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Vom Stolz der Revolution und der Niedertracht des Mobs

Wenn Geschichte in die Brüche geht… Nach einem Besuch an Russlands Grenze komme ich verwirrt zurück. Eigentlich ist der Menschheitstraum ja, dass man unter sich keine Sklaven sehen möchte und über sich keine Herrn. An der Peripherie des ehemaligen Weltreichs revoltiert es. Es sortiert sich neu, wer Herr sein darf und wer Sklave. Die Straße macht mobil. Und die Weltpresse folgt dem mit dem Appell, sich auf eine der beiden Seite zu schlagen. Das mache ich gern. Ich bin für die Gerechten.

Von einer Reise ins Livländische zurückkehrend, beschäftige mich noch immer zwei Impressionen. Livland nannte der Deutsche Orden das heutige Baltikum, in dem hanseatische Kauflaute und preußisch gesinnte Professoren über Jahrhunderte das Sagen hatten. Besonders geschmerzt hat die Letten und die Esten die Annektierung durch Russland und eine sowjetische Vorherrschaft, die sie fast ein halbes Jahrhundert aushalten mussten.

Auch heute noch sind in Lettland wie in Estland ein gutes Viertel, fast ein Drittel der Bevölkerung über alles gerechnet Russen. Allerdings gibt es Landesteile, in denen die russische Bevölkerung die Mehrheit bildet. Oh ha. Der lettische und der estnische Nationalstolz sucht Russisch als Verkehrssprache zurückzudrängen. Mir kommen im Alltagsgeschehen des Touristen zahlreiche Akte der offenen Diskriminierung von Russen unter.

Würde man daran erinnern, dass vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert das Deutsche und die Baltendeutschen hier das Sagen hatten, würde wahrscheinlich die erste Strophe jenes Liedes abgesungen, das als Ausweis deutscher Großmannssucht gilt. Deutsches Liedgut ist hier durch eine andere historische Zwischenzeit noch ganz gut verbreitet. Man kann seine Unbeliebtheit noch steigern, indem man nach dem historischen Einfluss des Schwedischen und des Finnischen fragt.

In Riga, der Hauptstadt Lettlands, gibt es unter den zahlreichen englischen Touristen, die hier eine „stag night“ verbringen, ein Ritual üblster Art. Man betrinkt sich hoffnungslos und schleicht dann an das stolze Denkmal der lettischen Freiheit, das zwei Wachsoldaten schützen sollen, um sich an dem Symbol der postsowjetischen Souveränität zu erleichtern. Wer erwischt wird, wandert in den Knast. Wer es schafft der Strafe für die Schändung zu entkommen, ist der Held unter den englischen Saufbolden.

In Reval, der Hauptstadt Estlands, findet sich zufällig anlässlich eines Spaziergangs hinter dem Museum für Landeskunde eine Müllhalde mit geschliffenen Denkmälern. Der Georgier Stalin liegt hier im Dreck mit dem Ukrainer Chrustchow und Väterchen Lenin neben ihnen auf der Nase. Eine Gruppe junger Esten schleudert zunächst die leeren Bierdosen auf den Gefallenen, dann erleichtert man sich in das bronzene Antlitz des Stählernen. Gute Stimmung. Der Hausmeister des Museums holt nicht die Polizei, sondern grinst, in aller Ruhe eine Marlboro rauchend.

Das eine ist ein Akt der Barbarei übler Hooligans, das andere eine allzu verständliche Reaktion junger Demokraten. Die estische Regierung hat im Prozess der Schleifens historischer Denkmäler ein Gesetz erlassen, dass die Verherrlichung von Machtsymbolen fremder Mächte verbietet. Genannt werden sowjetische, gemeint sind russische. In Revals Innenstand besuche ich ein Denkmal, das jetzt stolz dort steht, wo man 2007 eine russische Schmach entfernt hat.

Vielleicht ist Geschichte so, wenn sie in die Brüche geht. Der Marx-Büste vor der Kirche an Leipzigs Alma Mater ist es nicht besser ergangen. Und Hannover sehe ich an dem von Hitlers Arbeitswilligen ausgebuddelten Maschsee Denkmäler, aus denen man lediglich das Hakenkreuz herausgemeißelt hat, das Ding selbst wie den See aber gelassen. Die etischen Russen jüngerer Generation fliehen radebrechend ins Englische: safe heaven.

Und so lese ich mit wenig Verwunderung, dass in der Ukraine ein verhasster Fernsehdirektor vor laufenden Kameras von einem Abgeordneten einer Regierungspartei was auf die Fresse gekriegt hat und dann seine Demission unterschreiben durfte. Auch wenn es wehrkraftzersetzend ist, mir fehlt die Begeisterung für diese Macht der Straße. Robespierre hat die, die er köpfte, geachtet; so soll es ein.

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8 Gedanken zu “Vom Stolz der Revolution und der Niedertracht des Mobs;”

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    Pardon, habe in meinem o.a. Kommentar die Autoren verwechselt. Ich meine natürlich Klaus Kocks statt A.Posener.

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    Alan Posener schreibt: “Das eine ist ein Akt der Barbarei übler Hooligans, das andere eine allzu verständliche Reaktion junger Demokraten.”. Richtig: das eine ist ein Akt der Barbarei übler – hier britischer – Hooligans. Und vielleicht ist das andere in der Tat eine allzu verständliche Reaktion junger Demokraten. Aber woher weiß A.Posener, dass es sich hier um “junge Demokraten” und nicht um junge Rechtsradikale handelt. Die haben doch auch eine Geschichte im Baltikum (wie ihre Freunde in der Ukraine nicht zuletzt während des 2.Weltkriegs als Kollaborateure mit Nazi-Deutschland, wobei ihre Rechtsradikalität natürlich nicht in erster Linie durch die Kollaboration definiert wird, sondern durch ihre sozialen und politischen Vorstellungen, u.a. durch ihren exterminatorischen Antisemitismus, der der Nazi-Besatzung vorausging). Wie gesagt: ich kennt diese jungen Leute nicht persönlich, aber A.Posener gibt keinen Hinweis, der es erlauben würde, bei ihnen eine chauvinistische rechtradikale Gesinnung auszuschließen.

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    Lese gerade, dass Muzychko in der letzten Nacht von ukrainischen Polizisten erschossen wurde:

    http://www.welt.de/newsticker/news2/article126160480/Ukrainischer-Nationalist-von-Polizei-erschossen.html

    Also wohl eher ein “Inside Job” bzw. eine “Säuberungswelle”, denn der Interims-Verteidigungsminister, Igor Tenjuch, der der rechtsradikalen Regierungspartei SWOBODA angehört, ist gerade auch zurückgetreten:

    http://www.rp-online.de/politik/ausland/krim-krise-ukrainischer-verteidigungsminister-igor-tenjuch-zurueckgetreten-aid-1.4128659

    Vielleicht denkt der Vizeministerpräsident und SWOBODA-Chef Tyahnybok, dass er so vielleicht bessere Chancen hat, an der Macht zu bleiben.

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    Und hier gibt es noch ein Beispiel wie unsere “Freunde” einen Konterrevolutionär überzeugen, dass sich dieser “freiwillig” der richtigen Sache anschließt:

    http://youtu.be/Dpgz1FRTZlY?t=24s

    http://nevnov.ru/assets/images/politika/sashko.jpg

    http://www.liveleak.com/view?i=f69_1393342055

    Ich frage mich, ob Herr Horlemann und seine Genossen von der KPD/AO sich das damals ähnlich “freiwillig” vorgestellt haben, als sie von ihrer nationalkommunistischen Revolution träumten:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41784377.html

    Mich erinnert das allerdings eher an die braune Machtergreifung 1933.

    P.S.: Angeblich soll Alexander Muzychko in der Westukraine ermordet worden sein. Da fragt man sich natürlich, ob er von einer analogen menschlichen Drohne, die aus dem Kreml geschickt wurde, erschossen wurde oder ob es ein “Inside Job” des Westen war, da diese Fratze so gar nicht zur “demokratischen” Revolution passte und immer mehr “defätistische” Journalisten auch im Westen anfingen über sie zu berichten.

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    Wer hier Parallelen zum braunen Mob von 1933 erkennt, ist natürlich ein linker Spinner, ein Putin-Freund und Feind der westlichen Werte:

    http://youtu.be/S-zuK_gfQn8?t=4m16s

    Solche “handfesten” Leute wie Herrn Miroschnitschenko, der zum Glück Mitglied in einem parlamentarischen Ausschuss ist, der sich mit der Pressefreiheit beschäftigt, bringen endlich frischen Wind in die ukrainische Fernsehlandschaft.

    Erfreulicherweise ist das kein Einzelfall und so können wir sicher sein, dass unsere westlichen Werte in der Ukraine siegen werden.

    http://www.zeit.de/gesellschaft/2014-03/ukraine-fernsehchef-swoboda

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