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Hermann ist tot

Hermann, du menschliches Strandgut aus Empathie, du Grenzenloser, jetzt bist du tot. Ein Klischee: Mit 50 stirbt man nicht. Eine Freundin erzählte heute, dass die Mortalitätsrate wegen Herzinfarkt bei Männern zwischen 50–55 ziemlich hoch sei. Das ist egal. Es geht um Hermann.

Hermann ist ein Mensch, dem ich ohne einen Krieg wahrscheinlich nie begegnet wäre. Die Schönheit der Tragik in der Tragik und das Entdecken vom unmittelbaren, berührenden, menschlichen – das Verwüstung, Terror und Sadismus hervorbringt. Brauchen wir das Böse, um das Gute hervorzubringen? Es ist obszön, allein der Gedanke. Können wir nicht im Guten gut sein? Hermann kann, Hermann konnte. Der österreichische Bube, der beim Sacher seine Ausbildung gemacht hat, der schlüpfrige Anekdoten von Eliette von Karajan zum Besten gab, respektlos, mit sichtlichem Vergnügen. Weiterlesen

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Ein jüdisches Leben in Deutschland – „Irgendwann muss es auch mal gut sein“

Die Großmutter des Autors, Sarah Löwentraut – in Auschwitz ermordet. Foto: privat

Gerade sind in den USA Archives Unterlagen von NSdAP-Mitgliedern geöffnet worden. In Deutschland folgt in den sozialen Medien sofort der Reflex: Irgendwann muss es ja mal gut sein. Was haben wir damit zu tun?

Was wir damit zu tun haben: Hier stellvertretend ein jüdisches Leben in Deutschland. Ich bin Jahrgang 1960. Meine Mutter, Jahrgang 1925. Ihre Mutter, meine Großmutter Sarah Löwentraut wurde in Auschwitz ermordet. Ein Teil der Familie konnte nach Argentinien fliehen, der Kontakt brach in den vierziger Jahren ab.

Meine Mutter musste nach den Nürnberger Rassengesetzen als sogenannte Halbjüdin den Judenstern tragen, durfte nicht mehr zur höheren Schule gehen und war aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Sie hat irgendwann als Kind mal versucht, sich die Augen auszuwaschen. Braune Augen waren schlecht, blaue Augen waren gut. Die Folgen der Verfolgung begleiteten sie ein Leben lang: schweres psychosomatisches Asthma, Therapien ohne Erfolg. Nach dem Krieg blieb sie allein. Sie heiratete meinen späteren Vater – in eine große deutsche christliche Familie. Die Zustimmung bekam sie nur, weil der Patriarch sich schuldig fühlte: Er hatte Juden den Nazis ausgeliefert. Weiterlesen

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Odesa – kein Strom, kein Wasser, kein Netz…

Drei Nächte hintereinander wurde Odesa angegriffen. Der Härteste war von Samstag 13. Dezember auf Sonntag. Abends saß ich noch mit Freunden in einem Restaurant am Strand, vielleicht fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Kurz vor Mitternacht – pünktlich zur Sperrstunde – hörten wir die Abwehrfeuer und das charakteristische Geräusch der Drohnen. Zurück in meiner Wohnung in der Innenstadt wurde es dann richtig heftig. Die Flak machte die Nacht zum Tag. Später hieß es, von 430 Drohnen seien 417 abgeschossen worden. Bei jedem Treffer war es für einen Moment taghell. Immerhin wurden die Angriffe sogar in den Tagesthemen erwähnt.

Odesa – Attacke auf Energieinfrastruktur

Aus der Wohnung heraus konnte man die Drohnen deutlich hören, und über die verschiedenen Telegram-Kanäle wusste man oft, wohin sie voraussichtlich fliegen würden. Auch die Kriegsführung hat sich verändert: Selbst wenn die ukrainischen Systeme das mutmaßliche Ziel erfassen, steuern die russischen Piloten in den letzten Minuten häufig etwas anderes an. Drohnen sind dank der Infos beinah vorhersehbar. Bei Raketen, die innerhalb Minuten ihr Ziel erreichen, und deren Flugbahn man ebenfalls in den bekannten Kanälen sehen kann, sieht das anderes aus. Wenig – oft zu wenig Zeit – um Schutz zu suchen Weiterlesen

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Ukraine Konferenz Rom – Der Elefant im Raum: Korruption in der Ukraine

In der deutschen Öffentlichkeit passiert derzeit etwas, das man freundlich als „überambitionierte Weltdeutung“ bezeichnen könnte – oder weniger freundlich: als ziemlich bornierte Hybris. Immer wieder hört man aus der deutschen Komfortzone ein entschiedenes: „Wir können diesem Staat nicht trauen.“ Gemeint ist die Ukraine. Begründung: Korruption, Vetternwirtschaft, Intransparenz.

Da wird dann gern das große Bestechungsschwert geschwungen, als ob es in Berlin an der Garderobe hängt. Und ja – es stimmt: Die Ukraine hat ein ernsthaftes Korruptionsproblem. Das hat sie nicht erst seit gestern, sondern ist ein Erbe aus den tiefsten Kellern der Sowjetunion. „Kennst du jemanden, geht alles“ – das war die Losung damals, und sie ist es vielerorts auch heute noch. Nur hat sich das Ganze kapitalistisch aufgemotzt. Heute gilt: Kennst du jemanden – zahl ihm, dann geht alles. Weiterlesen

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Wake-up-Call für Europa

Drei Stunden Dauerangriff auf Odesa – der Bunker ist zu weit weg. Also sitze ich in meiner Wohnung, die ab und zu bebt, und bin sauer…

Generator Auslieferung an Reha-Klinik in Odesa

USAID – Geschichte.
Lieferung von Waffen zur Verteidigung – Geschichte.
Weitergabe von Geheimdienstinformationen – Geschichte.

Die Trump-Administration geht einmal mit der Machete durch die Ukraine-Unterstützung – neben all dem, was Trump & Co. gerade an Kahlschlag in den USA veranstalten. Wir können uns mit 20 % AfD ja beinahe freuen, dass die deutsche Version von Trump & Musk hier so „schlecht“ abgeschnitten hat … Immerhin klingelt selbst bei der deutschen Elite langsam die Alarmglocke.

„Fast im Stundentakt überschreitet die amerikanische Regierung rote Linien, die in einer rechtsstaatlichen Demokratie nie überschritten werden dürften“, schreibt Mathias Döpfner in der Welt.  Weiterlesen

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2015 bis 2025 – Eine Dekade Willkommensgesellschaft

UA: Evakuierung aus Frontgebieten. D: soziale & ökonomische Integration. Be an Angel

Rede zu zehn Jahre Be an Angel

Empfang im Roten Rathaus am 24. Januar 2025

Als wir 2015 angetreten sind, war das eine spontane, aus dem Bauch heraus getroffene Entscheidung. Damals, vor dem Lageso, sind Menschen angekommen, in das sichere Deutschland nach Berlin, vor Krieg und Verfolgung geflüchtet, und landeten in der Obdachlosigkeit einer völlig überforderten Hauptstadt. Damals war es die Gesellschaft, die ohne Zögern wildfremde Menschen bei sich aufgenommen hat.

2015: Obdachlose Geflüchtet in einer Berliner Wohnung. Willkommensgesellschaft. Weiterlesen

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Die garnicht so hilflosen Helfer – oder: Sind wir nicht alle ein bisschen Anya?

Anya rackert 16 Stunden am Tag. Die ehemalige Maklerin lebt in einem Badeort nahe Odesa, der im September 2022 fast vollständig zerstört wurde. Anya hat 2022 eine NGO gegründet, die seitdem direkt an der Front agiert: Menschen retten, Alte und Kranke versorgen – ohne Einkommen, ohne Rücksicht auf Verluste. Und ja, Verluste gibt es. Drei Menschen aus ihrem Netzwerk von Helfern wurden von russischen Soldaten getötet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anya im Einsatz: Ein älteres Ehepaar an der Front wird versorgt. Weiterlesen

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Kherson – an der Front. Und irgendwie egal

Beim Einchecken im Hotel wird man direkt darauf hingewiesen: Rauchen ist auf den Zimmern nicht erlaubt. „Auch wenn Sie einen Balkon haben – es darf nirgends geraucht werden, nicht mal auf dem Balkon.“ Dann kommt: „Bei Luftalarm versuchen Sie gar nicht erst, bis zum Bunker zu kommen. Das schaffen Sie sowieso nicht. Gehen Sie einfach auf den Korridor.“

Kherson: Erst war die Stadt russisch besetzt, dann wurde sie von der ukrainischen Armee befreit. Danach haben die Russen den Damm des Flusses, an dem die Stadt liegt, zerstört, und es kam zu einer Flutkatastrophe. Menschen, die sich auf die Dächer ihrer Häuser geflüchtet hatten, haben die Russen beschossen. Auch die Flutkatastrophe hat die Stadt und die umliegende Region ansatzweise bewältigt. Geblieben ist: die russische Armee auf der anderen Flussseite. Die Stadt liegt also quasi an der Front. Auf den Uferstraßen ist die schusssichere Weste unabdingbar. Es gibt keine Straße, in der nicht ein Gebäude von Raketen oder Drohnen getroffen wurde.

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