhalb der Geschichte“

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    @Hesemann: Der Begriff „Kristallnacht“ wird dann mit Markierungen gebraucht (am besten noch mit „sogenannte“), wenn der Sprecher sich von dem positivem Beiklang distanzieren will. Dass das Wort ‚Kristallnacht‘ als widerlicher Euphemismus heute vom Begriff ‚Reichspogromnacht‘ abgelöst wurde, ist Allgemeinwissen. Allein schon wegen dieses unkritisch gebrauchten Wortes ‚Kristallnacht‘ in dieser Diskussion, würde ich Ihre Bücher nur unter großem Vorbehalt lesen.

    @Wallasch:
    Sie sagten: „Auch das ein Grund sich zu europäisieren und darauf hoffen, das irgendein Franzose dann im Israel/Palästina Problem für uns mit interveniert“. – Die konstruktive Rolle Frankreichs im Nahost-Konflikt (‚irgendein Franzose‘) darf mit seinem Ja zur Aufnahme Palästinas als Vollmitglied in die Unesco kritisch hinterfragt werden.

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    @EJ: Und EJ war es nicht schon damals in der DDR ein Missbrauch des Ortes Auschwitz und des Holocaust? Gefangen in der Vergangenheit. War die Geschichtsschreibung der DDR nicht entsprechend?
    Erst als es mir möglich war verschiedene Quellen zu lesen, Hintergründe zu erfassen und dies alles aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, war es mir möglich, Auschwitz ohne ideologische Einflussnahme zu analysieren.

    Warum habe ich meiner Freundin nicht geholfen? Warum habe ich die Verhältnisse nicht angeprangert? Ich war wie gelähmt.

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    Lieber Pfarrer Hartmann, die ominösen „Freunde“, die Ihnen immer wieder ein strengeres Vorgehen gegen den Posener nahelegen, dem Sie privatissimo und ungebeten Dinge beichten, die er gar nicht wissen will, sind, so nehme ich an, Ihre dunklen Engel. Genug davon. Sie durften und dürfen hier Ihren Standpunkt offen darlegen; die Gründe, weshalb Sie nicht offen Stellung nehmen gegen den von Ihnen offensichtlich nicht sehr geschätzten Papst Benedikt XVI. haben Sie mir erläutert, und obwohl ich sie nicht respektiere, bezeuge ich Ihnen auf Ihren Wunsch hin an dieser Stelle gern, dass ich mich geirrt habe: Sie sind kein Parteigänger des gegenwärtigen Papstes, Sie finden sogar einige Passagen meiner Streitschrift gegen ihn richtig, und Sie haben sich nirgendwo für die Seligsprechung Pius XII. ausgesprochen. Reicht das? Oder werden Ihre „Freunde“ Ihnen nun einflüstern, ich hätte Sie bei Herrn Hesemann angeschwärzt: „Sie wissen ja, wie die Denunziation bei uns funktioniert“. Das Bild, das ich durch Sie vom inneren Zustand der Kirche erhalte, ist erschreckend. Ein Sumpf von Doppelmoral, Neid, Missgunst, Angst, Erpressung und intellektueller Unredlichkeit. Zum Glück nicht mein Problem.

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    @EJ: Wer ist schon nur Opfer oder nur Täter? Können Sie meine Tränen sehen, können meine Kopfschmerzen spüren, wenn ich zurückkehre in diese Zeit?

    Vergangenheitsvergewaltigt in Auschwitz. War ich etwa kein Mensch? Hatte ich keine Hilfe verdient? Bis heute weiß ich nicht, wieso ich keine Hilfe bekam. Niemand der Schüler, der dabei war, war bereit mit mir über diese Zeit zu reden, ich habe es versucht.

    Damals lief ich wie ein Idiot durch die Welt und wollte doch nur den Holocaust verstehen. Warum gab es Auschwitz? Lag es nur an den Deutschen oder vielleicht doch auch an den Juden? Sind Deutsche einfach Monster? Ich sammelte Aussagen und gab sie wieder. Hat mir außer meiner Mutter jemand widersprochen? Nein.

    Ja, es stimmt, ich war in meinen Äußerungen oft antisemitisch. Ich habe jeden Satz, den ich je sagte und unwidersprochen hörte, 10 Mal umgedreht. Mir daraus eine Ideologie anzudichten, ist einfach falsch.
    Mein ganzes Leben bin ich mit Selbstschutz beschäftigt, ich lebe in für mich kritischen Situationen vom Rückzug. Wie oft habe ich darüber nachgedacht, hier auszusteigen? Sehr oft.

    Immer wieder wurde ich in der Vergangenheit aufs Neue mit Auschwitz konfrontiert oder habe mich selbst verletzt, habe die grausamsten Bücher gelesen. Ich war sogar noch einmal in Auschwitz während eines Studentensommers.

    Ging ich zu den Arabern, weil ich gegen die Juden war? Sicher nicht. Ich fragte sie nach den Juden. Doch was sie zu erzählen hatten, war eine Geschichte von Kriegen, Vertreibung, Flüchtlingslagern und fehlenden Perspektiven. Bei ihnen fühlte ich mich frei.

    Vor 4 Jahren stellte ich plötzlich fest, dass Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert waren. Dies setzte einen Erinnerungsprozess in Gang. Ein halbes Jahr stand ich jede Nacht in Auschwitz und habe einen Juden angeschrien: „Ich bin nicht schuld. Meine einzige Schuld ist Deutsche zu sein.“ Erst danach war es mir möglich vollständig diesen Tag in Auschwitz und Krakau, und die Geschichten danach zu erinnern und endlich auch zu weinen. Festgefroren in der Geschichte.

    Konnte niemand mein Leid sehen?

    Und jetzt ärgert mich der Missbrauch des Ortes Auschwitz nur noch, fühle ich mich bedrängt von den Schuldanklagen und der sich daraus ergebenden Pflicht loyal zu Israel zu sein. Es sollte andere Gründe geben.

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    ‚Direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden einige Dutzend Mitglieder der Lagerbesatzung von Gerichten verurteilt, darunter die ehemaligen Kommandanten Rudolf Heß, der auch Stellvertreter von NS-Diktator Adolf Hitler war, und Artur Liebehenschel. Liebehenschel wurde 1948 hingerichtet, Heß beging 1987 nach Jahrzehnten in Haft im Gefängnis Berlin-Spandau Selbstmord.

    Quelle.

    Tja. Manchmal fehlen mir echt die Worte. Warum sollten Ihre Geschichtskenntnisse, werter Alan Posener, besser sein?

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    @ EJ

    mein Essay ist nicht apologetisch, sondern versucht, die Genese des Holocaust zu verstehen. Wenn etwas der Buße bedarf, dann doch wohl die christliche Mitverursachung. So spielen keine Päpste eine Rolle bei mir, sondern der Versuch, hinter Luther, Augustin, Marcion und Paulus wieder die Sicht für Jesus von Nazareth zu gewinnen. Apologetik?

    @ Alan Posener

    schade, dass Sie nicht über Ihren Schatten springen, deshalb zwingen Sie mich um der Sache willen, hier formal zu sein; auf Reden Papst Benedikts in Auschwitz oder anderswo habe ich mich nirgends bezogen, trotzdem machen Sie mich zum plumpen Papstapologeten; das Einklagen einer Gegendarstellung, wie sie mir von Freunden nahe gelegt wurde, habe ich verzichtet. Aber lassen wir es nun, zuviele Ressentiments scheinen sich gegen einen sich artikulierenden „Pfarrer“ auch bei Mitkommentatoren zu bündeln. Pax / shalom / Friede!

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    @Michael Hesemann: Der Papst Pius XII nahm eine diplomatische Haltung ein. Gerade das Christentum kennt die Möglichkeit des Einsatzes von Gewalt gegen das Böse z. B. den Tyrannenmord. Im Jahre 1939 war erkennbar, dass Hitler seinen im Buch „Mein Kampf“ öffentlich geplanten Massenmord umzusetzen begann.

    -Am 12. Oktober 1939 : Deportation der ersten Juden aus dem Reichsgebiet nach Polen.
    -25. Oktober 1939 Schaffung des sogenannten Generalgouvernements

    Bereits der Papst Damasus 4. Jh sagte: „Die Bösen nicht zu plagen, ist dasselbe, als ob man ihnen hilft. Wer sich offensichtlichen Verbrechen nicht widersetzt, kann sich dem Verdacht einer heimlichen Duldung nicht entziehen“ Quelle: Dag Tessore: Der Heilige Krieg im Christentum und Islam

    Ich bin kein Pazifist, ich habe die Folgen des Handelns eines Hitlers und seiner Helfer gesehen, um so wichtiger ist es, sich nicht nur damit auseinander zu setzen, gegen wen man ist, sondern auch wofür man sich einsetzt.

    Ein einzelner Mensch hat gehandelt Georg Elser http://www.georg-elser.de/dok/index.html, eine ganze Kirche nicht.

    @Alt 68 er: Machen Sie den Sack wieder auf. Zur Erinnerung von mir die Lebensgeschichte von Elie Wiesel.
    Es dauerte nur wenige Minuten, und schon waren alle Familien auseinandergerissen. Männer und Frauen wurden getrennt. Ich konnte mich nicht einmal von meinen Liebsten verabschieden. Ich sah nur noch den roten Mantel meiner kleinen Schwester, den sie gerade erst geschenkt bekommen hatte. Quelle: „Schuldig sind nur die Schuldigen“ http://www.spiegel.de/panorama.....31,00.html

    @EJ: Das schlimme war/ist, dass ich mir bei meinem Mitläufertum zusehen konnte, dass ich es sogar benannt habe. Dafür gibt es keine Ausreden und kein Umdeuten.

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    Lieber Pfarrer Hartmann, nach unseren auch sehr ins Persönliche gehenden Unterhaltungen auf Facebook in der letzten Woche wundert es mich ein wenig, wie formal Sie hier auftreten. Ich bleibe dabei, dass Sie durch Weglassung entscheidender Elemente und Überbetonung anderer Elemente die Geschichte des christlichen Antijudaismus gefälscht haben. Ob mit Absicht oder aus Versehen, das mag der beurteilen, der das Herz sehen kann. Ich habe Ihnen, glaube ich, nicht unterstellt, die Seligsprechung Pius XII. zu unterstützen, aber das mögen Sie ggf. mit Herrn Hesemann ausmachen.
    Was Sie betrifft, Herr Hesemann: Sie sind bemerkenswert unkritisch gegenüber den Quellen pro Pacelli. Nach 1945 waren sowohl die Amerikaner als auch die Israelis bemüht, den Vatikan auf ihre Seite zu ziehen. Damals entstand die Legende vom katholischen Widerstand gegen die eine Form des Totalitarismus (den Nationalsozialismus), um das Bündnis mit den Katholiken gegen die zweite Form (den Kommunismus) zu rechtfertigen, beziehungsweise, um das Buhlen Israels um die Gunst des Vatikans (der damals Israel nicht einmal anerkannte und die arabischen Feinde Israels unterstützte) weniger opportunistisch erscheinen zu lassen. Auch SS-Zeugen sind unzuverlässig, war doch der Vatikan der wichtigste Helfer der SS-Leute bei ihrer Flucht aus Europa (vgl. Adolf Eichmann).
    In einer Zeit, da Kommunisten, Sozialdemokraten, Liberale und viele Christen wegen ihres tapferen Widerstands gegen die Nazis im KZ saßen, fehlte ein klares Wort des Papstes. Dass ein solches Wort möglich war, gehört wurde und Wirkung hatte, zeigt der nicht hoch genug einzuschätzende Einsatz der Kirche gegen die „Euthanasie“. Die Tatsache ist, dass Faulhber Recht hatte: die Masse der Katholiken in Deutschland hätte einen Einsatz für die Juden nicht verstanden, weil sie seit Jahrhunderten selbst einem virulenten Antijudaismus ausgesetzt gewesen waren. Pius kapitulierte nicht vor den Nazis, sondern vor dem Antisemitismus in der Kirche. QED.

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    @ Kerstin

    Ganz einverstanden mit Ihrer (Selbst-)Darstellung. So sind wir im Schnitt. – Wenn Sie damit aber eine Analogie liefern wollen, fehlt noch was: Sie müssen alles ausradieren und vergessen, was Sie geschrieben haben, und sich nachträglich als unwissend und Widerständlerin und Opfer und Heilige usw. usf. (und überhaupt und sowieso) darstellen. Dann erst passt’s. Über solche Wunder verhandeln wir hier.

    @ Stefan Hartmann

    Auch ich fand Alan Poseners Vorwurf an Sie zu hart. (Selbst-)Verteidigung ist legitim. Aber Sie (gegen den Vorwurf der Fälschingsabsicht etwa) in Schutz zu nehmen, ist dennoch insofern nicht ganz leicht, als dann nur noch bleibt, Ihre apologetischen Bemühungen als krude und abseitig zu klassifizieren. – Mal so von Katholik zu Katholik gefragt: Welches Bußbedürfnis hat Sie getrieben, sich den Mund zu verbrennen, statt ihn zu halten?

    @ Alt68er: in einen Sack stecken

    OK., der Einsvierundfufzig-Broder musste für seine Fernsehmacherei („tiefer gelegte“) Kinderkameras beim MDR ausleihen. Lernen Sie aber mal mich kennen. Dann werden Ihnen Ihre Sack-Träume ziemlich rasch vergehen.

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    Alan Posener schreibt: @ Blondi: Sie meinen, es gäbe keinen Antijudaismus in den Evangelien. Zum Nachlesen:…

    Was spricht gegen die These, dass das Christentum ohne Antijudaismus ebenso eine contradictio in adjecto wie das Judentum ohne Antichristianismus (letzteres wird in der Diskussion zu oft vernachlässigt)? Dabei handelt es sich um eine symbiotische Koevolution zweier antagonistischer jüdischer Sekten zu Weltreligionen, ihre verhängnisvolle Affäre. Ohne das Christentum wäre das Judentum nicht Weltreligion geworden, sondern eine idiosynkratische Volksreligion that dwell alone, die sich aus der (religiösen) Gastfreundschaft der Völker ausgeklinkt hat, geblieben, eher ein Gegenstand akademischen Interesses als Objekt einer gesteigerten pathologischen Wertschätzung der abendländischen Massen.

    Von außen gesehen sind die Positionen des blonden Hans und Alan Poseners zwei Seiten einer Medaille. Es wäre schön, wenn man den Pfarrer Hartmann, die seltsamen Katholiken derblondehans und EJ zusammen mit dem angeblich „atheistischen Anglikaner“ Posener, dem angeblichen „atheistischen Juden“ Broder und dem Hohepriester der neuen Zivilreligion, Elie Wiesel, in einen Sack stecken könnte und so lange darauf klopfen, bis aus dem grauenhaften Katzenjammer, der das Gemüt des Abendlandes verdüstert und seinen Geist verfinstert, wenigstens ein a capella Gesang geworden wäre; dann könnte man sie zusammen mit allen Verehrern des semitischen Wüstendämons (Prälat Inkamp), der ein eifernder Gott ist, der verlangt, dass es neben ihm keinen anderen Gott gibt (la ilahe ilallah) gibt, im Gelobten bzw. Heiligen Land absetzen, damit das Wort Johannes Paul II, das von Pfarrer Hartmann zitiert wird, in Erfüllung gehe, dass die Christen „sich eher als bezeugende Gestalt oder bezeugender Flügel Israels in und unter den Völkern erfassen können, bleibend auf Israel bezogen, mit Israel in die Welt ziehend, um schließlich mit der Welt nach Israel heimzukehren“. Kehret heim, lasst allerdings die Welt dort, wo sie ist, und eröffnet dort ein Reservat der monotheistischen Passionen!

    Ich weiß, das ist ein frommer Wunsch. Ich bin etwas skeptischer als die erleuchteten Geister Jan Assmann und Peter Sloterdijk, die auf eine Zivilisierung der Religionen, die auf der mosaischen Unterscheidung beruhen, hoffen.

  44. avatar

    Herr Posener,

    die Verpflichtung, Christus nachzufolgen, beinhaltet gewiss die Bereitschaft zum persönlichen Martyrium. Das wusste keiner so gut wie Pius XII., der jederzeit bereit war, sein Leben zu Opfern, wenn er denn andere dadurch gerettet hätte.
    Sie wollen Belege? Gerne:
    1. Seine Entscheidung vom Oktober/November 1939, mit dem deutschen Widerstand zu kollaborieren war nicht nur ein eklatanter Verstoß gegen die Lateranverträge und die darin zugesagte politische Neutralität des Vatikans, sie brachte auch den Papst selbst in Lebensgefahr.
    2. Wie wir aus den Eidesstattlichen Versicherungen des SS-Oberkommandanten für Italien, des Himmler-Intimus General Karl Wolff, den Akten der „Operation Rabat-Föhn“, Hitlers Tischgesprächen etc. wissen, hatte Hitler 1943 zunächst den Befehl erteilt, den Vatikan zu stürmen und den Papst nach Deutschland zu verschleppen; später wurde der Befehl dahingehend umgeändert, den Vatikan von als Partisanen verkleideten SS-Männern stürmen und von der Wehrmacht „befreien“ zu lassen; bei den „Kämpfen“ sollte Pius XII. ums Leben kommen. Dies sollte geschehen, sobald der Papst in der Judenfrage offen Stellung bezieht. Pius XII. erfuhr sehr früh durch seine Kontaktleute in der Militäropposition von diesem Befehl, man legte ihm nahe, nach Portugal zu fliehen; er stellte seinen Kardinälen frei, zu gehen, beharrte aber darauf, selbst in Rom zu bleiben und notfalls das Martyrium zu erleiden.
    3. Schon dadurch, dass er die Deportation der römischen Juden stoppte, riskierte er den Zorn der Nazis mit den oben geschilderten Folgen. Das kümmerte ihn nicht.

    Etwas anderes aber ist es, andere zu opfern. Die Entscheidung zum Martyrium muss immer individuell bleiben, nie darf ein Christ dabei in Kauf nehmen, dass Dritte, Unschuldige geopfert werden.

    Das aber wäre geschehen, wenn er Hitler offen angeprangert hätte. Hitler hätte einen Vorwand gehabt, die Kirche in Deutschland als „Kollaborateure der Juden“ zu zerschlagen. Nicht nur, dass das viele Opfer gekostet hätte – es hätte auch den Juden nicht genutzt, im Gegenteil, es hätte sie jener heimlichen Helfer beraubt, die so viele von ihnen versteckten, herausschleusten, falsche Taufscheine ausstellten, kurzum: retteten! Bei aller Bereitschaft zum persönlichen Martyrium – DIESES OPFER war moralisch nicht zu rechtfertigen, es zu bringen war für Pius XII. keine Option.

    War diese Strategie richtig? War seine Befürchtung gerechtfertigt? Das mögen Sie bezweifeln. Zeitzeugen aber wie Harold Tittman jr., der US-Gesandte beim Heiligen Stuhl während des 2. Weltkriegs, Robert Kempner, der Vertreter der USA beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess (ein Jude übrigens) oder Gerhart Riegner, Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, stimmten ihm zu: „Jeder Propagandaversuch der katholischen Kirche gegen Hitlers Reich wäre nicht nur provozierter Selbstmord gewesen, sondern hätte die Ermordung einer großen Zahl von Juden und Priestern ausgelöst“, stellte Kempner fest.

    Völlig zurecht kritisieren wir aus der sicheren Perspektive der Gegenwart das Verhalten der Katholischen Kirche nach der Machtergreifung Hitlers. Aber es war die Folge nackter Angst! Ich habe ja selbst im Vatikanarchiv den Briefwechsel zwischen dem damaligen Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli mit dem Nuntius Orsenigo und dem Münchener Kardinalerzbischof Michael von Faulhaber vom April 1933 gelesen. Denn damals war es Pacelli, der anfragte, ob „gegen die Gefahr antisemitischer Exzesse in Deutschland“ eine Intervention des Vatikans helfen würde. Die Antwort beider war abschlagend. „Eine Intervention käme einem Protest gegen ein deutsches Staatsgesetz gleich“, warnte Orsenigo und Faulhaber erklärte, für die Juden einzutreten „ist zur Zeit nicht möglich, weil der Kampf gegen die Juden zugleich ein Kampf gegen die Katholiken werden würde“ – es ging also um das nackte Überleben der Kirche, die mir Besorgnis beobachten musste, wie viele ihrer Mitglieder zu den Nazis übergelaufen waren und mit Unverständnis auf eine „Einmischung“ der Bischöfe reagiert hätte. Natürlich ist es legitim, diese Haltung, die Kapitulation der Bischöfe vor den Nazis, zu kritisieren. Doch es war keine Schuld Pacellis, der ja handeln WOLLTE, aber in einer solch heiklen Angelegenheit nicht gegen die Bischöfe arbeiten, ja diese opfern konnte. Umso dringender erschien es ihm, ein Konkordat auszuhandeln, um der Kirche für ihr Handeln eine Rechtsgrundlage zu verschaffen, was er dann auch tat; die Folge waren 55 offizielle Protestschreiben an das Auswärtige Amt!

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    @EJ: Jetzt habe ich auch noch den Vornamen von Herrn Schoeps weggelassen. Er heißt Julius H. Schoeps.

    Na, fangen Sie an oder soll ich es versuchen. Warum wird man Kommunist? Habe ich mich je so gesehen? Gab es nicht so viele positive Vorbilder, die ihr Leben gaben? Ein dabei sein wollen? Wir waren jung, wollten studieren und haben uns gegenseitig bestätigt, waren unter uns. Und meine Freundin? War sie nicht auch zunächst Teil dieses Denkens? Habe ich nicht vorher so viele Nachteile in Kauf genommen? Einsicht in die Notwendigkeit war immer das Stichwort, ich hatte gelernt, mich zu fügen, irgendwie immer einen Weg gesucht im Land der Einschränkungen. Natürlich habe ich nicht sofort alle Verbrechen der DDR gekannt und schon gar nicht das Ausmaß. Als ich unbedingt in der Sowjetunion studieren wollte, hat mir meine Mutter Konstantin Simonow „Man wird nicht als Soldat geboren“ auf den Tisch gelegt. Wieder lief ich durch Leichenberge. Stalin war ein Verbrecher, doch die Rote Armee hat uns befreit, so habe ich es gesehen. Und, derblondeHans hatten wir in der DDR nicht ein völlig anderes Geschichtsverständnis und ein eindeutiges Feindbild.

    Diese Systeme holen das Schlechteste aus dem Menschen, sie machen feige und korrupt. Auszeichnungen (Medaillen, Prämien) und Privilegien binden und machen abhängig. Gleichzeitig sind die Strafandrohungen umfangreich. Und will man die Familie enttäuschen? Nein.

    Einen Zugang zur Kirche, die ja eine große Rolle in der Wende spielte, hatte ich nicht, ich hatte mich ja entschieden. Alles war so verlogen und so funktionierte auch der Selbstbetrug. Man muss schon eine starke Persönlichkeit haben, um in einer Parteiversammlung etwas der allgemeinen Auffassung widersprechenden Aussage zu machen. Die Persönlichkeit, das ‘Ich‘, hatte man uns ja wegerzogen. Natürlich hätte ich im Westen bleiben können, aber ich wusste ja was den Zurückgebliebenen drohte.

    Oder, war alles viel einfacher? Angst vor den Konsequenzen eines Ausstieges.

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    Bevor der nächste Dienstag kommt und damit ein neues Thema für „starke-meinungen“ möchte ich – ohne rechtliche Zwangsmittel, die mir als einfachem Landpfarrer ohne Medien-Seilschaften nicht zur Verfügung stehen – in aller Deutlichkeit Klage führen gegen die diffamierende Überschrift „Pfarrer als Geschichtsfälscher“. Ich fordere Herrn Posener auf, dies hier zurück zu nehmen! Außerdem betone ich, dass ich an keiner Stelle meines Aufsatzes eine Seligsprechung Papst Pius XII. thematisierte oder auch nur in Erwägung zog! gez. Dr. Stefan Hartmann, Pfarrer

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