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Ritualisiertes Gedenken zum Mauerfall

Vor ein paar Wochen gab Bärbel Bohley im SZ-Magazin ein langes Interview. Vieles, von dem, was sie sagt, hat mich in der Direktheit und Unkonventionalität erstaunt. Sie durchkreuzt die Linien, sagt nicht nur Dinge, die man von ihrer Generation, von den ehemaligen Bürgerrechtlern erwarten würde. Ich fand darin den Satz: “Ich freue mich, dass es die Mauer nicht mehr gibt. Aber ich habe etwas gegen Jubiläumsfeiern. Ritualisiertes Gedenken finde ich schrecklich – weil dadurch das, woran man sich wirklich erinnern müsste, begraben wird.”

Ich glaube das auch. Ich glaube, dass das dauernde Erinnern an den Mauerfall und die Wende die eigentlichen, individuellen und authentischen Erinnerungen unter sich begraben, sie abtöten. Die Bilder der Montagsdemonstrationen habe ich in den letzten 20 Jahren wohl tausend Mal im Fernsehen gesehen. Ich habe dutzende Filme über die Ereignisse des Jahres 1989 angeschaut, unzählige Zeitgenossen berichten gehört. Über die Tage davor und die Tage danach. Ich frage mich heute oft, bin ich selbst wirklich dabei gewesen. Bin ich wirklich mit meiner Mutter um den Leipziger Ring gelaufen? Oder bin ich nicht längst zu einer Fiktion geworden, die ich mir über all die Jahre aus all den nachträglichen Bildern, Stimmen und Kommentaren zusammengesetzt habe?

Die Torgauer Zeitung hat ihre Leser jüngst befragt, ob sie sich noch für die Ereignisse des Jahres 1989 interessieren? Ob sie noch daran erinnert werden wollen? Fast Dreiviertel der Leser haben mit Nein geantwortet. Sie interessieren sich nicht mehr für diese – alten möchte man fast sagen – Geschichten.

Das Ergebnis dieser Umfrage nun kann man unterschiedlich bewerten. Ich glaube, dass viele dieser Leser das Gefühl haben, dass die offizielle Erinnerungskultur nicht mit ihrer individuellen Empfindung übereinstimmt. Wir reduzieren das Gedenken an den Mauerfall ja nur auf Gefühle wie Euphorie, Glück und Aufbruch. Diese momenthaften Emotionen jedoch sind durch die Erfahrungen der letzten beiden Jahrzehnte überschrieben worden, sie haben sich abgenutzt, schlicht verändert. Die Zeit ist über all diese Menschen hinweg gegangen, mit ambivalenten Erfahrungen. Erfahrungen von Unsicherheit, Orientierungslosigkeit, Verlust und Neuanfang. Ein Neuanfang, der viel Kraft gekostet hat. Diese Erfahrungen jedoch bringen wir mit der offiziellen Erinnerung nicht zusammen. Das ist tragisch. War doch 1989 die Erfahrung von Teilhabe, von Mitbestimmung, war es doch ein großer Moment von Selbstbehauptung. Ein großer Moment von Wir. In diesem Jahr jedoch scheint selbst die Erinnerung daran den Ostdeutschen nicht mehr zu gehören.

Zuerst erschienen bei www.achtung-zone.de

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6 Gedanken zu “Ritualisiertes Gedenken zum Mauerfall;”

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    Wenn Sie schon die Torgauer Zeitung zitieren, möchte ich darauf hinweisen, dass mitten in der Stadt Torgau sich eine grausame Umerziehungs- und Disziplinierungsanstalt befand, von 1965-1989, der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau. Die Torgauer haben sich nicht darüber beschwert, dass dort vor ihren Augen und Ohren Kinder und Jugendliche mit Hunden gehetzt und mit Knüppeln geprügelt wurden, dass sie Zwangssport als Schocktherapie erlitten, die Jungs im Jugendhof, die Mädchen im Mädchenhof, usw.; die Torgauer haben sich aber darüber beschwert, dass ihre Ruhe gestört werden würde: Dass dort jeden Tag und jede Nacht schwere Menschenrechtsverletzungen stattfanden – deshalb wird jeder der dort Inhaftierten Betroffenen als politischer Häftling rehabilitiert, da solche Lebensumtsände nicht mal straffällig gewordenen Menschen zumutbar sind und die allermeisten Insassen in Torgau waren nicht mal straffällig, sondern einfach nur anders oder aus schwierigen sozialen Verhältnissen,auf die der Sozialismus keine Antwort fand außer Torgau- das störte die Bewohner der Stadt nicht, und bis heute tut es das nicht, denn das Gebäude beherbergt heute ganz normale Wohnungen und eben die Erinnerungs- und Gedenkstätte in einem Seitentrakt.
    Marianne Birthler hat am 7.11.2009 am 20jährigen Jubiläum der Auflösung des GJWH (damals durch einen Anruf von Frau Honecker veranlasst, nachdem die Angestellten Unterlagen vernichteten und das Gebäude baulich veränderten), die neue Dauerausstellung in Torgau eröffnet mit den Worten: „An Torgau muss nicht erinnert werden, es muss zuerst einmal überhaupt bewusst gemacht werden.“ Dann sieht nämlich die Umfrage der Torgauer Zeitung ganz anders aus, wenn man diese Vergangenheit mitdenkt…
    Details siehe unter: http://www.jugendwerkhof-torgau.de

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    Ja, und? Die Zeit geht immer und immer irgendwann über große Momente hinweg und läßt Einzelschicksale verblassen. Wir werden das auch in Zukunft nicht ändern, weil wir die Zeit nicht aufhalten können und das ist gut so!

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    Bruno hat jetzt in einem kleinen Kreis zugegeben, dass er sich entschlossen habe, den Eingriff, der nach seiner, Brunos, Ansicht längst überfällig gewesen wäre, nun endlich vorzunehmen. Er, Bruno, wisse durchaus, dass es sehr viel Vertrauen brauche, welches in den Operateur gesetzt werden müsse. Nun aber sei er dazu bereit. Ein Zurück gebe es nicht mehr. Er sei fest entschlossen, dieses Wagnis einzugehen. Schließlich habe er etwa an die 20 Jahre diese notwendige Maßnahme immer wieder vor sich hergeschoben.

    Bruno, so erzählte er, wisse sehr wohl um die Gefahr, die dieser Eingriff mit sich bringen könne. Das Leben sei zwar nicht gefährdet, aber bleibende Schäden seien nicht auszuschließen. Schließlich handele es sich, so Bruno, um einen Eingriff in sein Gehirn. Und eine solche Maßnahme, das wisse jeder, eine solche Maßnahme will gut überlegt sein. Denn schließlich habe er bislang auch ohne diesen Eingriff gut gelebt. Und, so Bruno weiter, wisse man nicht sicher, ob nach diesem Eingriff das Leben so weiter geführt werden könne wie bisher.

    Aber, so betonte Bruno noch einmal fest entschlossen, der Würfel sei gefallen. Und als Mann, der auch einer schwierigen Entscheidung nicht aus dem Wege gehe, stehe er zu seinem Entschluss. Morgen ginge es los. Alles sei vorbereitet. Er, Bruno, hoffe, dass alles gut ausginge und diese Ding, wie er sich ausdrückte, endlich aus seinem Gehirn entfernt werden könne, diese Mauer in seinem Kopf.

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    Was gibt’s da zu feiern? Da feiere ich lieber mit Kati Witt und Margot Honecker und einem Riesenjoint bei mir in der Sauna 60 Jahre DDR. Radio Pyönyang und Radio Havanna übertragen das ganz dann live in die unendlichen Weiten des Weltalls und die noch viel unendlicheren Weiten des Internets.

    Und weil die behindertengerecht und barrierefrei sind veröffentlichen die auch das Drehbuch für die Tauben und wenn sie es wollen auch für die Spatzen.

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    recht haben sie!
    ps.ich bin durch zufall auf diese webseite gestoßen und finde diese sehr gut.

    mit dank fuer ihre arbeit verbleibe ich
    uwe fegel

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