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Hannes Heer und Adolf Eichmann

Hannes Heer ist ein verdienstvoller Publizist. Was er zu Adolf Eichmann zu sagen hat, ist weniger verdienstvoll.

Um es vorwegzunehmen: Hannes Heer und ich waren einmal in demselben Verein, der maoistischen KPD/AO. Aber das war sicherlich von ihm aus, der schon im SDS prominent gewesen war und acht Jahre Ă€lter als ich, nur ein Gastspiel. Ich hatte nie etwas mit ihm zu tun (oder vielleicht sollte ich sagen: er nie mit mir), und ich meine nur aus der unzuverlĂ€ssigen Erinnerung, dass er die Organisation in Unfrieden verließ, um es so auszudrĂŒcken, weil er die scharfe Abgrenzung zu den „Revisionisten“ der DKP fĂŒr falsch hielt und die „Einheit der Linken“ wollte. Ich erwĂ€hne das nur, falls jemand meint, wenn ich jetzt kritisiere, ginge es um alte RivalitĂ€ten oder AnimositĂ€ten. Dem ist nicht so.

Hannes Heer hat mit der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ ungeachtet der handwerklichen Fehler, die letztlich eine Überarbeitung der Ausstellung unumgĂ€nglich machten, sehr viel zum VerstĂ€ndnis des Nationalsozialistischen Regimes und zur Kritik der Selbstrechtfertigungslegenden der bundesrepublikanischen Elite beigetragen. Kein Wunder, dass er zur Hassfigur der Rechten wurde.

„Der Skandal als vorlauter Bote“

Nun – um zum Punkt zu kommen – hat der 78-JĂ€hrige eine zehnteilige Vortragsreihe mit Film entwickelt: „Der Skandal als vorlauter Bote: Die großen deutschen Geschichtsdebatten“. Die Reihe lĂ€uft zurzeit in der Berliner Urania, und ich nehme an, dass Heer sie nicht nur in Berlin vortragen will. NatĂŒrlich steht Heer selbst in zwei dieser VortrĂ€ge im Mittelpunkt: Wenn es um den „Aufstand gegen die Nazigeneration (1965 – 1968)“ (Teil 4) geht, wird sein Film „Mein 68“ gezeigt; und in Teil 6 geht es um die Wehrmachtsausstellung.

Es fĂ€llt auf, dass es in Heers Geschichte der Geschichtsdebatten mit Ausnahme der letzten, wo es um Thilo Sarrazin – also gar nicht um die Geschichte – geht, nur um das Dritte Reich geht. Das liegt zum Teil daran, dass es so ist und war: eine wirkliche Debatte um die „zweite deutsche Diktatur“ hat bis heute nicht stattgefunden, und die „Fritz-Fischer-Debatte“  um den Ersten Weltkrieg blieb – wie die gegenwĂ€rtige Debatte um den deutschen Kolonialismus – eher auf interessierte Historiker-Kreise beschrĂ€nkt. Und zum Teil daran, dass Heer noch immer den „Aufstand gegen die Nazigeneration“ probt, auch wenn sie schon tot ist. Will sagen: dass dieser Aufstand in seinen Augen nicht erfolgreich war, dass Ernst Nolte, die Kritiker der Wehrmachtsausstellung, Martin Walser und GĂŒnter Grass die Deutschen von Schuld entlastet hĂ€tten, so dass Sarrazin mit seinen kruden Eugenik-Thesen den Startschuss zur Renationalisierung deutscher Politik geben konnte – das treibt ihn um, und zu Recht. Freilich ist das nur eine Seite der Geschichte.

Die andere ist das Versagen der Linken. Ich will das hier nicht nĂ€her ausfĂŒhren, aber Götz Aly etwa steht mit seinem „irritierten Blick zurĂŒck“ auf „unseren Kampf“ (2008) stellvertretend fĂŒr viele – ich zĂ€hle mich selbst dazu -, die der Heldenlegende vom antifaschistischen Aufstand doch eine erhebliche Skepsis entgegenbringen.

Womit wir bei Adolf Eichmann wÀren.

Zweifellos stieß der Jerusalemer Prozess gegen den „Organisator der Endlösung“ vom April bis Dezember 1961 auf ein großes Interesse in Deutschland. Doch löste er, anders als Heer in seinem Vortrag suggeriert, keine unmittelbare Geschichtsdebatte aus. 1958 war es bereits (eigentlich: erst) zum Ulmer Einsatzgruppenprozess gekommen, in dem zumindest immanent klar geworden war, dass der Holocaust keine saubere industrielle Angelegenheit war, die sich irgendwo im Osten abspielte, sondern mit Massenerschießungen im besetzten Baltikum begann, an denen Tausende deutsche Soldaten direkt oder indirekt beteiligt gewesen waren. Als Eichmann in Jerusalem vor Gericht saß, war ĂŒberdies der große Auschwitz-Prozess in Vorbereitung, dessen literarische Verarbeitung durch Peter Weiss (das Oratorium „Die Ermittlung“, 1965) von nachhaltiger Bedeutung fĂŒr das deutsche Holocaust-VerstĂ€ndnis war. Überdies wurde 1961 der Eichmann-Prozess durch den Mauerbau in Berlin in den Hintergrund gedrĂ€ngt. Die Deutschen hatten schlichtweg andere Sorgen als die der VergangenheitsbewĂ€ltigung, nĂ€mlich die Angst vor dem Kommunismus und vor einem Atomkrieg, der die Menschheit auslöschen könnte: Beides berechtigte Ängste.

Heer nun behauptet, die nötige Debatte um die Schuld der deutschen Funktionseliten sei deshalb unterblieben, weil die israelischen AnklĂ€ger es unterließen, den damaligen Kanzleramtsminister Hans Globke als Zeugen im Eichmann-Prozess zu laden. Der katholische Jurist Globke hatte im Dritten Reich die Kodifizierung und Kommentierung der NS-Rassengesetze verantwortet, die als Grundlage der Selektion, Ausschaltung, Enteignung, Verfolgung und schließlich Ermordung der Juden dienten.

Zweifellos gab es Sorgen in der Bundesrepublik und den USA, dass Eichmann, um sich selbst zu entlasten oder in der Hoffnung, sein Leben zu retten, ehemalige Nazi-FunktionĂ€re belasten wĂŒrde, die inzwischen in diversen  Funktionen fĂŒr die Bundesrepublik und den Westen tĂ€tig waren. Globke, gegen den die DDR einen Schauprozess in Abwesenheit vorbereitete, war nur die Spitze des Eisbergs. Doch hat Eichmann tatsĂ€chlich – seine Ganovenehre blieb intakt – nur Tote belastet. Eine ziemliche Leistung, die Hannah Arendt, die in ihm einen banalen BĂŒrokraten sah, wie so manches Andere nicht durchschaute. Zu ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“ kommen wir gleich.

Israel verhindert die GegenwartsbewÀltigung

Hannes Heer behauptet in seinem Vortrag, es habe einen Deal zwischen Israels Premier David Ben-Gurion und dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer gegeben: Israel bekam Wiedergutmachung und deutsche MilitĂ€rhilfe, dafĂŒr verzichteten die AnklĂ€ger auf die Vorladung Globkes als Zeugen und die damit verbundene Bloßstellung des wichtigen Geldgebers. „Globke in Jerusalem, die Verbindung des SchreibtischtĂ€ters mit dem Planer und Umsetzer – das hĂ€tte die Geschichtsschreibung in die Luft gejagt!“ so Heer. 

Abgesehen davon, dass die Vorstellung, ein israelisches Gericht hĂ€tte sich durch deutsches Geld kaufen lassen, eine bekannte antisemitische Trope bedient: Was hĂ€tte Globke zur Sache sagen sollen? Er stand ja nicht vor Gericht, sondern Eichmann. Vermutlich hĂ€tte Globke gesagt, dass er Eichmann nicht kannte, oder nicht gewusst hat, was er genau machte, wie er ja immer eine Kenntnis des Ausmaßes und der Einzelheiten des Judenmordes leugnete. Und Eichmann hĂ€tte ihn gedeckt, wie er alle lebenden „Kameraden“ deckte.

Überdies war es nicht die Aufgabe des israelischen Gerichts, möglichst viele Deutsche als Komplizen, Auftraggeber, Mitschuldige usw. usf. zu benennen, sondern möglichst viele Opfer und Zeugen zu Wort kommen lassen. Das Ausmaß des Grauens zu dokumentieren und die Rolle Eichmanns im System des Massenmords zu klĂ€ren.

Es wĂ€re Aufgabe eines westdeutschen Gerichts gewesen, Globke anzuklagen, und der Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der schon aus Verzweiflung ĂŒber das Hintertreiben seiner Ermittlungen in Sachen Eichmann schließlich dem Mossad den Tipp gab, wo Eichmann zu finden war, hat auch einen solchen Prozess angestrebt. Das Ermittlungsverfahren gegen Globke wurde im Mai 1961 nach einer Intervention Adenauers wegen Beweismangels eingestellt. Der Schauprozess in Ost-Berlin litt auch unter Beweismangel. Das fĂŒr den Prozess zustĂ€ndige PolitbĂŒromitglied Albert Norden hielt 1961 in einer Aktennotiz fest, dass „in Zusammenarbeit mit Mielke (Chef der Stasi, A.P.)  bestimmte Materialien besorgt bzw. hergestellt werden sollten. Wir brauchen unbedingt ein Dokument, das in irgend einer Form die direkte Zusammenarbeit Eichmanns mit Globke beweist.“ Ob mit oder ohne Fake-Dokumente: Globke wurde in Ost-Berlin in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der angebliche Deal mit Israel ist also fĂŒr die Frage, warum keine von Hitlers furchtbaren Juristen ja zur Verantwortung gezogen wurden, völlig unerheblich. Hannes Heer tut so, als sei er entscheidend gewesen. Dass Israel an allem schuld sein soll, wissen wir, aber warum Heer zu diesem Mythos beitrĂ€gt, ist mir ein RĂ€tsel.

Arendt in Jerusalem

Eine Geschichtsdebatte im eigentlichen Sinn gab es – aus den erwĂ€hnten GrĂŒnden – 1961 nicht. Erst 1962, mit der Veröffentlichung der deutschen Übersetzung von Hannah Arendts Buch ĂŒber den Eichmann-Prozess, kam er in Gang. Und er war verhĂ€ngnisvoll.

Zu Arendts Theorie von der „BanalitĂ€t des Bösen“ habe ich verschiedentlich geschrieben, so etwa hier:

https://www.welt.de/kultur/history/article11974228/Adolf-Eichmann-Warum-das-Boese-nicht-banal-ist.html

Der entscheidende Absatz lautet: „Klar ist hingegen, dass die MĂ€r von der ‚BanalitĂ€t des Bösen‘ im Land der TĂ€ter dankbar aufgegriffen wurde. Wie viel angenehmer war es, ĂŒber das Verschwinden von Verantwortung und Moral im technokratischen Verwaltungsstaat und die Gefahr kĂŒnftiger Untaten (etwa der USA) zu rĂ€sonnieren als ĂŒber die eigene AnfĂ€lligkeit fĂŒr einen Rassenwahn zu reden, der das Böse zum Guten erklĂ€rte.“

Der letzte, etwas enigmatischer Satz bezieht sich auf die Kontroverse zwischen Hannah Arendt und Hans-Magnus Enzensberger ĂŒber die „BanalitĂ€t des Bösen“. Enzensberger bezog sich in seinem 1963 erschienenen Buch „Politik und Verbrechen“ unmittelbar darauf, indem er dem Buch den Untertitel „Reflexionen vor einem Glaskasten“ gab. (Eichmann saß wĂ€hrend seines Prozesses in einem schusssicheren Glaskasten.)

FĂŒr Enzensberger war der Massenmord der Nazis nur die – vorlĂ€ufig – letzte Konsequenz aus der Tatsache, dass Politik und Verbrechen innig zusammenhĂ€ngen, dass der Mord in der Grundstruktur aller politischen Herrschaft verankert sei. Solange aber dieser Zusammenhang nicht offenbart wĂŒrde, fĂŒhre jede Auseinandersetzung mit dem Holocaust (der damals nicht so genannt wurde) ins Leere. Schlimmer noch: wenn die Bundesrepublik, wie sie ist damals tat, nach einem „Finger am atomaren Abzug“ strebe, habe sie schlichtweg die Lehren aus Auschwitz nicht gezogen: „Dieses GerĂ€t (die Atombombe, A.P.) aber ist die Gegenwart und die Zukunft von Auschwitz. Wie will den Genozid von gestern verurteilen oder gar ‚bewĂ€ltigen‘, wer den Genozid von morgen plant und ihn sorgfĂ€ltig, mit allen wissenschaftlichen und industriellen Mitteln, die uns zu Gebote stehen, vorbereitet?“

In einem Brief an die Redaktion des „Merkur“, die sie eingeladen hatte, Enzensbergers Buch zu rezensieren, kritisierte sie Enzensbergers marxistische Gesinnung, die generell zur Parallelisierung und Generalisierung von politischen VorgĂ€ngen neige. Dadurch verkenne er die SingularitĂ€t des Massenmordes in den Konzentrationslagern und flĂŒchte sich „in eine hoch kultivierte Form des Eskapismus“. Durch seine Behauptung, Auschwitz habe lediglich die Wurzel aller bisherigen Politik offengelegt habe, verlagere er die Verantwortung fĂŒr den Massenmord, von den Deutschen auf alle Menschen. Jedoch: „Wenn ein Deutscher das schreibt, ist es bedenklich.“

In der Tat ist es bedenklich, dass 20 Jahre nach dieser Kontroverse – im „Historikerstreit“ der Jahre 1985 – 1988, dem Heer einen seiner VortrĂ€ge ja auch widmet – die These von der Nicht-SingularitĂ€t von Auschwitz wieder auftauchte; sie war, was oft passiert, in der Zwischenzeit sozusagen von links nach rechts gewandert und tauchte nun in Gestalt von Ernst Nolte auf; was fĂŒr Enzensberger die Atombombe war, das war fĂŒr Nolte der Gulag.

USA – SA – SS!

TatsĂ€chlich war die Relativierung des Holocaust – nicht zuletzt durch die Banalisierung der Thesen Enzensbergers, die einen kaum zu ĂŒberschĂ€tzenden Einfluss auf die sich entwickelnde „Außerparlamentarische Opposition“ hatte – geradezu eine Konstante der Linken in den folgenden Jahren. ZunĂ€chst zwar griff die belastete Generation meiner Lehrer dankbar nach der Entlastung, die sie bei Arendt – vermittelt durch Enzensberger – zu finden meinten, nĂ€mlich dass anonymisierte und arbeitsteilige BĂŒrokratien in Verbindung mit enormem technischen Zerstörungspotenzial das eigentlich Böse darstellten – ich erinnere mich an schulische Diskussionsrunden, bei denen „Coventry, Dresden, Auschwitz und Hiroshima“ in einem Atemzug genannt wurden. Doch bald griff die Linke Enzensbergers Hinweis auf den bloßen Besitz der Atombombe auf, verband damit das ehrliche Entsetzen ĂŒber den Bombenkrieg der USA in Vietnam, verdrĂ€ngte oder leugnete die Schrecken des Kommunismus und gelangte zum Schlachtruf: „USA – SA – SS!“ Womit der von Arendt postulierte „Eskapismus“ sozusagen zur materiellen Gewalt geworden war, weil er die Massen ergriffen hatte.

TatsĂ€chlich gab es 1965ff vielleicht einen „Aufstand gegen die Nazigeneration“, aber nicht zuletzt  dank der verschrobenen Arendt-Rezeption keinen Aufstand gegen die Nazi-Ideologie; so konnten der Antiamerikanismus und der Antisemitismus (in Gestalt des Antizionismus), der Nationalismus (in Gestalt des Widerstands gegen die NATO und die europĂ€ische Einigung), der  Antikapitalismus und der Antidemokratismus in der Linken nicht nur salonfĂ€hig, sondern bestimmend werden.

Dass Heer diese paradoxe Folge des Eichmann-Prozesses und seiner Rezeption in Deutschland nicht thematisiert, ist natĂŒrlich kein Zufall. Das alles passt nicht in die schöne Geschichte des Kampfs zwischen Gut und Böse, die er mit seiner Vortragsreihe entwirft, wobei die Linke das Gute und die Rechte das Böse darstellen. Auch dieses manichĂ€ische Bild ist nun nach rechts gewandert ĂŒbrigens, zum Schaden der Demokratie, die vom offenen, selbstkritischen Diskurs lebt, nicht von der Rechthaberei.

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44 Gedanken zu “Hannes Heer und Adolf Eichmann;”

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    Das „Böse“ ist sehr gut dargestellt in „Der Pate III“. Da ist ein Mensch, der davon los will und nicht los kommt. Aber das ist ein Mensch, der von einem sehr differenzierten Schauspieler entsprechend differenziert dargestellt wird. So erscheint Eichmann nicht. Vielleicht kam sie (Arendt) deswegen auf die BanalitĂ€t. Er erscheint stumpf wie so viele TĂ€ter damals in den Lagern, in der SS, ĂŒberall. Stumpf gehorsam. Ein von Grund auf gehorsames Volk trifft auf einen grausamen Diktator und seine Schergen, die von Anfang an literarischen Widerstand ausschalten. So ein Volk gibt letztlich RĂ€tsel auf. Ich schiebe das immer auf den Homo Faber in diesem Volk.
    In „Der Pate“ ist das Böse nicht derartig. Alles ist Affekt und Vendetta.
    Das Böse damals wirkt eiskalt. Hollywood kann es an sich nicht darstellen. Selbst fĂŒr Szell in „Marathon Man“ empfindet man am Ende fast noch MItleid, weil Szell etwas liebt: Seine Diamanten, und darĂŒber fĂ€llt er. Ich glaube nicht, dass die Eiskalten Jemanden oder etwas liebten. Wer liebt, kann nicht einfach Menschen nach „Rasse“ oder Brauchbarkeit sortieren. Irgendwann liefe im jemand ĂŒber den Weg, den er sympathisch findet. Das ist gut dargestellt in „Jakobowski und der Oberst“. Deswegen sage ich, Hollywood kann diese EiseskĂ€lte nicht darstellen.
    Hollywood glaubt, die kann so nicht sein. Irgendwo bricht ein Sonnenstrahl durch dieses Eis, so etwas wie Jakobowski, der den Oberst rĂŒhrt. Und griechisches Denken im Sinne von Schicksal ist auch dabei in der Filmindustrie drĂŒben, große Oper auch.
    Wenn man es ganz genau nimmt, wird man sich jenes System niemals wirklich erklĂ€ren können. Außer vielleicht als kollektiven Wahnsinn. Und wenn ich das genau nehme, ist das Wahnsinnige daran, dass man sich als ehrlicher Mensch die Frage nicht beantworten kann, ob man mitgemacht hĂ€tte oder nicht, ob man Eichmann oder Scholl wĂ€re oder einfach nur Nobody. Und das ist absolut fern von banal.

    @ Hans: Was wir heute vorzufinden scheinen, ist eine ErmĂ€chtigung des Einzelnen, ob das nun Halle oder in Bln der Weihnachtsmarkt ist. Das ist nicht die Schuld der Regierung, egal wie kritisch man sie auch sieht. Faschismus kam von oben. Die Amris oder Breiviks oder wie sie alle heißen erschĂŒttern jeden. Da kann man niemanden fĂŒr verantwortlich machen. Und: Wir dĂŒrfen letztlich alle unsere Meinung kund tun. Wir haben keine Gestapo und keine Stasi. Entschuldigen Sie sich einfach.

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    Interessant: „Röhl sieht Ratzinger, wie er in der jesuitischen Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ schrieb, als tragische Gestalt. Er habe die Kirche, die er aufrichtig liebe, vor Angriffen von außen bewahren wollen und gerade dadurch bewirkt, dass sich das tödliche Gift des Missbrauchs im Innern ausbreiten konnte. Als ihm das Ausmaß seines Versagens bewusst wurde, habe Benedikt durch den Jahrtausendschritt des RĂŒcktritts die Konsequenz gezogen.“
    „Weil er die Wahrheit der Kirche ĂŒber das MitgefĂŒhl mit den Opfern stellte, wurde Joseph Ratzinger Teil von jener Kraft, die zwar das Gute will, doch stets das Böse schafft.“
    https://www.welt.de/kultur/kino/article202819848/Verteidiger-des-Glaubens-Der-tragische-Papst-Filmstart-und-Trailer.html

    Diese Gestalt dagegen erscheint mir nicht tragisch, sondern vielmehr opportunistisch und vor allem wahrhaft mephistophelisch, was bei der vorigen diskutabel ist:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Franziskus_(Papst)#Der_Fall_Jalics_und_Yorio

    Wenigstens an Allerheiligen hÀtte man mal den glÀubigen Papst aus Bayern verschonen können.

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        Wird jetzt sicher mehr gelesen, steht ziemlich weit unten in Welt Kultur. Nichts zu danken. Zum Thema (sehr interessant):
        Mit SchreibtischtĂ€ter und BanalitĂ€t kann sich niemand wirklich rausreden. Selbst wenn Einzelne nichts vom Holocaust gewusst haben mögen, zumindest in den ersten Kriegsjahren, so wussten doch viele vom Vernichtungsprogramm fĂŒr Behinderte, psychisch Kranke und anderweitig Unbrauchbare. Auch von Folter und oft Tod von Oppositionellen und Homosexuellen dĂŒrfte eine erkleckliche Anzahl von Menschen gewusst haben. Wie sonst ließe sich erklĂ€ren, dass so wenig aufbegehrt wurde, sich das grausame System sechs Jahre etablieren und weitere sechs Kriegsjahre halten konnte, selbst nach Stalingrad? Alle hatten Angst vor dem Bösen und haben geschwiegen oder mitgemacht bis auf ein paar Ausnahmen. Das ist jenseits von banal. Das ist feige, opportunistisch und duckmĂ€userisch. Eins muss man einrĂ€umen: Es war fast unmöglich, etwas dagegen zu unternehmen. Jeder wusste um die Strafe: Todesstrafe. Daher finde ich auch, dass Arendt mit dem Ausdruck daneben lag.
        PS 1: Es wurden viel zu wenig Leute vor Gericht gebracht.
        P:S. 2: Ich sage nicht, dass Ihr StĂŒck in der Welt uninteressant ist, das nicht.
        Schönes WE!

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        Es war durchaus möglich, etwas gegen den Holocaust zu unternehmen. Ich erinnere nur an die Aktion der Frauen in der Rosenstraße Anfang 1945. So weit ich weiß wurde dafĂŒr niemand bestraft. Auch gegen die Vernichtung „unwerten Lebens“ wurde protestiert, ich erinnere an Clemens August Graf von Galen; auch er ĂŒberlebte das Regime. Bekannt ist auch, dass sich einige Soldaten und Polizisten geweigert haben, an Judenerschießungen teilzunehmen. Ihnen passierte nichts. Kurzum, die Vorstellung, die Leute hĂ€tten Angst, ist nur bedingt erklĂ€rungsmĂ€chtig.

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    Lieber Herr Posener,

    ich hatte ĂŒberlegt, Blondi noch einen Abschiedsgruß hinterherzuschicken, es aber dann doch gelassen. GrundsĂ€tzlich hatte ich nichts dagegen, dass er hier mitgeschrieben hat, da er ja ein Mitglied unserer Gesellschaft ist und, soweit er niemanden beleidigt, irgendwie ja auch zum Diskurs beigetragen hat. Ich kenne zwar immer mehr Menschen, bei denen ich vermute, dass sie so Ă€hnlich ticken wie derblondehans, aber meistens drĂŒcken sie sich noch verbrĂ€mter aus. Ich verstehe aber auch, dass Sie irgendwann keine Lust mehr hatten. Und wenn ich lese, was Taspa schreibt, wĂŒrde ich auch verstehen, wenn Sie solch blonde ErgĂŒsse gar nicht erst freischalten.

    Beste GrĂŒĂŸe

    68er

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      Ja, es fiel mir nicht leicht. Irgendwie hatte ich Blondi ganz lieb gewonnen. Aber es gibt einen Punkt, wo die Auseinandersetzung unfruchtbar ist und zu viele Energien bindet. Und wo man sich ĂŒberlegen muss, ob man wirklich bestimmten Ideologien eine Plattform bieten will. Ich werde jetzt auch Taspa in den MĂŒll werfen. Ich wollte nur zeigen, womit wir es tagtĂ€glich zu tun haben.

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        Vielen Dank fĂŒr die Arbeit, Zeit und MĂŒhe, die Sie in diesen Blog investieren. Sowohl in die Artikel, aber besonders in den Kommentarteil.

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        Auch von meiner Seite einmal ein herzliches Dankeschön an Sie fĂŒr die ganze MĂŒhe, die Sie sich mit diesem Diskussionsforum machen. – Und das in Ihrer Freizeit.
        Und an dieser Stelle auch gleichzeitig eine Anregung fĂŒr eine weitere Diskussion: Kurz bevor der Rechtsterrorist in Halle zwei Menschen ermordete und bei seinem geplanten Massenmord nur knapp scheiterte, beherrschte ein anderer Begriff den öffentliche Diskurs, den Sie in Ihrem ZwiegesprĂ€ch mit dem blondenhans ebenfalls benutzten und Ihre Interpretation nannten: der Begriff des Unrechtsstaats. In der von Manuela Schwesig und Bodo Ramelow losgetretenen Auseinandersetzung darum, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei oder nicht, habe ich viele Meinungen fĂŒr und wider gehört und keines wirklich ĂŒberzeugend gefunden – mangels eines scharfen Kriteriums, in welchen Punkten sich ein Unrechtsregime von einer „normalen“ (d.h. gemeinhin als solche bezeichneten) WillkĂŒrherrschaft unterscheidet und welche davon auf die DDR zutrafen. Es wĂ€re interessant zu erfahren, wie die Diskutanten in diesem Forum den Begriff des Unrechtsstaats definieren.

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        Gut. Ich greife die Anregung auf. Bitte nicht hier irgendwo unten im Thread damit anfangen. DafĂŒr ist das Thema zu wichtig.

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      Dass ein Unterschied zwischen dem, was ‚Taspa‘ absondert und was hans bzw. ‚dbh‘ schreibt, letztlich – fragt -, ist schon klar – oder? Ich meine, wenn nicht.. was soll ich dann hier?

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        Ja, es ist ein großer Unterschied. Ich habe gegenĂŒber Herrn Faust die Grenze aufgezeigt, jenseits derer fĂŒr mich eine sinnvolle Diskussion nicht möglich ist. NĂ€mlich die Einsicht, dass die Bundesrepublik weder eine Neuauflage des Dritten Reichs noch der DDR ist. Das wĂŒrden Sie, KJN, bei aller Kritik, nicht bezweifeln. Um es klar zu machen: Ich wĂŒrde auf Dauer den Missbrauch dieser Plattform durch einen radikalen Linken, wie ich vor 45 Jahren einer war, auch nicht dulden. Alles ist aber ansonsten hier möglich: Anzweifeln, dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt, die Auflösung der EU fordern, schĂ€rfere oder laxere Einreisebestimmungen, die Wahl der Linken oder der AfD usw. usf. Aber der Ausgangspunkt muss die grundsĂ€tzliche Bereitschaft sein, die Meinung des Anderen zu respektieren. Wenn jemand, wie Herr Faust, jeden Verteidiger der bundesrepublikanischen VerhĂ€ltnisse als Verteidiger einer Diktatur diffamiert, und ĂŒberdies jeden Linken als potenziellen Verbrecher, dann lĂ€sst er diesen Respekt vermissen. Übrigens steht es ihm frei, hier zu posten. Ich lese nach wie vor alle BeitrĂ€ge, niemand wird automatisch gelöscht, dafĂŒr gibt es kein Werkzeug. Aber wenn ich das GefĂŒhl habe, es geht wieder in die Richtung, die ich skizziert habe, dann lösche ich. Es ist auch eine Frage meiner eigenen Arbeitsökonomie und mentalen Gesundheit.

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        Das kann ich schon verstehen, was Sie mir schreiben. Ich fand einige Einlassungen – ich hatte Kontroversen hier mit ihm z.B. ĂŒber die kath. Kirche und Frau Claudia Roth hier – aber es waren eben auch EINlassungen – beachtenswert. Aber stimmt schon, er muss sich entscheiden, ob er stĂ€nkern, oder argumentieren will. Immer die gleiche Leier stiehlt ja uns allen Zeit. Dem Dank von Stevanovic möchte ich mich anschließen.

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      Hallo Herr Posener,
      ich hĂ€tte auch mal eine Anregung fĂŒr Sie und ihren Blog. Sie könnten ja mal einen Nichtlinken Gastautoren zu Wort kommen lassen, z.B. ihren Freund Alexander Gauland.
      Damit es nicht zu langweilig wird, hier herinnen.

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        Ich habe nicht das GefĂŒhl, dass es Alexander Gauland an Möglichkeiten der Selbstdarstellung fehlt. Wenn Sie sich hier langweilen: bleiben Sie weg.

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    @Alan Posener
    Bitte, bitte sowas nicht veröffentlichen! Dass es feige OrgantrĂ€ger wie „Taspa“ gibt, die unter Pseudonym im Zwischennetz sudeln, ist auch ohne dieses Exempel hinlĂ€nglich bekannt.

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    Sehr geehrter Herr Posener,

    haette ich niemals persoenlich in einem Prozess gegen einen Nazimassenmoerder in den 70er Jahren als Zuschauer gesessen, wuerde ich die „Banalitaet des Boesen“ so deuten wie Hannah Arendt oder andere es aehnlich taten. Der Taeter, den ich damals im Gerichtssaal gesehen und erlebt habe, hatte Kinder an den Fuessen aufgehaengt, mit einer Spitzhacke den Schaedel eingeschlagen und ausbluten lassen. Dieser Unmensch (das Wort ist zugegeben arg untertrieben) sah aus wie ein beliebiger Rentner, der liebevoll Enten im Park fuettert, der hatte eine Frau, die um ihn weinte, und der hatte sogar eine Tochter gezeugt, die sich um ihren Vater sorgte, d.h. dieser Unmensch war exakt so wie Millionen normaler Menschen auch. Das fuerchterlich Erschreckende war also nicht die Banalitaet des Boesen, sondern die Gleichheit der Lebenswirklichkeit mit uns allen. Nach dieser Verhandlung war ich shell-shocked, und das hat bis heute angehalten.

    Die Relativierung durch Heer, Enzensberger und alle anderen, die diese Taten rhetorisch nutzten und nutzen, um vergleichend zu relativieren (vielleicht sogar ohne es zu wollen) ist eine teuflische Unsitte, das Politische ueber alles zu setzen. Die Taten sind eine Singularitaet, sie funktionieren wie ein moralisches Schwarzes Loch, aber wie das Universum hat auch die Lebenswirklichkeit viele Schwarze Loecher und damit viele Singularitaeten, die alle aehnlich funktionieren, die aber nicht gleich sind.

    Die Schutzbehauptung der Deutschen, dass diese Nazimoerder nur Freaks waren, mag zum Ueberleben nach dem Krieg gereicht haben, es mag auch geholfen haben, die eigene Schuld klein zu reden, es hat vielleicht sogar dazu beigetragen, dass der eine oder andere durch ein „normales Leben“ (obwohl ich mir persoenlich das nach solchen Taten gar nicht vorstellen kann) resozialisiert wurde. Eine Relativierung, eine Verharmlosung oder gar eine Vermenschlichung des Unmenschlichen verbietet sich jedoch in strikter Haerte.

    Schreiben Sie bitte weiter dagegen an.

    James Taylor

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    Hannes Heer suchte von Beginn an die VERSÖHNUNG mit den TĂ€tern:
    „Wir, Eure Söhne und Töchter, eure Enkel werden euch – anders als 1968 – nicht selbstgerecht verurteilen und moralisch verdammen. Wir werden den Schmerz mit Euch teilen, im Wissen, dass keiner von uns sagen kann, er hĂ€tte in eurer Situation anders, anstĂ€ndiger gehandelt.“ (Hannes Heer in: Neue Deutsche Literatur 5/99)


    siehe dazu das BLOG
    http://dubistdeutschland.blogs.....golem-bar/
    zum Thema:
    HANNES HEER UND DIE KRIEGSENKEL IN DER GOLEM-BAR
    +
    http://dubistdeutschland.blogs.....konkret-3/
    HANNES HEER – MIT BUNDESWEHR, KIRCHE UND KONKRET

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      Sehr interessant, danke. Nun bin ich auch gegen das „selbstgerechte Verurteilen und moralische Verdammen“, aber das mĂŒsste erst recht fĂŒr David Ben Gurion gelten.

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    Wenn Sie das sagen wollten, dann schreien Sie es doch einfach. Wer hÀlt Sie davon ab?

    TatsÀchlich haben Sie aber folgendes geschrieben:

    „Abgesehen davon, dass die Vorstellung, ein israelisches Gericht hĂ€tte sich durch deutsches Geld kaufen lassen, eine bekannte antisemitische Trope bedient: Was hĂ€tte Globke zur Sache sagen sollen?“

    Dass Ihr Engagement bei diesem Thema gross ist, habe ich nie wirklich kritisiert. Öfter habe ich vermisst, dass hier aktuelle wichtige Themen zu wenig bis gar nicht diskutiert wurden, aber eher als Anregung, denn als Kritik. Was mich nervt, und das macht mich manchmal dezidierter in meinen Formulierungen (Sie wĂŒrden das wohl „aggro“ nennen), sind Ihre doppelten Standards.

    Wenn einem so leicht die Vergleiche mit Terroristen und McCarthy in die Tasten fliesst, wirkt es auf mich doch befremdlich, wenn Sie den Pippi-Langstrumpf-Vergleich schon als aggressive Beleidigung empfinden. Auch ich habe hier bei den Diskussionen viel gelernt. Mit vertauschten Rollen hÀtten Sie wahrscheinlich argumentiert:

    „Den Vergleich mit meiner Kindheitsheldin Pippi als Beleidigung zu empfinden, sagt mehr ĂŒber Sie als ĂŒber mich und ist letztlich eine Beleidigung Ephraimstochter Langstrumpf.

    Ich wollte Sie keineswegs beleidigen.“

    Das wĂŒrde ich Ihnen aber auch nicht abnehmen. Denn ich wollte Sie nicht mit Pippi-Langstrumpf vergleichen, sondern nur Ihre teilweise anzutreffende Beliebigkeit in der Argumentation benennen.

    Ich hĂ€tte auch Adenauers „GeschwĂ€tz von gestern“ wĂ€hlen können, Nahles „Song“ kam mir aber zuerst in den Sinn. Und ich finde im Vergleich zu Terroristen und McCarthy habe ich mich mit meiner Wattebauschretour als ewiggestriger appeasement Pazifist wohl eher lĂ€cherlich gemacht.

    Aber lassen wir es dabei, ich will Sie nicht mehr „in Verlegenheit bringen“ das wĂ€re ja unangenehm.

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      Nicht immer ist die erste Formulierung die beste, lieber 68er. Nachher ist man zuweilen klĂŒger. Was aber Pippi Langstrumpf mit meiner angeblichen Beliebigkeit zu tun hat, erschließt sich mir nicht und scheint eher fĂŒr Pippi als fĂŒr mich eine Beleidigung zu sein, aber lassen wir das. Es stimmt ja, dass ich nicht immer konsequent argumentiere. Das wirft mir Richard Herzinger auch immer wieder vor. In der Regel antworte ich aber auf sachlich vorgetragene Kritik sachlich. Jedenfalls nehme ich mir das immer wieder vor.

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    tja – der Spruch „Kapitalismus fĂŒhrt zum Faschismus“ verhinderte einen genauen Blick. Auch Enzensberger vernebelte mit der zu allgemein gehaltenen These vom strukturellen Zusammenhang von „Verbrechen und Politik“. Aber zu widersprechen ist dem oberflĂ€chlichen Gerede von „der Linken“. 1968 (als Chiffre) hat vielfĂ€ltige Strömungen gestĂ€rkt und generiert. Es gibt keine „Linke“. Entweder verklĂ€ren einige Nostalgiker die Verbrechen des Leninismus (von Stein und Mao ganz zu schweigen) oder sie kennen sich nicht aus in den vielfĂ€ltigen sozialdemokratischen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Heute – in einer neuen Zeit – macht es ĂŒberhaupt keinen Sinn mehr, von „rinks“ und „lechzt“ zu reden. Wir haben neue Probleme. Der Sozialstaat ist in Nordeuropa unangefochten. Aber leider nur dort! Wer diese Errungenschaft verteidigt, denkt nicht in „links“ oder „rechts“, sondern will verhindern, dass SolidaritĂ€t als Prinzip verschwindet. Die MĂŒnkler’s haben das gerade sehr schön gezeigt. Auch Heinz Bude. Das sind sozial denkende Liberale!

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      Nach meinem Eindruck ist es zurzeit weniger ein Problem, dass Kapitalismus als Bedingung des Faschismus angesehen wird, sondern dass soziale Liberale als Sozialisten und AnhĂ€nger venezolanischer VerhĂ€ltnisse denunziert werden, und zwar von libertĂ€ren Extremisten. Die Radikalisierung der „Freiheitlichen“ macht den Liberalismus als politische Strömung kaputt und eröffnet dadurch eben tatsĂ€chlichen Vertretern der Theorie, das Kapitalismus zum Faschismus fĂŒhrt, ein Spielfeld, dass diese seit zwei Jahrzehnten nicht hatten. Insofern möchte ich der These von der Unangefochtenheit des Sozialstaates doch wiedersprechen. Rechtspopulismus, so unbrauchbar der Begriff im Detail ist, ist eine Melange aus Freiheitlichen und Nationalen. Das kann man gerade bei der AfD, die immerhin einiges an Gewicht auf die Waage bringt, sehr gut studieren. Das VerstĂ€rkt die These von der VerbrĂŒderung von Kapitalismus und Faschismus erheblich, scheint es eben genau die BestĂ€tigung dieser These zu sein. Dass die Freiheitlichen von Think Tanks, gesponsert von „Kapitalisten“, tatkrĂ€ftig gepusht werden, tut ihr ĂŒbriges. Die Gefahr fĂŒr den Liberalismus kommt nicht aus der linken oder rechten Mottenkiste, sondern von der Delegitimierung durch die „Freiheitlichen.“

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        Ich wĂŒrde hier anmerken, dass der Liberalismus als politische Strömung weniger durch die „Freiheitlichen“ als durch die Wirklichkeit kaputt gemacht wird. Jedenfalls wenn man unter Liberalismus versteht, dass das Staat sich ĂŒberall heraushalten sollte. Das fĂŒhrt zu sozialer ÜberflĂŒssigkeit, unbezahlbaren Wohnungen und Verarmung und das wiederum dazu, dass die Menschen den Liberalismus abwĂ€hlen.
        Die These, dass Kapitalismus zu Faschismus fĂŒhrt, ist zunĂ€chst unplausibel, da der Kapitalismus ja zu Globalisierung fĂŒhrt, d.h. zum direkten Gegenteil des (nationalen) Faschismus, Man mĂŒsste hier die Schattenseiten der Globalisierung anfĂŒhren: weniger dass der Einzelne verarmt – das tut er ja in den meisten FĂ€llen gar nicht – sondern dass er in der Gesellschaft keinen Sinn mehr findet, außer dem, irgendwie eine produktive Funktion zu erfĂŒllen (was aber Maschinen oder Leute in BilliglohnlĂ€ndern oft viel besser erfĂŒllen können). Im Osten kommt noch die Erfahrung der „Wende“ hinzu, die verbudnen ist mit der Erfahrung kolletiver SelbstermĂ€chtigung. Dieses GefĂŒhl muss fĂŒr viele einzigartig gewesen sein – die Herren zu verjagen – , man möchte es wieder (und wieder und wieder) erzeugen.

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        @68er: ‚Dem ist nichts hinzuzufĂŒgen.‘

        
 das ist richtig, 68er, denn wenn Sie Stevanovic seinen Text in das BlaBlaMeter – wie viel Bullshit steckt im Text? – einfĂŒgen, beschreibt das ‚BBM‘ einen Bullshit-Index : 0.47 
 ‚Ihr Text riecht schon deutlich nach heißer Luft – Sie wollen hier wohl offensichtlich etwas verkaufen oder jemanden tief beeindrucken. FĂŒr wissenschaftliche Arbeiten wĂ€re dies aber noch ein akzeptabler Wert (leider) 
 ‚

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        Lieber Blonderhans, wollen wir hier wirklich auf dem Niveau miteinander umgehen?

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 Mist, lieber Alan Posener, mein Hamster hat mich schon zusammengefaltet. Wie konnte ich?

        Ich begrĂŒnde, Stevanovic schreibt 
 ‚Das kann man gerade bei der AfD, die immerhin einiges an Gewicht auf die Waage bringt, sehr gut studieren. Das VerstĂ€rkt die These von der VerbrĂŒderung von Kapitalismus und Faschismus erheblich, scheint es eben genau die BestĂ€tigung dieser These zu sein.‘ 
 das ist schlichtweg Quark.

        Den Faschismus haben ‚wir‘ – mit der EU in Deutschland – schon lĂ€ngst. Hier auf SM auch schon mehrfach begrĂŒndet.

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        Nein, Blonderhans, wir haben in der Bundesrepublik weder den Faschismus noch eine Neuauflage der DDR-Diktatur, und wer das behauptet, relativiert und verharmlost die politische UnterdrĂŒckung in diesen beiden Systemen, ob mit Absicht oder ohne. Ich will ungern eine Zensur ausĂŒben; aber ich finde, wer derart faktenreistent wie Sie die Demokratie verunglimpft, mĂŒsste sich nicht beschweren, wenn ein Blog, das sich dem demokratischen Diskurs und – wie ich es sehe – der Verbesserung der Demokratie widmet, Sie ausschließt. Sie haben die Wahl.

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 werter APo, zunĂ€chst; meine Meinung ist meine Meinung ist meine Meinung. Ich habe keine Wahl, es liegt ausschließlich an Ihnen, wenn Sie meine Meinung hier im Blog nicht haben wollen.

        Sie selber loben die ‚Hinterzimmerpolitik‘ Deutschlands und der EU; dass damit, entgegen dem GG, die Staatsgewalt eben nicht vom Volke ausgeht, haben ‚wir‘ hier schon geschrieben. Auch VerfassungsbrĂŒche und Rechtsverletzungen des ‚BRD‘-Establishment habe ich mehrfach nachgewiesen.

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        Das Volk ĂŒbt auch bei uns die Staatsgewalt nicht unmittelbar aus. Lesen Sie mal das GG richtig. Erstens. Zweitens gibt es einen Unterschied zwischen einem Rechtsstaat, in dem es selbstverstĂ€ndlich zu RechtsbrĂŒchen kommt, die dann aufgedeckt und geahndet werden, und einem Unrechtsstaat, in dem das Unrecht nicht einmal benannt werden darf. Das ist keine Frage von „Meinungen“. Wenn Sie diesen Unterschied nicht machen wollen, will ich Sie hier nicht weiter haben, weil ich Demagogie keine Plattform bieten will. Also klare Antwort bitte: sind Sie bereit, auf die Diffamierung der Demokratie der Bundesrepublik als „Faschismus“ zu verzichten?

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        APo: ‚Also klare Antwort bitte: sind Sie bereit, auf die Diffamierung der Demokratie der Bundesrepublik als “Faschismus” zu verzichten?‘

        
 genau Alan Posener, das Strafgesetzbuch der Deutschen Demokratischen Republik, § 220. Öffentliche HerabwĂŒrdigung. (1) Wer in der Öffentlichkeit die staatliche Ordnung oder staatliche Organe, Einrichtungen oder gesellschaftliche Organisationen oder deren TĂ€tigkeit oder Maßnahmen herabwĂŒrdigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Verurteilung auf BewĂ€hrung, Haftstrafe, Geldstrafe oder mit öffentlichem Tadel bestraft.‘

        NEIN, ich bin nicht bereit meine Meinung zu Àndern. Mir schlottern, beim Erklingen der Deutschen Nationalhymne, auch nicht meine Knie. Ich bin frei.

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        Ja, Blonderhans, das sind Sie. Und ich auch. Ab jetzt sind Sie hier gesperrt. Genießen Sie den Rest Ihres Lebens.

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        @Stevanovic
        Etwas plakativ und provokant, zugegeben:
        Kann es sein, dass das, was Sie richtigerweise analysieren, nur die Begleitmusik ist zu etwas wesentlicherem? Der von den angestellten Politikern organisierten Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben?
        https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/usa-hoechstes-haushaltsdefizit-seit-sieben-jahren-a-1293467.html
        Da passt es gut, wenn, wie bei den Nazis von der AfD und ihren publizistischen Claqueuren „der Islam“, „der Bevölkerungsaustausch“, „die KlimalĂŒge“, „Greta“, eine Frau Roth, eine ominöse Frau Chebli, etc. das Problem ist. Im „bĂŒrgerlichen“ Segment ist es „Russland“, „Trump“ (je nach Interessenlage), „Johnson“ (nur fĂŒr „Europa“). Hauptsache, niemand stellt seriös die Verteilungsfrage.
        Solange sich niemand „standortgefĂ€hrdend“ auffĂŒhrt wie ein Höcke (der Stil, der Stil!), ist es,sagen wir, einer Familie Quandt herzlich egal, wer den Laden organisiert.

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        @ Truthe

        Das könnte man meinen. Die USA fahren ein unglaubliches Defizit, die Konservativen in UK wollen angeblich sogar KrankenhĂ€user und Europa vielleicht FlugzeugtrĂ€ger bauen. Der Glaube, es sei kein Geld fĂŒr Probleme da, hat sich doch als großer Trugschluss herausgestellt.

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    „Auch dieses manichĂ€ische Bild ist nun nach rechts gewandert ĂŒbrigens …“ Sie sind ein ernsthafterer Mensch als ich und werden es – so vermute ich – nicht verstehen, dass mich diese völlig korrekte Beobachtung als selbsternannten Beobachter von Menschheitsgeschichte ziemlich amĂŒsiert.

    Die sogenannte amerikanische „Tea-Party“ – aus meiner beschrĂ€nkten Sicht der wichtigste VorlĂ€ufer rechtspopulistischer und rechtsradikaler europĂ€ischer Bewegungen – hat diese Verschiebung schon vor vielen Jahren hinbekommen, Trump ist eine der langfristigen Folgen.

    Und mich amĂŒsiert daran, dass auch hochintelligenten Menschen die Gabe abgeht, strukturell und prinzipiell zu denken und zu argumentieren, sobald sie sich zum Gefangenen einer Ideologie gemacht haben. Was den deutschen Linken irgendwann zwischen meiner Geburt 1961 und meinem Erwachsenwerden passiert sein muss?

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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    „Das Ermittlungsverfahren gegen Globke wurde im Mai 1961 nach einer Intervention Adenauers wegen Beweismangels eingestellt.“

    Abgesehen davon, dass das natĂŒrlich keine antideutsche Trope ist, haben Sie natĂŒrlich wie immer recht.

    Herzlichen GlĂŒckwunsch!

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      Lieber 68er, ich weiß, dass Sie mein Insistieren auf die Fortdauer des Antisemitismus nervt, zumal ich Ihrer Meinung nach andere Formen des Rassismus wie Antiziganismus vernachlĂ€ssige. Als ich im Zusammenhang mit Heers Darstellung des Eichmann-Prozesses von einer antisemitischen Trope sprach, da meinte ich nicht die Behauptung an sich, Israel habe sozusagen gegen Zahlung auf eine Vorladung von Globke verzichtet; ich meinte die Wertung, dieser Verzicht habe die AufklĂ€rung ĂŒber die Rolle westdeutscher Funktionseliten wĂ€hrend des Dritten Reichs be- oder gar verhindert. Also die Schuldverschiebung. Im ĂŒbrigen habe ich jetzt noch einmal die Darstellung des Eichmann-Prozesses in Tom Segevs kritischer Ben Gurion-Biographie gelesen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Segev einen solchen Hinweis nicht aufgegriffen hĂ€tte, wenn er etwas Belastbares gefunden hĂ€tte, aber ich fand bei ihm nichts. Oder fast nichts. Adenauer wollte die vereinbarten Zahlungen, mit denen unter anderem die Atomforschungsanlage in Dimona finanziert wurde, bis nach dem Eichmann-Prozess aussetzen. Ben Gurion informierte ihn, dass die Gelder bereits ausgegeben wĂŒrden und bestand auf Zahlung. Mag sein, dass Adenauer mit der Aussetzung die Israelis unter Druck setzen wollte. Aber deutscher „Druck“ ist etwas anderes als ein deutsch-israelischer „Deal“, finden Sie nicht?

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    Kluge Analyse Alan. Sie erklĂ€rt fĂŒr mich Vieles von dem, was ich als junger Mann in Achtzigern seitens der linken Friedens- und Umweltbewegung erleben mußte. Antikapitalismus und Antifaschismus schienen fĂŒr viele ein- und dasselbe zu sein. Das machte es schwer, mit solchen Leuten zu diskutieren, da stĂ€ndig Kapitalismus als „notwendige“ Grundlage fĂŒr den Nazi-Faschismus angesehen wurde, dementsprechend NATO und USA also nicht fĂŒr die Freiheit, sondern fĂŒr ein, wie auch immer geartetes, nebulöses „protofaschistisches“ System stehen wĂŒrden, welches in seiner Gier nach Geld und Macht lieber den Atom-Holocaust auslösen wĂŒrde, als unterzugehen. So wurde mir gegenĂŒber damals tatsĂ€chlich argumentiert. Man faßt es nicht. Und du hast völlig Recht, wir leiden heute noch daran.

    1. avatar

      Heruntergebrochen auf eine rhythmisch zu rufende Demo-Losung lautete das: „Kapi- talismus fĂŒhrt zum Faschis- mus – Kapi- talismus – MUSS WEG!“

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