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Ernst Nolte, Thilo Sarrazin und die Struktur des Vorurteils

Aus Gründen, die hier zunächst nicht interessieren, habe ich mir wieder Ernst Noltes „Der Faschismus in seiner Epoche“ hervorgekramt; das Buch begründete bei seinem Erscheinen 1963 Noltes Ruf als Ausnahmehistoriker und ist nach wie vor lesenswert.  Verstörend freilich ist das Vorwort zur Ausgabe von 1995, in dem Nolte den Versuch macht, das Werk sozusagen in eine Gesamtschau seines Schaffens einzuordnen. Insbesondere versucht er hier noch einmal, die Genese jener Thesen vom „kausalen Nexus“ zwischen Gulag und Auschwitz und von der Nachvollziehbarkeit der eliminatorischen Juden-Phobie der Nazis nachvollziehbar zu machen, die im Zentrum des „Historikerstreits“ standen.

Weil mir scheint, dass Nolte hier in exkulpatorischer Absicht das Gegenteil erreicht und die Struktur des Vorurteils exemplarisch bloßlegt, will ich die entsprechende Stelle (Seite XII der Piper-Ausgabe von 1995)  hier ausführlich zitieren:

„Im ‚Faschismus in seiner Epoche’ hatte ich geschrieben, der Faschismus habe gerade als Faschismus in seiner extremsten Form jene Untat begangen, der in der Weltgeschichte nichts verglichen werden könne, ‚auch nicht der Terror Stalins gegen das eigene Volk und die eigene Partei’. Eine Aussage wie diese war 1963 keineswegs Gemeinplatz, und sie wurde erst später zu einem der linksliberalen Hauptargumente.“

(Richtig: 1963, im Jahr des Erscheinens von Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem“ beherrschte noch deren Totalitarismusthese die Köpfe auch und gerade der Linksliberalen; nach dieser These war der Massenmord nichts weiter als die logische Folge einer auf stetige ‚Bewegung’, sprich Radikalisierung, angewiesenen, sich verselbständigenden totalitären Maschinerie, deren „banale“ Rädchen Leute wie Adolf Eichmann waren. Ein Historiker wie Hans Mommsen neigt bis heute dieser Theorie zu.)

Aber weiter im Nolte-Text:

„Irgendwann zu Beginn der siebziger Jahre las ich dann David Shubs ‚Lenin’, und dort fiel mir ein Zitat aus einer Rede Sinowjews vom September 1918 ins Auge, das lautete: ‚Von den 100 Millionen Einwohnern Sowjetrusslands müssen wir 90 Millionen für uns gewinnen; was den Rest betrifft, so haben wir ihnen nichts zu sagen, sie müssen ausgerottet werden.’ Angesichts dieses Satzes ging mir auf, dass ich allzu voreilig eine allzu klare Unterscheidung zwischen dem ‚Terror Stalins’ und ‚Auschwitz’ vorgenommen hatte. Als Sinowjew seine Rede hielt, spielte Stalin erst eine zweitrangige Rolle, und selbst Hitler hatte weder damals noch später öffentlich die Ausrottung einer zweistelligen Millionenzahl von Menschen gefordert. War nicht vielmehr der frühe ‚rote Terror’ der fundamentale Tatbestand, die Leninsche ‚Klassenvernichtung’, und stand die spätere ‚Judenvernichtung’ dazu nicht in einer unübersehbaren Verbindung?“

(Hier werden bereits zwei disparate Gedanken zu einem einzigen verknüpft: nämlich erstens die Frage, ob der rote Terror nicht der „fundamentale Tatbestand“ sei, mit der Frage, zweitens, ob „Klassenvernichtung“ und „Judenvernichtung“ nicht miteinander in einem „kausalen Nexus“ stünden. Ein doppelter Taschenspielertrick. Denn erstens war auch die Radikalität der Leninschen Klassenvernichtung psychologisch wenigstens teilweise – ebenso wie die Radikalität der Rassenvernichtung – erklärbar aus den ungeheuren Menschenverlusten im Ersten Weltkrieg, dem „fundamentalen Tatbestand“ der Epoche: Wenn es den Generalstäben zivilisierter und teilweise demokratischer Länder möglich war, Abertausende zu opfern, um einen Hügel zu erobern, Millionen in einer Offensive zu verheizen, an deren Ende nur die Erhaltung des Status Quo stand – waren dann, um diesem Zustand ein für alle Male ein Ende zu bereiten, nicht sehr große Opfer berechtigt? Wer den – für die meisten Deutschen nur aus den Zeitungen bekannten – roten Terror zum alleinigen Vorbild und Auslöser für Auschwitz nimmt und den von Millionen Männern am eigenen Leib erlebten täglichen Terror des Kriegs – des eigentlichen „Zivilisationsbruchs“ – ausblendet, der will nicht erklären, sondern ideologisieren. Und zweitens folgt aus der Tatsache der Leninschen Klassenvernichtung der Bourgeoisie, des Kleinbürgertums und der Kulaken in keinster Weise logisch, dass man zur Vorbeugung weiteren Terrors die Juden vernichten müsse; allenfalls könnte man aus der Angst des deutschen Bürgertums vor einem solchen Schicksal den Terror gegen die Kommunisten – und die Entschlossenheit, die Sowjetunion zu vernichten – als nachvollziehbar hinstellen.)

Aber weiter im Text:

„Und war Georgij Sinowjew nicht ein Jude, wenngleich ein nichtorthodoxer und in gewisser Weise antijüdischer Jude? War am Ende jenes Verlangen Hitlers, anschaubare ‚Urheber’ ausfindig zu machen (…), vielleicht doch etwas mehr als ein ideologisches Postulat?“

Hier finden wir den Kern des Nolteschen Irrsinns bloßgelegt; die Struktur des in Vorurteilen befangenen Denkens, das auch in so mancher Phobie unserer Tage sichtbar wird. Die Logik des Irrsinns lautet: Sinowjew ist ein Massenmörder; Sinowjew ist „Jude“ (wenn auch „nicht orthodox“ und „in gewisser Weise antijüdisch“); also ist es „mehr als ein ideologisches Postulat“, wenn Hitler das „Verlangen“ spürte, alle Juden als potenzielle Massenmörder auszurotten. Das ist ungefähr so logisch, als wollte man sagen: Lenin ist Massenmörder. Lenin ist Russe. Also wäre es „mehr als ein ideologisches Postulat“, alle Russen – Männer, Frauen und Kinder, Revolutionäre und Konterrevolutionäre – auszurotten. Oder: Stalin ist Massenmörder. Stalin ist Georgier. Also… Oder: Hitler ist Österreicher… oder Arier … oder Katholik…

Sinowjew war eben genau so „Jude“, wie Hitler „Arier“ war; sein massenmörderischer Impuls war Ausfluss nicht seines Jude-Seins, sondern seiner leninistischen Ideologie, so wie Hitlers massenmörderischer Impuls nicht Ausfluss seines Arier-Seins war, sondern jener antisemitischen Ideologie, die er übrigens nach eigenem Bekunden lange vor der bolschewistischen Revolution aufgesogen hatte, nämlich während seiner Wiener Jahre. Es geht nicht darum, festzustellen, dass Sinojew ein „nichtorthodoxer“ Jude war (er war überhaupt nicht religiös); er war in der Tat doppelt „antijüdisch“, weil er erstens Atheist und zweitens Gegner einer „nationalen Befreiung“ der Juden im Rahmen der sozialistischen Revolution war, wie sie etwa die Bundisten vertraten. (Übrigens waren die Bolschewiki aus diesem Grund gerade bei den Juden Russlands unbeliebt. Von etwa 10.000 Parteimitgliedern am Vorabend der Revolution 1917 waren gerade mal 364 jüdischer Nationalität. Im ZK herrschte ein faktisches Quorum gegen Juden, und im Rat der Volkskommissare waren zwischen 1923 und 1930 von 23 Mitgliedern gerade mal fünf jüdischer Abstammung.) Es geht darum, festzustellen, dass Sinowjew und Lenin, Trotzki und Stalin, Juden und Nichtjuden, Anhänger einer verbrecherischen Ideologie und Mitglieder einer verbrecherischen Organisation waren.

All das ist Nolte bekannt und hätte Hitler (der vermutlich die von Nolte in einer obskuren Lenin-Biographie entdeckte Sinowjew-Rede nicht kannte) bekannt sein können. Aber der Punkt ist, dass Hitlers Juden-Phobie jeder konkreten Erfahrung mit Juden vorausgeht, auch wenn er in „Mein Kampf“ die Begegnung mit einem Ostjuden in Wien zur traumatischen Ur-Szene stilisiert, in der ihm klar wird, dass „der Jude“ etwas wesensmäßig Fremdes ist und niemals assimiliert werden könne. Hitlers Juden-Phobie ist eben irrational, sie ist ein „ideologisches Postulat“, das sich seine Beweise zusammensucht – in Bezug auf den Bolschewismus vermutlich via die „Protokolle der Weisen von Zion“ eher als durch das Studium von Sinowjew-Reden. Dass Sinowjew Jude war, wäre höchstens von Interesse, wenn Nolte (wie Hitler) tatsächlich meinte, es gäbe so etwas wie eine jüdische Essenz, die genetisch – oder meinetwegen „kulturell“ – vermittelt würde und sie besonders anfällig für Massenmord machen würde. Anders freilich kann man diese Noltesche Einlassung nicht verstehen.

Was uns zu Thilo Sarrazin bringt. Es ist ihm mit tatkräftiger Hilfe der meisten Medien (und einiger dummer Juden) gelungen, seine Auslassungen über ein angebliches „jüdisches Gen“ als im Grunde harmlose, wenn vielleicht verkürzte, Faktendarstellung zu verkaufen. In der von seinem Verlag – DVA – verbreiteten Erklärung nach Erscheinen des Interviews in der „Welt am Sonntag“ im August 2010 heißt es: „Ich bin kein Genetiker. Aber ich habe zur Kenntnis genommen: Aktuelle Studien legen nahe, dass es in höherem Maße gemeinsame genetische Wurzeln heute lebender Juden gibt, als man bisher für möglich hielt.“

So. Wieso hielt „man“ es bisher nicht für möglich, dass Leute, deren gemeinsame Vorfahren bis vor 2000 Jahren hauptsächlich in Palästina lebten (für Sarrazin „vor etwa 3000 Jahren im Nahen Osten“, aber rechnen war noch nie seine Stärke), „gemeinsame genetische Wurzeln“ haben? Wer ist „man“? Die Juden jedenfalls haben diesen ethnischen Zusammenhang nie geleugnet und allenfalls darauf hingewiesen, dass die regelmäßigen Vergewaltigungen ihrer Frauen durch christliche Nachbarn, durchziehende Kreuzzügler, plündernde Kosaken usw. zu einer gewissen Verwässerung des Genpools geführt haben könnten. Aber Sarrazin weiter: „Damit ist keinerlei Werturteil verbunden, damit ist auch nichts über eine wie auch immer zu verstehende ‚jüdische Identität’ ausgesagt.“

Hm. Im – von Sarrazin im Wortlaut autorisierten – Interview klang das doch anders. Da fiel die inkriminierte Äußerung eindeutig im Zusammenhang mit der Frage nach der Identität, nach dem Volkscharakter. Hier ist die Stelle:

Welt am Sonntag: Wer genau ist jenes „Wir“, von dem Sie im Buch sprechen?

Sarrazin: Die Identität eines Volkes oder einer Gesellschaft ist ja nichts Statisches, dennoch gibt es sie. Es gibt eine französische, deutsche, holländische Identität. Wenn es richtig läuft, wachsen Zuwanderer in solche Identitäten hinein, sie lösen sich aber irgendwann in dieser Identität auf, das Bild vom Melting Pot ist ja nicht falsch. Völker ändern im Laufe der Zeit ihr Gesicht, aber sie tun dies aus der kontinuierlichen Fortentwicklung ihrer Identität heraus. Es gibt über mehr als 1000 Jahre ein kulturelles Kontinuum der Entwicklung aus dem westfränkischen Reich in das heutige Frankreich und aus dem ostfränkischen Reich in das heutige Deutschland. Die kulturelle Eigenart der Völker ist keine Legende, sondern bestimmt die Wirklichkeit Europas.

Welt am Sonntag: Gibt es auch eine genetische Identität?

Sarrazin: Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden.

Welt am Sonntag: Wir haben also andere Gene als die Menschen hier im türkischen Café?

Sarrazin: Sie bringen mich nicht aus der Ruhe. Ich sage meine Dinge. Bis vor wenigen Jahrzehnten spielte Einwanderung für den Genpool der europäischen Bevölkerung nur eine geringe Rolle und vollzog sich überdies sehr langsam.

Es ist bemerkenswert, dass Sarrazin im Zusammenhang mit „genetischer Identität“ sofort auf „alle Juden“ kommt, nachdem er ein tausendjähriges „Kontinuum“ deutscher und französischer Kultur seit dem Frankenreich beschworen hat, das die „kulturelle Eigenart der Völker“ hervorgebracht habe (und von dem bis zum 18. Jahrhundert und vielerorts noch weit darüber hinaus die Juden ausgeschlossen waren).

In seiner Entlastungs-Erklärung vom 30. August schreibt Sarrazin weiter: „Die Frage, was aus möglichen genetischen Übereinstimmungen von Bevölkerungsgruppen zu schließen ist, ist völlig offen.“ Ach ja? „Völlig offen“? Dann hätte der Rassismus also womöglich doch eine genetische, wissenschaftliche Basis? Dann könnten der „Volkscharakter“ und die jeweilige „Kultur“ womöglich doch eine genetische Ursache haben? Dann wäre womöglich der Rassismus, der im Bolschewik Sinowjew zuallererst den Juden sieht, „mehr als ein ideologisches Postulat“?

Nolte und Sarrazin: Beide sind unfähig, den Antisemitismus für das zu erklären, was er ist: ein Vorurteil, eine Phobie; eine Konstruktion des Antisemiten, wie Jean-Paul Sartre gezeigt hat. Die Struktur dieser Konstruktion wird vielmehr an ihnen selbst exemplarisch deutlich.

27 thoughts on “Ernst Nolte, Thilo Sarrazin und die Struktur des Vorurteils

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    @milchmädchen
    verdammt noch mal. Ich finde es sehr bedauerlich, wenn nicht in der Lage ist, etwas, wenigstens für eine kleine Weile offen, in der Schwebe zu halten. Ist die Welt besser, wenn die Türen geschlossen, die Lager dicht sind? Machen Sie eine Milchmädchenrechnung.

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    Alt 68’er schrieb: es kommt mir weniger darauf an, ob jemand mal die eine oder andere “Feststellung” (Vor-Urteil) getroffen hat, sondern darauf, ob der Denkvorgang im Fluss, offen ist, Meinungen korrigierbar oder erweiterbar sind

    Das sehe ich auch so. Allerdings kann ich bei jemandem, der jahrzehntelang z.B. vom „Volk der Täter“ spricht, nur unkorrigierbaren Diffamierungswillen feststellen.

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    @ milchmädchen

    schauen Sie, es kommt mir weniger darauf an, ob jemand mal die eine oder andere „Feststellung“ (Vor-Urteil) getroffen hat, sondern darauf, ob der Denkvorgang im Fluss, offen ist, Meinungen korrigierbar oder erweiterbar sind, wenn sich jemand traut, sich selbst in Gefahr zu bringen. Darüber freue ich mich wie weiland Diogenes, wenn er einen Menschen gefunden hatte.

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    The Soviet Story ist ein interessanter Film, der die Zusammenarbeit von Gestapo und NKWD aufzeigt, auch die gegen Juden gerichtete:

    http://www.sovietstory.com/

    Es soll keiner glauben, die Nazis seien nicht orientiert gewesen über die Verfolgungen und den Terror in der Sowjetunion. Sie hatten Informationen aus erster Hand. Sogar Schulungen durch den NKWD gab es!

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    „Ein doppelter Taschenspielertrick. Denn erstens war auch die Radikalität der Leninschen Klassenvernichtung psychologisch wenigstens teilweise – ebenso wie die Radikalität der Rassenvernichtung – erklärbar aus den ungeheuren Menschenverlusten im Ersten Weltkrieg, dem „fundamentalen Tatbestand“ der Epoche: Wenn es den Generalstäben zivilisierter und teilweise demokratischer Länder möglich war, Abertausende zu opfern, um einen Hügel zu erobern, Millionen in einer Offensive zu verheizen, an deren Ende nur die Erhaltung des Status Quo stand – waren dann, um diesem Zustand ein für alle Male ein Ende zu bereiten, nicht sehr große Opfer berechtigt?“
    —————————————————–

    Dazu ergänzend:
    (nur schnell ergoogelt, weil nicht mehr im Kopf, wo erstmalig gelesen)

    http://www.netzeitung.de/ausland/334993.html

    Die Unterbindung weiterer Strafverfolgung hat nicht zuletzt den deutschen Diktator Hitler ermutigt, seine eigenen Großtötungen in Gang zu setzen: «So habe ich, einstweilen nur im Osten, meine Totenkopfverbände bereitgestellt mit dem Befehl, unbarmherzig und mitleidslos Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu schicken. Nur so gewinnen wir den Lebensraum, den wir brauchen. Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?» (22. August 1939 nach einer Mitschrift durch Abwehrchef Admiral Canaris).

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    Alt 68’er schrieb: suum cuique. Ich kann nicht nachvollziehen, dass Sie Alan Posener als völkisch denkendes Faschistengesindel diffamieren.

    Ach interessant, Herr Posener vertritt nach ihrer Aussage also auch die These vom Volk der Täter *den Verdacht mal notier* :D.

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    Der Vergleich mit Nolte kommt mir etwas gewunden vor. Soll über den Umweg mit dem Hitler-Interpreten der direkte Vergleich von Sarrazin mit Hitler umgangen werden?

    Es gibt übrigens Parallelpassagen in „Deutschland schafft sich ab“ und „Mein Kampf“ zu gleichen Themen, aber mit anderen Ergebnissen.
    Der sozialrevolutionäre Katholik Hitler lobte etwa das Zölibat des katholischen Klerus, weil dieses dazu zwinge, immer wieder Begabten aus allen Bevölkerungsschichten eine Chance im Priesteramt zu geben. Der platonische Protestant Sarrazin lobt hingegen die kinderreichen Ehen der protestantischen Priester, weil diese gewährleisteten, dass sich die Elite der Klugen fortpflanze und vermehre.

    Jeder dreht es so, dass seine eigene Konfession gut dasteht.

    Zu den angesprochenen Fragen empfehle ich noch Gunnar Heinsohns Büchlein „Warum Auschwitz? Hitlers Plan und die Ratlosigkeit der Nachwelt“, das alle Theorien abhandelt die Auschwitz erklären wollen. Heinsohns eigene Theorie stellt übrigens auf die Ethik der Juden als Grund für den Massenmord ab, nicht auf die ideologischen Verstrickungen einzelner.

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    @ KJN

    ich habe nicht das geringste dagegen, Vorurteilen entgegenzutreten, sie auseinander zu nehmen. Ich frage nur nach der Tauglichkeit der Mittel und Argumente.

    @ milchmädchen

    suum cuique. Ich kann nicht nachvollziehen, dass Sie Alan Posener als völkisch denkendes Faschistengesindel diffamieren.

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    @Alt 68er
    ich weiß bei Ihren Ausführungen immer nie, worauf Sie eigentlich hinaus wollen. Es geht doch – grob oder abstrakt gesagt – hier um Kritik der Sichtweise, Phobien und Handlungen etc. hier speziell des Ariers Hitler und des Juden Sinowjew auf ethnische Zugehörigkeit oder gar bestimmte Gene zurückzuführen?
    Nein, es ist nicht verboten die ethnische oder Genbrille aufzusetzen, daß aber etwas empfindlich darauf reagiert werden könnte, hat bekannte Gründe (falls Sie das meinen) – aber auch Gründe, die weniger benannt werden:
    Es bilden sich Vorurteile, die wissenschaftlich-methodisch unterfüttert werden und nachher als „Wahrheit“ gelten, und das ist kein Kunststück, aus der Vergangenheit zu folgern, daß das gefährlich werden kann.
    Kürzlich mußte ich rechts ‚ran fahren, um die Äußerungen einen dieser Neurobiologen in einem DLF-Radiobeitrag mitzubekommen (und den ich nicht unfallfrei ertragen hätte), der da ernsthaft die These vertrat, daß ein europäisches Gehirn aufgrund seiner „biologischen Struktur“ nicht in der Lage wäre, arabische Musik (die mit der „schrägen“ Vierteltonphrasierung) zu verstehen. Die „Überlegenheit der systematischen europäischen Harmonik, basierend auf den Tonsystem des wohltemperierten Klaviers“ würde sich ja im weltweiten Erfolg widerspiegeln oder so.. Gut daß noch ein Musikwissenschaftler mit dem Argument „Hörgewohnheiten“ etc. zitiert wurde.
    Also: Es geht Vorurteile, denen irgendwann wissenschaftliche Weihe erfährt. Ja, ich habe auch noch andere Sorgen. Derart biologistische Argumentationsweise ist sicher meist harmlos, aber wer, wenn nicht jemand, wie Posener oder andere bekannte Intellektuelle sollen ihre Zeit opfern, um auf solches aufmerksam zu machen. Ich zumindest bin dankbar dafür und entlohnt wird einem so was ja auch nicht. Und wenn jemand, wie Sarrazin, der sich nicht gerade (in seinen Äußerungen, anderes kann ich nicht wissen) als empathischer Menschenfreund erwiesen hat, die Genbrille anzieht, ist für mich der kritische Punkt erreicht. Es geht nicht allein darum was jemand sagt, sondern warum. Jedenfalls muß ich bei Leuten mit der Ausbildung von Nolte und Sarrazin von einer Absicht ausgehen. Das kann kein Versehen sein. Ich unterstelle Ihnen aber, Alt 68er, nicht Absichten, ich vermute, daß Sie von anderen – uneigennützigen – Obsessionen getrieben werden..

    Ach ja, Sarrazin hat ja eine so „überfällige“ Diskussion angestoßen! Find‘ ich auch: Die gleiche Gensequenz, die Symphonien komponieren lässt, kann den Kinderschänder konditionieren..
    Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!

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    Alt 68’er schrieb: Sie wissen, dass ich ein entschiedener Gegner einer Kollektivschuldthese bin, dass ich gegen den Begriff “Tätervolk” polemisiere.

    Ist es nicht eher angebracht, völkisch denkendes Faschistengesindel mit seiner offenkundigen Hetze und Nonsense-Propaganda einfach auszulachen?

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    Ich schätze sehr, wie Sie das für Sie Entscheidende auf verschiedenen Plateaus zur Diskussion stellen; man spürt, dass es für Sie um das Ganze geht, dass Sie mit „Herzblut“ kämpfen, man spürt aber auch eine gewisse Panik, dass Sie keinen Fingerbreit Terrain aufgeben dürfen, weil sonst der Abgrund droht (die Juden sind die causa prima des Bösen). Ich versuche jetzt, so präzise, wie es mir im Moment möglich ist, mich damit auseinanderzusetzen; entschuldigen Sie, dass es ein Ko-Referat wird; mit einer Kurzintervention kann ich das nicht.

    Wenn ich Nolte richtig verstanden habe, hat er versucht, die eliminatorische Judenphobie Hitlers und der Nazis psychohistorisch als Angst vor dem „jüdischen Bolschewismus“ „nachvollziehbar“zu machen, was nicht heißt, sie zu „exkulpieren“.

    Wenn ich Sie richtig verstehe, kämpfen Sie mit allen verfügbaren Registern gegen die Idenfikation von „Judentum“ mit dem „Bolschewismus“, den Sie als verbrecherische Ideologie kennzeichnen, bei der die ethnische Herkunft der Verbrecher (und ihrer fellow traveller) völlig irrelevant (ebenso, wie Sie ausführen, beim Nazismus) ist.

    Soweit so gut. Das könnte man so verstehen, dass alle Menschen, ein Jude wie ein Arier, des Terrors fähig sind, Sinowjew genauso ein Gemütsmensch und Fleischerhund ist wie Hitler, dass das mit ihrer ethnischen oder sonstigen Herkunft nichts zu tun hat. Verstehe ich Sie richtig (wenn ja, wäre dies nahe an der Position Martin Hohmanns, der weiland das florierende Gerede von einem „Tätervolk“ destruieren wollte)? Sie postulieren, dass Hitler zu dieser Einsicht hätte fähig sein können, wenn er eben nicht von einem Vor-Urteil, einem apriorischen Judenhass besessen worden wäre. Und Nolte werfen Sie vor, dass er thematisierte, dass Sinowjew jüdischer Herkunft ist.

    Ich gehe davon aus, dass es zur conditio humana gehört, dass wir uns der „Wirklichkeit“ immer nur mit Hilfskonstrukten, Vor-Urteilen nähern, wir allerdings immer unsere Baupläne der Wirklichkeit überprüfen und einer Falsifizierung aussetzen sollten; das m.E. Üble ist nicht das Vor-Urteil, zu solchen sind wir verdammt, sondern eine Haltung, dieses nicht mehr in Frage stellen zu wollen. Mit Ihrer Reanimation der Satreschen These landen Sie auf sehr glattem Eis. Ad hominem: Sartre hat ja wider die Erfahrung des auch ihm bekannten Terrors Stalin und die Sowjetunion gerechtfertigt. Nach Sloterdijk gehört er zu den schlimmen Trainern im letzten Saeculum. Die Satresche These heisst – überspitzt – dass es kein anderes Bild des Juden als das des Antisemiten gibt; damit – scheint mir – wird ihnen die Freiheit des Selbstentwurfs genommen, sie werden aus der geschichtlichen Verantwortung von actio und reactio entlassen, sie sind nie Hammer, immer Amboss der Geschichte, also das exemplarische Opfer. Dann bleibt nur die panische Entgegnung, Eurer phobisches Bild hat im Gegensatz zu allen anderen Phobien keine reale Grundlage, ist totaliter Projektion, Hysterie – das ist gefährlich nah an einem Bilderverbot, Du sollst Dir kein Bild vom Juden machen, am besten nicht erwähnen. Da erwähnt einer im Zusammenhang mit dem Bolschewismus Juden? Huch Alarm. Da spricht einer über die „Wallstreet“? Holla Feuermelder. Oder von „Hollywood“? Oiwawoi SOS. Ich meine, Juden waren in vielen Bereichen „Avantgarde“, überaus sichtbar. Über ihre Rolle und ihre Potenz, sei es im Bolschewismus oder an der Wallstreet oder in Hollywood nicht zu sprechen, wäre eine Mystifikation. Dann muss man auch mit wuchernden Phantasmen rechnen. Es dreht sich darum, die richtigen Proportionen zu finden, keineswegs will ich sie mit dem Bolschewismus, der Wallstreet, Hollywood identisch setzen. Warum sollten wir (partielle) Dominanz bzw. Macht nicht zur Kenntnis nehmen? Die ist ja nicht per se des Teufels Werk, sondern kann auch Gottes Beitrag sein.

    Ob es der Wahrheitsfindung dient, einen „fundamentalen Tatbestand“ im Sinne einer causa prima zu definieren, weiss ich nicht. Ihre Hypothese, dass die Grunderfahrung eher der erste Weltkrieg ist, wird auch durch Hitler unterstützt, allerdings verbindet er diese (traumatischen) Erfahrungen (gleich oder retrospektiv aus der Festung Landshut gesehen?) mit „marxistischen Führern“ und „hebräischen Volksverderbern“. In „Mein Kampf“ schreibt er im Schlußkapitel

    „Hätte man zu Kriegsbeginn und während des Krieges einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter unter Giftgas gehalten, wie hunderttausende unserer allerbesten Arbeiter aus allen Schichten und Berufen es im Feld erdulden mußten, dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen. Im Gegenteil: Zwölftausend Schurken zur rechten Zeit beseitigt, hätten vielleicht einer Million ordentlicher, für die Zukunft wertvoller Deutscher das Leben gerettet. Doch gehörte es auch zur bürgerlichen „Staatskunst“, ohne mit der Wimper zu zucken, Millionen auf dem Schlachtfeld dem blutigen Ende auszuliefern, aber zehn- oder zwölftausend Volksverräter, Schieber, Wucherer und Betrüger als kostbares nationales Heiligtum anzusehen und damit deren Unantastbarkeit offen zu proklamieren“

    Hier haben Sie die Rachephantasie eines wahren Menschenfreundes, die sich mit überschaubaren exemplarischen Zahlen (im Gegensatz zu Sinowjews monströsen 10 Millionen) begnügt, aber Sie können hier auch einen der ersten Bausteine für das Andenken der „Endlösung“ in statu nascendi sehen. Ob es von hier aus logisch zur Endlösung geht, ist eine andere Frage an die Geschichte. Dafür müßte man wohl ein Telos, eine Entelechie hypostasieren. Hitler hat ja bekanntlich an eine „göttliche Vorsehung“ geglaubt.

    Nochmals zu der Rolle der Juden im Bolschewismus. Ich empfehle die Kapitel 3 und 4 des 2ten Bandes „Zweihundert Jahre zusammen. Die Juden in der Sowjetunion“ von Alexander Solschenizyn zu lesen. Sind Solschenizyns Ausführungen weltfremd?

    „Das 20. Jahrhundert zeigt uns jedoch die Anerkennung der Juden als Volk, das in Israel Anker geworfen hat. Die Übernahme kollektiver Verantwortung durch ein Volk – für das russische gilt dies ebenso – und seine Fähigkeit zum Aufbau eines würdigen Lebens müssen aber Hand in Hand gehen.

    Ja, es gibt viele Gründe, warum die Juden zu den Bolschewiken liefen – und im Bürgerkrieg kamen weitere Gründe dazu. Wenn aber bei den russischen Juden das Gedenken an diese Phase weiterhin vor allem von Selbstrechtfertigung bestimmt wird, sinkt das Niveau ihres Selbstverständnisses oder wird verloren gehen.

    In derselben Weise könnten sich ja auch die Deutschen hinsichtlich der Hitlerzeit herausreden: „Dies waren keine echten Deutschen, sondern der Abschaum“, wir wurden nicht gefragt. Doch ein jedes Volk hat die moralische Verantwortung für seine Vergangenheit zu übernehmen – auch für die schmachvollen Seiten. Auf welche Weise kann es diese tun? Indem es den Versuch macht, zu begreifen: Warum hat man so etwas zugelassen? Worin lag unser Fehler? Könnte dies wieder geschehen?“

    Es ist klar, warum es keinen deutschen Alexander Solschenizyn gibt – und geben kann. Sie wissen, dass ich ein entschiedener Gegner einer Kollektivschuldthese bin, dass ich gegen den Begriff „Tätervolk“ polemisiere. Solschenizyns Ausführungen könnte ich allerdings voll und ganz unterschreiben. Relativiere ich damit, ist das antisemitisch?
    Wiedergutmachen kann man nichts. Vielleicht gelingt es uns gemeinsam, es besser zu machen.

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    @Strebel

    Ich verstehe Posener so, dass er sich historisch in Bolschewisten und Nazis hineinzudenken versucht um zu imaginieren, was aus deren Sicht berechtigt erschien. Das ist noch keine Rechtfertigung.

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    Alan Posener schrieb: Um nur die drei wichtigsten Gegner Deutschlands und österreich-Unganrns zu nehmen: Großbritannien war eine imperialistische Macht, Frankreich ditto,

    Imperialisten müssen sich nicht von Angreifern abschlachten lassen, es sei denn man ist ein Anhänger von Gedankengut a la Sinowjew. Auch hier braucht der Angreifer nicht konstruiert zu werden wie bei den Klassen oder Rassen des Sowjet- b.z.w. NS-Regimes.

    Aber unabhängig von der Frage der Kriegsschuld bleibt die Tatsache, dass auf allen Seiten Millionen in den völlig sinnlosen Tod geschickt wurden. Zu leugnen, dass diese Erfahrung etwas zu tun hatte mit der Radikalisierung auf der äußersten Rechten und der äußersten Linken, besonders in den Verliererstaaten Deutschland und Russland,

    Diese Kausalität finde ich nach wie vor an der Haaren herbeigezogen und zwar nicht nur weil, wie eben ausgeführt, die Verteidigungshandlung von Staaten nicht mit der Terrorisierung und Ermordung einer Zivilbevölkerung verglichen werden darf. Die massenmörderische Radikalität war dem Menschen von der Steinzeit bis ins 20. Jahrhundert zu eigen. Wegen der modernen technischen Mittel konnte diese Eigenschaft in den Weltkriegen und im NS- bzw Sowjet-Regime exzessiv ihren Tribut fordern. Ich sehe da eine durch den technischen Fortschritt bedingte Klimax von den neusteinzeitlichen Genoziden an ganzen Stämmen, der Versklavung b.z.w. Abschlachtung grösserer Teile der europäischen Bevölkerung durch Rom, über die Versklavung und Ermordung von Afrikanern und den 30-jährigen Krieg mit der Auslöschung ganzer Landstriche, der Abschlachtung der nordamerikanischen Urbevölkerung bis hin zu den Weltkriegen, den Gulags und den Konzentrationslagern.

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    @ Dr. Strebel: Den Ersten Weltkrieg als Überlebenskampf von Demokratien zu interpretieren, wie Sie es tun, halte ich für abenteuerlich. Um nur die drei wichtigsten Gegner Deutschlands und österreich-Unganrns zu nehmen: Großbritannien war eine imperialistische Macht, Frankreich ditto, und das zaristische Russland der Hort der Reaktion in Europa. Das entschuldigt Deutschlands „Griff nach der Weltmacht“ in keiner Weise. Aber unabhängig von der Frage der Kriegsschuld bleibt die Tatsache, dass auf allen Seiten Millionen in den völlig sinnlosen Tod geschickt wurden. Zu leugnen, dass diese Erfahrung etwas zu tun hatte mit der Radikalisierung auf der äußersten Rechten und der äußersten Linken, besonders in den Verliererstaaten Deutschland und Russland, scheint mir absurd, zumal auf beiden Seiten diese Argumentation, die ich wohlgemerkt paraphrasiert, nicht übernommen habe, benutzt wurde. Aber Sie wollen nur von meinem Hauptargument ablenken, nämlich davon, dass Nolte auf der Suche nach dem „fundamentalen Tatbestand“, der Auschwitz erklärt, eine Rede „des Juden“ Sinowjew findet, aber den Ersten Weltkrieg übersieht.

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    Alan Posener schrieb: Denn erstens war auch die Radikalität der Leninschen Klassenvernichtung psychologisch wenigstens teilweise – ebenso wie die Radikalität der Rassenvernichtung – erklärbar aus den ungeheuren Menschenverlusten im Ersten Weltkrieg, dem „fundamentalen Tatbestand“ der Epoche: Wenn es den Generalstäben zivilisierter und teilweise demokratischer Länder möglich war, Abertausende zu opfern, um einen Hügel zu erobern, Millionen in einer Offensive zu verheizen, an deren Ende nur die Erhaltung des Status Quo stand – waren dann, um diesem Zustand ein für alle Male ein Ende zu bereiten, nicht sehr große Opfer berechtigt?

    Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Hitler und die Sowjets verfolgten Menschengruppen wie z.B. konstruierte Rassen oder Klassen, ohne daß diese akut das Überleben des NS- oder Sowjet-Regimes gefährdeten. Die angegriffenen Demokratieen kämpften um ihr Überleben ohne daß sie die Angreifer erst konstruieren mussten. Die Angreifer waren ganz handfest einfach da und töteten. Die Willkürherrschaft der NS- oder Sowjet-Regimes mit dem Verteidigungskampf der Demokratieen im 1. Weltkrieg zu erklären, halte ich für grotesk-hanebüchenen Unsinn.

    Die konkrete Ausführung dieses Unsinns-Gedankens hier ist aber überdies noch in der von Milchmädchen kritisierten Weise ekelhaft, weil Sie, Herr Posener, rhetorisch eine Berechtigung zum Massenmord konstruieren. Nolte und Sarrazin halte ich im Vergleich zu Ihnen für harmlos auch wenn ich beide überhaupt nicht schätze. Die Wortwahl „ein für alle Mal“ zeigt jedem, wessen Geistes Kind Sie sind.

  16. avatar

    Sehr geehrte Frau Palmer, es ist höchst erfreulich, daß wir hier eine sog. „Hochkaräterin“ in Philosophie und Religionsgeschichte begrüßen können.
    Gerade hab ich mir – neugierig, wie ich nun einmal bin – eine Ihrer Arbeiten zum Monotheismus angeschaut, Assmanns Thesen waren auch für mich sehr interessant.

    Ihre Anwesenheit hier, könnte eine wertvolle, weitere Diskussionsgrundlage bieten.
    Ich hoffe sehr, Sie beehren uns öfters.

    LG Rita E. Groda

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    Nicht die Existenz des Judentums, sondern allein das Fortwirken des Antisemitismus zählt zu den unbewältigten Gegenwartsproblemen. Konkret ist der Antijudaismus als eine Erfindung der Nichtjuden zu verorten.

    „Der Jude ist der Mensch, den die anderen (die christlich majorisierte Gesellschaft) als solchen betrachten… Der Antisemit macht den Juden“. schrieb Sartre.

    Darüber hinaus lassen sich auch innerhalb der ‚Neuen Sozialen Bewegungen‘ judenfeindliche Tendenzen nachweisen: Friedensbewegung, Ökologiebewegung, christlich-feministischer Fundamentalismus, dem das Judentum als Inbegriff des Patriarchats gilt, das Jesus, dessen jüdische Herkunft verleugnet wird, angeblich als Feminist überwunden habe; New Age und Esoterik-Bewegung.

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    Dass der Antisemitismus ein Konstrukt ist, das mit den „Gegenständen“ der Phobie genau gar nichts zu tun hat, ist wirklich die verdienstvolle These Sartres.
    Und dies überall wo es noetig ist zu zeigen, ist verdienstvoll.
    Dass die rückhaltlose Bereitschaft zur Opferung von Menschenmassen schon in ersten Weltkrieg zu einer besonderen Hoehe gekommen ist, ist ebenfalls eine unentbehrliche Feststellung.
    Wichtig zu betonen, dass Sinowjews Ansage nicht durch den Idioten-Syllogismus, der hier sehr schoen bloßgestellt wird, zu erklären ist, sondern durch den in der Tat nicht viel angenehmeren Stumpfsinn der radikalen Bolschewiki.
    Bleibt die Frage, was man mit den verschiedenen positiven und negativen Konnotationen der Genetik künftig anstellen will, wenn man sie aus dem Knäuel der Phobie-Produktionen mal herausgefummelt hat. Schoene Grüße, GP.

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    @blaue Narzisse:Der Antisemitismus hat eine neue „Qualität“ bekommen. Bei Feststellung dieser Tatsache fällt es mir schwerer, als vorher, eine Parallelität zwischen Antisemitismus und Islamophobie zu konstatieren.

    Ist ein Muslim z.B. gut Deutsch, auf dem Boden der Verfassung stehen, nicht Bildungfern und auf dem Weg zur Aufklärung, gilt er als einer der „Guten“, der nicht weiter behelligt wird von diskriminierenden Vorurteilen.

    Bei einem Juden, bei gleichen Voraussetzungen sind die Vorurteile gravierender und weitgreifender. Ist einer Jude von Geburt, also mit jüdischer Mutter, selbst wenn Atheist, gibt es immer noch die jahrhundertealten Vorurteile, wie Geiz, Geschäftstüchtigkeit, höhere Intelligenz,Andersartigkeit usw..

    Ist ein Jude aber nach orthodoxer Weltsicht“kein Jude“, weil er nur einen Jüdischen Vater hat, ist er ebenfalls Vorurteilen sowie Spott und Hohn ausgesetzt.
    Bei der blauen narzisse kann man da z.B. lesen:
    “ Kinder, so glaubt mir doch:

    Väterlicherseits aus einer liberalen deutsch-jüdischen, mütterlicherseits aus einer englisch-schottischen Familie stammend…

    Er ist eben nach orthodoxer Sicht kein Jude, weil keine Judenmutter, deshalb weint er nachts leise vor sich hin. Dass er jüdisch sozialisiert ist und vielleicht sogar ne Rente als Holocaustüberlebender bekommt, steht auf einem anderen Blatt. DEN Makel kriegt er nicht weg.“

    Die Aufklärung ist noch auf der Suche in Deutschland, sowohl bei Christen, als auch Faschisten

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    Ergänzen sollte man noch neben den antikommunistischen und nationalistischen Ausprägungen des Antisemitismus noch den vulgärsozialistisch-antikapitalistischen. Noltes „kausaler Nexus“ zeichnet auf jeden Fall ein unvollständiges Bild. Wo mögliche Vorbilder für die Herrschaft und Monströsitäten Hitlers und Himmlers liegen, muss man allerdings schon fragen. Mussolini und die Sowjetunion gehören zweifellos dazu. Dieses Feststellen von Nachahmereien erfolgreicher totalitärer Regime liefert aber noch keine Rechtfertigung dafür, dass Hitler selbst ein totalitäres Regime errichtete.

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    Schwieriges Thema. Da Sie Nolte gerade frisch gelesen haben: Können Sie denn ausschließen, dass Nolte selbst die Vorurteilstruktur des Denkens Hitlers nicht erkennt? Die Aussage, dass Hitlers antisemitisches Denken nicht nur ideologisch war, lässt einen Auslegungsspielraum. Eben wie sie selbst erkennen, können ideologische Annahmen zusätzlich durch selektive empirische Beobachtungen angefüttert werden. Die Schlüsse des kollektiven Vorurteilsdenkens sind in der Tat monströs, aber sind sie sicher, dass Nolte ihnen aufsitzt?

    Zum Sarrazin-Interiew: Der Interiewer selbst lenkt das Gespräch auf eine genetische Identität, Sarrazin selbst tat dies nicht, er antwortete auf eine Frage. Warum ihm zunächst die Juden in den Sinn kamen? Dies könnte mit aktuellen wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Diskussionen zum Thema zu tun haben. Bekanntlich gibt es da diesen israelischen Historiker, der die gemeinsame Abstammung gerade in Frage stellte und auf Verbreitung des Judentums auch durch Missionierung verwies. Dem entgegen positionierten sich jüngst Genetiker mit ihren Erkenntnissen. Für mich sehen die von diesen gezeichneten Genkarten ja ziemlich chaotisch aus, aber sie sollen tatsächlich das gemeinsame genetische Erbe des Judentums belegen.

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    einleitend :
    http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Nolte

    Nachdem Sie also die Unfähigkeit der Herren N & S dargelegt haben, stellt sich mir aber nun die Frage, was ist denn ein Antisemit oder muss ich dazu erst Sartre auskramen ? Der Antisemitismus ist […] eine Konstruktion des Antisemiten, damit ist natürlich alles gesagt, so Ihr Fazit ?

    Ich habe, die Quelle dazu ist mir leider im Moment entfallen, einen interessanten Ansatz über ein wesentliches Merkmal jüdischer Kultur in Erinnerung. Im Kern ihres Wesens sei, (habe hier Probleme die PC-richtigen Worte zu finden) die jüdische Kultur zutiefst skeptisch. Dies hätte bereits damit begonnen, dass überspitzt gesagt, bereits dem Moses mit seinen gerade in Empfang genommenen Gesetzestafeln, ein tiefes Misstrauen entgegengebracht worden sei, wass man wohl nicht wörtlich nehmen sollte, sondern eher als gedanklichen Probierstein.

    Aus diesem Kern ließe sich einiges ableiten, was jedoch im Grundsatz immer konträr zu den „autoritär ausdifferenzierten“ Vorstellungen in der christlich geprägten europäischen Zivilsation stünde, die auf Vertrauen und (blindem ?) Glauben basierten. Die Motivationen, die Christen und Juden, und ich behaupte in gewisser Weise gleichermaßen, den „revolutionären“ Gedanken so interessant werden ließen in Folge des Zusammenbruchs der Monarchien in Europa nach dem 1. Weltkrieg und der damit verbundenen radikalen Politisierung, könnten jedoch völlig verschiedenen Ursprungs sein. Ich wage einen Versuch (zum Glück bin ich nicht Historiker), die geistige Offenheit und das Empfinden der neuen Dimensionen bei den einen, und bei den anderen die unbedingte Sehnsucht nach Ordnung und Autorität. Damit würde verständlich, wie aus diesem Wettbewerb um die Paradigmen des „Fortschritts“ verstärkt der Antisemitismus und speziell radikale „rechte und linke“ politische Ideologien in einer allgemeinen Gemengelage entwachsen konnten (Ansätze dazu gab es bereits früher). Heute jedoch Hobbyhistorikern oder Hobbygenetikern Maulkörbe zu verpassen, scheint mir wenig zielführend. Die politische Auseinandersetzung heute, hat eben nicht mehr Niveau wie zu allen Zeiten, und wird wohl Zeitgeist und Schicksal gleichermaßen bleiben.

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    Ein interessanter Artikel. Der Vergleich zwischen Sarrazin und Nolte ist interessant, auch wenn er Sarrazin „schmeichelt“ (immerhin war Nolte nachgewiesen ein Experte, wenn auch ideologisch verblendet). Dennoch finde ich es mutig, dass Sie diesen Vergleich gezogen haben und sich an der Entmythologisierung Sarrazins beteiligen. In Ihren Schlussfolgerungen über den Antisemitismus bin ich ganz bei Ihnen.

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    Au Backe, Herr Posener! … dort fiel mir ein Zitat aus einer Rede Sinowjews vom September 1918 ins Auge, das lautete: ‚Von den 100 Millionen Einwohnern Sowjetrusslands müssen wir 90 Millionen für uns gewinnen; was den Rest betrifft, so haben wir ihnen nichts zu sagen, sie müssen ausgerottet werden.’
    […]
    Denn erstens war auch die Radikalität der Leninschen Klassenvernichtung psychologisch wenigstens teilweise – ebenso wie die Radikalität der Rassenvernichtung – erklärbar aus den ungeheuren Menschenverlusten im Ersten Weltkrieg, dem „fundamentalen Tatbestand“ der Epoche: Wenn es den Generalstäben zivilisierter und teilweise demokratischer Länder möglich war, Abertausende zu opfern, um einen Hügel zu erobern, Millionen in einer Offensive zu verheizen, an deren Ende nur die Erhaltung des Status Quo stand – waren dann, um diesem Zustand ein für alle Male ein Ende zu bereiten, nicht sehr große Opfer berechtigt?

    So, so: Massenmord an einer ganzen Klasse vom Säugling bis zum Greis ist für Herrn Posener wird in einer rhetorischen Frage als rechtfertigbar dargestellt.

    Weder Herr Nolte noch Herr Sarrazin, die ich beide nicht sonderlich schätze, verzapfen solchen ekelhaften Unsinn. Die gefährlichsten Widerlinge in diesem Land sind nach wie vor die Schuldfaschisten, die mit massenmörderischen Argumenten Juden als Super-Opfer der Weltgeschichte darstellen wollen.

    Und das „ein für alle Mal“ klingt so richtig typisch nach Hitler. So reden weder Nolte noch Sarrazin, sondern die Schuldfaschisten.

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