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Rabbinergeschichten: Der moderne Hethiter

Liberaler Rabbi, Schriftsteller, Liedermacher, Jazz-Musiker und promovierter Experte für palästinensische Eisenbahnen Walter Rothschild. Foto: privat

Es war nur eine Zeile im Gemeindebrief, die all die Erinnerungen wieder hochkommen ließ. In der Liste der Verstorbenen sprang mir sein Name sofort ins Auge. Nennen wir ihn André. Dort standen sein Geburtsdatum und sein Sterbedatum, mehr nicht. Ich versuchte mehr herauszufinden, doch durfte mir aus Gründen des „Datenschutzes“ niemand etwas sagen, nicht einmal, ob er nahe Verwandte hinterlassen habe, die ich kontaktieren könnte. Jetzt, da er tot war, wollten ihn alle beschützen. Aber ich wusste, dass ihn niemand beschützt hatte, als er noch lebte.

Viele betrachten König David als Helden. Er mag zwar ein bedeutender politischer und militärischer Führer gewesen sein – aber er war kein netter Mensch. Selbst die Bibel macht dies deutlich. Er mag einige gute Gedichte verfasst haben oder auch nicht, aber er liebte Intrigen und Gewalt, war ein Kontrollfreak und völlig amoralisch. Er lebte, sowohl als Milizführer als auch später als König, nach dem Prinzip, dass ein Mann viele Ehefrauen haben darf, von denen nur eine seine eigene sein muss. Weiterlesen

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Meron Mendel schenkt den Deutschen eine neue Erinnerungskultur

Tor zum KZ Buchenwald. Foto Andreas Trepte. Creative Commons Lizenz: Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.5 generisch

Meron Mendel ist der Roberto Blanco der Erinnerungskultur. Man spürt, dass er auch anders könnte, dass er aber niemandem wehtun will. Mendel ist in Israel geboren, aber israelkritisch. Jude, aber mit einer Muslima verheiratet. Leiter einer nach Anne Frank benannten Bildungsstätte, aber nicht volkspädagogisch unterwegs. Man kann sich auf ihn verlassen: Wenn er in eine Talkshow kommt, wird niemand beleidigt herausrennen. Wenn Blanco ein „wunderbarer Neger“ ist, so ist Mendel ein ganz famoser Jude.

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Nicht mein Bundespräsident

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Foto: Steffen Prößdorf, CC BY-SA 4.0

Steinmeier verletzt seine Befugnisse, indem er den Krieg gegen das iranische Terrorregime als „völkerrechtswidrig“ einstuft, was nur der Bundesregierung zusteht. Passt: 2019 hatte er den Mullahs zum 40. Jahrestag ihrer Machtergreifung gratuliert und als Außenminister Appeasement ihnen und Putin gegenüber betrieben. Höchste Zeit, dass er verschwindet.

„Nicht unser Krieg!“ Hinter dieser Parole versammeln sie wieder einmal nicht nur unverbesserliche Pazifisten, sondern die meisten Deutschen – im vom Kanzler, Außenminister und nun auch Präsidenten geschürten falschen Glauben, der von den Teheraner Theokraten seit 1979 geführte Krieg  gegen Israel und den Westen ginge „uns“ nichts an. Ebenso die Gegenschläge Israels und der USA und das Feuer, das die Revolutionsgarden darauf im ganzen Nahen Osten entzündet haben inclusive Sperrung der für die Weltwirtschaft überlebenswichtigen Straße von Hormus. Weiterlesen

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Die Perversion des Normalen. Wie Extremisten die bürgerliche Mitte zerstören

„Normal is not something to aspire to, it’s something to get away from.” Normal ist nicht etwas, was man anstreben sollte, sondern etwas, von dem man möglichst Abstand nehmen sollte. Soll Jodie Foster gesagt haben. Man könnte fast annehmen, sie hätte die Wahlplakate jener Partei gekannt, auf denen vor Jahr und Tag stand: „Deutschland – aber normal“.

Die „normalen“ Freunde dieser Partei sagen gerne: „Wenn der Faschismus wieder kommt, wird er nicht sagen: ich bin der Faschismus, sondern er wird sagen: ich bin der Antifaschismus.“ Was ist das? Eine absurde Verkehrung der Tatsachen, die Demokraten als Faschisten brandmarkt. Denn die Grundlage jeder Demokratie, insbesondere der deutschen, kann nur der konsequente Antifaschismus sein. Sonst hat sie keinerlei Legitimation. Das wussten die Väter des Grundgesetzes.

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Die Würste des Menschen sind unantastbar

 

Würste: Bild von jarmoluk auf Pixabay
Zu zwei Ausstellungen in Oldenburg und Aschaffenburg und zum Manierismus des Berliner Malers Johannes Grützke

„Kunst ist nicht modern, sondern immer!“, lautete das trotzige Motto des Johannes Grützke. Das Pathos der Moderne war stets noch der Opposition gegen das Jüngstvergangene abgerungen – so reagierte die Neue Sachlichkeit auf den Pomp des späten Kaiserreichs, der Futurismus gegen die inventarisierende Apotheose der Kunst in den Museen schlechthin. Grützke dagegen beharrte auf der überzeitlichen Gültigkeit künstlerischer Formgebung.

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Lola versus Viktor von Schmuddelwitz

Bild von Chat-GTP KI- generiert nach Anweisungen von A.P. und Perplexity

Eine einfache Geschichte. Ein junger Mann, sexuell unerfahren, will endlich seine Unschuld verlieren („Unschuld“ ist ein relativer Begriff, schon klar) und gerät in eine schäbige Bar, wo man zu exorbitanten Preisen warmen Sekt verkauft und die Mädchen darauf warten, abgeschleppt zu werden. Und er wird abgeschleppt. Von Lola. Doch wie es sich herausstellt, ist Lola ein Mann.

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„Ich freue mich sehr auf spannende Gäste“. Das ultimative Talkshow-Massaker

Fünf Alkoholiker aus sieben Ländern diskutieren die aktuelle Weltlage. Erinnern Sie sich noch? Von 1952 bis 1987 lief jeden Sonntag „Der internationale Frühschoppen“ im WDR unter der Leitung des Schankwirts Werner Höfer. Dazu rauchte und trank man, bis der Fernsehzuschauer nichts mehr sah und kein Wort mehr verstand.

Ich saß mit meinem Großvater vor dem Fernseher. Der rauchte abgeschnittene Senoussi-Zigaretten in einer silbernen Zigarettenspitze, meine Großmutter trank dazu Stonsdorfer Kräuterschnaps. Aufhören wollte Höfer nach eigener Aussage erst, „wenn ich mit dem Glase in der Hand tot umfalle“. Na, denn Prost. Anschnallen!

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Merz auf Abwegen: Härte gegen Russland, Appeasement gegenüber den Mullahs

Autor Ali Ertran Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde in Deutschland

Die deutsche Iran-Politik ist eine Katastrophe.
 Kaum geht es um das fürchterliche iranische Regime, entdeckt die Bundesregierung und ein erheblicher Teil der Öffentlichkeit plötzlich ihre Liebe zur Diplomatie. Gespräche! Verhandlungen! Deeskalation um jeden Preis! Krieg sei schließlich keine Lösung.


Dieselben Stimmen hatten im Fall Russlands bemerkenswert weniger Geduld mit genau diesen Argumenten.
Dort hieß es: Verhandeln? Naiv. Diplomatie? Illusion. Ein Regime, das nur Stärke versteht, könne man nicht mit guten Worten beeindrucken. Wirtschaftliche Schäden? Bedauerlich, aber eben der Preis für Freiheit und Prinzipien. Weiterlesen

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Ist der Osten „zu rechts“? Und wenn ja, warum ?

Und: Wer machte eigentlich in den Westen aus der DDR?

Liegt es nicht auf der Hand, warum im Osten Deutschlands nach 40 Jahren DDR-Diktatur das Wort LINKS nicht für Freiheit und Fortschritt steht? Sondern dass eher die „andere Hälfte“ des in den linken und rechten Teil zerschnittenen Gemeinwesens für Freiheit und Fortschritt stünde?

Und dann gar noch das Wort „Sozialismus“!

Vaclav Havel 2009 (aus Wikipedia)

„Seltsame Schicksale können Worte haben!“ schrieb Vaclav Havel im Frühjahr 1989 Weiterlesen

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Die Nashörner kommen – Menetekel einer rechtskonservativen Radikalisierung in vier Szenen

Bild von butti_s auf Pixabay

Vor zehn Jahren beschrieb der Publizist Andreas Püttmann in diesem Blog, wie rechte Scharfmacher einst liberale oder moderat-konservative Gruppierungen zum Kippen brachten und sich Ressentiments, Fanatismus und Aggressivität ins ehedem staatstragende Bürgertum frästen. Diese Entwicklung hat sich fortgesetzt. Wir veröffentlichen deshalb seine Analyse erneut.

Eugène Ionescos Novelle und Theaterstück „Rhinocéros“ beschreibt die fortschreitende Verwandlung einer ganzen Stadt in eine Herde von Nashörnern. Im zweiten Akt entdeckt der Protagonist Behringer bei seinem erkrankten Freund Hans, der prototypisch für die untere Mittelschicht steht, eine Beule am Kopf; später wird dessen Haut grün. Als er den Arzt rufen möchte, hindert ihn Hans daran, denn der fühlt sich gut – und erklärt, dass er die Schwäche der Menschen verabscheue und das Recht der Natur über die menschliche Moral stelle. Weiterlesen

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Kann Bob Dylan singen?

Foto: Rowland Scherman National Archives / Public Domain

Kann Bob Dylan singen? Die Frage mag so altmodisch und irrelevant erscheinen wie die Frage, wer besser sei, die Beatles oder die die Stones, aber sie ist eben erst wieder, und zwar hier auf „Starke Meinungen“ aufgeworfen worden. In einem Stück, das eigentlich Ray Davies gewidmet ist, aber lauter Seitenhiebe gegen Bob Dylan enthält, schreibt Wolfgang Schäfer: „Kommen wir zu den Unterschieden. Ray Davies kann singen – daran besteht kein Zweifel. Dagegen an Bob Dylans Sangeskünsten nicht zu zweifeln, würde ein gewisses Maß an Großzügigkeit verlangen. Seine Stimme ist nasal, oft krächzend, und sein Tonumfang bleibt überschaubar. Dem Irrtum mit einem Crooner verwechselt zu werden, setzt Dylan sich zu keiner Zeit aus.“

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