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Von den Lustknaben

Spätrömische Dekadenz: die Badehäuser und Bordelle boten den Bürgern Roms junge Sklaven, zumeist griechische Knaben, die Gedichte rezitieren und zu körperlichen Diensten bereitstehen konnten. Vergangene Zeiten?

Allenthalben finden wir in den Nachrichten Zustände wie im alten Rom. Kindesmissbrauch ist ein Thema geworden, das die Menschen nicht loslässt, weil es die Medien nicht loslassen. Die Spirale der Empörungskommunikation wird mit Eifer gedreht, täglich neue Ungeheuerlichkeiten.

Jetzt sollen es fünfzig, nicht vierzig missbrauchte Schüler in dem sagenumwogenen Odenwald-Internat gewesen sein. An der jesuitischen Musterschule in Berlin gibt es nunmehr einen „eckigen“ Tisch, an dem sich Opfer und Tätervertreter gegenübersitzen.

Ein Politiker steht vor Gericht, weil er tausende Fotos der Kinderpornografie auf seinem Handy speicherte, angeblich um so seine parlamentarische Meinungsbildung zu befördern. Aus einer konkreten Verlegerfamilie der 68er Generation hört man Bezichtigungen, die auf eine anhaltende Geisteskrankheit aller Mitglieder schließen lassen.

Die von Empörungsgier befeuerte Ökonomie der Medien tobt sich an einem Thema aus, das das Publikum erschauern lässt. Das Publikum geifert nach Tabubrüchen, die den Blick in die Abgründe des Menschlichen ermöglichen. Täglich ein wenig Entsetzen vor der eigenen Natur, wie seinerzeit Ödipus, der den Vater erschlagen und die Mutter geehelicht hatte.

Diese ekelhafte Mischung aus Lüsternheit und moralischer Attitüde kennt man aus anderen Kampagnen des Boulevard; hier aber ist sie besonders intensiv. Ein Tabu wankt. Auch die Tabuwächter lassen es wanken. Dabei geht mehr zu Bruch als Konventionen zu generationsübergreifender Liebe. Der katholische Klerus hat alles getan und alles unterlassen, um ein Konglomerat aus Zölibat, Homosexualität und Päderasmus als notorische Deformation von Priesterseelen zu kommunizieren. Durch die schwulen Protagonisten der protestantischen Reformpädagogik ist das Täterprofil entscheidend verlängert. Da wird der Odenwald zum Hodenwald. Und es wächst in den Köpfen zusammen, was nicht zusammen gehört.

Hier liegt das wesentliche Problem: eine assoziative Klammer entsteht zwischen so unterschiedlichen Dingen wie Seelsorge, Pädagogik, gleich- oder fremdgeschlechtlicher Orientierung oder Enthaltsamkeit auf der einen Seite und dem Vergehen an Kindern andererseits.  Das abstruse Ressentiment wird von allen Seiten gefüttert.

Ein Alt-Bundeskanzler, der sich ansonsten prädementer Selbstüberschätzung und peinlichem Zeitungsmarketing widmet, räumt ein, dass die Quote der Homosexuellen unter Priestern höher sein mag. In den Feuilletons feiern mit dem Lolita-Syndrom notorisch überschätzte Schwulst-Romane eine Wiedergeburt für die Nachttische alter Männer.

Die süßliche inszenatorische Aura um Papst Benedikt und Herrn Gänswein nährt lutherische Distanz zum Vatikan. Und die Pädagogik, jene Hilfswissenschaft der  Steißbeintrommler, schwätzt vom gleichnamigen Eros. Da hat die unerträgliche PH-Professorin Rita Süßmuth gerade noch gefehlt, denkt man, und schon melden die Ticker: sie managt das jetzt im Odenwald.

Es ist rundheraus unerträglich, was hier als Melange zusammengerührt wird. Und doch ist es typisch für Massenpsychosen, die den Pöbel erregen, aber Einsicht in das Problem verstellen. Eine solche Verbindung von Unvereinbarkeiten ist für Ressentiments keine Ausnahme, sondern die Regel.

Wer den Antisemitismus der deutschen Nationalsozialisten studiert, findet hierfür beängstigende Beispiele. Will man sich dem Sog in den irrationalen Sumpf der Vorurteile entziehen, bedarf es des Skalpells der Urteilskraft.

Man trenne, was zu trennen ist. Was ist der Kern?  Ein Tabu steht zur Debatte, das Verfassungsrang hat. Es ist mit dem Euphemismus der Pädophilie, wörtlich übersetzt, der Liebe zum Kind, nur zynisch beschrieben. Es geht um die sexuelle Ausbeutung von Schutzbefohlenen im Kindesalter, um Mordversuche an Kinderseelen durch Missbrauch ihrer Körper. Aber es geht eigentlich nicht um Sex.

Die Bezüge sind nicht sexuelle Vorlieben der Menschen. Die Bezüge liegen tiefer, sie sind fundamental. Wir reden über die Basis von Staat und Gesellschaft. Wir reden über historischen Fortschritt, den auch die Geilheit alter Männer nicht zurückzudrehen hat.

Menschen sind keine Sachen, auch nicht Frauen und Kinder. Wir kennen keine Sklaven mehr. Wir haben Kinderarbeit verboten. Wir haben Fürsorgepflicht gegenüber Schutzbefohlenen, dazu gehört auch die Schulpflicht. Wir unterstellen die Familie, und das heißt die Kinder heranziehende Gemeinschaft, dem besonderen Schutz des Staates.

Wir haben die Würde des Menschen zum Kernbegriff unserer Wertordnung gemacht. Das alles ist so grundsätzlich, dass andere Rechte dahinter zurückzustehen haben. Das der Informationsfreiheit, auch im Internet. Das der sexuellen Freizügigkeit, wenn sie Minderjährige einbeziehen will. Damit ist nichts zum zunehmenden Selbstbestimmungswunsch Heranwachsender gesagt. Kinder und Jugendliche haben, so sie sich gegenseitig achten, ein Recht auf Liebe, Erotik, Sexualität, ohne dass die Polizei die Ausweise kontrolliert. Aber Erwachsene haben kein Recht auf Kinder.

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10 thoughts on “Von den Lustknaben

  1. avatar

    @ Bredenberg:

    “Leider kann ich nicht erkennen, ob unter dem Pseudonym typ3000 nicht Herr Kocks, an den mein Kommentar gerichtet ist, selber steckt…”

    –> Wovor haben Sie Angst?

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    @typ3000
    Leider kann ich nicht erkennen, ob unter dem Pseudonym typ3000 nicht Herr Kocks, an den mein Kommentar gerichtet ist, selber steckt und bleibe daher die Antwort schuldig. Zugleich gebe ich hier gerne zu erkennen, was ich von Fragestellern halte, deren Impressum nicht wenigstens über einige Klickstrecken erreichbar ist.

  3. avatar

    @Bredenberg:

    “Wie immer man Helmut Schmidt beurteilt. Er ist ohne eitle Imagepfleger ausgekommen.”

    –> Meinen Sie, Schmidts Imagepfleger waren nicht eitel? Oder dass er gar keine (nötig/bezahlt/gebraucht) hat?

    Zu beiden Möglichkeiten möchte ich Sie fragen: Woher wissen Sie das?

  4. avatar

    Es ist rundheraus unerträglich, was hier als Melange zusammengerührt wird. Und doch ist es typisch für die Beiträge von Herrn Kocks, die den intellekutellen Pöbel erregen, aber Einsicht in das Problem verstellen.

    Vor allem ist es traurig, wenn Herr Kocks teilweise sehr richtige und wichtige Gedanken, durch seine zwangsphantasmagorianisch erscheindenden Ausfälle à la “süßliche inszenatorische Aura” letztlich entwertet.

    In Demut und dem Wissen, meine eigene Regel wieder verletzt zu haben, bin ich im übrigen der Meinung:

    Herr Kocks sollte ignoriert werden!

  5. avatar

    Es sollte heißen:

    Was können wir zukünftig von Ihnen noch an prädementen Kommentaren erwarten.???

    Auf solche grobe Klötze gibt es nur grobe Keile!

  6. avatar

    Lieber Herr Kocks,

    Prädemenenz kann auch schon im zarten Alter von 50+ beginnen …

    Wenn Sie mit diesem Satz:

    Ein Alt-Bundeskanzler, der sich ansonsten prädementer Selbstüberschätzung und peinlichem Zeitungsmarketing widmet, räumt ein, dass die Quote der Homosexuellen unter Priestern höher sein mag.

    Helmut Schmidt meinen…

    Dann stellt sich für mich nur die Frage:

    Was können wir zukünftig von Ihnen noch ein prädementer Kommentare erwarten.

  7. avatar

    Da hat Klaus Kocks mal wieder die Reizwäsche auf die Leine gehängt und den kleinen Schlüpfer mit Eingriff direkt daneben.

    Gut so, denn: Beim Thema Missbrauch von Schutzbefohlenen, insbesondere Minderjährigen, müssen die Scheinwerfer immer mal wieder angehen. Zu lange schwelte alles in der Düsternis. Allerdings scheint es mir wichtig, die Begrifflichkeiten ein wenig zu sezieren und das Thema etwas zu differenzieren, damit es nicht auf dem Boulevard verfault.

    Es sind u.a. zu unterscheiden:
    a) Pädophilie,
    b) Pädosexualität,
    c) homophile Pädosexualität,
    d) Machtmissbrauch im Allgemeinen,
    e) Machtmissbrauch mit Schutzbefohlenen (inkl. Gewalt),
    f) Machtmissbrauch mit Pädosexualität,
    g) Pädokriminalität
    etc.

    Das ist deswegen wichtig, weil eine Empörung über pädophile Ausrichtung (statistisch geschätzt: 1 Prozent der Weltbevölkerung) und weitergehend pädosexuelle Praktiken zu einfach mit strukturellem Machtmissbrauch vermengt wird. Die pädosexuelle Triebausrichtung gehört ins Berufsfeld der Psychiatrie, Pädokriminalität klassischerweise in die Forensik. Sie ist nach wie vor noch schwer zu therapieren und die Triebtäter bekommen in den meisten Fällen schlechte Rückfallprognosen.

    In die Medien aber gehört das Thema Machtmissbrauch, vor allem in besonderen Abhängigkeitsverhältnissen.

    Was im letzten halben Jahr ins Wanken geriet, war ein Gebäude institutioneller Machthierarchien, vornehmlich in den Traditionsfeldern der kirchlichen (esp. katholischen) Gemeinschaften und geschlossener Erziehungsanstalten sowie internatsähnlicher Schulen. Das Verwerfliche und schwer Begreifbare war (und ist) die Systematik, die Selbstverständlichkeit, das Schweigen und Vertuschen und somit der Perpetuierung der Zustände.

    Es geschah zunächst von innen heraus, dass sich die Opfer rührten, Laut gaben und mehr und mehr zum Chor der Geschändeten wurden. Eine Lawine der Aufklärung qua redlicher Empörung wurde losgetreten. So konnte die Öffentlichkeit in die dunklen Nischen schauen und die schweren Vorhänge vor den Geschehnissen zur Seite ziehen. Hier wurde hoffentlich nachhaltig genug umgewälzt, damit sich aus den gewachsenen institutionellen Machtstrukturen moderne, transparente Gemeinschaften entwickeln.

    Aber es ist wichtig, von Zeit zu Zeit nachzuhaken, auf rote Schühchen zu treten und aufzurütteln.

    Es sollte jedoch mit dem Vorurteil Schluss gemacht werden, dass jeder Schäfer Sodomie betreibt und jeder angehende Priester sich auf den Ministrantenschlafsaal freut.

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