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Holocausterinnerung als Hindernis für den Kampf gegen die Moderne

Aufgrund eines Server-Absturzes musste der Beitrag neu gepostet werden. Die Überschrift weicht  vom Original ab.  A.P.)

Wenn es Streit um die Erinnerungskultur gibt, schalten die meisten Deutschen ab. So schrieb ein Leser im Kommentarteil zu einem Artikel von mir in der WELT zur Kritik der „Jerusalemer Erklärung“: „Unfähig, allen Verästelungen der im Artikel vollzogenen und beschriebenen Gedankengänge und Definitionen bis in die Einzelheiten zu folgen, ziehe ich für mich den Schluss, dass das Thema b.a.w. derart vermintes Gelände ist, dass jede irgendwie entschiedene Stellungnahme in der einen Richtung unausweichlich Polemik in die andere zur Folge haben wird.“

Man kann das nachvollziehen. Und dieses Gefühl, es handele sich einerseits um arkane „Verästelungen“, andererseits um „vermintes Gelände“, mag erklären, weshalb es zwei Tage nach Veröffentlichung des Beitrags zur Erinnerungskultur von Jürgen Zimmerer und Michael Rothberg in der ZEIT gerade einmal zwei Leserkommentare gab.

Der Holocaust als Mittel im Kampf um die Sicherung weißer Dominanz

Deshalb ist es zu begrüßen, wenn Autoren in ihren Beiträgen klar sagen, worum es geht und warum es wichtig ist, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Das tun Zimmerer und Rothberg mit dankenswerter Offenheit und ohne falsche Zurückhaltung: Wer ihrer Deutung des Holocausts nicht folgt, macht sich zum Büttel der heimischen Rassisten und des westlichen Imperialismus: „Es geht um nicht weniger als um die Abwehr einer Debatte über koloniale Verbrechen, und damit verbunden um die unkritische Rettung einer europäischen Moderne, die Sicherung einer weißen hegemonialen Position im Inneren und die dominierende Stellung des ‚Westens‘ nach außen.“

Wow.

Nun möchte niemand – außer einigen AfDlern – eine „weiße hegemoniale Position“ in Deutschland verteidigen, auch wenn die eine oder andere schon ganz gern an der kulturellen Tradition des Landes festhalten muss, das nun einmal „weiß“ geprägt ist. Auch möchte niemand – wieder außer ein paar AfDlern – eine Debatte über koloniale Verbrechen abwehren, auch wenn der eine oder andere gern, wenn von unseren Verbrechen geredet wird, auch über die Leistungen der Kolonialzeit reden würde, etwa von der Ausrottung von Krankheiten und der Abschaffung der Sklaverei. Eine „unkritische Rettung der europäischen Moderne“ ist ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit, da sich die Moderne im Gegensatz zu allen traditionellen Gesellschaften geradezu definiert über einen ständigen Prozess der Selbstkritik. Gerade deshalb möchte man denn doch auch die Moderne retten, zumal alle Alternativen höchst unattraktiv aussehen. Ähnliches gilt für die „dominierende Stellung des Westens“ in der Welt. Man mag vieles ablehnen, was „der Westen“ in der Welt tut, aber wie eine Welt aussähe, die etwa von China und Russland – den einzigen ernsthaften Rivalen des Westens im 21. Jahrhundert – dominiert würde, kann man sich nur zu gut ausmalen.

Halten wir aber fest: Rothberg und Zimmerer geht es mit ihrer Neubestimmung der Erinnerungskultur darum, die Diskussion über koloniale Verbrechen so zu führen, dass die europäische Moderne infrage gestellt oder kritisiert, die weiße Hegemonie in Deutschland und die Dominanz des Westens beendet werden.

Machtdiskurs statt Faktenwissen

Es geht ihnen also um Macht. Nicht um Fakten. Fakten, die dem hehren Ziel der Beendigung weißer und westlicher Dominanz im Wege stehen könnten, sind abzulehnen. Das ist natürlich keine Idiosynkrasie der beiden Autoren. Das ist ein Kennzeichen der poststrukturalistischen Theorie, die seit Michel Foucault darauf besteht, dass es keine objektive Wahrheit gebe, sondern nur Diskurse: solche, die Machtstrukturen erhalten und solche, die sie zersetzen. Das macht eine Diskussion mit Poststrukturalisten schwierig. Man steht leicht da als alter weißer Mann (schuldig im Sinne der Anklage), der seine Privilegien gegenüber „People of Colour“ (PoC) und überhaupt dem „globalen Süden“ wahren will.

Zwar war Foucault ebenso weiß und privilegiert, wie es die Hochschullehrer Rothberg und Zimmerer sind, aber – ich kenne den Gestus aus meiner Zeit als Mitglied der „Avantgarde des Proletariats“, der maoistischen KPD/AO – sie stehen auf der „richtigen Seite der Geschichte“. Und da brauchen sie Fakten ebenso wenig wie wir, die ja auch die Dominanz des Westens und der europäischen Moderne nicht zuletzt mithilfe antikolonialer Propaganda brechen wollten, damals Fakten gebrauchen konnten.

Gut, das war Polemik. Natürlich sind Rothberg und Zimmerer keine durchgeknallten jungen Maoisten, sondern ernstzunehmende ältere Akademiker. Wie sie sich auch immer eine Welt ohne weiß-westliche Dominanz vorstellen, sie dürfte kaum mit unseren damaligen kulturrevolutionären Vorstellungen zu vergleichen sein. Und die Thesen, die sie aufstellen, sind auch von historisch gebildeten Leuten nicht so leicht als falsch zu entlarven wie unsere damalige Holzhammer-Propaganda.

Was aber wichtig ist: Wären die angeführten Thesen Rothbergs und Zimmerers zum Holocaust richtig, und folgte aus ihnen tatsächlich zwingend, dass der europäischen Modernen, der weißen Hegemonie und der westlichen Dominanz Ade sagen muss, so müsste ich sie dennoch akzeptieren. Denn ich bin ein altmodischer Anhänger eben jener aus der Aufklärung hervorgegangenen Moderne und glaube mit Greta Thunberg, dass man den Fakten folgen muss: in der Klimaforschung wie in der Geschichtswissenschaft.

Wo wir uns einig sind

Deshalb möchte ich auf die Thesen Rothbergs und Zimmerers zum Holocaust eingehen und zeigen, wo und warum sie falsch sind.

Beginnen wir aber nach gutem europäisch-modernem Brauch mit dem, was uns eint:  Rothberg und Zimmerer schreiben: „Auf der Basis einer empirisch gesättigten, weltgeschichtlichen Betrachtung lassen sich (…) die singulären Elemente der Schoah deutlich benennen: der jahrhundertealte Antisemitismus mit seiner spezifischen Prägung durch das Phantasma einer jüdischen Weltverschwörung und die sich daraus ergebende Totalität und Unbedingtheit des Mordens.“

Richtig. Und damit könnten wir alle Arm in Arm nach Hause gehen, denn um nichts Anderes geht es, wenn von der „Singularität“ oder „Einmaligkeit“ der Schoah gesprochen wird. Da es vor und nach dem Holocaust Genozide und Massenmorde gab und gibt, ob unter Lenin, Stalin, Mao und Pol Pot, ob gegen australische und amerikanische Ureinwohner, Nama und Herero, christliche Armenier oder muslimische Bosniaken und Rohingga (die Liste ist assoziativ und sehr unvollständig), ist es offenkundig, dass sich die „Singularität“ des Holocausts – etwa die „Totalität und Unbedingtheit des Mordens“ – nur aus dem Vergleich mit anderen Genoziden und Massenmorden ergibt, den kein ernsthafter Holocaustforscher ablehnt.

Von Windhuk nach Auschwitz?

Weshalb heißt der Artikel von  Rothberg und Zimmerer dann: „Enttabuisiert den Vergleich!“ – weshalb wird zum Durchbrechen eines Tabus aufgefordert, den es gar nicht gibt? Weil es eben nicht um Vergleiche geht, sondern um die Genese des Holocausts. Rothberg und Zimmerer entwerfen eine Genese, die es ermöglichen soll, die Erinnerungskultur in den Dienst des Kampfes für eine bessere Welt ohne weiße und westliche Dominanz zu stellen.

Und die geht, um einmal den berühmtesten Aufsatz Jürgen Zimmerers zu zitieren so: „Von Windhuk nach Auschwitz“.

Zimmerer hat seinen griffigen Aufsatztitel mit einem Fragezeichen versehen, um Kritik zuvorzukommen, aber die Aussageform ist gemeint, wie er selbst im Vorwort zum gleichnamigen Sammelband klarstellt:  Es gehe ihm um die „vielfältigen Beziehungen zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus, die über Sonderwege, Kausalitäten oder rein zufällige Ähnlichkeiten hinausgehen.“ (Was bedeutet „über die Kausalität hinausgehen“? Egal.)  „Sie umfassen sowohl die Kriegsführung als auch die Ausbeutungs- und Umerziehungspolitik im Nicht-Krieg sowie die ideologische Öffnung von Möglichkeitsräumen für Genozid und Vernichtungskrieg ebenso wie für die Neuordnung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft auf ,rassischer’ Grundlage.“ Kurzum: Nicht das millionenfache Morden im Ersten Weltkrieg, nicht die millionenfache Brutalisierung und Traumatisierung der Frontsoldaten, die später das Gros der NSDAP-Mitglieder und ihrer Führung ausmachten; nicht die Angst vor dem massenmörderischen Leninismus und Stalinismus sind entscheidend zur Erklärung der Schoah, sondern die Kolonialerfahrung vor 1914 und der dort praktizierte Rassismus.

Oder wie es im Aufsatz von Rothberg und Zimmerer heißt: „In Wahrheit bieten Antisemitismus, Kolonialrassismus oder Antislawismus eine für Holocaust und Eroberungs- und Vernichtungskrieg notwendige Feindbildkonstruktion, ohne dass inhaltliche Unterschiede verleugnet würden. Die Schoah ist dabei nicht der einzige Anknüpfungspunkt einer postkolonialen Geschichte der Massengewalt. Der deutsche Vernichtungskrieg um Lebensraum spielt eine mindestens ebenso große Rolle. Hier sind koloniale Ähnlichkeiten und Parallelen deutlich zu finden. Die Eroberung von ‚Lebensraum‘ und dessen deutsche Besiedelung nach ethnischen Säuberungen stehen hier in einem kolonialen Kontinuum.

Forschungen zur Ingangsetzung der Schoah verweisen darauf, dass auch im Übergang von Ausweisungs- und ‚Umsiedlungsplänen‘ zur Entscheidung zum Massenmord situative Kontexte in Verbindung mit dem Vernichtungskrieg eine wichtige Rolle spielten. In dieser kumulativen Radikalisierung tritt die Verbindung zwischen Schoah und Kolonialismus hervor: Wer Zusammenhänge zwischen Krieg und Holocaust nicht bestreiten will, kann auch eine koloniale Dimension der Verbrechen nicht bezweifeln – allerdings als diskursive Kontinuitäten und Funktionsäquivalenzen, nicht als Kausalitäten.“

Diskursive Kontinuitäten und Funktionsäquivalenzen: Verquastheit als Vertuschung

Wenn Sie das Gefühl haben, das sei verquast formuliert, so deshalb, weil es verquast formuliert ist. Was soll es heißen, dass eine „koloniale Dimension“ der Schoah nicht geleugnet werden könne, „allerdings als diskursive Kontinuitäten und Funktionsäquivalenzen, nicht als Kausalitäten“? Die Autoren sagen es nicht. Weil sie nicht offen sagen wollen, was sie verquast sagen: Es gibt eben keine kausale Verbindung zwischen Kolonialismus und Schoah. Was soll es heißen, dass „die Schoah nicht der einzige Anknüpfungspunkt einer postkolonialen Geschichte der Massengewalt“ sei? Wer behauptet denn, dass sie es sei oder sein müsse? Schon Ernst Nolte und andere haben darauf hingewiesen, dass die Massenmorde der Bolschewisten den Massenmorden der Nazis vorausgingen. Freilich behauptete Nolte einen „kausalen Nexus“ zwischen beiden, was Rothberg und Zimmerer in Bezug auf den Kolonialismus nicht tun. Da geht es ja „über Kausalitäten hinaus“.

Was behaupten sie also wirklich?

Noch einmal:

„In Wahrheit bieten Antisemitismus, Kolonialrassismus oder Antislawismus eine für Holocaust und Eroberungs- und Vernichtungskrieg notwendige Feindbildkonstruktion, ohne dass inhaltliche Unterschiede verleugnet würden. Die Schoah ist dabei nicht der einzige Anknüpfungspunkt einer postkolonialen Geschichte der Massengewalt. Der deutsche Vernichtungskrieg um Lebensraum spielt eine mindestens ebenso große Rolle. Hier sind koloniale Ähnlichkeiten und Parallelen deutlich zu finden. Die Eroberung von ‚Lebensraum‘ und dessen deutsche Besiedelung nach ethnischen Säuberungen stehen hier in einem kolonialen Kontinuum.“

Hitlers koloniale Ziele und der europäische Imperialismus

Ich weiß nicht, was mit „kolonialem Kontinuum“ gemeint ist. Tatsächlich wollte Adolf Hitler ein deutsches Kolonialreich im Osten schaffen, was von keinem seriösen Historiker je geleugnet wurde. Er war explizit nicht an kolonialen Erwerbungen in Übersee interessiert, und es gibt keine Belege dafür, dass er die Erfahrungen der Deutschen als Kolonialherren in Togo, Kamerun Deutsch-Südwest- oder Deutsch-Ostafrika zum Vorbild für seine Pläne genommen hätte.

Eher sprach Hitler in diesem Zusammenhang von den Briten in Indien, die er als „Herrenmenschen“ bewunderte. Jedoch hatten seine Pläne für die „Slawen“ – zusammengefasst im „Generalplan Ost“ für den so genannten Russlandfeldzug – herzlich wenig mit der kolonialen Praxis der Briten in Indien zu tun. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts bereiteten die Briten Indien auf eine Quasi-Selbstständigkeit als „Dominion“ innerhalb des Empire vor. Ohnehin wurden weite Teile des Landes von einheimischen Rajahs regiert. Die indische Armee und Polizei bestanden weitgehend aus Indern ebenso wie die unteren und mittleren Ränge der Verwaltung, die Lehrerschaft und große Teile des Personals der höheren Lehranstalten und große Teile der Justiz. Die – von Briten gegründete! – Congress Party warb legal für die Selbstverwaltung, und Mahatma Gandhi wäre kaum ins Gefängnis gekommen, hätte er nicht „zivilen Ungehorsam“ gepredigt und praktiziert.

Man vergleiche damit Hitlers Pläne für die „Slawen“: Reduzierung auf den Status von Heloten auf den Anwesen und in den Fabriken der Herrenmenschen. Vernichtung der Intelligenz. Keine höheren Schulen. Keine Selbstverwaltung. Schon gar nicht eigene Armeen. Ewiges Sklavendasein. Nicht einmal die unaufgeklärtesten europäischen Kolonialisten – die Belgier im Kongo etwa – hatten für die Bewohner ihre Besitzungen solche Vorstellungen; eher findet man sie bei den Buren und später in den Apartheidsregimen Südafrikas und Rhodesiens, die erst nach der Loslösung vom Empire realisiert werden konnten. Von einem „kolonialen Kontinuum“ kann nur reden, wer den europäischen Kolonialismus nicht kennt.

Was hat „Lebensraum im Osten“ mit der Schoah zu tun?

Was aber hat diese Politik – Kontinuum hin, Kolonialismus her – zu tun mit der Schoah? Richtig: gar nichts. Aus dem Wunsch, ein Kolonialreich im Osten zu errichten, folgt keineswegs zwingend der Plan, alle Juden auszurotten. Im Gegenteil. Alle Kolonialherren haben bestimmte Minderheiten in den Kolonien als Funktionseliten bevorzugt: Die Briten etwa in Malaya (heute Malaysia) die Chinesen, die man damals die „Juden des Ostens“ nannte (und heute noch so nennt), in Ostafrika die Inder und in Indien selbst die Sikhs und andere Gruppen. Es hätte für die Deutschen als Kolonialisten nahe gelegen, die Juden für Jobs in der Verwaltung und im Handel heranzuziehen, die Juden schon im Zarenreich, in vielen osteuropäischen Staaten und auch unter den Bolschewisten wahrgenommen hatten. In der Regel waren die gebildeten Juden begeistert von der deutschen Kultur; die ungebildeten Shtetl-Juden sprachen immerhin Jiddisch und hätten so zwischen Besatzern und Besetzten vermitteln können. Stattdessen gab es die „Totalität und Unbedingtheit des Mordens“.

Es stimmt einfach nicht, dass „Antisemitismus, Kolonialrassismus oder Antislawismus eine für Holocaust und Eroberungs- und Vernichtungskrieg notwendige Feindbildkonstruktion“ darstellen. Der Antisemitismus war für den Eroberungskrieg nicht nötig. Eher hinderlich. Aber der Judenhass war nun einmal das Herzstück der nationalsozialistischen Ideologie, und zwar von Anfang an. Die Juden wurden nicht etwa im Osten vernichtet, weil sie der Kolonialisierung im Wege standen; vielmehr benutzten die Nazis ihren germanisch zu besiedelnden „Lebensraum“ im Osten als „Killing Fields“ für die Juden, die sie aus ganz Europa extra dorthin transportierten. Wie man aus dem Protokoll der Wannsee-Konferenz weiß, war zunächst vorgesehen, die Juden nach bolschewistischem Vorbild zu Tode zu arbeiten. Nur der „allfällige Restbestand“ war „entsprechend zu behandeln“, also zu töten.

Das widerspricht jeder kolonialen Praxis, bei der es ja darum ging, die Arbeitskraft der unterworfenen Völker auszubeuten, also zu erhalten.

Völkerpädagogik statt Geschichtsforschung

Trotzdem meinen Rothberg und Zimmerer: „Das Verbot jedes Vergleichs und In-Beziehung-Setzens führt zu einer Herauslösung der Schoah aus der Geschichte und hat weitreichende Folgen. Erstens blockiert das Pochen auf die Unvergleichbarkeit den Blick auf wichtige Wurzeln der nationalsozialistischen Verbrechen, insbesondere auf den deutschen Vernichtungskrieg ‚im Osten‘ zur Gewinnung von kolonialem ‚Lebensraum‘. Zweitens vermindert es die moralische Schlagkraft des ‚Nie-wieder‘, denn singuläre Ereignisse können sich nicht wiederholen. Drittens erlaubt es rechten Regierungen in Europa, die vieltausendfache Komplizenschaft der Vorfahren ihrer Bürger zu vertuschen, womit der notwendige Hinweis auf die deutsche Hauptverantwortung zur Apologie eines neuen Nationalismus missbraucht werden kann. Und viertens verzerrt es die pluralen Dynamiken öffentlicher Erinnerung und vergibt so die Chance, eine inklusivere Erinnerungskultur zu entwickeln, wie sie der immer heterogeneren deutschen Gesellschaft angemessen wäre: Denn wenn die Erinnerung an den Holocaust in Familien tradiert würde, wie könnten die Millionen von Deutschen, deren Familien zur Zeit des “Dritten Reiches” noch nicht hier lebten, eingebunden werden?“

Nun, zunächst gilt es festzustellen, dass hier politische Desiderata angeführt werden, nicht Argumente. Man will, dass über die „kolonialen Wurzeln“ der Verbrechen diskutiert wird, ob diese Wurzeln objektiv gesehen wichtig waren oder eher nebensächlich, weil man den Kolonialismus für nicht ausreichend diskreditiert hält. Man will die „moralische Schlagkraft des Nie-Wieder“ erhöhen. Man will die „vieltausendfache Komplizenschaft“ der anderen Europäer betonen. Und man will einen pädagogischen Zugang zu Bürgern nichtdeutscher Herkunft gewinnen.

Diese Ziele mag man gut finden oder nicht. Ich persönlich finde, es steht uns Deutschen nicht zu, auf die „vieltausendfache Komplizenschaft“ anderer Europäer beim Holocaust zu verweisen. Ich halte es da mit Bertolt Brecht: „Mögen andere von ihrer Schande sprechen, / Ich spreche / Von der meinen.“ Ganz davon abgesehen, dass völlig unklar ist, weshalb ein Verweis auf die angeblichen “kolonialen Wurzeln“ des Genozids den Deutschen dabei helfen soll, etwa die Nase der Polen in den Dreck der Komplizenschaft zu reiben, wie es Rothberg und Zimmerer wollen, da ja die Polen nie Kolonien hatten, wohl aber über Jahrhunderte faktische Kolonie der Russen und Deutschen waren – ja unterjocht wurden, bevor die Deutschen unter Wilhelm Zwo sich aufmachten, in Afrika einen „Platz an der Sonne“ zu ergattern.

Aber die Frage, ob eine These nützlich ist, ist für die Frage belanglos, ob sie denn richtig ist. Und die These vom Kolonialismus als Vorläufer und Modell des Holocausts ist falsch. Gerade wenn man vergleicht und in Beziehung setzt. Dann löst man die Schoah gerade nicht aus der Geschichte heraus, sondern erkennt in ihr das Produkt einer 2000jährigen abendländischen Tradition des Judenhasses, der vor dem Kolonialismus da war und den Kolonialismus überlebt hat. Ja, der heute in Gestalt eines Antikolonialismus daherkommt, der den Juden, die dem Holocaust nach Palästina entkamen vorwirft, einen rassistischen „Siedler-Kolonialismus“ zu betreiben.

Und selbst wenn man aus pädagogischen Gründen – wegen der Deutschen „nichtdeutscher Herkunft“ – den Holocaust „in Beziehung setzen“ würde zum kolonialen Rassismus: Was wäre gewonnen etwa im Hinblick auf die türkischstämmigen Mitbürger, deren Land nie Kolonie war und die zu Recht und mit Stolz darauf hinweisen könnten, dass ihre Vorfahren schon 1492 und noch einmal während des Nationalsozialismus den Juden Zuflucht gewährten? Eine Geschichte, auf die in Deutschland viel zu wenig hingewiesen wird, dafür umso mehr auf den Völkermord an den Armeniern. Oder im Hinblick auf die arabischstämmigen Mitbürger, die gewiss lange Zeit von den Ottomanen kolonial unterdrückt waren, die man aber dennoch auf die „vieltausendfache Komplizenschaft“ ihrer Vorfahren mit den Nazis verweisen müsste, die nicht einmal, wie bei den Osteuropäern, unter der Bedingung von Besatzung und Terror stattfand. (So taten sich in den baltischen Staaten oft gerade diejenigen besonders als Judenjäger hervor, die zuvor mit den sowjetischen Besatzern kooperiert hatten und nun den Makel durch besonderen antisemitischen Eifer loszuwerden trachteten.) Nein, die Anhänger des Mufti von Jerusalem, die Muslimbrüder in Ägypten, die Hitlerfreunde im Irak usw. betätigten sich aus reinem Spaß an der Freude als Hitlers willige Vollstrecker, auch nach dem Krieg, als sie an die 800.000 Juden aus der ganzen arabischen Welt vertrieben: eine „jüdische Nakba“, von der heute niemand spricht.

Die Vorstellung aber, die „Millionen von Deutschen, deren Familien zur Zeit des ‚Dritten Reiches‘ noch nicht hier lebten“, ob sie nun aus der Türkei oder Syrien, aus Togo oder Tansania, aus Italien, Spanien, Griechenland oder Israel kommen, könnten „nicht eingebunden“ werden in die Holocaust-Erinnerung, wenn die Schoah den Tatsachen entsprechend als Kulminationspunkt einer sehr europäischen Geschichte dargestellt wird, ist schlicht rassistisch und erinnert mich daran, wie der geliebte Deutschlehrer meines Vaters ihm eröffnete, als Jude könne er nie ganz in die deutsche Seele tauchen und so tief empfinden wie ein Arier. Bullshit.

Die Auschwitzkeule in die Hand bekommen, um sich akademisch zu profilieren

Ja, es ist alles Bullshit, was Rothberg und Zimmerer verzapfen, und nicht einmal höherer Bullshit. Es dient eben nicht dazu, den Nationalsozialismus, den Antisemitismus und den Holocaust besser zu verstehen. Im Gegenteil. Allenfalls dient es dazu, die „Auschwitzkeule“ in die Hand zu bekommen, um auf alle Leute einzudreschen, die vielleicht meinen, auch den Kolonialismus und Imperialismus müsse man in ihrer Zeitbedingtheit erfassen und sowohl die guten Absichten vieler Imperialisten als auch manche guten Ergebnisse würdigen: allen voran die Tatsache, dass Hitlers Deutsche ohne den Widerstand des  britischen Weltreichs triumphiert, Europa niedergeworfen und die Juden nicht nur in Osteuropa, sondern unter dem Jubel der Araber auch den „allfälligen Restbestand“ in Palästina „einer Sonderbehandlung zugeführt“ hätten.

Rufe aus dem Off: „Unerhört! Hier wird eine „Wurzel des Holocaust“ verherrlicht! Cancelt ihn!“

Und wozu das alles? Nutzt diese Verfälschung der Geschichte irgendjemandem in den ehemaligen kolonialen Ländern? Nein. Sie nutzt einzig den Rothberg und Zimmerer dieser Welt im Kampf um akademische Distinktion und die entsprechenden Pfründe. Noch ist die Holocaust-Forschung zu großen Teilen eine Bastion ehrlicher geschichtlicher Forschung in der Tradition der Aufklärung. Sie zu stürmen, sie für die Adepten der französischen Poststrukturalisten und ihrer Leugnung der Möglichkeit, die Wahrheit in den Fakten zu suchen: Nur um dieses kleinliche Ziel akademischer Zwerge geht es.

No pasaran!

 

 

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22 Gedanken zu “Holocausterinnerung als Hindernis für den Kampf gegen die Moderne;”

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    Mir ist keine kritikwürdige Tat einer israelischen Regierung bekannt, die nicht kritisiert werden könnte, wenn man der These vom Holocaust als singulärem Ereignis folgt. Sie verengt nichts, blendet auch nichts aus und marginalisiert nichts. Die Nakba ist allgemein bekannt und der Versuch der (zumeist nicht-arabischen) internationalen Gemeinschaft die Folgen der Tragödie abzumildern, ist beträchtlich. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet diejenigen, die am wenigsten zur Milderung der Folgen beigetragen haben, nun fürstlich (pun intented) belohnt werden. Das einzige Plus, das eine postkoloniale Sicht auf das Ereignis hätte, wäre die Erzählung, Israel sei ein koloniales Projekt wie etwa Rhodesien. Denn erst wenn der Holocaust selbst Teil einer kolonialen Geschichte wird, wird auch Israel zu einer Fortsetzung kolonialer Politik und die Beseitigung der Folgen ein Akt der Dekolonisierung. Haifa, ein historischer Irrtum. Es gibt auch in Europa Dekolonisierungsprojekte, etwa im Baltikum. Erhaltung der Identität, uraltes Siedlungsgebiet, Unterdrückung und nun die Rückabwicklung. Das erinnert nicht zufällig an serbische Milizen, die Sarajewo genau mit dem Argument beschossen haben, nämlich die osmanische Kolonisierung des Balkans zu beenden. Hier pfui, da hui? Ja, klar. Soll die These Allgemeingültigkeit haben, muss man sie auch auf Konflikte anwenden können, in denen kein Jude vorkommt. Spoiler: Man kommt nicht weit. Zu groß die Unterschiede, zu spezifisch die Motive. Und wenn sie schon zwei vergleichbare handelsübliche Konflikte nicht unter einen Hut bringt, ist die Erklärung des Holocaust doch eine Nummer zu ambitioniert. Man müsste die Judenfixierung der Nationalsozialisten, die ihre Verbündeten mehr als nur einmal befremdet hat, komplett ignorieren. Eine Erklärung, bei der man nicht so genau auf den zu erklärenden Punkt hinschauen sollte, erklärt nichts. Die Binsenweisheit, es ginge in der Geschichte immer irgendwie um Bimbes, ist keine wissenschaftliche Theorie.

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      Stevanovic: ‘Die Binsenweisheit, es ginge in der Geschichte immer irgendwie um Bimbes, ist keine wissenschaftliche Theorie.’

      … nun, Stevanovic, ohne Bimbes keine Macht. Wir hatten das Thema am 1. April [sic!] 2014 ähnlich. Da mein damaliger ‘Kommentar’, warum auch immer, nicht vorhanden ist, wiederhole ich ihn hier im Original anno ’14:

      R.Z.: ‘Antisemitismus ist ein böses, unsinniges Motiv, aber das Motiv kann die Morde der Nazis nicht erklären.

      … in der Tat. Ein Beispiel, neben anderen: Antisemitismus war im Ungarn der Dreißigerjahre eine antikapitalistische Bewegung. Und wer Juden hasste, der hasste auch Deutsche aus den gleichen Gründen.

      ‘Die Welt: Sie beschreiben das plastisch – wie Massen verarmter Bauern von Wucherern Kleinstkredite aufnahmen zu zehn Prozent Zins wöchentlich, und von gierigen Rechtsanwälten wegen Zahlungsunfähigkeit vor Gericht geschleppt und enteignet wurden. Wucherer und Rechtsanwälte waren alles Juden, die Opfer meist Ungarn. Musste man da als Opfer nicht zwangsläufig Antisemit werden?

      Krisztián Ungváry: Es war sehr schwer, unter diesen Bedingungen nicht zum Rassisten zu werden. Das hätte ein gewisses Bildungsniveau vorausgesetzt, das diese Menschen nicht hatten. Der natürliche Reflex ist ja leider, Menschen nach äußerlichen Attributen zu beurteilen, und wer den Kredit gab, wurde als Jude erlebt, selbst wenn er vielleicht keiner war. Diese Kategorisierung zu hinterfragen, war (und ist auch heute leider) für den Durchschnittsmenschen eine Überforderung.’

      Und der 1. Weltkrieg, da die britisch/franz. Politik, spielt eben doch eine wesentliche Rolle als ‘Vorreiter’ der Shoa. Auch wenn APo das nicht wahrhaben will oder bestreitet. Warum auch immer.

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        Inwiefern war die “britisch-französische Politik” im 1. WK ein “Vorreiter der Shoah”?

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        @APo

        … ich wiederhole und ergänze aus meiner Datensicherung 😉 .

        @B.F.. ‘Die NS-Bewegung hat ihren Ursprung in einer katholischen Lebenswelt.’

        … sorry werter Ben Frick, keine Ahnung wie Sie darauf kommen. Die NS-Bewegung hat ihren Ursprung im Versailler Vertrag. Darüber haben ‘wir’ hier im Blog, natürlich nicht so ausführlich, schon gestritten.

        Versailler Vertrag, Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

        … dann daraus; ‘Nach Artikel 231 des Vertrags von Versailles wurde Deutschland und seinen Verbündeten die alleinige Schuld am Ersten Weltkrieg gegeben, und in zahlreichen Publikationen wird bis heute von dieser Alleinschuld oder zumindest von einer überwiegenden Schuld des Deutschen Reiches ausgegangen. Das war schließlich durch die Unterzeichnung des Versailler Vertrags besiegelt worden. Doch nach neueren Forschungen ist diese Geschichtsauffassung widerlegbar. Danach wurden Deutschland und Österreich-Ungarn offensichtlich Opfer einer raffinierten, intriganten Machtpolitik Großbritanniens, Frankreichs und der global agierenden Kapitallobby in den USA, die auch die Bedingungen für den Vertrag von Versailles bestimmten.(2)’

        Neuere Forschungsergebnisse, die nicht selten unbegründet als ‘Verschwörungstheorien’ oder ‘Geschichtsrevisionismus’ abgetan werden. Von Wolfgang Bittner.

        Wolfgang Bittner, deutscher Schriftsteller und promovierter Jurist. Ich habe nix über ihn als Verschwörungstheoretiker gefunden.

        … oder, als der SPIEGEL 2004 noch nicht Relotius war: Die Deutschen waren auch nach 1918 den Franzosen überlegen, wie Clemenceau feststellte: »Der Fehler der Deutschen ist, dass es 20 Millionen zu viel von ihnen gibt.«

        … oder die ‘europäische’ Politik Ende 19.s Jahrhundert. Oder Max Scheler: Die Ursachen des Deutschenhasses. … und so weiter. Hatten ‘wir’ alles schon.

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        “Danach wurden Deutschland und Österreich-Ungarn offensichtlich Opfer einer raffinierten, intriganten Machtpolitik Großbritanniens, Frankreichs und der global agierenden Kapitallobby in den USA, die auch die Bedingungen für den Vertrag von Versailles bestimmten.”
        Ja, die Alleinschuld Deutschlands am 1. WK ist umstritten, trotz Fritz Fischer, mit dessen Werk Sie sich schon auseinandersetzen müssten. Aber die obige Aussage ist reine Verschwörungstheorie mit antisemitischem Einschlag: Tun Sie nicht so, als wüssten Sie nicht, wer mit “Kapitallobby” gemeint ist. Dass ausgerechnet Sie, der Sie immer wieder betonen, gegen den Nationalsozialismus zu sein, weil er Sozialismus sei, hier eine seiner Kernthesen völlig kritiklos übernehmen und verbreiten, das zeigt Ihre völlig Prinzipienlosigkeit in geistigen Dingen.

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        @APo: ‘Tun Sie nicht so, als wüssten Sie nicht, wer mit “Kapitallobby” gemeint ist.’

        … kommen Sie wieder runter. Wen meinen Sie denn mit ‘Kapitallobby’?

        ‘Lobbying bezeichnet direkte und indirekte Versuche von Vertretern gesellschaftlicher Akteure auf politische Entscheidungsträger in Legislative und Exekutive sowie andere am politischen Willensbildungsprozess beteiligte Stakeholder durch Information, argumentative Überzeugung oder die Ausübung von Druck einzuwirken, um mehr oder weniger partikulare Interessen in Gesetzen oder staatlichem Handeln zu verankern. Der Erwerb, die Analyse und strategische Weitergabe von Informationen, die in formalen wie informellen Kontexten auch gegen politischen Einfluss oder andere relevante Informationen getauscht werden können, sind im Lobbying von elementarer Bedeutung, solange die Grenze zu Korruption oder anderen verbotenen Praktiken nicht überschritten wird.’

        – Stefan Schwaneck, M.A., Dipl.-Kfm.

        Lehrbeauftragter

        Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft und Systemlehre
        Institut für Politikwissenschaft und Soziologie
        Julius-Maximilians-Universität Würzburg

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        Weil also Deutschland – zu Unrecht ganz nebenbei – im Versailler Vertrag die Alleinschuld am 1. Weltkrieg zugeschoben wurde, tragen sie eine Mitschuld daran, dass die Deutschen 6 Millionen Juden ermordet haben?

        Interessante Logik. Ich übertrage das mal: Weil dbh mich mal beleidigt hat, trägt er eine Mitschuld daran, dass ich demnächst in einem Supermarkt einen Massenmord begehe.

        Das ist nicht prinzipienlos, das ist völlig gaga.

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        Investoren aus dem Ausland haben dem Staat Geld geliehen und erwarteten seine Rückzahlung. Weil auch sie Forderungen begleichen mussten, fürchtete man einen Dominoeffekt, der die Wirtschaft ganzer Länder hätte lahmlegen können. Die Politik des Landes, aus dem die Investoren stammten, dachte kurzfristig nur an die Folgen für ihre eigenen Wirtschaft. Deswegen bestand man auf deren Rückzahlung und drückte einen Vertrag durch, der sogar die nächsten Generationen des Schuldnerstaates verpflichtet würde. So wurde Griechenland vor 10 Jahren „gerettet“.
        Es gibt durchaus viele Punkte, die man an einer Politik kritisieren kann, auch der der Alliierten. Die Kritik aus den USA, UK und Frankreich setzte schon bei den Verhandlungen in Versailles ein und füllt ganze Regale. Der berühmte Keynes hat die Verhandlungen in Versailles deswegen genervt verlassen. Die Politik war nicht gerade clever, das ist den beteiligten in den 30ern auch klar geworden. Das kann man googeln oder in wikipedia lesen, Bittner hat das nur pointiert zusammengestellt. Keine Enthüllung, nirgends. Eher der aktuelle Stand der Überlegungen der 20er/30er Jahre bei den Alliierten selbst. Deswegen verzichtete man nach dem zweiten Krieg auf einen Vertrag wie Versailles. Was macht man nun mit so einer Pointe? Na klar, Schuld abschieben und das macht Bittner mitunter schwer erträglich. Bleiben wir im Bild: Griechenland enteignet und tötet 2015 seine slawische Minderheit im Norden, stiehlt ihr Eigentum und behauptet dann, Schäuble, der ewige Deutsche, hätte ihnen ja keine Wahl gelassen. Man würde sich an den Kopf fassen, zumindest, wenn da drin noch alles rund läuft. Das Ölembargo der USA gegen Japan war ein feindlicher Akt für Japan, schon klar. War das aber die Ursache für die massenweise Vergewaltigung von Koreanerinnen? Wohl kaum. Dumme Politik kann viel kaputt machen, keine Frage. Nochmal: Stand der Debatte schon vor nun 100 Jahren. Der Schritt, jemanden in einer Grube zu erschießen, erfordert aber das Fitzelchen mehr und, dass das Fitzelchen mehr nicht aus der schlechten Politik der Alliierten in der Nachkriegsphase kam, ist noch heute für viele schwer zu ertragen. Der Grad des Wahnsinns, der in diesem Fitzelchen liegt, macht den Holocaust singulär. Die Alliierten haben es nach 45 ja auch anders gemacht. Deutschland zwei Generationen später nicht. Die Griechen hatten auch die Wahl und sie zahlen ihre Schulden, keine Pogrome und keine Machtergreifung. Es gab eine Wahl und naja, Deutschland traf die falsche. Ganz allein. Da hilft auch copy/paste eines Bittner nichts.

      7. avatar

        @T.H.,

        … Sie schreiben wirr. Nicht das erste Mal. Wenn nicht eine Kapital-Lobby, die ‘Verschmelzung von Großkapital und Staat’, wer dann? Der Farmer aus Idaho? Der Winzer aus der Champagne? Der Worker aus Liverpool?

        Hören Sie Weill und Brecht! … dann wird Ihnen geholfen!

        Und solange ich dafür bezahlen muss, ist die Historie nicht aufgearbeitet und Deutschland, selbst in 2021, noch ein besetztes Land. Mit allen katastrophalen politischen ‘Nebenwirkungen’. Einschließlich Merkel und ihre Entourage.

        Lesen Sie das Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages; ‘Überleitungsvertrag und Feindstaatenklauseln im Lichte der völkerrechtlichen Souveränität der Bundesrepublik Deutschland’. Das kommt zu dem eindeutigen Schluss, dass ‘das weiter gültige Besatzungsrecht in drei große Bereichen’ in der Bundesrepublik Deutschland erhalten geblieben ist.’ (etwa Seite 7 bis 8) u.a.: … Schließlich bleiben „Maßnahmen, welche von den Regierungen oder mit ihrer Ermächtigung in der Zeit zwischen dem 1. September 1939 und dem 5. Juni1945 wegen des in Europa bestehenden Kriegszustandes getroffen wurden“, ein-schließlich eines diesbezüglichen Klagestopps, wirksam.

        Der Zwei-plus-Vier-Vertrag aus ’90 ist nicht das Papier wert auf dem es geschrieben steht.

        … und mal so o.t., T.H., als Claquer haben Sie bei Alan Posener ganz bestimmt kein guten Karten. Sie dürfen durchaus, da Sie nun kein Soldat mehr sind, eine eigene Meinung haben. Niemand wird Sie deswegen zum Latrinendienst abkommandieren. Rühren. Stehen Sie bequem.

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        Stevanovic: ‘Der Grad des Wahnsinns, der in diesem Fitzelchen liegt, macht den Holocaust singulär.’

        … ich stimme Ihnen zu und doch wieder nicht. Krisztián Ungváry, aus meinem ‘Kommentar’ weiter oben, ‘Thesen zur Entstehung des ungarischen Antisemitismus’: ‘… Das Verbrecherische wird ja erst dann fassbar, wenn wir die Beweggründe der Täter analysieren. „Rational“ bedeutet nicht „gerecht“. Sondern „nachvollziehbar“. Und das ist wesentlich. Wenn es irrational war, war es vielleicht Zufall und einmalig. Aber das war es nicht. Es ist wiederholbar.’ [sic!]

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        Rational und wahnsinnig sind nicht unbedingt ein Gegensatzpaar.
        Und ihre Verbindung kann sich nicht nur wiederholen, sondern wiederholt sich immer wieder.

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    https://www.welt.de/debatte/article230600077/Fussball-in-Europa-Die-Super-League-sollte-irgendwann-kommen.html

    Off Topic – Beim allem Respekt, Herr Posener, was soll das denn?
    “Hochverschuldete Fußballclubs” als Begründung für eine europäische Superleague? Was ist das für eine Begründung? Reichen die Milliarden der Championnsleague den ökonomischen Volltrotteln in Barcelona oder Madrid immer noch nicht?
    Der “Fußball”, den Sie hier herbeiwünschen, geht mir komplett am Allerwertesten vorbei – meine Vereine sind kein “Produkt” für “Investoren”. Sie spielen Samstags/Sonntags in der Landesklasse und in Liga 3. So soll es bleiben.

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      Ich führe Diskussionen über meine Artikel bei WELT und Zeitonline dort oder auf FB und Twitter. Aber nicht hier.

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    Ich bin immer wieder über die Chuzpe erstaunt, mit der sich die Nachkommen der Nazis, jene die 6 Mio. Juden ermordeten, zum Thema Antisemitismus äußern. Offensichtlich scheint man sich gerade auf Grund diesem von den Eltern übermittelten Wissen zum Experten berufen. Wäre es da nicht besser, einfach mal den Mund zu halten?
    Das lässt dann doch wieder Fragen zu der Motivation aufkommen.
    Die Rassismusdebatte beseitigt zum Glück jetzt letzte Zweifel.

    Ziel der Debatte ist einzig die Rehabilitierung ihrer Vorfahren, mit allen Konsequenzen.
    Zwei Kerngedanken beflügeln die Argumentation :
    a) Die Juden sollen sich nicht so anstellen, auch andere haben gelitten, wenn nicht sogar mehr und
    b) die Juden sind am Antisemitismus selber schuld, weil sie mal wieder eine Sonderrolle für sich reklamieren.
    Diese Agitation ist durchaus als geschickt zu bezeichen, bleibt aber doch verwerflich.

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    Gut, dass der Artikel neu veröffentlicht wurde.

    Nur das “No pasaran” ist mit Blick auf die Entwicklungen in angelsächsichen Ländern reines Wunschdenken. Leider.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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