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Vom Witz zur Wüste: Warum der Westen seine Geschichte verlernt

Pierre Gatier: Le bar du B. sur le toit Dancing Le bœuf sur le toit (1923)ancing / Le boeuf sur le toit (titre factice). Quelle: wikimedia commons
Gedanken eines Komponisten über die Leere im Kulturbetrieb und die Kraft der Biografie.

Ich hatte als Musiker das Glück, Menschen zu begegnen, deren Biografien von den harten Bruchkanten der Geschichte gezeichnet waren. Da war Leon Schwarzbaum, ein Auschwitz-Überlebender, dessen Zeitzeugengespräch mit Volker Schlöndorff ich musikalisch umrahmen durfte. Ganz anders, doch nicht weniger interessant, war der Lebensweg des Komponisten Klaus Wüsthoff, über den ich eine Biografie verfasste. Nachhaltig beeindruckt bin ich von der Vitalität und Selbstbehauptung ukrainischer Künstler – dazu wird zukünftig noch viel zu sagen sein.

An der Seite der Biografieforscherin Judith Kessler erzählte ich auf dem jüdischen Kulturschiff MS Goldberg Lebenswege am Klavier nach. Mit Rabbiner Walter Rothschild, der ironisch-humoristisch aus seinem Leben erzählt, war ich mehr als zehn Jahre auf Tour. Lebensreisen interessierten mich immer schon, natürlich nicht nur die „historisch gewaltigen“. Im Lebensweg eines Menschen liegt aus meiner Sicht der Ur-Keim jeder kulturellen Erzählung. Als Musiker und Komponist gehe ich so weit zu sagen: Eine Melodie oder musikalische Struktur ist im Grunde nichts anderes als eine biografische Linie in der Zeit – stets gibt es eine untrennbare Verbindung zum gelebten Leben. Weiterlesen

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Die Doppelmoral ist der Tribut, den der Antizionismus dem Zionismus zollt

Bild: Polizeistation in Bet Shemesh, Israel. Foto: Alan Posener

In ihren Beiträgen zur Einführung der Todesstrafe für Terrorismus gegen Israelis haben sowohl
Rabbi Dr. Walter Rothschild als auch Rabbi Dr. Moshe Navon (in einem Kommentar zu Rabbi Rothschilds Beitrag) auf die Heuchelei vieler Kritiker des jüdischen Staates hingewiesen.

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Vom Sein des Scheins

Das anthroposophische Goetheanum in Dornach (Bild : Wikipedia)

„Das haben Sie schön dargestellt, Herr Walther“ hatte die greise Anthroposophin mit dem weißen Haar in jenem Sommer 2013 in Tübingen gesagt, „Dass Ihnen kraft der Lehren Doktor Rudolf Steiners diese ganze DDR nichts anhaben konnte!“

Hä? Das hatte ich doch gar nicht sagen wollen!

Aber fangen wir von Anfang an.

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I’m in love with my car. Ansichten eines grünversifften Auto-Liebhabers

Wenn wir drei Stunden lang im Stau stehen, eigentlich aufs Klo müssten, aber man das Fahrzeug auf der Überholspur der A 5 besser nicht verlässt, kann es schon mal passieren, dass die Liebste kalt lächelnd raunt: „Tja, mein Lieber. Wenn man schon Auto fährt, darf’s wenigstens keinen Spaß machen“.

Wenn wir mit der Bahn unterwegs sind, und die Bahn teilt uns genauso kalt mit, dass unser Wagen gleich verschrottet wird und wir bitteschön mit dem „Schienenersatzverkehr“ weiterfahren sollen, morgen wieder ab 12 Uhr im Zwei-Stunden-Takt, dann schnaube ich wutentbrannt: „Ich will, dass die Deutsche Bahn in einem Feuerball verglüht“. Sie merken schon: es ist kompliziert.

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Der Fall Shapira, Judenhass und das Gerücht von Gerechtigkeit

Israelfeindliche Parole auf einem Stromkasten. Foto: Jan Kehrberger

Ich habe als Beobachter an der Berufungsverhandlung zum Angriff eines arabischen Palästinensers auf den jüdischen Studenten Lahav Shapira im Februar 2024 in Berlin teilgenommen. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen, es könnte noch einmal ins Berufung gehen. Daher werde ich nicht viele Details nennen. Aber die zentrale Frage war, ob der junge Mann das Opfer deshalb schwer verprügelt hat, weil er jüdisch oder „bloß“, weil er Israeli ist.

Für das Opfer ist dies ein wichtiger Unterschied, und so hatte er dafür gekämpft, dass das wahre Motiv im ursprünglichen Urteil eindeutig festgestellt wurde. Über das Geschehene gab es keinen Streit – der Angreifer hatte gestanden, Ort, Zeit und das Ausmaß der Verletzungen waren akribisch festgestellt worden. Aber über das Motiv der Tat wurde viel diskutiert.

 Es stand viel auf dem Spiel.

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Muss man das lesen? „Landschaft ohne Zeugen“?

Ja klar, wenn ich so etwas wie eine Rezension zu dem Buch schreiben will, muss ich das lesen. Aber Sie? Sagen wir mal: Wenn Sie sich vor Ihrem geistigen Auge die AfD als eine Wiedergängerin der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei aufgebaut haben. Und wenn Sie davon überzeugt sind, dass alle AfD-Höhenflüge so eine Ossi-Sache seien…

Und wenn Sie dann auch noch wissen, dass in der DDR halt doch nicht diese Aufarbeitungsmedaillen gewonnen wurden, mit denen die Bonner Republik sich behängt hat, …

… dann kann Ihnen Ines Geipel dazu ein ganzes Buch verkaufen. In dem steht:

„Sie haben so was von recht.“ Weiterlesen

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East Of Omaha. Die musikalische Geschmacksfindung der frühen Jahre.

1976 ff. soll es eine Punkwelle gegeben haben, liest man immer wieder. Dergestalt, das alles andere weggefegt wurde. Ich weiss nicht, was ich mit diesem Mythos anfangen soll. Ich jedenfalls fuhr 1977 mit Freunden in einem klapprigen R 4 zu einem Festival im rappelvollen Stadion in Saarbrücken, und dort war keine Punkwelle. Wir ließen uns den ganzen Tag und die halbe Nacht vollregnen, und hörten Lake, der John Miles Band, Manfred Mann‘s Earthband und vor allem Genesis zu. Also: Unser Punk war Progressive Rock.

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Hermann ist tot

Hermann, du menschliches Strandgut aus Empathie, du Grenzenloser, jetzt bist du tot. Ein Klischee: Mit 50 stirbt man nicht. Eine Freundin erzählte heute, dass die Mortalitätsrate wegen Herzinfarkt bei Männern zwischen 50–55 ziemlich hoch sei. Das ist egal. Es geht um Hermann.

Hermann ist ein Mensch, dem ich ohne einen Krieg wahrscheinlich nie begegnet wäre. Die Schönheit der Tragik in der Tragik und das Entdecken vom unmittelbaren, berührenden, menschlichen – das Verwüstung, Terror und Sadismus hervorbringt. Brauchen wir das Böse, um das Gute hervorzubringen? Es ist obszön, allein der Gedanke. Können wir nicht im Guten gut sein? Hermann kann, Hermann konnte. Der österreichische Bube, der beim Sacher seine Ausbildung gemacht hat, der schlüpfrige Anekdoten von Eliette von Karajan zum Besten gab, respektlos, mit sichtlichem Vergnügen. Weiterlesen

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Give Peace A Chance. Oder doch nicht? Erinnerungen an die eigene Kriegstüchtigkeit.

Dieses merkwürdige Foto ist 50 Jahre alt, mein jüngeres Ich leistet widerwillig seinen Grundwehrdienst ab. Schütze Zimmer dient in der Nachschubkompanie. Bringt es mit Eifer zum per Zeugnis dokumentierten Lochkartenprüfer – ein schöner Beruf mit guten Zukunftsperspektiven. Denkt beim Schießen und Handgranaten-Weitwurf aber nicht an Krieg und auch nicht an Frieden, sondern an die Mittagspause und die anschliessende Wochenend-Heimreise.

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Nicht unser Krieg? Die bequeme Selbsttäuschung des Westens

„Der Irankrieg ist nicht unser Krieg“ – kaum ein Satz klingt vernünftiger und ist zugleich so bequem. Er erlaubt Distanz, ohne Verantwortung. Er beruhigt das eigene Gewissen, während andere den Preis zahlen.

Denn wer so spricht, verkennt die Realität im Iran fundamental: Dort geht es nicht nur um Geopolitik. Es geht um Menschen, die gegen Unterdrückung aufstehen. Um Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung – und um den Mut, dafür alles zu riskieren.

Gerade hier versagt die westliche Zivilgesellschaft. Weiterlesen

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Der erste Nazi und sein erster Feind

Zehn Jahre alt und kein bisschen veraltet: So lässt sich Stefan Austs Buch Hitlers erster Feind – Der Kampf des Konrad Heiden aus dem Jahr 2016 beschreiben.

Die Nazis sind wieder da – das vermitteln uns zumindest das linke politische Spektrum und die Medien, die sich diesem Lager verbunden wissen. Der sogenannte „Kampf gegen rechts“ ist allgegenwärtig, wobei „rechts“ häufig mit „Nazi“ gleichgesetzt wird. Es ist ein eifernd geführter Kampf – die eigene moralische Gipfellage stets im Blick. Der tatsächliche Kampf gegen die Nazis wurde vor Jahrzehnten geführt. Und der war lebensgefährlich. Weiterlesen

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