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Kleiner Leitfaden fürs Kanzler-Duell

Keine Frage, heute abend erleben wir die spannendsten 90 Minuten dieses Wahlkampfes. Die eigentliche Arbeit kommt dann allerdings erst hinterher. Denn alle Diskussionen werden in der einen, einzigen Frage münden: Wer hat gewonnen?

Schon heute abend stehen Dutzende von Meinungsführern, Spin-Doktoren, Parteiarbeiter bereit, ihren jeweiligen Sieger auszurufen. Hören Sie Ihnen ruhig zu, doch entscheiden Sie selber. Hier ist ein kleiner Leitfaden, wie Sie dann morgen bei den Siegesdiskussionen in der Kaffeküche und der Kantine ebenso glänzen wie der von Ihnen ausgerufene Sieger.

Optik: Wie uns die Verhaltensbiologen immer wieder sagen, erkennen wir in Bruchteilen von Sekunden, ob wir neue Bekannte sympathisch finden. Nun sind Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel nicht gerade neue Bekannte, doch auch für sie gilt heute, dass der erste Eindruck zählt. Gefällt Ihnen die Farbe von Merkels Jackett? Wie finden Sie die Krawatte von Steinmeier? Keine Sorge, das sind keine Lappalien. Die Teams von beiden Duellanten haben darüber lange gebrütet. Als Edmund Stoiber und Gerhard Schröder 2002 im Studio feststellten, dass sie fast identische Krawatten anhaben (warme Rottöne, gestreift – sollte sympathisch machen), wurden eiligst Krisensitzungen einberufen und überlegt, ob man noch neue Binder beschaffen könne.

Taktik: Steinmeier bekommt die erste Frage, Merkel die letzte. Das gibt ihr einen leichten Vorteil. Der SPD-Kandidat kann ihn mit einem starken ersten Aufschlag allerdings wettmachen. Also: Hat er sie überzeugt mit seinem ersten 90-Sekunden-Statement? Viel länger sollen die beiden pro Antwort nicht reden, eine Uhr wacht darüber.

Sach-Inhalte: Sie sind wichtig, aber nicht am wichtigsten. Bei den interessantesten Streitfragen sind die Positionen ohnehin klar. Merkel will die Steuern irgendwann senken, Steinmeier nicht. Merkel will an der Atomenergie festhalten, Steinmeier nicht. Viel wichtiger ist, wie sie ihre Argumenten rüberbringen. Sachlich, polemisch, witzig? Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass einer von beiden aggressiv wird. Es wirkt nicht gut und entspricht nicht dem Naturell der beiden. Sollte es einer allerdings schaffen, den anderen in aggressive Stimmung zu versetzen, buchen Sie es als Punktsieg für ersteren ab. Viel, viel wichtiger ist Schlagfertigkeit und Humor. Das macht Eindruck beim Publikum und gibt die wichtigen Sympathie- und vor allem Vertrauenswerte.

Fazit: Letztlich wird es auf Sympathie, Vertrauen und Kompetenz ankommen. Wem traue ich zu, dieses Land vier Jahre zu regieren? Bei wem habe ich beim Zuhören öfter zustimmend genickt? Bei Merkel wird ausreichend sein, wenn sie Ihren Erwartungen entspricht. Steinmeier muss sich mehr anstrengen: Der Sieg wird seiner nur dann sein, wenn er uns alle so richtig positiv überrascht und wir hinterher sagen: „Wow, so kenne ich den gar nicht, das war beeindruckend, der hat doch das Zeug zum Kanzler.“

Aktuelle Einschätzungen heute abend live bei meinem Twitter-Feed @wasmachtmerkel

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