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Die Welt als Talkshow: Und der Gewinner ist Raab

Früher lautete eine kühne These, die Welt sei (nichts als) Theater. Das war keine Beleidigung, weil es zu einer Zeit gesagt wurde, als auf dem Theater noch was los war. Königsdramen wurden aufgeführt, Staatsakte belebten die Bretter, die die Welt bedeuteten. Wir sahen die wirklichen Helden leben, lieben, hassen und bedeutungsvoll sterben. Sein oder nicht sein, das war die Frage. Theatrum mundi.

Heute unterhalten wir uns mit einem Besuch von Helge Schneider bei Kurt Krömer. Im günstigsten Fall erahnt das in Albernheiten ertränkte Publikum das Absurde. Man muss das Milieu des Berliner Stadtteils Neukölln kennen, um zu wissen, was Krömer darstellt. Und wer nicht mit Ruhrwasser getauft ist, wird dem Mülheimer Helge Schneider nichts abgewinnen. Von Haupt- und Staatsakten, die die große Tragödie zu behandeln hatte, ist hier nichts mehr. Kleine Welten.

 

Das Recht auf allgemeine, freie Wahlen bietet sich uns in der Bestückung des Bundestages an. Kandidaten treten an zum Kanzlerduell. Rechts die Konservative, links der Sozi. Na ja, links der geplusterte Rechthaber, rechts die ostdeutsche Pragmatikern. Weltsichten sollten aufeinanderprallen.

 

Es herrscht aber flexibler Normalismus. Staatskunst als Improvisation. Man unterhält sich. Was dabei Duell genannt wurde, ist wieder nur eine Talkshow. Die Moderatoren machen mit Stefan Raab nicht mal mehr den Anschein einer publizistischen Statur. Die Talkshow wird anschließend in Talkshows besprochen, in der die Talkmaster berichten, wie es denn so war. Unterhaltung mit Unterhaltungen.

 

Die Nachbetrachtung des TV-Duells wird von einer Frage dominiert: Was war das für eine Halskette, die die Konservative dort trug? In hoch professionellem Minimalismus zitierte sie die Amtskette, die das Alpha-Huhn im präsidialen Wahlkampf tragen darf. Und trägt.                     Mit den Farben Schwarz, Rot, Gold erinnert sie an die hoheitliche Gesichtsbemalung anlässlich von                   Fußballspielen. Und weil hier der emphatische Ruf „Deutschland“ aus           biergetränkten Kehlen nur noch in Ablauten hörbar ist, reden wir von der „Schlandkette“.

 

Ein pragmatisches Symbol, das Amtsgewalt und Nationalstolz wie Fan-Habitus vereint, hohe Inszenierungskunst. Mit leichter Hand, aber breiter Wirkung. Aus den Staatsakten, den großen Tragödien, sind Komödien geworden, nein, Possen. Gott, wie dekadent. Ich bin geneigt nachzulesen, was Theodor W. Adorno über die amerikanische Unterhaltungsindustrie sinniert hat. Was hindert mich? Die                     Erkenntnis, dass dies keine Dekadenz ist. Politik war schon immer so. Das Hintergründige verbirgt sich im Vordergründigen. Durch das Alte Rom, das erhabene, gellte der Ruf „panem et circensis“: Brot und Spiele.

 

Was also bleibt, ist die Schlandkette. Die Welt als Talkshow. Krömer ist überall Und Raab gewinnt das Kanzler- Duell.

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3 Gedanken zu “Die Welt als Talkshow: Und der Gewinner ist Raab;”

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    Ach Gott, lieber Herr Posener, die Invokation von “Strauß und Wehner” ist inzwischen etwas abgedroschen, meinen Sie nicht? Strauß meinetwegen, aber auf das primitive Niveau des Ex-Kommunisten verzichtet man gerne… Herr “Düffeldoffel” hätte sich bei Krömer wohlgefühlt…

    Amüsanter Artikel übrigens, Herr Kocks!

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    K.K. Mit den Farben Schwarz, Rot, Gold erinnert sie an die hoheitliche Gesichtsbemalung anlässlich von Fußballspielen. Und weil hier der emphatische Ruf „Deutschland“ aus biergetränkten Kehlen nur noch in Ablauten hörbar ist, reden wir von der „Schlandkette“.
    … werter Prof., offensichtlich lassen auch Sie sich von der Ex einlullen. Die ‚Kette‘ stellt nicht mal rückwärts die Deutschlandfarben – SCHWARZ _ROT _GOLD – dar.

    … was die Zuschauerquoten betrifft: … Wadde hadde dudde da … mehr nicht.

    Daher: 2 : 0 für die ‘Alternative für Deutschland’. … meine ich.

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    Nein, lieber KK, es war nicht immer so. Als Strauß und Wehner im Bundestag diskutierten, haben wir Schüler und Schülerinnen gebannt zugeschaut und -gehört. Noch Joschka Fischer und Guido Westerwelle konnten Funken aus dem Stein der Politik schlagen, als Westerwelle noch Oppositionspolitiker war. Die gegenwärtige Personlmisere der Politik ist etwas Dramatisches. Als müsste Shakespeare seine Hauptrollen mit Nebenfiguren besetzen. Polonius trägt nun einmal kein Drama, ebenso wenig wie Laertes. Wenn – wie bei dem “Duell” zwischen der Kanzlerin und ihrem früheren Finanzminister – vier “Moderatoren” hinzukommen, deren Hauptsorge die eigene Quote ist (oder im Fall von Raab die eigene Zukunft jenseits vom Unterschichtfernsehen), hat man die Ingredienzen eines perfekten Sturms im Wasserglas. Es ginge anders: Man müsste das Format Kanzlerduell abschaffen und eine Bundestagsgeneraldebatte zur Prime Time ansetzen.

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