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Hamed Abdel-Samad und die arabische Revolution

Prognosen sind eine unsichere Sache, sagt der Volksmund, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Man kann niemandem vorwerfen, kein Prophet zu sein; aber wenn jemand seinem Buch den Untertitel „Eine Prognose“ gibt, darf man schon fragen, wie genau diese Prognose war. Hamed Abdel-Samad hat den „Untergang der islamischen Welt“ vorhergesagt. Nachzulesen ist die Prognose auf den Seiten 224 bis 231 seines gleichnamigen Buchs.

Nun muss man vorausschicken, dass Abdel-Samad auf diesen wenigen Seiten verschiedene einander widersprechende Prognosen macht. So heißt es (S. 224) einerseits: „Was den Islam betrifft, kommt nach meiner Einschätzung zunächst der Zusammenbruch.“ Andererseits, nur wenige Zeilen später: „Der Weg der Modernisierung führt über den Umweg der totalen Islamisierung“. So etwas nennt man in der Finanzwelt „Hedging“: auf zwei entgegengesetzte Börsenentwicklungen setzen. Und Abdel-Samad setzt sogar noch auf eine dritte Variante: „Religionskriege … zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen säkularen und religiösen Kräften“ (S.225). Also: Zusammenbruch des Islam, Total-Islamisierung oder Religionskriege. Bliebe höchstens die Variante: Volksaufstand gegen die Despoten und Demokratisierung. Aber diese Möglichkeit hat Abdel-Samad schon deshalb nicht in Betracht gezogen, weil sein ganzes Buch den Beweis führen will, dass die vom Islam geknebelten Massen dazu gar nicht imstande sind. Zugegeben, niemand hat diese Entwicklung vorhergesehen, auch nicht die angeblich alles wissende CIA und der angeblich allwissende Mossad; aber wie gesagt: wenn man eine Prognose wagt, muss man damit rechnen, dass diese Prognose an der eingetretenen Wirklichkeit gemessen wird.

Die Seiten 226-228 sind – Dr. Guttenberg lässt grüßen – eine Paraphrase von Harald Welzers „Klimakriege“, einschließlich der unsinnigen Behauptung, beim Bürgerkrieg zwischen (dem islamistisch regierten) Nord- und (dem christlichen und animistischen) Südsudan sei es in Wirklichkeit um Wasser gegangen. Die letzten Seiten der Prognose frönen einer sozialdarwinistisch-biologistischen Weltsicht, die auf ihre Art kaum weniger erschreckend ist als die islamistische Denkweise, der Abdel-Samad nach eigenem Bekunden noch Jahre nach 9/11 anhing: „Zwei Prinzipien beherrschen das Leben und die Natur: Vielfalt und Flexibilität. Wer gegen sie verstößt, stirbt aus. Die islamische Welt tut dies seit geraumer Zeit und wird deshalb in sich zusammenfallen.“ Die letzten Sätze des Buchs lauten – in pseudophilosophischer Pseudotiefe: „Kulturen entstehen und verschwinden wie eine Sandburg am Strand. Das Meer aber bleibt und seine Wellen werden immer kommen und gehen, unabhängig davon, welche Gestalt die Sandburg am Strand hat.“ Oha. Gibt es in Deutschland denn keine Lektoren?

Nicht, wenn es um Leute mit Migrationshintergrund geht. Sie genießen einen Migrantenbonus. In paternalistisch-herablassender – im Kern rassistischer – Art wird alles, was ein schreibender Migrant zu Papier bringt, applaudiert, wie manche Eltern jedes Produkt ihrer Kinder „ganz toll“ finden – es mag, wie das vorliegende Buch, noch so philosophisch platt, gedanklich arm, und sprachlich problematisch sein. Und wenn er durchweg „Otto Schilly“ schreibt, wird auch das nicht weglektoriert.

Nicht, wenn es um die Beichte eines reumütigen ägyptischen Moslems geht, der zwar Sprachen und Politik studiert hat, nicht Islamwissenschaften, der aber dennoch als „Islam-Experte“ gilt. (Man stelle sich vor, was hier – zu Recht – los wäre, wenn sich ein deutscher Pfarrerssohn, der plötzlich den Irrtum seines bisherigen Glaubens eingesehen hätte, in Ägypten zum „Christentum-Experten“ ausrufen ließe.)

Abdel-Samads Buch ist ein Exemplar jener literarischen Gattung, die man Renegatenliteratur nennt. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass der Renegat – und ich weiß, wovon ich rede – der Ansicht ist, nur er und seinesgleichen würden aufgrund ihrer intimen Kenntnis die Verruchtheit der bis vor kurzem geglaubten und gelebten Ideologie erkennen; nur er und seinesgleichen würden wirklich die Vorzüge der Demokratie, die sie neu entdeckt haben, erkennen. Es gibt freilich großartige Werke der antikommunistischen Renegatenliteratur, man denke an Orwell, Koestler, Sperber, Kopelew, Solschenizyn und viele andere. Die antiislamische Renegatenliteratur hat bisher wenig Großes hervorgebracht. Vielleicht rührt die Qualität der Orwell, Koestler und Co. aus der Tatsache, dass sie Humanisten waren, bevor sie Kommunisten wurden, d.h. ihre Abkehr vom Kommunismus war eine Heimkehr in die eigene kulturelle Tradition. Bei den antiislamischen Renegaten hat man zuweilen das Gefühl, dass sie wie überbemühte Schüler zeigen wollen, wie viel sie gelernt haben; das ist fast so peinlich wie der Applaus der hiesigen Öffentlichkeit, der im Grunde genommen  nur sich selbst und die Assimilationsleistung des Konvertiten applaudiert. Der freilich verwechselt diese Herablassung mit echter Anerkennung, und das ist traurig.

Abdel-Samad widmet sein Buch seinem Vater, einem ägyptischen Imam, der ihm als Kind den Koran beibrachte. „Als Erwachsener sagte ich zu ihm: Ich bin vom Glauben zum Wissen konvertiert.“ Das ist ein gutes Beispiel für jenen Übereifer, den ich meine. Denn natürlich ist die Haltung der Moderne eben das Nicht-Wissen. Es ist der Gläubige, der absolute Antworten hat: Was ist der Sinn des Lebens? Des Leidens? Des Universums überhaupt? Was darf ich tun, was muss ich lassen? Was ist gut, was ist böse? Und so weiter und so fort. Der Nicht-Gläubige weiß das alles nicht, und noch viel mehr. Seine Haltung ist jener Relativismus, den Papst Benedikt XVI geißelt: wissenschaftlich ist nur, was widerlegt werden – was also im strengen Sinn eben nicht gewusst werden kann;  was heute richtig ist, kann morgen falsch sein; was erlaubt oder verboten ist, wird ausgehandelt; der politische Gegner könnte eventuell recht haben.  Der „Konvertit zum Wissen“ ist nach wie vor ein gläubiger, ein religiöser, ein vormoderner Mensch. Erst wenn man zum Nichtwissen konvertiert, ist man in der Moderne angekommen.

Dass Abdel-Samad bei seiner Konversion ausgerechnet auf Oswald Spenglers Schrift „Der Untergang des Abendlandes“ stieß, dem er nun den Titel seines Werks entlieh, ist ein besonderes Unglück. Denn Spenglers wirre Ideen von der Morphologie der Kulturen, sein Dekadenzbegriff und sein Rassismus werden auch dann nicht besser, wenn sie auf eine Gesellschaft wie die arabisch-islamische angewendet werden, die ausweislich der im Auftrag der UN von arabischen Wissenschaftlern verfassten „Arab Human Development Reports“ zu den rückständigsten der Erde gehören. Auch hier bestätigt sich die Beobachtung, dass auf dem Umweg der Islam-Kritik längst abgetane und überwunden geglaubte Ideologien Auferstehung feiern.

Was nicht heißt, das Islam-Kritik unnötig wäre. Im Gegenteil. Aber sie muss intelligent sein. Dass Abdel-Samads Buch nicht intelligent ist, schmerzt auch deshalb, weil sich seine Islam-Kritik in vielem wohltuend abhebt von der hysterischen Islamophobie vieler anderer Kritiker. So schriebt er etwa (S.49) über den Blick der islamischen Kultur auf den Westen: „Der andere wird auf eine Essenz reduziert, die alles steht, was die (Muslime) verachten… Auch Europäer spielen dieses Spiel gerne, wenn es um den Islam geht.“ Er schreibt auch (S.97) über ein Klima „der Verkrampftheit und Dünnhäutigkeit“, das „auch dafür verantwortlich (ist), dass eine Kopftuchträgerin automatisch auf eine Stufe mit Integrationsverweigerern und Terroristen gestellt wird“. Explizit gegen die Angst – also die Phobie – gerichtet, schreibt er (S. 103): „Das Projizieren der eigenen Ängste auf den jeweils anderen hilft nicht, sondern verschärft lediglich den Konflikt.“ Vor allem betont er – gegen die von Islamophoben propagierte Horrorvision einer Verwandlung Europas in „Eurabien“ (S.16f.): „Im Westen herrscht die Vorstellung, der Islam sei übermächtig und befinde sich auf dem Vormarsch. (…) Tatsächlich ist es jedoch so, dass sich die islamische Welt in die Defensive gedrängt fühlt (…) Was den Islam betrifft, mag er in seinem jetzigen Zustand alles Mögliche sein, nur eines ist er meines Erachtens gewiss nicht: Er ist nicht mächtig. Er ist im Gegenteil schwer erkrankt und befindet sich sowohl kulturell als auch gesellschaftlich auf dem Rückzug.“

So ist es. Nicht im Spengler’schen Sinn. Sondern eher im Sinne Francis Fukuyamas. Die Geschichte arbeitet der liberalen kapitalistischen Demokratie in die Hände. Schade, dass Hamed Abdel-Samad nicht ihn statt Spengler gelesen hat. Er hätte dann vielleicht auch die Revolte der Generation Facebook prognostiziert.

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12 Gedanken zu “Hamed Abdel-Samad und die arabische Revolution;”

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    @Alan Posener: Nachtrag: Es gibt Punkte wo ich Ihnen durchaus zustimmen kann. Die Ambivalenz dem muslimischen Migranten gegenüber- einerseits unbegründete Islamophie, andererseits übertriebene politische Korrektheit; auch die Arrogante Nachsicht, die Sie richtigerweise erwähnen, sehe ich ebenfalls.

    On the other hand, Deutschland hat sich z.B. in den dramatischsten Stunden der Ägypter nicht gerade mit Ruhm bekleckert.
    Der Islam hat in Europa, besonders in Deutschland, nur wenige, handverlesene populäre Vertreter, die nicht nur unsere Sprache sprechen, im wahrsten Sinne des Wortes, sondern auch noch unser System durchschauen. Und diese Protagonisten benötigt er ganz dringlich, in einer Gesellschaft, in der auch der Islam langsam angekommen ist.

    Herr Abdel-Samad gehört zu diesem Brückenbauern. Womöglich hat er Ihren wissenschaftlichen Unmut erweckt, das kann ich nicht ebenso gut beurteilen, wie Sie.
    Er hätte aber womöglich die Chance verdient, daß nicht ausgerechnet ein Alan Posener den ersten Stein wirft!

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    @Alan Posener: Nicht jeder Ihrer Vergleiche hält dem gesunden Menschenverstand stand. Im Gegensatz zu den bekannten und unbekannten Islamkritikern, die bestenfalls nur rudimentäre Kenntnisse des Islams haben, dürfte sich Herr Abdel-Samad, als ehemaliger praktizierende Muslim jetzt doch eher zu den Fachleuten zählen.

    Voller Eigeninteresse habe ich mich gerade in die verschiedensten Prognosetechniken eingelesen.Angebliche Erfordernisse dazu wären Nichttrivialität,Objektivität und Validität. Hat Herr Abdel-Samad tatsächlich gegen all diese Voraussetzungen verstoßen.

    Die unzuverlässigste Prognose, die mir bekannt ist, ist die Wetterprognose. Trotzdem, und entgegen jeder Vernunft, wird täglich darauf zurückgegriffen.
    Soviel zu meinem naiven Verständnis von Prognosen.

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    Rein interessehalber habe ich mir gerade mal die von Guttenberg GmbH angeschaut. Sie stellt unter anderem Dämmstoffe für den Trockenbau her.

    Auf einen Doktortitel mehr oder weniger, in der Deutschen Politik, kommt es nicht mehr an, einen Wert an sich stellen diese offenbar nicht dar, laut unserer Kanzlerin.

    Wenn ich mir vorstelle, daß der Gesetzgeber verlangt, daß wir unser Häusle innerhalb der nächsten 30 Jahre vorschriftsmäßig dämmen müßen, dann glaube ich jetzt wenigstens zu wissen, warum ich mich womöglich so richtig aufregen sollte, oder?

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    Eine kluge Analyse, auch wenn ich Abdel-Samad ein wenig sympathischer finde als seine Gesinnungsgenossen wie Necla Kelek oder Ayaan Hirsi Ali. Bei Abdel-Samald habe ich nämlich zumindest den Eindruck, dass er kein Heuchler ist, der der Mehrheitsgesellschaft gefallen wird und ihr daher nach dem Mund redet, sondern dass er an das glaubt, was er schreibt.

    Bei Kelek, Hirsi Ali oder auch Ates habe ich dagegen immer den Eindruck, dass sie eine Marktlücke gefunden haben, in der sie es sich nun gemütlich einrichten. Das ist natürlich sehr geschäftstüchtig, aber anständig ist es nicht.

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    Das Buch kann ich leider nicht beurteilen, da ich es nicht gelesen habe, aber auch bei mir hat Abdel-Samad, wenn ich ihn in Talkshows und anderen Sendungen gesehen habe, einen guten Eindruck hinterlassen, da er sich vom Alarmismus der Broders und Sarrazins wohltuend abhebt. Einleuchtend fand auch ich die Erklärung, dass die Gewalt, die von Vertretern des orthodoxen Islams ausgeht, eher eine Reaktion auf gefühlte und tatsächliche Ohnmacht denn ein Machtbeweis ist. Besonders dankbar war ich ihm für ein paar Sätze, die in der Sendung mit Broder (Deutschland-Safari) gefallen sind: „Warum musst du immer den Kasper spielen? Komm doch mal aus deiner Broder-Rolle raus!“ — Herrlich!
    Gefreut habe ich mich darüber, dass er im Zuge der Revolution nach Ägypten gereist ist und sich an den Demonstrationen beteiligt hat, statt vom sicheren Schreibtisch aus die Lage zu beurteilen. Seine Schilderungen der Proteste, z.B. im „Heute-Journal“ fand ich teilweise sogar bewegend. Vor allem die Bitte an die westliche Welt, insbesondere an Israel, die Ereignisse in Ägypten nicht als Bedrohung zu empfinden und den Revolutionären die Hand zu reichen und beim Aufbau demokratischer Strukturen zu unterstützen. Das fand ich gerade deshalb wichtig, da ungeachtet der außenpolitischen Verlässlichkeit des Mubarak-Regimes, dieses Regime keine Hemmungen hatte, nach innen den Antisemitismus zu befördern und schon die Kinder in den Grundschulen damit zu indoktrinieren.

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    Der Islam ist wie der Sozialismus eine Ideologie die ‚gleichschaltet‘. Das genau so lange, wie es was zu verteilen – etwas zu ‚enteignen‘ – gibt.
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    Sind die Ressourcen aufgebraucht – verschwinden beide, Sozialismus und Islam, von der Bildfläche.
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    Im Sozialismus sind Ressourcen: Know-how, Kapital und Produktionsstätten der vorangegangene Epoche, die ‚kapitalistische Produktionsweise‘, und auch die Eroberung anderer Länder.

    Im Islam sind Ressourcen: Energie-Quellen (Erdöl, Erdgas) und ebenfalls die Eroberung anderer Länder.
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    Ein ‚paar Gläubige‘, ‚Nutznießer‘ im Sinne von Sozialismus und Islam, die es noch einmal probieren wollen, bleiben immer übrig. In dieser Phase sind wir gegenwärtig. (Das reicht als Buch. Oder? Grob jedenfalls meint mein Hamster. 😉 )

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    @ Don Camillo: „Posesener“ ist gut. Und der Spruch heißt richtig: „Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.“ Zur Theorie wurde diese richtige Erkenntnis von Karl Popper (in seiner Kritik des historischen Determinismus) und vom Börsenexperten Nassam Nicolas Taleb („Black Swan Theory“. bittesehr:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Black_swan_theory

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    Tut mir leid, Herr Posesener, aber da kann ich Ihnen nicht mehr folgen. Da vertrau´ ich doch lieber auf den Spruch: „Meistens kommt es anders, als man denkt“. Ich weiß nicht mal, von wem der ist.

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