Randy Newman ist Dienstleister. Das meine ich nicht als Kritik. Wenn Produzenten eine Filmmusik brauchen, etwa für „Toy Story“, dann schreibt er sie, und den Hit dazu: „You’ve Got a Friend in Me“. Und dann ist das eine gute, brauchbare Filmmusik, und die Songs kommen ohne doppelten Boden daher. Dann muss man sie aber auch nicht groß interpretieren: WYHIWYG: What you hear is what you get.
Für diesen Song mache ich eine Ausnahme. Erstens, weil er für „Monk“ geschrieben wurde, eine großartige Detektive-Comedy-Serie, die 20 Jahre nach der Erstausstrahlung gerade auf Netflix wieder läuft, und zweitens weil ihn Newman für eine Neuaufnahme verschlimmbessert und damit gezeigt hat, was selbst einem begnadeten Komponisten passiert, wenn er eine allzu platte Botschaft vertont und die Ironie – vor allem die Selbstironie – dabei vergisst.
Adrian Monk – wer ihn nicht kennt, sollte ihn schleunigst kennen lernen – ist ein ehemaliger Polizist, der seit dem Mord an seiner Frau und seinem anschließenden Zusammenbruch nicht mehr den Anforderungen der Polizei in San Francisco entspricht und als Privatdetektiv die Polizei berät. Monk ist – war schon vor dem Mord an seiner Frau – eine Zwangspersönlichkeit, leidet an diversen Phobien – genau 312 nach eigenen Angaben – und nach meiner Meinung auch an einer Variante des Asperger-Syndroms. Dafür verfügt er, wie andere persönlichkeitsgestörte fiktionale Detektive, man denke an Sherlock Holmes oder Hercule Poirot, über ein enormes Detailwissen und eine außergewöhnliche Beobachtungs- und Kombinationsgabe.
In diesem Song, der 2004 extra für die Serie geschrieben wurde, weil die ursprüngliche Titelmelodie als zu gutgelaunt nach der ersten Staffel verworfen wurde, geht Newman nur auf Monks Phobien ein, nicht auf seine Gaben: Überall sieht der Sänger Unordnung und Durcheinander: ist denn niemand hier verantwortlich? Man hält ihn für verrückt, weil er sich ständig Sorgen macht, aber wenn Sie aufpassen würden, würden Sie sich auch Sorgen machen. Als Beispiel gibt Newman die Luft- und Wasserverschmutzung an. (Monk selbst trinkt nur Mineralwasser der Marke „Sierra Springs“ und verdurstet beinahe bei einem Einsatz in Mexiko, weil er dort seine Marke nicht findet.) Wenn man nicht aufpasst, so seine Schlussfolgerung, könnte diese Welt, die wir doch so lieben, uns einfach umbringen. Denn da draußen herrscht das Gesetz des Dschungels. (Den Text findet man unten.)
So weit so passend; und dass Newman mit der unabweisbaren Tatsache der Umweltverschmutzung dem Phobiker in gewisser Weise Recht gibt, macht auch die ironische Umkehrung möglich: Viele Umweltschützer machen den Eindruck von Phobikern und Reinlichkeitsfanatikern. (Monk muss nach jedem Handschlag die Hand mit einem Feuchttuch abwischen, was mich an die kollektive Phobie während der Covid-Pandemie erinnert, die zwar eine reale Grundlage hatte, aber manchmal und bei manchen Leuten ins Krankhafte tendierte.) Man kann auch sagen: Was dem Rassisten Leute mit dunkler Haut sind, das sind dem Umweltphobiker die Fülle an tendenziell gefährlichen Stoffen und Lebewesen, von CO2 und Mikroplastik über Viren bis hin zu angeblich „invasiven“ Pflanzten- und Tierarten.
Für sein Album „Dark Matter“ (2017) hat Newman eine musikalisch ambitioniertere – jazzig-orchestral arrangierte – Version des Songs aufgenommen. So weit, so prima, auch wenn er bei dieser Aufnahme nicht so gut singt wie 13 Jahre zuvor. Leider hat er auch den Text ergänzt.
Da geht es nicht mehr um Monk; überhaupt scheint ich hier kein anderer zu sein, sondern tatsächlich Newman: Die Menschen bekämpfen sich gegenseitig, als wären sie Gladiatoren (er sagt „legionnaires“, aber das Wort passt nicht, Legionäre haben sich nicht gegenseitig bekämpft); und auch drinnen ist man nicht mehr sicher, alles wird beobachtet und abgehört. Nennt mich paranoid, aber wie heißt es so schön, auch Paranoiker haben Feinde. Ich bin nicht verrückt, ich habe vor denen keine Angst, die haben Angst vor dir und mir.
Wenn ich das so aufschreibe: vielleicht ist es doch Ironie? Vielleicht sind hier die Phobiker von rechts gemeint, die überall den Deep State am Werk sehen? Immerhin entstand der Song im ersten Jahr der ersten Trump-Präsidentschaft, die vier Jahre später, kurz nach der Pandemie, in den Sturm aufs Kapitol mündete. Und wenn diese Passage („they’re afraid of you and me“) ein bisschen klingt wie Bob Dylan in „It’s Alright Ma“ – „könnten sie meine Gedankenträume lesen, würden sie mich unter die Guillotine legen“ – , so hat das eben damit zu tun, dass die Paranoia der Linken, die 1968ff überall Feinde witterten, inzwischen auf die andere Seite gewandert ist.
Wie wäre dann der letzte Vers einzuordnen: Die Cops haben auch Angst, also tu genau, was sie sagen, oder hau so schnell wie möglich ab – Ironie? „I’m only kidding with ya“, heißt es da; aber drei Jahre zuvor hatte die „Black Lives Matter“-Bewegung gegen rassistische Polizeigewalt begonnen. Und auch hierzulande sitzt der Polizei-Colt lockerer als früher. „It’s a Jungle Out There“. Und die Frage, ob irgendjemand hier noch das Sagen hat, für Ordnung sorgen kann, bewegt nicht nur Phobiker.
Hm. Jetzt habe ich mir den Text beinahe schöngeredet. Auch gut.
It’s a jungle out there
Disorder and confusion everywhere
No one seems to care
Well, I do
Hey, who’s in charge here?
It’s a jungle out there
Poison in the very air we breathe
You know what’s in the water that you drink?
Well I do, and it’s amazing
People think I’m crazy, ‚cause I worry all the time
If you paid attention, you’d be worried too
You better pay attention
Or this world you love so much might just kill you
I could be wrong now, but I don’t think so
‚Cause it’s a jungle out there
It’s a jungle out there
It’s a jungle out there
Violence and danger everywhere
It’s brother against brother
Pounding on each other
Like they were Legionnaires
It’s a jungle out there
It’s a jungle in here too
You got a tap right on your phone
A microphone and camera checking out everything you do
Call it paranoia, as the saying goes
Even paranoids have enemies
I’m not the one who’s crazy, I’m not afraid of them
They’re afraid of you and me
I could be wrong there, but I don’t think so
‚Cause it’s a jungle out there
It’s a jungle out there
It’s a jungle out there
Even the cops are scared today
So if you see a uniform
Do exactly what they say or make a run for it
I’m only kidding with ya
‚Cause it’s a jungle out there
It’s a jungle out there
Zu den Haftschilderungen von P.G. Wodehouse, @Alan Posener: Gibt es die auf Deutsch ?
Ich war 3 Jahre in der DDR in Haft, 14 Monate davon in Untersuchungshaft beim Ministerium für Staatssicherheit, habe danach (im Westen) studiert und bin 10 Jahre als Zeitzeuge an Schulen gegangen.
Die Frage: Wie erzähle ich davon, ohne zu wimmern ? Die Frage beschäftigt mich. Wie ich generell denke, dass Erinnerung zuerst bestimmt ist von dem Wunsch, weiter zu leben. Gesund weiter zu leben. Oder eben: Krank sein zu wollen, wenn es dafür eine Versorgungsrente gibt.
Im vorigen Jahr haben mir die Damen und Herren Doktoren der Geschichtswissenschaft von der Stiftung Aufarbeitung mitgeteilt, dass sie mich nicht mehr vermitteln werden.
Weil ich die Schrecken der Haft, die ihnen ja als Doktoren der Historie bekannt seien, also weil ich dieselben anzweifeln würde.
Kurz: Ich bin neugierig.
Das Buch „Wodehouse im Krieg“ von Thomas Schlachter enthält auch Übersetzungen der Berliner Radioansprachen. Edition Epoca. Auf Amazon (etwa) zu bestellen.
Ihre Frage kann ich mangels eigener Erfahrung nicht beantworten. Aber ich denke, Erich Loest hat in „Durch die Erde ein Riss“ eindringlich von der Haft erzählt, ohne zu „wimmern“.
Die deutsche so genannte Aufarbeitung ist eine schlimm vereinfachende Dämonisierung.
Aber Diktatoren sind sehr menschliche Menschen mit sehr menschlicher Gier. Und Skrupellosigkeit.
Gegenwärtige DDR-Nostalgie im Osten ist meiner Ansicht nach ein schräger Versuch, der Dämonisierung dagegen zu halten.
Irgendwie off topic, nein?
Vielen Dank, lieber Alan Posener. Ja, ich kenne die Folge wo der durchaus distinguierte Stottlemeyer Karaoke singt und dabei ungewollt Begehrlichkeiten weckt und auch die, wo seine neue Liebe nach seiner Scheidung in Mordverdacht gerät und er seinen Ermittler Monk deswegen anfleht:“Ich bin jetzt 51 und ich weiß nicht ob ich nochmal eine Chance bekomme, so eine Frau zu finden. Bitte machen Sie mir das nicht kaputt!“ und Monk damit wieder mal mitten im Dilemma landet. Oder der stets bemühte Möchtegerne-Rockstar Lieutenant Disher und Monks Assistentin mit Helfersyndrom Mrs. Teeger. Humor über das Leben ohne Häme, Spott und aufdringliche politische Botschaft und für mich ein wahres Superhelden-Epos. Ich mag das sehr. Ich habe nicht wirklich Ahnung von diesen Dingen, aber dass sie den ersten zwar charmaten etwas plüschig-jazzigen Soundtrack, der wohl so eine betuliche Miss Marple -Atmosphäre herstellen sollte, durch Newmans Stück ersetzt haben, war kongenial auf den Protagonisten zugeschnitten. P.G. Wodehouse kenne ich (noch) nicht.
https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article122895424/Wie-Mr-Wodehouse-irrtuemlich-an-die-Nazis-geriet.html
Lieber KJN, dann steht Ihnen ein großer Genuss bevor: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article122895424/Wie-Mr-Wodehouse-irrtuemlich-an-die-Nazis-geriet.html
Not funny!
Ich werde ab jetzt immer wieder darauf hinweisen, dass sich hier keiner beschweren kann, wenn demnächst die Nazis an die Macht kommen und bei uns vor der Tür steht, um uns abzuholen.
Lesen Sie alle Lion Feuchtwangers „Die Geschwister Oppermann“. Da wird die kurze Zeit zwischen Nov. 1932 bis zur Machtergreifung im März 1933 aus der Sicht der fiktiven Kaufmannsfamilie Oppermann beschrieben. Ich habe selten ein mehr als 90 Jahre altes Buch gelesen, dass so aktuell ist.
Also kann ich alle nur warnen, das auf die leichte Schulter zu nehmen. Wir haben, wie Herr Posener immer wieder hinweisen zu müssen glaubt, keine Weimarer Verhältnisse, das liegt aber vor allem daran, dass es in der BRD fast keine Kommunisten mehr gibt, die auf die massiven unzähligen terroristischen und gewalttätigen Ausschreitungen der Rechtsradikalen in proportionalen Umfang reagiert. Das ist zum einen zwar gut, auf der anderen Seite findet aber ein klandestiner einseitiger rechter Bürgerkrieg seit mehr als 15 Jahren statt. Und das zumindest teilweise mit Wissen und Unterstützung und Teilnahme vom Miarbeitern und Verbindungspersonen der Polizei- und Geheimdienststellen. Die Liste ist lang: NSU, Preppper-und Reichsbürgerszene, Nordkreuz, die Gruppe mit dem abgesdrehten Adligen und der AfD-Bundestagsabgeordneten und Richterin, die unzähligen Angriffe auf Asylumterkünfte, queere Orte, Behinderte und Obdachlose…
Wir wieden uns in einer nicht gegebenen falschen Sicherheit. Jede Verharmlosung von Typen wie Musk, Trump und Co. sind Sargnägel für das Projekt Aufklärung und im Zweifel auch für uns ganz persönlich. Heute ist Haltung oberste Bürgerpflicht!
Lesen Sie, wie schon 1933 in deutschen Polizeikellern gefoltert wurde, lesen Sie Feuchtwanger!
Berichten Sie, wieso Trump, Musk, Sellner, Robinson eine Gefahr für uns sind.
In Gefahr und grösster Not bringt der Mittelweg den Tod!
Lieber 68er, danke für die Romanempfehlung. Ich habe Feuchtwangers Buch in der Tat vor einigen Wochen gelesen – es ist bemerkenswert und bedrückend. Nur: bloß weil viele Deutsche (darunter jüdische wie übrigens mein Vater und andere Mitglieder der Familie Oppenheim wie mein in Theresienstadt ermordete Großonkel Alfred, meine Großtante Mathilde oder meine andere Großtante Margarete Posener) Hitler und die Nazis unterschätzten, heißt das nicht, dass wer heute in der AfD keine Wiedergängerin der NSDAP erblickt (und in Giorgia Melloni keinen neuen Mussolini), einen genauso fatalen Fehler macht. Und da Sie die KPD erwähnen, deren Politik ich aus bekannten Gründen sehr genau studiert habe: Sie trägt nicht nur deshalb einen Großteil Schuld am Niedergang der Republik, weil sie, wie Sie richtig schreiben, sich auf einen Kleinkrieg mit der SA eingelassen hat, sondern viel mehr, weil sie mit der Sozialfaschismustheorie die SPD zur Hauptfeindin erklärte, im Berliner BVG-Streik mit der NSDAP zusammenging und nach 33 völlig gelähmt reagierte. Wir können gern ausführlich über Ihre Thesen diskutieren – aber, wenn ich bitten darf – nicht unter jedem Beitrag, der – wie dieser – sich etwa mit einem Song über Phobien beschäftigt. Ludwig Greven hat ja über die AfD geschrieben, und da wäre der Platz für diese Diskussion. Sie sehen, ich weiche nicht aus, aber ich kann nun einmal nicht alles überall diskutieren. Sie finden übrigens in WELT, auf X und Bluesky diverse Beiträge von mir zu diesen Fragen. Hier und auf Facebook möchte ich in der Regel über andere Themen reden, wenn’s erlaubt ist.
Zuletzt zu Trump (und es gibt bei WELT eine Kommentarfunktion): https://www.welt.de/debatte/kommentare/article255090166/Groenland-Die-Empoerung-ueber-Trumps-Groenland-Strategie-ist-verlogen.html
Lieber Alan Posener, es ist also bisweilen ziemlich einfach: „Entweder man hat einen Schnurrbart oder nicht“. Und nur eine gesunde Portion Eskapismus lässt einen bei Verstand bleiben. Danke für den Tip mit Woodhouse.
Lieber Herr Posener,
es ging mir gerade nicht um die „Weimarer Verhältnisse“ wie sie in den Geschichtsbüchern beschrieben werden, nicht um Strassenkrieg, Fenemorde, Parteien, Bürgerwehrem etc. Mir geht es um das soziale Binnenklima. Die schleichende Verschiebung der Moral oder auch „Befreiung“ von Errungenschaften der menschlichen Zivilisation. Ich habe das subjektive Empfinden, dass in meiner direkten Umgebung man immer öfter die bestialische Fratze der Menscheit durchblitzen sehe, bei dem langjährigen sonst so fluffigen Bekannten, der netten Apothekerin, dem gut gekleideten Chefarzt, wenn er mir erklärt, dass der Russe, Araber (setzen Sie ein was Sie wollen) von Natur aus nicht so strukturiert arbeiten könne wie der Europäer (er scheut sich noch Deutscher zu sagen).
Das ist erschreckend aktuell bei Feuchtwanger beschrieben, auf den ich Sie übrigens schon im vergangenen Juli hingewiesen hatte.
https://starke-meinungen.de/blog/2024/07/20/der-anachronistische-zug-frei-nach-bertolt-brecht/#comment-94217
Worüber Sie hier diskutieren wollen, steht Ihnen frei. Sie sind ja hier der Chef!
=;-)
Lieber 68er, ja, ich bin der Chef. Aber wie Sie sehen, nehme ich Ihre Hinweise ernst. Zurzeit jedoch und hier auf SM, indem ich mich mit einem Mann beschäftige, der schon lange die abgründigen Stimmen – ich verweise etwa auf „Rednecks“, was ich demnächst besprechen werde, zu Gehör bringt…
Lieber 68er,
„Ich habe das subjektive Empfinden, dass in meiner direkten Umgebung man immer öfter die bestialische Fratze der Menscheit durchblitzen sehe..“
..und ich habe das subjektive Gefühl, dass das Sicherheitsbedürfnis, das unsere Gesellschaft lähmt, die persönliche Freiheit, die persönliche Autonomie, vor allem unsere Vitalität in kollektiv formulierten und in Pseudovernunft („follow the science“ nicht wahr?), ‚Achtsamkeit’, political correctness – Sprachregelungen gekleideten moralischen Imperativen erstickt. Umso wichtiger erscheint mir (als Rechtem, nicht wahr?) die (ein wenig) öffentliche Diskussion mit politisch Andersdenkenden (Alan Posener z.B. – aber da bin mir bei allem Dissens nicht ganz so sicher) etwas über die Dinge zu erfahren, die den anderen so umtreiben. Es ist scheint mir nicht gerade ein Qualitätsmerkmal unseres jetzigen Kulturbetriebes zu sein, dass es dabei der Reflexion auf alte Klamotten, wie von Randy Newman bedarf. Da hatten wir mal bessere, weil innovativere Zeiten. Ich fände es schön, wenn wir dieses zarte Pflänzchen, bzw. den fragilen Raum, in dem diese Reflexionen möglich sind, nicht in Belehrungen ersticken müssten, dass z.B. Woodhouse aufgrund der alles offensichtlich erdrückenden ‚deutschen Schuld‘ nicht mehr witzig sein dürfen soll. Hätten ‚gerade wir als Deutsche‘ mehr von seinem Witz und Spott und seiner Unabhängigkeit im Denken gehabt, wär vielleicht so einiges nicht passiert.
Lieber KJN,
wenn Herr Posener schreibt, dass seine Verwandten „das“ (Berichte über Polizeigewalt, Folterungen etc.) damals vielleicht nicht ernst genug genommen haben, war es genau mein Anliegen darauf hinzuweisen, dass das damals und heute gar nicht so witzig war und ist, wie viele es derzeit noch sehen.
Bei mir rennen Sie offene Türen ein, wenn es um Sprachverbote geht. Da vertrete ich eine ähnliche Auffassung wie Herr Posener, solange man niemanden beleidigt, kann man bei mir fast alles sagen. Und wenn ein Kollege, der über 60 ist, ab und zu einen frauenfeindlichen Witz macht oder Neger sagt, bekomme ich auch nicht direkt Herzflattern. Ich konnte als nicht Betroffene die letzen 50 Jahre damit leben, dass man in Deutschland das generische Maskulinum verwendet und könnte den Rest meines Lebens auch damit leben, wenn man sich auf das generische Femininum einigen würde. Und da fängt bei vielen Rechten dann die Toleranz und die Freiheit des Anderen auf. Da bekommen die meisten alten weissen Männer, die mir in der letzten Zeit immer mehr Angst machen (früher gingen sie mir nur auf den Keks), nämlich reihenweise Herzflattern und hyperventilieren, wenn man ihnen das vorschlägt, und fangen fast an zu weinen, wenn man ihnen sagt, „dass sie da natürlich immer mit gemeint seien.“ Da sieht man in Ihren Gesichtern förmlich, wie ihnen innerlich ihr Allerliebster abgeschnitten wird. Das ist so offensichtlich und jämmerlich.
Wäre ich ein Nazi, würde ich sagen: „Jämmerlich undeutsche Schlappschwänze!“
Es geht mir auch nicht um das Zigeunerschnitzel und nicht ums Gendersternchen oder sonstwas. Leute, die daraus einen hochemotionalen Kulturkampf machen, von beiden Seiten, finde ich sowas von unentspannt und ich frage mich oft, was in deren Kindheit falsch gelaufen ist.
Wo bei mir aber keine Toleranz mehr herrscht, ist wenn Leute so einen Unsinn behaupten, dass Russen kulturell keine Europäer seien und einen anderen Zugang zu Gewalt und Tod hätten, wie es Frau Gaub bei Lanz gefaselt hat, wenn mir ein Bekannter erzählt, dass es in der Natur seiner ausländischen Mitarbeiter läge, dass sie nicht so leistungsfähig seien, wenn AfD-ler, Reichsbürger und andere durchgeknallte sog. „Gegnerlisten“ führen, mit Leuten, die sie nach der Machtergreifung „festnehmen“ wollen.
Und das sind nicht einzelne versprengte Idioten, die treiben sich in der AfD rum teils als hochrangige Abgeordnete, vor allem aber auch bei den Referenten, die immer mehr aus dem Bereich, der Neonazis und Identitären rekrutiert werden.
Und wenn so etwas immer mehr wird, wenn das Klima sich ändert, glaube ich mir schon erlauben zu können, Herrn Posener, der das sicherlich nicht als Zensur empfinden wird, darauf hinzuweisen, dass die Verharmlosung von Nazigefängnissen derzeit nicht lustig ist, auch wenn Mr. Wodehouse das damals vielleicht lustig gemeint hat.
Damit soll es aber gut sein, das ist ja hier gerade der Kulturkanal.
P.S. Aufgrund einer Systemeinschränkung des SM-CMS kann ich meinen alten Namen „68er“ hier bei der Anmeldung nicht mehr verwenden, so dass ich ihn in Achtundsechziger transkribiert habe.
Lieber 68er, Wodehouse meinte es lustig, wie ich schrieb; ich denke auch, dass er als jemand, der das Internat genossen hatte, seine Gefangenschaft weder allzu ernst nahm noch allzu furchtbar fand. (Ein Schulfreund von mir sitzt gerade in Griechenland ein und berichtet eigentlich ganz fröhlich von der Gemeinschaft unter den Gefangenen.) Es war aber genau die Sorte humorlose Leute, die heute aus dem Genderstern einen Kulturkampf machen, die damals Wodehouse wegen seines Versuchs, der eigenen Internierung eine lustige Seite abzugewinnen, vor ein Erschießungskommando stellen wollten.
Egal. Ich empfehle ja nicht die Lektüre seiner Kriegserinnerungen, sondern seiner wunderbaren Jeeves-Geschichten.
Ja schön, jetzt haben wir alle wieder gesagt, wie widerlich der politisch andersdenkende ist, was Prepper und Gendersternchengegner für Schlappschwänze sind und meine halbwegs gute Laune bezüglich Monk, Stottlemeier und Newman ist weg. Das macht so wirklich keinen Spaß.
Also KJN, ich habe niemanden als widerlich bezeichnet. Ich habe nur die Humorlosigkeit der Kulturkämpfer beklagt.
.. ich meine, dass wir alle im privaten umgängliche Leute sind, davon gehe ich aus. Nur gilt das wahrscheinlich auch für für den einen oder anderen mit den „Gegnerlisten“, bzw. gibt’s die auch bei der selbsternannten ‚Antifa‘ und einen Kulturkampf allein „wegen Gendersternchen“ führt auch niemand, der bei Verstand ist usw. usf. u.s.ö. (und so öde)..
Lieber KJN,
entschuldigen Sie, dass ich die Stimmung getrübt habe. Ich lebe und arbeite gerade in einer sehr zynischennund ehrlichen Umgebung, in der man sich soetwas an den Kopf werfen kann, da man weiss, dass der Gegenüber es nicht auf die Goldwaage legt. Früher ging es hier ja auch manchmal hoch her.
Ich muss mir wahrscheinlich abgewöhnen nach dem Motto zu leben, „lieber einen Feeund verlieren, als eine Pointe liegen zu lsssen.“
Gruss
68er
Lieber AP, lieber 68er, kein Problem, ich wollte nur darauf hinweisen, dass mehr vom Gleichen irgendwann wirklich nicht mehr witzig ist – zumindest, wenn man(n) nicht auf die Brachialcomedy, sagen wir z.B. einer Carolin Kebekus steht. Und dass man vom einen oder anderen genervt ist, bezieht sich i.d.R. gar nicht auf irgendwelche Symbole, wie Gendersternchen selber, sondern auf die oft dahinter stehenden stehenden übergriffigen Belehrungsversuche oder überhaupt Pentranz. Gerade am Geschäft mit dem Humor und der Unterhaltung überhaupt lässt sich m.E. ganz gut erkennen, wann sich Sache oder ein Thema medial totgenudelt wurde.
Lieber KJN, leber Herr Posener,
hätte nicht gedacht, dass die Diskussion noch so lustig wird, auf ein „Not Funny“ mit einem „Nicht lustig!“ zu antworten, zeugt irgendwie auch von Humor.
Humor ist das worüber ich selbst lachen kann, was die anderen lustig finden, ich aber nicht, ist geschmacklos. Wie einfach ist manchmal die Welt.
Ohne mich über den aktuellen Wahnsinn ab und an lustig machen zu können, wäre das Leben unerträglich.
Herzliche Grüsse
68er
Na ich weiß nicht, 68er.. das mit dem Schnurrbart hat für mich eine wunderbare Fallhöhe für den Popanz und eine exquisite Albernheit über die (ich glaube in Berlin sagten sie..) Popelbremse.. da reicht für mich keiner dieser heutigen ich-bin-auf-der- richtigen-Seite-Politkomödianten auch nur ansatzweise dran. Aber über Humor sollte man nicht sicher besser nicht streiten.
Ja, und: Es ist eben etwas Anderes, ob man über Hitler in England so um 1938 Witze machte, oder in Westdeutschland um 1950.
Die ganze Schwierigkeit wird wunderbar erfasst von Charlie Chaplins „Der große Diktator“, der als Farce beginnt und als Tragödie endet.
Der wirklich große Komödiant Charlie Chaplin hatte eben den Mut sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und nicht einem vorgegebenen Denkschema zu folgen (Sie wissen schon):
„Es ist eben etwas Anderes, ob man über Hitler in England so um 1938 Witze machte, oder in Westdeutschland um 1950.“
Und wegen ebendieser geistigen Unabhängigkeit wurde er auch nicht sehr viel später in der Mc Carthy-Ära als „Kommunist“ angeklagt. All jenen, die jetzt meinen eine weiße 70er-Jahre Haartolle würde das gleiche bedeuten wie ein stark gestutzter Schnauzbart sei gesagt, dass es zur Prophetie wohl etwas mehr geistiger Anstrengung bedarf, als einer einfachen ‚Transferleistung‘, wie Grundschulpädagogen wohl sagen.
Ist es eingentlich ein Zufall, dass Lieutenant Disher den Rufnamen „Randy“ hat?
So weit ich weiß nicht. Der Randy Newman Song wurde erst ab der zweiten Staffel verwendet. Disher hieß übrigens in der Pilotfolge noch Randy Deacon; keine Ahnung, warum das verändert wurde. Monkologen weisen darauf hin, dass die ersten beiden Buchstaben seines ursprünglichen vollständigen Namens zusammen mit denen von Leland Stottlemeyer LESTRADE ergeben, ein Polizeiinspektor aus den Sherlock-Holmes-Geschichten.
Ich glaube immer mehr, dass der harte Kern, der hier auch nach mehr als 10 Jahren immer wieder vorbeischaut -auch nach teilweise heftig gegührten Auseinandersetzungen – sehr ähnliche Affekte, Defekte und Präferenzen hat. Ausser meiner Familie, kenne ich sonst niemanden in meinem Bekanntenkreis, der Monk guckt, geschweige denn immer wieder guckt.
Ich wollte mich tatsächlich ein bisschen zurückhalten hier, aber an Monk UND Newman UND Corona UND Paranoia komme ich nun wirklich nicht vorbei. Weil.. da bin ich wirklich kompetent: Die Figur Adrian Monk kann ich verstehen, weil er sich nur von sich selber befreien kann, wenn er sich fokussiert und sozusagen als Kollateralschaden dabei miese Verbrechertypen aus dem Verkehr zieht und ich wünschte dem Herrn Minister Lauterbach von Herzen, dass er seine vergleichbare déformation professionelle – die ich auch durchaus beruflich kenne (die Keime, die toxischen Stoffe in Mikrokonzentrationen) – in konstruktivere Bahnen lenken könnte: Immer Stärken nutzen und sich nicht mit Schwächen allzu lange aufhalten… Die Filmversion von ‚The Jungle..‘ ist musikalisch genial mit der Instrumentierung, dem kontrapunktischen Bass, dem Honky Tonk Piano, der Bottleneck Gitarre, wunderbar passend und schmissig arrangiert mitsamt dem jammernden, weinerlichen Gesang von Randy Newman, der schon Tony Shaloubs Rolle des Adrian Monk zusammenfasst. Ach ja der Text: Es ist doch auch ein Dschungel draußen überall und was stimmt denn daran nicht? Die Linken lügen sich eins in die Tasche mit ihrer ‚Solidarität‘, ‚Moral’, ‚Völkerrecht’, und ‚Humanität’ und die Rechten reden bisweilen auch gerne von Gemeinschaft, Zusammenhalt der Nation und idealisieren genauso wie die Linken den Kollektivismus aus Angst vor der Freiheit und der Luft zum Atmen, die nur die Kettensäge schafft. Jeder hat so seine eigenen Ängste, die der andere nicht versteht. Weil man sie auch prinzipiell nicht verstehen kann. Monk, der tatsächlich wie ein Mönch lebt, schrammt immer kurz daran vorbei, ein komplettes Arschloch zu sein, weil er ist, wie er ist und aber eben auch weiß, dass er so ist, wie er ist. Deswegen ist der Song vielleicht mein Lieblingsstück vom Newman: Es ist nun mal nie eindeutig. Wir konstruieren uns immer nur mit unseren Verstand die Eindeutigkeit und bewegen uns damit weg von uns selber in Richtung Besserwisser. Vielleicht ist mir Newman deswegen immer wieder aufgefallen: Er ist selten intellektuell eindeutig aber immer berührend. Wie die Figur Adrian Monk. Mir geht es irgendwie wie dem Stottlemeyer, dem Chief oder Captain von ihm: Man will es nicht, aber man muss ihn mögen.. und so geht’s auch mit Newmans Liedern. I could be wrong there, but I don’t think so.
Lieber KJN, was für ein großartiger, berührender Kommentar. Und wenn der Song diese Gedanken und Gefühle bei Ihnen auslöst, ist jede Kritik daran wie … na , mir fällt auf die Schnelle kein Bild ein. Doch: jemand sagte von meinem Lieblingsschriftsteller P.G. Wodehouse, ihn zu kritisieren hieße, mit einer Schaufel einem Soufflé zu Leibe rücken.
Und ja, Stottlemeyer ist eine wunderbare Gestalt, viel sympathischer als die wohlmeinenden, aber stümperhaften Polizisten (etwa Lestrade bei Sherlock Holmes), die auch bei anderen genialischen Detektiven auftauchen, eben um dessen Genialität zu unterstreichen. Es gibt eine Folge, wo Stottlemeyer bei einem Junggesellenausflug in Vegas einen Mordfall im Suff löst, sich aber, als er zu sich kommt, nicht an die Lösung erinnert. Als Teil seines Versuchs, die Ereignisse vom Vorabend zu rekonstruieren, muss er in einer Karaoke-Bar für eine Dame singen, die seinen Hintern sexy findet … eine Szene von exquisiter Peinlichkeit, zumal Stottlemeyer nicht einmal schlecht singt.