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Monika Grütters und das Jüdische Museum Berlin

Es ist ein Eklat. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, erklärt auf Anfrage in einer E-Mail an mich, es habe einen „offensichtlich inszenierten und provokativen Versuch“ der iranischen Botschaft in Berlin gegeben,  „die Arbeit des Jüdischen Museums in ein israelfeindliches Licht zu rücken.“

Was war vorgefallen? Am 8. März besuchte der Kulturrat der islamischen Republik Iran, Seyed Ali Moujani, den Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, Peter Schäfer. Anschließend besichtigte er zusammen mit der Kuratorin Cilly Kugelmann die umstrittene Ausstellung „Willkommen in Jerusalem“. Darüber berichtete die offizielle Website der Kulturabteilung der iranischen Botschaft „irankultur.com“. Auf „Starke Meinungen“ hatte ich die Frage gestellt, ob die Museumsleitung sich wie „nützliche Idioten“ des Mullah-Regimes benommen hätte.

Nun mag man es befremdlich finden, dass der Direktor des Jüdischen Museums den Vertreter eines Regimes empfängt, „das Israel auslöschen will und seinem Volk den Hass auf Juden quasi als Staatsräson vorgibt.“ So formulierte es die Frankfurter Soziologieprofessorin und Antisemitismusforscherin Julia Bernstein in der „Jüdischen Allgemeinen“. Bernstein meinte auch, die – vom iranischen Kulturattaché gelobte, aber von jüdischen Organisationen fast durchweg kritisierte – Jerusalem-Ausstellung bediene „Narrative, mit denen Antisemitismus in Deutschland weiter befeuert wird.“

Zionismus = Islamischer Staat?

Andererseits, so das Museum in einer Antwort an mich, hatte der iranische Kulturattaché vorgegeben, „über eine mögliche Ausstellung einer Fotosammlung iranischer Juden aus dem 19. und 20. Jh. sowie über ein Musikarchiv synagogaler und säkularer Musik“ mit Direktor Schäfer sprechen zu wollen. Tatsächlich hielt er in Schäfers Büro via Dolmetscher einen langen Vortrag, in dem er laut „irankultur.com“ behauptete: „So wie wir die Grenze zwischen dem Islamischen Staat und dem Islam durch wissenschaftliche Arbeit und Literatur verdeutlichen, müssen wir auch die Grenze zwischen dem Zionismus und dem Judentum bewahren.“

Spätestens nach diesem Vergleich des Zionismus mit einer islamistischen Terrortruppe hätte die Museumsleitung Herrn Moujani freundlich, aber bestimmt vor die Tür setzen sollen. Jedoch hielt Schäfer laut „irankultur.com“ seinerseits eine Rede, in der er unter anderem sagte: „Sie wiesen auch auf einen wichtigen Punkt hin: Es betrifft die begriffliche Gleichsetzung von Antisemitismus mit dem Antizionismus, dieses sollte unbedingt Beachtung finden und unter die Lupe genommen werden. Ich war sehr froh, als ich hörte, wie Sie das mit der Grenze zwischen dem Islam und dem IS verdeutlicht haben.“

Hätte Schäfer das tatsächlich gesagt, müsste er auf der Stelle zurücktreten. Jedoch erklärte das Jüdische Museum auf Anfrage: „Keine der Ausführungen im Gespräch gibt wieder, was wörtlich gesagt wurde. Es handelt sich durchweg um die Zusammenfassungen des Dolmetschers – teilweise aus dem Zusammenhang gerissen, teilweise unverstanden.“

Vielleicht handelt es sich aber auch nicht bloß um mangelndes Sprachvermögen und fehlende Zusammenhänge, sondern um einen „offensichtlich inszenierten und provokativen Versuch“, das Jüdische Museum für die Zwecke der iranischen Politik einzuspannen, wie Staatsministerin Grütters meint. Warum man in der iranischen Botschaft glaubte, Direktor Schäfer derart instrumentalisieren zu können, ist allerdings eine noch zu klärende Frage. Auf schriftlich gestellte Fragen zum Treffen hat die iranische Botschaft nicht geantwortet.

Peter Schäfer: unvorsichtig, naiv, oder …?

Direktor Schäfer steht, da er unvorsichtig oder naiv genug war, sich in diese Situation bringen zu lassen, in Erklärungszwang, zumal er, wie Frau Bernstein schreibt, „immer wieder massiv in der Kritik“ stehe: etwa „wegen seiner Einladung israelfeindlicher Referenten; wegen mangelnder Abgrenzung zu »Israelkritikern«; wegen der Negierung des muslimischen Antisemitismus; wegen der Tagung Living with Islamophobia und ihrer einseitigen Ausrichtung sowie Aussparung jüdischer Themen.“ Auf die Frage, ob Schäfer die ihm unterstellten Aussagen richtigstellen wolle, antwortete die Pressestelle des Museums: „Wir werden über die politischen Themen auf der Basis der Zusammenfassung des Dolmetschers keine öffentliche Diskussion führen.“ Was ja nicht die Frage war. Die Frage war, ob der Direktor des Jüdischen Museums öffentlich die ihm unterstellte Behauptung zurückweist, der Antizionismus sei nicht eine Form des Antisemitismus. Schäfer hat das offensichtlich nicht vor.

Der Stiftungsrat muss handeln, um das Museum zu retten

Zwar steht Grütters als Vorsitzende des Stiftungsrats, der die Arbeit der Museumsleitung kontrollieren soll, nach außen hinter Schäfer: „Staatsministerin Grütters betont mit Nachdruck, dass die Bundesregierung jede Form des Antisemitismus entschieden ablehnt und jedweden Versuch verurteilt, das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen oder den Holocaust zu relativieren. Dieser Verpflichtung wird auch das Jüdische Museum Berlin unter Leitung von Prof. Schäfer in jedweder Form gerecht.“

Jedoch werde der Stiftungsrat „die Berichterstattung zum Anlass nehmen, den von Ihnen angeführten Sachverhalt zu thematisieren.“

Die nächste Sitzung des Stiftungsrats findet am 29. April statt. Bei der Gelegenheit könnte auch gefragt werden, was die Leiterin der Akademie des Jüdischen Museums, Yasemin Shooman, vor einigen Jahren als Referentin auf der „5. Konferenz zur Einheit der Muslime“ in Hamburg zu suchen hatte, auf der es vor Israelhassern nur so wimmelte und die von Reza Ramezani eröffnet und mitorganisiert wurde, der laut Bundesamt für Verfassungsschutz „die iranische Staatsdoktrin propagiert“.

Schäfer unterstellte im „heute Journal“ des ZDF, die Kritik an seiner Führung gehe aus von „Kreisen, die der gegenwärtigen israelischen Regierung sehr nahestehen“. Im Interview mit WELT sagte er sogar, es handele sich um den Versuch der Regierung Netanyahu, ihr illiberales Kunstverständnis auf Deutschland auszudehnen. Damit dürfte er im Stiftungsrat nicht durchkommen. Wie aus dessen Umfeld verlautet, wächst auch dort der Eindruck, das „sogenannte Jüdische Museum“ – wie es Julia Bernstein formuliert – habe unter Schäfers Leitung „ein gravierendes Problem“ und sei „auf skandalösen Abwegen“.

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