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Die Rechte ist kein Echo linker Fehler

Wer hat das lauteste Megaphon? Foto: Pixabay

„Warum sind die Linken jetzt auch noch an den Rechten schuld?“ Diese Frage wurde mir bei einer Diskussion gestellt, zu der ich vom Berliner Theatertreffen eingeladen war. Hintergrund der Frage war die bis in Feuilletons von Zeit, Süddeutscher Zeitung und Spiegel vorgedrungene These, ohne linke Identitätspolitik, Gendern, political correctness und „Wokismus“ gäbe es das Erstarken der Rechten nicht. Mit anderen Worten: Hätte sich die Linke vernünftig verhalten, wäre alles in Butter.

So wird Kritik an der Rechten elegant gegen die Linke umgeleitet. Ja, die Linke hat Fehler gemacht und verdient Kritik. Aber ist sie deshalb an den Rechten schuld? Oder sind die Rechten eine autoritäre Bewegung mit eigenen Begründungen und eigenem Machtanspruch?

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Abgang der Gegner der Meinungsfreiheit

X? Pfui Teufel. Man macht es sich lieber auf Bluesky gemütlich. Das ist das X für Links-Kuscheleien. Hier die Charts. Ganz vorne: „Der Volksverpetzer“ und Jan Böhmermann.
Foto: Screenshot /Bluesky


SPD, Grüne und Linke verabschieden sich von X (früher Twitter). Zu viel Chaos, zu viel Hass und Hetze, heißt es als Begründung. Zum ersten mal hat Links die Diskurshoheit in einer wichtigen öffentlichen Sphäre eingebüßt. Die Schlacht auf X wurde verloren. Das schmerzt, also zieht man sich lieber zurück. X-Nutzer sagen einfach, was sie wollen, unterwerfen sich keinem Meinungsdiktat. Das ist immens wichtig für die Demokratie. Wer sich abmeldet, hat das nicht verstanden. 

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Reality Check: Wie wohnt und überlebt man in Odesa?

Ich lese mit einer gewissen masochistischen Regelmäßigkeit in sozialen Medien, Interviews und wohltemperierten westlichen Kommentarspalten von arrivierten Journalisten, Influencern und sonstigen Meinungsbildnern, der Krieg in der Ukraine sei ja regional begrenzt.

Gemeint ist damit meistens: Irgendwo im Osten schießt man aufeinander, dort ist Front, dort ist Krieg – und der Rest des Landes sei im Grunde eine etwas unordentlichere Variante Mitteleuropas, in der man sich mit einem Hauch Abenteuerlust weiterhin halbwegs unbehelligt bewegen könne.

Diese These wird bevorzugt von Menschen vertreten, deren intensivster Ukrainekontakt in einer Zugfahrt von Kyjiw zum Hotel, zwei Podiumsdiskussionen, einem Selfie vor Sandsäcken und einem moralisch aufgeladenen Rückfahrt bestand.

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Das Jagger-Richards-Songbuch (21): Dear Doctor

Bild von Perplexity nach Angaben von A.P. generiert.

Herbst 1968. Während die Beatles am „Weißen Album“ arbeiteten, arbeiteten die Rolling Stones an „Beggars Banquet“. Das Doppelalbum der Beatles erschien im November, das Album der Stones – verspätet wegen Auseinandersetzungen über das Cover – im Dezember. Das Weiße Album dokumentierte das musikalische und, wenn man so will, künstlerisch-weltanschauliche Auseinanderdriften der Fab Four. „Beggars Banquet“ dokumentierte die Entschlossenheit von Mick Jagger und Keith Richards, nach dem missglückten Versuch, den Beatles in psychedelische Pop-Gefilde zu folgen, zu ihren R&B-Wurzeln zurückzukehren.

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Der Mief des Anti-Imperialismus: Ein Buch über linken Antisemitismus. Eine Lese-Empfehlung

Als ich noch ein jungdummer Vulgär-Antiimperialist war, führte ich ein Interview mit dem damaligen ARD-Nahost-Korrespondenten Friedrich Schreiber. Ich fragte ihn doch tatsächlich, ob denn Israel nicht irgendwie ein repressiver Polizeistaat sei. Das war damals common sense meiner Redaktion. Daraufhin stauchte mich Schreiber dermassen wirkungsvoll zusammen, dass ich schlagartig vor Scham im Boden versinken wollte, in mich ging und anfing, mich zu bilden. Was manche meiner „antiimperialistischen“ Freunde bis heute nicht geschafft haben. Ganz zu schweigen von den heutigen Free Palestine—Aktivisten. Deren kollektiver Wahn in Teilen dessen, was sich selbst für links hält, seine Wiedergeburt in nur schlecht als Israelkritik camoufliertem Judenhass feiert. Der zeigt sich seit dem 7. Oktober 2023 immer unverhüllter, schamloser und aggressiver in der Öffentlichkeit.

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Der seltsame Herr Lindenberg. Eine halbe Hommage zum 80.

Udo Lindenberg wird 80 Jahre alt. Die Presse überschlägt sich sich geradezu panisch vor Lobeshymnen. Der Rolling Stone, die Prawda des Musikjournalismus, macht ihn zur Titelgeschichte. Die ZEIT druckt eine ganzseitiges Interview mit Benjamin Stuckrad-Barre, dem Lindenberg-Verehrer, -verklärer und -erklärer der Nation.

Wir erfahren darin Sensationelles: Der kleine Benjamin, der sich schon im Alter von sieben Jahren als Udos Freund betrachtete, hat kürzlich mit Udo telefoniert, und der habe ihn mitten im Gespräch gefragt, wo denn wohl der Lichtschalter in seinem, Udos Hotelzimmer, sein könne. Weiter berichtet Stuckrad-Barre noch, Udo habe auch nicht gewusst, wo die Küche in seiner Berliner Wohnung ist. Na, wozu hat man gute Freunde. Aber sonst ist heute wieder alles klar? Keine Panik auf der Andrea Doria? Oder so?

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Vom Witz zur Wüste: Warum der Westen seine Geschichte verlernt

Pierre Gatier: Le bar du B. sur le toit Dancing Le bœuf sur le toit (1923)ancing / Le boeuf sur le toit (titre factice). Quelle: wikimedia commons
Gedanken eines Komponisten über die Leere im Kulturbetrieb und die Kraft der Biografie.

Ich hatte als Musiker das Glück, Menschen zu begegnen, deren Biografien von den harten Bruchkanten der Geschichte gezeichnet waren. Da war Leon Schwarzbaum, ein Auschwitz-Überlebender, dessen Zeitzeugengespräch mit Volker Schlöndorff ich musikalisch umrahmen durfte. Ganz anders, doch nicht weniger interessant, war der Lebensweg des Komponisten Klaus Wüsthoff, über den ich eine Biografie verfasste. Nachhaltig beeindruckt bin ich von der Vitalität und Selbstbehauptung ukrainischer Künstler – dazu wird zukünftig noch viel zu sagen sein.

An der Seite der Biografieforscherin Judith Kessler erzählte ich auf dem jüdischen Kulturschiff MS Goldberg Lebenswege am Klavier nach. Mit Rabbiner Walter Rothschild, der ironisch-humoristisch aus seinem Leben erzählt, war ich mehr als zehn Jahre auf Tour. Lebensreisen interessierten mich immer schon, natürlich nicht nur die „historisch gewaltigen“. Im Lebensweg eines Menschen liegt aus meiner Sicht der Ur-Keim jeder kulturellen Erzählung. Als Musiker und Komponist gehe ich so weit zu sagen: Eine Melodie oder musikalische Struktur ist im Grunde nichts anderes als eine biografische Linie in der Zeit – stets gibt es eine untrennbare Verbindung zum gelebten Leben. Weiterlesen

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Die Doppelmoral ist der Tribut, den der Antizionismus dem Zionismus zollt

Bild: Polizeistation in Bet Shemesh, Israel. Foto: Alan Posener

In ihren Beiträgen zur Einführung der Todesstrafe für Terrorismus gegen Israelis haben sowohl
Rabbi Dr. Walter Rothschild als auch Rabbi Dr. Moshe Navon (in einem Kommentar zu Rabbi Rothschilds Beitrag) auf die Heuchelei vieler Kritiker des jüdischen Staates hingewiesen.

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Vom Sein des Scheins

Das anthroposophische Goetheanum in Dornach (Bild : Wikipedia)

„Das haben Sie schön dargestellt, Herr Walther“ hatte die greise Anthroposophin mit dem weißen Haar in jenem Sommer 2013 in Tübingen gesagt, „Dass Ihnen kraft der Lehren Doktor Rudolf Steiners diese ganze DDR nichts anhaben konnte!“

Hä? Das hatte ich doch gar nicht sagen wollen!

Aber fangen wir von Anfang an.

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I’m in love with my car. Ansichten eines grünversifften Auto-Liebhabers

Wenn wir drei Stunden lang im Stau stehen, eigentlich aufs Klo müssten, aber man das Fahrzeug auf der Überholspur der A 5 besser nicht verlässt, kann es schon mal passieren, dass die Liebste kalt lächelnd raunt: „Tja, mein Lieber. Wenn man schon Auto fährt, darf’s wenigstens keinen Spaß machen“.

Wenn wir mit der Bahn unterwegs sind, und die Bahn teilt uns genauso kalt mit, dass unser Wagen gleich verschrottet wird und wir bitteschön mit dem „Schienenersatzverkehr“ weiterfahren sollen, morgen wieder ab 12 Uhr im Zwei-Stunden-Takt, dann schnaube ich wutentbrannt: „Ich will, dass die Deutsche Bahn in einem Feuerball verglüht“. Sie merken schon: es ist kompliziert.

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Der Fall Shapira, Judenhass und das Gerücht von Gerechtigkeit

Israelfeindliche Parole auf einem Stromkasten. Foto: Jan Kehrberger

Ich habe als Beobachter an der Berufungsverhandlung zum Angriff eines arabischen Palästinensers auf den jüdischen Studenten Lahav Shapira im Februar 2024 in Berlin teilgenommen. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen, es könnte noch einmal ins Berufung gehen. Daher werde ich nicht viele Details nennen. Aber die zentrale Frage war, ob der junge Mann das Opfer deshalb schwer verprügelt hat, weil er jüdisch oder „bloß“, weil er Israeli ist.

Für das Opfer ist dies ein wichtiger Unterschied, und so hatte er dafür gekämpft, dass das wahre Motiv im ursprünglichen Urteil eindeutig festgestellt wurde. Über das Geschehene gab es keinen Streit – der Angreifer hatte gestanden, Ort, Zeit und das Ausmaß der Verletzungen waren akribisch festgestellt worden. Aber über das Motiv der Tat wurde viel diskutiert.

 Es stand viel auf dem Spiel.

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