avatar 12. August 2014 - 07:00
Von: Alan Posener

Die Ohrfeige

Mein Kollege und Freund Harald Martenstein fühlt sich vom Zentralrat der Juden geohrfeigt. Angeblich habe dessen Vorsitzender Dieter Graumann der britischen Zeitung „The Guardian“ ein Interview gegeben, in dem er „über das heutige Deutschland“ gesagt habe, das sei „die schlimmste Zeit seit der Nazi-Ära“.


Dieser Satz sei „absurd“, so Martenstein, ja geradezu „maßlos“, eine „Ohrfeige“ für alle Leute, die – wie Martenstein, der meiner Alterskohorte angehört, also der Generation der Spät-68er – „jahrzehntelang nicht ohne Erfolg daran gearbeitet haben, dieses Land zu verändern.“
.
Hier ist Martensteins Kolumne im Wortlaut:

http://www.tagesspiegel.de/meinung/antisemitismus-in-deutschland-eine-ohrfeige-vom-zentralrat/10312454.html

Nun sollte man, bevor man zu gewalttätigen Vokabeln wie „Ohrfeige“ greift, vielleicht ein wenig Quellenstudium betreiben. Hier ist der Artikel aus dem „Guardian“, und es fällt sofort auf, dass es um den Anstieg des Antisemitismus in ganz West-Europa geht:

http://www.theguardian.com/society/2014/aug/07/antisemitism-rise-europe-worst-since-nazis

Die von „The Guardian“ – einer keineswegs unkritischen Zeitung, wenn es um Israel geht – zusammengetragenen Beispiele sind in der Tat erschreckend. Nur in diesem Zusammenhang sind Graumanns Worte verständlich. Er sagt ausdrücklich: „And it’s not just a German phenomenon.“
Dabei schreibt die Zeitung erst gar nicht über die Situation in Ost- und Südosteuropa: Nichts über Ungarn, wo die nach eigener Darstellung „christliche und patriotische“, antizionistische, pro-russische und islamfreundliche Jobbik-Partei antisemitische Parolen verkündet, nichts über die national-katholische Hetze gegen Juden in Polen, nichts über die „Goldene Morgenröte“ in Griechenland, schon gar nichts über die antisemitische Hetze von Wladimir Schirinowski in Russland usw. usf.
Der osteuropäische Antisemitismus ist Westeuropäern peinlich, weil er nicht auf muslimische Einwanderer geschoben werden kann; weil er die Erzählung stört, die auch Martenstein referiert: Die Gesellschaft sei – dank 68 – gründlich entnazifiziert worden, und wenn „Juden bedroht werden“, dann in den meisten (wenn nicht in allen) Fällen „von Zuwanderern aus arabischen Staaten.“
Dagegen hat – ausgerechnet! – Jakob Augstein kürzlich im „Spiegel“ (31/2014) angesichts der neuen Hasswelle gegen Juden festgestellt: „Weder die ‚Aufarbeitung’ der Nazi-Vergangenheit im Westen noch die Tradition des ‚Antifaschismus’ im Osten haben Deutschland immun gemacht gegen den Antisemitismus.“ Richtig.

Hinzufügen muss man freilich, dass der verordnete Antifaschismus im Osten einherging mit einem militanten Antizionismus, der in vielen osteuropäischen Staaten – etwa in Russland, Polen und Ungarn – offen antisemitische Züge trug, so dass der heutige Antisemitismus nicht trotz, sondern – auch – wegen jener Tradition so stark ist; und das die „Aufarbeitung“ der Nazi-Vergangenheit im Westen vor allem unter Ägide einer Linken geschah, die 68ff. ebenfalls antizionistisch und in Teilen  antisemitisch war.

Man denke an den ersten linken Terroranschlag in Deutschland, der sich nicht zufällig gegen eine Gedenkveranstaltung für die Reichskristallnacht im Jüdischen Gemeindehaus West-Berlin richtete. (Der Hauptverantwortliche, Dieter Kunzelmann, galt und gilt trotzdem in der Linken als  „Polit-Clown“.) Man denke auch an den Brandanschlag auf das Jüdische Altersheim in München, der ziemlich sicher von Linksextremisten verübt wurde, und der von eben jenem „Politclown“, einem der Hauptverdächtigen, als „zionistisches Massaker“ bezeichnet wurde.

Die Linke verdrängt gern, wie zentral die eng verbundenen Konzepte Antizionismus und Antiamerikanismus seit 1967 für ihre Ideologie und Propaganda waren. Die Nazi-Vergangenheit wurde im Rahmen einer Faschismus-Theorie „aufgearbeitet“, die den Antisemitismus als bloßes Blendwerk begriff, um „die Massen“ vom Klassenkampf abzuhalten; weil aber der Judenhass nicht ernst genommen wurde, konnten die 68er nicht erkennen, dass ihre eigene Parteinahme für radikale Palästinensergruppen, die „alle Juden ins Meer werfen“ wollten, selbst antisemitische Züge trug.

Und da sie mit wenigen Ausnahmen diese Verirrungen nicht „aufgearbeitet“ hat, trägt auch ihr selbstgerechter Hinweis darauf, wie herrlich weit wir es in der Bundesrepublik gebracht haben, was die Juden gefälligst zur Kenntnis zu nehmen hätten, seinerseits antisemitische Züge.
Nicht, dass ich die tatsächlichen Leistungen der Bundesrepublik herunterspielen wollte. Wenn man sieht, was sich etwa in diesen Tagen in Großbritannien abspielt, wo eine Ministerin wegen der angeblichen zu laschen Haltung der Regierung gegenüber Israel zurücktritt (so weit, so ehrenhaft) und sich sowohl die mitregierenden Liberaldemokraten als auch die Labour-Partei sich in Verurteilungen Israels zu überbieten versuchen;  wo ein Londoner Theater seinen Vertrag mit dem Jüdischen Film-Festival kündigt, weil die Veranstaltung von der israelischen Botschaft mitfinanziert wird, und wo der Parlamentsabgeordnete George Galloway seinen Wahlbezirk zur „israel-freien Zone“ erklärt hat; dann lernt man gewisse Tabus schätzen.

Tabus sind eine Sache, die Gedanken sind aber frei, wie es in diem Lied heißt. Wie „The Guardian berichtet: „In a study completed in February, America’s Anti-Defamation League surveyed 332,000 Europeans using an index of 11 questions designed to reveal strength of anti-Jewish stereotypes. It found that 24% of Europeans – 37% in France, 27% in Germany, 20% in Italy – harboured some kind of anti-Jewish attitude.”

Und:  “In 14,000 hate-mail letters, emails and faxes sent over 10 years to the Israeli embassy in Berlin and the Central Council of Jews in Germany, Professor Monika Schwarz-Friesel found that 60% were written by educated, middle-class Germans, including professors, lawyers, priests and university and secondary school students. Most, too, were unafraid to give their names and addresses – something she felt few Germans would have done 20 or 30 years ago.”
Das sollte man wissen, bevor man über „Ohrfeigen“ schwadroniert.
Und noch etwas: Aus Gründen, die mir nicht ganz klar sind, vergleicht Martenstein Graumanns Satz mit der Situation im Nahen Osten: „Im Zorn jedes Gespür für das rechte Maß verlieren – dieses Problem gibt es auch in Israel und in Palästina, und deshalb wird dort alles immer schlimmer.“ Ach so. Nicht weil die Hamas Israels Existenzrecht leugnet, Angriffstunnel baut und Raketen auf zivile Ziele abschießt, ihre eigenen Frauen und Kinder als Schutzschilde missbraucht, um einen PR-Erfolg in der arabischen Welt zu erzielen, ist die Situation in Gaza schlimm, sondern weil der Semit, ob Araber oder Jude, offensichtlich „im Zorn jedes Gespür für das rechte Maß verliert“, ob er nun in Deutschland lebt oder in Nahost.

Ich weiß, dass Sie es nicht so meinen, lieber Harald Martenstein. Weiß ich das wirklich? Wie meinen Sie es denn?

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64 Kommentare zu „Die Ohrfeige“

  1. avatar julius sagt:

    Sämtliche Völker dieser Welt haben ihre Territorien dadurch festgelegt, indem sie andere Menschen von ihren Territorien verdrängt oder unterworfen haben, sowie ihre Kultur und Religion aufgezwungen haben.
    In Europa gibt es über 10-Millionen Quadratkilometer auf denen Christen leben, die sich ihre Territorien wie oben geschildert, erworben haben. In der Region des mittleren Ostens und Nordafrikas gibt es über 10-Millionen Quadratkilometer auf denen Muslime leben, die sich ihre Territorien wie oben geschildert, erworben haben.
    Die Juden beanspruchen nun 20.000 Quadratkilometer für sich, ein tausendstel von den o.g. genannten Territorien.
    In der 200.000 Jahre währenden Geschichte der Menschheit haben die Völker sich in der o.g. geschilderten Weise Territorien angeeignet. Jetzt, nach dem Holocaust beharren vor allem viele Deutsche kompromisslos darauf, an den Juden ein Exempel zu statuieren, dass man sich Territorien nicht mehr auf die oben genannte Weise aneignen darf.

    Was für ein Abgrund.

  2. avatar Alan Posener sagt:

    Lieber 68er, es geht mir nicht um die “Leiden” meiner Familie, die sich in Grenzen hielten: ausgegrenzt, enteignet, vertrieben, zwei in den Dünen bei Riga erschossen. Da haben manche deutschen Vertriebenen und Ausgebombten mehr gelitten. Da wird nicht auf- und gegengerechnet. Und es geht auch nicht darum, “Leute in die Nazi-Ecke zu schieben”. Es geht erstens um den Anstand, und zweitens um klare Begriffe. Was oft miteinander zusammenhängt.

  3. avatar Alan Posener sagt:

    Es geht, lieber “Dr. Holberg” (warum benutzen Sie nicht Ihren wirklichen Namen?), um die Verwendung belasteter Begriffe, die das Denken in die falsche Bahne lenken. Das Denken vererbt sich nicht genetisch, sondern kulturell – zum Beispiel über die Verwendung von Begriffen. Sie werden mir vielleicht zustimmen, dass gerade der Begriff “Volk” im Deutschen so oft zur Begründung von Verbrechen benutzt wurde, dass er kaum noch irgendetwas aussagt. Um aber gar nicht erst wieder die Nazi-Karte zu spielen, bekanntlich war Opa ja keiner, weise ich auf zwei Losungen des Jahres 1989 hin: “Wir sind das Volk!” und “Wir sind ein Volk!” Beide können nicht gleichzeitig stimmen, wenn der Begriff “Volk” eine klare Bedeutung haben soll.
    Ganz kurz zu Ihrem Sachargument: Ein sehr großer Teil der 1948 im britischen Mandatsgebiet Palästina lebenden Araber war aufgrund der jüdischen Einwanderung und der von den Juden aufgebauten Industrie, Landwirtschaft und Handelsbeziehungen dort zugezogen. Die Vorstellung eines autochthonen “Volks” ist nirgends absurder als im arabischen Raum; was die “Palästinenser” betrifft, so entstand diese Vorstellung überhaupt erst als Reaktion auf den Zionismus. Noch im Krieg 1948 wurden sie gegen Israel mobilisiert im Namen des panarabischen Nationalismus, nicht des palästinensischen Nationalismus. Bis 1967 jedenfalls verstand sich die überwältigende Mehrheit der im ehemaligen Mandatsgebiet lebenden Araber als (1.) Araber, (2.) Muslime oder Christen, (3.) Bürger Israels, Jordaniens (Westbank) oder Ägyptens. Das mag sich verändert haben. Wichtig ist: Vor der Entstehung eines “israelischen Volks” steht der Zionismus. Vor der Entstehung eines “palästinensichen Volks” steht der Antizionismus. Wer mit Begriffen wie “Volk” operiert, als handele es sich um quasi-biologische Begriffe, und nicht um historisch höchst unscharfe Gebilde, der geht der ideologie auf den Leim, aus der auch der Nationalsozialismus entstand. Um auf 1989 zurückzukommen: Sagt ein Ossi zum Wessi: “Wir sind ein Volk!” Sagt der Wessi: “Wir auch.”

  4. avatar Dr. A. Holberg sagt:

    1. was glauben Sie, ist mein “wirklicher” Name. Der, den ich verwende (ob “wirklich” oder nicht, ist in politischem Zusammenhang bekannt. Das sollte genügen. Ob Sie Posener heißen, weiß ich nicht, ist aber für die Richtigkeit Ihrer Argumente auch völlig unerheblich.
    2. Ob ich zu denen gehöre, deren “Opa bekanntlich und natürlich kein Nazi war”, können Sie nicht wissen. Es ist für die Richtigkeit meiner Argumentation ebenfalls unerheblich. Wir sollten diese lächerlichen Andeutungen deshalb einfach lassen.
    3. Über den Begriff “Volk” mag man ausführlich streiten. Wir haben hier ja keine wissenschaftlichen Bücher zu verfassen, sondern in normalem Deutsch einige praktische Punkte zu erklären. Das “palästinensische Volk” vor der Landnahme und der damit verbundenen Vertreibung durch die Zionisten mag sich nicht deutlich von den übrigen arabischen Nachbarn unterschieden haben. Das aber ist völlig egal. Es geht mir nur darum, dass es nicht akzeptabel ist, dass ein Unrecht (der europäische Antisemitismus) damit beantworte wird, dass Menschen – gleich ob sie ein “Volk” bilden oder nicht -, die damit nichts zu tun hatten, vertrieben und unterdrückt werden. Das ist Alles. Ich frage nun nicht, wieso das so schwer zu begreifen ist. K.Marx wies schließlich schon darauf hin, dass die Axiome der Mathematik bestritten würden, wenn sie sozialen Interessen entgegenstünden.

  5. avatar Alan Posener sagt:

    Sie werden, Herr Wosni aka “Doktor Holberg”, mit jedem Posting deutlicher: “Landnahme und Vertreibung des palästinensichen Volks durch die Zionisten”. Das hat mit der Wirklichkeit der Entsteheung Israels ungefähr so viel zu tun wie Genesis mit der Entstehung der Erde.

  6. avatar Dr. A. Holberg sagt:

    1. Ich war in dieser Frage nie undeutlich.
    2. Sie können’s nicht sein lassen, nicht wahr? Woher wissen Sie, dass A.Wosni und nicht Dr.Holberg der richtige Name ist? Vielleicht sind beide falsch oder nur “A.Wosni”. Wie gesagt: das ist eine völlig überflüssige “Diskussion”, die nichts zur Klärung der anstehenden Fragen beiträgt – ebensowenig wie die pure Behauptung, die in Palästina lebenden Araber (“Palästinenser”) seien nicht von den Zionisten enteignet und vertrieben worden. Dass es schon seit “Ewigkeit” – d.h. lange vor der zionistischen Landnahme – in Palästina auch jüdische Gemeinden gab (falls Sie darauf anspielen wollen), hat ja damit nichts zu tun, und deren Recht dort zu existieren, hat auch niemand je bestritten.
    Es fällt im Übrigen auf, das, während in den Diskussionsbeiträgen hier eine Reihe von Autoren sich bemühen, ihre Thesen mit wirklichen oder vermeintlichen Fakten zu untermauern, Sie zunehmend darauf verzichten und sich (offenbar mangels Verfügung über entsprechende Fakten) auf Behauptungen und merkwürdige Andeutungen beschränken. Diese “Diskussion” mit Ihnen beende ich deshalb hiermit.
    Aber noch ein Wort zu: “julius v.7. September 2014 um 08:57″: Sie haben recht. Schon immer wurden “Völker” von ihrem Land vertrieben oder vertrieben selbst welche. Bedeutet das, dass das noch immer richtig ist und so bleiben sollte? Wenn ja, dann gilt halt das Recht des Stärkeren, und wir sollten aufhören, hier zu diskutieren und lieber eine Ausbildung an der Waffe absolvieren.

  7. avatar Dr. A. Holberg sagt:

    noch eine interessante Info zur Frage der vermeintlichen Nichtexistenz eines palästinensischen Volkes:

    ——-
    Schwedische Gesinnungsfreunde der “Antideutschen”

    von Reinhard Helmers

    Schon seit einiger Zeit gibt es in Schweden eine Partei,die ähnlich wie die ‘Antideutschen’ heftig die Apartheid und das Gaza-Massaker der israe- lischen Regierung billigen. Diese Partei hat ihren Antisemitismus auf das andere semitische Volk, die Araber, konzentriert.

    Ihr Vorsitzender Åkesson hielt Anfang August eine Rede zum Gaza-Krieg und erklärte Hamas und den Islam verantwortlich. Israel habe das Recht, sich gegen die Gaza-Bevölkerung zu verteidigen. Diese im Reichstag vertretene Partei heißt ‘Schweden-Demokraten'; sie wird im allgemeinen als neofaschistisch angesehen.
    Führend sind die Gebrüder Ted und Kent Ekeroth; letzterer ist Reichstagsabgeordneter, internationaler Sekretär der Partei und hält Reden bei rechtsextremistischen Treffen in Europa.

    Ted Ekeroth ist Vorsitzender der Vereinigung ‘Für Israel und Demokratie im Mittleren Osten’ (Fidim). Kent Ekeroth war im Vorstand der ‘World Zionist Organization’ und empfing 2007 deren Theodor Herzl-Preis für seine Verdienste um Israel und den Zionismus.

    Zusammen mit Vertretern anderer europäischer, rechtsextremistischer Parteien war Kent Ekeroth zu Studienreisen in Israel eingeladen. Auf Einladung einer Gruppe der Siedler trafen sie israelische Minister u.a. Avigdor Liberman und besuchten die israelische Armee an der Grenze zu Gaza. Der Besuch galt auch mehreren Siedlungen auf geraubtem Land der Palästinenser. Nach Ekeroth sei das Land nicht palästinisch,weil es weder ein palästinisches Volk, noch einen Staat gegeben hätte.

    Nachdem die selbsternannten “Antideutschen” und ihre Mitläufer Genossen Der Linken als Antisemiten verleumdet haben, könnten sie sich wie ihre schwedischen Gesinnungs- freunde auch um eine Einladung von Liberman in die geraubten palästinensischen Gebiete bemühen.

    Reinhard Helmers, Lund/Schweden
    Universitätslektor a.D.
    Thomanders väg 2 C
    SE-224 65 LUND/Schweden
    Tel.: Int. + 46-46 127833

  8. avatar julius sagt:

    @Dr. A. Holberg

    Was halten Sie von den unten rezensierten Büchern Herr Dr. Holberg?

    http://buecher.hagalil.com/sonstiges/mallmann.htm

    http://www.zukunft-braucht-eri.....BCndenbock

  9. avatar Klaus J. Nick sagt:

    @Dr. Holberg
    Sehen Sie: Die Einwanderung von Juden in Palestina ist vor allem eine Migrationsgeschichte mit folgender Eskalation Krieg und Terror – sicher, von beiden Seiten. Ein Thema, wo Deutschland, sagen wir besser Europa in der Vergangenheit immer versagt hat und auch heute wieder versagt. Klar, Migration kann eine Gesellschaft überfordern. Nur was mich wundert ist, daß Sie als – so vermute ich – bekennender Linker nicht die auf die Verfolgung an sich als ungerechtem Akt fokussieren, sondern Partei für die Alteingesessenen ergreifen. Das würden sie doch als Linker bei allen anderen Geschichten von Vertreibung und Neuansiedlung auf der Welt nicht tun – nur eben bei Israel und Palestina – was eben auffällt. Sie gehen sogar noch weiter: Statt, eine stringente linke Position einzunehmen und Gerechtigkeit für das Individuum zu fordern, holen Sie den Begriff ‘Volk’ aus der revisionistischen Mottenkiste und fordern auf einmal ‘Gerechtigkeit für Völker’. (Haben ‘wir’ als ‘Linke’ vor einiger Zeit nicht versucht, um den Wehrdienst herumzukommen, in dem wir den Begriff ‘Volk’ und dessen Anspruch auf Verteidigung abgelehnt haben?) Das ist nicht ‘links’ und vor allen Dingen nicht ‘gerecht’, wenn sie für Palestinenser nur Einheit von Volk, Blut und Boden im Sinn haben, statt die erheblichen Chancen auf Glück zu sehen, sie (die Palestinenser) hätten, wenn sie es schaffen würden, sich von ihrer Mafia und ihren religiösen Despoten befreien könnte. Klar, auch Juden sprechen von ‘Volk’, nur daß Israel allen Minderheiten Chancen und Stimmen gibt, wie wohl in kaum einem anderen Land. Wenn Sie schon Israel als ‘Übel’ sehen wollen, dann ist es doch das erheblich kleinere – oder macht etwa die Hamas glücklich?
    Was ich Ihnen damit sagen wollte: das ist alles andere, nur nicht ‘links’, wie Sie argumentieren.

  10. avatar Dr. A. Holberg sagt:

    julius sagt:
    13. September 2014 um 17:13

    @Dr. A. Holberg

    Was halten Sie von den unten rezensierten Büchern Herr Dr. Holberg?

    Antwort: wenig! Die Fakten (Großmufti und Nazis) sind bekannt; die Interpretation zumindest schief. Richtig ist natürlich, dass reaktionäre arabische/muslimische Kräfte a) einen religiös begründeten Antijudaismus pflegten (wie sie überhaupt alle Nicht-Muslime im “Land des Islams” nur als Dhimmis (Schutzbefohlene) und somit keineswegs Gleichberechtigte akzeptierten (was wiederum auf die eine oder andere Weise für alle Anhänger mosaischer Religionen in vorbürgerlicher Zeit – und leider oft noch weitaus später – galt) und b)dass natürlich auch muslimische Reaktionäre nicht zu blöd waren,um nicht zu sehen, dass die Einwanderung vonn Juden nach Palästina nach der 1.Weltkrieg nicht einfach einem privaten Impuls zum Tapetenwechsel folgte, sondern zunehmend Teil des zionistischen Projekts wurde, das auf die Schaffung eines “jüdischen Staates” gerade in dem Teil der Welt gerichtet war, der den Arabern von den in Konkurrenz zum Deutschen Reich stehenden Imperialisten als (von der osmanischen Herrschaft) unabhängige Staaten versprochen worden war. Dass diese reaktionären Kreise c) sich den Nazis anboten, hatte nicht primär etwas damit zu tun, dass sie mit diesen im rassistischen Antijudaismus einig waren, sondern damit, dass sie – politisch kurzsichtig wie sie nun mal waren – in ihnen Verbündete gegen den britischen Imperialismus sahen, der sie betrogen hatte und dessen Herrschaft zu jener Zeit die Voraussetzung für die Realisierung des zionistischen Projektes war.
    Was die antijüdische Haltung “der” Araber betrifft, so weise ich auf den überaus interessanten Artikel von Ya’acoub Daoud Eskandarny “Egyption Jewry – why it declined” in der der “Oriental Jewry” gewidmeten Sonderausgabe der Zeitschrift “Khamsin” No.5, London 1978, hin. Da weist der Autor macht der Autor klar, dass es in Ägypten zwei Hauptgruppen von Juden gegeben habe, nämlich städtische bürgerliche Juden, die meist ausländische Staatsbürger waren und in den Zeiten des sozioökonomischen Verfalls Ägyptens als Mittelsmänner fremder imperialer politischer und wirtschaftlicher Interessen betrachtet wurden, und die seit über 2000 Jahren in den ländlichen Gebieten Ägyptens lebenden jüdischen Gemeinschaften. Während jene in Zeiten der gesellschaftlichen Krise verschiedentlich Opfer verschiedener Art von Unterdrückung waren, lebten diese – gewissermaßen bis zur Gründung Israels – völlig unbehelligt in Ägypten. Deshalb bedurfte es ja auch entsprechender Provokationen des israelischen Geheimdienstes in arabischen Ländern, darunter gerade auch in Ägypten, um auch die Juden, die dort viele Jahrhunderte im Allgemeinen ungestört gelebt hatten, zur Ausreise nach Israel zu bewegen. Was Ägypten anbelangt, so ist hier die Rede von der sogenannten “Affäre Lavon”, bei der es darum ging, dass eine zionistische Untergrundorganisation in Kairo und Alexandria Bomben gelegt hatte, eine “Affäre”, die – als sie herauskam – in Israel Wellen schlug, auf die der damalige israelische Verteidigungsminister mit diesen beruhigenden Worten reagierte: “Diese Aktionsart ist nicht für Ägypten erfunden worden. Man hat sie zunächst im Irak ausprobiert.” Über die u.a. von dem zionistischen Agenten Mordekhai Ben Porath in Baghdad verübten Bombenanschläge auf dortige jüdische Einrichtungen hatte 1978 der Journalist Barukh Nadel berichtet. Ben Porath Knesset-Abgeordneter der “Arbeitspartei” war seinerzeit Präsident der”Weltorganisation der aus den arabischen Ländern stammenden Juden”.
    Um zum Schluss noch einmal auf die grundlegende Frage zurückzukommen: der zionistische Freiheitskämpfer oder Terrorist (gegebenfalls beides), Friedensnobelpreisträger und ehemalige israelische Ministerpräsident Menahem Begin schrieb in seinem Buch: “Die Revolte: Die Geschichte der Irgun”: “Das Massaker war nicht nur gerechtfertigt, es gäbe ohne den Sieg von Deir Yassin auch keinen Staat Israel.” Zur Erinnerung: am 9.April 1948 griffen Einheiten der zionistischen Untergrundgruppen ETZEL (Irgun Zvei Leumi) und LEHI (Stern-Bande) das Dorf Deir Yassin westlich von Jerusalem, also außerhalb des von der UN für den “jüdischen Staat” vorgesehenen Gebietes, an und massakrierten 254 Dorfbewohner, die sich schon zum Großteil auf der Flucht befanden. Ideologischer Ziehvater von Irgun und Stern-Banda war Vladimir Jabotinsky. Dieser sagte: “Dass die palästinensischen Araber ihre Zustimmung zur Verwirklichung des Zionismus außern sollen, davon – solange wir dort in der Minderheit sind – kann nicht einmal die Rede sein. Ich spreche diese Überzeugung in so greller Form aus, nicht weil es mir angenehm ist, braven Menschen eine Enttäuschung zu bereiten, sondern einfach deshalb, weil sie das nicht enttäuschen wird: all diese braven Menschen, mit Ausnahme Blindgeborener, haben längst begriffen, dass es absolut unmöglich ist, eine gütliche Zustimmung zur Umbildung Palästinas aus einem arabischen Land in ein Land mit jüdischer Mehrheit von den palästinensischen Arabern zu erlangen. Jeder Leser hat einen gewissen Begriff von der Geschichte der Kolonisation in anderen Ländern. Ich stelle den Antrag, dass er sich an alle bekannten Beispiele erinnere, er soll nach Durchsicht aller ihrer Listen versuchen, einen Fall ausfindig zu machen, wo eine Kolonisation mit Zustimmung der Eingeborenen vor sich ging…Es gibt keinen solchen Fall(V.Jabotinsky, Die palästinensischen Araber, in:Zionismus.Hrdg. Julius Schöps, München 1973, S.278f.)

  11. avatar julius sagt:

    @Klaue J. Nick

    besser kann man es kaum sagen!

  12. avatar Dr. A. Holberg sagt:

    ad:Klaus J. Nick sagt:
    17. September 2014 um 07:34

    1.das Glück oder Unglück palästinensisch-arabischer Menschen ist leider de facto zu einem großen Teil mit ihrer Zugehörigkeit zu eben jener sozio-politischen Gruppe verbunden. “Ali Muhammad” wurde nicht aus seiner Heimat in ein Flüchtlingslager vertrieben, weil er eine grade oder schiefe Nase hat oder lieber Qanun hört oder spielt als ‘Ud, sondern, weil er als Nicht-Jude auf Land lebte oder lebt, dass von den Zionisten als das “Land Israel” und somit als legitimes Eigentum aller Juden dieser Welt beansprucht wird.
    2. Ich erkenne auch das Recht anderer Menschen an, nicht von ihrem Land vertrieben zu werden (so etwa das der Sudetendeutschen, wenngleich deren Vertreibung nach WK2 unmittelbare Folge der vom deutschen Staat in ihrem Namen, wenn auch ohne sie gefragt zu haben, begangenen Verbrechen war).
    3. Sie schreiben: “Nur was mich wundert ist, daß Sie als – so vermute ich – bekennender Linker nicht die auf die Verfolgung an sich als ungerechtem Akt fokussieren, sondern Partei für die Alteingesessenen ergreifen.” Für diese Annahme gibt es keinen Anhaltspunkt. MIch “interessieren” nicht die Palästinenser, weil sie irgendwelche besonderen mich erfreuenden Qualitäten hätten oder “alteingesessen/ursprünglich” sind, sondern eben weil sie ungerechtfertigterweise unterdrückt wurden und werden. In Zusammenhang mit der Zionismus-Diskussion ist es natürlich auch unerheblich, dass sie auf die eine oder andere Weise auch in (arabischen) Ländern unterdrückt werden, in die sie fliehen mussten.
    4. Ich wende mich als “Linker” gegen jede Art von Unterdrückung (soweit diese nicht notwendig ist, um Unterdrückung zu beenden/verhindern), so etwa auch gegen die Besetzung der ehemals spanischen Kolonie Westsahara durch Marokko. Dass wir um soviel intensiver über Israel/Palästina reden als über die Westsahara oder die Indianer in den USA etc. etc. liegt daran, dass die Unterstützung des Zionismus (der unumgänglich mit der Vertreibung und Entrechtung des Großteils der bis zur Staatsgründung Israels dort lebenden Menschen einhergeht) insbesondere in der BRD zur “Staatsraison” erklärt wird und dabei natürlich die wahren Gründe dafür (Herrschaft über eine geostrategisch überaus wichtige Region mittels der selbsternannten Vertreter der “europäischen Zivilisation inmitten der asiatischen Barbarei”, sowie Ablenkung von der Tatsache, dass ein wesentlicher Teil des politischen, ökonomischen und militärischen Personals der BRD zu Zeiten ihrer Gründung sich aus den gleichen Kreisen rekrutierte, die auch die Verbrechen der Shoa direkt oder indirekt mitgetragen haben) versteckt werden. Der ideologische Kampf gegen den Zionismus ist somit gerade in der BRD ein notwendiger Bestandteil des Kampfes gegen den Antisemitismus.

  13. avatar Alan Posener sagt:

    Und was, lieber “Doktor Holberg”, folgt aus dem “ideologischen Kampf gegen den Zionismus”? Als Anleitung zum Handeln ist er ohnehin tot. Gerade mal 24.000 Menschen sind 2013 in Israel legal eingewandert. Wollen Sie die Einstaatenlösung für Palästina? Und wenn ja, was soll mit den 7 Million dort lebenden Juden geschehen? Oder wäre deren absehbare Unterdrückung durch die dann gegebene arabische Mehrheit halt eine – wie sagen Sie es so schön? – “notwendige Unterdrückung, um Unterdrückung zu beenden”? Was muss also mit den Juden in israel geschehen, damit Groß-Palästina ein freier arabischer Staat wird wie Ägypten oder Syrien oder Libyen oder Gaza? Der “Kampf gegen den Zionismus” ist abstrakt, das Schicksal der Menschen aber konkret. Ich zum Beispiel bin kein Anhänger des Zionismus. Und ich will kein einziges Unrecht gut heißen, das an den Arabern begangen wurde. Aber ich liebe die Menschen in Israel. Um die geht es, nicht um Ideologien. Sie jedoch, das merkt man sofort, waren nie da.

  14. avatar Dr. A. Holberg sagt:

    Endlich mal ein sinnvoller Diskussionsansatz. Selbstredend muss unterschieden werden zwischen dem, was gerecht ist, und dem was in überschaubarer Zeit als realisierbar erscheint.
    1. Die Palästinenser haben natürlich das Recht, einen Teilstaat in den 1967 von Israel eroberten Gebieten zu gründen.
    2. Ein solcher Teilstaat, wenn er denn mehr sein soll als eine Reservat, hat inzwischen längst keine objektive Grundlage mehr. Die Politik der Besatzungsmacht seit 1967 war und ist ja genau darauf ausgerichtet.
    3. Ich trete in der Tat für ein einheitliches säkulares und demokratisches Palästina (oder von mir aus auch: Israel) ein, d.h. für einen Staat, in dem alle Einwohner gleiche Rechte haben. Zu behaupten, das sei z.B. im heutigen Israel der Fall, wäre lachhaft.
    4. Die Voraussetzungen für die Realisierung eines solchen Projektes sind bisher unverändert schlecht; wahrscheinlich sind sie sogar schlechter als je zuvor, aber sie sind zumindest nicht schlechter als die Chancen auf eine Zweistaaten-Lösung.
    5. zu den Voraussetzungen gehört, dass sich das Kräfteverhältnis in der Region grundlegend ändert. Auf sich gestellt haben die Palästinenser keine Kraft, entweder das eine oder das andere Projekt zu realisieren. Zumindest der linksnationalistische Flügel der PLO wusste das einst auch und hat – in Gestalt etwa der PFLP – deshalb einst die strategische Parole ausgegeben “Die Befreiung Jerusalems geht über Amman”. Die Vereinigung möglichst großer Teile der arabischen Welt setzt die Beseitigung der herrschenden Regime voraus, die Erben der Kolonialherrschaft und Widerspiegelung der ökonomischen und kulturellen Rückständigkeit dort sind.
    6. Diese Einheit der arabischen Welt kann nicht durch islamistische Kräfte bewerkstelligt werden, die ihrerseits Ausdruck der Rückständigkeit sind, die der heutigen Schwäche der Region zugrundeliegt. Das Wachstum diese Kräfte ist natürlich wesentlich Ergebnis der Politik sogenannter fortschrittlicher Kräfte in der Region (arabisch-nationalistische, stalinistische Linkskräfte), ihrer Unfähigkeit ihre einst von den arabischen Massen mit Begeisterung aufgenommenen Versprechen zu realisieren.
    7. So gesehen braucht sich also niemand davor zu fürchten, dass es einen gemeinsamen (nicht-zionistischen) Staat geben könnte, in dem die bisherige Unterdrückung einfach umgekehrt würde. Hamas und andere Sektionen der Muslimbruderschaft oder gar die verschiedenen jihadistischen und takfiristischen Gruppen sind Ausdruck der Krise, nicht ihre Lösung.
    8. Der “Kampf gegen den Zionismus” ist in diesem Sinn auch eher ein ideologischer Kampf hierzulande gegen prozionistische Kräfte, die den stets unverzichtbaren Kampf gegen den “Antisemitismus” dadurch torpedieren, dass sie diesen an die Verteidigung des zionistischen Unrechts gegenüber den Palästinensern binden.
    9. Ich liebe zwar nicht “die” Menschen in Israel speziell, aber respektiere sie doch soweit, dass ich nicht möchte, dass sie von irgendwem in ihrer Entfaltung behindert werden – es sei denn, es handele sich um Menschen, die darauf bestehen, genau das gegenüber anderen Menschen zu tun. Sie werden kaum leugnen wollen, dass es solche auch in Israel massenhaft gibt, offenbar sogar in wachsender Zahl wie z.B. die offen rassistischen (antiarabischen) Ausfälle der jüngeren Zeit und das Hinwegschmelzen des sogenannten Friedenslagers gezeigt haben. Also:diese Leute “liebe” ich ebensowenig wie irgendwelche anderen religiösen (oder überhaupt) Fanatiker und Antisemiten (nochmal: nicht zu verwechseln mit Antizionisten, wenngleich natürlich subjektive Antizionisten aus Antisemiten sein können).
    Zusamenfassend: es gibt z.Z. keine Aussicht auf eine gerechte Lösung des Problems, aber das kann nicht bedeuten, dass man gegenüber die Ungerechtigkeit (und Gefährlichkeit) der Situation Augen und Mund schließt.

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