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Islamhass und Judenhass

Man muss den polnischen Rechtsextremisten dankbar sein. Sie zeigen nämlich – anders als die LePen, Wilders, Petry und Co., die gelernt haben, dass offener Antisemitismus in Westeuropa zurzeit noch eher hinderlich ist beim Kampf um die Macht – ihr wahres Gesicht. Und das ist zugleich islamfeindlich und antisemitisch, wie die Ereignisse in Breslau zeigen.
Einige Leute in Deutschland – Juden und Nichtjuden – leugnen diesen Zusammenhang immer noch. Jakob Augstein etwa.

Es passt der antiisraelischen deutschen Linken, sich einzubilden, die Rechte sei pro-israelisch. So muss sie ihren eigenen Antisemitismus nicht in Frage stellen. Es passt der deutschen Rechten, sich als pro-israelisch hinzustellen. So muss sie sich keine unbequemen Fragen zu ihrem eigenen Antisemitismus stellen lassen. Tatsächlich einigt der Antisemitismus Linke und Rechte, christen, Muslime und Atheisten. Er ist der kleineste gemeinsame Nenner der „dummen Kerls“ (August Bebel) aller Couleur.
Wie ich verschiedentlich gezeigt habe, kann man den Antisemitismus nicht bekämpfen, ohne den Islamhass zu bekämpfen. (Hier etwa ein Text von mir, der damals noch auf der „Achse des Guten“ erscheinen durfte. Heute wäre das unmöglich.)

Heute will ich, auch nicht zum ersten Mal, anhand eines bei Roland Tichy (der selbstverständlich kein Propagandist der Neuer Rechten ist) erschienenen Elaborats der selbsternannten Islamexpertin Barbara Köster zeigen, wie selbst Texte, die vorgeben, den Islam zu kritisieren, weil er antisemitisch sei, sich selbst antisemitischer Argumentationsmuster bedient.

Köster ist insofern eine Ausnahme unter den Islamkritikern, als sie das Christentum nicht in Schutz nimmt. Im Gegenteil. Sie macht das Christentum sogar für den Judenhass im Islam verantwortlich: „Der Judenhass ist Teil des christlichen Erbes des Islams, das, wie an anderer Stelle ausgeführt, essentiell für ihn ist.) Judenhass war lange Zeit politisch korrekt, gestützt vor allem von der Kirche, ohne deren Vorarbeit der Holocaust nicht möglich gewesen wäre. (…) Hitlers Motto lautete: „Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn!“ (Mein Kampf, S. 70, i. O. gesperrt gedruckt) Er sah sich als Weltarzt, dessen Erlösungswerk die Ausrottung der Juden war. Hitler wurde niemals exkommuniziert. Die katholische Kirche war ihm das bewunderte Vorbild für Struktur und Ästhetik von Herrschaft.“
Köster, die auch (wie ich) gelegentlich für den „Humanistischen Pressedienst“ schreibt, fasst zusammen:
„Aufklärung und Reformation waren keine rein geistigen Prozesse. Es gab Gewalt und Krieg in Europa. Die alten religiösen Mächte gaben nicht klein bei, weil eine schöne, neue, überzeugende Idee auf den Plan trat und sie von ihr bezaubert waren, sondern sie wurden in die Knie gezwungen. Dem Islam, der die katholische Kirche als Speerspitze der Gegenaufklärung in Europa abgelöst hat, bzw. ihren konservativen Kräften zur Seite steht, widerfährt heute das Gegenteil. Er tritt in Europa zu einer historischen Zeit auf den Plan, in der die Idee vom Fortschritt schwach geworden ist.“

Darum werde er leider nicht, wie ehedem die „alten religiösen Mächte“, mit Gewalt „in die Knie gezwungen“, sondern toleriert, umhegt und gehätschelt.
Nun muss man kein Freund des Katholizismus sein, um die von Köster so bewunderten Gewalttaten gegen die Kirche – etwa während der Französischen Revolution – für ein eher dunkles Kapitel der Geschichte zu halten, bei der die Aufklärung ihre eigenen ideale verriet. Man muss aber auch kein Geschichtsexperte sein, um festzustellen, dass diese Gewalttaten eine Ausnahme waren. Die Aufklärung setzte sich nach der blutlosen „Glorreichen Revolution“ in Großbritannien und der zwar blutigen, aber nicht antireligiösen Revolution in den USA überall dort friedlich durch, wo demokratische Verhältnisse herrschten. Eine Lehre, über die es sich lohnt nachzudenken, wenn man die islamische Welt heute betrachtet.
Nicht über den militanten Atheismus will ich hier reden, obwohl auch – ja gerade – er als Einfallstor für den Antisemitismus dienen kann. Sondern über die Entlastungsfunktion des Islamhasses in Deutschland, der es einigen Deutschen erlaubt, antisemitische Vorurteile weiterhin auszuleben (und deshalb für die Rechte eine ähnliche Funktion erfüllt wie der Israelhass für die Linke.) die Entlastungsfunktion wird bereits in der Überschrift deutlich (für die freilich möglicherweise Kösters nichts kann): „Scharia: Arbeit am Endsieg“. Das, was die Nazis tatsächlich anstrebten, der militärische „Endsieg“, verbunden natürlich mit der biologischen „Endlösung“, wird dem Islam unterstellt.
Die Entlastungsfunktion kommt auch im folgenden Absatz deutlich zum Ausdruck: „Westliche Gesellschaftstheoretiker gefallen sich darin, die Verantwortung für den Totalitarismus islamischer Prägung den modernen Vorbildern Faschismus und Marxismus anzulasten. Darin steckt einerseits subtile Polemik: Liebe Moderne, selbst schuld, aber zugleich ein unangebrachtes Maß an Selbstüberschätzung. Nicht auf alles auf der Welt hat die westliche Moderne ein Copyright.“
Gewiss doch. (Wobei es fraglich ist, ob man ausgerechnet Nationalsozialismus und Bolschewismus als Ausdruck „der westlichen Moderne“ bezeichnen kann.) Aber nur, wer die Geschichte des Nahen Ostens nicht kennt, kann die Verantwortung der deutschen Nationalsozialisten für die Entwicklung des arabischen Judenhasses leugnen. Jeffrey Herf hat darüber eindringlich geschrieben. Indem man diesen Einfluss – und den Einfluss des sowjetischen Antizionismus auf die arabischen Klientel-Staaten des Ostblocks wie Irak und Syrien – leugnet, spricht man sich selbst jeglicher Verantwortung frei. Der Islam kann – wie ehedem das Judentum – als das unbedingt und unvermittelt Fremde dämonisiert werden.
Dies geschieht bei Köster wie schon bei den Antisemiten gegenüber dem Judentum: indem geleugnet wird, dass es sich beim Islam überhaupt um eine Religion handelt. „Die Scharia, das Gesetz, macht den Islam aus. Dem Islam kommt es auf Glauben nicht an, es geht um die Scharia, notiert der islamistische Vordenker Sayyed Qutb in seiner programmatischen Schrift Milestones. Die Theologie ist zweitrangig. ‚Theologie, wie sie im Westen verstanden wird, ist im Christentum zentral, im Gegensatz zum Islam, wo Theologie nicht so wichtig ist wie das islamische Recht‘“ schreibt einer der bedeutendsten muslimischen Denker der Gegenwart, Seyyed Hossein Nasr. Derselbe Gelehrte fügt hinzu: „Islam ist eine Nomokratie, das heißt ein System, das vom Gottesrecht regiert wird.“ (Nasr, A Young Muslim’s Guide to the Modern World, Kindle Pos. 1244-1245: „Islam is a nomocracy, that is a system of rule by Divine Law.“) Dieser Satz kann gar nicht oft genug wiederholt werden. Der Islam ist in erster Linie Nomos.“ Damit man sich das auch merkt, hat Herr Tichy, der kein Rechtspopulist ist, eine Zwischenzeile eingebaut: „Die Scharia macht den Islam aus, nicht der Glaube.“
Nun soll hier nur in Parenthese angemerkt werden, dass Sayyed Qutb, Begründer der Muslim-Bruderschaft, also des politischen Islam, in der islamischen Welt nicht gerade unumstritten ist. Qutbs Aussagen über den Islam als Wahrheit wiederzugeben ist etwa so seriös wie – sagen wir – die Wiedergabe der Aussagen radikaler Evangelikaler gegen Charles Darwin als Position des Christentums. Übrigens leugnet auch der von Köster zitierte iranische Philosoph Sayyed Hossein Nasr die Evolution, die er nicht ganz zu Unrecht für „die Zeltstange des Modernismus“ hält. Ob der Schiit und Schüler des deutschen Philosophen Frithjof Schuon aber „einer der bedeutendsten muslimischen Denker der Gegenwart“ sei, dürfte auch ebenso umstritten sein wie die Bedeutung, sagen wir, Eugen Drewermanns als christlicher Denker. Wichtiger ist die pejorativ gemeinte Ablehnung des Islam als „Glaube“. Ganz ähnlich argumentiert Adolf Hitler in dem ersten uns bekannten Artikel aus seiner Feder, dem Gutachten über den Antisemitismus von 1919:
„Zunächst ist das Judentum unbedingt eine Rasse und nicht Religionsgenossenschaft (…) Durch tausendjährige Innzucht, häufig vorgenommen in engstem Kreise, hat der Jude im allgemeinen seine Rasse und ihre Eigenarten schärfer bewahrt, als zahlreiche der Völker, unter denen er lebt. Und damit ergibt sich die Tatsache, daß zwischen uns eine nichtdeutsche fremde Rasse lebt, nicht gewillt und auch nicht im Stande, ihre Rasseneigenarten zu opfern, ihr eigenes Fühlen, Denken und Streben zu verleugnen, und die dennoch politisch alle Rechte besitzt wie wir selber. Bewegt sich schon das Gefühl des Juden im rein Materiellen, so noch mehr sein Denken und Streben. Der Tanz ums goldene Kalb wird zum erbarmungslosen Kampf um alle jene Güter, die nach unserm inneren Gefühl nicht die Höchsten und einzig erstrebenswerten auf dieser Erde sein sollen.“

Natürlich sagt Köster nicht, der Islam sei „Rasse“. Sie sagt, er sei eine politische Ideologie zur Durchsetzung der Weltherrschaft der Muslime, zur Erreichung des „Endsiegs“ der Scharia. Die Argumentation ist nicht identisch. Sie ist nur ähnlich. Das sieht man auch daran, dass Köster die Aussage, der Islam sei eine Nomokratie, für entscheidend hält; eine Aussage, die „man gar nicht oft genug wiederholen kann“, weil sie die finsteren Ziele dieses Nicht-Glaubens offensichtlich zur Genüge entlarvt.
Man vergleiche damit diese Aussage über das Judentum:
„Die Charakterisierung des jüdischen Staates (malchut) als Theokratie ist nur in formeller Hinsicht richtig, insofern damit die Verankerung im Bunde mit Gott gekennzeichnet wird, und da der jüdische Staat manche der Theokratie eigentümlichen Merkmale aufweist. Aber doch ist die Charakterisierung der jüdischen Staatsform als einer theokratischen, die sich erstmals wohl bei Josephus findet, irreführend, da der Staat, vom Gesetze beherrscht, die Erfüllung des Gesetzes inmitten der menschlichen Gemeinschaft zum Zweck hat und somit eher als Nomokratie angesprochen werden kann.“
Es handelt sich um einen Artikel über jüdisches Staatsrecht vom (jüdischen) Gelehrten Marcus Cohn, erschienen zwischen 1927 und 1930 im „Jüdischen Lexikon“.

Und damit man mir nicht unterstellt, ich würde – wie Köster – einen eher abseitigen Denker zitieren, hier spricht der Oberste Rabbiner Großbritanniens, Jonathan Sacks, über die, sagen wir, politische theologie des Judentums: „Third, it is a G‑d-centered politics. There was no word for this in the ancient world, so Josephus had to coin one. He called it ‘theocracy’. However, this word has been much abused and taken to mean what it does not, namely rule by clerics, priests. That is not what Israel was. Again, an American phrase comes to mind. Israel was ‘one nation under G‑d.’ If any single word does justice to the vision of Deuteronomy, it is not theocracy but nomocracy, ‘the rule of laws, not men.’”

“Nomokratie”, “the rule of law”: der Rechtsstaat. In dem „der Jude“ und „der Moslem“ die gleichen Rechte besitzt „wie wir selber“. Ein Zustand, den Hitler dringend aufheben wollte durch einen „Antisemitismus der Vernunft“; denn schließlich geben solche „alten Mächte“ wie das Judentum oder der Islam „nicht klein bei“, sondern sie müssen „in die Knie gezwungen“ werden. Womit der Rechtsstaat verloren geht. Was ja im Grunde genommen das Ziel der Übung ist, in Polen wie hierzulande. Wehret den Anfängen.

95 thoughts on “Islamhass und Judenhass

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    Zu Ihrer Identitätsdiskussion hier, die mich interessiert, möchte ich einige Beobachtungen zufügen.
    Wir einigermaßen gebildeten, zwischen 1940 und 1960 geborenen Michels hatten keine deutsche Identität. Unsere Identität war Schuld. Mit der Zeit vertiefte sich das bei einigen, bei anderen, die ich als normaler empfinde, dünnte sich das aus. Man arbeitete, zahlte Steuern, hatte mit der Schule zu tun und den Kindern; und durch diese Aufgaben und Bindungen bekam man allmählich eine Identität, meist eine länderspezifische (Norddeutscher, Alemanne, Bayer etc.) Einige Chancenlose hatten natürlich keine. Manche sind nach Syrien gelaufen, nur um eine zu haben.
    Aber die Mehrheit hatte eine. Die Muslime, die Schwierigkeiten mit dieser Gemengelage hatten, hatten dann statt dessen eine muslimische.
    Was ich sagen will, ist, dass niemand, der noch in zweiter Generation mit WWII verknüpft war, automatisch eine Identität hatte. Das hat m.E. sehr wenig mit Mischehe zu tun. Ich fand sogar, dass die Leute, die mit Polen/Franzosen/Amerikanern verheiratet waren, es leichter hatten.
    Jetzt wird das Gewachsene auseinandergerissen. Plötzlich, mit einmal, soll man nicht mehr stolz sein dürfen auf Gewachsenes, sich bloß nicht definieren, weder als Vater und Mutter (Elter!), noch als heterosexuell, und am besten schämt man sich erneut, diesmal nicht für die Shoah, sondern, dass man weiß und heterosexuell ist und die Eltern keine Mischehe hatten. Das ist absurd. Ich hoffe, dass das wieder nachlässt, wenn Obama Geschichte ist, denn dort kommt ein Teil dieses Herumdoktorns an gewachsenen Strukturen und menschlicher Psyche her.
    Also, wir haben alle ähnliche Probleme. Und ich glaube, wir sollen identitätslos gemacht werden (und dann evtl. gechipt werden). Das geht aber nicht. Jeder, der einen Hund oder eine Katze hat, weiß das. Identitätslosigkeit empfinde ich als Nihilismus.
    Wir haben heute m.E. alle einen gemeinsamen Feind: Ausufernde technik- und machbarkeitsbesessene obsessive Wissenschaft, vor allem, wenn sie von Staaten beauftragt wird oder gar vom tiefen Staat. Daher müssen wir Brücken bauen.

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    …müssen DIE Juden nicht nicht persönlich nehmen!
    Welche? Die getauften, die konvertierten, die frommen, die orthodoxen, die liberalen, die aschkenasischen, die orientalischen…welche? Wir sind ALLE Kinder Abrahams! Nur die Interpretation ist jeweils eine andere! Sie scheinen nicht verstanden zu haben, was ich sagen wollte. Und dann kommen Sie mit der Endlösung der Judenfrage! Chapeau!

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    Das Judentum, auch in Form Israels, ist und bleibt der Schlüssel zum Weltfrieden. Ohne das Judentum wäre das Thema Islam/ Islamismus schnell durch. Denken Sie drüber nach.

    Das Zitat Albert Einsteins, was sein Verhältnis zu seiner religiösen Herkunft betrifft, führe ich hier nicht an!!

    S. B.-H.

    The show will go on..

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      Also Endlösung der Judenfrage = Weltfrieden, lieber Herr Bettmann-Happ? Müsste zu machen sein, gell, kleiner Preis, müssen die Juden nicht persönlich nehmen.

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    „Und deren Kinder, so sollte man hinzufügen, getauft wurden.“

    Aha, was höre ich da raus? Klären Sie mich auf… Rücken Sie raus mit Ihrem Identitätsproblem. Ein Mischling? Je mehr ich mir über meine Herkunft, was meine jüdischem Vorfahren betrifft Gedanken mache, umso mehr kommt mir das Kotzen… darüber, dass die meiste meiner Vorfahren in der Gaskammer gelandet sind und der Vater meiner Großmutter sich vor seiner Deportation nach Theresienstadt den Strick nehmen wollte. Die Tatsache, dass meine Großeltern sog. getaufte (christiche erzogene) „Halbjuden“ waren, hat ihnen das Leben gerettet. Und was ist das Judentum? Klären Sie mich nochmal auf!! Ohne Mischling… Wie sieht es mit Zivilehe in Israel aus?

    S. B.-H.

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    „Ich finde, wer nicht Mischling ist, begreift sehr viel weniger von der Welt und den Absurditäten der Identitätspolitik.“

    Da haben Sie Recht Herr Posener!!!

    Aber bitte tun auch Sie mir den Gefallen und verwechseln Sie nicht eine interreligiöse Heirat aschkenasischer (=deutscher) Juden mit einer Heirat zwischen zwei Ethnien im sinne indigener Volkszugehörigkeit. Das verbirgt sich nämlich in dem Begriff des Mischlings. Das Judentum ist kein indigenes Volk, sondern eine Religion.

    Und der Antisemitismus ist eine Blaupause des Nationalismus/ Zionismus. Und wir diskutieren heute noch darüber… Über all diesen religiösen Hokuspokus…

    S. B.-H.

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    Tja, H. Heinrich hat einen ziemlich deutlichen, wenn auch etwas sarkastisch-ironischen Kommentar abgegeben, der so ziemlich ins Schwarze trifft. Und das mit dem Proselytentum, von Alan vorgebracht ist auch nur eine Halbwahrheit. Über Jahrtausende auch und gerade nach Entstehung des Christentums gab es jüdische Mission. Wie war das denn damals in einer patriarchalischen Gesellschaft? Die jüdischen Männer haben Nichtjüdinnen geschwängert, die dann zum Judentum konvertierten. Das ist bis heute noch so. Ruth war eine der ersten Proselytinnen. Die Halacha ist im Grunde genommen ein Witz! Eine Jüdin wurde von einem Juden zum Judentum bekehrt, so war das und ist es bis heute noch. Ansonsten wäre das Judentum tatsächlich aufgrund seiner Nicht-Missionierung schon längst ausgestorben. Und Alan tut so, als ob ihn das Judentum nicht tangieren würde, obwohl sein Vater Jude war und seine Mutter NICHT konvertiert ist. Ich kenne diese Konstellationen aus meiner eigenen Familie, da es in der weitestgehend liberalen und aufgeklärten Weimarer Republik durchaus üblich war, interreligiös zu heiraten. Für das Judentum ein Graus, da ihnen durch Mischehen und Assimilation ihre „Schäfchen“ alle verloren gehen. Das Ostjudentum hat aufgrund seiner Ghettoisierung und des Festhaltens an der jüdischen Mystik (Chassidismus) dem Assimilationsdruck standgehalten. Die jüdische Aufklärung (Haskala), mit ihrem Ausgangspunkt Berlin (M. Mendelssohn) hat zwar auch das Ostjudentum beinflusst, aber bei weitem nicht, wie das Westjudentum. Der heutige Staat Israel besteht zu einem Großteil aus ehemaligen Ostjuden (die die überlebt haben; Russen, Ukrainer etc.) Mein Urgroßvater war jüdischer Deutscher!! So wie vor kurzem ein französischer Jude sich als jüdischer Franzose bezeichnet hat und trotz all der Probleme NICHT nach Israel auswandert.

    S. B.-H.

    S. B.-H.

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      Tja, Stephan Bettmann-Happ, wenn ich ein mehr als nur abstraktes Interesse am Judentum bekunde, dann wirft man mir vor, ich würde mich – als Nichtjuden – mit fremden Federn schmücken. Sie wiederum schreiben: „Und Alan tut so, als ob ihn das Judentum nicht tangieren würde, obwohl sein Vater Jude war und seine Mutter NICHT konvertiert ist.“ Und deren Kinder, so sollte man hinzufügen, getauft wurden. Ich beklage mich nicht, im Gegenteil. Ich finde, wer nicht Mischling ist, begreift sehr viel weniger von der Welt und den Absurditäten der Identitätspolitik.

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    “Die Welt wäre friedlicher, wenn wir nur alle Atheisten wären”

    Da irrt der gute Mann.

    Schon der religionsbefreite Tugendterror der Vernunft in der französischen Revolution war alles andere als friedlich, vom religionsfeindlichen Terror der verschiedenen Sozialismen (Bolschewismus, Leninismus, Stalinismus, Hitlerismus, Maoismus, Pol Potismus) ganz zu schweigen.

    Treffender traf es da Plautus mit „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, obwohl er ja damit der sehr sozialen Gattung Wolf Unrecht tut.

    Bei Ideologien und Religionen muß man allerdings differenzieren zwischen denen, die die Menschen mäßigen und denen, die die schlimmsten Veranlagungen noch verstärken.

    Auch wenn Henreich viel auch gefährlichen Unsinn geschrieben hat, nicht mit allem liegt er daneben.
    Nicht die Religionen an sich sind das Übel, sondern die systemimanente Intoleranz aller Abarten des Monotheismus.´

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    …ach: der „Club der toten Dichter“! Ich finde Robin Williams auch hier wieder zu penetrant. Immer humorig-melancholisch. Immer ein lachendes und ein weinendes Auge.
    Die Aussage aber, dass es neben den formalisierten Pfaden des Schultrotts Verborgenes u. Abseitiges gibt, ist allemal filmreif. Es gibt eben Dinge zwischen Himmel und Erde, die sich unsere Schulweisheit nicht träumen lässt! Zumal Filme selten den Regelfall, sondern die Ausnahmen thematisieren. In diesem Sinne ist das Bücherzerreißen auch keine öffentliche Bücherverbrennung, sondern ein persönlicher Akt der Selbstbefreiung von Papiertigern, die einen gerade wenn man jung ist und in die Schule geht, doch permanent umschleichen und bedrohen.

    Insgesamt ist das weder einer der besten noch einer der shclechtesten Filme, nach meiner Meinung.

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    Um zum Schluss auch noch was zu sagen: „Schutz der Zivilisation“ (KJN) – das ist ein gutes Stichwort. Darüber sollten wir nachdenken. Ich habe gestern mit einem Feund gesprochen, der meinte, man solle zum einen „die“ – d.h. unsere westliche, liberale – „Zivilisation“ besser wertschätzen, statt immerfort zu meckern und zu glauben, das sei alles großer Mist hier, und zum anderen nicht länger daran glauben, „der Islam“ bzw. die isamísche Kultur wären hier eine Bereicherung.

    Ich stimme beidem zu. Allerdings scheint mir, das mittlerweile kaum noch jemand daran glaubt. dass der Islam – vertreten durch solche Männer wie an Silvester in Köln u. Hamburg – für uns eine Bereicherung darstellen würden. Ich verfolge die Tagespolitik nicht, aber es wird oft – auch hier- auf eine vermeintlich linksgrüne Multikultihaltung, vertreten durch Galions-Hassfiguren wie Frau Roth – eingedroschen, ohne zu ermitteln, ob es diese Haltung überhaupt noch gibt, und falls ja, ob sie an der Regierung ist?

    Ich glaube diese islamfreundliche Haltung ist lange Vergangenheit. Eigentlich sind sich die meisten einig, dass der Islam – egal ob das nun eine friedliche Religion (wie ich glaube) oder eine unreligiöse gewalttätige Ideologie ist – für unsere Gesellschaft keine Bereicherung, sondern ein Problem darstellt. Der Graben, der die meisten von den Pegidadeppen trtennt, verläuft ganz anders. Nämlich in der Bewertung, was getan werden sollte und was getan wird und im weiteren in der Bewertung unserer Zivilisation. Die Pegida sind Gegner dieser Zivilisation. Wie auch die russische, polnische oder ungarischen Regierung übrigens.

    Wir können nicht Leute diskriminieren oder gar aus dem Land werfen, nur weil sie eine Religion verrteten, die uns – der Mehrheit- aus guten Gründen nicht gefällt. Dies wäre ein Zivilisationsbruch!

    Was wir aber können ist: Leute herauswerfen, die keine Staatsbürger sind und die sich entschieden haben, diese unsere Zivilisation, so wie sie hier verankert ist, zu bekämpfen. Ich weiß nicht, ob das grundgesetzlich in Ordnung ist, aber ethisch finde ich das in jedem Fall in Ordnung.

    Jedoch: Wesentliche Eigenschaften unserer Zivilisation, um die es uns geht und die wir schützen wollen, sind Gleichberechtigung (Egalité), Freiheitlichkeit (Liberté) und Hilfsbereitschaft („Fraternité“). Zur Freiheitlichkeit gehört Offenheit, offene Grenzen. Wir müssen also unbedingt aufpassen, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten, indem wir diese Werte, um sie zu schützen, abschaffen.

    Insgesamt ist die Politik Merkels, die Grenzen offen zu lassen und keine Obergrenzen zu nennen (ohnehin eine absurde, typisch deutsche Ordentlichkeit, die jede Notlage verspottet), aber gleichzeitig die Silversterereignisse mit möglichst großer Härt eund Konsequenz zu ahnden („Verletzung des Gastrechts“), m.E. genau richtig. Ich habe sie nicht gewählt, ich bin aber froh, sie an der Regierung zu haben. Genau umgekehrt wie Herr Posener also.

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    @H.Henreich

    Man hat bei Ihnen den Eindruck, daß mit der neuesten Freigabe von Hitlers Mein Kampf wieder die alten düsteren Geister zurückgehrt sind.Ihr Beitrag erfüllt m.E. den Tatbestand des § 130 Abs 1. des Strafgesetzbuches.Ich stehe zwar auch kritisch den Religionen gegenüber,die folgenden 2 Aussagen haben meine Zustimmung-Nobelpreisträger Jose Saramago: „Die Welt wäre friedlicher, wenn wir nur alle Atheisten wären“ und „Die Religionen haben nur selten dazu beigetragen, die Menschen einander anzunähern; zugleich akzeptiere ich das Bedürfnis vieler Menschen nach religiösem Glauben.Die vielen archaischen Texte in der jüdischen Religion müssen Sie im Kontext der über 5.000 jährigen Geschichte der Juden sehen und vor allem ihrer ewigen Verfolgung.Auch bei anderen Religionen und Völkern gab es in alten Zeiten Gebote zuhauf, die uns heute unmenschlich erscheinen z.B.Kindesmord bei alten Griechen und Römern.Man hat es als Recht der Eltern angesehen, gewöhnlich wurden Mädchen getötet.Knaben hielt man für wertvoller als Erben oder als Schutz im Alter.Würde die Welt einer einzigen jüdischen Generation,die Chance geben, in Frieden zu leben, hätten die Juden die Texte bestimmt längst reformiert.Aber jeder Anlauf zur Reformation des Judentums wurde bis jetzt durch drastische Verfolgungen unterbrochen.Ihre Behauptungen sind einfach widerlich und volksverhetzend.Würde mich interessieren, welcher Quellen Sie sich bedient haben. Die vermeintlich ausgerottete Urbevölkerung,ich gehe davon aus,daß Sie damit die Araber meinen, die sitzen im israelischen Parlament und mitentscheiden über die isr.Gesetze.

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      Sehr richtig, Gertrude Havel. Aber Sie werden den Mann nicht überzeugen. Fakten spielen gegen Phobien keine Rolle.

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    Ein türkischer Freund hatte mich angerufen und sich gefreut über Köln: Endlich sind nicht mehr die Türken auf der untersten Stufe der Hackordnung, jetzt sind die Araber das Synonym für Störfaktoren. Er freute sich deswegen, weil ich ihm unter die Nase rieb, dass wir Jugos es geschafft haben, uns von Hütchenspielern und Autodieben zu qualifizierten Migranten hochzuarbeiten. Sag einer die Islamisierung kenne nur Verlierer. Jetzt sind es die Araber. Vor den Jugos haben die Italiener nicht gepasst, ich glaube, die mediterrane Mentalität sollte kulturfremd sein oder so was. Über jede Gruppe wurde schon behauptet, es ginge gar nicht. Und jedes Mal gab es triftige religiöse/kulturelle/historische Gründe, jedes Mal waren die Argumente zwingend. Im Westen nichts Neues.
    „Wenn Juden in das große “Wir” einstimmen, dann machen sie sich etwas vor.“ Dieser Satz tut weh. Ich kann mich erinnern, dass ich aus dem Geschichtsunterricht über die jüdische Assimilation mitgenommen habe, dass, wenn man auch den Nationalen in den Arsch kriecht (sorry, etwas plakativ, aber trifft meine Befürchtung), man am Ende doch abgeholt werden kann. Mein Freund hat die türkische Staatsbürgerschaft deswegen behalten. Das Karamell seiner Haut verrät ihn überall. Ich habe nur die Deutsche, weil ich glauben will, dass Deutschland etwas gelernt hat. Wenn ich sehe, wie ähnlich die Diskussionen alle verlaufen, wird mir mulmig. Der IS steht heute für das, wofür Rockefeller und Rothschild mal standen.

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      Richtig, Stevanovic, nur: Rothschild steht immer noch dafür, googeln sie mal. Es kommen beim Rassismus immer neue Schichten dazu; die alten bleiben jedoch. Jedenfalls die älteste …

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    @ Alan Posener
    Dead Poets Society ist genau wie „Der Duft der Frauen“ einer der besten Filme aller Zeiten, weil er auf persönliche Entfaltung setzt und auf das Begreifen von Dichtung durch das Leben von Dichtung statt auf Drill, Auswendiglernen und Kälte.
    Der beste Repräsentant einer auf Drill setzenden Leistungsgesellschaft in dem Film ist der Vater, dessen notorische Pistole im Schreibtisch ihn schließlich von seinem widerspenstigen Jungen wider Willen „befreit“. Der zweitbeste ist der Schuldirektor, der statt auf Gespräch und Kompromissfindung mit dem Lehrer auf Spitzelaussagen und Verrat setzt.
    Dasselbe in „Der Duft der Frauen“: Spitzelaussagen gegen Mitschüler.
    So etwas finden Sie gut, nur um eine analytische Auffassung von Wissen von oben durchzusetzen? Ich bin sehr erstaunt. Extrem erstaunt.
    Die Filme richteten sich gegen den ultrakonservativen Erziehungsstil einiger (damaliger) Internate.
    Abgesehen davon kann jemand ohne Einfühlungsvermögen die meiste Dichtung nicht verstehen. Schließlich wurde sie von Künstlern verfasst.
    Die Schule, die verlangt, dass jede Dichtung analysiert werden muss, bis ein mehrseitiger Aufsatz entsteht, hat schon manchen Schüler für immer vergrault. Sie muss vor allem genossen werden.
    Sie ist „Nur eine Feder als Stütze“ (Hilde Domin) und entsteht nur aus Talent.
    Und, nebenbei bemerkt: Mein einer Sohn wurde erst brillant in Mathematik, als er sich nebenbei, quasi genial, selbst ein Instrument beibrachte und dieses zwischen seinen Aufgaben spielte. Somit stelle ich auch die These auf, dass Zieglers Kinder gut in der Schule sind und dass das vor allem Zieglers Verdienst ist.
    Der Staat kann nicht mal öffentliche Räume schützen. Schule? Nun ja. Er weiß das. Deswegen wollen manche alle in die KiTa. Nur wenn alle seinem Versagersystem ausgesetzt wären, würde nicht mehr auffallen, dass es eins ist. Alle wären dann gleich, Geheimnis des Glaubens (des Sozialismus). (Daher.)
    Also, ich bleibe dabei. Ich frage mich, welche Note Sie mir gegeben hätten, hätte ich den Film in der Schule bei Ihnen detailliert verteidigt. Eines meiner Kinder machte mal so etwas. Bibbern wegen der Note. Der Lehrer gab eine eins. Guter Lehrer. Andere Meinung, aber seine Füße nicht in Ideologie einbetoniert. Darauf wollte der Film hinaus. Freiheit des Denkens und Empfindens. Freiheit.

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      Tolles Thema, Parisien. Es stimmt, die Autoritätspersonen in „DPS“ sind Karikaturen. Noch ein Grund, den Film abzulehnen. Und das sage ich als ehemaliger Schüler einer Reformschule. Gerade als ein solcher Schüler. Ein anderes Mal mehr.

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    Deutsche Politik heute, enjoy:
    „Y-Y-You push it, stretch it, it’ll never be enough. You kick at it, beat it, it’ll never cover any of us. From the moment we enter crying t-to the moment we leave dying, it’ll just cover your face as you wail and cry and scream.“
    http://www.imdb.com/title/tt0097165/quotes

    The human race, how it should be, maybe:
    „We don’t read and write poetry because it’s cute. We read and write poetry because we are members of the human race. And the human race is filled with passion. And medicine, law, business, engineering, these are noble pursuits and necessary to sustain life. But poetry, beauty, romance, love, these are what we stay alive for. To quote from Whitman, „O me! O life!… of the questions of these recurring; of the endless trains of the faithless… of cities filled with the foolish; what good amid these, O me, O life?“ Answer. That you are here – that life exists, and identity; that the powerful play goes on and you may contribute a verse. That the powerful play *goes on* and you may contribute a verse. What will your verse be?“
    http://www.imdb.com/title/tt0097165/quotes

    Weit davon entfernt. Alles nur noch business.
    Bester Film aller Zeiten. Imho. Dead Poets Society.

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      „Dead Poets Society“, lieber Parisien, war einer der übelsten Filme aller Zeiten, weil er Genialität an die Stelle von Didaktik, Intuition an die Stelle von Wissen und Kameradschaft an die Stele von Disziplin setzte. Genau so funktioniert Schule nicht. Das zerreißen von Textbüchern ist so schlimm wie das Verbrennen von Büchern. Und Poesie ist keine Anleitung zum Leben. Völlig zu Recht wurde der von Robin Williams genial gespielte Lehrer – und Lebensversager – von der Schule verwiesen. Eigentlich hätte er ins Gefängnis gehört. Gegengift: „Rope“ von Alfred Hitchcock.

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