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Das Jagger-Richards-Songbuch (14): Coming Down Again

Da es mir bei diesen Besprechungen in erster Linie um die Texte geht, mag es ein wenig verwundern, wenn ich zu Keith Richards‘ 80. Geburtstag einen Song auswähle, der im Wesentlichen aus einer Zeile besteht: „Coming down again“. Wie „Knockin‘ on heaven’s door“. Während mich aber das Pochpochpochen bei Dylan ärgert, ist dieses todtraurige Herunterkommen nach dem Drogen-Himmelssturm wunderbar, und Keith Richards zeigte hier zum ersten Mal, was für ein großartiger Sänger er ist. Nicht technisch, versteht sich, Virtuosität ist bei den Rolling Stones sowieso nie der Punkt gewesen, weshalb Mick Taylor da nicht reinpasste, sondern in dem, was bei einem Blues-Sänger am wichtigsten ist: Gefühl.

Ich empfehle niemandem, die Erfahrung zu machen, die hier geschildert wird. Selbst habe ich es nie so exzessiv wie Richards getrieben, und auch nicht so intensiv: Mescalin und LSD waren bei mir das Höchste der Gefühle, Heroin und Opium habe ich gemieden. Und wenn ich ehrlich bin, nach einem zweitägigen sehr merkwürdigen Mescalin-Abenteuer in Darmstadt war ich sehr froh, wieder herunterzukommen. Später aber, mit LSD, gab‘s diese Rückkehr aus einer Welt, die immer hart am Rand des Himmels – knock, knock knockin‘ – war, in die trübe Realität ungemachter Betten, unaufgeräumter Küchen, eines unzulänglichen Lebens, und darum geht es hier. Und um die bange Frage: „Where are all my friends?“

Zugleich ist der Song die Beichte einer Affäre – man sagt, mit Anita Pallenberg, der Freundin von Brian Jones: „Slipped my tongue in someone else’s pie …“ Der Betrogene, grün vor Neid, will sich rächen. Der „green-eyed monster“ ist im englischen Sprachraum die Eifersucht, ein Dämon. John Lennon schreibt in seinem großartigen Song „Scared“: „Hatred and jealousy, gonna be the death of me / I guess I knew it right from the start / Sing out about love and peace / Don′t wanna see the red raw meat / The green eyed goddamn straight from your heart…“

Hungrig sein sei kein Verbrechen, meint Richards wider besseres Wissen, aber nun ist auch die Affäre vorbei, oder die Nacht im fremden Bett mit der Zunge im fremden „pie“: „Coming down again …“ Die Parallelität von Drogensucht und Sexsucht ist offenkundig.

Wer nach oben fährt, ob mit Heroin, der Frau eines Freundes oder der Bild-Zeitung, muss wieder herunter. Wie Tom Petty in „Learning To Fly“ singt: „Coming down is the hardest thing“. Wer’s nicht glaubt, der soll Keith Richards zuhören.

 

Coming down again, coming down again
Coming down again, coming down again

Share your thoughts, there’s nothing you can hide
She was dying to survive
I was caught, oh, taken for a ride
She was showing no surprise

Coming down again, coming down again
Where are all my friends? Coming down again

Coming down again, coming down again
On the ground again, coming down again

Slipped my tongue in someone else’s pie
Tasting better every time
He turned green and tried to make me cry
Being hungry, it ain’t no crime

Coming down again, all my time’s been spent
Coming down again

Coming down again (sky fall down again)
Coming down again (sky fall down again, sky fall down again)
Coming down again (sky fall down again)
Coming down again
Where are all my friends?

Coming down again, coming down again
Where are all my friends?
(Sky fall down again)
Coming down again (sky fall down again)
Coming down again (sky fall down again)
Coming down again
Coming down again
Where are all my friends
Coming down again
On the ground again

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