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Herrschaft Angst

 Von Susannah Winter:

Es ist ein Kreuz mit der Angst.

Da hat sie uns als evolutionäre Errungenschaft über tausende Jahre das Leben und den Fortbestand ermöglicht, nur um uns heute vor allem ihre hässliche Fratze zu zeigen. Schaut man sich in der Gesellschaft um, fast könnte man Angst vor der Angst bekommen.

Wo es früher galt, dem Raubtier zu entkommen, einer realen, physischen Bedrohung, erlebt eben im akuten Moment der Angst, macht heute vor allem die mögliche, die potenzielle Bedrohung Angst.
Und die lauert überall. Alles ist vorstellbar und so wirkt auch alles bedrohlich.

Das Fahrrad, von dem man fallen könnte: Potenziell gefährlich. Und so wird selbst politisch über Helmpflicht debattiert. Denn wenn der Deutsche Angst hat, braucht es Gesetze. Meist bringen die nicht viel, doch blinder Aktionismus beseitigt, zumindest temporär, die schlimmsten Ängste für eine Weile.

Das Auto: Eine potenzielle Todesfalle. Weiterlesen

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Der Pipeline-Fluch

Von Sonja Margolina:

Fast unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit wurde auf dem East Economic Forum, das am 3-5.September in Wladiwostok stattfand, ein Milliardendeal zwischen dem russischen Staatskonzern Gazprom und dem Chemiekonzern BASF unterzeichnet. Das Abkommen sieht vor, dass die BASF-Tochter Wintershall ihre Gashandel- und Gasspeichergeschäft zum Ende dieses Jahres vollständig an Gazprom abgibt. Zugleich haben Gazprom und eine Reihe europäischer Partner, unter anderem EON, Wintershall und Royal Dutch Shell, ein Konsortium gebildet, das bis Ende 2019 zwei zusätzlichen Gas-Pipelines in der Ostsee verlegen wollen. Bei der Kapazität von 55 Mrd. Kubikmeter Gas werden die neuen Stränge zusammen mit dem bereits in Betrieb genommenen Nordstream Russland ermöglichen, ein Drittel des gesamteuropäischen Verbrauchs zu decken und die Ukraine als Transitland überflüssig machen.

Für die betroffenen deutsche Wirtschaft ist das Abkommen, das bereits 2013 beschlossen, aber wegen der Ukraine-Krise aufs Eis gelegt wurde, eine Rückkehr zum business as usual. Vor dem Hintergrund der immer noch bestehenden Sanktionen gegen Russland ist der Deal jedoch ein politischer Dolchstoß. Weiterlesen

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Warum schweigt der PEN zur Griechenlandhetze? Ein offener Brief an den Präsidenten des deutschen PEN 

Von Willi Jasper
Lieber Josef Haslinger,
wo bleibt das politisch-moralisch-intellektuelle Engagement des deutschen PEN in der aktuellen Krisensituation Europas? Warum schweigt der PEN in einer Situation, in der sich deutsche Journalisten “reihenweise zu pöbelnden Parteigängern” (Georg Diez) gegen Griechenland aufschwingen. Die Bildzeitung (online)  bemühte ohne Kenntnis und Scham sogar Goethe, um den zurückgetretenen Finanzminister Varoufakis mit Mephisto zu vergleichen.

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Die Ungarn und die Anderen

 

Von Igor Mitchnik

Die Hölle bleiben die anderen: Wie die drei Haupt-Figuren in Jean-Paul Sartres Stück „Geschlossene Gesellschaft“ leiden die Ungarn an der Gegenwart ihrer Mitmenschen. Die ungarischen Juden leiden am Mainstream-Antisemitismus. Die Roma und vor allem die Flüchtlinge im Land leiden an gesellschaftlicher Ablehnung und Rassismus. Und die restlichen Ungarn ertragen die Gegenwart der anderen drei Gruppen nicht.

Dieses Phänomen ist in Ungarn keineswegs neu und schon gar nicht erst in den letzten Jahren entstanden. „Anders“ durfte man bereits in der ungarischen Bauerngesellschaft der 1960er und 1970er Jahre nicht sein. Das lehrt die Mutter den Protagonisten des Buches „Die Mittellosen“ von Szilárd Borbély. „Sie riechen bei dem, der nicht so ist wie sie, den Fremdengeruch“, erklärt die Mutter. Wer auffällt, wird niedergemacht. Weiterlesen

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Gauck und Wassermann – „Malice in Kulturland“

Gastkommentar von Willi Jasper:

Mit Richard von Weizsäcker haben die Deutschen zweifellos eine große politische Persönlichkeit verloren. Die Nachrufe sind einhellig. Mit seinem Intellekt, mit seinen Reden und Anstößen habe er das Bild und das Bewußtsein der Republik geformt. Obwohl (oder weil) das Präsidentenamt nicht mit exekutiver Macht ausgestattet ist, habe er allein mit der Entwicklung von Gedanken Einfluß genommen. Das klingt wie bei allen Nachrufen etwas nach Überhöhung, doch vergleicht man Weizsäcker mit Vorgängern und Nachfolgern im Amt, dann nimmt man das hin. Vor allem heute, wo wir die unerträgliche Ahnungslosigkeit, Heuchelei und selbstgefällige Eitelkeit eines Herrn Gauck ertragen müssen, erinnern wir uns wehmütig an die Würde und Vernunft des Verstorbenen. Weiterlesen

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Der Schwanengesang des Imperiums, Teil 2

Von Sonja Margolina:

General Dawydow, ein Protagonist meines Romans „Brandgeruch“ (Berlin-Verlag 2011), hat eine steile Karriere in der sowjetischen Außenaufklärung hinter sich. In den 70er Jahren war er einem Zirkel von Geheimdienstverschwörern beigetreten, die zum Ziel hatten, das unfähige Politbüro zu entmachten und die Konfrontation mit dem Westen zu beenden. Anfangs von der Perestroika und dem Zerfall der Sowjetunion (SU) überrumpelt, gelang es den Verschwörern doch noch, ihren Einfluss zurückzugewinnen und ihn sogar noch auszubauen.

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Der Schwanengesang des Imperiums, Teil 1

Von Sonja Margolina:

Der Aufruf der 60 Russland-Versteher „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“ ist in der Öffentlichkeit auf scharfe Kritik gestoßen. Zahlreiche Medien und inzwischen auch eine überwältigende Mehrheit der Osteuropa-Experten monieren einseitige Schuldzuweisungen an die Adresse des Westens und eine deprimierende Ahnungslosigkeit bezogen auf Russland und Osteuropa. Die inzwischen gewonnenen Erkenntnisse über den asymmetrischen Krieg Russlands gegen die Ukraine und über die subversiven Aktivitäten des Kremls in den europäischen Staaten erlauben es nicht mehr, Russland zum Opfer des imperialistischen Westens zu stilisieren.

Allmählich wird der Öffentlichkeit bewusst, dass besonders am Anfang des Konflikts in den deutschen Medien der Standpunkt der russischen Propaganda unreflektiert wiedergegeben wurde. Weiterlesen

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Kartell der guten Absichten

Von Sonja Margolina:

Vor einem Jahr erhob Ioane Teitiota Klage gegen seine Abschiebung aus Neuseeland. Der Migrant wollte als Klimaflüchtling anerkannt werden. Seine Heimat, die pazifische Insel Kiribati, sei durch den Klimawandel bedroht. Der steigende Meeresspiegel und die Versalzung des Trinkwassers schadeten der Gesundheit seiner Kinder. Da sauberes Trinkwasser ein Menschenrecht sei, argumentierten seine Anwälte, sei  Ioane Teitiota nach der UN-Menschenrechtskonvention als Flüchtling anzuerkennen. Der Oberste Gerichtshof Neuseelands wies  die Klage jedoch zurück: „Jemand, der ein besseres Leben sucht, indem er den empfundenen Folgen des Klimawandels entflieht, ist keine Person auf die die Konvention zutrifft.“

Das Narrativ des Klimawandels ist inzwischen so allgemein üblich geworden, dass es keinen Bezug zu irgendwelchen wissenschaftlichen Nachweisen und  Theorien mehr braucht. Weiterlesen

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Ein neuer Realismus – Plädoyer gegen eine Vorreiterrolle

Von Sonja Margolina

Der Hype um die globale Klimaerwärmung scheint weltweit vorbei zu sein. Staaten wie Japan, Kanada und Australien sind aus dem Kyoto-Prozess ausgestiegen. Auf den Klimakonferenzen bleiben die Plätze für Journalisten leer. Die wiederkehrenden Panikmeldungen über den bevorstehenden Hitzetod des Planeten verhallen ungehört. Lediglich die EU setzt ihre Verhandlungen über die Klimaziele – die Reduzierung der CO2-Emissionen – unbeirrt fort.

Der Glaube an den anthropogenen Klimawandel war ein Produkt der postindustriellen Schönwetterperiode, als die Gewinner des kapitalistischen Fortschritts anfingen, sich vor der Sintflut zu fürchten. Sie lebten, so hiess es, im Überfluss und auf Kosten der übrigen Welt und seien im Begriff, die Erde zu vernichten. Es galt, das Unheil abzuwenden.  Weiterlesen

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Wirtschafts­-Papst Franziskus: Thema gut gewählt, aber zu kurz gesprungen

Von Günter Morsbach, Herausgeber „Reitender Bote“:

Es muss einfach mal an dieser Stelle laut gesagt werden, dieser Papst ist absolut bewundernswert. Die Abkehr von Prunk und Protz der Kirche, sein Selbstverständnis als bescheidener Diener, sein Rollenverständnis als Schutzherr der Mitmenschen, die sich selbst nicht helfen können und vor allen Dingen als Mentor derer, die glauben, dass die Katholische Kirche ­ wie die evangelische
auch – sich neu erfinden muss.

Nun veröffentlichte Franziskus sein erstes apostolisches Schreiben  „Evangelii Gaudium“. Was für den Nichtlateiner erst mal lustig klingt heißt übersetzt „Freude des Evangeliums“. Er stößt die Tür weit auf für eine grundlegende Reform der Katholischen Kirche. Weiterlesen

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Angriff von rechts

Von Adrian Zielcke:

Wir leben auf einer Insel der Seligen. Deutschland zieht den Rest Europas. Es geht ja bei weitem nicht nur um so kleine Länder wie Griechenland und Zypern. Italien ist überschuldet und in weiten Teilen weltweit nicht konkurrenzfähig.

Seit 150 Jahren pumpt der reiche Norden des Stiefels Geld in den Süden. Der Erfolg ist gleich Null. Spanien ist pleite, Portugal ebenso. Großbritannien ist entindustrialisiert, die Londoner City bringt Geld in das Land, die Banken sind Englands Unglück. Denn diese verhindern zusammen  mit der New Yorker Wall Street die notwendige Regelung des entfesselten Kapitalismus. Weiterlesen

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