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Gedanken zur Karwoche: Die christlichen Kirchen und der Staat Israel

In meinem Arbeitsvertrag heißt es gleich in Paragraf zwei: „Die Zeitung hat folgende grundsätzliche Haltung: …“ es folgen die berühmt-berüchtigten fünf „Springer-Essentials“, zu denen unter Punkt zwei gehört: „Das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes“.

Es versteht sich von selbst, dass mit dieser grundsätzlichen Haltung des Verlags eine Kritik der jeweiligen israelischen Regierung und ihrer Politik durchaus vereinbar ist, ja dass eine solche Kritik im Interesse der Lebensrechte des israelischen Volkes geboten sein kann. Allerdings muss man wissen: Israel kämpft immer noch um sein Existenzrecht, das von den meisten muslimischen Staaten bis heute nicht anerkannt worden ist. Kritik, die vor allem Israel delegitimieren soll, Kritik, die nicht ausgeht von den Lebensrechten des israelischen Volks, ist nicht akzeptabel.

Aus der Sicht dieser publizistischen Haltung, die der Staatsräson der Bundesrepublik Deutschland entspricht, möchte ich mich nun mit dem Verhältnis der beiden großen Kirchen zum jüdischen Staat befassen.

Beginnen wir mit der katholischen Kirche. Man hätte denken können, dass gerade ein deutscher Papst und ehemaliger unfreiwilliger Hitlerjunge eine besondere Sensibilität für das Verhältnis zwischen Christen und Juden und für das Verhältnis zwischen seiner Kirche und dem Staat Israel entwickeln würde. Leider ist das Gegenteil der Fall. Ich erinnere an die Aussöhnung mit den Pius-Brüdern, einer Sekte, die immer antijüdisch und antisemitisch war und bis heute bleibt, was dem Vatikan natürlich bekannt ist. Ich erinnere an die Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte für die Juden in der lateinischen Messe, die alle Fortschritte seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zunichte macht. Ich erinnere an die Beschleunigung der Seligsprechung von Pius XII. trotz jüdischer Proteste, und daran, dass der Papst bei seinem Israel-Besuch nur dann bereit war, Yad Vashem zu besuchen, wenn eine Vitrine, die sich kritisch mit der Rolle dieses Papstes beschäftigte, zugedeckt wurde. Ich erinnere an die skandalöse Rede des Papstes in Auschwitz, bei der er die Chuzpe besaß, nicht Pius XII., nicht die eigene Kirche, sondern Gott zu fragen, warum er zu diesem Verbrechen geschwiegen habe. Ich erinnere an seine ebenso skandalöse Rede vor dem Deutschen Bundestag. Kein Wort fand der Papst zur Tatsache, dass die Partei des politischen Katholizismus im Reichstag dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt hatte, das die Nazis rechtmäßig zur Partei der Diktatur machte – kein einziges Wort des Bedauerns, der Selbstkritik, der Scham. Freilich wussten diejenigen, die Joseph Ratzinger länger schon beobachten, dass er auf diesem Ohr taub ist. Dies ist der Mann, der in seiner Predigt zur Eröffnung der Oberammergauer Passionsspiele 1980 sagte:  „Man kann Antisemitismus auch herbeireden; auch das sollte bedacht werden; deshalb möchte ich alle, insbesondere unsere jüdischen Freunde, bitten, mit dem Vorwurf des Antisemitismus aufzuhören“. Dies ist der Mann, der in seiner viereinhalb Jahre als Erzbischof von München und Freising kein einziges Mal die Gedenkstätte auf dem Gelände des früheren KZ Dachau besuchte, die keine halbe Automobilstunde von der erzbischöflichen Residenz entfernt liegt, der aber ausgerechnet anlässlich der Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie den deutschen Soldatenfriedhof La Cambe besuchte, wo mehrere hundert Angehörige der berüchtigten Waffen-SS Panzerdivision „Das Reich“ begraben sind, so etwa SS-Sturmbannführer Adolf Diekmann, der im nahe gelegenen Oradour-sur-Glane das Massaker fast der gesamten Dorfbevölkerung, darunter 207 Kinder und 254 Frauen, befehligt hatte. Lassen wir aber Papst Benedikt einstweilen beiseite.

Nehmen wir Bischof Gregor Maria Hanke. Bei einem Israel-Besuch sagt er: „Morgens in Yad Vashem die Fotos vom unmenschlichen Warschauer Ghetto, abends fahren wir ins Ghetto in Ramallah. Da geht einem der Deckel hoch.“ Und damit sein Kollege in Christo nicht missverstanden wird, setzt sein Begleiter, der saubere Bischof Walter Mixa, nach: Die „ghettoartige Situation“ in den besetzen Gebieten sei „fast schon Rassismus“. Was wollen die hohen Herren damit sagen?

Warum trennt eine Mauer Ramallah, Bethlehem und andere palästinensische Städte von Tel Aviv, Herzliyah und anderen israelischen Städten? Weil von den Palästinensergebieten Massenmörder losgingen, um mit Sprengstoffgürtel möglichst viele Juden zu töten. Wenn die Mauer, die das verhindert, vergleichbar sein soll mit der Mauer um das jüdische Ghetto in Warschau – wollen die deutschen Bischöfe sagen, dass die Juden damals im Ghetto eine ähnlich tödliche Gefahr für ihre nichtjüdische Umgebung bedeuteten, wie arabische Terroristen heute?

Oder wollen die Bischöfe die Situation der Menschen in den palästinensischen Gebieten mit der Situation der Juden im Ghetto vergleichen? Was war denn das Ghetto? Schlicht und einfach ein Konzentrationslager, wo Menschen eingesperrt wurden bis zu ihrem Abtransport in den Tod. Vorher waren sie ihrer ganzen Habe, ihrer Bürgerrechte und ihrer Würde beraubt worden. Nun wurden sie in Fabriken geschunden, wo sie für ihre Todfeinde arbeiten durften, bis Hunger oder Typhus oder Verzweiflung ihnen den Garaus machten. Und wer diese Vorhölle überlebte, wurde in die Viehwagen getrieben und nach Sobibor, Treblinka oder Auschwitz ins Gas geschickt.

Die Situation der Bürger von Ramallah und Bethlehem, könnte weiß Gott besser sein. Aber erstens ist sie nicht im entferntesten vergleichbar mit der Situation der Todgeweihten vom Warschauer Ghetto. Und zweitens hat sie nichts mit Rassismus zu tun.  Palästina leidet nicht, weil dort Araber leben. Palästina leidet, weil es im Würgegriff arabischer Terroristen ist. Deshalb gibt es die Mauer und die Kontrollen an den Checkpoints. Rassismus? Nirgendwo in der arabischen Welt haben Araber mehr politische Freiheiten als im jüdischen Staat Israel. Rassismus? In Israel ist rassistische Hetze gegen wen auch immer strafbar. In den arabischen Staaten ist antisemitische Hetze das tägliche Programm in Schulen und Medien. Rassismus? Kein Staat, kein Volk wird von Israel mit Vernichtung bedroht, so wie Israel von Irans Präsident Ahmadenidschad mit Vernichtung bedroht wird.

Es seien, sagt der Sekretär des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, beim Besuch in Bethlehem, dem inzwischen judenreinen Geburtsort des Juden Jesus, „unter dem Eindruck der bedrückenden Situation“ aus der „emotionalen Betroffenheit einzelner heraus einige wenige sehr persönliche Bemerkungen gefallen“. Klar doch. Nur: warum spricht ein deutscher Bischof beim Anblick des Leids der Palästinenser „sehr persönlich“ ausgerechnet vom Warschauer Ghetto? Klar, „es“ denkt wohl auch in einem Bischof; es drängt auch ihn zur Relativierung der eben noch in Yad Vashem bekannten, unerträglichen Schuld; es geht auch ihm dann „der Deckel hoch“, und heraus lugt die Fratze des alten Antisemitismus. Und in Deutschland? Wer protestiert? Die üblichen Verdächtigen. Der Zentralrat der Juden. Der israelische Botschafter. Als ob die von keinerlei historischer Kenntnis, geschweige denn Scham getrübte Äußerung zweier deutscher Bischöfe in erster Linie die deutschen Juden und die Israelis anginge, und nicht die Kirche.

Doch ich möchte auf den Iran zurückkommen. Das dortige Regime hat bekanntlich sehr gute Beziehungen zum Vatikan. „Time Magazine“ bezeichnet in einer Reportage Benedikt XVI sogar als „Irans Geheimwaffe“. Nach Informationen des Nachrichtenmagazins unterhalten die Iraner über ihre große Vatikan-Botschaft ständigen Kontakt zur Kurie und gehen davon aus, im Falle einer Zuspitzung des Konflikts um ihr illegales Atomwaffenprogramm mit Hilfe des Papstes Zeit zu gewinnen. Am 1. Mai 2008 kam es sogar zu einer gemeinsamen Erklärung des Vatikans mit „führenden iranischen Gelehrten“ zum Thema „Glaube und Vernunft“. In Rom wurde die Erklärung als „religionspolitisch sensationell“ und „theologisch revolutionär“ gewertet, wie die FAZ meldete.

Man muss weder theologisch versiert noch politisch besonders gebildet sein, um zu erkennen, dass diese gemeinsame Erklärung von Katholiken und Schiiten weder „theologisch revolutionär“ ist noch politisch gefeiert zu werden verdient. In Wirklichkeit ist der Vorgang philosophisch ein Sieg für den Werterelativismus und politisch ein Erfolg für die Theokraten in Teheran.

Wichtiger als der belanglose bis ärgerliche Inhalt, der zum Beispiel weder etwas über das Verhältnis zum Judentum noch über das Recht zum Wechsel der Religion noch erst recht zur Anerkennung der Allgemeingültigkeit der Menschenrechte sagt, ist nämlich die Frage, mit wem der Vatikan hier verhandelt hat. Leiter der iranischen Delegation war kein „Gelehrter“, kein Imam oder Ayatollah, sondern Mahdi Mostafavi, Leiter der  „Islamic Culture and Relations Organization“(ICRO) in Teheran. Laut Selbstdarstellung ist diese Organisation mit dem Teheraner Außenministerium liiert und „handelt gemäß den Weisungen des Führers der islamischen Revolution und den außenpolitischen Richtlinien der Islamischen Republik“. Also konnte von einem „interreligiösen Dialog“ hier wohl keine Rede sein. Offenkundig handelte Mahdi Mostafavi im Interesse und Auftrag der iranischen Außenpolitik. Das wiederum ist auch kein Wunder, denn der Herr war zum Zeitpunkt seiner Unterhaltungen im Vatikan erstens Berater des Holocaust-Leugners und Präsidenten der Islamischen Republik Mahmoud Ahmadenidschad und zweitens stellvertretender Außenminister, wie „Iran Daily“ am 24. Oktober 2007 meldete. Dass der Vatikan genau wusste, mit wem er es zu tun hatte – davon darf man ausgehen.

Mostafavi gehört also zum inneren Kreis eines Regimes, das nach Atomwaffen strebt und Israel „aus dem Buch der Geschichte tilgen will“. Ganz davon abgesehen, wie es sein eigenes Volk kujoniert. Dass dieser Dunkelmann die Chuzpe besitzt, eine Erklärung zu unterzeichnen, in der von der Friedlichkeit und Vernunft des Glaubens schwadroniert wird, überrascht nicht. Dass der Vatikan aber die Chuzpe besitzt, der Weltöffentlichkeit diese Heuchelei als „theologisch revolutionär“ zu verkaufen, wo sie bloß moralisch verlogen ist, überrascht, enttäuscht und erbittert aber doch. Dieses Dokument der Übereinstimmung mit einem Regime, das vermeintliche Ehebrecherinnen steinigt, Schwule an Baukränen erhängt, den Massenselbstmord als politische Waffe erfunden hat, hinter Tausenden von Terrorakten weltweit steckt, mit rücksichtsloser Grausamkeit gegen die Anhänger der Bahai-Religion vorgeht und mit der Fatwa gegen Salman Rushdie klar gemacht hat, dass es die Meinungsfreiheit auch im Westen nicht dulden wird – dieses Dokument ist politisch aber kein Deut besser als das Konkordat mit Adolf Hitler. Dennoch hat sich in der gesamten katholischen Öffentlichkeit keine einzige Stimme erhoben, um gegen diese Schande zu protestieren. Nun zur evangelischen Kirche.

Über die Protestanten reden ist schwieriger, weil sie nicht so zentral organisiert sind wie die Katholiken. Immerhin hat der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider, erklärt, er und seine Kirche sähen in der Gründung, aber auch im Bestand des Staates Israel ein Zeichen der Treue Gottes zu seinem Volk. Nun geht es mir als Atheisten so, wie der Mehrheit der Juden in Israel: Auf Gottes Treue zu seinem Volk gebe ich wenig. 2000 Jahre lang haben sich die Juden darauf verlassen, und am Ende waren sie verlassen. Eher ist auf die IDF, die Israeli Defence Forces, und den Mossad Verlass. Der ganze Sinn eines eigenen Staates besteht ja darin, dass man sich zur Not auch wehren kann, wenn der Fall eintritt, dass sich Gott grad nicht kümmern kann. Aber das klare Bekenntnis zu Israel als einem jüdischen Staat höre ich dennoch gern und – so weit ist es schon gekommen, dass man für das Selbstverständliche noch dankbar sein muss – mit Dankbarkeit.

Der Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit hat bei der Verleihung der diesjährigen Buber-Rosenzweig-Medaille außerdem Nikolaus Schneiders „Absage an die Judenmission ohne Wenn und Aber“ begrüßt, die aus der Überzeugung erwächst, dass die Kirche nicht an die Stelle, sondern an die Seite des Gottesvolkes Israel getreten ist. Wie gesagt, mir ist der Gedanke eines Gottesvolks fremd, und wenn man sich die Stelle in Deuteronium anschaut, in der Gott den Bund mit Israel begründet, versteht man, weshalb viele, wenn nicht gar die meisten Juden herzlich gern die Bürde los wären; aber wenn man in solchen Kategorien schon denkt, dann ist diese Änderung einer zweitausendjährigen Diskriminierung zweifellos von historischer Bedeutung.

Aber dann gibt es so etwas: Unter der Überschrift „Partner für den Frieden – Mit Hamas und Fatah reden“ lud die Evangelische Akademie Bad Boll zu einer Tagung ein, die vom 11. bis 13. Juni 2010 stattfinden sollte. Gäste sind Abdullah Frangi von der Fatah und Basem Naim von der Hamas. Es mag für internationale Diplomaten – auch israelische – unumgänglich sein, mit der Hamas zu reden. Der Sinn der Diplomatie besteht ja – auch – darin, mit seinen Feinden zu reden, damit man nicht gegen sie Krieg führen muss. Ganz etwas anderes ist es, wenn eine Evangelische Akademie der Hamas vorweg den Titel „Partner für den Frieden“ verleiht. Die Hamas wird von der Europäischen Union als Terrororganisation eingestuft. Zu Recht. Auf das Konto der Hamas gehen zahllose Selbstmordattentate und  Raketenangriffe auf israelische Zivilisten. Die Charta der Hamas fordert die Auslöschung des Staates Israel und die Errichtung eines islamischen Gottesstaats zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer. In Gaza gibt die Hamas einen Vorgeschmack auf das, was auch und gerade den Palästinensern in ihrem Gottesstaat blühen würde: Internetcafés und Restaurants wurden geschlossen, politische Gegner – laut Amnesty International – willkürlich festgenommen, gefoltert und ermordet. Es mag dennoch richtig sein, mit der Hamas zu reden, auch wenn man kein Diplomat ist. Doch gerade wenn man kein Diplomat ist, wenn man also Klartext reden darf,  muss vor allem ihr eliminatorischer Antisemitismus zur Sprache kommen.

Ich meine damit nicht allein die Feindschaft der Hamas gegen Israel, obwohl die Forderung nach Auslöschung des jüdischen Staates natürlich per se antisemitisch ist. Ich meine einen Rassen-Antisemitismus, der direkt abgeschrieben ist aus den Lehrbüchern der europäischen Antisemiten, auch wenn er sich „islamisch“ gibt. So heißt es in Artikel 32 der Hamas-Charta über die Juden: „Ihr Plan ist dargelegt in den Protokollen der Weisen von Zion, und ihr gegenwärtiges [Verhalten] ist der beste Beweis für das,  was wir sagen. […] Den Kreis des Konflikts mit dem Zionismus zu verlassen ist Hochverrat. Alle die das tun, sollen verflucht sein. ‘Wer immer [im Kampf mit den Ungläubigen] ihnen den Rücken zukehrt […] zieht sich den Zorn Allahs zu, und seine Wohnung soll die Hölle sein…’ (Koran, 8:16)“ Laut Hamas arbeiten unter anderem die Freimaurer, der Lions Club und der Rotary-Club insgeheim „im Interesse der Zionisten“ (Charta, Art. 22). Die Hamas sieht in den Juden die Verantwortlichen für die Französische Revolution, den „westlichen Kolonialismus“, den Kommunismus und die Weltkriege.  Sari Nusseibeh, der palästinensische Präsident der Al-Quds-Universität in Jerusalem, meint zu Recht, die Charta der Hamas klinge wie etwas, „das direkt den Seiten des ‚Stürmer’ entstammt.“

Es verwundert nicht, dass der römisch-katholische Erzbischof und lateinische Patriarch von Jerusalem Fouad Tual den Dialog mit der Hamas befürwortet. Schließlich entspricht ihr Antisemitismus den Vorurteilen der vorkonziliaren Kirche und der unter Benedikt XVI zu neuen Ehren gekommenen Pius-Bruderschaft. Und außerdem ist für Erzbischof Tual wie für manche anderen Kirchenfürsten die Ordnung wichtiger als die Freiheit. Mit faschistischen (und, wenn man genau hinsieht, meistens auch mit kommunistischen) Regimes hat sich die Kirche arrangieren können. Da herrscht nämlich Ordnung. Dank der Hamas könne man sehen, dass die Zeit des Chaos im Gaza-Streifen vorbei sei, sagte seine Heiligkeit Tual in Radio Vatikan am 15. August 2007. Die Bewegung gehe mit eiserner Disziplin gegen Kriminalität vor. Es gebe keine Diebstähle mehr, man respektiere sogar die Ampeln. Na dann – was zählt ein bisschen mörderischer Antisemitismus gegen den Respekt vor Ampeln! Unter Mussolini fuhren die Züge ja auch endlich pünktlich.

Wie gesagt: Unter der Ägide des deutschen Papstes mag eine neue Unkompliziertheit im Umgang mit Antisemiten in der katholischen Kirche Platz greifen – von einer Evangelischen Akademie hätte man denn doch etwas mehr Sensibilität erwartet. Zu Unrecht vielleicht. Er könne sich kaum vorstellen, dass man in Bad Boll die Charta der Hamas nicht kenne, sagte der ehemalige Vorsitzende des Islam-Arbeitskreises der Deutschen Evangelischen Allianz, Albrecht Hauser der evangelischen Nachrichtenagentur „idea“. Er sei „bestürzt über die ideologische Einflussnahme antijüdischer und antisemitischer Kräfte in kirchlichen Kreisen“. Das ehrt ihn. Aber was tut er, was tut die Evangelische Kirche dagegen?

Akademiedirektor Joachim Beck rechtfertigte gegenüber „idea“ die Einladung an die islamische Terrororganisation, „Partner des Friedens“ zu sein. Es gehöre zum Auftrag der Akademie, mit den Menschen statt über sie zu reden. Gewiss doch. Aber kann man mit einem Minister der Hamas-Diktatur wie Basem Naim reden, ohne über das antisemitische Programm und die menschenfeindlichen Mordtaten der Hamas zu reden? Kann man einen Mann, der in der Hamas Karriere gemacht hat, als „Partner für den Frieden“ bezeichnen, bevor er sich auch nur mit einem Wort vom Antisemitismus seiner Partei distanziert hat? Aber darüber sollte in Bad Boll nicht geredet werden. Dafür umso mehr über Israel. Die geplanten „Arbeitsgruppen“ behandelten  Themen wie: „Gewaltloser Widerstand gegen die Mauer“, „Blockade beenden: ein Schiff nach Gaza“, und „Wenn Firmen an völkerrechtswidrigen Siedlungen und an der Mauer Geld verdienen“ – kurz: wie können wir als nützliche Idioten „gewaltlos“ den terroristischen Kampf der Hamas gegen Israel unterstützen?

Themen wie: „Warum die Mauer? Rückgang der Terroranschläge um 90 Prozent seit Errichtung des Grenzzauns“; „Schiffe nach Gaza – Wie der Iran die Hamas mit Waffen versorgt“; oder gar „Hitlers Mufti – Die historische Verantwortung Deutschlands für die Entstehung des arabischen Antisemitismus“ spielten ebenso wenig eine Rolle wie etwa „Frauen unter islamistischer Herrschaft“ oder gar „Freiheit für Gilad Shalit“, den die Hamas seit Jahren als Geisel gehalten hatte.

Zum Schluss möchte ich auf das so genannte Kairos-Dokument zu sprechen können, das der gute Erzbischof und Hamas-Bewunderer Tual mit unterzeichnet hat und eigentlich lieber Kairo-Dokument heißen sollte, weil es mit den Ansichten der ägyptischen Muslim-Bruderschaft weitgehend übereinstimmt. Sie werden im ganzen Dokument kein Wort dazu finden, dass Israel ein Existenzrecht hat. Sie werden im ganzen Dokument kein Wort dazu finden, dass Israel seinem Charakter nach ein jüdischer Staat sein soll, eine nationale Heimstatt für die Juden, wie es die Balfour-Deklaration und der Versailler Friedensvertrag, der Völkerbund und die Vereinten Nationen festgelegt haben. Sie werden im ganzen Dokument kein Wort dazu finden, dass es die Araber waren, die den Teilungsplan der Vereinten Nationen von 1948 ablehnten und stattdessen einen Krieg gegen Israel vom Zaun brachen, was erst zum Flüchtlingsproblem führte. Sie werden im ganzen Dokument kein Wort dazu finden, dass es wiederum die Araber waren, die 1967 die Juden ins Meer werfen wollten, was zu einem weiteren Krieg führte und zur Entstehung des Besatzungsregimes in den ehedem von Jordanien und Ägypten besetzten Teilen des Landes. Sie werden selbstverständlich nichts darüber lesen, dass Araber selbst in den besetzten Gebieten und erst recht als Bürger Israels mehr Rechte haben als Araber in Gaza, in Jordanien, ja selbst heute noch in Ägypten – von Syrien ganz zu schweigen. Sie werden im ganzen Dokument keine Verurteilung der Gewalt gegen Juden finden. Sie werden im ganzen Dokument keine Kritik des Programms der Hamas finden. Hingegen werden Sie lesen, dass die Palästinenser mit Unterdrückung, Vertreibung, Leid, Besatzung und Apartheid – ja, Apartheid, da hat’s vielleicht Sigmar Gabriel her – und nun kommt’s: „seit mehr als sechs Jahrzehnten“ konfrontiert seien. Wer ein Gehirn hat zu rechnen, der rechne. Gemeint ist: seit Gründung des Staates Israel. Wenn also von der Aufhebung der Besatzung, der Unterdrückung, des Leids die Rede ist, dann ist gemeint oder sagen wir: dann kann – und soll – gelesen werden: Aufhebung des Staates Israel. Oder Aufhebung seines jüdischen Charakters durch das so genannte Recht auf Rückkehr und das Einreißen der Mauer, die Israel vor jenem Terror schützt, der im Dokument als „legitimer Widerstand“ bezeichnet wird. Das ist ungefähr so, als hätte Jesus die Zeloten ermutigt, statt ihnen den Weg des Friedens zu weisen.

Nirgendwo im Kairos-Dokument wird gesagt, dass die Juden ein Recht haben, in dem Land zu wohnen, in dem sie schon immer gewohnt haben, unter den Ägyptern, den Babyloniern, den Persern, unter ihren eigenen Königen, unter den Griechen, den Römern, den Arabern, den Türken, den Briten: immer gab es in Palästina eine jüdische Präsenz, erst 1929 wurde etwa Hebron durch ein arabisches Pogrom judenrein gemacht. Nirgendwo wird auf das Schicksal der jüdischen Flüchtlinge aus den arabischen Ländern hingewiesen. In der entscheidenden Passage heißt es: „Der Westen versuchte, das Unrecht, das den Juden in den Ländern Europas erlitten hatten, wiedergutzumachen, aber das Ergebnis war wieder Unrecht.“ So ein Unsinn! Die Juden hatten nicht in den Ländern Europas „Unrecht erlitten“. Sie waren einem Genozid ausgesetzt gewesen. Das „neue Unrecht“, so schlimm es gewesen sein mag, ist damit nicht vergleichbar. Und: der Westen hat gar nichts getan, um dieses Unrecht wiedergutzumachen. Die Briten sperrten die aus europäischen KZs entlassenen Überlebende des Holocaust erneut in Lager ein, verhinderten deren Einwanderung nach Palästina, taten alles, um die Entstehung eines jüdischen Staates zu verhindern und überließen die Juden schließlich ihrem Schicksal in der Annahme, dass die von britischen Militärs ausgebildeten Armeen Jordaniens, Syriens, Ägyptens und des Irak den jungen Staat überrennen wurden. Waffen bekamen die Israelis nur aus dem Osten – von der Tschechoslowakei, auf Anweisung Josef Stalins.

Wie können Christen solche Lügen verbreiten? Wieso wird das Kairos-Dokument nicht von allen christlichen Kirchen und allen Politikern christlicher Parteien in Deutschland als das verurteilt, was es ist: ein Manifest zur Delegitimierung Israels?

Im arabischen Frühling ist endlich klar geworden, was seit 1948 hätte klar sein müssen: die Feinde der Araber sind nicht die Israelis, sondern ihre eigenen Herrscher. Wann werden das auch die Christen in Deutschland begreifen?

 

Es handelt sich bei vorliegendem Text um die leicht redigierte Fassung eines Referats, das ich am 23. Januar 2012 auf einer Tagung des Koordinierungskomitees der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit und der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin hielt.

Hier eine Kritik des Kairos-Papiers aus evangelischer Sicht:

http://www.deutscher-koordinierungsrat.de/04_03_mehr.php?pNUM=1&mID=121

 

Und hier die Ausführungen von Präses Schneider:

http://www.deutscher-koordinierungsrat.de/04_03_mehr.php?pNUM=1&mID=117

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14 Gedanken zu “Gedanken zur Karwoche: Die christlichen Kirchen und der Staat Israel;”

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    Zum Kairos Dokument:

    “9-3 Der Versuch, den Staat zu einem religiösen – jüdischen oder islamischen – Staat zu machen, nimmt ihm seine Bewegungsfreiheit, zwängt ihn in enge Grenzen und verwandelt ihn in einen Staat, der Diskriminierung und Ausgrenzung praktiziert und die einen Bürgerinnen und Bürger gegenüber den anderen privilegiert. Wir appellieren an beide, die religiösen Juden und die religiösen Muslime: Macht den Staat zu einem Staat für alle seine Bürger und Bürgerinnen, der auf der Achtung der Religion, aber auch der Gleichberechtigung, der Gerechtigkeit, der Freiheit sowie der Respektierung des Pluralismus gegründet ist, und nicht auf der Herrschaft einer Religion oder einer zahlenmäßigen Mehrheit.”

    Werden hier die Lebensrechte Israels delegitmiert?

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    @ Alan Posener

    Sie haben in Ihrer Meditation zur Karwoche geschrieben: “Es versteht sich von selbst, dass mit dieser grundsätzlichen Haltung des Verlags eine Kritik der jeweiligen israelischen Regierung und ihrer Politik durchaus vereinbar ist, ja dass eine solche Kritik im Interesse der Lebensrechte des israelischen Volkes geboten sein kann. … Kritik, die vor allem Israel delegitimieren soll, Kritik, die nicht ausgeht von den Lebensrechten des israelischen Volks, ist nicht akzeptabel.”

    Ich will Sie um eine Beurteilung bitten. Noam Sheizafs Analyse “One or two states? The status quo is Israel´s rational choice” (http://972mag.com/one-or-two-s…..ice/39169/) ist eine akzeptable Kritik in Ihrem Sinne? Wenn ich daraus und aus einigen anderen Beobachtungen schließe, dass der “Friedenprozess”, dem sich Israel verpflichtet fühle und der nur durch die Palästinenser verhindert werde, eine fromme Lüge ist, dass Israel eine stille Annexionspolitik in Judäa und Samaria betreibt, Stein für Stein, Haus für Haus das Land “befreit” und die Rechte der Palästinenser delegitimiert – ist das noch eine akzeptable Kritik oder bin ich damit bereits in den Untiefen eines antizionistischen und antisemitischen Vorurteils?

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    Liebe Marit, der Artikel wurde VOR der Grass-Chose eingestellt und enthält zwei Links, die genau erklären, was die deutschen evangelischen Christen mit dem Kairos-dokument zu tun haben. ich empfehle immer: erst lesen, dann nachdenken, dann schreiben. Übrigens werde ich hier das Gedicht von Grass nicht kommentieren. Es ist unter meinem intellektuellen, ästhetischen und moralischen Niveau.

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    Was haben “die Christen in Deutschland” mit dem Kairos-Dokument zu tun?
    Ich höre davon zu ersten Mal.Wieso nehmen Sie an, dass die Christen in Deutschland in den Juden die Feinde der Araber sehen? Wieso denken Sie, dass die Christen in Deutschland den Juden das Existenzrecht verweigern?
    Worum geht es Ihnen hier eigentlich?
    Ein Wort an die “Deutsche Christenheit” zum Osterfest?
    Hier haben wohl einige nicht so schnell gewusst, wohin mit ihrer Irritation über das Grassgewäsch? Da sind die Christen als die “wahren” Antisemiten schnell ausgemacht.Dämliches Gewäsch, das dem von Grass in nichts nachsteht!

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    Die christlichen Kirchen tun sich – als Formationen – in der Tat schwer mit dem Staat Israel. Zu meinem Bedauern. Es gibt aber, das sollte doch gesagt werden, wenn man die beiden Kirchen miteinander vergleicht, erhebliche Einwände gegen manche antiisraelische oder antijüdische Tendenz. Die kommen in der katholischen Kirche eher “von unten” (Laienbewegungen, aber auch katholische Theologen haben sich sehr engagiert gegen diese scheußliche Sache mit dem Karfreitagsgebet), und in der evangelischen Kirche oftmals eher “von oben” (es gibt von der Evangelischen Kirche im Rheinland, der Heimatkirche von Schneider, und von ihm selbst, einige sehr klare Worte zum Kairos-Dokument, alles zu finden auf den gut sortierten Seiten des Koordinierungsrates der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, z.B. dieses: http://www.deutscher-koordinierungsrat.de/04_03_mehr.php?).pNUM=1&mID=117)

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    Lieber Herr Posener: Wir sollten endlich damit aufhören politisch korrekt zu sein!

    Die weltpolitische Wahrheit ist nicht in der Geschichte, bzw. der Kirchenpolitik zu suchen.
    Ehrlich wäre es endlich zu sagen, daß Israel einfach stört! Israel stört die Politik der USA und Obama, Israel stört die Politik der Ölkonzerne. Israel ist keine”anerkannte Diktatur”, wie in vielen der arabischen Länder.

    Ohne die Existenz Israels gäbe es keinen gemeinsamen Feind der arabischen Diktaturen, mit denen auch Deutschland gerne Geschäfte macht.
    Ohne Israel gäbe es keinen gemeinsamen Sündenbock, für die ansonsten zummeist tief zerstrittenen arabischen Staaten; was täten die ohne Israel?

    Ohne Israel könnte das historische Weltgedächtnis endlich einschlafen und auch Grass seine Waffen SS-Mitgleidschaft endlich vergessen.
    Ohne Juden wäre die Welt doch eigentlich viel besser, bzw. endlich gut!

    Und am Karfreitag wird in den christlichen Kirchen des JUDEN gedacht, der zum angeblichen Heil der ganzen Welt – auch der Juden – gekreuzigt wurde.

    Wie zynisch muß man sein um an den populärsten JUDEN aller Zeiten zu glauben und gleichzeitig ein paar Juden das Existenzrecht zu verweigern.

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    Wenn zwei so hochgerüstete Staaten wie Israel und Iran an der Schwelle eines Krieges stehen, muss man sehr aufmerksam sein. Dann kann man die Frage, wer wo & wie schuld bzw. im Recht ist, zurückstellen und stattdessen erstmal darauf dringen, dass der Konflikt nicht weiter eskaliert. Entsprechend richtet sich der Appell an die Adresse desjenigen, der für die nächste Stufe der Eskalation infrage kommt, statt an den Verursacher des Konflikts.

    So lese ich das Gedicht. Dass das problematisch ist, dass man auch anderer Ansicht sein kann, ist mir klar, denn im Augenblick stehen sich Gott sei Dank nur zwei Drohungen gegenüber: die ursächliche Drohung Irans, Israel auszulöschen, und die daraus resultierende Wirkung, die Drohung Israels, die verborgene Gefahr der Atomanlagen zu bombardieren.

    Hieraus entsteht eine Logik des Krieges, die schwer zu durchbrechen ist. Die iranische Armee ist auch ohne Atombombe sehr schlagkräftig (die israelische sowieso). Was am Ende dieser Logik für ein Zustand sein wird, vermag keiner vorauszusehen. Im Kalten Krieg war es ähnlich, damals ist es gutgegangen, aber niemand garantiert, dass das auch im Fall Israel vs. Iran – oder auch im gefährlich vor sich hin schwelenden Konflikt Pakistan vs. Indien – gutgehen wird.

    Richtig ist auch, dass eine Israelkritik wie von Grass den beabsichtigten Effekt der israelischen Gegendrohung reduziert – den Effekt, dass die Iraner möglicherweise einlenken und keine Bombe bauen bzw. behördliche Inspektoren zulassen. Damit ist sie im Sinne einer mit Sanktionen unterstützten Drohkulisse kontraproduktiv.

    Anlass zur Diskussion gibt es also, aber den Vorstoß von Grass als unterbewusst aufbrechenden Antisemitismus zu diffamieren, wie Joffe es tut, ist einfach nur bräsig und sagt mehr über das Unterbewusstsein von Joffe aus, über das er, Joffe, kein einziges Wort verliert, als über das von Grass, das er, Grass, wenigstens selber (schon allein durch die Gedichtform, aber auch explizit) anspricht. Hierzu könnte man noch einiges sagen. Aber mir ist das Unterbewusstsein sowohl von Grass als auch von Joffe zu egal, um mich damit näher zu beschäftigen.

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    Die Grass-Aufregung: Soweit nur in BRD. Selbst in der New York Times, am 3. und 4. April nur kurze Berichte in zwei Blogs (“Arts” und “Lede”)ueber die Reaktion deutscher Politiker und der juedischen Vertretungen in Deutschland. Das Gedicht selbst, wurde anscheinlich ueberhaupt nicht in New York Times publiziert. In El Pais/Spanien wurde es vollkommen uebersetzt (Latinos lieben Gedichte!): “Por que silencio, demasiado tiempo…”. In Brasilien unter den Berichten vom Ausland. Die 560 Millionen in Lateinamerika betrachten sich an diesem Thema Middle-Osten-Muslim-Welt unbeteiligt und betrachten das Problem als nuetzliche Ablenkung der USA und NATO von Lateinamerika: Alles was den Euros und Anglos Kopfschmerzen bereitet ist “bueno”…

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    Als hätten Sie schon geahnt, dass Grass heute sein sogenanntes Gedicht raushauen würde und leider einen fand, der dumm genug war, es zu veröffentlichen! Shame on you, Süddeutsche! Die springerschen Statuten hätten das vielleicht unterbunden, wer weiß.
    Und hat bei Grass alle ästhetische Selbstkritik ausgesetzt? Von der moralischen zu schweigen, die nach der spät offenbarten Waffen-SS-Mitgliedschaft doch eine derart einseitig-uninformierte, den eliminatorischen Antisemiten im Iran in die Hände spielende pseudopoetische Absonderung unterbinden müsste.

  10. avatar

    Ja, die Besatzung geschah und die Mauer wurde gebaut, “weil von den Palästinensergebieten Massenmörder losgingen, um mit Sprengstoffgürtel möglichst viele Juden zu töten.” Aber nicht, weil die Palästinenser damit nur gedroht hätten. Am Anfang standen reale Kriege und realer Terror, nicht ein Bedrohungsszenario.

    Ich komme darauf, weil überall aufgeregte Kommentare zum Gedicht “Was gesagt werden muss” von G. Grass erscheinen, das sich in erster Linie gegen ein “Recht auf Erstschlag” Israels gegen Iran richtet:
    http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809

    Das Gedicht mag schlecht sein, voller Schuldkomplexe, einseitig, Ursache und Wirkung verwechselnd und meinetwegen sogar von “hässlicher Sprache”, aber es ist nicht antisemitisch, weil es weder Juden als Rasse oder Kultur diffamiert noch das Existenzrecht Israels infrage stellt oder gar negiert.

    Wer etwas anderes behauptet, ist in der Beweispflicht, und eine Beweisführung wird durchaus versucht. Als besonders krasses Beispiel möchte ich den Gutachsler Richard Wagner zitieren, der in Grass’ Gedicht eine Forderung nach Entwaffnung Israels sieht und folgert: “Seine Entwaffnung aber wäre die Aberkennung des Rechts auf Selbstverteidigung, und damit die Aberkennung des Existenzrechts Israels.”
    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/dichtender_ostermarschierer_grass_entwaffnet_israel/

    Das ist ein bemerkenswerter Kunstgriff. Wagner sagt zwei Dinge:

    1.) Grass fordere die Entwaffnung Israels.
    Diese Behauptung wird durch kein Textzitat gestützt, was kein Wunder ist, da kein solcher Beleg existiert und die Behauptung also auch nicht zutrifft. Grass fordert stattdessen, dass die “Atomanlagen” Irans und das “atomare Potential” Israels behördlich kontrolliert werden sollen. Eine unrealistische Forderung, aber keinesfalls eine Forderung nach “Entwaffnung”.

    2.) Entwaffnung bedeute die Aberkennung des Existenzrechts.
    Eine merkwürdige Behauptung, das Motto eines Waffennarrs: Ich bin bewaffnet, also bin ich. Ohne Waffen bin ich nichts. Bayern hat keine Armee, also gibt es kein Existenzrecht Bayerns. Im Fall des geplanten Palästinenserstaates trifft sogar das exakte Gegenteil zu: Die Anerkennung des Palästinenserstaats im Rahmen der geplanten Zweistaatenlösung setzt eine weitreichende Entwaffnung der Palästinenser voraus. Motto: “Ich entwaffne mich, also werde ich sein.” Schön wärs natürlich, aber dies wäre ein Weg für einen anerkennenswerten Palästinenserstaat.

    Das Ziel dieser Kapriolen ist klar: Die an sich sinnvolle Formel “Antisemitismus ist, wenn das Existenzrecht Israels aberkannt wird” soll auf Teufel komm raus auf dem Wortlaut des Grass-Gedichts herausdestilliert werden, auch wenn sich dabei die Balken biegen.

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