Zu Weihnachten 1987 wurde der Mitarbeiter der Grünen im Europaparlament Gerd Albartus nach Damaskus gelockt, dort vor ein Femegericht gestellt und erschossen. Richter und Henker waren vermutlich der venezolanische Terrorist Ilich Ramirez Sanchez, genannt Carlos, und der deutsche Terrorist Johannes Weinrich.
Etwas verstört war ich, als ein befreundeter Musikkritiker mir neulich gestand, er begreife zwar, dass die Songs der Beatles etwas Besonderes seien, möge aber nun einmal ihre Stimmen nicht. Wie? Paul nicht mögen, ob engelsgleich einschmeichelnd wie bei „I Will“ oder rockig-ausrastend bei „Helter Skelter“? John nicht mögen, ob schneidend scharf wie bei „Happiness Is a Warm Gun“ oder romantisch-träumerisch wie bei „Julia“? George nicht mögen, warm und melodisch bei „While My Guitar Gently Weeps“, oder ironisch-nordenglisch wie bei „Piggies“? Ringo, der „Good Night“ vorm Kitsch rettet, indem er den Song leicht neben der Tonart singt? Und das sind nur ein paar Songs vom „Weißen Album“, verdammt noch mal …
Nachdem die „Zeit“ ihre digitale Reichweite durch einen Zugang zur Mitgliederkartei der NSDAP massiv steigern konnte, hat nun der „Spiegel“ mit mehrmonatiger Verspätung nachgezogen. Nun kann jeder selbst prüfen, ob Opi oder Uroma Nazi war.
Vor 45 Jahren drang mit der US-Serie „Holocaust“ die über Jahrzehnte verdrängte industrielle Vernichtung der Juden in die deutschen Wohnzimmer hinein. Es wird sich zeigen, ob der Zugang zu den Karteikarten einen ähnlichen Erkenntnisschub wie die Hollywood-Serie Anfang der 1980er-Jahre in Deutschland auslöst oder doch nur ein familiäres Hütchenspiel bleibt.
Denn selbst wer wie Historiker einzelne Buchstaben im Register erklären kann, erhält nur einen begrenzten Blick auf den einzelnen Menschen. Zur Jahreswende sind zwei Bücher erschienen, die eindringlich die Geschichten hinter den Karteikarten aufblättern. Weiterlesen
Perseus blickt in den Spiegel. Vom Autor mit KI erstellt (Gemini)
Künstliche Intelligenz, die Paralyse der Hochkultur und das Recht auf die große Erzählung.
Als Komponist bin ich es gewohnt, feine Nuancen zu erfassen und aus dissonanten wie konsonanten Zutaten weite, tragfähige Bögen zu bauen. Es ist ein Handwerk, das es in unserer von permanenter Hysterie geprägten Gegenwart nicht gerade leicht hat. Während die Algorithmen des Silicon Valley unsere Wahrnehmung gezielt in Affekt-Häppchen zerstückeln, verharren die hiesigen Medien in einer permanenten geopolitischen Angst-Schleife. Es ist, als fehle uns allen in diesem täglichen Strom aus Krisenmeldungen der Kompass, um die Ereignisse noch richtig einordnen zu können. Weiterlesen
Entgegen der allgemeinen Darstellung war der Krieg keine Niederlage für die USA und Israel. Die Islamische Republik wird sich als Folge auflösen. Die arabischen Staaten bilden eine Allianz mit Israel. Auch China trägt Schaden davon. Deshalb war es ein Fehler, dass Europa sich herausgehalten hat. Eine Zwischenbilanz unseres Gastautors Georg Rößler aus Jerusalem.
Trump und Netanjahu machen es uns leicht, sich vom Krieg gegen den Iran abzugrenzen. Wer mal eben Grönland einkassieren will, weil er es will, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Auch Trumps Hetze gegen NATO kommt nicht gut, wenn sie für einen (möglicherweise sinnhaften) gemeinsamen Waffengang gewinnen will. Ähnliches gilt für Netanjahu: Seine Motive, innenpolitisch das eigene Land in Stücke zu reißen und militärische Konflikte auszudehnen, um der eigenen Verantwortung und einer möglichen gerichtlichen Verurteilung zu entgehen, können nur zweifelhaft erscheinen.Weiterlesen
Die Kirchen sind ein Bollwerk gegen die AfD, die sie deshalb bekämpft. Praktizierende Christen halten deutlich mehr Abstand zu der rechtsautoritären Partei als in Meldungen über jüngste Umfragen behauptet.
Mit dem gen 30 Prozent strebenden Stimmenanteil der AfD in Umfragen wächst auch der Anteil der Kirchenmitglieder, die den Rechtsradikalen zuneigen. Alles andere wäre eine Überraschung, denn Zeittrends samt ihren „Irrungen und Wirrungen“ gehen nie spurlos an großen Glaubensgemeinschaften vorbei. Dies wurde etwa infolge der 68er-Revolution auch im Kirchenmilieu sichtbar.Bis heute schmerzhaft ist die Verführbarkeit von Christen in den Dreißigerjahren, als es unter dem Einfluss des Nationalsozialismus eine opportunistische Kirchenaustrittsbewegung und Zweidrittelmehrheiten der „Deutschen Christen“ in evangelischen Synoden gab. Weiterlesen
Wozu Lyrik? Es gibt zum Glück darauf viele Antworten. Zum Beispiel Eingängigkeit:
Kuno sprach zu Kunigunde: Paech-Brot ist in aller Munde / Doch ist’s nicht fein, das gilt für jeden, mit Brot von Paech im Mund zu reden.
Die Werbegedichte für Paech-Brot hingen früher in der Berliner U-Bahn, und da ich auf der Fahrt von Zoo bis Tegel – Leopoldplatz umsteigen – sonst nichts zu tun hatte in jener Zeit, als es keine Smartphones gab, habe ich sie memorisiert. (Unser Deutschlehrer hingegen meinte, zwischen Zoo und Hansaplatz würde er unsere Arbeiten korrigieren. Mehr Zeit auf unsere Ergüsse zu verwenden, wäre Verschwendung.)
Sinnig: blaue und rot und und schwarz umrandete Überschriften auf bild.de
Man sehe mir nach, dass ich einen Screenshot aus bild.de vom 18. Mai 2026 zur Illustration meiner Gedanken teile. Obwohl das Blatt sich sonst jedem Tierthema ausgiebig zu widmen pflegt (unbelehrbare, versterbende Wale; entlaufene, gemeuchelte Tiger, aggressive Kühe in Österreich). fehlen Kaninchen und Schlange. Das ist schade und kaum entschuldbar.
Diese Wesen aus der Redewendung sind leicht zu identifizieren: Das Kaninchen ist natürlich die schwarz-rote Koalition. Niedlich aus der Entfernung, kleinlaut beim Näherkommen, wenig selbstbewusst und in der Natur außer als Raubvogelsnack kaum wahrnehmbar. Die Schlange hingegen ist die AfD: listig, fast unhörbar, höchst gefährlich und als schlankes Wesen für Etliche attraktiv, gerade wegen der Unheimlichkeit faszinierend. Weiterlesen
Das Denkmal „Verwüstete Stadt“ in Rotterdam erinnert an die fast vollständige Zerstörung der Hafenmetropole durch die deutsche Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg
Während ich dies schrieb, versuchte die niederländische Polizei, Demonstranten einer Aktivisten-Gruppe namens „Geef Tegengas“ – was so viel bedeutet wie „Gas in die andere Richtung geben“ – von Gleisen zum Rotterdamer Hafen zu entfernen, auf die sich gelegt hatten. Der Hafen schlägt jährlich mehr als 400 Millionen Tonnen Fracht um, darunter Kohle, Eisenerz, Getreide, Öl, Chemikalien, flauschige Teddybären aus China und – offenbar – Waffen für Israel.
Die Gruppe verkündete bereits nach drei Tagen stolz, sie habe dem Hafen 30 Millionen Euro an entgangenen Einnahmen gekostet. Die Güterzüge werden sich wahrscheinlich bis nach Basel, wenn nicht bis nach Chiasso zurück stauen. Das ist das europäische Landäquivalent zur Blockade der Straße von Hormus. Weiterlesen
Die Rolling Stones 1963. Foto: Public Domain via Wikimedia Commons
Weil ein Freund und Bandkollege den Film lobte, schaute ich mir auf arte „Brian Jones und die Rolling Stones“ an. Na ja.
Nun muss man vorwegsagen, dass vieles, was mir am Film von Nick Broomfield nicht gefällt, auf 99 Prozent aller so genannten Dokumentarfilme zu Popstars zutrifft. Sie werden zusammengestoppelt aus Interviews mit mehr oder weniger bedeutenden Zeitgenossen, die sich meistens für erheblich bedeutender halten, als sie es sind oder waren, und dazwischen gibt es Konzertmitschnitte, die meistens aus Copyrightgründen frustrierend kurz sind oder – wie in diesem Film – zuweilen mit anderer Musik unterlegt sind; oder andere zeitgenössische Aufnahmen, die so manipuliert werden, dass sie scheinbar zur Aussage des Films passen.
Es gibt Sätze, die lange als unanständig galten. Einer davon lautet: Vielleicht geht die Welt doch nicht unter. Nicht, weil es keinen Klimawandel gibt. Nicht, weil CO₂ in der Atmosphäre keine Wirkung hätte. Sondern weil aus einem realen Problem ein politisches Erlösungsprogramm geworden ist, das immer weniger nach nüchterner Abwägung klingt und immer mehr nach Glaubensbekenntnis.