Heute früh erlebte ich ein kleines Wunder. Der Wecker klingelte, ich knipste die Lampe am Bett an – und es ward Licht. Danach ein zweites Wunder: warm duschen. Seit Samstag schlichen wir uns mit Taschenlampen durch ein dunkles, langsam aber sicher auskühlendes Haus. Immer die bange Frage im Hinterkopf: Kommt der Strom wieder, bevor die Rohre einfrieren? Nun brummt die Erdwärmepumpe wieder, es wird langsam wieder wärmer. Man kann Tee kochen. Die Waschmaschine anschmeißen. Das Handy laden. WLAN funktioniert. Lauter Wunder.
Meine größte Sorge ist, dass man vergisst, was die alltägliche Versorgung mit Strom für ein Wunder ist. Die Berufsmiesmacher sind längst dabei, aus einem Unglück das Maximum an Staatsverdrossenheit herauszuholen. War die Strombrücke über den Kanal unzureichend bewacht? Offensichtlich. Dauerte es zu lange, bis der politische Apparat aus dem Wochenendmodus in den Krisenmodus schaltete? Ja. Zeigte der Regierende Bürgermeister einen Mangel an politischem Spürsinn, als er, statt die Hot Spots zu besuchen, Tennis spielte? Ja. Heißt das, der Staat – allgemein oder nur in Berlin, dem Hassobjekt aller Staatsfeinde, von den linken Vulkan-Terroristen bis zu den rechten geistigen Brandstiftern – versagt hätte?
Das sollten die Besserwisser den Technikern und Arbeitern von Stromnetz Berlin sagen, die bei eisigen Temperaturen Tag und Nacht gearbeitet haben, um schließlich 24 Stunden früher als geplant alle Haushalte im betroffenen Gebiet mit Strom versorgen zu können. Oder den Polizisten, die an allen wichtigen Knotenpunkten da waren, um den Verkehr zu regeln und die nachts Sonderstreifen durch unser Wohngebiet fuhren, um Einbrecher abzuschrecken. Den Feuerwehrleuten, die ständig im Einsatz waren, um alte und kranke Menschen aus unterkühlten Wohnungen zu holen. Den Kräften vom THW und der Bundeswehr, die Notunterkünfte eingerichtet haben und die Menschen mit warmem Essen versorgt haben.
Bis es einen selbst trifft, macht man sich keine Vorstellung, wie orientierungslos man wird, wenn das Zuhause keinen Schutz mehr bietet. Wenn simple Vorgänge wie das Aufladen des Handys oder des Laptops, um mit der Welt in Verbindung bleiben und arbeiten zu können, zu logistischen Herausforderungen werden, vor allem, wenn man kein Auto hat. Wie verlassen man sich vorkommt, wenn man auch mit geladenem Handy nicht ins Internet kommt, weil die Sendemasten ohne Strom nicht funktionieren. Wenn man aus dem Keller ein altes Transistorradio holt, einschaltet, und feststellt, dass selbst das örtliche Inforadio jede Menge über Venezuela zu berichten weiß, aber keine Sondersendungen mit Nachrichten für die Betroffenen vor Ort macht.
Nie werde ich den Sonntagmorgen vergessen, als das örtliche Café voll mit Menschen im Mantel war, die sich endlich einen warmen Kaffee gönnten und eine Steckdose fürs Handy suchten. Das Team hatte am Abend vorher das Café länger aufgelassen und nun auch früher aufgemacht, um den Leuten zu helfen. Überall hörte man Geschichten wie: „Ich habe die Kühltruhe voll Fleisch. Weiß jemand, wie ich das loswerden kann, bevor es schlecht wird? Wäre doch schade drum.“ Oder: „Ich ziehe zu meiner Tochter, aber was mache ich bloß mit meinen Katzen?“ „Ich setze mich alle paar Stunden ins Auto, um mich aufzuwärmen und das Handy zu laden.“
Über WhatsApp-Gruppen tauschten Nachbarn Nachrichten aus – „zwei Straßen weiter haben sie wieder Strom“ – und gaben sich Tipps: „Unbedingt bei der Wärmepumpe das Wasser rauslassen, bevor es friert“.
Nirgends wurde geschimpft. Etwa darüber, dass Asylbewerber im Hotel untergebracht würden. Als ob das Unglück nicht passiert wäre, wenn diese Menschen im Zelt gewohnt hätten. Vielmehr dachten viele Betroffene mehr an andere als an sich: „Jetzt beginnt man, sich vorstellen zu können, wie es den Menschen in der Ukraine geht, und das seit vier Jahren“ – das hörte man oft in Gesprächen. Denn gesprochen wurde viel. Anderswo in Berlin wie überall starren die Menschen in Bahn und Bus stumm auf ihre Smartphones. In den Tagen des Blackouts kamen die Leute an der Haltestelle ins Gespräch, tauschten Erfahrungen und Tipps aus, wünschten einander viel Glück und meinten es auch.
Und dann am Mittwochnachmittag, war das Glück da in Gestalt einer plötzlich aufleuchtenden Glühbirne. „Nicht zu fassen!“ was man sonst im ärgerlichen Tonfall am Bahnsteig hört, wenn wieder einmal der ICE ausfällt oder die S-Bahn Verspätung hat, hörte man nun im Tonfall des Glücks. Unfassbar! Strom! Nachbarn traten vor die Tür und lächelten einander an. Ein Wunder.
… o.t.: Tipp (Nur bei Stromanschluss.!) 😉
Das „Wunder“ ist wohl weniger der elektrische Strom, der ist nämlich..(ich lasse es..), sondern die spontane Hilfsbereitschaft in der Nachbarschaft und die Einsatzbereitschaft der Helden im technischen Personal. Und die sind wertvoller denn je und sollten sich auch daher gegenüber absichtsvollem Lob aus der Nomenklatura verwahren. Letztere sollte sich vor allem endlich darüber klar werden, wie abhängig sie davon ist, daß es spontane, hilfsbereite und tatkräftige Menschen überhaupt noch gibt.
Ansonsten: Die Chinesen liefern kleine, leistungsfähige und lagerfähige Akkumulatoren mit (wichtig!) hochwertigen Spannungswandlern zumindest zwecks Überbrückung für die Tiefkühltruhe (‚Unabhängige Stromversorgung‘). Ich hoffe wohl, solche Preppertipps (Selbsthilfe!) gelten nun nicht mehr als staatszersetzend. Freut mich AP, daß Sie es gut überstanden haben.
Lieber KJN, schon länger überlege ich, wie mein Freund und Bandkollege Peter Gentsch, ein Balkonkraftwerk mit angeschlossenem Akku (oder zweien) einzurichten. Zwar habe ich das Dach schon voller Solarpaneele, aber der Akku, der ja auch ins Netz speist, funktioniert umgekehrt nur, wenn Strom da ist. Und außerdem liegt jetzt auf den Paneelen dicker Schnee.
Ihre Preppertipps betrachte ich selbstverständlich nicht als staatszersetzend. Ich weiß nicht, wie Sie darauf kommen. Meine Nachbarn und ich haben durchaus preppermäßig zu Beginn des Ukraine-Kriegs überlegt, wie wir vom Gas wegkommen und haben den Umstieg auf Wärmepumpen und Solaranlagen gemeinsam geplant. Nur ist es so, und bei Politikern ist es doch auch nicht anders: Willst du Gott zum Lachen bringen, mache einen Plan. Natürlich hat keiner von uns mit dem jetzigen Ausfall, auch noch mitten in einer Kältewelle, gerechnet. Meine Erdwärmepumpe fing zwar gleich an zu ackern, als der Strom wieder da war, und hat jetzt nach drei Tagen das Haus warm bekommen. Meine Nachbarn, die Luft-Wärme-Pumpen haben, stehen jedoch eher schlecht da. Da die Außenanlagen eingefroren sind, arbeiten die meisten per Notprogramm, also nur mit Strom, was teuer und ineffizient ist.
Manchmal denke ich, wir in Deutschland sind ein wenig verhätschelt. Wir verachten den Staat gern, gerade weil er eigentlich immer da ist und funktioniert. Ein bisschen so, wie Teenager ihre Eltern verachten. Aber wehe, es funktioniert mal etwas nicht 100 Prozent! Dann fühlen wir uns erst recht in unserer Verachtung bestärkt.
Hallo err Posener,
Einschlägige Statistiken zur durchschnittlichen Stromausfallrate in verschiedenen Ländern stützen die Aussage in Ihrem letzten Absatz.
Ich bleibe Gaskunde mit einer guten Junkers-Therme, die bestimmt noch 15 Jahre halten wird. Das finde ich, volkswirtschaftlich gesehen, am nachhaltigsten. Alle Dinge im alltäglichen Gebrauch sollten erst dann ersetzt werden, wenn sie kaputt sind, (was ja im kapitalistischen Sinne eine sehr unsolidarische Vehaltensweise ist). Wennes denn irgendwann eine alternative Wärmeversorgung werden muss, läuft es wohl auf Fernwärme hinaus, auf die wir seit ein paar Jahren Zugriff haben.
Leider wird das Thema „Preppen“ virulent -zumal ich in zunehmenden Maße nicht weiß, woher die Einschläge kommen werden.
Ihne ein störungsfreies Restjahr!
Danke für die guten Wünsche. Als wir hier Alternativen zu Gas diskutierten, war ich für Fernwärme. Es stellte sich aber heraus, dass das aus diversen Gründen unpraktisch war. Beim Stromausfall allerdings fiel auch die Fernwärme aus, weil die warme Luft mit Elektropumpen weitergeleitet wird. Übrigens fielen auch die Gasheizungen aus, denn das Wasser wird per Strom durch das Haus gepumpt.
Sie müssen das mit dem Prepper- Bashing, daß es nun mal in linksüberheblichen pseudointellektuellen Spätpennälerkreisen (TAZ-Milieu), die auch gerne mit irgendwelchen Zitaten von irgendwelchen ‚Studien‘ um sich warfen („Follow the science“)., gab, nicht auf sich beziehen. Deswegen machte ich einen Absatz.
Ich hatte mir auch 2 Panels + Konverter llaus China für einen Spottpreis für Notfälle angeschafft, aber vor der Speicherung der Energie in Akkus zurückgeschreckt (noch mehr Geraffel im Haus..). Die nützen natürlich ohne Akkus derzeit wenig. Die USV-Akkus hängen hingegen ständig aufgeladen am Netz und werden nur beim Stromausfall aktiv. Das ist bei einer Tiefkühltruhe überschaubar, für eine Wärmepumpe schon zu aufwändig. Und das soll ja auch kein Lebensinhalt werden (und derzeit ist die ‚große‘ Tiefkühltruhe draußen ja auch nutzbar). Wir würden in einer solchen Lage sofort in unser Haus in der Eifel fahren (wo wir im Sommer sowieso sind), da ist auch ein Holzofen, auf dem man auch kochen kann, sofern man Holz gelagert hat.
Und ja – ‚wir‘ sind reichlich verwöhnt, an der Grenze spätrömischer Dekadenz.. und der Staat soll’s stets richten (..“wer ist hier verantwortlich?“).
Bei Berlin habe ich mich wohl gefragt, wo die üblicherweise vorgehaltenen Notstromgeneratoren sind, mit denen man zumindest Versorgungsinseln in öffentlichen Gebäuden hätte schaffen können.
Die Notstromaggregate waren im Einsatz: alle Krankenhäuser, Kliniken usw. waren versorgt. Nur hat es nicht auch noch für Privathaushalte gereicht.
Ach, herrlich – eine Stimme der Vernunft in all dem hysterischen Gebrüll. Danke.
Nächstes Mal setzen Sie sich mit Ihren Enkeln in’s Auto und kommen vorbei. Provinz hat Platz …
Ähm, in welches Auto?
Als wir 2005 durch das Schneechaos fast eine Woche keinen Strom hatten, ging es uns sehr ähnlich. Meine Erfahrung war aber auch, dass gerade in solchen Zeiten, der Zusammenhalt zwischen den Menschen wächst – einige Ausnahmen gibt es aber natürlich immer. Hin und wieder ist es sehr gut, geerdet zu werden und so das Wunder des Stroms wert zu schätzen. Allerdings muss das ja nicht jedes mal mit einer Woche ohne Strom verbunden sein.
Viele Grüße aus dem Münsterland, Marius
„ICC“
Daran erkennt man den regelmässigen Bahnfahrer.
=;-)
Danke. Ich ergänze: den Berliner Bahnfahrer: https://icc.berlin/
… oh, das haben Sie aber wirklich lieb geschrieben, werter APo. Freuen ‚wir‘ uns also auf künftige Blackouts. Klimaideologen schaffen das.
Überhaupt sollen Kinder und ältere Menschen sich gefälligst zusammenreißen. Als über 90-jährige auf einer Liege in einer Turnhalle übernächtigen und vom Oberregierenden wachgeküsst zu werden … au-haua-ha … das hat was. Wetten? Die Omma hat geglaubt sie sei Schneewittchen.
‚Hilfreiche‘ schon länger bekannte Tipps gefällig? Angela Merkel (‚C’DU); ‚… vielleicht macht man auch mal eine kleine Kniebeuge oder klatscht in die Hände … Das solle zwar jeder für sich entscheiden … nur wenn einem kalt ist, hilft es ja manchmal. … oder etwas Wärmeres zum Anziehen … ‚
… oder etwa vom HELL-deutschen Lutheraner Gauck; ‚Wir können auch einmal frieren für die Freiheit. Und wir können auch einmal ein paar Jahre ertragen, dass wir weniger an Lebensglück und Lebensfreude haben.‘
… was wägt mehr als Ratschläge der ‚BRD‘ ihrer Wünschel-‚Elite‘?