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Das Jagger-Richards-Songbuch (10): Flip The Switch

Neulich passierte etwas Merkwürdiges. Ich hatte für meine 50 Bob Dylan-Exegesen gerade die Nummer 47 geschrieben, über den Song „Clothes Line Saga“, das ist eine Parodie auf „Ode To Billie Joe“ von Bobby Gentry. Und dachte darüber nach, was ich als nächsten Stones-Song vorstelle; aus irgendwelchen Gründen kam mir „Flip the Switch“ in den Sinn. Gut, und am Abend schaute ich auf Netflix „Just Mercy“ mit Jamie Foxx an, und der Film beginnt damit, dass Foxx in seinem Truck fährt und „Ode To Billie Joe“ im Radio hört. Und etwa in der Mitte des Films gibt es eine fast unerträglich intensive Hinrichtungsszene auf dem elektrischen Stuhl. Und davon handelt ja „Flip the Switch“.

Wie fast alle Stones-songs ist auch dieses Lied in der ersten Person. Der Ich-Erzähler freut sich auf seine Hinrichtung, die er sich als orgiastischen Abgang vorstellt: I can’t wait, Baby I’m ready to roll, Baby I’m ready to blow, flip the switch!

Seit ich ein Kind war und mir mein Vater über Caryl Chessman erzählte, der 1960 in San Quentin vergast wurde, weil er zwei Frauen zu Fellatio gezwungen hatte, fasziniert mich die Todesstrafe auf eine ungute Art. Der kaltblütige, bürokratische, fast ritualistische Akt des Tötens erschreckt mich auch in den Fällen, wo ich – wie etwa bei den hohen Nazis, Saddam Hussein oder Timothy McVeigh – keinerlei Mitleid mit dem Hinzurichtenden empfinde. Besonders perfide ist die Tatsache, dass der Todeskandidat zum Komplizen seiner eigenen Auslöschung gemacht wird; er muss ja wünschen, dass alles glatt über die Bühne geht, damit er nicht zu lange leidet; er will ja – es sind fast immer Männer – tapfer sterben, und das macht es seinen Mördern leichter; und wenn er die Gelegenheit zu einem letzten Wort ergreift, so ist er Teil des Rituals geworden. Es sei denn, er sagt, wie der Mörder, dem Mick Jagger diese letzten Worte geklaut hat: „Flip the switch!“ Legt den Schalter um. Im letzten Augenblick ist er Herr des Verfahrens geworden; die Wärter tun, was er sagt.

Dieser Killer denkt in seinen letzten Augenblicken an seinen Mord – ein Fetzen Fleisch, ein Haufen Knochen, ein tiefer Seufzer und ein verzweifeltes Stöhnen. Er glaubt nicht, dass er in die Hölle kommt, den Ort hat er ausbaldowert, er kennt ihn gut, er aber „arbeitet für die andere Firma“.  Für den Trip hat er sich gut vorbereitet, mit so einer Reise-Kulturtasche, Zähne putzen, Mund ausspülen, sogar der Kopf wird ihm rasiert. Und als Henkersmahlzeit gab es Truthahn. Der Jury, die ihn für schuldig befand, wünscht er die Todesspritze. Er aber verabschiedet sich mit einem Knall.

Es ist ein übler Song. Wie nach der Lektüre eines Berichts über eine Hinrichtung, wie nach der Hinrichtungsszene in „Just Mercy“, fühlt man sich ein wenig beschmutzt. Und da fällt mir ein, dass Eric Burdon in seinem Song „Soledad“ (mit Jimmy Witherspoon) singt, es wäre ihm lieber, sie würden ihm den Kopf rasieren und ihn auf den elektrischen Stuhl setzen, als lebenslang in Soledad einzusperren. Das sei ein „cleaner feeling“. Nein, da ist nichts Sauberes dran. Die Todesstrafe hat etwas Obszönes, und dieser Song – der deshalb als Song nicht wirklich funktioniert – macht das klar.

 

A scrap of flesh
And a heap of bones
One deep sigh
And a desperate moan

Three black eyes
And a busted nose
I said, oh yeah, oh yeah

Take me up
Baby, I’m ready to go
Switch me up
Baby, I’m ready to go, yeah
Wake me up
Baby I’m ready
Baby, baby, I’m ready to go
(Chill me, freeze me, to my bones)

I’m not going to burn in hell
I cased the joint
And I know it well
Maybe my carcass
Can feed the worms
I’m working for the other firm

Shake me up
Baby, I’m ready to go
Fix me up
Baby I’m ready to roll, yeah
Set me up
Baby, baby, baby, I’m ready to go
(Chill me, freeze me, to my bones)
Flip the switch

I got my money, my ticket
All that shit
I even got myself
A little shaving kit
What would it take
To bury me
I can’t wait
I can’t wait to see

I got a toothbrush, mouthwash
All that shit
I’m looking down
In the filthy pit
I had the turkey
And the stuffing too
I even saved
A little bit for you

Lethal injection’s a luxury
I want to give it
To the whole jury
I’m just dying
For one more squeeze
Oh yeah
Oh yeah

Pick me up
Baby, I’m ready to go
Pick me up
Baby, I’m ready to blow
Take me up
Baby, if you’re ready to go
Baby, I got nowhere to go
Baby, I’m ready to go
(Chill me, freeze me, to my bones)
Flip the switch

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4 Gedanken zu “Das Jagger-Richards-Songbuch (10): Flip The Switch;”

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    Freunde

    … Jesus im Johannes-Evangelium; 14,16: ‚Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt.‘

    Frohe Pfingsten.

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      „Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt.“ Warum sind Sie dann immer so überzeugt, die Wahrheit zu kennen?
      Auch Ihnen frohe Pfingsten, Hans.

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        APo; ‚Warum sind Sie dann immer so überzeugt, die Wahrheit zu kennen?‘

        … was ist denn daran so schwer? Leihmutterschaft, Genmanipulation, Bioengineering, Transhumanismus, Geschlechtsumwandlung, die Parodie der gleichgeschlechtlichen Ehe, die Täuschung, durch Abtreibung und Euthanasie über Leben und Tod entscheiden zu können. Krieg, Völkermord. Werter APo, das ist die ideologisierte Welt des Bösen – nicht meine Welt.

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