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Die neue Spaltung – warum wir mehr Zukunft wagen müssen

„Nicht wir spalten das Land, Deutschland ist gespalten“, sagte der Spitzenkandidat der „Alternative für Deutschland“ (AfD), Alexander Gauland, in der letzten Fernsehrunde vor dem Wahlsonntag. Deutschland hat seine erste postfaktische Wahl erlebt. Die Deutschen leben in unterschiedlichen Welten und Wahrheiten. Vor allem in Ostdeutschland breitet sich ein Gefühl von Ohnmacht und Orientierungslosigkeit, von Wut und Angst und von Überforderung und Überreizung aus. Hier wurde die AfD nach der CDU zweitstärkste Partei. Der emotionale Klimawandel hat den ökologischen abgelöst. Vor 35 Jahren waren die Grünen Profiteure der Angst vor dem Kollaps, heute sind es die Rechtspopulisten.

Die Weltoffenen, die Abschotter und die Unentschiedenen

Die im neuen Bundestag vertretenen Parteien haben im Wahlkampf das eigene Land entweder als marode und verwahrlost beschrieben oder als (noch) sichere Insel des Wohlstands in einem Meer aus Risiken gezeichnet. Ein Land, zwei Welten: Für die einen (SPD, Linke, Grüne und AfD) gerät die Welt aus den Fugen, für die anderen (CDU/CSU und FDP) ist die Welt ein Land, „in dem wir gut und gerne leben“.

Doch wer ist „wir“?

Die Deutschen leben in unterschiedlichen Wertewelten. Einer Allensbach-Studie zufolge machen die Weltoffenen, die Zuwanderung und Freihandel positiv bewerten, hierzulande 20 Prozent aus. Exakt so viele leben laut einer Studie des Zukunftsinstituts und von nextpractice (https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/next-germany/) in der Zukunft und setzen auf Kooperation, Konnektivität und Kommunikation. Jeder Zehnte dagegen lehnt Freihandel und Flüchtlinge ab. Das heißt: mehr als zwei Drittel der Deutschen (70 Prozent) sind orientierungslos. Ihre Angst gilt der Zeit in der Zukunft. Anstatt ihnen diese Angst zu nehmen, haben sie alle Parteien befördert. So wenig Zukunft war selten in einem politischen Ideenwettbewerb.

Polarisierung der Wertewelten

Deutschland fehlen ein Zukunftsbild und eine passende attraktive Erzählung, die zu einem neuen „Einigkeit und Recht und Freiheit“ führen könnten. Eine Vision, die das alte Lagerdenken überwindet und für die hier aufgewachsenen und neu zugewanderten Menschen eine gemeinsame Heimat bildet. Die Polarisierung der Wertewelten ist weit fortgeschritten. Auf der einen Seite steht die linke Erzählung von der offenen, multikulturellen, solidarischen Weltgesellschaft, auf der anderen Seite die rechte Erzählung vom geschlossenen, identitären Nationalstaat. Beide Modelle scheitern an der Komplexität der heutigen Gesellschaft. Während die einen den Zusammenhalt der Gesellschaft durch mehr materielle Gerechtigkeit wiederherstellen wollen, wollen die anderen zurück in die Vergangenheit.

Drei Punkte für das nächste Deutschland

Gefragt ist jetzt emotionale Intelligenz. Dazu drei Vorschläge:

  1. Ein Wettbewerb der Leitkulturen. Ziel ist eine möglichst breite akzeptierte Vision eines gemeinsamen Zusammenlebens. Integration betrifft die neuen Zugewanderten ebenso wie die Mehrheitsgesellschaft. Die Selbstermächtigung der Bürger in der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 hat eine soziale Katastrophe verhindert und gezeigt, dass es in Zukunft um die gemeinsame Bewältigung von gesellschaftlichen Krisen geht. Integration ist die neue Sicherheit.
  2. Daher braucht es mehr Bürgerbeteiligung und direkte Demokratie. Die Bürger sind bereit für Visionen und Zumutungen – und für Parteien und Politiker, die sich ihnen ehrlich zuwenden und sich aufmachen, die Herausforderungen gemeinsam neu zu definieren.
  3. Ganz oben steht dabei eine Politik der Glokalisierung. Lokale, regionale und globale Identität sind kein Widerspruch, sondern bedingen einander. Die Kluft zwischen Stadt und Land, Zentrum und Provinz lässt sich durch kluge Subsidiarität, eine Aufwertung der kleinen Einheiten, überwinden.

Eine Politik des neuen WIR

Den emotionalen Stresstest haben vor allem die Regierungsparteien im Wahlkampf vermieden. Bis auf die „Alternative für Deutschland“. Sie hat auch deshalb am meisten zugelegt, während die beiden Volksparteien massiv verloren haben. Der Einzug der rechten Populisten ist aber auch eine Chance. Nur eine Politik des neuen Wir kann die verbreitete Verlustangst, die neue Wut und die alte Resignation überwinden. In Zukunft geht es um mehr als soziale Gerechtigkeit und politische Teilhabe. Es geht um das aktive Gestalten der eigenen Lebenswelt, um individuelle und kollektive Sinnstiftung und neue Freiheiten. Für JEDEN von uns und für das ganze LAND.

„E pluribus unum“ heißt der Wappenspruch im Großen Siegel der USA. Aus vielen Einzelnen kann ein neues Wir entstehen.

 

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