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Vom Dombau lernen

Wie steht es um Europa? Für Papst Benedikt XVI stand fest: „Europa von innen her leer geworden“, sagte er vor dem Italienischen Senat. „Diesem inneren Absterben entspricht es, dass auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen erscheint. Der Vergleich mit dem untergehenden Römischen Reich drängt sich auf, das als großer geschichtlicher Rahmen noch funktionierte, aber praktisch schon von denen lebte, die es auflösen sollten, weil es selbst keine Lebenskraft mehr hatte.“

Auch Benedikts Nachfolger malt Europa in düsteren Farben: „Von mehreren Seiten aus gewinnt man den Gesamteindruck der Müdigkeit, der Alterung, den Eindruck eines Europas, das Großmutter und nicht mehr fruchtbar und lebendig ist“, erklärte Papst Franziskus vor dem Europäischen Parlament. „Demnach scheinen die großen Ideale, die Europa inspiriert haben, ihre Anziehungskraft verloren zu haben zugunsten von bürokratischen Verwaltungsapparaten seiner Institutionen.“

Man mag es lustig oder empörend finden, wenn die höchsten Würdenträger einer Gerontokratie, die sich auf eine zölibatäre Priesterkaste stützt, über Unfruchtbarkeit und Lebenskraft sinnieren. Man mag den Hinweis auf die „ethnische Verabschiedung“ – heutzutage verwenden die Neurechten dafür den Begriff der „Umvolkung“ – abgeschmackt finden. Aber die Frage bleibt: hat die Europäische Union eine große Zukunft hinter sich?

Nehmen wir einen Schritt zurück, um die Sache perspektivisch zu sehen. Kürzlich hat der frühere britische Handelsminister Stephen Green die Arbeit an Europa mit dem Bau einer mittelalterlichen Kathedrale verglichen. Diejenigen, die den Grundstein legten, wussten, dass sie nie den fertigen Bau sehen würden. Sie wussten auch, dass der Bau am Ende ganz anders aussehen würde, als sie ihn sich vorstellten. Es dauerte meist Jahrhunderte. Am Ende stand oft ein Wunder.

Das berühmteste Beispiel ist der Kölner Dom. Begonnen 1248, wurde er erst 1880 vollendet. 1560 kam es zum Baustopp: Einerseits brauchte der Papst alles Geld für den 1515 begonnen Petersdom in Rom. Andererseits führte die Reformation ab 1517 zum Versiegen des Pilgerstroms. Dabei hängen Petersdom und Reformation zusammen, denn der Ablasshandel, der den Dom finanzieren sollte, löste ja Martin Luthers Thesenanschlag aus. Die Abgehobenheit einer Elite einerseits und der rabiate Nationalismus der Reformatoren andererseits zerrissen die einheitliche Religion und Kultur Europas. Elitenblindheit und Nationalismus: Sie bedrohen heute wieder einmal die Einheit Europas.

Aber wie ging es weiter mit dem Kölner Dom? 1814 wurden die alten Pläne wiederentdeckt. Eine Bewegung zur Vollendung des Baus erfasste immer mehr Menschen – nicht im Zeichen des Katholizismus, sondern des Patriotismus. Als der Protestant Kaiser Wilhelm I den Dom eröffnete, befand sich der Kölner Erzbischof wegen des Kulturkampfs zwischen Preußen und der Kirche im Exil. Und obwohl die Kirche heute von Touristen als vollendetes Beispiel mittelalterlichen Bauens bestaunt wird, ruht das Dach auf einer im 19. Jahrhundert hochmodernen Eisenkonstruktion, ähnlich dem Dach des Hauptbahnhofs nebenan. Nur deshalb überstand der Dom die Zerstörung Kölns im Zweiten Weltkrieg, obwohl er 70 Bombentreffer abbekam.

In diesem Krieg ging überall in Europa der übersteigerte Nationalismus unter, der mit Luther seinen Anfang nahm. Konrad Adenauer war dabei die treibende Kraft in Deutschland. Ein Mann, der nicht zufällig im Schatten des Kölner Doms geboren wurde und dort Oberbürgermeister gewesen war.

Woraus erhellt: Die Inspiration für Europa kommt aus den langen Linien der Geschichte, nicht aus aufgeregten Werbekampagnen oder schnell aufgelegten Programmen. Die großen Europäer, von Erasmus von  Rotterdam über Johann Wolfgang von Goethe bis Stefan Zweig, von John Maynard Keynes über Jean Monnet und Winston Churchill bis Helmut Kohl, hatten alle diese langen Linien im Blick. Sie zeigen übrigens, dass Benedikt Unrecht hatte, als er vom „Untergang“ des Römischen Reichs sprach: Vielmehr führte erst die Eroberung Roms durch die Barbaren dazu, dass die Germanen zivilisiert wurden. Und Franziskus hat Unrecht mit seinem Großmutterbild: Die Phönizische Prinzessin Europa, die auf einem Stier reitend von Sidon, unweit Aleppos, übers Mittelmeer nach Kreta kam, bleibt auch 3000 Jahre später jung, wo wieder Menschen aus Syrien sich aufmachen ins gelobte Land.

Diese Geschichte, die Geschichte eines ständigen Austauschs zwischen Europa und der Welt und innerhalb Europas, der Europäisierung der Welt durch die Kolonialisierung und der Globalisierung Europas durch Zuwanderung, des Konflikts zwischen Universalismus und Partikularismus, des Ringens um „Einheit in der Vielfalt“ ist unendlich spannend. So wie unser Kontinent unendlich anregend ist. Hier gibt es mehr Städte und Kunstschätze, Kulturlandschaften und Wildnisse auf engstem Raum als irgendwo sonst auf der Erde.

Es ist diese Vielfalt, die von Nationalisten und „Identitären“, EU-Hassern und Putin-Freunden, Islamisten und Islamfeinden zerstört werden soll. Das Unordentliche, Unabgeschlossene, Langsame des großen Kathedralenbaus halten sie nicht aus.

Aber auch die Freunde Europas sind zuweilen ungeduldig und gefährden dadurch den Bau. „Scheitert der Euro, scheitert Europa!“ rief Angela Merkel. Möglich ist aber, dass die Euro-Rettung auf Kosten einer ganzen Generation in Südeuropa dazu beitrug, die Briten aus der Europäischen Union zu treiben; in Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland und schließlich auch Deutschland hat diese Politik Populisten auf der Linken und Rechten stark gemacht, so wie der Bau des Petersdoms, der die Macht des Papstes demonstrieren sollte, zur Revolution des Protestantismus führte.

Geduld also ist vonnöten. Keine Geschichte geht immer in eine Richtung. Manchmal macht sie Umwege, geht sie rückwärts. Es gibt kein „Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten“, weil es kein Ziel gibt, auf das sich alle – ob schnell oder langsam – zubewegen. Eher ein Europa der konzentrischen Kreise. Draußen die privilegierten Partner wie Großbritannien und die Türkei, Georgien und Israel. Dann die Mitglieder mit Vorbehalten in dieser oder jener Form. Und weitere Abstufungen hin zu jener Mitte, die ein föderales Europa anstrebt. Wenn es denn diese Mitte gibt. Das mag alles, wie Franziskus klagt, wenig nach Idealen, wenig – nun ja – inspirierend klingen. Aber das ist das Geheimnis europäischer wie jeder Politik: den Gegensatz von Traum und Wirklichkeit aushalten, statt daran irre zu werden. Denn die Renationalisierung der Politik wäre genau das: irre.

(In einer früheren Version dieses Artikels wurde der Baubeginn irrtümlich mit 1164 angegeben. Ich bitte, den Fehler zu entschuldigen. Große Medien lassen in der Regel nicht nur die Rechtschreibung, sondern auch Namen und Jahreszahlen überprüfen, da es hier leicht zu Versehen kommt – ein Grund, weshalb die viel gescholtenen „Mainstreammedien“ unerlässlich sind. Wir bei „SM“ müssen uns auf die Rechtschreibkorrektur des Schreibprogramms und unsere eigene Faktensicherheit verlassen. In diesem Fall zu Unrecht.)

17 thoughts on “Vom Dombau lernen

  1. avatar

    Es gibt zwei Dinge, die die EU in ihrer heutigen Form beenden werden:
    -Die erzwungene Aufnahme von Flüchtlingen/Migranten unter Sanktionsandrohung
    -Weidmann als EZB-Präsident und der wirtschaftspolitische Mord an der Peripherie
    Dann wird sich die Frage stellen, wem der Binnenmarkt nützt und es werden sich Alternativen verdichten.
    Die gute Nachricht wäre, dass die Sparbücher wieder Zinsen abwerfen, die schlechte, dass es nichts zum Sparen gibt.

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    Dear Alan.
    I was at school with Stephen Green and remember that he was extremely clever. He then went on to become chairman of HSBC prior to the financial crisis. However, I find his analogy between medieval cathedrals and the Europe ( as represented by the EU? ) somewhat flattering ( of the EU ). The architects of both may have been great men but the craftsmen of what Enzensberger refers to as the Brussels monster are, I am afraid, pigmies compared to those who actually built the wonderful cathedrals. I think Rees Mogg’s description of Juncker as a poundshop Bismarck sums this up perfectly ( whilst admitting that the description of Rees Mogg as a pantomime toff is probably also correct).

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    Bekannte meinten, dass es in UK tatsächlich einen unglaublichen Anpassungsdruck auf die Bevölkerung durch Migration gab, d.h. UK hatte es geschafft, die Besten zu bekommen und hat seine Schlechtesten (im wirtschaftlichem Sinne) einfach sitzen lassen. Das klingt wie unsere Umvolkung, ist es aber nicht, die sehen das ganz nüchtern. Die einzige Möglichkeit, die Nachfrage zu erhöhen, ist das Angebot zu verknappen. Nach 30Jahren Liberalisierung glauben viele nicht mehr, sich als Produkt auf dem Arbeitsmarkt verbessern zu können und die Investition in die Kinder liegt über den zu erwartenden Erträgen. Also haben sie gegen weitere Migration gestimmt.
    Die Dom wurde von Zünften gebaut, nicht vom günstigstem Anbieter.

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    … Historie ist ganz einfach – mit dem Wahl-O-Mat meines Hamsters:

    Wer nicht wählt – wählt Merkel.
    Wer CDU/CSU wählt – wählt Merkel.
    Wer SPD wählt – wählt Merkel.
    Wer Linke/SED wählt – wählt Merkel.
    Wer FDP wählt – wählt Merkel.
    Wer Grün wählt – wählt Merkel.
    Wer Merkel wählt – wählt Deutschland ab.

    Wer Merkel wählt – wählt das ‚Imperium‘.

    Wer AfD wählt – wählt Merkel nicht.

    Wer AfD wählt – wählt Familie.
    Wer AfD wählt – wählt Heimat.
    Wer AfD wählt – wählt Vaterland.

    Wer AfD wählt – wählt EINIGKEIT und RECHT und FREIHEIT. Wer bietet mehr?

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      Familie, blonderhans, kann man nicht wählen, man muss sie gründen und leben, was ich weder bei Weidel noch bei Petri sehe. Heimat kann man nicht wählen, die muss man sich erarbeiten. Vaterland lasse ich so stehen. Deutschland ist mittlerweile zum Glück auch ein Mütterland. Nicht dank der AfD.

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      Amen. – Eine Frage, hans, haben Sie sich versehentlich in der Tür geirrt und sind in einem Gottesdienst der Evangelikalen statt bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD gewesen, oder woher stammt der Duktus Ihres Beitrags?

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        @Opa

        Vaterlandsliebe ist gleich Elternliebe ein natürliches Gefühl. Papst Leo XIII spricht von der „natürlichen Liebe zum Vaterland.“ (Sapientiae christianae vom 10.1.1890). Der Christ erhebt sie zum Rang einer religiösen Tugend. Thomas von Aquin verknüpft die Vaterlandsliebe mit dem vierten Gottesgebot: „Gott nimmt die erste Stelle ein. An zweiter Stelle sind Grundlage unseres Seins und Geführtwerdens die Eltern und das Vaterland. Darum ist der Mensch nach Gott am meisten der Eltern und des Vaterlandes Schuldner. Wie es daher zur Religion gehört, Gott zu verehren, so gehört es zur Pietät, Eltern und Vaterland zu verehren“ (S.Th II/II qu. 101, art. 1). Diese Pietät beschreibt Thomas als „protestatio caritatis“ (ebd. art 3 ad 1), das heißt als in Wort und Tat sich offenbarende Liebe.

        Vaterlandsliebe zählt zu den wertvollsten Gütern des irdischen Daseins. Vaterlandsliebe ist ein Edelwert, der von der Kirche geschätzt und geschützt wird. Wie einen ungesunden Nationalismus, der die Lebensrechte anderer Völker mißachtet, lehnt sie sowohl den falschen Internationalismus, der das Vaterland verleugnet, wie den unrichtigen Pazifismus, der es wehrlos macht, entschieden ab. Aber Vaterlandsliebe ist ein Wert der im Gesamtreich der Werte und Willen Gottes begründet ist, eingeordnet bleiben muß und eben darin seine wahre Bedeutung erlebt.

        Im Original.

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    Der Kölner Dom wird, trotz der Stahlträger, eines Tages zu Staub zerfallen sein. Der letzte Takt der letzten Aufführung einer Beethoven-Sinfonie wird irgendwann verklingen und der letzte Leser einer Höldering Elegie wird das Buch zum letzten Mal zuklappen.

    DIe Geschichte verschlingt alles was sie hervorbringt. Der Gott Kronos frisst seine Kinder.

    Links nenne ich jede Vorstellung dem Rad der Geschichte in die Speichen greifen zu können. Sei es um es aufzuhalten, um es zu beschleunigen oder um ihm eine Richtung zu geben.

    Rechts ist es, jede dieser Ideen abzulehnen. Der Mensch kann sich nicht wie einst Münchhausen am eigenen Schopf aus dem blutigen Sumpf der Geschichte ziehen.
    Im Gegenteil diese Versuche enden in einem Meer von Blut und Tränen.

    Dies klingt fatalistisch und pessimistisch – „völkische Nachtgedanken“ nannte ein Rezensent das Buch Sieferles „Finis Germania“.
    Für den ungläubigen Teil der Rechten mag dies auch zutreffen. Wobei ein Teil dieser Rechten meint, wenigstens für die eigene Lebenszeit und die der eigenen Kinder den Lauf der Geschichte aufhalten zu können, aber diese stehen dann schon mit einem Bein im Lager der Linken – Querfrontstrategie nennen sie es.

    Der gläubige Teil der Rechten sieht dagegen eine höhere Macht am Werk, die das Rad dreht. Vertraut man darauf, dass diese höhere Macht es gut mit der Menschheit meint, folgt daraus eine Gelassenheit, die es als wesentliche Aufgabe der politischen Arbeit ansieht, linke Ideen im obigen Sinn, von der Macht fern zu halten.

    Die beiden Päpste, die sie oben zitieren, beschreiben einen Zustand, fordern aber, wenigstens in der Person Benedikts, keine konkreten politischen Massnahmen. Zu ändern ist er nur durch das Gebet und die Verkündigung des Glaubens.

    Zu ihrem Bild vom Verlauf der Geschichte als Dombau habe ich nun die Frage:
    Wer hat den Plan gemacht? Wer hat die Bauaufsicht?
    Gott?
    Welcome in the club.

    Oder verbirgt sich hinter dem Bild vom Dombau wieder der alte Wahn, dass die Geschichte ein Endziel hat, und der Mensch nur die Logik der Geschichte verstehen müsse, um das Rad dorthin zu lenken?
    Untrennbar zu diesem Gedanken gehört die Vorstellung Andersdenkende entweder umerziehen oder eliminieren zu müssen. Wenn es um die Menschheit geht, zählt das Schicksal des Einzelnen nicht.

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      Gute Frage, Waldgänger. Wir machen unsere Geschichte selbst, also hat sie die Ziele, die wir ihr diktieren. Die Vorstellung der Geschichte als unpersönlicher Macht ist Bolschewiken und Nazis gemein, und sie ist auch gemein. Natürlich können wir uns nur Aufgaben stellen, die wir lösen können. Also zum Beispiel nicht: einen neuen Menschen schaffen. Ich halte das Ziel der EU, den Nationalismus zu überwinden, ohne den Nationalstaat zu überwinden, die europäischen Ideale zu retten durch gemeinsames Handeln in einer multipolaren Welt, für erreichbar und edel. Sie nicht?

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        APo: ‚Ich halte das Ziel der EU, den Nationalismus zu überwinden, ohne den Nationalstaat zu überwinden, die europäischen Ideale zu retten durch gemeinsames Handeln in einer multipolaren Welt, für erreichbar und edel. Sie nicht?‘

        … das ist das Programm der AfD. Das ist Ratzinger. Ein Europa der Vaterländer. Die EU hat Europa verraten.

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        Nein, blonderhans, die AfD will den Nationalismus nicht überwinden, sondern ihn wiederbeleben. Ratzinger wiederum sah die EU auf Abwegen, sofern sie nicht ein katholischer Verbund wäre. Der Satz, „Die EU hat Europa verraten“ ist sinnfrei, weil die EU kein selbstständig handelndes Gebilde ist. Es gibt buchstäblich keine einzige europäische Maßnahme von Belang, die nicht im Rat der gewählten Staats- bzw. Regierungschefs beschlossen worden wäre, mithin von den Nationen, die Sie „Vaterländer“ zu nennen belieben, obwohl die Franzosen „la patrie“ und die Engländer „the motherland“ sagen. Wenn Sie der Katholik wären, der zu sein Sie vorgeben, müssten Sie mit Erasmus, Novalis, Zweig und Benedikt sagen, dass die Reformation Luthers der ursprüngliche Verrat an Europa war. Eine Feststellung, mit der ich durchaus sympathisieren würde. Jedenfalls hätte die Forderung eines „Europas der Vaterländer“ vor Luther zu verwundertem Kopfschütteln geführt, da Europa über die Grenzen der Sprachen, Völker, Dynastien usw. hinweg weitgehend identisch war mit der römischen Christenheit. Wenn nun die EU daran geht, das unselige Erbe Luthers abzuwickeln, müsste darüber jeder Katholik jubeln, und wenn Sie sich anschauen, wer die Väter der EU waren, so finden Sie – nicht zufällig – lauter Katholiken.

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        Werter Alan,
        1) „Die Vorstellung der Geschichte als unpersönlicher Macht ist Bolschewiken und Nazis gemein,“

        Karl R. Popper nennt den Irrglauben Historizismus, der auf der Vorstellung einer geschichtlichen Notwendigkeit von Gesetzen des geschichtlichen Ablaufs beruht und daher geschichtliche Voraussagen zum Ziel wissenschaftlicher Erkenntnis macht.
        Damit zielt er auf Bolschewiken, Nazis und andere Sozialisten.
        In seinem Buch „Das Elend des Historizismus“ unternimmt er eine Widerlegung. Diese beruht im Wesentlich darauf, dass der Zuwachs an Wissen als treibende Kraft des geschichtlichen Ablaufs nicht vorhersehbar ist.
        siehe hier:
        https://de.wikipedia.org/wiki/Historizismus

        2) „den Nationalismus zu überwinden, ohne den Nationalstaat zu überwinden“
        Ja zum Europa der Vaterländer!
        Nationalismus ist m.E. die Überzeugung, dass es höherwertigere und minderwertigere Nationen oder Völker gibt. Solange jemand das nicht explizit so ausspricht, bin ich zurückhaltend jemanden als Nationalist zu bezeichnen. Da kaum jemand sich zum Nationalismus bekennt, halte ich ihn für weitgehend überwunden.

        3) „die europäischen Ideale“
        Darunter versteht man gemeinhin Überzeugungen, die im deutschen, französischen und englischen Kulturraum entstanden sind. Sieht man die Wurzeln dieser Ideale in der Antike kann man noch Italien und Griechenland hinzu nehmen.
        Dass andere Völker Europas mit der historischen Erfahrung jahrhunderterlanger Fremdherrschaft sehr sensibel reagieren, wenn sie womöglich noch per Gerichtsbeschluss zu „europäischen Idealen“ verpflichtet werden sollen, verstehe ich voll und ganz.

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        APo: „Die EU hat Europa verraten“ ist sinnfrei, weil die EU kein selbstständig handelndes Gebilde ist.

        … die EU hat Europa verraten – ist eben nicht ’sinnfrei‘. Dass die EU kein selbstständig handelndes Gebilde ist, im Auftrag handelt, ist mir klar. Ich erinnere an diverse Vertragsbrüche, an die Aufnahme Griechenlands mit ‚getürkten‘ Zahlen, an die sogenannte Rettung des Euro, usw.. Von ‚Dublin II‘ ganz zu schweigen.

        Die Angst, Opfer dieser ‚EU-Politik‘ durch eine Straftat durch Ausländer zu werden, ist groß und berechtigt. Das muss nun sogar die Staatspropaganda zugeben.

        Was den Nationalismus betrifft, ist die sogenannte Reformation, Luther, Heinrich VIII und andere, ursächlich. Da stimme ich zu. Ich kann aber nicht erkennen, dass die AfD nationalistische Positionen vertritt. Das Programm der AfD könnte das Programm von Adenauer und Strauß sein.

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    Ein schönes Stück – man könnte es in Teilen fast romantisch nennen. Eins ist sicher: Sie lieben Europa.

    Das mit dem Altwerden ist Bullshit. Diese Leute gucken nur auf Zahlen, vor allem isoliert lebende Päpste. Die Älteren, die ich so sehe, wirken heute viel jünger und gesünder auf mich als beispielsweise die Generation meiner Eltern oder gar Großeltern. Viele machen Sport oder groß angelegte Fernreisen. Daher wäre der Ansatz, Gesündere länger arbeiten zu lassen, der richtige (gewesen?).

    Was unübersehbar ist, ist die Tatsache, dass einzelne Kleinstädte oder Flecken etwas veröden. Dem könnte man abhelfen, indem man entweder Industrie hinlockt oder sie sterben lässt wie amerikanische Geisterstädte. Mit der Zeit übernähme die Natur. Letztlich will man alles erhalten, aber Zeiten ändern Menschen, Geschmäcker, Industrien (siehe Kohle) und Wohnorte. Man greift zu sehr ein, versucht Arbeitskräfte ums Verrecken anzusiedeln, was nur partiell gelingt, weil nur bei gut Auszubildenden Sinn darin zu sehen ist. Und man ist zu wenig bereit, nicht gefragte Gebäude aus den Sechzigern abzureißen.

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