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Zur Aktualität von Martin Walsers Paulskirchenrede

Martin Walsers Paulskirchenrede von 1998 wurde vor nunmehr beinahe zwanzig Jahren wegen ihrer Kritik an der so genannten Gedenkkultur berüchtigt. Als Walser „vor Kühnheit zitternd“ behauptete, die Deutschen seien ein „ganz normales Volk“ geworden und seine Abscheu gegen die „Dauerrepräsentation unserer Schande“ bekundete, als er bekannte, er habe sich angewöhnt, bei Bildern aus den KZ „wegzuschauen“, da sprang die versammelte Elite der Bundesrepublik – mit einer Ausnahme, nämlich Ignatz Bubis – von den Sitzen auf und applaudierte. Womit sie ungewollt jenem „wirklich bedeutenden Denker“ Recht gab, der im Zentrum der Walser’schen Kritik stand, weil er von einer „moralisch-politischen Verwahrlosung“ des Landes gesprochen hatte.


Was in der anschließenden Debatte um die Paulskirchenrede und erst recht danach unterging, war der Anlass, der Jürgen Habermas – er war jener „bedeutende Denker, der Walsers Unmut erregte – zu jener Bemerkung veranlasst hatte. Dieser Anlass ist wieder aktuell. 1992 nämlich hatte Habermas anlässlich brennender Asylantenheime und grölender Ausländerhasser in Rostock, Hoyerswerda und anderswo geschrieben: „Erst die Reaktionen auf den rechten Terror – die aus der politischen Mitte der Bevölkerung und die von oben: aus der Regierung, dem Staatsapparat und der Führung der Parteien – machen das ganze Ausmaß der moralisch-politischen Verwahrlosung sichtbar.“

Walsers rhetorische Finten
Der Schriftsteller verfälschte in seiner Rede übrigens die Aussage des Philosophen: Die „Gewissensgröße“ Habermas habe, so Walser, „Regierung, Staatsapparat, Parteienführung und die braven Leute am Nebentisch“ als moralisch-politisch verwahrlost bezeichnet. Das war offenkundig nicht der Fall. Habermas hatte Leute aus der Regierung, den Parteien und der Mitte der Gesellschaft, nicht aber die Regierung, die Parteien, die gesellschaftliche Mitte insgesamt, der Verwahrlosung bezichtigt. Das aber kann man als zulässigen polemischen Trick durchgehen lassen. Schließlich hatte auch Habermas behauptet, dass in Rostock „die sympathisierende Bevölkerung vor brennenden Asylantenheimen Würstchenbuden aufstellt“; auch das ein rhetorischer Trick, denn Würstchenbudenbetreiber stellten allenfalls einen kleinen Teil der mit den Brandstiftern sympathisierenden Menschen dar.
Walser jedoch verdrehte auch hier Habermas die Worte im Mund, indem er den Satz so paraphrasierte: „Die Bevölkerung sympathisiert mit denen, die Asylantenheime anzünden, und stellt deshalb Würstchenbuden auf“. Habermas hatte jedoch nicht behauptet, die Bevölkerung insgesamt sympathisiere mit den Brandstiftern; nur, dass jener Teil der Bevölkerung, der die Brandstiftung gern sah, beim Zusehen auch gern Würstchen aß.

Wir sind das Volk. Habermas nicht
Aus der verdrehten Aussage folgerte Walser: „Die, die mit solchen Sätzen auftreten, wollen uns wehtun, weil sie finden, wir haben das verdient. … Alle … Alle Deutschen…. So etwas kann man nur von Deutschen sagen.“ Womit er sich als Teil jenes verunglimpften Volks erklärte, Habermas und Co. jedoch aus diesem Kollektiv ausschloss. Man hört förmlich den Satz im Raum hängen: „Wir sind das Volk!“ Ihr nicht, ihr Gewissensgrößen und Denker der Frankfurter Schule! Und bis hierher war bei Walser von Auschwitz noch gar nicht die Rede.
Die Assoziation freilich mag sich daraus ergeben haben daraus, dass Walser sich in dieser Rede als Zwangsarbeiter imaginierte, der „von Meinungssoldaten mit vorgehaltener Moralpistole in den Meinungsdienst genötigt“ werde. Eine Verbindung, die in manchen Köpfen nahelag, da 1998 um eine Entschädigung der überlebenden Zwangsarbeiter sehr offen verhandelt und gerungen wurde; eine Entschädigung, die nicht wenige Deutsche ablehnten. Doch was war die „Moralpistole“? Nun, das war im Falle der Zwangsarbeiterentschädigung ganz offen, obwohl die Mehrheit der Zwangsarbeiter wie der Entschädigten nicht Juden waren: Auschwitz. Und auch im Falle des „Meinungsdienstes“ zugunsten der Flüchtlinge, war die „Moralpistole“ – so behauptete es Walser – Auschwitz. Im Zusammenhang mit jenem angeblich mit Auschwitz erzwungenen Meinungsdienst zugunsten der Flüchtlinge kam der Schriftsteller auf jene Abscheu zu sprechen, die ihn bei Gedenkritualen aller Art erfasse.

Wie Flüchtlingshass und Entsorgung der Vergangenheit zusammenhängen
Man kann sich darum streiten, worum es Walser bei dieser stark assoziativen Rede wirklich ging: Um das Recht, vom Holocaust verschont zu werden, oder um das Recht, sich nicht zu brennenden Asylantenheimen zu äußern. Vermutlich um beides. Und der intellektuelle Gewinn, den man aus der Lektüre dieser Rede noch heute ziehen kann, besteht in der Erkenntnis: Noch heute gehören diese Themen eng zusammen. Wer sich nicht schämt, sich zu Xenophobie und Islamhass zu bekennen, will sich auch nicht für den Holocaust schämen; und umgekehrt. Wer nach dem schrecklichen 20. Jahrhundert immer noch der Meinung ist, das „Abendland“ müsse sich gegen einen neuen Barbarenansturm wehren, der will eben mit dem Schrecklichen, das im Namen des Abendlandes begangen wurde, nicht mehr behelligt werden. Man soll sich nicht von der oft plakativ vorgetragenen Israelbegeisterung und dem Philosemitismus der Neuen Rechten nicht täuschen lassen; allenfalls aus Opportunismus lassen sie den Antisemitismus noch im Schrank. Dass Martin Hohmann, der selbstverständlich kein Antisemit ist und niemals behauptet hat, die Juden seien ein Tätervolk, nun „wegen der absurden Asylpolitik der CDU“ für die AfD kandidieren will, zeigt deutlich genug, woher der Wind weht. Das Wort von der „moralisch-politischen Verwahrlosung“ gilt noch immer – bezogen auf das Treiben des Mobs und jene, die den Mob ideologisch rechtfertigen.

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13 thoughts on “Zur Aktualität von Martin Walsers Paulskirchenrede

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    … ooops? Korrektur.

    @APo ./. S.M.

    Deutschland hat keine Elite, auch keine Bildungselite. Gegebenenfalls eine eingebildete Elite.

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    “Das Wort von der „moralisch-politischen Verwahrlosung“ gilt noch immer – bezogen auf das Treiben des Mobs und jene, die den Mob ideologisch rechtfertigen.”

    Das stimmt, der allgegenwärtige linke Mob ist genauso verwahrlost, wie die regierenden Blockpolitiker, die dessen Untaten rechtfertigen und sogar finanzieren.

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      Linker wie rechter Mob nehmen sich nicht viel, Gert Weller, und die Probe auf die demokratische Gesinnung eines jeden Bürgers ist die Bereitschaft, das auch zuzugeben und entsprechend zu handeln.

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    Die Vergangenheit wird “entsorgt” aus einem anderen Grund. Die Anzahl der Zeitgenossen, die mit der Verantwortung für den Holocaust nichts anfangen können, oder ihn gar für “richtig” halten, wird insbeosndere unter der jungen Generation zunehmen. Junge Menschen reagieren eher auf die aktuellen Konflikte und Bedrohungen.Vor allem identifizieren sie sich nicht mit der deutschen Geschichte, die der Bildungselite vorbehalten bleibt. Sie stirbt langsam

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      Das stimmt natürlich, liebe Sonja Margolina, trifft aber kaum die Situation in der Paulskirche, wo das Durchschnittsalter der versammelten Elite kaum die 60 unterschritten haben dürfte. Großes Thema aber, das ich von Ihnen gern demnächst hier auf “SM” lesen würde!

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    Herzlichen Dank Herr Posener, für diesen klugen und geschichtsbewussten Beitrag.Wo sind nur all die in den Medien und Eliten geblieben , die damals geklatscht haben?Bescheiden darf ich sagen, dass ich mich damals
    mit Ignatz Bubis identifiziert habe und Walser noch nie besonders leiden konnte.Eva Quistorp

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    Sehr wahr werden hier die Irrungen und Wirrungen unserer Zeit mit den 90er Jahren in eine Beziehung gesetzt.

    Der Schlußstrich, die behauptete Hemmung durch eine historische Last, derer man sich entledigen möchte, all das findet sich in den 90er Jahren, dem Einheitsjahrzehnt zwar nicht zuallererst aber erstmals dominant im öffentlichen Sprechen. Die kordhosentragenden Bedenkenträger gerieten ins Hintertreffen, galten mittenal als böselinke Gutmenschen. Walsers Rede war hier in der Tat ein erster Höhepunkt, weitere sollten folgen. Das unnötige Überbetonen der deutschen Opferrolle im zweiten Weltkrieg zum Beispiel, bei den Themen Flucht, Vertreibung und Bombenkrieg, der doch durch die deutsche und japanische Kriegsführung erst eskaliert wurde (Guernica, Songjiang, Coventry, the Blitz). So schreibe ich hin…

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    Sehr interessant. Vielen Dank. Die Aufsätze (und Reden) von Jan P. Reemtsma zu Walsers Rede und der kurze Zeit später folgenden Diskussion in den Räumen der FAZ sind sehr, sehr lesenswert. Ich wüsste gerne Ihre Meinung zu diesen Texten und der FAZ-Diskussion (eilt nicht).

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      Lieber Francis Keller, ich habe natürlich damals den Sammelband gelesen, dessen Herausgabe eine frühe Großtat von Frank Schirrmacher war. Aber um diesem Text zu schreiben bin ich bewusst zurück an den Urtext gegangen, ohne mich um die damalige Rezeption zu kümmern. Wäre ein ganz anderes Thema.

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    APo: Wer sich nicht schämt, sich zu Xenophobie und Islamhass zu bekennen, will sich auch nicht für den Holocaust schämen; und umgekehrt.’

    Scham und Verantwortung können nicht getrennt werden.

    Ich schäme mich nicht für das, zu was Menschen fähig gewesen sind; und nicht dafür, zu was Menschen fähig sind und Menschen zu tun fähig sein werden. Wie soll das funktionieren? Nur die Verfehlung – des Einzelnen – kann diese Frage beantworten.

    Es macht mich betroffen, zu was Menschen fähig sind. Immer wieder. Es macht mich auch betroffen, wie instrumentalisiert wird. Das macht mich wachsam.

    … ansonsten volle Zustimmung. Xenophobie, wer wen feindlich gesonnen ist und wer wen hasst, hatten wir hier schon.

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