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Was Europa tun muss

Oft liest man in Kommentaren zur Euro-Krise die resignierte Botschaft, die Euro-Zone beruhe auf einem Irrtum, der nicht zu korrigieren sei, es sei denn, man ginge zu den nationalen Währungen zurück. Als Problem werden  immer die unterschiedlichen Mentalitäten der Völker angeführt, die eine Wirtschaft im Gleichklang nicht ermöglichten, von einer Anpassung der Südländer an deutsche Leistungsbereitschaft ganz zu schweigen.

Den Griechen wird Schlendrian und eine Mentalität der Staatsausbeutung unterstellt, die Italiener seien insgeheime Anarchisten,  Schlawiner, die das Dolce Vita lieben, aber die Arbeit nicht erfunden hätten. Die Spanier halten noch im Globalisierungsfuror an ihrer heiligen Siesta fest, auch wenn Millionen Arbeitsstunden dabei verloren gehen. So oder ähnlich lauten die Zuschreibungen an den vermeintlich unveränderlichen Volkscharakter.

Ich habe immer schon den Verdacht gehegt, dass den Politikern in den jeweiligen Ländern  solche Vorurteile gar nicht unlieb sind, exkulpieren sie doch die Politik von den Sünden, die sie selbst zu verantworten haben. Wenn Griechenland bis heute kein funktionierendes Immobilienkataster hat und deshalb von den Reichen keine Grundsteuern erheben kann, kann man das ja wohl kaum dem Volkscharakter zuschreiben. Jeder afrikanische Staat, der sich aus der Stammesgesellschaft zur Staatlichkeit hochentwickelt, lernt solche Selbstverständlichkeiten, von sich aus oder unter Anleitung von Entwicklungsexperten. Wenn dies die griechischen Regierungen in den letzten Jahrzehnten  versäumt haben, kann man ruhig unterstellen, dass sie damit den reichen Grundbesitzern einen Gefallen getan haben, der sich in Wählerstimmen und Geldzuwendungen wieder ausgezahlt hat. Ein griechischer Sozialist lamentierte, man könne den Griechen kein Renteneintrittsalter von 65 zumuten, nachdem man ihnen gestattet habe, mit 45 oder 50 Jahren in Rente zu gehen. Wer hat denn „gestattet“? Doch wohl die Politiker, die sich das Wohlwollen des Volkes bei Wahlen  erkaufen wollten. Wahlgeschenke auf Griechisch.

In Italien sind über 200 Berufe noch nicht für den Markt geöffnet. Strenge Regeln, die an die Schranken  unserer Zünfte und Gilden im Mittelalter erinnern, regeln Berufszulassung, Bezahlung und die Weitergabe von Lizenzen. Kein Politiker, gleichgültig welcher Couleur, hat an dieser wachstumshemmenden Regelung je etwas geändert. Bis der Nicht-Politiker Monti unter dem Druck der internationalen Märkte und der EU-Kommission vorsichtig versuchte, die gröbsten Fesselungen aufzulösen. Auch hier liegt ein klares Versagen der politischen Parteien  vor, die ein ihnen nahestehendes Klientel-Wesen gestattet haben.

In Spanien setzten die vergangenen Regierungen einseitig auf die Förderung eines Baubooms für Ferienimmobilien, Hotels und Eigentumswohnungen. Die staatlichen Regeln für die Kreditvergabe wurden so gelockert, dass schon Menschen mittleren Einkommens ohne Eigenkapital eine Wohnung erwerben konnten. In Deutschland sind 20-30% Eigenkapital nötig, um einen Hauskredit zu bekommen. Da ein Bauboom nie so nachhaltig sein kann wie ein auf einer breiten industriellen Basis stattfindendes Wachstum, war das Platzen der Blase absehbar. Die hohe Arbeitslosigkeit in Spanien (bei Jugendlichen ca. 50 %)  ist das Ergebnis dieser politischen Fehlsteuerung.

Alle Südländer teilen noch eine weitere, sehr schädliche Eigenart. Kampfstarke und streikerprobte Gewerkschaften puschten die Löhne so hoch, dass die Waren, die  für den Export produziert wurden, immer weniger konkurrenzfähig waren. In Italien sind die Lohnstückkosten, der wichtigste Indikator für Produktivität, in den letzten zehn Jahren um 30 % gestiegen, während sie in Deutschland in etwa  gleich blieben. Das Ergebnis kann man  besichtigen: Der deutsche Export boomt, der italienische lahmt.  Die Regierungen der Südländer haben nie versucht, die Gewerkschaften in ihrem verantwortungslosen Treiben zu zügeln. Sie hielten sich zurück, weil  sie es sich nicht mit den Menschen, die sich über üppige  Lohnerhöhungen freuten, verderben wollten.  Nationale Verantwortung sieht anders aus.  Jetzt ist freilich das Lamento über die hohe Arbeitslosigkeit groß.

Alle Südländer haben bei den drei PISA-Bildungs-Tests sehr mäßig abgeschnitten. Auch der  OECD gelten ihre  Bildungssysteme als veraltet und wenig effektiv. Dies führt dazu, dass wenig kreatives Humankapital entsteht, das in den Volkswirtschaften für Innovation sorgen könnte. Die Patentanmeldungen der Südländer bleiben weit hinter denen der Länder der Nordzone zurück. Da die Menschen im Süden Europas nicht dümmer sind als die im Norden, kann es nur an den ineffektiven Strukturen des Bildungssystems liegen.

Allen europäischen Ländern (Deutschland mit eingerechnet) ist gemeinsam, dass die Regierungen der letzten 30 Jahre den Bürgern ihrer Länder einen Wohlstand genehmigt haben, der  nicht von den Volkswirtschaften zu erwirtschaften war. Es ist ein Wohlstand, der auf Schulden basiert. Im Kleingedruckten kann man nachlesen, dass  die Rechnung einst unseren  Kindern  und Enkelkindern präsentiert werden wird. Deutschland kann diese immense Verschuldung (aktueller Stand: 2,1 Billionen Euro) noch einigermaßen verkraften, weil unsere Volkswirtschaft so effektiv arbeitet, dass wir spätestens ab 2020, wenn  die Schuldenbremse des Grundgesetzes   greift, mit der Tilgung beginnen können. Die Wirtschaften der Südländer sind jedoch noch so wenig produktiv, dass es kaum gelingen wird,  bei einem „Weiter so“  das Steuer herumzureißen. Es sei denn, es gäbe mutige Politiker, die sich dieser Aufgabe verschrieben, auch um den Preis, von ihren ungeduldigen  Völkern abgewählt zu werden.

Wie könnte man den Volkswirtschaften der Südländer wieder auf die Beine helfen? Diese Wirtschaften  benötigen  Strukturreformen, die die Hemmnisse der Märkte beseitigen und die Wachstumskräfte freisetzen. Wie das funktioniert, konnte man in den letzten Jahren  am deutschen Telekommunikationsmarkt besichtigen. Seit die Telekom Deutschland ihr Monopol verloren hat, sind unzählige Anbieter auf dem Markt erschienen, die eine Vielfalt an Produkten anbieten. Das Ergebnis war eine Qualitätssteigerung auf breiter Front bei gleichzeitiger Preissenkung. Nach diesem Modell kann man alle Märkte liberalisieren, vor allem den Energiemarkt und die Märkte für die freien Berufe. Ausnehmen sollte man nur  die Bereiche der Daseinsvorsorge (z. B. Gesundheit, Wasser, Verkehr). Wenn die Marktschranken fallen, wird  das Klientel-Wesen  automatisch  aufhören, wird die unschöne Verquickung politischer mit wirtschaftlichen Interessen ein Ende finden.

Die krisengeschüttelten Südländer, allen voran Spanien, müssen ihre industrielle Basis wieder zurückgewinnen. Die Finanzkrise hat offenbart, dass Finanz- und Immobiliengeschäfte sehr viel krisenanfälliger sind als industrielle Fertigung. In Deutschland haben die östlichen Bundesländer nach der Wiedervereinigung  den industriellen Wiederaufbau nach dem Abwracken der maroden DDR-Firmen dadurch geschafft, dass sie industrielle Kerne wiederbelebt haben. Um diese „Leuchttürme“ herum haben sich dann Zulieferbetriebe und industrielle Dienstleistungen angesiedelt. Dieses Innovationsprinzip  könnte den  südlichen Ländern als Vorbild dienen.

Der Kampf gegen Korruption muss in den Südländern zu einer nationalen Anstrengung werden. Italiens Präsident Monti schätzt den daraus entstehenden Schaden für sein Land auf jährlich 60 Milliarden Euro. Man kann sich ausmalen, wie man dieses Geld hätte produktiv verwenden können.

Die Ausgaben für  Bildung müssen in allen Südländern massiv erhöht werden. Gleichzeitig sollten wie in Deutschland Qualitätsstandards eingeführt  werden, die für alle Schulen und Hochschulen des jeweiligen Landes gelten. Durch regelmäßige Inspektionen kann man deren Einhaltung überprüfen. Mittel- und langfristig wird diese Bildungsoffensive zur Belebung der Wirtschaft beitragen, weil die Innovationskraft in Forschung und Entwicklung zunimmt.

Die ersten Einwanderer nach Deutschland waren in den 1960er Jahren Italiener. Sie wurden mit Sonderzügen nach Wolfsburg (VW) und Dortmund (Kohle/Stahl) gebracht, um am westdeutschen Wirtschaftswunder mitzuwirken. Die nächste Welle kam aus Spanien und Griechenland. All diese Arbeiter aus den Südländern brachten ihre Mentalität mit. Sie war nie ein Hindernis, sich den Arbeitsbedingungen in den deutschen Fabriken und den deutschen Lebensverhältnissen  anzupassen. Viele Männer dieser ersten Einwanderer-Generation heirateten deutsche Frauen und blieben für immer hier. Das ist ein Beleg dafür, dass die südländische Mentalität oft als   Ausrede dafür herhalten muss, dass unseriöse und verantwortungslose Politiker des schieren Machterhalts willen  ihre Länder an den Abgrund führten.

 

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3 Gedanken zu “Was Europa tun muss;”

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    @Rainer Werner

    wenn ich Ihrem Ausführungen generell zustimmen kann..

    So ist diese Aussage:

    Jeder afrikanische Staat, der sich aus der Stammesgesellschaft zur Staatlichkeit hochentwickelt, lernt solche Selbstverständlichkeiten, von sich aus oder unter Anleitung von Entwicklungsexperten.

    leider nicht zutreffend.

    Wem so wäre, dann wären die afrikanischen Entwicklungsländer heute weiter als Griechenland.

    Daher:

    Bevor Sie solche Kommentare in die Welt setzen, erst einmal recherchieren.

    Und was die sogenannten Entwicklungsexperten betrifft, da ich empfehle ich Ihnen das Buch von Dambisa Moyo

    http://www.amazon.de/Dead-Aid-Entwicklungshilfe-funktioniert-Afrika/dp/3942989018

    Und was Ihren (Kinder) Glauben an die Macht der Märkte betrifft:

    “Nach diesem Modell kann man alle Märkte liberalisieren, vor allem den Energiemarkt”

    Dann vergessen Sie bei Ihren Empfehlungen leider den deitschen Markt, der immer noch von den big four im Energieversorgungsbereich und den big four im Netzbereich betrifft.

    Wenn der Markt in Deutschland tatsächlich so gut funktionieren würde, dann hätten wir tatsächlich einen echten Wettbewerb.

    Was Ihre Empfehlungen für die Liberalisierung der Energiemärkte in den südlichen Ländern betrifft:

    Ein Blick (oder etwas googeln) würde Sie eines besseren belehren:

    http://www.rp-online.de/wirtschaft/unternehmen/strompreise-in-europa-1.566150

    Ein Tipp für Ihren nächsten Artikel:

    Etwas mehr recherchieren statt Aussagen zu machen die nicht zutreffend sind.

    P.S. Ob tatsächlich in Spanien und Portugal verstärkte Bildungsinvestitionen notwendig sind, mag ich angesichts dieser Daten bezweifeln:

    http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/europa/135809/bildungsausgaben

    Vielmehr ist es notwendig die berufliche Ausbildung zu fördern, um analog der deutsche dualen Berufsausbildung eine Stärkung des KMU Sektors zu erreichen.

    Aber deutschen Gymnasiallehrer entgeht wissen oftmals nicht, dass gerade die Stärken der deutschen Industrie weniger auf den Abiturienten, sondern eher auf den hochqualifizierten Berufsschulabgängern beruht.

    Wenn Sie nicht nur auf Mörike in Ihrem Ländle blicken würden, sondern auf die vielen kleinen industriellen ” start-ups ” in BW dann würden Sie etwas differenzierter solche Beiträge verfassen.

    Dennoch drücken wir einmal eine Auge zu:

    3 minus (die Hoffnung stirbt zuletzt)

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    Rainer Werner tut hier das Richtige: Die Diskussion weg von sog. “Mentalitäten” hin zur Versagen der Politik. Danke dafür. Ich hatte gerade diese Woche wieder ein längeres Gespräch mit einem griechischen (ehemaligen) Kollegen, der die “griechischen Verhältnisse” durchaus differenziert sieht, aber das Dauermobbing (Steinbrück hat hier Recht) von Dobrindt, Söder & Co. als mehr als verletzend empfindet. Eine Partei, die solche Hetzereien duldet, werde ich niemals wählen.

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