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Wir brauchen ein Bildungs-BIP!

Wenn Kanzlerin Angela Merkel die Ministerpräsidenten nachher gleich zum Bildungs-Gipfel empfängt, stellt sich bei vielen ein Gähnen ein. Schon wieder ein Bildungsgipfel? Schon wieder vollmundige Ankündigungen, die erst in vielen Jahren verwirklicht werden sollen?

Um diese Vorwürfe ein für alle mal aus der Welt zu schaffen, braucht es im Bildungsbereich eine Kennziffer wie das Bruttoinlandsprodukt. Sie muss den Fortschritt messen, der auf diesem für die Zukunft des Landes wichtigsten Politikfeld gemacht wird. Wie heilsam dies wirken kann, zeigen uns die Pisa-Ergebnisse.

Die Pisa-Zahlen der OECD sind gut und nützlich, kommen aber zu selten. Die aktuellen Bildungs-Kennziffern des Landes müssen mindestens einmal jährlich abzurufen sein,vielleicht sogar halbjährlich.

Wie sie konstruiert werden, mögen Zahlenexperten entscheiden. Was aber gemessen wird, sollte auf der Hand liegen: Die Quote der Schulabbrecher (die mittelfristig null sein muss); die Quote der Abiturienten (je höher, desto besser); die Quote der sozial benachteiligten Kinder (bspw. gemessen an Hartz IV-Bezug oder Migrantenhintergrund), die aufs Gynmasium oder den Gymnasialzug der Gesamtschulen wechseln (je höher, desto besser) und eventuell die Quote der ausgefallenen Schulstunden je Schule (die mittelfristig null sein sollte).

Das alles kann auf kommunaler Ebene, für jedes Bundesland und schließlich auch für Deutschland insgesamt berechnet werden. Es macht die Schulen vergleichbar – und die Bundesländer endlich auch.

Bildungsexperten werden nun stöhnen, dass dies niemals ausreicht, die Qualität der Bildung zu messen. Sie haben Recht, natürlich. Beim Bildungs-BIP allerdings geht es um einen Indikator, der kurz, knapp und intuitiv eingängig sein soll. Je mehr Teilkomponenten er hat, desto unverständlicher wird er für die Öffentlichkeit.

Es muss hier also eine Abwägung zwischen  Ausführlichkeit und Öffentlichkeitswirkung gemacht werden. Da der Zweck des Indikators ist, aufzurütteln und Mißstände intuitiv sichtbar zu machen, würde ich bei dieser Abwägung immer für letzteres plädieren.

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4 Gedanken zu “Wir brauchen ein Bildungs-BIP!;”

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    Also man versteht schon in D. – etwas stimmt nicht mit der „Bildung“. Das habe ich hier in den Amerikas (beiden) schon seit Jahren bemerkt: Im Allgemeinen macht der D. (besonders die Maenner) einen stumpfen Eindruck: Der D. interessiert sich nicht fuer die fremden Kulturen und hat keinen Drang zum „Wissen“. Beispiel: Ein tropischer Strand in der Karibik – mit Euros. Der Belgier will von dem Strandverkaufer alles ueber die sozialen und wirtschaftlichen Verhaeltnisse wissen, der Franzose inzeniert elegante Fotoposen mit einheimischen Damen, der Italiener ist schon verliebt und verlobt in eine Einheimische, – die Deutschen aber sitzen in ihren Stuehlen und blicken stur auf ihre Zeitschriften von D. – sie hoeren keinen Wellenschlag, die Karibikmusik finden sie unpassend, das Rascheln der Palmenwedeln stoert sie vielleicht auch, die dramatischen Wolkenburgen am Horizont ueber dem Meer bleiben ihnen verborgen. Auch „wissen“ sie schon alles ueber das Land – so ist neue Einsicht ueberfluessig. Meine Diagnosis: Dem D. (von heute) fehlt der „Drang zum Wissen“, er ist oberflaechlich (Amerikanisierung), und auch etwas „socially autistic“ – er verbleibt stur bei seiner Haltung und kann sich nur schwer wirklich in andere Kulturen einfuegen. Auch ist der D. etwas einfaeltig. Seht mal her: Es gibt schon einen Allgemeineindruck welchen die Buerger einer Nation in anderen Laendern erwirken: Z. B. in USA, wo man im Leben viel mit verschiedenen Abkuenften Ehrfahrungen macht – gibt es einen Spruch ueber eine europaeische Nationalitaet (nicht die D. aber nahe..) „the dumb ….“. Und das kann man vollkommen als gueltig in der USA Wirklichkeit erkennen – von den „dumb ….“ ist selten jemand bekannt als Bemerkenswert. In Brasilien hat man auch eine Meinung ueber eine noch andere europaeische Nationalitaet – „o bobo …….“ – und das ist auch in der Wirklichkeit erkennbar. Wahrscheinlich ist etwas nicht in Ordnung mit der heutigen Alltagskultur in D. – wahrscheinlich teilweise die allgegenwaertige Amerikanisierung (Abstumpfung). Was ich von „Kultur“ in D. in der DW/USA sehe ist grausam – diese ganze einfaeltige, komische Berlin-Artistic-Scene…. Ich lebe im Suewesten der USA, in einer Stadt mit viel internationalen Turismus – und nur beim Spazieren spricht man manchmal mit fremden Besuchern: Die Chinesen und Inder hoeren wissenbeflissen auf alles ueber die Kulturgeschichte der Region. Auch der U.S.American hoert sich einiges an. Wenn ich D. hoere drehe ich sofort ab in eine andere Richtung – viele Jahre von Erfahrung haben mir beigebracht: Mit dem D. kann man keine Unterhaltung erhalten: Sie wissen alles schon (schon im Hollywoodfilm gesehen !), und fuer lokale Kultur gibt es sowieso keine Interesse oder Zeit. D. braucht keinen „Bildunggipfel“ sondern einen „intercultural psychiatrist“ welcher die Psyche analysiert und eine Therapie vorschlagen koennte.

  2. avatar

    Frommer Wunsch!
    War es doch 2005 schon so, dass sich die LehrerInnen nach den schlechten PISA-Ergebnissen keiner Überprüfung durch die OECD stellen wollten. Seinerzeit plädierte nämlich die Vor-ab-Kommission für eine konstante „Kultur der Leistungsüberprüfungen“- aus Sicht der Kultusminister offenbar eine allzu bedrohliche Aussicht. (siehe link)
    http://www.spiegel.de/unispieg.....23,00.html
    Ich glaube, dass es hier schlicht an echtem Willen fehlt. Da nutzt auch der 180. Bildungsgipfel nichts.

  3. avatar

    Die Idee, ein Bildungs-BIP zu messen, ist nicht schlecht. Sie ist geeignet, zahlreiche Mängel „objektiv“ zu messen und zu deren Beseitigung zu zwingen.

    Aber, natürlich, Sie wissen das so gut wie ich, Frau Heckel, trifft auch ein Bildungs-BIP nicht den Kern des Problems. Unser Problem ist ja schon, dass aus der Sicht von mehr als 50 Prozent der Bevölkerung der Bildungs-Gipfel ganz falsch bezeichnet ist. Und dass von den mehr als 50 Prozent, die das meinen, wiederum die Hälfte ihren Einwand nicht mal formulieren kann. Weil ihr die dazu nötige Bildung fehlt.

    Der weit überwiegende Teil der Bevölkerung will Ausbildung und nicht Bildung. Man will nicht irgendwie etwas wissen und rumlabern, man will etwas Bestimmtes können. Der kleine gebildete Teil der Bevölkerung weiß natürlich, woran das liegt. (An der nirgendwo auf der Welt so scharf und tief wie in Deutschland gezogen Grenzlinie zwischen Natur- und Geisteswissenschaften.) Aber das ist nicht mitteilbar, weil die andere Seite – qua Bildungsmangel – nicht versteht.

    Im Bereich der humanities sind unsere Schulen (noch immer) und waren bis vor kurzem unsere Universitäten hoch entwickelte Bildungseinrichtungen, Schonräume, sandboxes, in denen experimentiert und probiert werden kann bzw. konnte. Grundlegende Fähigkeiten werden bzw. wurden im Spiel, nach dem Spielprinzip gelernt. Auf der Seite der naturwissenschaftlichen Schul- und Universitätsfächer fehlt das Spiel, die sandbox, völlig oder jedenfalls über weite Strecken. Die Lehre der naturwissenschaftlich-mathematischen Fächer geht an der Lern-Konstitution kindlicher und juveniler Primaten nahezu völlig vorbei. Jenseits der frühen Grundschule ist mathematisch-naturwissenschaftliches Spiel erst wieder in den höchst entwickelten Grundlagenwissenschaften anzutreffen, dort freilich voll entwickelt, ohne dass jedoch von dort wieder der Weg zurück zum Unterbau, zurück in die Schule führte.

    Während bislang (und schlimm genug) diese Art der deutschen Teilung sich „nur“ reproduzierte, werden inzwischen, dank global dynamischer Technik-Entwicklung, die mathematisch-naturwissenschaftlichen Anforderungen und in Relation dazu die Ausfallquoten immer höher, die Ausfallquoten auch insofern, als die humanities sich zunehmend in die Ecke des Überflüssigen gedrängt fühlen.

    Mit einem Wort: Solange unsere Ingenieure sich nicht ein bisschen Bildung zulegen und begreifen, dass im Ernst nur im Spiel für den Ernst gelernt werden kann, sieht die Sache schlecht aus. (Faktisch-politisch, übrigens, sieht die Sache deshalb schlecht aus, weil unsere – ministerialen – Juristen längst zu Ingenieur-Ideologen geworden sind. Gerade Juristen waren in der deutschen Tradition nicht immer so stumpf ungebildet. Was freilich nicht daran hinderte, ziemlich katastrophale Folgen zu zeitigen, und ihnen offenbar die Zuflucht zur Verblödung angeraten erscheinen ließ.)

    Das Land der Dichter und Denker – in die Hose gegangen. Das Land der Juristen und Ingenieure wird vielleicht anders, aber nicht minder katastrophal enden. Wir können uns jeden Bildungs-Gipfel sparen, solange wir nicht bereit sind, ungeteilt flächendeckend zum Lande der Kinder, ungeteilt flächendeckend zum Lande der spielenden Kinder zu werden.

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