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Wohlfeile Gedenktage, die abgenudelt werden – und einen wichtigen, der vergessen scheint

So, so, lieber Helmut Kohl, die Wiedervereinigung des deutschen Vaterlands haben die Menschen im Osten gewollt. Der alte deutschnationale Traum fand durch Sie, Gorbatschow und Bush sen. seine Erfüllung?  Das ist eine billige Geschichtsklitterung. Die Wahrheit ist: Die maroden postkommunistischen Diktaturen sind in ganz Mittel- und Osteuropa aus Altersschwäche in sich selbst zusammengefallen. Und die Deutschen waren nicht vorne weg. Zentralverwaltungswirtschaften funktionieren einfach nicht. Regime, die die Menschen vor sich selbst beschützen wollen, halten nicht. Mit Deutschnationalem hat das alles rein gar nichts zu tun. Zwanzig Jahre Mauerfall, allgemeine deutsche Volksbetörung und Neuauflage der alten Lebenslügen: Man kann es langsam nicht mehr hören.

Kommen wir mal zu den wirklich wichtigen Gedenktagen: Wir begehen in wenigen Tagen den vierzigsten Jahrestag von Altamont. Wir erinnern uns an den Tod von Meredith Hunter. Sein gewaltsames Ende markiert den Tod eines Traumes vom besseren Menschen. Das ist für meine Generation so bedeutungsvoll wie die Attentate auf Rudi Dutschke, Robert F. Kennedy oder Martin Luther King, die zuvor geschahen. Wir sahen vor vierzig Jahren hier eine historische Serie; was eine unzulässige Verallgemeinerung ist, aber nicht ohne Berechtigung. Unser Glaube an das Gute in allseitiger Liebe und jedermanns Friedfertigkeit ging zu Bruch. Der unselige Rocker der Hell’s Angels, der damals Meredith Hunter abstach, hat Geschichte geschrieben. Wer war Hunter, was war Altamont? Wo war die historische Lektion?

Altamont war, obwohl fast vergessen, die bedeutendere Schwester des weltbekannten Woodstock. Die Hippie-Kultur feierte Urstände auf dem „Woodstock Music and Art Festival“ im August des Jahres 1969. Blumen im Haar statt Napalm auf Vietnam. Von freier Liebe und ewigem Frieden träumte eine Generation, die der Vietnam-Krieg wachgerüttelt hatte; so hieß damals das Afghanistan der USA. Die Lieder und Bilder aus Woodstock wurden zu den Leitmotiven einer Generation, die ihre Lebensweise als Kulturrevolution begriff. Zwischen haschischgeräucherten Zelten und buntbemalten VW-Käfern griffen Sex, Drugs and Rock `n Roll platz: give peace a chance. Wer das singen konnte, war ein besserer Mensch. Der Hippie-Traum währte kein halbes Jahr.

Die Rolling Stones wollten hinter dem Woodstock-Paradies im Staate New York nicht zurückstehen und planten ein Gratis-Konzert in Altamont,  Kalifornien. Auf einem kahlen Hügel an einer Rennbahn sollten 300.000 Fans den Rausch der „counterculture“ erleben dürfen. Die Ordnungsdienste hatte man den örtlichen Rockern, den Oakland Hells Angels, übertragen, gegen eine früh ausgezahlte Gage in Form von Freibier im Wert von 500 Dollar. Die Jackenjungs sollten die Generatoren für die Verstärker beschützen, mehr nicht. Man war alternativ und spontan in diesen Tagen: Ohne Sanitäranlage, ohne Lebensmittelversorgung, auf einer niedrigen publikumsnahen Bühne erlebten die Bands den sich aufbauenden Furor einer bösen Menge. Der Mob wollte Blood, Sweat & Tears. Die Idylle von Woodstock roch hier in Altamont nach Progrom. Mick Jagger hat seine seither notorische Angst in einem Satz zusammengefasst: „Wäre Jesus da gewesen, sie hätten ihn gekreuzigt.“

Die betrunkenen Rocker schlagen mit Baseballschlägern auf übermütige Fans ein; Bier gegen LSD und Speed. Der junge Meredith Hunter, noch heute in den Filmaufnahmen gut an seinem grünen Anzug zu erkennen, zieht plötzlich eine Pistole. Man soll ihm einen Koks-Rausch angesehen haben. Alan Passaro von den Hells Angels zieht ein Messer und sticht ihn ab.  Einige Zeugen glauben, der junge Mann in dem grünen Anzug habe auf die Schläger gezielt, andere, er habe Mick Jagger erschießen wollen. Ein Achtzehnjähriger liegt in seinem Blut im Staub von Altamont; wir wissen bis heute nicht, ob er Täter oder Opfer war oder beides. David Crosby (Crosby, Stills, Nash, Young) verteidigt  die Hells Angels: „If you don’t want the tiger to eat your lunch guests, don’t invite the tiger. What the hell did you think you were doing, asking the Angels to come?” Nun, Polizisten, damals noch politisch korrekt „pigs“ genannt, wären wohl nicht gekommen. Jedenfalls ist mit Altamont die Idylle von Love&Peace ausgeträumt.

Die Rolling Stones verlassen mit diesem Tag die Gegenkultur und beschließen, ins professsionelle Show Business zu gehen. Aus der sozialen Bewegung wird ein Geschäft, eine Industrie. Dort sind sie, als ältere Herren, noch heute. Altamont vor vierzig Jahren, das war der heilsame Schock unserer Jugendkultur. Wer ihn verarbeitet hatte, war später auch im linken Lager davor gefeit, Freibeuterträumen nachzugehen. Wer vor vierzig Jahren Altamont verstanden hatte, wusste plötzlich um die Vorzüge des Gewaltmonopols in einem Rechtsstaat. Das klingt jetzt schon wieder wie auf einer der vermaledeiten Zwanzigjahrfeier zur deutschen Einheit; also lassen wir es dabei.

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2 Gedanken zu “Wohlfeile Gedenktage, die abgenudelt werden – und einen wichtigen, der vergessen scheint;”

  1. avatar

    Da gäbe es weltweit noch jede Menge Gedenkanstöße, aber warum sollen die Deutschen nicht auch ihre zum Glück weltweit fast einmalige, friedliche Revolution und Wiedervereinigung gebührend feiern dürfen?
    Es war in all dem Grauen auf der Welt, wenigstens ein absolut rührender Moment, der weitgehend POSITIVE Gefühle auslöste. Auch das brauchen wir in unserem an bösen Ereignissen nicht gerade mangelnden Umfeld, oder?

  2. avatar

    Sie schreiben: “Jedenfalls ist mit Altamont die Idylle von Love&Peace ausgeträumt.”

    Ist nach ihrer Logik dann nicht auch mit Napalm auf Vietnam der amerikanische Traum ausgeträumt? Ich würde beide Sachen niedriger hängen. Weder war durch Napalm auf Vietnam der amerikanische Traum ausgeträumt, noch endete die Hippie- und Alternativkultur mit Altamont.

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