Innerhalb der Beatles galt John Lennon den Fans als der Intellektuelle und zugleich als der Revolutionär und Rocker. Paul McCartney hingegen als der gefällige, kommerziell ausgerichtete, melodieselige, reizende und musikalisch begabte, aber vielleicht etwas spießige Gegenpol. In gewisser Weise wurde so der Gegensatz Rolling Stones – Beatles innerhalb der Fab Four wiederholt. Und wie der Gegensatz zwischen den beiden Gruppen, so ist der Gegensatz zwischen Lennon und McCartney weitestgehend ein mediales Konstrukt; ein Konstrukt, zu dem ich mit meinem Buch über Lennon (erschienen 1987) meinen kleinen Teil beigetragen habe. Leider.
Wie wenig das Klischeebild stimmt, kann man an Rockern wie „Long Tall Sally“, „She’s a Woman“ (einer meiner Lieblingsnummern von den Beatles) „I’m Down“, „Get Back“ oder „Helter Skelter“, aber auch an nachdenklichen, lyrisch anspruchsvollen Songs wie „For No One“, „Eleanor Rigby“ oder „Hey Jude“ sehen, alles Paul-Nummern (außer Little Richards „Long Tall Sally“, versteht sich); und nach dem Ende der Beatles an einer sozialkritischen Vignette wie „Another Day“, dem Glamrock-Bombast von „Live And Let Die“ (etwas Besseres hat McCartney auch mit den Beatles nicht produziert, und mir kann niemand einreden, Queens zwei Jahre später erschienenes Meisterwerk „Bohemian Rhapsody“ verdanke diesem Stück nichts), der liebevollen Lennon-Parodie „Let Me Roll It“ oder dem zynischen Spätwerk „Gratitude“ erkennen. Und jeder McCartney-Fan wird 30 bis 40 weitere Songs nennen. Zu Recht.
Was aber immer stimmte und stimmt, ist: McCartney achtet aufs Handwerk des Songschreibens. Er wurde durch Elvis, Buddy Holly und, ja auch, John Lennon zum Rocker, aber davor konnte er schon die Klassiker des Great American Songbook singen und am Klavier spielen, das hat er gelernt von seinem Vater Jim, der ein semi-professioneller Musiker war und die Nummern mit seiner Jazzband oder bei jenen Familienfesten spielte, die McCartney in „Let ‚em In“ feiert. Die Rocker haben diese Songs, die sie in ihrer Jugend hörten (meine Eltern etwa hatten Platten von Eartha Kitt, Nat King Cole, Shirley Bassey und Johnny Mathis) öffentlich verachtet, aber auch heimlich und widerwillig geliebt, weshalb viele von ihnen – Linda Ronstadt, Rod Stewart, Paul Young und Bob Dylan etwa, und natürlich McCartney selbst – die Songs später gecovert haben.
McCartneys lyrische Handwerksfähigkeit möchte ich an einem Song demonstrieren, in dem er „the magic of those Hollywood songs“ beschwört: „Honey Pie“, vom Weißen Album 1968. (Den Text findet man unten.) Es handelt sich nicht um eine „bedeutende Nummer“, kommt nicht bedeutungsschwanger daher, wie Lennons „Revolution“ oder Harrisons „While My Guitar Gently Weeps“, sondern parodiert in der Melodie, der Instrumentalisierung und dem Gesangsstil die „Crooner“ der Jazz-Ära: Fred Astaire etwa, dessen „Dancing Cheek to Cheek“ – komponiert von Irving Berlin – von McCartney als Beispiel eines perfekt gebauten Songs genannt wird. Im Jahr der Jugendrevolte gegen das Alte macht der 26-Jährige ganz bewusst in Nostalgie und Kunstfertigkeit um der Kunstfertigkeit Willen.
Obwohl: nicht ganz. Wie McCartney stammt Honey Pie aus dem Norden Englands, ist ein Kind der Arbeiterklasse und ist in Amerika zum Weltstar geworden. Und nun soll sie bitte nach Hause kommen. Die Bedeutung eines Zuhauses ist ein Thema, das sich durch McCartneys Oeuvre zieht, man denke an „Penny Lane“, „When I’m Sixty-Four“, „She’s Leaving Home“, „Get Back“, „The Long and Winding Road“, „Two of Us“ oder „Mull of Kintyre“.
Dennoch: Eigentlich eine Gelegenheitsdichtung. Eine Fingerübung. Aber wie gut gebaut! Nehmen wir nur die durchgehenden Alliterationen: „I’m in love but I’m lazy“, „Silver Screen“, „will the wind“, „blew her boat“, „kindly send her sailing“
Da sind auch Binnenalliterationen dabei, die sich wiederholenden „l“s, die das Thema „love“ und „lazy“ aufgreifen und zitieren, auch in „legend“, „Hollywood“, „Atlantic“, „belong“, „please“. Hinzu kommen auch Binnenreime wie „“meeting you“ / „weak in the“, und schließlich die ungewöhnlichen Endreime „tragic / magic“ und „frantic / Atlantic“, insgesamt viermal also auf „“a – ic“. Das ist schon hohe Kunst, und es ist kein Zufall, dass McCartney diesen dicht gewobenen Text in einer Zeit präsentierte, da sich alles in Auflösung befand – einschließlich der Beatles selbst und seiner produktiven und erotisch gefärbten Partnerschaft mit John Lennon: „Honey Pie come back to me …“
Ein wunderbarer Song, und je älter ich werde, desto mehr lerne ich solide Handarbeit zu schätzen; in Deutschland wird es zuweilen als „Kunstgewerbe“ herabgetan, als wäre eigentliche Kunst nicht Gewerbe. Aber natürlich ist Kunst auch ein Gewerbe, und die Unterscheidung zwischen „kommerziell“ (= minderwertig) und „künstlerisch“ (= höherwertig, weil geistig) ist genauso ein Bullshit wie die Vorstellung, der Rock’n’Roll sei authentischer und revolutionärer als die Musik, die McCartney hier so liebevoll parodiert.
She was a working girl north of England way.
Now she’s hit the big time in the U. S. A.
And if she could only hear me, this is what I’d say:
Honey Pie, you are making me crazy
I’m in love, but I’m lazy, so won’t you please come home.
Oh, Honey Pie, my position is tragic,
Come and show me the magic
Of your Hollywood songs.
You became a legend of the silver screen,
And now the thought of meeting you makes me weak in the knee.
Oh, Honey Pie, you are driving me frantic,
Sail across the Atlantic to be where you belong.
Honey Pie, come back to me.
Will the wind that blew her boat across the sea,
Kindly send her sailing back to me. Teeteetee.
Now, Honey Pie, you are making me crazy,
I’m in love but I’m lazy, so won’t you please come home.
Come, come back to me, Honey Pie …
Die Journalisten-Fabel vom intellektuellen Lennon und vom seichten McCartney haben Sie zum Glück bereits im ersten Absatz abgeräumt. Nach der Lektüre zahlreicher Beatles-Publikationen habe ich ohnehin den gegenteiligen Eindruck gewonnen: Lennon der Bequeme, McCartney der Rastlose.
War es nicht McCartney, der sich auf der Suche nach neuen Inspirationen schon früh der Avantgarde zuwandte? War es nicht McCartney, der bereits in den ersten beiden Beatles-Alben das musikalische Spektrum der Band mit Broadway-Standards (A Taste Of Honey und Till There Was You) erweiterte? Und war es nicht wiederum McCartney, der immer wieder den kongenialen Produzenten George Martin beanspruchte, um mithilfe klassischer Instrumente neue Klangfarben in die Musik der Beatles zu bringen?
Aufschlussreich ist auch ein Vergleich der Solo-Alben nach der Trennung der Band. Harrison und Lennon bewegten sich – von wenigen Songperlen abgesehen und nur die musikalische Vielseitigkeit betrachtet – eher im oberen Mittelfeld. McCartney hingegen legte bereits mit seinem zweiten Soloalbum Ram ein Meisterwerk vor, das freilich von Musikjournalisten, ihrem Idol Lennon verpflichtet, seinerzeit in Bausch und Bogen verrissen wurde. Die Reihe McCartney’scher Meisterwerke ließe sich problemlos fortsetzen, etwa mit Band On The Run, Tug Of War, Flaming Pie oder Chaos And Creation In The Backyard und viele weitere.
Meine These lautet daher: Ohne die musikalische Vielseitigkeit McCartneys hätten die Beatles niemals jenen Goldstandard erreicht, den man ihnen bis heute – und zu Recht – zuschreibt.
Um Ihre Fragen zu beantworten: Ja.
Ian Leslie macht in seinem großartigen Buch „John and Paul: A Love Story in Songs“ klar, dass das kreative Herz der Beatles eben Lennon und McCartney waren.