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Der Fall Mauró

Bevor ich selbst im Alter von 50 Jahren Feuilletonredakteur wurde, hatte ich keine Ahnung, wie böse es unter Feuilletonisten zugeht. Besonders böse geht es unter Musikkritikern zu, und zwischen ihnen und ihren Opfern, und einer der besten Musikkritiker Deutschlands sagte mir, nur halb im Scherz, man könne etwa Opernbesprechungen nur verstehen, wenn man wisse, wer gerade mit welchem Tenor schlafe. Ich sage nicht, dass das zutrifft, ich sage nur, dass es mir von einem Kenner so gesagt wurde. Womit wir bei Helmut Mauró wären.

Mauró schläft offenbar nicht mit Igor Levit. Er ist dem Pianisten in herzlicher Abneigung verbunden. Woran das liegt, vermag ich nicht zu sagen. Mauró selbst behauptet, Levit beherrsche nicht das Legato, was sicherlich nicht stimmt, und überhaupt, dass Levits Musikalität nur erarbeitet, aufgesagt, ja „vorgespielt“ sei. Dass jemand, der wie Mauró zwar Musik studiert, es aber, ob mangels Arbeitseifer oder Musikalität, nicht zur Konzertreife gebracht hat, die Musikalität eines erfolgreichen und in der Tat fleißigen Pianisten wie Levit in Abrede stellt, verbuchen wir mal unter Chuzpe.

Was, wenn antijüdische Klischees mal auf einen Juden zutreffen?

Womit wir beim Judentum wären. Levit ist russischstämmiger Jude. Deshalb wollen manche Leute in Maurós negativer Levit-Fixierung einen Ausdruck seines Antisemitismus entdecken. „Alles nur erarbeitet, aufgesagt, „vorgespielt“: das Stereotyp aus Richard Wagners Invektive gegen den Juden Mendelssohn-Bartholdy findet sich übrigens auch in einer Levit-Konzertrezension von Mauró vom Mai 2019.“

Schwierig. Es soll vorkommen, dass Musiker*innen das vermissen lassen, was ich als Hobby-Populärmusiker „Soul“ nennen würde. Darunter sicher auch Juden. Einer, der mir sofort einfällt, ist Neil Diamond, dessen Vortrag ich nicht ausstehen kann. Ich finde ihn unausstehlich manieriert, selbstgefällig und gefallsüchtig; möglicherweise hat irgendjemand irgendwann gesagt, das seien typisch jüdische Eigenschaften: Macht mich das zum Antisemiten? (Meine Frau meint allerdings, meine Abneigung gegen Diamonds Halbtonglissandi – eine Art Sangeslegato, wenn man will – habe mit einer Abneigung gegen Klezmer zu tun, die ich wiederum von meinem Vater geerbt habe und das bei ihm und überhaupt meiner Familie väterlicherseits eindeutig antisemitisch konnotiert sei. ich erwiderte ihr, dass ich durchaus nicht so allergisch auf Klezmer reagiere wie mein Vater. So gehört zu meinen schönsten musikalischen Erinnerungen ein Konzert der polnischen Elektro-Klezmer-Gruppe Kroke in, nun ja, Krakau. Ich erwähne das der Vollständigkeit halber.)

Hasse ich Neil Diamond, weil er Jude ist? Und warum liebe ich dann Georg Kreisler und Randy Newman, Bob Dylan, Peter Green, Warren Zevon und – ich gestehe es – Barbra Streisand? Darf man einem Juden nicht Eigenschaften vorwerfen, die Antisemiten als „typisch jüdisch“ definieren? Schwierig. Wir hatten das schon bei Harvey Weinstein und Lisa Eckhart.

Mauró hasst Levit und liebt Trifonov

Kürzlich hat Mauró bei der „Süddeutschen Zeitung“ eine Suada gegen Levit veröffentlicht, in der es sinngemäß heißt, Levit könne als Pianist eigentlich gar nichts, schon gar kein Legato, ganz im Gegensatz zu Daniil Trifonov, dem Mauró schon 2013, ein „unbegreifliches“ Talent bescheinigte; dafür wisse sich Levit etwa auf Twitter in Szene zu setzen; er werde, so kann man die Kritik zusammenfassen, eher wegen seiner einwandfrei linken Gesinnung von seiner Fangemeinde geschätzt als wegen seines musikalischen Talents.

Nun ist Trifanov, der wie Levit in Nischni-Nowgorod geboren wurde, kein gänzlich unpolitischer Pianist, wie Mauró unterstellt. 2016 warf er dem Verlag Penguin Books antirussischen Rassismus vor, weil Penguin ein Zitat aus einem Roman von Iwan S. Turgenjew als in der Londoner U-Bahn Poster verwendet hatte: „Aristokratie, Liberalismus, Fortschritt, Prinzipien … Nutzlose Worte! Ein Russe braucht sie nicht!“

Trifonov forderte seine Follower und Fans auf, eine Petition zu unterschreiben, in der es heißt, Penguin betreibe „billige Propaganda“ und schüre „Wut und ethnischen Hass“. Nun ja. Wut und Hass gegen Russland schüren in Großbritannien eher die Anschläge mit Plutonium und Nervengift, die Putins Agenten dort verüben, weshalb man nicht nur im Vereinigten Königreich durchaus auf den Gedanken kommen könnte, der sozial engagierte Kritiker des Despotismus Turgenjew habe uns auch heute etwas über sein Volk und sein Vaterland zu sagen. Sagen wir es so: Trifonovs Einsatz wird man im Kreml mit Wohlgefallen zur Kenntnis genommen haben. Aber es wäre absurd zu behaupten, die Hochachtung für sein Spiel rühre daher, dass er sich für Putins Agenda einsetze.

Oder dass er – Jude wie Levit – immer wieder Konzerte in Israel gibt.

Die sozialen Medien und das Sofa-Richtertum

Kommen wir zurück zu Maurós Polemik. Im Zentrum steht eine Generalabrechnung mit den sozialen Medien:

„Das Netz ist hier nicht Kommunikation, sondern die Bühne für ein Pausenstück, dessen Clownerien eine Schattenseite haben: die vehemente Ausgrenzung vermeintlich und tatsächlich Andersdenkender. Problematisch ist dies weniger bei der Beschimpfung von Nazis, doch aber im Grenzbereich von spontaner Meinungsäußerung, grundsätzlicher Überzeugung, Kultur und Kleinkunst. (…) Es darf in Deutschland immer noch jeder Mensch sagen, was er will, keine Panik. Die Internet-Gesellschaft verlangt aber immer öfter und lauter nach absoluter moralischer Integrität. Niemand soll über dem Netz stehen. Es hat sich da ein etwas diffuses Weltgericht etabliert, deren Prozesse und Urteile in Teilen auf Glaube und Vermutung, aber auch auf Opferanspruchsideologie und auch regelrechten emotionalen Exzessen beruhen. Es scheint ein opfermoralisch begründbares Recht auf Hass und Verleumdung zu geben, und nach Twitter-Art: ein neues Sofa-Richtertum.“

Dass sich ausgerechnet ein Musikkritiker über „Sofa-Richtertum“ klagt, hat natürlich etwas Urkomisches. Dass jemand wie Mauró, dessen Urteil über Levit darauf hinausläuft, ihm den Status eines echten Musikers abzusprechen, sich gegen „Ausgrenzung, Hass und Verleumdung“ wendet, hat schon Züge von Persönlichkeitsspaltung. Aber das nur nebenbei. Der Kern der Kritik ist gewiss richtig. Wir sind heute alle dank Twitter und Co. Musikkritiker geworden und richten gern auf offener Bühne hin.

Haben AfD-Mitglieder ihr „Menschsein verwirkt“?

Als Beispiel für Levits Missbrauch der Medien dient Mauró ein Tweet aus dem Jahre 2015: „Bei Maybrit Illner wiederholte (Levit) vor einem knappen Jahr nach der berechtigten Kritik des Bild-Journalisten Ralf Schuler seine zuvor getwitterte Überzeugung, AfD-Mitglieder seien „Menschen, die ihr Menschsein verwirkt“ hätten.“ Um es klar zu sagen: Diese Aussage Levits ist unsäglich. Niemand, auch kein verurteilter Mörder, geschweige denn ein einfaches Mitglied einer Partei, die ich zwar verabscheue, aber für ungleich harmloser halte als die frühere NSDAP oder KPD, kann sein Menschsein verwirken. Ja, selbst NSDAP- und KPD-Mitglieder blieben natürlich Menschen mit allen unveräußerlichen Rechten, die ein Mensch hat. Mich wundert, dass diese Aussage in einer Millionenfach gesehenen Talkshow wiederholt, nicht mehr Empörung hervorgerufen hat.

Mauró scheint allerdings anzudeuten, Levit sei der Meinung: „Ich bin Jude, ich darf das.“ Er schreibt ja, die Urteile des Netz-Weltgerichts beruhten „auch auf Opferanspruchsideologie und auch regelrechten emotionalen Exzessen“. Es scheine „ein opfermoralisch begründbares Recht auf Hass und Verleumdung zu geben.“ Das ist starker Tobak, und Maurós Kritiker werfen ihm deshalb nicht völlig ohne Grund Antisemitismus vor.

Gibt es eine „Opferanspruchsideologie“?

Das Problem ist aber, ich wiederhole es: Mauró hat Recht, jenseits des konkreten Falls Levit und jenseits von Antisemitismus. Wer sich als Opfer präsentieren kann, glaubt dadurch schon im Recht zu sein und Kritiker verleumden zu dürfen. Der afrikanische Publizist Achille Mbembe etwa reagierte auf die Kritik an seinen gut dokumentierten israelfeindlichen Positionen, indem er seinen Kritikern Rassismus vorwarf: In dem kamerunischen Magazin cameplus.com  attackierte er den FDP-Politiker Lorenz Deutsch, der als Erster seine Einladung als Keynote-Sprecher der Ruhrtriennale kritisiert hatte: „Unser Politiker wollte nicht sagen, dass er keinen Neger auf dem Festival haben will. Er konnte nicht sagen, dass er sich mir entgegenstellte, weil ich antikoloniale Thesen vertrete. Oder weil ich für die Rückgabe afrikanischer Kunstobjekte eingetreten bin. Oder weil ich die europäische Behandlung der Migranten und Asylsuchenden kritisiere. Da ist ihm eine diabolische Idee gekommen. Ein antisemitischer Neger, so schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe.“

Der Beispiele sind Legion: Angehörige der LGBQT-„Community“, Muslime, Schwarze, Behinderte, Israelkritiker, Islamhasser, AfD-Mitglieder, „rechte“ Publizisten, Soros-Gegner, „Klimaleugner“, Impfgegner und Maskenverweigerer: Immer wieder stellen sich Mitglieder dieser Minderheiten – zu Recht oder zu Unrecht – als Opfer hin und leiten aus ihrem Minderheitenstatus und angeblichem oder wirklichem Ausgegrenztsein, wie Mauró sagt, „ein opfermoralisch begründbares Recht auf Hass und Verleumdung“ ab. Ich habe es an meiner eigenen Person oft genug erlebt, und das ist nichts gegen die Kübel von Mist, die etwa auf eine Angela Merkel abgeladen werden.

Ja, und – staun! – zuweilen tun das auch Juden. Die ersten, die sich darüber lustig machten, waren – natürlich – die Juden selbst. Ein alter jüdischer Witz noch aus der Zeit vor dem Dritten Reich geht so: „Cohn geht zu einem Bewerbungsgespräch als Rundfunksprecher. Später fragt ihn sein Freund, wie das Interview gelaufen sei. Darauf Cohn mit finsterer Miene: ‚A-a-alles A-a-a-a-antisemiten!” In ihrem wunderbaren neuen Buch über den Antisemitismus erzählt die britische Rabbinerin und Mitglied des Oberhauses Julia Neuberger, wie ihr Vater in den 1950er Jahren „die Ampeln, die eine nach der anderen rot wurden, als antisemitisch beschimpfte“.

Einmal stellte sich mir eine junge Frau aus den USA als „third generation Holocaust survivor“ vor. Sie wollte, dass wir FB-Freund*innen werden. Ich lehnte ab. Mein Vater entkam auch den Holocaust. Was sagt das über mich? Nichts, außer dass ich Glück hatte. Niemand darf sich das Leid der Vorfahren als Auszeichnung an die Brust heften. Nun weiß ich aber nicht, ob Levit das tut; den Nachweis dafür bleibt Mauró schuldig.

Mauró ist am Zug

Das ist verstörend. Ich wiederhole es: einem Juden vorzuwerfen, er beanspruche ein opfermoralisch begründetes Recht auf Hass und Verleumdung, ist nicht per se antisemitisch. Weil: Das kommt vor. Es ohne Beleg zu tun, ist auch nicht antisemitisch, aber hochgradig unanständig und zutiefst unjournalistisch. Mauró und die Redaktion reden sich heraus, die Passage sei nicht auf Levit gemünzt, sondern eine allgemeine Kritik an den sozialen Medien. Aber das ist Unsinn. Das ganze Stück ist eine einzige Hasstirade gegen Levit, mit Ausnahme der hymnischen Passagen über Trifonov. So weit, so Feuilleton. Es schwebt aber etwas Anderes im Raum, und es liegt an Mauró, den Verdacht des Antisemitismus durch Belege für seine Behauptung auszuräumen. Oder aber sich bei Levit zu entschuldigen.

 

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42 Gedanken zu “Der Fall Mauró;”

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    „Mich wundert, dass diese Aussage in einer Millionenfach gesehenen Talkshow wiederholt, nicht mehr Empörung hervorgerufen hat.“

    Wohl, weil er sie nur mit Relativierung wiederholt hat. Hier eine sehr anstrengend verfasste („Der Jude Levit dozierte daraufhin“) Nacherzählung, er will nicht „not human“, sondern „not a real mensch“ gemeint haben.

    https://www.watson.de/deutschland/politik/236829269-maybrit-illner-streit-im-zdf-journalist-spricht-darueber-show-zu-verlassen

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    Eigentlich ist doch wenig passiert. Ein junger Künstler (hier Levit) nutzt seine Popularität für Dinge, die ihm wichtig sind. Das gelingt mal mehr, mal weniger. Die, die mit seiner Meinung nicht einverstanden sind (oder sonst in Abneigung verbunden), hier Mauro, jazzen ihn zu einem relevanten Sofa-Gericht hoch, was ihren Widerstand besonders mutig erscheinen lässt. Selbst die Beleidigung, die allgemein ausgesprochen wurde und nicht auf die bestimmte Person bezogen sein sollte, in einem Text, der sich aber um diese bestimmte Person dreht, in dem die Person analysiert und kritisiert wird, ist nicht wirklich originell. Auf wen sollte sich das opfermoralische begründbare Recht denn sonst beziehen? Eigentlich ein durchschnittlicher digitaler Bitch-Fight, wie er jeden Tag hunderte Male vorkommt. Da sich Levit gerne äußert, dürfte das für ihn auch nicht ganz neu sein, das muss er aushalten. Und darum geht es doch: Diskurs, Debatte, Wiederrede, Klarstellungen, Streit.
    Was der Geschichte einen Spinn gibt, ist die Entschuldigung durch die Süddeutsche Zeitung. Erst dadurch entsteht doch der Eindruck, finstere Mächte würden auf einen Autor wieder mal Druck ausüben, das geheime digitale Weltgericht hätte getagt und eine Meinung für inakzeptabel befunden, von wegen, Verhängung des Meinungskorridors, usw. Mauro widersprechen ist keine Meinungsdiktatur, Levit Widersprechen ist keine Meinungsdiktatur. Sich als Zeitung für einen Beitrag eines Autors entschuldigen, statt den (selbst entfachten) Streit zu dokumentieren, ist auch keine Meinungsdiktatur, aber so unendlich schwach, dass man natürlich auf die Idee kommen kann, sich über den Zustand der Meinungsfreiheit (oder besser deren Plattformen) Gedanken zu machen. Ich kann mir vorstellen, dass die SZ einen Shitstorm durchstehen musste, was allerdings für eine Zeitung, will sie relevant sein, Alltag sein sollte.
    Hier: https://www.sueddeutsche.de/kolumne/igor-levit-sz-entschuldigung-1.5085383
    Das mag alles richtig sein, trotzdem ist es der falsche Weg. Entweder die SZ steht zu dem Artikel als Debattenbeitrag und führt diese dann auch, oder sie veröffentlicht den Artikel nicht. Die SZ hat eine Historie antisemitischer Missverständnisse oder halt konstruktiver Israelkritik oder auch Zeichnungen von Hakennasenjuden. „Die Frage, was und wie wir aus dem Fall lernen können, wird uns weiterhin beschäftigen.“ Die SZ hat nicht nur ein schwaches Bild abgegeben, weil sie bei Gegenwind eingeknickt ist, sie schafft es immer und immer nicht das umzusetzen, was ihr doch immer und immer wieder so am Herzen liegt. Dank SZ wird es nun wieder ein Beispiel für Meinungsdiktatur geben, dabei geht es eigentlich nur um eine Zeitung, die schon lange Probleme mit ihren Zündkerzen hat und dabei auch noch geliebt werden möchte. Erst es nicht merken (wollen?) und dann entschuldigen, wird irgendwann auch langweilig.

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    Sehr geehrter Herr Posener,
    der Text von Helmut Mauro in der Sueddeutschen las sich fuer mich wie eine Musikkritik von Clint Eastwood. Ich war in erstaunt zu erfahren, dass Helmut Mauro ein Instrument spielen kann und noch erstaunter, dass er sich, wenn er nicht gerade den Regenwald rettet, sich des Werkzeuges der Musikkritik widmet und es dazu verwendet, ein politisches Statement aus den tiefen seiner Gedanken zu begruenden, um das, was ein anderer Musiker (Levit) zu spielen in der Lage, zu bewerten. Nur scheint mir Mauro beim Satz „Make my day, joanna-boy!“ bereits haengengeblieben zu sein, nur so laesst sich seine in Buchstaben gehauene Bedeutungslosigkeit des Urteils erklaeren, die zudem auch noch im Vibrato des Antisemitismus sinnlos zu maeandern scheint.
    Was man Helmut Mauro entgegnen koennte, und hier ist alles was einen Satz übersteigt bereits sinnlos vergeudete Liebesmueh, waere ein Zitat von Jean Cocteau: „Takt besteht darin, dass man weiß, wieweit man zu weit gehen darf“. Dem Musiker Helmut Mauro wird das Wort Takt etwas sagen. Wenn nicht, haelt der Duden eine Vielfalt von Deutungsmoeglicheiten bereit, darunter auch zutreffende Deutungen aus der Welt des Benehmens.
    Mich wundert, dass die Sueddeutsche den Text von Mauro ueberhaupt ins Blatt gehoben hat, aber vielleicht erhoehen Grenzueberschreitungen ja immer noch die Auflage, wer weiss?
    Uebrigens, bei Neil Diamond teile ich Ihre Gefuehlswelt. Schon bei den ersten Takten greife ich immer instinktiv, egal wo ich mich befinde, unter den Sitz, weil sich dort – zumindest in Flugzeugen – das unscheinbare aber rettende Utensil befindet, welches noetig ist, um ihn zu ertragen. Fuer mich ist das ein singender Mettigel.

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      Lieber Herr Taylor, als Lehramtsreferendare zitierten wir oft George Bernard Shaw: „He who can, does, he who can’t, teaches.“ Wir fügten dem hinzu: „He who can’t teach, teaches teachers.“ Und he who can’t even teach teachers becomes a critic sage ich, der ich Lehrer und Fachseminarleiter gewesen bin, bevor ich selbst Kritiker wurde.
      Nur ist es natürlich auch so, dass Künstler selten über die Gabe der Selbstkritik verfügen. Wer sich ständig hinterfragt, wird unproduktiv. Ich kenne viele Künstler und Musiker, und sie sind fast alle, wenn es um andere geht, kaum besser als die Kritiker. Da der Kritiker wenigstens nicht von der Blindheit des produktiven Menschen geschlagen ist, kann er, so er will, gerecht sein.

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      Tut zwar nix zum eigentlichen Thema zur Sache, aber Clint Eastwood ist bekannter Jazz-Fan und selbst Pianist. Er hat unter anderem einen Film über Charlie Parker gemacht, eine Doku über Thelonious Monk produziert, eine Doku über Piano-Blues inzeniert, selber immer wieder für seine Filme komponiert, und wenn nicht, dann zumindest herausragende Komponisten für seine Filmmusiken engagiert und wiederholt mit ihnen gearbeitet. Will sagen: eine Musikkritik von ihm wäre vielleicht interessanter als sich das manche vorstellen können, die ihn als „Symbol“ für mangelndes Musikverständnis nennen, wahrscheinlich weil sie in ihm einen plumpen „rechten Filmemacher“ sehen, und das um jemand anderes mangelndes Verständnis und Kenntnis der Materie vorzuwerfen.

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        Der Soundtrack zu dem Film über Charlie Parker („Bird“) enthält die orignal Altsaxofon-Soli von ihm und eine Rhythmusgruppe mit durchaus prominenten Musikern hat ‚drumherum‘ die Stücke neu eingespielt. Mir fällt kein Filmproduzent ein, der sich mit so viel Liebe und Sachverstand einem Musiker genähert hat, wie Clint Eastwood. Einer der ganz großen Akteure des Films. Und soviel zur neuen linken ahnungslosen Banalität. Bemerkenswert auch seine Selbstironie in ‚Gran Torino‘. Ein persönliches Format, das in neulinken Biotopen nicht gedeiht.

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        Sehr geehrter Herr Hemsley,
        ich kenne den Film „Bird“, gut, dass Sie explizit darauf hinweisen. Das Namensbeispiel spielt natuerlich (so gemein bin ich dann doch) mit dem oeffentlichen Bild des Mr Eastwood und ich stimme ausdruecklich zu, dass Mr Eastwood einen besseren Text geschrieben haette – wenn man ihn denn liesse.
        Das naechste Mal, wenn ich einen Vergleich zu Herrn Mauro suche, nehme ich Mr Magoo, auch der waere besser als Herr Mauro und provoziert weniger, hoffentlich.

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    @KJN
    Ich musste schmunzeln, als Sie schrieben, Sie mögen Beethoven nicht.
    Hören Sie dich mal die, wie ich finde, brillante Aufnahme mit Gould und Golschmann an. In der Kadenz des „hingereotzten“ ersten Satzes scheint Gould sagen zu wollen: „Guck mal Ludwig, wenn Du das so gemacht hättest, wäre es vielleicht ein schönes Stück geworden!“ Ebenso ist seine Einspielung der „Appassionata“ legendär.
    P.S. Ich mag Beethoven sehr!

    https://youtu.be/0sWWUiHAsCI

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        Das sehe ich im Prinzip ähnlich. Gould ist ziemlich extrem, aber immer einfühlsam und gut, und er zeigt, was alles möglich ist, was wahrscheinlich der Komponist selber nicht für möglich gehalten hätte. Ich bin ein Fan von Swjatoslaw Richter. Hören Sie sich z.B. mal die Aufnahme des „Wohltemperierten Klaviers“ an…

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        Wird gemacht. Bei Gould denke ich, er führt vor, wie vielleicht – wir können es nicht wissen – ein Mozart oder Beethoven Bach gespielt hätte. Beethoven wieder in seinen späten Sonaten geht zurück – oder vor – zu Bach, was Brendel schön herausarbeitet. Was ich hier schreibe, ist natürlich in hohem Grade subjektiv und laienhaft. Zur Popmusik kann ich Fundiertes sagen.

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        Ja, lieber Alan Posener, Gould selbst schätzte Bach über alles und Beethoven eher gering. Und jede Interpretation hat ihre besonderen Reize. Brendel ist natürlich besonders.

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        Das wiederum glaube ich nicht: dass Mozart oder Beethoven den Bach so gespielt hätten wie Gould. Mozart keinesfalls, der wäre viel weicher gewesen. Aber auch der impulsive Beethoven nicht. Nur Gould spielt den Bach so wie Gould. Aber subjektiv ist das immer, klar. Herr Mauré sollte daher von seinem hohen Ross objektiver Tatsachenbefunde herabsteigen.

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        … Leviten lesen auf angenehme Art. 😉 … ich habe mir für das nahende Ende – der unsäglich-antidemokratischen ‚merkelschen Richtlinienkompetenz‘ – eine Flasche besten schottischen Whisky – in einem Fass europäisch/amerikanischer Eiche gereift – ins Regal gestellt und Beethoven zurechtgelegt: ‚Uns alle erfüllt nichts als das reine Gefühl der Vaterlandsliebe und des freudigen Opfers unserer Kräfte für diejenigen, die uns so viel geopfert haben.‘

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      Ja, Stevanovic, ein Wahnsinn, der Glenn Gould: Elegante Präzision hart an der Grenze des Maschinellen und gleichzeitig genau letzteres nicht. Ich erinnere mich an seine Interpretation von Bachs ‚Italienischem Konzert‘, das er wohl enorm gesetzt, sperrig, unschlüssig usw. fand, das er nach eigenem Bekunden also eigentlich nicht mochte und an dem er sich fast aggressiv abarbeitete. Ob er mit diesem Ansatz Beethoven im Sinne der ‚Werktreue‘ damit gerecht wird, mag man bezweifeln, aber ich liebe sein Spiel sehr.
      Wo wir bei der Musikkritik wären, die ich per se problematisch finde, wenn sie den Anspruch hat, Wahrheiten zu verkünden. Bei Beethoven fällt mir die Aussage eines Jazzmusikers ein (ich weiß nicht mehr wer), der fand, Beethoven hätte „hysterische Kinderlieder“ komponiert und das trifft’s für mich ziemlich genau. Jazzmusiker halt. Meist fixiert auf Bach, weil der einerseits harmonisches Material zum Improvisieren bietet und zweitens nicht so viele Vorgaben, wie die Synfoniker im 18 Jh. Soviel zur Musikkritik. Wenn sie nur eigene Vorlieben artikuliert und nicht gleichzeitig einen Zugang zum kritisierten Objekt bietet, ist das ganze sowieso obsolet. DAS könnte man auch Mauró vorwerfen.

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        @KJN
        „Wo wir bei der Musikkritik wären, die ich per se problematisch finde, wenn sie den Anspruch hat, Wahrheiten zu verkünden.“
        Die Kunstkritik (Musik, Literatur) verstehe ich persönlich als Dienstleistung, bei der Leute mit Erfahrungs-bzw. Wissensvorsprung mir ein Angebot unterbreiten, einen Zugang zu einem Werk zu finden. Letztlich entscheidet allein mein Geschmack, weil im Grund alles Geschmackssache ist. Wenn Herr Mauro sich an Levits Legato stört, ist das doch seine Sache. Levit, von dem ich weder künstlerisch noch bezüglich seiner Aktivitäten in den „sozialen“ Netzwerken etwas kenne (was ich mit Hinblick auf die „sozialen“ Netzwerke überhaupt nicht bedaure), wird übrigens auch von „links“ attackiert, denn da ist er einfach nur „affirmativ“.
        Und: Wenn der Kritiker, ebenso wie der Kritisierte, politisiert, begeben sie sich in eine andere Arena. Was mich wiederum nicht interessiert, wenn es mir um die Kunst geht.
        Für mich sagt Mauros Text, dass ihm Levits Spiel nicht gefällt. Punkt. Seine politische Kritik iam Pianisten empfinde ich als intellektuell armselig, das hat Herr Posener schön herausgearbeitet, und inakzeptabel. Ob Mauro Antisemit ist, muss er selber wissen. Muss er sich rechtfertigen? Vor mir nicht …

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        Na, lieber Stefan Trute, ich denke, ich habe doch herausgearbeitet, dass zwar der Vorwurf des Antisemitismus nicht ausreichend begründet wurde, aber zu Recht bestünde, könnte Mauró seinen Vorwurf an Levit, er beanspruche ein „opfermoralisch begründetes“ Recht auf Hass und Verleumdung, nicht begründen.

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        @KJN
        „Elegante Präzision hart an der Grenze des Maschinellen und gleichzeitig genau letzteres nicht.“
        Das gefällt mir. Ich tausche mich von Zeit zu Zeit mit einem Freund ganz altmodisch per Brief über dies und das, Politik, Literatur, Musik, … aus. Da werde ich Sie zitieren.

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        Oh je, KJN, das war Trute. Mein Musikgeschmack kann nur bis zum dritten Akkord zählen.

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        @Stefan Trute
        „Seine politische Kritik iam Pianisten empfinde ich als intellektuell armselig,..“
        ..ich finde sie vor allem emotional armselig, weil viel zu verdruckst: Auf so einen groben Klotz („AfD-Sympathsanten haben ihr Menschsein verwirkt“) fallen mir spontan gröbere Keile ein.. im tiefgrünen ÖR-Zwangsgebührenfunk pflegt man/frau/divers derzeit solche Invektiven „pointiert“ zu nennen (nix ‚hatespeech‘ und so, der kommt nur von ‚rechts‘ bzw. Andersempfindenden -so sind sie halt mittlerweile drauf, die linken Identitären, fing ja schon an bei Sarrazin – der „zuckenden Menschenkarikatur“..). Das alles ist extrem billiger Kulturkampf der mikroskopisch kleinsten Geister und ich habe auch den Eindruck, dass sich alle hier wesentlich lieber über Musik unterhalten, als diesen Mist.
        Apropos Zwangsgebührenfunk: Es ist ja nicht alles schlecht und da lief letztens ein Beitrag, der ist mindestens 17,50 € wert. Es geht um Opfermoral, Leute, die als moralische Hochstapler jüdische Identitäten vorgeben und die möglichen Ursachen dafür ‚gerade in Deutschland‘.

        https://www.deutschlandfunk.de/hochstapler-mit-falscher-juedischer-identitaet-das-seltsame.886.de.html?dram:article_id=486161

        Der Vorwurf dass sich Juden ihres tatsächlichen (Holocaust) oder vermeintlichen Opferstatus (Holocaust III.Generation – allerdings glaube ich, es gibt gewisse vererbte Traumata, aber das nur nebenbei) bedienen ist ein Nachkriegsthema mit gewisser Brisanz gewesen, der auch mit Antisemitismus zu tun haben mag. Aber längst gibt es Opferhierarchien in der linken Bessermenschenmoral, die mich in ihrer Vielfalt an die Kaffeesorten im Starbucks erinnern und ich bin mal gespannt, wann die wieder Halb- und Vierteljuden einführen.

        PS: Danke, wenn Sie mich in Ihren Briefen zitieren.

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        @Alan Posener
        „Na, lieber Stefan Trute, ich denke, ich habe doch herausgearbeitet, dass zwar der Vorwurf des Antisemitismus nicht ausreichend begründet wurde, aber zu Recht bestünde, könnte Mauró seinen Vorwurf an Levit, er beanspruche ein „opfermoralisch begründetes“ Recht auf Hass und Verleumdung, nicht begründen.“
        Ja, das haben Sie, lieber Alan Posener. Und diese Art Behauptung ist mittlerweile so alt und wird doch immer wieder aufgewärmt. Mich persönlich langweilt das nur noch. Trotzdem bewundere ich jeden, der sich, so wie Sie, immer wieder dagegen positioniert. Die Frage ist, ob Sie damit im Drehbuch der wohlkalkulierten Provokation nicht genau die Ihnen zugedachte Rolle einnehmen.

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        @Stefan Trute
        „Die Frage ist, ob Sie damit im Drehbuch der wohlkalkulierten Provokation nicht genau die Ihnen zugedachte Rolle einnehmen.“
        Die Frage ist aber auch, ob das wichtig ist, bzw. nicht immer so ist, bei sozialen Interaktionen, sozusagen. Und die Frage ist, auf welchem Niveau das passiert und das macht Alan Posener doch wirklich sehr gut – ganz im Gegensatz zu der Mehrheit,der im ‚Netz‘ aktiven. Mir ist dabei klar geworden, dass ich den Vorwurf der opfermoralischen Instrumentalisierung speziell an Juden (als Bestandteil von Antisemitismus) eher in den 60ern verorte. ich kann aber mittlerweile verstehen, dass man das anders sehen kann, denn bei uns zuhause spielte das Thema Juden keine Rolle bzw. sollte keine Rolle spielen. Nur als ich etwa 8 war erzählte mir mein Vater davon, dass der nicht getaufte Großvater auf Drängen der Großmutter bei der Hochzeit 1922 angeben sollte er sei evangelisch, was er auch tat. Dann erzählte er mir – und es war nur dieses eine Mal – vom Holocaust und dass so etwas in der Geschichte immer wieder passiert ist und dass wir jetzt sicher wären. Ich denke, dass das in anderen Familien definitiv anders – vielleicht weniger auf Angst und Anpassung bezogen – gehandhabt wurde und dass ich persönlich dadurch diesem Thema gegenüber auch ein bisschen vernagelt bin. Andererseits: Heutzutage macht doch jeder seine eigene Opfergeschichte irgendwie zum Geschäftsmodell und mir geht es um die tiefere Erkenntnis und solange mich Alan Posener lässt…

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    Herr Levit ist mMn ein linksradikaler Aktivist gegen virtuelle Rechtsextreme, dabei versprüht er pauschal Hass und Hetze gegen sein Gastvolk, das ist aber „guter“ erlaubter Hass aus seiner Sicht. Von dieser Sorte gibt es einige im Homeland, ich verstehe diese Leute nicht. Manche Landsleute hassen daraufhin zurück, wodurch sich seine Rechts-Theorie bestätigt. Mission erfüllt.
    Levits Identität ist dabei nicht relevant, es geht um den Charakter der Person.

    Der Mann von der SZ sieht das wahrscheinlich ähnlich, er hat es mit seinen Worten gesagt.

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    Es ist richtig, dass Mauro sich erläutern sollte (der Zusammenhang finde ich deutlich) aber ist nicht so, dass die Stereotypen, die über Osteuropäer, am meisten Russen, landauf landab gedankenlos herausposaunt werden, ihre Berechtigung wegen Putins Tagespolitik hätten. Vorurteile gab es schon immer, aber seit den 90ern, noch vor Putin, wurden auch die letzten Bremsen ausgebaut. Als sich die Republik über Walsers „Tod eines Kritikers“ aufregte, bettelten auf sämtlichen Fernsehkanälen seit Jahren Frauen mit osteuropäischem Akzent und Namen meiner Cousinen dauergeil nach Anrufern für Sexhotlines. Keine Beanstandung, außer der Angst vor der Besudelung deutscher Fernsehhochkultur. Ich kann verstehen, dass einem Trifonov irgendwann die Hutschnur platzt. Peter Stormare, DER Film-Bösewicht schlechthin, hat in einem Interview mal gesagt, dass sich Minderheiten ihre Darstellung nicht mehr bieten lassen wollten, weswegen Hollywood auf die alten Klischees (Russen, Ungarn, Serben – und Deutsche) zurückgriff und ihm eine Karriere verschaffte. Klar, die beschweren sich nicht. Ich bin schon viel zu Onkel Tom, um mich noch aufzuregen. Ich finde es gut, dass sich jüngere das nicht mehr bieten lassen wollen und ich bin bestimmt nicht für Putin.

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    Lieber Alan Posener, ich verstehe Sie einerseits so, dass Herr Mauró wohl kaum des Antisemitismus bezichtigt werden kann, nur weil er Stimmiges über Herrn Levit schreibt, dass gleichzeitig von anderen (dritten) früher und heute als ‚Gerüchte über Juden‘ verbreitet wird. Andererseits „liegt [es] an Mauró, den Verdacht des Antisemitismus durch Belege für seine Behauptung auszuräumen“. Warum? Hat er sich einer ‚Kontaktschuld‘ schuldig gemacht, weil er seinen persönlichen Eindruck, seine Beobachtungen in Worte fasste und ja durchaus auch begründete und diese seine Beobachtungen (ich behaupte) zufälligerweise antisemitischen Klischees entsprechen? Ich finde das sollte kein Grund sein von einem Musikkritiker gute Begründungen einzufordern.
    Aber – Levit ist mir relativ wurscht, der spielt mir zu viel Beethoven, der nicht gerade zu meinen Lieblingskomponisten gehört – es geht mir bei diesem Beispiel um etwas anderes:
    Erstens scheint es mir eine Unsitte geworden zu sein, dass man Künstlern und Musikern (mir fällt gerade der ‚arische‘ Herbert Grönemeyer ein) reichlich Resonanz für ihre politischen Befindlichkeiten gibt und zweitens: Warum müssen ständig Juden herhalten, wenn sich linke Publizisten profilieren wollen?

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      Lieber KJN, ich verstehe Ihren Kommentar nicht. Mauró ist vieles, nur nicht ein „linker Publizist“. Und ich habe begründet, warum Mauró eine Bringschuld hat. Vielleicht lesen Sie den Artikel noch einmal und genauer. Danke.

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        Lieber Alan Posener, ich denke schon, dass ich den Artikel genau gelesen habe – tatsächlich habe ich mich an einer Stelle unklar ausgedrückt, was ich ja mit meinem Nachtrag präzisiert habe.
        „..mit den”linken Publizisten” meine ich die, die über Maurò herfallen.“

        Mauró hat die öffentliche Inszenierung Levits inclusive seines politischen Aktivismus kritisiert und das ist m.E. Begründung genug für seine Intervention. Das gleiche könnte man auch dem ähnlich politisch exaltiert auftretenden Herrn Grönemeyer vorwerfen und es wird auch getan und niemand käme auf die Idee, da von ‚Antisemitismus‘ zu sprechen. Ich danke auch für Ihre Aufmerksamkeit und Mühe.

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        Ich persönlich finde, lieber KJN, Grönemeyers Sangeston hochgradig unangenehm, er erinnert mich an das Bellen eines KZ-Wächters. Würde ich ihm das öffentlich vorwerfen, also unterstellen, dass er mit Absicht den deutschen Herrenmenschen gibt, wäre das wohl Antigermanismus, nein?

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        Ich persönlich empfinde das sehr ähnlich, lieber Alan Posener, und nicht nur sein Gesangsstil:
        https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/herbert-groenemeyer-goebbels-vergleiche-nach-rede-gegen-rechts-16386130.html

        „Antigermanismus“ wäre wohl, wenn ich ihm unterstellen würde, dass er sich damit verhält, wie ein typischer Deutscher und schlichtweg nicht aus seiner deutsch-kommisshaft-militärisch geprägten Haut kann.
        Ich kann auch nach genauem Lesen von Maurós Text Analoges nicht erkennen. Mauró kritisiert an Levit sein (ich paraphrasiere) mechanisch eingeübtes Spiel und seinen eitlen und rabiaten Aktivismus auf Twitter und sagt nirgendwo, dass das typisch jüdisch wäre. Man kann natürlich unterstellen, dass er das gemeint hat, aber auch hier sollte gelten: Im Zweifel FÜR den Angeklagten und keine Beweisumkehr fordern, wie es Maurós Beschuldiger, also die Kritiker des Musikkritikers im Feulleton tun, denen das Thema Msik übrigens recht schnuppe zu sen scheint.
        Ansonsten: Tuvia Tenenbom hat es, wie ich finde, mal gut auf den Punkt gebracht, als irgendjemand ihn sagte oder schrieb, er sei ein“hysterischer Jude“: „Man kann sagen, das ist der hysterische Tuvia oder der dumme Tuvia usw., aber nicht „hysterischer Jude“, was hat das mit Jude zu tun?“.
        Und ich weiß nicht, ob es stimmt, aber ich habe mittlerweile den Eindruck, das viele linke Eiferer (ich meine damit nicht Sie, bitte!) mehr ihren eigenen latenten Antisemitismus bekämpfen, als einen realen.

  8. avatar

    Sie haben es doch am Anfang schon richtig eingeordnet, Mauro ist Levin in herzlicher Abneigung verbunden.
    Alles weitere ergibt sich dann daraus.
    Als Musik-Laie vermag ich nicht zu beurteilen, ob Maruros Einschätzung von Levins musikalischen Qualitäten richtig ist. Aber was die Wirkung von medialer Präsenz betrifft, sind wir doch heutzutage alle Experten. Und im Showgeschäft – wozu trotz eines Kunstanspruchs auch die E-Musik gehört – ist die Vernetzung und die medialen Freunde wichtiger als die sowieso nur subjektiv bewertbaren Fähigkeiten eines Künstlers oder Entertainers.
    Levin beherrscht dieses Spiel offenbar sehr gut, Mauro für einen Mann mit seinem Beruf offenscihtlich sehr schlecht.

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    Sehr gut, Herr Posener. Ich hab das vor ein paar Tagen auch gelesen, und mir ist diese Suada wirklich auf die Nerven gegangen. Herr Mauré verbindet sein abfälliges Urteil über die Kunst mit einem abfälligen über die persönlichen und politischen Aussagen des Herrn Levit. Das finde ich besonders blöd. Und immer ist es die Politik, die als Ausgangspunkt für das Urteil über die Kunst hergernommen wird, nie umgekehrt. Hätte Levit gar nicht oder nur wohlgefällige Aussagen getwittert, wäre sein Legato einwandfrei.
    In Wirklichkeit sind beide Pianisten, Levit und Trifanow, individuelle Künstler auf höchstem Niveau, mit ihren jeweils eigenen „Handschriften“, die den Facettenreichtum der Kompositionen zeigen. Hier muss man überhaupt nichts gegeneinander ausspielen (und das mit dem Legato ist von der Sache her totaler Unsinn).
    Leider untergräbt diese Tatsache – dass man es wesentlich mit Individualisten zu tun hat – den komparativ bewertenden Ansatz eines Musikfeuilletonisten wie Herrn Mauré, der sich gleichzeitig als Richter aufspielt und Sofa-Richtertum beklagt. Unglaublich eigentlich. Urkomisch, genau wie Sie sagen.

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    Schöne differenzierte Betrachtung eines typischen Insiderskandals (im Sinne von – kriegt niemand mit, der sich nicht ganztägig mit Medienfehden beschäftigt).

    Ich greife mal folgendes heraus, weil es auf ein Problem hinweist, das un den USA bereits zu einer existentiellen Gefährdung der Demokratie führte und bei uns dazu führen kann:

    „Immer wieder stellen sich Mitglieder dieser Minderheiten – zu Recht oder zu Unrecht – als Opfer hin und leiten aus ihrem Minderheitenstatus und angeblichem oder wirklichem Ausgegrenztsein, wie Mauró sagt, „ein opfermoralisch begründbares Recht auf Hass und Verleumdung“ ab.“

    Yup. Ich war als Soh eines Berufssoldaten, als Soldat, als Verfechter möglichst freier Marktwirtschaft, als Vertreter für einen nach aussen und innen wehrhaften Staat für viele Jahre meines Lebens zumindest in der jeweiligen sozialen Umwelt (Schule und Universität) in der sehr klaren Minderheit. Wäre aber – und gleiches gilt für die meisten aus meinem Jahrgang – nie auf die Idee gekommen, deshalb „Opfer“ zu sein, geschweige denn, besondere rechte daraus abzuleiten. Es gehört zum Wesen der Demokratie, in bestimmten Fragen in der Minderheit zu sein und zusehen zu müssen, wie die mehrheit Entscheidungen fällt, die ich ablehne. Das ist der Alternative – wir tragen diese Konflikte gewaltsam aus – bei weitem vorzuziehen. Genau diese elemantare Grunderkenntnis scheint mir verlorenzugehen, was auf Dauer eine Demokratie unhaltbar macht. Weiol sie darauf beruht, dass die Minderheit die Mehrheitsentscheidung als legitim akzeptiert!

    Bleibt noch:
    „… und es liegt an Mauró, den Verdacht des Antisemitismus durch Belege für seine Behauptung auszuräumen …“
    Präzise und auf den Punkt. Mauro kann, muss das aber nicht antisemitisch gemeint haben. Er war sich nur – für einen erfahrenen Kolumnisten überraschend dämlich – der offenkundigen Gefahr dieser Lesart gar nicht bewusst. Und das ist schon ein ziemlicher Blackout bzw. nach meiner Lebenserfahrung ein Indiz dafür, dass da tiefsitzende Ressentiments wirken.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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