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Luther: Eine Abrechnung

In der „Welt am Sonntag“ habe ich eine gekürzte Fassung dieses Textes veröffentlicht.

http://www.welt.de/print/wams/kultur/article126354217/Wider-Luther.html

Die Kürzungen waren durch das Zeitungsformat bedingt, ich habe sie selbst vorgenommen und finde, dass der Text in mancher Hinsicht dadurch gewonnen hat. Jedoch könnte es den einen oder anderen Leser interessieren, die ursprüngliche Fassung zu lesen.

 Am 31. Oktober 1517 schlägt der Augustinermönch Martin Luther 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags soll die ganze Welt  den Beginn der Reformation und das Wirken des Reformators feiern. Wie Luther nach dem Willen der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) heute gesehen werden soll, fasst die Luther-Botschafterin der EKD, Margot Käßmann, in ihrem neuesten Buch so zusammen: „Luthers Freiheitsbegriff hat große Konsequenzen nach sich gezogen. ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit’ als Parole der französischen Revolution hat im Gedanken der Freiheit eines Christenmenschen durchaus Wurzeln. Am Ende ist der Bogen bis zur Aufklärung zu spannen.“ („Mehr als ja und Amen“, E-Book, Loc. 441)

 

Ich will gar nicht der Frage nachgehen, ob eine Pastorin heute die Französische Revolution, die in die physische Vernichtung ganzer Klassen mündete, als Vorbild hinstellen sollte. Man kann – ja muss – jedoch auch einen anderen Bogen spannen:

– Von Luthers Nationalismus und Hass auf Rom hin zur bis heute nachwirkenden Spaltung Deutschlands und Europas und dem Abschlachten seiner Bevölkerung in den Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts.

– Von Luthers Fürstenhörigkeit über die Niederschlagung des Bauernkriegs hin zur fatalen Verbindung von Thron und Altar und von Staat und Kirche in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts.

– Von Luthers wüster Hetze gegen alle Gegner zur unseligen Tradition der Unduldsamkeit in der Politik.

Von Luthers rasendem Antisemitismus hin zum antisemitischen Wahn der Nazis.

 

Luther ist sicher der größte Prophet seit Mohammed. Er ist jedoch weder Freiheitsapostel noch Vorläufer der Aufklärung. Er verkündet vielmehr eine fundamentalistische Buchgläubigkeit und die Absage an die Vernunft. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ Das ist der Schlachtruf aller Selbstgerechten, die Unglück über die Menschen bringen.  Christenmenschen und Nichtgläubige müssen begreifen: Frei sein bedeutet heute, sich von Luther und der Lutherlegende zu emanzipieren.

 

Zehn Thesen wider Martin Luther:

 

1. Luther ist kein Aufklärer, sondern ein Gegenaufklärer. Er setzt der Renaissance und dem Humanismus einen religiösen Fundamentalismus entgegen. 

Ende des 15. Jahrhunderts führen die Wiederentdeckung der Antike, das Studium des Aristoteles, aber auch die Verweltlichung der Kirchenhierarchie dazu, dass sich in der europäischen Elite ein toleranter religiöser Skeptizismus breit macht, am besten verkörpert in den Humanisten um Erasmus von Rotterdam. Dieser Bewegung gegenüber vertritt Luther eine fundamentalistische, buchgläubige Intoleranz, die jeden Kompromiss ablehnt: „Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig!“

Die Vernunft hasst Luther und bezeichnet sie als „des Teufels Hure“. Die neue Astronomie des Kopernikus lehnt er ab, weil sie der Bibel widerspricht: „Der Narr will mir die ganze Kunst Astronomia umkehren! Aber wie die Heilige Schrift zeigt, hieß Josua die Sonne stillstehen und nicht die Erde!“ (Woraus folgt, dass sich die Sonne um die Erde bewegen muss und nicht umgekehrt. Selbst immanent-theologisch ist das ein schwaches Argument.)

Wo Bibel und Verstand einander widersprechen, ist Luther immer für die Schrift und „will doch meinen Verstand gefangen nehmen unter den Gehorsam Christi“. Luther ist zwar weder der einzige noch der radikalste religiöse Fundamentalist am Ausgang des Mittelalters. Aber er verhilft dem Fundamentalismus zum Sieg über den aufklärerischen Humanismus und bereitet somit den Weg für die katholisch-fundamentalistische Gegenbewegung  und für die Religionskriege, die Europa verwüsten.

 

 

2. Luther hat die Kirche nicht reformiert, sondern gespalten und den Hass gegen alle gepredigt, die sich ihm nicht unterwarfen.

In der Lutherlegende fungiert der Wittenberger Mönch als Reformer, der nur durch die heftige Reaktion der Amtskirche in die Rolle des Religionsstifters gedrängt wurde. Das stimmt nicht und verkennt übrigens Luthers düstere Größe als Begründer einer neuen Kirche. 

Lange vor Luther gibt es Menschen, die auf Reformen in der Kirche drängen. Seit dem 13. Jahrhundert erheben sich immer wieder Stimmen gegen den Machtmissbrauch der Päpste und Bischöfe, gegen Aberglauben und Volksverdummung, für eine Kirche, die sich auf die ursprüngliche Botschaft des Jesus aus Nazareth besinnt: John Wycliffe in England und Jan Hus in Böhmen, Vertreter des Konziliarismus wie Jean Gerson aus Paris, zu Luthers Lebzeiten die Nominalisten und Humanisten. Manche – wie Hus – werden  zu Märtyrern einer unduldsamen Kirchenobrigkeit. Jedoch zeichnet sich im 16. Jahrhundert eine breite Bewegung für eine Reform der Kirche ab.

Luther jedoch will keine Reformen, sondern eine „Reformation“: eine Neu-Formierung und Überformung der gesamten Kirche gemäß seiner eigenwilligen Auslegung der Schrift.  Darum antwortet er auf die Unduldsamkeit der Kirche selbst mit Unduldsamkeit, bezeichnet die „Römer“ als „Ketzer und gottlose Rottengeister“. Den wahren Christen ergehe es in der katholischen Kirche „nicht anders, als wären wir beim Türken gefangen“. Der Papst selbst sei der „Antichrist“ im Dienst des Teufels: „Wenn wir Diebe mit dem Galgen, Räuber mit dem Schwert und Häretiker mit dem Feuer bestrafen, warum werfen wir uns nicht umso stärker mit allen unseren Waffen auf diese Herren der Sündhaftigkeit, diese Kardinäle, diese Päpste und diesen Sumpf römischer Sodomie, die unablässig die Kirche Gottes befleckt, und waschen unsere Hände in ihrem Blut, um uns … zu befreien“? Dieses Programm eines Religionskriegs, eines Protestantischen Dschihad, ist wörtlich gemeint.

Im Bewusstsein der nahenden Endzeit will Luther keine Reformen. Er steuert zielgerichtet auf die Gründung einer eigenen, radikalen „Kirche Gottes“ zu.

 

 

3. Luther hat die befreiende Botschaft des Protestantismus in ihr Gegenteil verkehrt.

Der befreiende Kern der christlichen Botschaft lautet: Jesus ist für die Sünden der Menschen gestorben. Die Rechnung mit Gott ist beglichen. Diese Botschaft hat der Augustinermönch Luther bei Augustinus und Paulus wiederentdeckt. Der Mensch muss nicht Gutes tun, um dem Gericht Gottes zu entgehen; weil er Gnade erlangt hat, ist er frei, Gutes zu tun.

Doch würde diese Botschaft, konsequent zu Ende gedacht, auch die Entlassung der Menschen in die völlige Freiheit bedeuten. Kirche, Pfarrer, Liturgie, Sakramente, ja der Glaube selbst wären überflüssig. Und genau diese Befreiung will Luther ebenso wenig wie sein Lehrer Augustinus, der große Pessimist der Antike, den übrigens auch Joseph Ratzinger als „Zeitgenossen“ verehrt. Luther will das genaue Gegenteil: die totale Unterwerfung des Menschen, das ganze Leben als Buße.

Hier kommt ihm seine Prädestinationslehre zur Hilfe: Gott hat – da allmächtig und allwissend – längst beschlossen, wer Gnade erlangt und wer nicht. Nur wer glaubt, könne die Gnade erlangen. Aber wie erkennt der Christ, ob sein Glaube ausreicht? Woran erkennt der Christ seine Rettung? Gerade daran, dass er sich ständig mit der Frage quält, ob er gerettet ist. So bringt die frohe Botschaft der Freiheit durch Luther den unfrohen, unfreien Protestanten hervor, auf verquere Weise stolz auf seine eigenen inneren Dämone.

Wie Luther schreibt: „Das ist die höchste Stufe des Glaubens, zu glauben, jener (Gott) sei gütig, der so wenige selig macht, so viele verdammt; zu glauben, er sei gerecht, der durch seinen Willen uns so, dass es nicht anders sein kann, verdammenswert macht, dass es scheint…, er ergötze sich an den Qualen der Unglücklichen und als sei er mehr des Hasses als der Liebe wert.“

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: einen Gott lieben, der die gewaltige Menschheit zu ewigen Qualen verdammt, das ist „die höchste Stufe des Glaubens“.

Zu Recht schrieb Karl Marx 1845: „Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die Knechtschaft als Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat. Er hat die Menschen von der äußeren Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz in Ketten gelegt.“ Das ist übrigens das Rezept jeder totalitären Bewegung.

 

 

4. Luthers Judenhass hat nachhaltig den Protestantismus geprägt.

„Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird … die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zu völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt.“ So bejubelte der evangelisch-lutherische Landesbischof Martin Sasse aus Eisenach die Pogrome der Reichskristallnacht. Und er fuhr fort: „In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.“ (Martin Sasse: Martin Luther und die Juden – Weg mit ihnen!“, Freiburg 1938)

Dass Luther „als Freund der Juden begann“, ist ein Gerücht. Dass er einer der größten Antisemiten seiner Zeit war, ist zweifellos richtig. So stammt von ihm eine der ersten Formulierungen der Mär von der„jüdische Weltverschwörung“. Luther schreibt: „Die Juden begehren nicht mehr von ihrem Messias, als dass er ein weltlicher König sein solle, der uns Christen totschlage, die Welt unter den Juden austeile und sie zu Herren mache.“

Auch die Losung „die Juden sind unser Unglück“ findet sich bereits bei Luther wieder: „Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist`s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unser Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen. Das ist nichts anderes. Da ist kein menschliches Herz gegen uns Heiden. Solches lernen sie von ihren Rabbinern in den Teufelsnestern ihrer Schulen.“

Und schließlich entwirft Luther ein Programm der Enteignung der Juden, der Zerstörung ihres religiösen kulturellen Lebens und der Einweisung in Arbeitslager, das erst vom Nationalsozialismus umgesetzt wurde: „Erstlich, dass man ihre Synagoga oder Schulen mit Feuer anstecke…  Und solches soll man tun unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien … Zum anderen, dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. Denn sie treiben dasselbige drinnen, was sie in ihren Schulen treiben. Dafür mag man sie etwa unter ein Dach oder einen Stall tun … Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein … Zum vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren … Zum fünften, dass man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe. … Sie sollen daheim bleiben … Zum sechsten, dass man … nehme ihnen alle Barschaft und Kleinod an Silber und Gold und lege es beiseite zum Verwahren. (Denn) alles was sie haben (wie droben gesagt) haben sie uns gestohlen und geraubt durch ihren Wucher. Zum siebten, dass man den jungen starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Nasen … Man müsste ihnen das faule Schelmenbein aus dem Rücken vertreiben.“

Luthers Ausfälle gegen die Juden sind keine vorübergehende oder einmalige Entgleisung. Sie sind auch nicht dem „späten Luther“ zuzuschreiben, im Gegensatz zum angeblich judenfreundlichen jungen Luther, von dem – leider, leider! – keine judenfreundlichen Schriften überliefert sind. In den Juden sieht Luther den Inbegriff all dessen, was ihm verhasst ist: Gottesmörder, Kosmopoliten, Freigeister, Geldleute. Zu Recht sagte der Nazi-Propagandist Julius Streicher bei seinem Prozess vor dem Nürnberger Militärtribunal: „Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank“, wenn er noch lebte.

Dorthin gehört er aber auch heute.

 

5. Luther identifiziert den Wucher mit dem Judentum und begründet ein bis heute wirksames Misstrauen gegen die Marktwirtschaft im deutschen Protestantismus.

Es ist kein Zufall, dass man gemeinhin Luthers Kampf gegen den Ablass auf den Kampf gegen den Ablasshandel reduziert. Luther hat zwar jede Art von „Werkgerechtigkeit“ kritisiert. Doch die Vorstellung, sich ausgerechnet durch Geld von Sünde freizukaufen, erscheint deutschen Protestanten – und auch vielen Katholiken und Konfessionslosen – besonders abscheulich. Warum?

In seinem kleinen und großen „Sermon vom Wucher“ und in der Schrift  „Von Kaufshandlung und Wucher“ wendet sich Luther gegen zwei Grundlagen der Marktwirtschaft: die Bildung von Preisen am Markt und die Verwendung von Kredit zur Finanzierung von Geschäften. Im Grunde genommen lehnt Luther jeden Handel ab; der Handel mit Geld jedoch gilt ihm als Teufelswerk, das er mit „dem Juden“ und „jüdischer Nichtarbeit“. identifiziert. Die Titelblätter seiner drei Werke gegen den Geldhandel zieren Bilder geldgieriger Juden.

Interessanterweise identifiziert der Protestantisch getaufte Karl Marx, den ich oben als Kritiker Luthers zitiert habe, in seiner Schrift „Zur Judenfrage“ wie Luther das Judentum mit dem Schacher. Luther habe „den wahren Charakter des altmodischen Wuchers und des Kapitals überhaupt erfasst“, sagt Marx, nämlich seinen „jüdischen“ Charakter, weshalb die kapitalistische Gesellschaft im Grunde jüdisch geprägt sei.

Auch in der Nazi-Ideologie wird in der Nachfolge Luthers zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital unterschieden. Der Einfluss dieser protestantischen Wirtschaftsethik ist noch heute wirksam, etwa im Misstrauen gegen das „Finanzkapital“ oder „die Wall Street“, oder in der Kritik am „Heuschreckenkapitalismus“ ausländischer Investoren (Franz Müntefering) oder an „anstrengungslosem Einkommen“ (Guido Westerwelle). Rechte wie Linke befolgen weiterhin das Luther’sche Muster, zwischen „ehrlicher“ Arbeit und unehrlichem Geschäft zu unterscheiden. 

 

6. Luthers Hetze gegen die aufständischen Bauern begründet die Autoritätshörigkeit des deutschen Protestantismus.

Luther tritt in einer Situation auf, da die deutschen Fürsten, Ritter, Bürger und Bauern „los von Rom“ wollen und möglichst das Eigentum der Kirchen und Klöster an sich ziehen wollen. Daher genießt Luther, der gegen „die Knechtschaft ruchlosen Gewinns“ – also des Gewinns der Kirche – wettert, deren Schutz. Im Gegenzug verpfändet er die Religion an die Machtinteressen der Fürsten, bis es zum Augsburger Religionsfrieden kommt: „Cuius regio, eius religio“: Der Landesherr bestimmte die Religion seiner Untertanen.

Aus dem Gegensatz von Staat und Kirche im Mittelalter wird die Staatskirche der Neuzeit. Aus der „babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ unter dem Papst die babylonische Gefangenschaft unter den Fürsten.

Darum muss Luther die Demokratie ablehnen: „Der Esel will Schläge haben, und der Pöbel will mit Gewalt regiert sein. Das wusste Gott wohl; drum gab er der Obrigkeit nicht einen Fuchsschwanz, sondern ein Schwert in die Hand.“

Der große demokratische Aufstand des 16. Jahrhunderts, die wahre Vorläuferin der von Bischöfin Käßmann beschworenen Französischen Revolution, vergleichbar dem „arabischen Frühling“, ist der Deutsche Bauernkrieg. Ursprünglich sind die Forderungen der Bauer und der mit ihnen verbündeten Bürger und Ritter gemäßigt. Luther jedoch ruft zum Kreuzzug, zum Dschihad „wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ auf. „Man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss.“

Das haben die konterrevolutionären Fürstenarmeen denn auch getan. Das Scheitern der Bauern begründet Deutschlands politische Rückständigkeit auf Jahrhunderte.

 

7. Luther gibt dem Teufel- und Hexenwahn Auftrieb

Noch heute wird dem Besucher auf der Wartburg der Tintenfleck gezeigt: Zeugnis davon, dass Luther sein Tintenfass gegen den Teufel geworfen haben soll, der ihn „belästigte“. Anekdoten beiseite, ist Luther von der Allgegenwart böser Geister im Auftrag des Satans überzeugt.

Insbesondere glaubt er an Hexerei und Hexen und befürwortet deren Verfolgung: „Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird, sie können nämlich Milch, Butter und alles aus einem Haus stehlen… Sie können ein Kind verzaubern… Auch können sie geheimnisvolle Krankheiten im menschlichen Knie erzeugen, dass der Körper verzehrt wird… Schaden fügen sie nämlich an Körpern und Seelen zu, sie verabreichen Tränke und Beschwörungen, um Hass hervorzurufen, Liebe, Unwetter, alle Verwüstungen im Haus, auf dem Acker, über eine Entfernung von einer Meile und mehr machen sie mit ihren Zauberpfeilen Hinkende, dass niemand heilen kann … Die Zauberinnen sollen getötet werden, weil sie Diebe sind, Ehebrecher, Räuber, Mörder … Sie schaden mannigfaltig. Also sollen sie getötet werden, nicht allein weil sie schaden, sondern auch, weil sie Umgang mit dem Satan haben.“ Die Hexenverfolgung ist kein mittelalterliches Phänomen, sondern nimmt in der frühen Neuzeit zu. Und zwar nicht in erster Linie bei den „rückständigen Katholiken“: Tatsächlich ist die Hexenverfolgung in den protestantischen Teilen des Reichs nicht zuletzt aufgrund dieser Einstellung Luthers in der Regel schärfer als im katholischen Teil.

 

8. Luthers Hexenwahn steht auch in Verbindung mit seiner Abwertung der Frau

„Wer mag alle leichtfertigen und abergläubischen Dinge erzählen, welche die Weiber treiben. Es ist ihnen von der Mutter Eva angeboren, dass sie sich äffen und trügen lassen.“ So Luther über das, was spätere Frauenhasser den angeborenen Schwachsinn des Weibes nennen werden.

Die Lutherlegende macht großes Aufheben um seine Heirat mit der entlaufenen Nonne Katharina von Bora. Damit habe der Reformator die Frau aufgewertet. Jedoch kann man die Sache auch so sehen, dass mit der Auflösung der Klöster durch die Reformation die Frauen einen Ort verlieren, an dem sie vor männlicher Zudringlichkeit und männlicher Herrschaft sicher sind. Fortan ist ihr Platz – in jeder Hinsicht – unter dem Mann: „Der Tod im Kindbett ist nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes. Ob die Frauen sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie nur tot tragen, sie sind darum da.“

 

9. Als Endzeitprophet ist Luther ein Verkünder der Unduldsamkeit

Luthers Ausgangspunkt ist das Recht jedes Christenmenschen, die Schrift selbst auszulegen. Doch diese scheinbar liberale Haltung konterkariert er, indem er jeden   Meinungsstreit zu einem Kampf zwischen Gut und Böse erklärt, zwischen absolut richtig und unrettbar falsch. So hat er dem Sektierer- und Eiferertum Tür und Tor geöffnet.

Wie jeder Radikale will Luther zurück zu den Wurzeln der Religion. Doch indem er die Schrift zur einzigen Quelle der Wahrheit erklärt, hat er dem religiösen Fundamentalismus den Weg bereitet.

„Hier stehe ich, ich kann nicht anders“: so schallt es aus tausend Kirchen und Sekten, aus Moscheen und Synagogen. Der Kompromiss ist die Grundlage gesellschaftlichen Zusammenlebens in einer pluralistischen  Gesellschaft. Doch Luther geht es nicht um die Errichtung einer zukunftsfähigen Gesellschaft, sondern um die Vorbereitung auf die Endzeit. Luther will keinen Prozess der gesellschaftlichen Befreiung einleiten, keinen „Bogen“ irgendwohin spannen, schon gar nicht zur Aufklärung oder zu einer Revolution gegen Fürsten und König, wie Bischöfin Käßmann wider besseres Wissen behauptet. Er will vielmehr angesichts des kommenden Weltenendes die Menschen Gottes Willen unterwerfen.

Der Chiliasmus, die Vorstellung, das Ende der Welt, wie sie kennen, stehe bevor, ist die Rechtfertigung aller Gegner ernsthafter Reformpolitik, die ja auf lange Sicht angelegt ist. Luther hat der pluralistischen und reformorientierten, individualistischen und permissiven, marktwirtschaftlich und demokratisch angelegten Demokratie des Westens nicht mehr zu sagen als sein später Nachfolger Ayatollah Khomeini.

 

10. Luthers große Tat des Kampfs gegen den Ablasshandel ist in Wirklichkeit eine Untat.

Aber Luthers Kampf gegen den Ablasshandel ist doch gerecht? Die 95 Thesen sind doch ein gerechtfertigter Protest gegen die Ausbeutung der Angst der Menschen durch gewissenlose Geschäftemacher im Namen der Religion? Darin sind sich heute Protestanten, Katholiken und Konfessionslose weitgehend einig, obwohl die katholische Kirche noch heute Ablässe gewährt. Und Luther hat nicht nur den Handel mit Ablässen, sondern die ganze Ablasspraxis kritisiert. Er will ja die Menschen gerade nicht aus ihrem Sündenbewusstsein entlassen.

Was bedeutet der „Ablass“? Im Mittelalter lehrt die Kirche, dass sie durch das Leben und Sterben der Heiligen und Märtyrer einen „Gnadenschatz“ aufgehäuft habe, an dem ihre Mitglieder durch gute Werke teilhaben könnten. Es liegt also in der Macht des einzelnen Menschen, durch eine gute Lebensführung der Hölle zu entgehen. Nur im Rahmen dieser Ökonomie der Gnade ist auch der Ablasshandel zu verstehen. Durch ihn konnten sich die Menschen von der Höllenangst freikaufen.

Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Der Sünder bekommt einen Teil seiner Strafen – beziehungsweise seiner Zeit im Fegefeuer – erlassen; der Papst bekommt die Mittel zum Bau des Petersdoms und zur Förderung der Künste. Es handelt sich um eine Art Lebensversicherung für die Zeit nach dem Tod. Und wie in der heutigen Sozialversicherung gab es damals progressive Sozialtarife: Auch der Arme konnte mit seinen bescheidenen Mitteln die Gewissheit ewigen Lebens erlangen; der Reiche musste dafür mehr bezahlen.

Nun kann man das alles zusammen mit Teufel, Tod und Hölle als Aberglaube abtun. Aber die Menschen haben sich damals angesichts ihrer kurzen Lebenserwartung, angesichts von Pestepidemien und Elend an die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod geklammert. Kirche und Ablass gaben ihnen Hoffnung, trotz Sünden dem Gericht Gottes zu entgehen.

Luther wettert jedoch nicht nur gegen den Handel mit Ablassbriefen, sondern gegen den Sündennachlass selbst. Dagegen setzt Luther in seiner allerersten These die Forderung, „das ganze Leben solle Buße sein.“ Luther will die Menschen nicht von ihrer Angst vor Tod und Hölle befreien, sondern diese Angst zum ständigen Lebensbegleiter der Menschen machen, sie instrumentalisieren, um sie Gott und seinem Sprecher Luther zu unterwerfen.

Dass der Mensch von sich aus nichts tun könne, um der Verdammnis zu entgehen, dass er – so wörtlich – „ein Stück Scheiße“ sei, ist ja der zentrale Glaubensartikel Luthers, das Gegenstück zur Lehre von der unverdienten Gnade Gottes. Indem er den Menschen die Möglichkeit nimmt, sich von der Strafe freizukaufen, unterwirft er sie einer totalitären Auffassung von der Pflicht eines Christenmenschen: „Daher bleibt die Strafe, solange der Hass gegen sich selbst – das ist wahre Herzensbuße – bestehen bleibt. … Aufrichtige Reue begehrt und liebt die Strafe. Die Fülle der Ablässe aber macht gleichgültig und lehrt (die Strafe) hassen …“

Du bist nichts, Gott / die Partei / dein Volk ist alles: Es ist nicht wahr, wie etwa die Anhänger Benedikts XVI. behauptet haben, dass der Egoismus den Kern des Totalitarismus bildet. Im Gegenteil: Jede totalitäre Ideologie betont die Unterwerfung und Erniedrigung, ja die Auslöschung des Individuums. So auch Luther.

Selbsthass als Herzensbuße – was für eine unmenschliche Lehre!

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75 Gedanken zu “Luther: Eine Abrechnung;”

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    @Per Leo
    vielleicht fiel die Hefe in den deutschen Topf, weil es allgemeine Konflikte wie überall in Europa gab und zusätzlich dort beides gab, Katholizismus und Protestantismus, die damals immer noch oder gerade nichtmehr im Konflikt miteinander standen und um davon abzulenken einen Dritten suchten und ihn in der traditionell verachteten Minderheit fanden?

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    Wie hätte sich Luther zu Zeiten der Nazis verhalten? Jede Antwort darauf ist höchst fraglich, was beweist, dass die Linie, die von Luther zu den Nazis führt, dünn, gebrochen und verschlungen ist.

    Ich persönlich glaube übrigens, dass Luther ein extremer Gegner der Nazis gewesen wäre. Aber wie gesagt: Das ist Spekulation; man kann das auch anders beurteilen.

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    „Von den Juden und ihren Lügen“ – ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand ein Buch dieses Titels liest, ohne bereits Antisemit zu sein. Womit nicht in Frage steht, ob Luther einer war, da hat Julius Streicher schon recht.

    Dann geht es im Umkehrschluss aber auch nicht an, für ihn eine positive Kausalkette zu stricken. Das versucht, soweit ich sie verstehe, Frau Käßmann, selbst bestes Beispiel für die Sinnlosigkeit gewißer Kausalketten über große Zeiträume.

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    Am Anfang war also der Antijudaismus der Kirche, der direkt aus den beiden Bibeltestamenten resultiert. Der war zwar unsinnig, aber trotzdem selbstverständlich und deshalb überall im christlich-mittelalterlichen Europa verbreitet.

    Man kann sich das klarmachen, indem man an Feindschaften unter Fußballfans denkt. (Wem das pietätlos erscheint, sollte bedenken, dass zuviel Rauch und Nebel in der echten Antisemitismus-Diskussion herumwabert.) Selbstverständlich finden die Fans von München die von Dortmund blöd. Und zwar nicht irgendie nur so, aus Spaß, sondern ernsthaft, zmuindest bei den Ultras. Das ist genauso unsinnig und selbstverständlich wie der frühe Antijudaismus. Wenn es dann noch um Lokalrivalen geht, wird es richtig kritisch: AS Rom vs. Lazio Rom, Athletico vs. Real Madrid, 1860 gegen Bayern usw.

    Das ist normal. Unnormal wird es, wenn man die vom anderen Verein zu rassischen Untermenschen erklärt und ausrottet. Diesen Sprung innerhalb der Genealogie des Antisemitismus muss man gesondert erklären. Wie auch immer man da ansetzt – Luther ist aus dem Spiel. Er ist an diesem Sprung logischerweise unbeteiligt, aufgrund der „Gnade der frühen Geburt“.

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    „Es gibt lange Linien in der Geistesgeschichte, und sie mögen nicht die Evidenz besitzen, die Politik, Ökonomie und Soziologie scheinbar für sich haben; dennoch spürt jeder, dass sie wirken.“

    Sollte es keine Evidenz geben, sind wir damit doch nah an der Esoterik. Zumindest was die Fokussierung auf einzelne Urheber angeht. Wirkungszusammenhänge zwischen zwei Personen über Jahrhunderte sind Konstruktionen, die zwar einleuchtend sind, aber nur funktionieren, weil der leere Raum dazwischen gerafft wird. Ideen fallen zwar nicht vom Himmel, aber selbst die Ähnlichkeit beweißt keine Gleichheit, nicht mal einen Zusammenhang. Letztlich stützt sich die Beweisführung auf Schriften als manchmal einzig greifbaren Quellen. Zumindest die Historiker sind von der reinen Exegese abgerückt. Sie führt zu oft in die Irre.

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    …vielleicht könnte man also sagen, dass Kirchenleute wie Luther ein Feindbild aufgebaut haben. Dieses Feindbild wurde später zunächst rassistisch umgebaut und anschließend in realitas umgebracht.

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    Mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften (allen voran der Biologie) verwandelte sich der „alte“ religiöse Antijudaismus z.B. von Luther in einen „neuen“ rassistischen Antisemitismus. Dies bedeutet eine Veränderung, was Luther und die anderen Kirchenleute wieder entlastet. Man muss aufpassen, dass die Traditionslinien nicht dazu gebraucht werden, die Schuld der Täter nach hinten zu den Altvorderen abzutranportieren.

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    Selbstverständlich, Alan Posener, gibt es diese langfristig wirkenden Prägungen, und selbstverständlich sind sie nicht zuletzt religiöser Natur. Und selbstverständlich hat auch der moderne Antisemitismus religiöse Wurzeln. Aber die liegen im Christentum im Allgemeinen, nicht im Protestantismus im Besonderen. Darum unterscheidet sich um 1900 der Antisemitismus im katholischen Frankreich kaum von dem im preußisch dominierten Deutschland, um mal von Wien oder München oder gar Russland zu schweigen. Der Teig ist überall christlich, ob protestantisch, katholisch oder orthodox, angereichert und gewürzt durch die Modernisierungsprozesse des 19. Jahrhunderts, alles ähnlich, alles gleichermaßen diffus – aber die Hefe fällt dann 1914 ff. halt in den deutschen Topf. Und genaugenommen ist dieser Topf ja deutsch-österreichisch: Wenn man sich das Personal des Völkermords mal ansieht, springt einem der hohe Anteil österreichischer Katholiken auf.

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    Nun ja, Per Leo, das ist doch Huhn und Ei. Wieso verfällt man 1916 ausgerechnet auf eine Judenzählung? Wieso zählt man nicht Katholiken? So eine Idee fällt nicht vom Himmel. Sie zitieren Schopenhauer. Ist es ein Zufall, dass er Protestant ist?
    Es gibt lange Linien in der Geistesgeschichte, und sie mögen nicht die Evidenz besitzen, die Politik, Ökonomie und Soziologie scheinbar für sich haben; dennoch spürt jeder, dass sie wirken. Mit zehn Jahren sang ich beim anglikanischen Gottesdient in meinem Internat jeden Morgen Blakes „Jerusalem“. Ich kann mich der Prägung durch Anglikanismus und utopisches Nonkonformistentum genausowenig entziehen, wie ein gleichaltriger deutscher Katholik der Prägung durch jenes Milieu, das Heinrich Böll schildert (oder durch Böll selbst). Und Blake und Böll wiederum tragen einen kulturelln Schatz (manche würden sagen: Ballast) mit sich, der sie geprägt hat und den sie selbst in der Rebellion tradieren. Das ist doch klar.
    Noch in der Selbstzensur des deutschen Protestantismus, der in seinen diversen Schuldbekenntnissen nach 1945 kein einziges Mal auf ihre Gründergestalt zu sprechen kam, selbst also in diesem verdrucksten Beschweigen der eigenen Geschichte macht sich sehr laut das Beschwiegene bemerkbar.

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    Lieber Alan Posener, danke für den Querverweis, aber da einzusteigen würde meine Zeit, meine Kräfte und auch meine Fähigkeiten überfordern. Nur so viel: Die Weberthese ist ein wunderlich Ding. Der Protestantismusaufsatz gehört zu den einflussreichsten sozialwissenschaftlichen Texten, die je geschrieben wurden, aber vermutlich hat das mehr mit der Art als mit dem Inhalt des Arguments zu tun. Dass es heute überhaupt möglich erscheint, das Marxsche Bedingungsverhältnis von Sein und Bewusstsein umzudrehen, dass man also mit guten Gründen Mentalitätsgeschichte betreiben kann, das dürfte nicht zuletzt an diesem Aufsatz liegen. Aber zugleich zeigt er doch auch die Beschränktheit des Ansatzes. Die Gelehrten jedenfalls begegnen der Weberthese seit längerer Zeit schon mit respektvoller Gleichgültigkeit, weil sie einerseits so richtig scheint, dass wir »Kapitalismus« gar nicht mehr ohne »Protestantismus« denken können, aber zugleich alle Versuche der empirischen Erhärtung in die eine oder andere Aporie geführt haben. Und daran werden wohl auch alle Wikipedia-Artikel der Welt nichts mehr ändern.

    Zum Antisemitismus. Im Grund verhält es sich da ähnlich. Wie auch immer man die Verbindung von Luther zum Antisemitismus der jüngeren Vergangenheit herstellen will – mit Mitteln der Empirie wird das nicht gelingen. Sie werden über bestenfalls plausible, insgesamt aber doch eher suggestive Annahmen nicht hinauskommen. »Mir kann keiner erzählen, dass nicht…« – Ihre rhetorische Figur bringt es auf den Punkt. Aber gerade weil die wissenschaftliche Evidenz so schwach ist, steht das Argument in der Begründungspflicht. Es kann ja durchaus Gründe für bloße Plausibilität geben, genauso wie es auch gute Gründe für Metaphysik gibt – aber nur, wenn alle anderen Gründe versagen. Occam’s Razor: Braucht man Luther wirklich zur Erklärung des Nazi-Antisemitismus? Nein, braucht man nicht. Der Vergleichsfall, der das klar macht, ist ja nicht, wie von Ihnen vorgeschlagen, England, sondern das katholische Frankreich. Der französische Antisemitismus war um 1900 derart ausgeprägt, dass er Züge einer nationalen Integrationsideologie annehmen konnte. Nun, das republikanische Lager setzte sich durch, wir wissen das. Entscheidend ist aber, dass es in Deutschland zur gleichen Zeit nicht schlimmer war, eher weniger schlimm. Frankreich hatte Dreyfus, Deutschland hatte ein paar Jahre zuvor Stöcker und Treitschke, und in beiden Fällen setzt sich die protektive Haltung gegenüber den Juden in der Öffentlichkeit durch. Das deutsche Spezifikum ist die Verselbständigung und Radikalisierung des Antisemitismus zu einem paranoiden Deutungssystem. Und diese Tendenz lässt sich recht genau datieren. Sie beginnt im Oktober 1916 mit der »Judenzählung« im deutschen Heer, der ersten sonderrechtlichen Maßnahme, der die – sachlich falsche – Unterstellung zugrunde lag, Juden würden sich überproportional häufig vor ihrer Wehrpflicht drücken. Der Zeitpunkt ist symptomatisch, denn nach gut zwei Kriegsjahren zeichnet sich ab, dass die exaltierten Kriegserwartungen sich nicht erfüllen werden. Das ist das Muster, das sich in den folgenden Jahren der Weimarer Dauerkrise ständig wiederholen und mit jeder Wiederholung an Evidenz und Radikalität gewinnen wird. Es gibt durchaus eine spezifisch deutsche Geistesgeschichte, die diesen Prozess grundiert, aber die hat nichts mit Luther zu tun, sondern, stark vereinfacht, mit Schopenhauer und der Romantik. Sie benötigen Luther also nicht zur historischen Erklärung dieser und ähnlicher Phänomene. Könnte es daher sein, dass Sie ihn weniger brauchen als vielmehr benutzen? Nämlich als Stellvertreter, um sehr gegenwärtige Sträuße auszufechten, etwa mit der EKD oder bestimmten Zügen der politischen Kultur Deutschlands? Dann würden Sie statt historischer Aufklärung allerdings Geschichtspolitik betreiben, was natürlich immer legitim ist, zumindest so legitim wie der Zweck, dem sie dient. Aber ebenso legitim ist es doch, auf den Unterschied hinzuweisen.

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    APo: Was nun den Antisemitismus angeht: Natürlich kann man nicht die Nazis aus Martin Luther erklären, auch wenn das manche katholischen Apologeten gern tun, indem sie darauf verweisen, dass die Wahlergebnisse für die NSDAP in katholischen Gegenden fast immer unter jenen in protestantischen Gegenden lagen. Das hat aber hauptsächlich damit zu tun, dass es bis 1933 in Gestalt des Zentrums eine konservative katholische Partei gab, und weniger damit, dass Katholiken weniger anfällig für den Antisemitismus wären. Schließlich war Hitler selbst Katholik.

    … Adolf Hitler war ‚Taufscheinkatholik‘, er selber:

    „Luther war ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung; sah den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen.“ (Adolf Hitler in: Zwiegespräche zwischen Adolf Hitler und mir, von Dietrich Eckart, München 1924; S. 34)

    Karl Jaspers sagte nach dem Krieg im deutschen Bundestag:
    ‚Was Hitler getan hat, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung in den Gaskammern.‘

    Julius Streicher hat sich bei seiner Vernehmung während des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses ausdrücklich auf Luther berufen.

    Der Kirchenhistoriker Martin Brecht urteilt:
    ‚Luther wurde so fatalerweise zum protestantischen Kirchenvater des Antisemitismus.‘

    Quelle

  12. avatar

    Um auf das eigentliche Thema zurückzukommen:

    „Es geht mir darum, dass die EKD genau das tut, indem sie aus ihm eine Art Proto-Demokraten macht.“

    Den Schleier der “ Verklärung “ dieser Person sollte man entfernen!!!

    Wenn ich diesen Satz lese;

    „Zum siebten, dass man den jungen starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Nasen“

    dann frage ich mich, ob Martin Luther sich darüber im klaren war, dass die Juden von der Ausübung bestimmter Berufe ausgeschlossen waren?

    „Die Juden bildeten um 1800 in den meisten Ländern Mitteleuropas die größte nichtchristliche Minderheit. Sie gehörten überwiegend zur Unterschicht, da ihnen im Mittelalter Grunderwerb und Ackerbau, die Mitgliedschaft in Handwerkszünften und Kaufmannsgilden sowie der Aufstieg in den Adel verboten waren. Isolierung in städtischen Ghettos und die ständige Existenzbedrohung durch Pogrome kennzeichneten damals ihre Lage.

    In der Frühen Neuzeit blieben Juden im Konkurrenzkampf mit Nichtjuden nur bestimmte Berufsbereiche: nichtzünftiges Handwerk, Kramhandel, Pfandleihe, Kleinkreditgewerbe, Brauwesen und Schankwirtschaften, Hausierergeschäft und reisender Landhandel. Wo sie wie in Polen im 16. Jahrhundert zeitweise eine gehobene und für den Adel unentbehrliche Stellung als Zoll- und Steuerneinnehmer, Gutspächter, Holz- und Pferdehändler erreichten, wurden sie später vom Kleinadel und aufstrebenden christlichen Bürgertum verdrängt. Nur weniger als zwei Prozent der Juden erreichten den Status von wohlhabenden und geachteten „Hofjuden“ oder Ärzten. Die Masse lebte in „Judendörfern“ oder „Judengassen“ in religiöser, rechtlicher und ökonomischer Absonderung. Ihre Begegnungen mit der übrigen Bevölkerung beschränkten sich weitgehend auf Tauschgeschäfte und Märkte.“
    aus:http://de.wikipedia.org/wiki/A.....Minderheit

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    Das ist etwas Ähnliches wie wenn man heute z.B. jemandem das Prinzip der Internet-„Cloud“ erlären würde. Natürlich gibt es ideengeschichtlich einen Bezug zur Wolke am Himmel. Aber dieser Bezug tut nichts zur Sache; man würde ihn vielleicht als illustrativen Nebensatz der eigentlichen Erklärung beifügen.

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    Zur „heute noch wirksamen Kraft“: Damit ist das gemeint, was heute als „lutherisch“ benannt wird, d.h. was heute unter diesem Begriff zu verstehen ist. Diese „Kraft“ hat wie alles eine eigene Genealogie, über die man streiten kann, aber diese Genealogie ist eigentlich irrelevant. Denn es ist nebensächlich bzw. nur für Historiker interessant, ob z.B. der historische Luther tatsächlich „Proto-Demokrat“ war oder nicht.

    Die Legende ist längst gebildet. Auch jede andere Legende kann eine „heute noch wirksame Kraft“ entfalten. Die Bibel, der Koran usw. stecken voller Legenden, manche mit einem historischen Kern, andere komplett erfunden, und trotzdem haben diese Legenden nach so langer Zeit noch immer eine enorme „heute noch wirksame Kraft“.

    Was man genealogisch (ideengeschichtlich) nachweisen kann, sind Einflüsse eines Früheren, z.B. Luther, auf einen Späteren, z.B. Bach oder Thomas Mann. Der Nachweis erfolgt so, dass man entweder implizite Bezüge zeigt oder explizite Äußerungen der Späteren wiederholt. In der Summe der konkreten Nachweise ergäbe sich dann eine allgemeine ideengeschichtliche Skizze. Diese Skizze würde im Idealfall zeigen, wie es zu der heutigen Idee kam und welche Modifikationen sie unterwegs durchlaufen hat. Aber sie hat mit der heutigen Bedeutung selbst nichts zu tun; die ermittelt man anders.

    Was würde passieren, wenn man behauptet, dass der echte Luther/Jesus/Mohammed/XY mit dem, was die Gläubigen heutzutage glauben, nichts zu tun gehabt hat? Dann würden die Gläubigen sagen, dass sie das nicht glauben. Sie drücken damit aus, dass die Bedeutung ihrer Glaubensinhalte abgekoppelt sind von den historischen Wirklichkeiten. Wenn die passen, umso besser, wenn aber nicht, dann eben nicht (bzw. dann setzt man auf die unwahrscheinliche bis extrem unwahescheinliche Möglichkeit, z.B. dass alle quellen gefälscht wurden, die aber eben immer besteht).

    Demnach muss man sich also in erster Linie damit beschäftigen, was „Luther“ heute bedeutet. Man kann zwar hinzufügen, dass der echte Luther ein Oger war, aber sollte dies als Nebensatz betrachten.

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    Lieber Per Leo, darf ich Sie – zum Thema Mentalitätsgeschichte – querverweisen an die Diskussion über den Einfluss des Protestantismus auf das Wirtschaftsleben, speziell auf die Kommentare und Hinweise von Moritz Berger?

    Was nun den Antisemitismus angeht: Natürlich kann man nicht die Nazis aus Martin Luther erklären, auch wenn das manche katholischen Apologeten gern tun, indem sie darauf verweisen, dass die Wahlergebnisse für die NSDAP in katholischen Gegenden fast immer unter jenen in protestantischen Gegenden lagen. Das hat aber hauptsächlich damit zu tun, dass es bis 1933 in Gestalt des Zentrums eine konservative katholische Partei gab, und weniger damit, dass Katholiken weniger anfällig für den Antisemitismus wären. Schließlich war Hitler selbst Katholik.
    Andererseits kann mir keiner erzählen, dass der Antisemitismus in Deutschland genau so stark geworden wäre, wie er wurde, wenn Luther sich klar dagegen positioniert hätte – oder wenn er wenigstens zum Thema geschwiegen hätte. In England hat der Puritaner Oliver Cromwell die Juden ausdrücklich verteidigt und im Land willkommen geheißen, und dort ist der antikatholische Affekt sehr lange sehr viel stärker gewesen als der Antisemitismus.
    Die von Ihnen skizzierten materiellen Bedingungen mögen ausschlaggebend gewesen sein für den Aufstieg der NSDAP. Aber die materiellen Bedingungen sind ihrerseits auch Produkt von Mentalitäten und Ideologien. Beispiel: Die Religionskriege des 17. Jahrhunderts haben nun einmal Deutschland besonders zerrissen, weil das Bündnis Luthers mit den protestantischen Fürsten gegen den katholischen Kaiser zum bloß materiellen ein religiöses Motiv hinzufügte. Das war ein entscheidendes Element, das die Entwicklung des Reichs hin zur Nation verhinderte. Und solche Linien gibt es viele.
    Ich muss aber betonen: Es geht mir nicht darum, Luther für Entwicklungen haftbar zu machen, die er nicht vorhersehen konnte. Es geht mir darum, dass die EKD genau das tut, indem sie aus ihm eine Art Proto-Demokraten macht. Dem Einwand gegen meine Kritik, Luther sei nun einmal befangen in seiner Zeit, entgegne ich mit einem beherzten: „Eben!“

    Lieber lucas, man könnte zumindest diskutieren, ob etwa die iranische Revolution so etwas wie eine schiitische Reformation gewesen sei. Das behauptet zumindest Reza Aslan in seiner Geschichte des Islam. Khomeini hat so einiges von Luther an sich. Und so wie der weltlich geprägte arabische Frühling überall außer in Tunesien von religiösen Fundamentalisten übernommen wurde, so wurden die Humanisten im 16. und 17. Jahrhundert von den dogmatischen Reformatoren und Gegenreformatoren beiseite geschoben. Die Puritaner in London schlossen Shakespeares Theater.
    Die Geschichte wiederholt sich nicht, Vergleiche hinken und so weiter, aber die gegenwärtigen Turbulenzen in der muslimischen Welt zwingen uns, unsere europäische Geschichte mit neuen Augen zu sehen, und das ist gut so.

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    Widerspricht Alan Posener damit nicht Hamed Abdel-Samad, dass der Islam nur eine Reformation brauche? Oder sind die jetzigen wahlweise sunnitischen und schiitischen Islamisten nicht sogar die Reformation und der Konflikt zwischen beiden die Religionskriege?

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    Zu Luther als Inspiration für Bach:
    „Luther, der an der Erfurter Universität auch Musik und Kontrapunkt studiert hatte und selbst die Laute spielte, rückte den Gemeinde- und Chorgesang in das Zentrum des lutherischen Gottesdienstes und schuf so die Voraussetzungen für Bachs spätere Tätigkeit als Kantor und Organist. […] 30 der 37 Lutherlieder verwendete Bach für Kantaten und Orgelwerke, einige gleich mehrfach.“

    Dies scheint den Jesuiten Adam Contzen zu der Erkenntnis gebracht zu haben: „Luthers Lieder haben mehr Seelen verdorben als alle seine Schriften und Reden.“

    Die Verderbnis schlug sich dann unmittelbar in Gestalt von grassierenden Gesangsbüchern nieder: „Weltweit kein einziges gab es zur Zeit von Luthers Jugend, aber mehr als 100, als er starb.“

    http://www.artefakt-berlin.de/.....musik.html

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    @Stevanovic
    „Bei genauerem Hinsehen stellt sich zumeist heraus, dass die meisten Erleuchteten nicht erleuchtet waren, sondern einen Trend, Strömung, Weltgeist, wie auch immer, ausgeführt haben.“

    Eben. So genuin/kreativ sind wir Menschen nicht. Das eine bedingt das andere und her und hin. Die meisten ‚Genies‘ fassen irgendwas Vorhandenes zusammen und treffen einen Nerv damit. (Das gibt’s auch in der unbelebten Natur und z.B. der Physiker Herrmann Haken spricht da von ‚Versklavung‘, z.B.:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Synergetik ).
    Was ich meine (behaupte) ist, daß mehr und heftigerer – auch ‚unvernünftiger‘ – Diskurs in einer Gesellschaft wahrscheinlich das einzige Immunsystem gegen Totalitarismus ist.
    Luther (um nicht wg. o.t. ‚rausgeschmissen zu werden) ist eins von vielen Beispielen dafür. Wahrscheinlich ist er deswegen so bedeutend geworden, weil es Rom-treue Könige (Karl V?) und Fürsten gab und andere (in Sachsen), die Vorteile darin sahen, theologisch gegen die einen zu stänkern. Die Gewalt (30 jähr. Krieg) kam durch die, die folgten und gehorchten. (Und wahrscheinlich ist das schon ‚Marx‘, was ich hier schreibe, keine Ahnung. Für mich ist es jedenfalls angewandte Thermodynamik.)
    Theologisch gibt es wohl kaum Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten, beide glauben an Jesus Christus, nur daß die einen dabei nach Rom gucken und die anderen… ja eben, das ist wohl der Unterschied.
    Ich fände es jetzt nicht gut, die Lutheraner generell in so eine Staats-obrigkeitshörige Schublade zu stecken.

    Nun.. und die Christenverfolgungen damals und heutzutage sind wohl keineswegs „hochgejazzt“.

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    Lieber Herr Posener, ob Luther eine »heute noch wirksame Kraft« ist, eben das habe ich doch angezweifelt. Zur Erklärung des deutschen Antisemitismus im 20. Jahrhundert braucht man ihn jedenfalls nicht. Er hat mit vormodernen Formen der Judenfeindschaft genauso viel und genauso wenig zu tun wie überall sonst in Europa. Wenn die Besonderheit dieses Antisemitismus geistesgeschichtliche Gründe hat, dann keine, die über die Epochenschwelle um 1800 hinausreichen. Und sollten diese Besonderheiten protestantische Wurzeln haben, dann höchstens im Hinblick auf Schleiermachers Religionshermeneutik und auf Herders Volksgeistkonzept, zwei auf moderne Bedürfnisse zugeschnittene Konzepte. Und der Weg von der Frühromantik zu den Nazis ist noch sehr weit – mindestens so weit wie beispielsweise der vom traditionellen katholischen Antijudaismus zur Dreyfus-Affäre. Mentalität und Gründe haben die Judenfeinde immer gehabt. Die darf man nicht vernachlässigen, z.B. wenn es um die Anfälligkeit des Bildungsbürgertums für die Nazis geht. Aber die mörderische Dynamik der deutschen Entwicklung kriegt man mit Geistesgeschichte allein gerade nicht zu fassen. Glauben Sie’s mir, ich habe es versucht. Dazu brauchen Sie die hard facts der deutschen Geschichte, vor allem drei Faktoren: erstens die seit der Reichsgründung (bis 1945, im Grunde sogar bis 1990) ungelöste Frage der staatlichen Ordnung (völkische Tendenz, Abstammungsnationalismus); zweitens die rasende, im Vergleich zu allen anderen europäischen Nationen extreme Entwertung tradierten Orientierungswissens (rasante Modernisierung nach 1871, Kriegsniederlage, Hyperinflation usw.), die eine Konjunktur verschwörungstheoretischer Erklärungen mit sich brachte; und drittens die gegen riesige Widerstände aus allen Lagern durchgesetzte Machtübernahme einer radikalantisemitischen Massenpartei. Nun, backwards our eyes are always 20/20, um nicht sagen: der naive Blick in die Vergangenheit ist immer schärfer als es der Erkenntnis zuträglich wäre: Er sieht Kausalitäten, wo man es tatsächlich mit einem höchst kontingenten Zusammentreffen unterschiedlicher Faktoren zu tun hat. Kurz gesagt, wer eine Brücke zwischen dem Dritten Reich oder anderen German Diseases und den unflätigen Pöbeleien eines spätmittelalterlichen Mönchs schlägt, der verursacht einen geistigen Kurzschluss. Um die Geschichte zu begreifen, muss man aber in der Lage sein, komplexe Schaltpläne zu lesen. PS. Die von Ihnen als Beleg für die Aktualität Luthers aufgeführte Margot Käßmann war mir doch gerade Indiz dafür, dass man mit der Lutherkritik längst sperrangelweit offene Türen einrennt.

  20. avatar

    Lieber Herr Posener,

    eine Frage am Rande:

    Zählen Sie Manchester zum Norden Englands?

    Oder ist Newcastle die Wiege der Industrie?

    Wenn ich diese Zeilen lese:

    Nach dem Tode Heinrichs VIII. leitete der Erzbischof von Canterbury, Thomas Cranmer, zusammen mit Richard Hooker, Craig John Stuart Heselton und Matthew Parker weitere Reformen ein, darunter die Einführung des ersten Book of Common Prayer. Mit dem Tode von Heinrichs Nachfolger, Eduard VI., kam seine Halb-Schwester Maria Tudor auf den Thron, und die englische Kirche erneuerte ihre Verbindung zu Rom, während viele Theologen der Reformation ihren Tod fanden. Erst nach Marias Ableben wurde die Kirche unter Elisabeth I. wieder protestantisch. Der Einfluss der Puritaner wuchs in dem folgenden Jahrhundert stetig an, kam jedoch durch die königliche Autorität nie zur vollen Entfaltung. Im 19. Jahrhundert, mit der Oxford-Bewegung und dem Aufkommen der Romantik, besannen große Teile der Church of England sich wieder auf ihre katholische Erbschaft.

    aus:http://de.wikipedia.org/wiki/C.....Geschichte

    Dann komme ich zum Schluß, das die Puritaner (die eigentlichen “ Protestanten „) bei der Industrialisierung Englands keine große Rolle gespielt haben.

    Und ebenfalls in den US:

    „In den USA soll der Puritanismus – so beispielsweise nach Max Weber (Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus) und, ihm zuvor, Alexis de Tocqueville (Die Demokratie in Amerika) – großen Einfluss auf den Nationalcharakter ausgeübt haben; diese Annahme vernachlässigt jedoch andere Strömungen, die für die Besiedlung der USA ebenso wichtig waren. So war z. B. die erste dauerhafte englische Kolonie in Nordamerika nicht in Neuengland, sondern Virginia; hier waren vor allem wirtschaftliche Überlegungen (Agrarland, Tabakanbau) als Motivation zur Ansiedlung vorherrschend, und der Anglikanismus blieb bis 1786 Staatsreligion.“

    aus:http://de.wikipedia.org/wiki/Puritaner#Nordamerika

    Wenn ich allerdings hier lese:

    „Naturwissenschaft und Wirtschaft

    Der amerikanische Soziologe Robert K. Merton entwickelte 1938 in seinem Buch Science, Technology and Society in 17th-Century England die nach ihm benannte Merton-These, der zufolge die naturwissenschaftliche Revolution des 17. und 18. Jahrhunderts im Wesentlichen von englischen Puritanern und deutschen Pietisten getragen wurde.[30][31] Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kam der Soziologe Gerhard Lenski 1958 in einer breit angelegten empirischen Untersuchung im Großraum Detroit (Michigan). Er stellte einen signifikanten Unterschied zwischen Katholiken einerseits und (weißen) Protestanten und Juden andererseits hinsichtlich ihrer Einstellung zum Wirtschaftsleben und zu den Naturwissenschaften fest. Protestanten und die jüdische Minderheit ließen sich durch „intellektuelle Autonomie“ („intellectual autonomy“) leiten, was für eine naturwissenschaftliche Berufskarriere förderlich sei. Dagegen neige die intellektuelle Orientierung von Katholiken stärker zu „Gehorsam“ („obedience“) gegenüber den Lehren ihrer Kirche. Dies sei abträglich für naturwissenschaftliche Berufe.[32] Lenski führte diese Unterschiede auf die Reformation und die Reaktion der katholischen Kirche darauf zurück. Die Reformation habe insbesondere bei Täufern, Puritanern, Pietisten, Methodisten und englischen Presbyterianern intellektuelle Autonomie gefördert, während die katholische Kirche diese Verhaltensweise immer stärker mit Protestantismus und Häresie gleichgesetzt und deshalb von ihren Mitgliedern Gehorsam gegenüber der Kirchenlehre gefordert habe. Diese Unterschiede seien bis in die Gegenwart wirksam geblieben.[33]
    Im Hinblick auf die Einstellung zum Wirtschaftsleben sah Lenski die bekannte These Max Webers bestätigt, wonach es im 17. und 18. Jahrhundert eine positive Korrelation zwischen der „protestantischen Ethik“ und dem „Geist des Kapitalismus“ gegeben habe. Allerdings fand Lenski keine Spuren von „innerweltlicher Askese“ bei den Protestanten. Bereits rund hundert Jahre vor Weber habe John Wesley, einer der Begründer der Methodistenkirche, um 1790 beobachtet, dass „Fleiß und Genügsamkeit“ („diligence and frugality“), zwei Verhaltensweisen, die die Methodisten mit den Puritanern und anderen protestantischen Gruppierungen teilten, als „unbeabsichtigtes Nebenprodukt“ diesen Menschen Wohlstand gebracht hätten.[34]“

    aus:http://de.wikipedia.org/wiki/P.....Wirtschaft

    scheint die These von Max Weber verifiziert zu sein oder???

    Siehe auch hier:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Merton-These

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    Lieber Per Leo, das ist wieder einmal geistreich, sogar klug, aber die Schlussfolgerung ist falsch. Denn Luther ist nun einmal eine heute wirksame Kraft, und sei es nur in der Vermittlung durch Leute wie Käßmann.
    Lieber Roland Ziegler, ja, es gibt schon so viel einerseits – andererseits. Das hier ist kontrapunktisch (also nach Ihrer Definition echt Lutherisch) konzipiert.
    Lieber Moritz Berger, ich schlage mich lange schon mit Max Weber herum. Sicher hat er etwas sehr Wichtiges entdeckt, nämlich den Einfluss der Religion – oder besser: der Mentalität – auf die Ökonomie: Das Sein bestimmt eben nicht das Bewusstsein.
    Aber umgekehrt wird auch kein Schuh daraus. Die Juden zum Beispiel werden nur in Westeuropa und den USA zu Bankiers und Venture-Kapitalisten; also dort, wo es die entsprechenden Bedingungen gibt. (Und natürlich eben nicht „die Juden“, aber hier darf ich wohl verkürzen.)
    Warum entstehen im katholischen Lateinamerika landwirtschaftlich geprägte und undemokratische Republiken, im angelsächsisch geprägten Norden die demokratisch-industriellen Republiken USA und Kanada? Sicher, der Norden war protestantisch – aber das galt für die Sklavenhalter-Staaten wie für die industriell geprägten Nordstaaten.
    Der Norden Englands ist die Wiege der Industrie. Und der am stärksten katholisch geprägte Teil des Landes. Und so weiter und so fort.

  22. avatar

    @KJN
    „Dann haben auch Leute wie Luther und die Ayatollahs keine Chance mehr, von anderen gar nicht zu reden.“

    Das Fundament jedes Stiftungsmythos ist der der Zündfunke durch Erleuchtete. Bei genauerem Hinsehen stellt sich zumeist heraus, dass die meisten Erleuchteten nicht erleuchtet waren, sondern einen Trend, Strömung, Weltgeist, wie auch immer, ausgeführt haben. Wichtigste Faktoren: Glück, Zufall, Missverständnisse.
    Ich habe eine Doku über die Mongolen gesehen. Durch Klima waren die Steppen grün. D.h. der dickste Karpfen im Teich hätte auf jeden Fall ein Großreich gegründet. Ebenso die Ayatollah, Luther, Adolf, Stalin – die Zeit (bewusst schwammig gelassen) war reif. Gilt auch für facebook und Zuckerberg, Daimler und das Auto. Putin und die verunsicherten Russen, Mutti und die verängstigten Deutschen.

    D.h. Luther und die Ayatollah haben immer ihre Chance. Sie wirken nicht aus sich heraus, d.h. ihr Licht leuchtet nicht so hell, als das es von alleine erleuchten könnte – Bedarf, Möglichkeiten, Umstände – ja, dann kann es eigentlich losgehen. Ob in Wirtschaft oder Politik. Wenn wir den letzten Mythos dekonstruiert haben, leben wir schon im nächsten.

  23. avatar

    I. Die Wirklichkeit:
    Die meisten Lutheraner wissen von Luther nicht viel, außer dass
    1. ihr Bekenntnis seinen Namen trägt;
    2. er ein Problem mit der katholischen Kirche hatte;
    3. er das moderne Schriftdeutsch begründet hat.
    II. Der Polemiker:
    1. Das Rascheln, das sich angesichts bevorstehender Reformationsjubiläen im Blätterwald vernehmen lässt, ist tatsächlich das Rauschen einer seit 500 Jahren ungebrochenen Lutherbegeisterung.
    2. Luther ist darum mehr als eine historische Figur, die man aus seiner Zeit heraus verstehen muss, er ist eine Metonymie Deutschlands, ein Zentralschlüssel zur deutschen Mentalität.
    3. Wer zeithistorische und zeitgenössische Tendenzen der deutschen Geschichte verstehen will, muss daher Luther verstehen.
    4. Wer aber die Verbindung zwischen Luther und unserer Zeit verstehen will, muss nur seine Schriften lesen und sich fragen, ob er bei der Lektüre wie von selbst an die jüngere Vergangenheit und an die Gegenwart denken muss.
    5. Auf diese Weise wird man auch feststellen, dass Luther mit Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus und Demokratie nichts am Hut hatte.
    6. Da diese Wahrheiten unbequem sind, will sie niemand hören, also erhebe ich die Stimme. Dabei scheue ich weder Pathos noch Gefahr, schließlich geht es um die politische Kultur unseres Landes.
    III. Der Historiker:
    1. Wer mentalitätsgeschichtliche Verbindungen über 500 Jahre schlägt, hat entweder jahrzehntelang wissenschaftliche Kärrnerarbeit geleistet, oder er bedient sich aus dem Baukasten eines etablierten Diskurses.
    2. Den Diskurs über Luther als Hauptverursacher deutscher Mentalität gibt es seit mindestens 70 Jahren. Sein Ursprung liegt in den Versuchen, Voraussetzungen des Nationalsozialismus zu benennen, die weiter zurückliegen als die Krisen im Gefolge des Ersten Weltkriegs. Zwei Beispiele. Helmuth Plessner zog in den Vorlesungen, die er Ende der 1930er Jahre im holländischen Exil hielt, eine Linie von der Reformation zu den Nazis, indem er eine Kontinuität deutscher »Weltfrömmigkeit« und »innerweltlicher Heilserwartung« behauptete (sehr elegant). Im angelsächsischen Sprachraum hat v.a. William Shirer in »The Rise and Fall of the Third Reich« die »From-Luther-to-Hitler«-Formel geprägt (eher plump). Die aus solchen Arbeiten hervorgegangene Theorie des »deutschen Sonderwegs« konkurrierte in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg mit der marxistischen Faschismus- und der liberalen Totalitarismustheorie um die Deutungshoheit über das Dritte Reich.
    3. Keine dieser Theorien spielt heute in der Geschichtswissenschaft noch eine Rolle. Dass mit der Sonderwegsthese in all ihren Spielarten auch die mentalitätsgeschichtliche Linie von Luther ins 20. Jahrhundert ad acta gelegt wurde, hat v.a. zwei Gründe. Zum einen hat sich die implizite Unterstellung eines französisch-angelsächsischen »Normalwegs« in die Moderne als haltlos erwiesen. Modellhaft ist die »westliche« Entwicklung höchstens in normativer, nicht aber in historischer Hinsicht. Zum anderen hat man verstanden, dass wir von Luther und der Renaissance historisch durch einen gewaltigen Graben getrennt sind. Fast alles, was wir idealtypisch mit Namen und Begriffen wie »Luther«, »Reformation« und »Protestantismus« verbinden, geht auf Idealisierungen zurück, die aus den Kreisen eines um Orientierung bemühten Kulturprotestantismus um 1900 stammen. Vom frühen 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert ist das sogenannte Luthertum eine vielfältige, sich ständig verändernde Praxis, die zunächst v.a. reichsrechtliche Bedeutung hat, dann zunehmend theologisches Gewicht und schließlich mit den Pietisten auch eine psychologische Dimension gewinnt. Erst der Historismus des 19. Jahrhunderts weckt überhaupt wieder ein nennenswertes Interesse an Luther und seinen Schriften. Und wirklich auf breiter Basis wiederentdeckt wird er im Grunde erst nach der Reichsgründung, als der kleindeutsch-protestantische Nationalismus nach heroischen Gründungsfiguren sucht. Vor diesem Hintergrund werden dann um 1900 historische Idealtypen der Persönlichkeit »Luthers« und des »Luthertums« destilliert, auf denen seitdem alle Lutherdiskurse fußen, die sich nicht für den historischen Intellektuellen interessieren, sondern für den vermeintlichen Stifter einer »deutschen« Mentalität.
    4. Während Faschismus- und Totalitarismustheorie zusammen mit dem Kommunismus untergegangen sind, erfreut sich die Sonderwegsthese weiterhin hoher Beliebtheit, ausschließlich außerhalb der Wissenschaft allerdings. Das leucht durchaus ein, denn die Frage nach nationalkulturellen Besonderheiten ist so alt wie die Nationen selbst. Dass sie aus wissenschaftlicher Sicht nicht einfach, wenn überhaupt zu beantworten ist, braucht ja den Laien nicht zu kümmern.
    5. An Luthers Judenfeindschaft keine Kritik zu üben hieße im Übrigen in einer Konfessionen, in der Bußfertigkeit und Schuldbewusstsein zum Markenkern gehören, ein höchst fruchtbares Feld nicht zu bestellen. Darum ist sie innerhalb der evangelischen Kirche so selbstverständlich, dass auch das protestantische It-Girl Margot Käßmann mit ihr hausieren gehen kann.
    IV. Ratschluss der Vernunft:
    Überlasst Luther den Historikern und verändert die Gegenwart ohne historische Spiegelfechtereien!

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    Lieber Herr Posener,

    ich hätte diesen Satz mit

    „Ohne die Protestanten, Calvinisten etc. hätte es doch den Kapitalismus nicht gegeben“ versehen sollen und hinzufügen:

    Calvin war ein Schüler Luther.

    Was die (doppelte) Buchhaltung betrifft die gab es bereits bei Hammurabi:

    http://www.buchen.ch/Geschicht.....altung.pdf

    Wie auch den “ Handelskapitalismus “ nach meiner imho bereits bei den Römer vorzufinden ist:

    „Privateigentum und verschiedene andere Merkmale des Kapitalismus finden sich in unterschiedlich starker Ausprägung bereits ab der neolithischen Revolution.[50] Der Autor Peter Temin vertritt, dass bereits im Römischen Reich eine Marktwirtschaft existierte.[51] Andere sehen im Kalifat vom 9. bis zum 12. Jahrhundert bereits wesentliche Merkmale des Kapitalismus: Geldwirtschaft, Marktwirtschaft, Frühformen der Gesellschaft („mufawada“ und „mudaraba“) und Kapital („al-mal“).[52][53][54] Demgegenüber vertreten marxistische Historiker die Auffassung, dass von Kapitalismus erst mit der verallgemeinerten Produktion für den Markt, die sich zum ersten Mal in England ausgebreitet hat, zu sprechen ist.“

    aus: http://de.wikipedia.org/wiki/K.....geschichte

    Und um auf Max Weber zurückzukommen.

    Auffällig ist m.E., daß die protestantischen Länder wie U.K.,die Niederlande und auch Preußen bis weit in das 20 Jahrhundert “ kapitalistischer “ als die katholischen Länder wie Frankreich, Italien und Spanien waren.

    Ist daher Luther nicht ein wichtiger “ Impulsgeber “ gewesen??

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    Stevanovic: Die Katholen haben ja auch den heiligen Nickolaus, im Grunde ja auch eine zwielichtige, dogmatische, intolerante Person (laut Überlieferung hat er auf dem Konzil von Nicäa den Arianern ordentlich und wörtlich die Fresse poliert).

    … Gen. Stevanovic, es wäre gut, wenn Sie zu Ihren Behauptungen entsprechende Belege anführen.

    … besonders wenn Sie meinen, dass die ‚die Christenverfolgung‘, nach Ihrer Auffassung, ‚auch zu einer riesen Nummer hochgejazzt‘ wurde! … wird!

  26. avatar

    @Alan Posener: Der Gläubige und der Skeptiker aus Ihrem Diskurs können beide mit ihren Äußerungen recht haben.

  27. avatar

    …und – ohne das musikaische Gleichnis überstrapazieren zu wollen – der Kontrapunkt ist nunmal wesentlich protestantisch 🙂 (Im Katholizismus gibt es nur das Eine, bestenfalls als Dreifaltiges.)

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    Thomas Mann, der Luther auch nicht mochte und ihn mit einem Oger verglich, räumte immerhin ein: „Indem er die Unmittelbarkeit des Verhältnisses des Menschen zu seinem Gott herstellt, hat er die europäische Demokratie befördert, denn ‚Jedermann sein eigener Priester‘, das ist Demokratie…“

    Gleichzeitig aber sagt er: „Das Deutsche in Reinkultur, das Separatistisch-Antirömische, Anti-Europäische befremdet und ängstigt mich, auch wenn es als evangelische Freiheit und geistige Emanzipation erscheint“

    http://www.luebeck-kunterbunt......Luther.htm

    Luther ist demnach europäisch und antieuropäisch zugleich. Ein irrationaler Wüterich, der sich Luft verschafft und dessen Äußerungen gar nicht den Anspruch erheben, einem rationalen Diskurs zu genügen. Man darf es sich mit Luther nicht zu leicht machen, muss viel Widersprüchliches aushalten und in Kategorien von „Einerseits-Andererseits“ abwägen. Dies tut Herr Posener nicht, wie auch Luther selber nicht, aber man könnte sagen, dass es schon viel „Einerseits“ gibt und Herr Posener hier als Kontrapunkt das „Andererseits“ ausführt.

  29. avatar

    @ Alle: Struktur des religiösen Diskurses:

    Der Gläubige: Unser Mann Sowienoch ist hoch aktuell! Seine Botschaft spricht direkt zu uns Heutigen, ohne ihn wären wir nicht die, die wir sind!
    Der Skeptiker: Ach ja? Und was ist damit? Und damit? und damit? Das kann man doch nicht gutheißen!
    Der Gläubige: Aber Sie müssen doch Sowienoch aus seiner Zeit heraus vertehen, doch nicht mit den Maßstäben eines Heutigen kritisieren! Das ist doch billig!
    Der Skeptiker: Alles klar.

  30. avatar

    Punkt Sieben: Hexenwahn

    Kannten Sie Johann Weyer? https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Weyer Falls nicht persönlich, mir geht es damit genauso. Leider! Für mich ist das ein Held. Aber der wurde 1. im Jahr 1516 geboren, nicht wie Luther 1483, 2. war er kein Theologe, sondern Mediziner.

    Weyer erkannte den buchstäblichen Wahnsinn des Dämonenglaubens und der Hexenangst (Magiefurcht). Vince teipsum (Besiege dich selbst!) ist sein Motto. Wie Weyer sich für als Hexen denunzierte Frauen engagierte und der Inquisition entgegentrat, verdient höchsten Respekt und Bewunderung.

    Wer verstehen will, unter welchen Umständen sich der Hexenwahn in Europa entwickelte, lese Jean Delumeaus: „Angst im Abendland – Die Geschichte kollektiver Ängste im Europa des 14. bis 18. Jahrhunderts.“

    Punkt Acht: Frauenbild

    „Der Tod im Kindbett ist nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes. Ob die Frauen sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie nur tot tragen, sie sind darum da.“

    Aus heutiger Sicht wäre eine solche Aussage eines modernen Menschen im höchsten Maß frauenfeindlich, roh und beschämend dumm. Würde ich einem Menschen ein Zimmer vermieten, der so spricht? Nein. Hätte ich Luther freundlich des Hauses verwiesen? Bestimmt.

    Aus guten Gründen werden z. B. Luthers Vorworte der jeweiligen biblischen Bücher in keiner Lutherbibel mehr gebracht. Sie sind (aus heutiger Sicht) inhaltlich oft haarsträubend. Wer Luther heutzutage immer noch für einen bedeutenden Theologen hält, kennt keine anderen und hat von Theologie nicht die geringste Ahnung.

  31. avatar

    „Luther ist sicher der größte Prophet seit Mohammed.“

    Wer sich mit biblischer Prophetie näher beschäftigt, kommt zu anderen Ergebnissen.

    Die Wirkung der Lutherbibel jedoch auf unsere Sprache und die des Korans auf das Hocharabische ist vergleichbar.

    Ihre Langversion gefällt mir deutlich besser.

    Herzliche Grüße,
    DW

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    @Alan Posener
    Sie rechnen nicht mit Luther ab, sondern mit seiner Zeit bzw. auch mit dem (Volks-)Katholizismus dieser Zeit, denn Luther war nicht zuletzt Katholik. Was man Luther vorwerfen kann ist, daß er diesen zu ernst genommen hat, also allzu konsequent die Vorstellungen seiner Zeit verfolgt hat (incl. Antisemitismus – und das Flagellatentum stammt aus der Pest-Zeit). Und während sich die katholische Elite längst mit den Erkenntnissen und Errungenschaften von Renaissance und Aufklärung anfreundete. Irgendwie wiederholte sich das: Auch Louis XVI, der den Jakobinern zum Opfer fiel, war ja wohl nicht der Schlechteste. Alles das weiß man aber nur im Nachhinein. Was heißt das aber heute? Wollen wir uns aus dieser Erkenntnis heraus jeglicher Kritik an den Strukturen oder Machenschaften in Politik und Wirtschaft enthalten? Im Vertrauen auf eine dort vorhandene höhere (liberale und humanistische) Einsicht?
    Ich tu‘ mich da zugegebenermaßen schwer mit und finde, Inkonsistenzen in der Argumentation der Mächtigen müssen ständig thematisiert und kritisiert werden. Dann haben auch Leute wie Luther und die Ayatollahs keine Chance mehr, von anderen gar nicht zu reden. Vielleicht ist auch unsere Demokratie bereits zu ‚repräsentativ‘, um solche Gefahren abzuwehren.

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    Luther und die Rolle, die er der Frau zudenkt: Was er darüber denkt und schreibt, ist das Eine, das Andere, wie seine Realität a u s s a h ! Seine Ehefrau Katharina von Bora nannte er „Mein Herr Käthe“ – und ohne sie wäre im realen Alltag außerhalb von Kloster und Vollversorgung auf der Wartburg ganz sicher nicht zurecht gekommen. Als Frau eines Universitäts-professors mit großem kinderreichem Haushalt sowie Studenten als Pensionsgästen im Haus,nebenbei Leitung einem Manufakturbetriebs (Bierbrauerei),ebenfalls im
    Hause war ihre Position real die einer Managerin und Chefin eines Stabes von Hauspersonal! Wahrscheinlich musste der Herr Prof.Luther zur eigenen Ehrenrettung so tönen, weil er im eigenen Haus (historisch gut belegt)eine ehe schwache Position innehatte.

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    nun, Baden-Württemberg (gemischt-konfessionell), nur so zum Beispiel, oder Hessen oder Hamburg…
    Was ist modern? Und hängt das wirklich mit den Kirchen zusammen? Und war Bayern nicht, vor nicht allzu langer Zeit, ein eher rückständiges Agrarland und trotzdem katholisch?
    Warum ist, entgegen Ihrer Logik, das ländlich-katholische Bayern rückständiger – in fast jeder Beziehung – als das, relativ religions-distanzierte München?
    Nein, nach meinen Erfahrungen ist der Zusammenhang zwischen Religiosität und Modernität eher entgegengesetzt – vereinzelte Ausnahmen seien zugestanden und bestätigen die Regel.

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    Ach ja: bevor Luther sich mit Wucher und Prunk beschäftigte, kritisierte Franziskus genau das, gründete einen Orden und wurde Heiliger. Das mitten in den italienischen Kaufmannsstädten – die hatten (nach einem Mythos der angrenzenden Slawen) nun mal so Richtig Ahnung vom Wucher. Juden kamen erst nach der Vertreibung aus Spanien ins Spiel – Kapitalismus und Kapitalismuskritik waren vor den Juden da. Handel und Wucher war durch Venedig bis zur Vertreibung der Sepharden eine recht christliche Angelegenheit (Franziskus war über 100 Jahre davor). Da liefen die Sachsen noch mit der Blechtrommel um den Weihnachtsbaum.

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    Die Moderne hat 200 Jahre vor Luther begonnen, vielleicht nach der Pest, vielleicht beim Dom-Bau, vielleicht bei der Zivilisierung der Völkerwanderer – wer weiß das schon. Es kann auch Kral 700 Jahre davor gewesen sein. Nach der Erosion des römischen Reiches, verbreitete sich Kultur schnell unter den Stämmen. Die Renaissance wäre ohne fruchtbaren Boden, dem Wissendurst der Burgenbauer und Künstler, nicht möglich gewesen. Heute wissen wir durch Archäologie, dass das finstere Mittelalter so finster nicht war und wir wissen auch, dass Kolumbus Amerika nicht entdeckt hat und dass das Wissen um die Runde Erde bei den gebildeten Schichten schon lange davor eine Mehrheit hatte.
    Der Mythos Reformation & Aufklärung ist eben ein Mythos des Abendlandes, der in Gleichnissen, Anekdoten und Fabeln (ok, das weniger), uns tradierte Wegmarken zu einer schlüssigen Geschichte zusammenfast, die in erster und eigentlich einziger Linie unserer Selbstvergewisserung dient.
    Je finsterer die Zeit davor, desto heller die Aufklärung. Je flacher die Erde, desto Runder das Ei des Kolumbus. So kann man die Linie ewig fortsetzen. Die Christenverfolgung wurde auch zu einer riesen Nummer hochgejazzt, Konstantin, der Gründer der modernen Kirche, strahlte dadurch noch Heller. Die Mechanismen der subjektiven Geschichtsschreibung (gibt es eine objektive?) sind bekannt und gelten für die Geschichte in der Thora, der Entstehung des Koran und auch die ganze Pilatus-Geschichte ist schräg, von der Saulus/Paulus Geschichte ganz zu schweigen. Den Anfangsfaden kann man überall befestigen, ab dann klingt alles irgendwie schlüssig. Mein Lieblingstopos: Gruppensex in 68er WG`s hat zu einem Kulturbruch und zum demographischen Knick geführt. Klar.

    Es ist also viel interessanter zu schauen, was Luther mit den Evangelen heute macht- wenn er Julius Streicher inspiriert hat, haben wir mit Käßmann ja richtig Glück gehabt. Wenn beide sich auf Luther berufen, geht es schon lange nicht um DEN Luther, sondern eher um eine Inspiration und wenn die Evangelen Inspiration brauchen, warum nicht Luther. Die Katholen haben ja auch den heiligen Nickolaus, im Grunde ja auch eine zwielichtige, dogmatische, intolerante Person (laut Überlieferung hat er auf dem Konzil von Nicäa den Arianern ordentlich und wörtlich die Fresse poliert). Aber wenn es Geschenke gibt – Jesus, warum nicht. Warum will man die Mongolen über die Wirkung ihrer Reiterhorden belehren? Zuerst ist der Bedarf an einem Mythos da, dann kommt die Geschichte. An selbstvergewissernden Festtagen tun wir dann so, als ob es umgekehrt wäre, obwohl wir „gerade als Aufgeklärte“ es doch besser wissen.

    Eine conditio sine qua non – die war Luther nicht. Weder für die Protestanten, für die Moderne noch die Aufklärung. Im Gegenteil, das sind alles Bedingungen, ohne die es Luther nicht gegeben hätte. Aber warum an Mythen rütteln, wenn sie funktionieren: Eine Frau war Kopf der großen evangelischen Glaubensgemeinschaft. Bach machte tolle Musik. Wenn die Luther dafür danken wollen…nur aufgeklärt, das ist es bestimmt nicht. Nur muss es das unbedingt?

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    Nun,kamy, welches Bundesland wäre moderner? OK, Berlin, aber das gilt nicht. Berlin war schon immer untypisch.

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    @Alan Posener: Das ist grundsätzlich richtig. Allerdings hege ich die Vermutung, dass man in der Musik von Bach charakteristische Elemente des Protestantismus wiederfindet. Damit meine ich insb. Gefühle der Angst, des Ausgeliefertseins, auch des Alleinseins. Das kuschelige Bett des Katholizismus fehlt. Nehmen Sie nur die Titel einiger Kantaten: Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen; Ich hatte viel Bekümmernis; Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe; Ach wie flüchtig, ach wie nichtig; Aus tiefer Not schrei ich zu dir; Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen; Es reißet euch ein schrecklich Ende; Ihr werdet weinen und heulen; Wir müssen durch viel Trübsal (aber auch umgekehrt: Ich bin vergnügt mit meinem Glücke oder Unser Mund sei voll Lachens u.v.m.)

    Mir kommt das protestantisch vor. Sehr ernst, wuchtig, geradezu dämonisch manchmal.

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    @AP
    sagen Sie jetzt bloß nicht „April-April“, aber das mit dem „Das katholische Bayern ist heute das modernste Land Deutschlands.“ müssten Sie jetzt schon genauer erklären.

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    Lieber Roland Ziegler, das sind schöne Anekdoten. Aber meine Frage zielte auf etwas Anderes: Die H-Moll-Messe ist eine MESSE, also katholisch. Das heißt, Bach hätte genausogut vom Katholizismus imspiriert werden können.

    Lieber Stevanovic, Sie haben Recht. Meine Thesen gegen Luther sind ja auch eine explizite Gegenposition zu den Luther-Feierlichkeiten.

    Man kann den Mann ohnehin nicht wegdenken. Aber: War die protestantische Revolution notwendig, damit die Moderne entstehe? Ich sehe da keine Zwangsläufigkeit. Das katholische Bayern ist heute das modernste Land Deutschlands. Das katholische Ruhrgebiet war Zentrum der Schwerindustrie. Das spezifisch moderne Geistesleben entwickelt sich im katholischen, vorrevolutionären Frankreich und in Großbritannien nach der Restauration des Königtums und der gemäßigt reformierten Staatskirche – nicht zurzeit des calvinistischen Diktators Cromwell. Und natürlich beim europäischen Judentum, dem diese innerschristlichen Streitereien grundsätzlich schnuppe war.

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    Kurzer Gedanke:
    Fast alle negativen Punkte bei Luther kommen so und noch viel schlimmer in den Ost-Kirchen vor. Antisemitismus, Staatskirche, Angst. Alles ohne Reformation und mit (behaupteter) Traditionslinie bis Konstantin.
    Damit möchte ich nichts zu Luther sagen, nur: Kein Luther als Person ist auch keine Lösung.

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    @Alan Posener: Die meine ich auch, ja. Oder die hier:

    http://www.bach.de/werk/kantaten.html

    Eine ordentliche Anzahl. Aber hören Sie sich unbedingt mal Folgendes an:

    https://www.youtube.com/watch?v=sGkwTdhcOz0

    Die 15 Minuten Zeit sind nicht zuviel, wenn es darum geht, das größte menschliche Werk aller Zeiten (GröWaZ) zu konsumieren. Diese Meinung vertritt der Interpret Isaac Stern von der Chaconne von Bach; er hält sie nicht etwa für das größte Kunstwerk aller Zeiten, was eigentlich schon genügen würde, sondern für das größte Menschenwerk schlechthin (wenn ich mich recht erinnere). Dieses allerbeste Menschenwerk hat er einmal inkognito in der NewYorker U-Bahn gespielt, die Passanten fanden es aber besser, die U-Bahn zu erreichen.

    Vor einem Konzert wandte er sich an die hinter ihm sitzenden Zuschauer: „Entschuldigen Sie, wie ich von hinten aussehe.“ Und, sich umdrehend und auf seinen Bauch blickend: „Entschuldigen Sie, wie ich von vorn aussehe.“

    Als er am Abend nach dem Attentat auf Kennedy eine Konzertverpflichtung erfüllen musste, sagte er dem Publikum: „Musiker beten manchmal, indem sie eine bestimmte Musik spielen.“ Dann spielte er von Tränen überströmt die Chaconne von Bach.

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    Lieber Roland Ziegler, als Bach-Fan muss ich nachfragen wg. Inspiration: Meinen Sie zum Beispiel die H-Moll-Messe?

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    Lieber Moritz Berger, Sie verwechseln Luther mit Calvin. Und selbst dort darf man an Webers These Zweifel anmelden. Der Kapitalismus wurde im katholischen Norditalien erfunden, daher Worte wie Bank, Konto, Kasse, Rendite, Disagio, Diskonto, oder – aus der Lombardie – der Lombardsatz.
    Weber hob auf die „innere Askese“ und die Zeitökonomie des calvinistischen Unternehmers ab. Aber durch Sparsamkeit ist noch niemand Kapitalist geworden.

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    Wenn es nach der katholischen Kirche gegangen wäre, wären wir alle Schafe geblieben. Denn was bedeutet es für die Freiheit des Menschen, wenn man ihm sein Gewissen erklärt? Luther hat das moralische Gesetzbuch der Zeit – die Bibel – auf deutsch übersetzt, damit alle sie lesen und verstehen können. Er hat die Institutionen und Hierarchien der Kirche abschaffen wollen, damit der Mensch seinem Gewissen folgen kann.
    Das führt dazu, dass einige Menschen nach der Lektüre der Bibel von der Last ihres Gewissens niedergedrückt werden. Das ist zwar nicht so schön, aber man kann nicht alles haben; dieses Risiko ist der Preis, den man für ein erwachsenes Gewissen zahlen muss.
    Der Ablasshandel ist einfach Humbug, egal ob er glücklich oder unglücklich macht. Jeder mit einem bisschen Verstand wusste das auch in der damaligen Zeit, d.h. Luther hat hier keine Untat, sondern eine auf der Hand liegende Aufklärungsarbeit geleistet. Die Angst IST Lebensbegleiter des Menschen; das ist einfach eine existentielle Tatsache jenseits jeder „Ökonomie der Gnade“, aus der man sich nicht herausmogeln kann Wir kommen an der Angst nicht vorbei, aber es gibt Hilfe.
    Und schließlich: Das beste Argument FÜR Luther liefert Johann Sebastian Bach. Wer zu solcher gleichermaßen von Angst und Freude durchfluteten Musik anregen konnte, hat irgendetwas richtig gemacht.

  46. avatar

    Man könnte fst meinen, der Welt wäre viel erspart worden, wenn es der heiligen Mutter Kirche gelungen wäre, den Ketzer Luther den reinigenden Flammen des Scheiterhaufens zu überantworten.

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