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Schwarz-grünes Hexengebräu

Wenn man in Italien die Weihnacht gerade abgefeiert hat, freut sich der Volksglaube schon auf das Erscheinen der Hexe Befana, die zu Jahresbeginn auftaucht. Nach der heiligen Idylle sehnt die Volksseele sich schnell nach unheilvollerem, schwarz wie die Nacht, grün wie Galle.

Aus den Nebelschwaden des germanischen Winters tauchen in der politischen Fantasie Wesen auf, die die Männerwelt mit Furcht und Schrecken erfüllen werden. Ein Gruselmärchen für Rüttgers, Beck und Wowereit. Drei Hexen werden 2010 die politische Landschaft verändern. Mit einem neuen Zaubertrunk, der verrührt, was bisher als Feuer und Wasser galt: Schwarzes mit Grünem.

Beginnen wir mit der Hauptstadt Berlin, die sich rot-rot regiert findet, durchaus in Entsprechung zu einer nach wie vor geteilten Stadt, neuerdings ohne Mauer. Renate Künast von den Grünen wird dem amtierenden Sozi Klaus Wowereit bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus die Stirn bieten.

Sie will Regierende Bürgermeisterin werden, und dazu soll nicht der dritte Kandidat, Gregor Gysi, den Steigbügel halten. Ein Wahlerfolg der Grünen könnte die rot-rote Mehrheit kippen; eine Koalition der Grünen mit den Konservativen könnte die Berliner CDU aus der Sackgasse befreien, in die sie sich mit und nach dem reaktionären Diepgen manövriert hat.

Anderen Westimporten wie dem blasierten Friedbert Pflüger ist das trotz Vorschusslorbeeren nicht gelungen. Die Rechtsanwältin aus dem Ruhrpott kennt Berlin seit über dreißig Jahren, von der Junkie-Betreuung im Knast zu Tegel über die Fraktion im Landesparlament, ein veritables Bundesministerium bis hin zum Fraktionsvorsitz der Bündnis90/Grünen im Bundestag.

Künast hat, was insbesondere Berlinern imponiert, und mein Taxifahrer „Revolverschnauze“ nennt. Und sie ist ein Frauentyp aus eigenem Vermögen, jenseits der Rollenklischees, weder Blaustrumpf wie Bundesministerin Schavan noch jener Girlietyp, der mit Bundesministerin Köhler Einzug in die Politik hält.

Künast ist abgebrüht, ein „political animal“, sie könnte das. So würde also ein abgewählter Wowereit für die Bundespolitik frei, als nächster Kanzlerkandidat der SPD. Und tschüss.

Das Unheil, das die Berliner Roten schon 2010 treffen kann, zeichnet sich für Kurt Beck jetzt nur mehr ab, bevor es ihn 2011 dann mit voller Wucht ereilt. Gegen den Pfälzer von Kohlscher Statur tritt jung und frisch Julia Klöckner für die Union an. Fast zwanzig Jahre jünger als Künast vertritt sie eine Generation von Politikerinnen, die intellektuell völlig ungebrochen sind.

Ihr geht Lobbyismus wie Populismus wie Karrierestreben derart burschikos von der Hand, dass sich nachdenklichere Generationen entwaffnet fühlen. Durch Spin Doktoren lässt sie sich in Talkshows per Twitter auf dem Laufenden halten: „Der Typ, der neben Dir sitzt, ist das allerletzte.“, erreicht sie bei „Hart aber fair“. Weinkönigin war sie und Lehrerin für katholische Religion und jetzt Verbraucherschutzexpertin.

Sie gehört dreißig Vereinen gleichzeitig an. Man darf sie zu den stämmigen Frauen zählen, die Männer „patent“ finden, was eine bürgerliche Formulierung für die Berliner „Betriebsnudel“ ist: „Nah bei de Leut“ heißt das in der Pfalz. Sie wird damit dem Provinzfürsten Beck die Mehrheit nehmen und eine neue finden. Man rate, wo. Der Pfälzer Riesling muss dann mal einem schwarz-grünen Cocktail weichen.

Der dritte Hexenschuss gilt Jürgen Rüttgers, Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen. Im Kabinett Kohl wusste er sich „Zukunftsminister“ zu nennen, jetzt will er als „Arbeiterführer“ an Rhein, Ruhr und Lippe gelten. Er hat jenen Herz-Jesu-Marxismus auf den Lippen, der der ideologischen Heimat der Julia Klöckner nicht fern ist: katholischer Familialismus mit der nötigen Provinzialität als Ausweis der Heimatliebe.

Rüttgers ist ein integrer Mann ohne jeden politischen Erfolg, ohne jede wirtschaftspolitische Kompetenz. Ob Siemens, Nokia oder Opel, vor jeder Kamera zischelt er tröstendes und verdient sich den Spott der Diplom-Ökonomin Hannelore Kraft, kluge Chefin der SPD. Kraft ist ein studiertes Kind aus dem Revier mit Londoner Elitegeruch, also eine Frau souveräner Intelligenz.

Wo Künast zetert, Klöckner sich anbiedert, da argumentiert sie. Sie argumentiert mit Männern, die ihr erkennbar unterlegen sind. Das wird ihr keine populistische Welle bringen, aber Schwarz-gelb in NRW die Mehrheit kosten. Dann wird sie, tragisch wie der Geist, der stets das Gute will und doch das Böse erreicht, die Union und die Liberalen in eine Koalition mit den Grünen drängen.

Wie im Revier an der Saar, wo Peter Müller schon Jamaika lebt, wird im Ruhrrevier dann auch das allzu bunte Fähnlein wehen und SPD wie Linkspartei auf die Oppositionsbänke verweisen. Die Grünen sind zu nichts in der Lage, aber zu allem bereit.

Was also bringt uns das Hexengebräu aus Schwarzem und Grünem? Man weiß es nicht. Mit Cocktails sollte man immer vorsichtig sein. Meine Vermutung ist, dass das Hexengebräu an den Zaubertrank des Obelix, der unbesiegbar macht, nicht so recht ran kommt. Ich bleib auch Sylvester bei Weißwein aus der Pfalz; ich hab’ da noch `ne Kiste von Julia.

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2 thoughts on “Schwarz-grünes Hexengebräu

  1. avatar

    Wie C.Bernhold, moechte ich sagen: “Der kann schreiben!”. Von den beiden Amerikas gesehen: 1. Die Hexerei in der Politik: Im politischen Kampf der Karibik wird schon doch manchmal gemunkelt, dass ein Politico sich Unterstuetzung von einen Orischa des Vudu gesucht haette. Auch in Mexiko wird hier und dort – eigentlich mehr als Witz – gemeint – dass der Kandidat den Catamaco-See besucht haette… Lago Catamaco im Staat Veracruz ist in der gespenstigen Gegend der “Tuxtlas” – wo schon vor der Ankunft der Europaer die Hexerei ein Gewerbe war. Wenn am fruehen Morgen der Uebernacht-“Executivo”-Bus, von Villahermosa nach Veracruz, hoch auf dem Bergkessel des Sees, fuer das Fruestueck eine Pause einhaelt, – dann sieht man tief hinunter in den glatten, dunkelen See, welcher von dem mit Urwald ueberzogenen Bergkessel umringt ist: Da spuert man -“hier ist irgend etwas gespenstisches in der Umgebung”. Im Maerz jedes Jahren treffen sich dort alle Hexen und Hexenmeister von Mexiko. Aber im ganzen Jahr kann man dort einen “Brujo” aufsuchen und eine “Reinigung” erwirken. 2. Meine Analyse der Deutschen – gesehen hier in DW TV USA: Die Frauen sind intelligenter als die Maenner. Ueberhaupt, der deutsche Mann – als Turist und im DW TV – leicht “verdummt” durch die “Amerikanisierung” (Das erotische Wesen im Leben des deutschen Mannes: Mein Auto. Sein “Traum” – ein cooler Amischlitten!).Drei deutsche Frauen sahen die wirkliche USA in voller Enthuellung: Und da moechte ich heute ein Denkmal setzen fuer diese drei deutsche Frauen welche ich in USA als platonische Freundinen kannte (Solamente adoro latinas…). 1959, E. -mitte Zwanzig, arbeitete in der Modebranche in Los Angeles und dann sagte sie zu mir: “I am not going to stick around here and work my tail off!” Mit anderen Worten – sie sah die nuechterne Zwecklosigkeit sich abzurackern nur um in USA zu wohnen. Sie began eine lebenslange Laufbahn als Reiseleiterin, erst in Suedostasien, dann in Suedamerika – damals als das Reisen noch eine Kulturgepflogenheit war. B.auch Mitte zwanzig, kam nach USA um die Sprache zu lernen und arbeitete ein Jahr als Dienstmaedchen in hoeheren Haushalten – und auch um die maennliche Fauna zu erkunden. Ihre Einsicht, 1973: Sie arbeitete fuer die Familie eines Bankleiters mit schoenen, grossen Haus in besserer Gegend. Doch B. erkannte die Oede des USA Lebens und bemerkte: “Mir tun die armen Schweine leid, die sind dort in der Falle.” Danach setzte sie ihre Abenteuerreisen in andere Laender fort. G. war Mitte vierzig, geschieden von einem wohlhabenden American, dann verheiratet mit einem anderen Wohlhabenden mit welchem es auch nicht funktioniert. Ihr Traum:”Zwei Koffer und dort leben wo du willst.” Die Intelligenz und die Weisheit der deutschen Frau!

  2. avatar

    Na, also..
    es geht doch auch so, lieber Herr Kocks. Das ist ein Beitrag, in welchem mit Florett und Stilett gefochten wird.(nicht wie im Vorigen mit Machete und Axt geholzt) Da liest man gerne mit und schmunzelt kopfnickend an mancher Stelle über gelungene Aperçus.
    Wenn dazu noch die – aus meiner Sicht – zutreffenden Analysen dabei sind …
    Alles Gute für 2010 in der Hoffnung auf viele ähnliche Artikel.

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